Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Dienstag, 12. Dezember 2006, 09:35

Der Brief eines Schulattentäters: Gedanken und Fragen eines Jugendpsychiaters - Teil 1

Warum diese Dokumentation und Erörterung des im Internet veröffentlichen Abschiedsbriefes des Schulattentäters von Emsdetten?

Die seit der letzten Kommunalwahl im Rathaus vertretene Gruppierung "Linke Alternative Wilhelmshaven" (LAW), fragte mich, ob ich bei einem ihrer Treffen am 13.12.06 um 20.00 h den im Internet veröffentlichten Brief des 18-jährigen Schulattentäters von Emsdetten, Sebastian B., aus jugendpsychiatrischer Sicht kommentieren wollte. Dieser Brief sei auf einem vorherigen Mitgliedertreffen gelesen und mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen worden. Es wurden Fragen nach der gesellschaftspolitischen Dimension gestellt, aber auch danach, ob sich hier Hinweise für eine geistige oder psychische Krankheit zeigen. Nachdem der als Abschiedsbrief formulierte Text offenbar recht rasch aus dem Internet entfernt wurde, stellte ihn Florian Rötzer mit einem Kommentar auf drei Seiten der Internetpräsentation des Heise Zeitschriften Verlags laut eigenen Angaben vollständig ins Netz unter dem Link: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24032/1.html Ich werde im Folgenden daraus zitieren und einige Gedanken hinzufügen, die ich mir für die Diskussionsveranstaltung gemacht habe. Aufgrund des langen Textes unterteile ich in drei Abschnitte.

Was kann man aus psychologischer und jugendpsychiatrischer Sicht dazu sagen? Fragen über Fragen!

Sicherlich werde ich mich bemühen, psychologische bzw. jugendpsychiatrische Betrachtungen mit einfließen zu lassen sowie natürlich Gesellschaftskritische. Es wäre allerdings völlig unseriös, aus dem veröffentlichten Material ein "Psychogramm" des Schreibers zu verfassen. Sehr vieles wissen wir nicht, bleibt unerwähnt und wäre Anlass für Fragen über Fragen. Außerdem werden die Kategorien wie etwa "krank" und "gesund", "normal" und "verrückt" der Problematik nicht gerecht. Auch kann man das Geschehen nicht auf eine Art "individuelles Problem" eines "fehlgeleiteten Menschen" reduzieren oder es als eine Art "tragisches Mißverständnis" werten. Wir müssen vermutlich sehr vorsichtig mit "Bewertungen" sein, wenn damit Schuldzuweisungen verbunden sind. Einfache Schuldzuweisungen helfen Niemandem. Ich habe mir in meinem Arbeitsgebiet angewöhnt, statt von Schuld lieber von möglichen Ursachen und Wirkungen zu sprechen und habe dabei festgestellt, dass meist ein ganzes Bündel von Ursachen wiederum viele Wirkungen erzeugt.

Die Dokumentation mit den Kommentaren und Fragen

S. B.: "Wenn man weiss, dass man in seinem Leben nicht mehr glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem nichts anderes übrig als aus diesem Leben zu verschwinden. Und dafür habe ich mich entschieden. Es gibt vielleicht Leute die hätten weiter gemacht, hätten sich gedacht "das wird schon", aber das wird es nicht."

Was ist Glück? Wenn es das Ziel des Lebens sein soll und ein junger Mensch für sich ausschließt, es jemals zu erreichen, befindet er sich in einer aussichtslosen Lage. Er zieht Bilanz und sieht nur einen Ausweg: "...aus diesem Leben zu verschwinden." Suizid ist keine Krankheit. Aber eine völlig eingeengte Lebenssicht, ob man sie als "krankhaft" oder nicht charakterisiert, legt eine solche "Lösung" nahe. Dieser Beginn des Abschiedsbriefes ist beinahe eine klassische Darstellung. Der Betreffende hat entschieden, dass er nicht weiter machen will. Wird man mit einem solchen Vorsatz als Therapeut konfrontiert, mag es möglich sein, dass einfühlsame Gespräche neue Perspektiven eröffnen können. Hat sich die negative Bilanz und der Selbstmordentschluss aber erst so verfestigt, wird es schwer sein, den in seiner persönlichen Lebenssicht Eingeschlossenen noch zu erreichen. Ob und wann es eine solche Möglichkeit gegeben hätte, wer weiß es? Der Brief mag schon dadurch auf die Isoliertheit von S. hinweisen, dass er keine Freunde namentlich erwähnt, nichtmals Menschen aus seiner Familie. Wir wissen aus dem Brief nichts über seine persönlichen Beziehungen und können nur vermuten, dass sie nach und nach immer spärlicher geworden sein könnten.

S. B.: "Man hat mir gesagt ich muss zu Schule gehen, um für mein Leben zu lernen, um später ein schönes Leben führen zu können. Aber was bringt einem das dickste Auto, das grösste Haus, die schönste Frau, wenn es letztendlich sowieso für'n Arsch ist. Wenn deine Frau beginnt dich zu hassen, wenn dein Auto Benzin verbraucht das du nicht zahlen kannst, und wenn du niemanden hast der dich in deinem scheiss Haus besuchen kommt!"

Die Glaubenssätze und wagen Versprechungen der Erwachsenenwelt treffen auf einen durch und durch desillusionierten Jugendlichen, der die gesellschaftlich ersehnten Statussymbole zwar sicher noch nicht genossen hat, ihren Wert aber anzweifelt, selbst wenn er sie jemals erreichen könnte: Alle Statussymbole dieser Welt werden das Gefühl der Einsamkeit nicht vertreiben und auch nicht Hass und Selbsthass. Doch was erwarten wir eigentlich von der Welt und was gaukeln wir unseren Kindern vor? Weiß irgendjemand von uns genau, wie das Leben in unserer Gesellschaft in auch nur zehn Jahren aussieht? Wissen wir, wo wir dann stehen oder unsere Kinder, ob mit oder ohne guten Schulnoten? Wir geben nicht nur unsere Hoffnungen und Erwartungen an die nachfolgende Generation weiter, sondern auch unsere Ängste und unseren Pessimismus. Wir verbreiten unsere Glaubenssätze wie diese: Wer nichts tut, hat nichts verdient. Hast du was, bist du was. Ohne Fleiß keinen Preis. Wer arbeitet, soll auch essen. Man muß sich seine Stellung in der Gesellschaft verdienen. Die Jugendlichen sind heute oft fasziniert von und überidentifiziert mit der Leistungsgesellschaft oder völlig angewidert. Von den Letzteren träumen manche noch den Traum des Megastars und reichen Emporkömmlings nach den multimedialen Showikonen unserer Zeit: reiche Erbinnen, Popsternchen, Kino-Promis, Politik-Schickeria... Manche sind bereits desillusioniert und stürzen ins Bodenlose, erkennen den Trug und die eigene Chancenlosigkeit, gemessen an ihren Sehnsüchten so bald zu den Glücklichen auf der absoluten Habenseite des Lebens zu gehören. Solche Gedanken sprechen auch aus den folgenden beiden Absätzen:

S. B.: "Das einzigste was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe war, das ich ein Verlierer bin. Für die ersten Jahre an der GSS stimmt das sogar, ich war der Konsumgeilheit verfallen, habe anach gestrebt Freunde zu bekommen, Menschen die dich nicht als Person, sondern als Statussymbol sehen.

Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkannte das die Welt wie sie mir erschien nicht existiert, das ie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum. Man musste das neuste Handy haben, die neusten Klamotten, und die richtigen "Freunde". hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden. Und diese Menschen nennt man Jocks. Jocks sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen an der Seite über anderen zu stehen. Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen"


Hier führte S. aus, wie sich seine Faszination ("Konsumgeilheit") am schönen Schein ("Statussymbol") in Abscheu verwandelte und wie sich in dem damit verbundenen Desillusionierungsprozeß die Verachtung für diejenigen, die weiter dem schönen Schein huldigen, in Menschenhaß verwandelte. Er verbindet das damit, dass die Schule ihm einzig und allein beigebracht habe "ein Verlierer" zu sein. Er kritisiert dabei auch den illusionsfördernden Charakter der Medien. Und er hat in seiner Analyse nicht ganz Unrecht! In der Art, wie wir uns auch mit Hilfe der Medien und der Schulen unsere Welt dual konstruieren, muß es bei Gewinnern auch immer Verlierer geben und bei Glücklichen immer auch Unglückliche. Wir stellen zu allem und jedem Vergleiche an und urteilen. Die Einzigartigkeit eines jeden Phänomens bleibt bei unserer Sucht, zu messen und zu kategorisieren auf der Strecke. In diesem Sinne vernichtet, ja tötet der Vergleich.

Auch wenn S. seinen Teil dazu beigetragen hat, sich als Verlierer zu empfinden: in dem Denksystem, in dem wir uns bewegen und das uns von Kindesbeinen an beigebracht wird, gibt es "Verlierer", "Versager" und "Ungeliebte" auf der einen und scheinbar "Glückliche" auf der anderen Seite. Zwar hat S. den illusionären Charakter dieser dualen Weltkonstruktion erkannt, nur verwirft er in seiner Analyse gleich alles, das ganze menschliche Leben, die Menschen an sich, die er zu verabscheuen begonnen hat. Falls S. jemals von anderen Möglichkeiten gehört haben sollte, die Welt zu interpretieren und sich trotz der Entlarvung der Illusionen einen Lebenssinn herauszulesen, ob sie politischer oder religiöser Natur seien, so haben sie für S. jedenfalls keine Bedeutung.

Wir müssen uns tatsächlich fragen, welche Ideen und Überzeugungen wir unseren Kindern zuhause und in den Schulen durch unser Denken, Reden und Handeln nahe bringen und welche Fragen wir zulassen. Können wir so ganz verwundert sein, wenn wir uns die Gesellschaft anschauen, die wir mitgebaut haben und für die unsere Schulen die Kinder vorbereiten? Ist da nicht ein bestimmter "Ausschuß" von "Verlierern" im "System" vorprogrammiert?

S. B.: "Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand darf in mein Leben eingreifen, und tut er es doch hat er die Konsequenzen zu tragen! Kein Politiker hat das Recht Gesetze zu erlassen, die mir Dinge verbieten, Kein Bulle hat das Recht mir meine Waffe wegzunehmen, schon gar nicht während er seine am Gürtel trägt."

S. unterliegt hier der gleichen Fehleinschätzung, wie die meisten und woher hätte er es anders lernen können? Ist er tatsächlich frei, wie könnte er dann etwas erfahren "müssen"? Allerdings ist seine Einschätzung sicher richtig: Auch unsere so freie Gesellschaft übt auf den Einzelnen einen mitunter enormen Anpassungsdruck aus und nicht jeder widersteht ihm und nicht jeder, der sich ihm beugt, wird damit glücklich. In der griffigen Sprache der Transaktionsanalyse heißt es ab der frühesten Kindheit von Seiten der Erwachsenen gegenüber den Kindern oder von Seiten der gesellschaftlichen Normen gegenüber dem Einzelnen oft: "Wir sind okay, doch Du bist nicht okay." S. ist bereits mindestens einen Schritt weiter. Er hat für sich erkannt, dass er nicht okay ist, aber die anderen und deren Normen sind es auch nicht. Jetzt will er einen Schritt weiter gehen und statt den Gesetzen der Gemeinschaft die eigenen zur Anwendung bringen.

Wer sich mit Waffen ausstattet, hat oft ein mehr oder weniger deutlich vermindertes Selbstwertgefühl, das er unter Umständen mit martialischem Gehabe überdeckt. Der Briefschreiber hat seinen Internetauftritt mit der Abbildung von sich versehen, die ihn als bewaffneten Einzelkämpfer mit Tarnanzug und Springerstiefeln zeigt, den Finger am Abzug. Die Auswertungen von Täterprofilen aus in den USA sehr viel häufigeren Schulattentaten ergeben keine einheitliche psychologische Charakteristik. Auch die Verwendung von Gewalt darstellenden Computer- und Internetspielen, inzwischen "Killerspiele" genannt, haben aufgrund ihrer weiten Verbreitung keine prognostische Aussage ermöglicht, ob ihre Benutzer eher zu tatsächlicher Gewaltanwendung neigen würden. Relativ unumstritten scheint zu sein, dass Waffenbesitz, die Handhabung von Waffen und das zur Schau Stellen und Prahlen damit Faktoren sind, die auf sehr viele Attentäter zutrifft. Diese Möglichkeit ist in den USA mit dem weltweit größten privaten Waffenarsenal besonders hoch. Michael Moore hat in seinem Film "Bowling for Colombine" auf diese Problematik eindrücklich hingewiesen. In den USA kommen jährlich ca. 60.000 Menschen durch Schußwaffen ums Leben, die Größenordnung einer kleinen Stadt. Die Angst vor Verbrechen und Gewalt soll in den USA besonders hoch sein. Und hier passieren auch die meisten tödlichen "Amokläufe".

S. B.: "Wozu das alles? Wozu soll ich arbeiten? Damit ich mich kaputtmaloche um mit 65 in den Ruhestand zu gehen und 5 Jahre später abzukratzen? Warum soll ich mich noch anstrengen irgendetwas zu erreichen, wenn es letztendlich sowieso für'n Arsch ist weil ich früher oder später krepiere?

Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles. Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben auch mal. Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen! Also muß man seinem Leben einen Sinn geben, und das mache ich nicht indem ich einem überbezahlten Chef im Arsch rumkrieche oder mich von Faschisten verarschen lasse die mir erzählen wir leben in einer Volksherrschaft."


Wie jeder Jugendliche stellt auch S. selbstverständlich die Sinnfrage. Sind es materielle Güter? Nein, sie sind alle vergänglich und genügen S. nicht als Lebenssinn. Auch ist er sich seiner relativen Ohnmacht als Arbeitnehmer und Bürger bewußt. Was hat ihm also unsere Gesellschaft über die Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit unseres Lebens beigebracht? Welche Fragen stellt sich die Gesellschaft? Wie nimmt sie die Fragen von Jugendlichen wie S. auf? Welche Antworten würden wir unseren Kindern und den Schülern geben? Welche Fragen würden wir stellen?

S. B.: "Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben, und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden! Vielleicht hätte mein Leben komplett anders verlaufen können. Aber die Gesellschaft hat nun mal keinen Platz für Individualisten. Ich meine richtige Individualisten, Leute die selbst denken, und nicht solche "Ich trage ein Nietenarmband und ich bin alternativ" Idioten!"

S. kündigt eine für ihn sinngebende Tat an, eine Art existenzialistisches Fanal seiner gesellschaftlich nicht gewollten Individualität. Die sich selbst einschränkende Sicht von S. verkennt die großen Möglichkeiten gerade in einer "Massengesellschaft" trotz eines gewissen, insbesondere kommerziellen Konformitätsdrucks Individualität zu entwickeln und seine Nischen zu finden. S. mißtraut aber allen, die sich irgendwie zuordnen, z.B. zu den "Alternativen". Er hat sich vom Einsamen, Unglücklichen zum Abgelehnten, Verfehmten und schließlich zum Einzigartigen, am Ende (das noch folgt) zum "Rächer" zu entwickeln begonnen. An welcher Stelle hätte man hier noch eine Zugangsmöglichkeit zu S. um sich selbst und die ausschließende Gesellschaft kreisenden Gedanken finden können? Sind wir denn genug bereit, auch auf solche Menschen zu zu gehen, die ihr Mißbehagen mit uns und unseren gesellschaftlichen Bedingungen kund tun? Sind wir freundlich? Stellen wir Fragen? Wollen wir zuhören? Sind wir tolerant? Schätzen wir das Andere, Fremde oder sind wir ängstlich, schließen aus, wollen damit nichts zu tun haben?
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

2

Dienstag, 12. Dezember 2006, 23:03

Der Brief eines Schulattentäters: Gedanken und Fragen eines Jugendpsychiaters - Teil 2

Fortsetzung.

S. B.: "Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin. Ihr habt euch über mich lustig gemacht, dasselbe habe ich nun mit euch getan, ich hatte nur einen ganz anderen Humor!"

S. hat recht: Die Welt, von der er sich bedroht fühlt und gegen die er sich auflehnt, ist an diesem "Kampf" beteiligt. Aber die Verantwortung liegt auch auf seiner Seite. S. hat gut gelernt, wie man in unserer Welt mit Verantwortung umgeht: für die negativen Resultate schiebt man sie nach außen ab, auf die Anderen. Man definiert sich als das Opfer von Verhältnissen, man "wehrt" sich bloß. Wo sehen wir in unserer Gesellschaft unsere Verantwortung nicht?

S. B.: "Von 1994 bis 2003/2004 war es auch mein Bestreben, Freunde zu haben, Spass zu haben. Als ich dann 1998 auf die GSS kam, fing es an mit den Statussymbolen, Kleidung, Freunde, Handy usw.. Dann bin ich wach geworden. Mir wurde bewußt, dass ich mein Leben lang der Dumme für andere war, und man sich über mich lustig machte. Und ich habe mir Rache geschworen!

Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!

Ich will dass ihr erkennt, das niemand das Recht hat unter einem faschistischen Deckmantel aus Gesetz und Religion in fremdes Leben einzugreifen!

Ich will das sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt!

Ich will nicht länger davon laufen!

Ich will meinen Teil zur Revolution der Ausgestossenen beitragen!

Ich will R A C H E !"


S. begründet seine Rachegedanken mit der Schuld der anderen, ihn gedemütigt und in sein Leben eingegriffen zu haben. Er fühlt sich als Ausgestossener, wähnt sich aber dabei in einer unverbundenen Gemeinschaft mit vielen anderen imaginären Ausgestossenen, die er nicht kennt, aber zu deren "Revolution" er beitragen will. Obwohl er ausdrücklich "faschistische" Tendenzen, einen "faschistischen Deckmantel aus Gesetz und Religion" anklagt, wirkt seine Rechtfertigung einer alles übersteigenden, sich und andere vernichtenden Rache selbst faschistoid, denn er nimmt sich für seinen Rachefeldzug sehr wohl das Recht heraus, andere zu richten und in ihr Leben einzugreifen, in dem er es bedroht. Dabei hat er offenbar doch die Sehnsucht, in und durch diesen Racheakt ein Gesicht zu bekommen, das man nicht vergißt, ein Fürchterliches. Nach diesem Crescendo der Ankündigungen, wird er sein Vorhaben genauer erläutern:

S. B.: "Ich habe darüber nachgedacht, dass die meisten Schüler die mich gedemütigt haben schon von der GSS abgegangen sind. Dazu habe ich zwei Dinge zu sagen:

1. Ich ging nicht nur in eine klasse, nein, ich ging auf die ganze Schule. Die Menschen die sich auf der Schule befinden, sind in keinem Falle unschuldig! Niemand ist das! In deren Köpfen läuft dasselbe Programm welches auch bei den früheren Jahrgängen lief! Ich bin der Virus der diese Programme zerstören will, es ist völlig irrelevant wo ich da anfange.

2. Ein Grossteil meiner Rache wird sich auf das Lehrpersonal richten, denn das sind Menschen die gegen meinen Willen in mein Leben eingegriffen haben, und geholfen haben mich dahin zu stellen, wo ich jetzt stehe: Auf dem Schlachtfeld! Diese Lehrer befinden sich so gut wie alle noch auf dieser verdammten schule!"


S. erhebt konkrete Schuldvorwürfe gegen die Masse der früheren Mitschüler, das Lehrerkollegium, aber auch die Schule allgemein und den Geist an dieser Schule. Neben einer Rechtfertigung für seine Rache beinhaltet dieser Teil einen beunruhigenden Gedanken, der gar nicht so völlig abwegig ist: Unser zwischenmenschliches System in Institutionen wie Schule trägt dazu bei, dass Lieblosigkeit, Mangel an Mitgefühl und Solidarität, dass Ausgrenzung und Vereinsamung Fuß fassen kann - nicht muß. S. möchte der Virus sein, der dieses Programm zerstört. Hat er die Hoffnung, dass seine Tat uns zum Aufwachen bringt und dazu, uns nach unseren eigenen Verantwortlichkeiten zu fragen? Dabei sollten wir uns wohl davor hüten, anderen Schuld zuzuschieben, den Lehrern als Ganzes etwa oder allen Schülern oder Schule an sich, so wie es S. tut. Damit würden wir es uns zu leicht machen.

S. B.: "Das Leben wie es heute täglich stattfindet ist wohl das armseeligste was die Welt zu bieten hat! S.A.A.R.T.-Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod Das ist der Lebenslauf eines "normalen" Menschen heutzutage. Aber was ist eigentlich normal?"

Mit dieser Frage müssen wir uns tatsächlich beschäftigen. Was wollen wir vom Leben? Einerseits haben wir mehr, als noch im Mittelalter. Wer konnte damals in eine Schule? Wer bekam etwa eine Rente? Man arbeitete und starb oder man arbeitete nicht und starb. S. hat seine eigenen Antworten:

S.B.: "Als normal wird das bezeichnet, was von der Gesellschaft erwartet wird. Somit werden heutzutage Punks, Penner, Mörder, Gothics, Schwule usw. als unnormal bezeichnet, weil sie den allgemeinen Vorstellungen der Gesellschaft nicht gerecht werden, können oder wollen. Ich scheiss auf euch! Jeder hat frei zu sein! Gebt jedem eine Waffe und die Probleme unter den Menschen lösen sich ohne jedliche Einmischung Dritter. Wenn jemand stirbt, dann ist er halt tot. Und? Der Tod gehört zum Leben! Kommen die Angehörigen mit dem Verlust nicht klar, können sie Selbstmord begehen, niemand hindert sie daran!"

Sie könnten natürlich auch "Blutrache" begehen, die Angehörigen der Ermordeten. Die wirr und martialisch anmutenden Vorstellungen S.' lehnen neben der heutigen Gesellschaftsordnung an sich auch die Idee eines Gewaltmonopols gesellschaftlicher Organe ab, das verhindern soll, dass Einzelne sich nach Gutdünken massakrieren, was ja in der Regel zum "Recht des Stärkeren" führt. Da S. sich aber in dieser Gesellschaft entrechtet und ausgestoßen, also geschwächt und wehrlos vorkommt, hätte er gerne mit der Waffe in der Hand an den seiner Meinung nach Schuldigen, jedoch unbewaffnet Unterlegenen ein Exempel statuiert. Ob er glaubt, in einem Kampf unter Bewaffneten überlegen zu sein? Vielleicht dachte er, dann zumindest eine bessere Chance zu haben, als er sie gehabt zu haben glaubte? Eine solche Idee zumindest könnte er aus seiner Ballerspielerfahrung gewonnen haben, wenn er sich von Level zu Level gegen seine imaginären Gegner hochkämpfte. Jedenfalls vertraute er nicht mehr darauf, dass eine solidarische Gesellschaft auch ihn schützte und förderte, wenn er anders als die anderen, die "Normalen" sein wollte. Wenn man wieder einmal das transaktionsanalytische Vokabular anführt, vollzog er nun einen weiteren Schritt. Von der Einschätzung, dass er nicht okay sei, alle anderen aber auch nicht, entwickelt er sich nun weiter zu der Vorstellung, dass nur er okay ist, alle anderen aber nicht. ER möchte sich zum Herrn des Gesetzes aufschwingen und beansprucht als Außergesetzlicher das Recht des Handelns gegen jedermann, von dem er sich beeinträchtigt fühlen könnte, für sich.

S. B.: "S.A.A.R.T. beginnt mit dem 6. Lebensjahr hier in Deutschland, mit der Einschulung. Das Kind begibt sich auf seine persönliche Sozialisationsstrecke, und wird in den darauffolgenden Jahren gezwungen sich der Allgemeinheit, der Mehrheit anzupassen. Lehnt es dies ab, schalten sich Lehrer, Eltern, und nicht zuletzt die Polizei ein. Schulpflicht ist die Schönrede von Schulzwang, denn man wird ja gezwungen zur Schule zu gehen."

S. hat recht: mit der Einschulung findet für jedes Kind ein neuer Lebensabschnitt statt und der kann auch Einordnung, Normierung, Druck bedeuten. Offenbar hat S. diese Erfahrung gemacht, auch wenn er sie nicht explizit schildert. Die von den Erwachsenen erdachten Schulen mit ihren Lehrplänen und Bewertungssystemen unterwerfen die Schüler ständig Normen. Zum Teil fühlen sich die Schüler der Willkür ihrer Lehrer ausgesetzt. Bei Vergehen gegen die Schulordnung betrachtet sich die Institution Schule mit ihrer Leitung dem einzelnen Schüler gegenüber als gesetzgebende, richtende und vollziehende Gewalt: sie macht die Regeln, hütet sie, richtet über Verfehlungen, spricht die Strafen aus und vollzieht sie. Insofern könnte man die Schule als einen Ort betrachten, an dem wie in einem Großunternehmen die wirkliche Demokratie noch nicht angekommen ist. Eltern und Schüler haben nur ein begrenztes Mitspracherecht.

Es ist nun wiederum nicht sinnvoll, z.B. die Lehrer als Ganzes anzuklagen. Doch sollten wir uns alle fragen: Warum konzipieren wir Schule mit ihrer Schulpflicht und ihren Beamten als eine hoheitsvolle Angelegenheit und nicht als einen freien, freundlichen, die Neugier der Kinder weckenden Lernort? Warum müssen sich zuallererst schon die jüngsten Schüler der Schule anpassen und warum erweist sich die Schule immer noch trotz sinkender Schülerzahlen als vielfach unfähig, auf die Bedürfnisse und Besonderheiten der Schüler einzugehen und sie dort abzuholen, wo sie stehen? Sind es die Kinder nicht wert, in ihrer Besonderheit beachtet zu werden? Gilt nur, was meß- und normierbar ist, was mit Zensuren bewertbar ist?

Immer wieder hört man von überforderten und verärgerten Pädagogen, dass Schule nicht an Eltern statt erziehen könne, sondern allenfalls Wissen vermitteln und überprüfen solle. Ist das nicht blauäugig? Wird durch das "System" nicht eine besondere Art "staatsbürgerlichen Gedankenguts" vermittelt, mit dem Ziel einer reibungslosen Funktion in Arbeitsleben und Gesellschaft? Hat Unzufriedenheit und Protest einen Platz? Haben Spass, Spiel und Lust einen Platz? Soll in der Schule nicht mehr solidarisches gesellschaftliches Miteinander gelernt werden, ist Schule kein gesellschaftliches Experimentierfeld für junge Leute, sondern ein Exerzierfeld für kleine "Soldaten"?

Der "Einzelkämpfer" S., der sich so gerne als Soldat darstellte, hasst offenbar nichts so sehr, wie die Schule, die im Zentrum seiner Anklagen steht und von der er sich traumatisiert fühlt. Und doch erwähnt er in diesem Teil seines Briefes das erste Mal "Eltern", aber nicht in persönlicher Weise. Er argwöhnt und dies wohl zurecht, dass Eltern sehr oft von schulischer Seite beschuldigt werden, Erziehungspflichten versäumt zu haben und dazu herangezogen werden, die Disziplinierungsvorstellungen der Schule mitzutragen und zu unterstützen. Sollten Lehrer und Eltern nicht in gegenseitigem Respekt vor den jeweiligen verschiedenen Fähigkeiten und Aufgabenbereichen zugunsten der Kinder gemeinsam Lernfreiräume schaffen, statt sich gegenseitig zu Kontrolle und Disziplinierung aufzustacheln und sich jeweils die Schuld zu geben, wenn der Nachwuchs rebelliert?

S. B.: "Wer gezwungen wird, verliert ein Stück seiner Freiheit. Man wird gezwungen Steuern zu zahlen, man wird gezwungen Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuhalten, man wird gezwungen dies zu tun, man wird gezwungen das zu tun. Ergo: Keine Freiheit!

Und so was nennt man dann Volksherrschaft. Wenn das Volk hier herrschen würde, hiesse es Anarchie!

WERDET ENDLICH WACH - GEHT AUF DIE STRASSE - DAS HAT IN DEUTSCHLAND SCHON MAL FUNKTIONIERT!"


Der gesellschaftliche "Konsens" ist S. ein Dorn im Auge: Rechte und Pflichten: Diese Vorstellungen engen sein Konzept von Freiheit ein und er zweifelt am Demokratiekonzept "Volksherrschaft". Offensichtlich haben ihn die Bildungseinrichtungen unserer Gesellschaft nicht vermitteln können, dass er Mitwirkungs- und Teilhabemöglichkeiten hat. Da er sich als ein Verlierer dieser Gesellschaft wähnt, ist ihm das zu wenig und er fordert, gegen diese Ohnmacht vorzugehen. Da S' politische Bezüge oft sehr naiv erscheinen, kann nur vermutet werden, was er mit dem historischen Beispiel meint, auch wenn er sich im Folgenden von den so genannten "Nazis" abgrenzt.

S. B.: "Nach meiner Tat werden wieder irgendwelche fetten Politiker dumme Sprüche klopfen wie "Wir halten nun alle zusammen" oder "Wir müssen gemeinsam versuchen dies durchzustehen". Doch das machen sie nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, um sich selbst als die Lösung zu präsentieren. Auf der GSS war es genauso... niemals läßt sich dieses fette Stück Scheisse von Rektorin blicken, aber wenn Theater-aufführungen sind, dann steht sie als erste mit einem breiten Grinsen auf der Bühne und präsentiert sich der Masse!"

Leider ist es tatsächlich oft so, dass viele Politiker mit populistischen "Schnellschüssen" in Form von wohlfeilen Rezepten zu noch mehr Kontrolle, Verbot und Disziplin dem entsetzten Wahlvolk nach Verbrechen, die sich durchaus auf dem Boden einer traurigen sozialen Wirklichkeit entfalten, versuchen, zu beweisen, dass sie das Heft des Handelns noch in der Hand halten. In der Stunde der Not erspart man sich die unangenehmeren Wahrheiten kompletter Hilflosigkeit und Trauer und natürlich die Einsicht in unser aller Versagen. Dabei ist es offensichtlich: Unsere Kinder und Jugendlichen leiden als erstes unter dem Geldmangel eines zusammenbrechenden Sozialstaatsmodels, das zunehmend nach den Wirtschaftserfordernissen globalisierter multinationaler Konzerne und Kapitalgesellschaften liberalisiert und dereguliert wird. Wie in den Kindertagen des Kapitalismus werden die Lasten sozialisiert, die Gewinne erst privatisiert und dann kapitalisiert.

Kinderreichtum bedeutet ein zunehmendes Armutsrisiko in der Bunderepublik. Kinderarmut nimmt zu. Die Armut nimmt in den Familien mit Kindern zu, vorallem in den Einelternfamilien, bei den Alleinerziehenden und dies sind immer noch vorallem alleinerziehende Mütter. Auch Frauenarmut nimmt damit zu. Die sozialen Leistungen zur Unterstützung dieser Kinder, Familien und Frauen nehmen ab. Den Schulen, Kindertagesstätten, Freizeiteinrichtungen fehlen Mittel und Mitarbeiter. Den Jugendämtern fehlen Gelder. Sozialämter und Arbeitsagenturen kontrollieren und trietzen die Menschen mehr, als dass sie ihnen helfen.

Bislang hat keine der großen "Volksparteien" in der "großen Koalition" diese wachsenden Probleme einer entsolidarisierten Gesellschaft wirklich im Blick, in der eine einkömmliche Lohnarbeit immer mehr zu einem seltenen Privileg zu werden droht, während sich unser altes Arbeitsethos, dass nur der etwas gilt, der sich aus eigener Arbeit ernährt, nicht geändert hat. Ein natürlich erscheinendes Ergebnis ist der drastische Geburtenrückgang und die Überalterung der Gesellschaft mit dem drohenden Kollaps der Sozialversicherungen nach dem Generationenvertragsmodell. Gleichzeitig leisten wir uns eine unfreundliche, abweisende Politik gegenüber zuzugswilligen jungen, kinderreichen Familien aus dem Ausland und sogar gegenüber Hilfsbedürftigen und Flüchtlingen! Legt S. nicht ohne es zu wissen seinen Finger tief in unsere gesellschaftlichen Wunden, wenn er uns einer gewissen Heuchelei zeiht?
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

3

Mittwoch, 13. Dezember 2006, 00:42

Der Brief eines Schulattentäters: Gedanken und Fragen eines Jugendpsychiaters - Teil 3

Fortsetzung und Schluß.

S. B.: "Nazis, Hiphoper, Türken, Staat, Staatsdiener, Gläubige...einfach alle sind zum kotzen und müssen vernichtet werden! (Den begriff "Türken" benutze ich für alle HiphopMuchels und Kleingangster; sie kommen nach Deutschland weil die Bedingungen bei ihnen zuhause schlecht sind, weil Krieg ist... und dann kommen sie nach Deutschland, dem Sozialamt der Welt, und lassen hier die Sau raus. Sie sollten alle vergast werden! Keine Juden, keine Neger, keine Holländer, aber Muchels! ICH BIN KEIN SCHEISS NAZI"

Hier hat sich S. seine eigene Weltsicht aus seinem persönlichen Gekränktsein als gesellschaftlicher "Verlierer" in seiner Altersgruppe und auf der Schule sowie aus unausgegorenen Stammtischparolen destiliert. Zwar will er ausdrücklich nicht zu den Nazis gezählt werden und weist eine mögliche Unterstellung rassistischer und antisemitischer Motive zurück, bedient sich aber doch eines faschistoiden Vokabulars, indem er vom Vernichten, ja sogar "Vergasen" bestimmter Menschengruppen spricht, die er als "Türken" charakterisiert und ihnen als zuwandernde Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge unumwunden Sozialschmarotzertum in "Deutschland, dem Sozialamt der Welt" unterstellt.

Hier haben offenbar als einziger staatsbürgerlicher Unterricht die Schmähreden konservativer Politiker gegen die angebliche Ausnutzung des Sozialstaates durch Flüchtlinge, Ausländer, Langzeitarbeitslose und ähnliche sozialschwache Randgruppen einen Wiederhall gefunden, obwohl eigentlich offiziell nur die NPD und die Reps in Deutschland auf dieses Gedankengut abonniert sind. Sollten wir da nicht einmal überprüfen, wie wir vor anderen über diese unterstützungsbedürftigen Gruppen von Menschen reden? Dürfen wir die Schwachen in unserer Gesellschaft und auch in unserer europäischen und außereuropäischen Nachbarschaft in immer näher rückenden globalisierten Gesellschaften wie die früheren Nazis als Sozialschmarotzer verunglimpfen und wieder in die Nähe von "Volkschädlingen" rücken?

S. B.: "Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben!

Seit meinem 6. Lebensjahr wurde ich von euch allen verarscht! Nun müsst ihr dafür bezahlen!"


Am Ende seines Briefes angekommen, vermischen sich die Feindbilder, die S. bekämpft. Es sind die im letzten Absatz zur Vernichtung empfohlenen Gruppen von Menschen, die S.' Verachtung trifft und eben all diejenigen, denen er die Schuld dafür gibt, zu einem Verlierer gestempelt, erzogen, gemacht worden zu sein. S. kommt zum Höhepunkt und droht mit Tod. Dies soll seine Rache sein. Sich selbst will er umbringen, "aus diesem Leben verschwinden" und noch einige mitnehmen in diesen Freitod, der ein Rachefeldzug ist, eine Schlacht, wie er meint, damit er ein schreckliches Fanal setzen kann, das sich einbrennt, damit man ihn nie mehr übersieht, nie mehr vergißt.

S. ordnet seine persönlichen Motive der Kränkung rechtfertigend in einen größeren Zusammenhang. Dies tun auch diejenigen, die ihre persönlichen Macht- und Ohnmachtprobleme in politischen und militärischen Führungspositionen mit angeblich höheren Interessen, mit Idealen und Ideologien rechtfertigen. Sie sind größere S., die noch mehr Menschen in ihre persönlichen Kränkungsgeschichten, in ihre Ressentiments einbeziehen und dabei über Leichen gehen, wenn es sein muß, im Falle der Aussichtslosigkeit, zu obsiegen, bis zum eigenen Untergang, in den sie aber noch möglichst viele mit einbeziehen wollen. Hier handelt es sich psychologisch um narzistische Persönlichkeitsprobleme, die auf Kosten einer beliebig großen Anzahl von Menschen ausagiert werden.

In dieser Hinsicht ist S. ein tragischer, kleiner, wirkungsloser Einzeltäter, er bleibt auch als Täter nach ettlichen Verletzten und seinem Selbstmord "Opfer", wird es auch mit seiner Inszenierung nicht zum Märtyrer in den Augen der Öffentlichkeit bringen, wie es sogar solche Figuren wie Hitler bei einigen schaffen konnten. Dabei wünsche ich S. auch posthum eine Wirkung: Warum sollten wir nicht durch solch eine Tat mit ihrer tragischen Dimension aufgeweckt werden und uns statt um Schuldzuweisungen um Ursachen und Wirkungen kümmern und freundlich aber hingebungsvoll geduldig weiter an sozialen Utopien arbeiten, statt reale Grausamkeiten immer wirkungsvoller gegeneinander zu inszenieren, mit denen wir uns dann als die Wölfe gegeneinander aufführen, als die uns S. gerne sieht, ein jeder gegen jeden mit der Knarre in der Hand?

S. B.: "Weil ich weiss das die Fascholizei meine Videos, Schulhefte, Tagebücher, einfach alles nicht veröffentlichen will, habe ich das selbst in die Hand genommen."

Es wäre S. wohl wichtig gewesen, Zeugnis von seinem Leben und Denken abzulegen, dafür Anerkennung zu erhalten, sich zu erklären. Nun wird er dies nur noch durch diese Tat und seinen Abschiedsbrief im Internet tun. Hätte es einen anderen Weg gegeben? Er stellte in seinem Text einmal selbst diese Frage. Aber er blieb bei seiner Selbstdefinition als Opfer, dem nur noch die Rache übrig bleibt. Er fühlte sich in die Enge getrieben und hat sich dort verbarrikadiert, unzugänglich und am Schluß doch so gesprächig. Er wollte Aufmerksamkeit - am Ende um den höchsten Preis und hat doch alles aus der Hand gegeben. Für S.' Opfer, die er bei seinem Rachefeldzug einkalkulierte, dürfen wir uns fast freuen. Trotz zum Teil erhelblicher Verletzungen bei Mitschülern und Lehrern kam außer dem Attentäter, der sich selbst tötete, niemand ums Leben. Die angedrohte Katastrophe entwickelte sich nur im Ansatz. Andere, so genannte "Trittbrettfahrer" nutzen die Publicity von S.' Tat für ihre Zwecke und verbreiten Psychoterror, Angst. Ist unsere Gesellschaft - sind wir einzelne Mitglieder dieser Gesellschaft bereit, zu lernen? Oder wollen wir nur einfach wieder zur Tagesordnung zurück kehren?

S. B.: "Als letztes möchte ich den Menschen die mir etwas bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies Entschuldigen!

Ich bin weg..."


S. letzte Worte wenden sich an niemanden, den man persönlich identifizieren könnte. Über seine Familie schwieg er sich aus, auch über Freunde. Zum Schluß steht er wirklich ganz einsam, verloren da. Er hat sich verrannt. Auf diese letzten Worte mußte seine Tat erfolgen. Er war sie seinen Worten schuldig. Aber Schuld für alles trugen nach Meinung von S. die anderen. Und doch bittet S. um Entschuldigung bei "Menschen, die mir etwas bedeuten oder jemals gut zu mir waren". Es ist tröstlich zu wissen, dass es die im Leben von S. auch gegeben hat, das möglicherweise trotz seinem Schulhass nicht erst mit dem Jahre der Einschulung "verkehrt" lief.

Was bleibt?

Nun ist er weg. Er wird dennoch fehlen. Fragen werden unbeantwortet bleiben. Mancher Beitrag, den S. hätte leisten können, wird nun auch von keinem anderen beigesteuert werden können. S. fühlte sich nicht eingeladen, wähnte sich in aussichtsloser Lage, seit langem schon, während es in ihm brodelte. Ihn als Kranken zu definieren und ihn mit einer Diagnose zu belegen, wäre eine zu einfache Lösung, die uns unseren Teil der Verantwortung nehmen würde, weiter für eine mitmenschliche, solidarische Gesellschaft zu wirken. Denn selbst wenn man es sich so einfach machen könnte, den unglücklichen, versagenden Schüler zu einem Kranken oder gar zu einem "Abartigen" zu machen, müßten wir uns doch fragen, warum wir nicht achtsamer und mitfühlender Notiz von der Not des Schülers und dem Leid des Kranken genommen haben.

Was wollen wir nun tun? Mehr Angst, mehr Kontrolle? Verbote für den Videokonsum von Gewaltdarstellungen? Oder mehr Mut zu unangenehmen Wahrheiten, mehr Bescheidenheit, ein offeneres Herz für unsere gesellschaftlichen Mißstände? Und stünde uns Trauer und Mitgefühl nicht manchmal mehr an, als in Wut und Verzweiflung bei Ausgrenzung und Schuldzuweisung stehen zu bleiben, der Weg, den S. zuletzt in guter gesellschaftlicher Manier beschritt? Noch leben wir in der Bundesrepublik nicht in einer Gesellschaft, in der täglich ein Linienbus von einem Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel in die Luft gesprengt wird. Daher sollten wir uns nicht mit der Hartherzigkeit und dem Fatalismus einer Bürgerkriegsgesellschaft mit Lieblosigkeit und Ignoranz abfinden. Denn eines ist klar: einen echten Schutz vor Wiederholungen solcher Taten bieten auch noch mehr Kontrollen und Freiheitseinschränkungen nicht. Aber gerade deshalb könnten wir beginnen, anders miteinander umzugehen, z.B. auch in Schulen und Institutionen.

Einige jugendpsychiatrische Schlußbemerkungen

Wir beziehen uns in unserer Diskussion und Betrachtung auf ein im Internet veröffentlichtes "Dokument", das in seiner Originalversion, wie sie Sebastian B. selbst ins Netz gestellt haben soll, angeblich nicht mehr verfügbar ist. Ich kenne die Originalversion nicht. Aus leidvollen Erfahrungen mit allerlei Fälschungen im Internet, auch den "Fakes" der Trittbrettfahrer, müssen wir natürlich vorsichtig sein, selbst wenn bekannte und in der Regel sorgfältig recherchierende Nachrichtenanbieter Texte wie hier geschehen in ihr Medium stellen. Aber wie es auch immer um die Autentizität und den Wahrheitsgehalt dieses "Dokumentes" bestellt ist: so oder ähnlich könnte ein Jugendlicher eine Tat, wie wir sie von Emsdetten hörten, selbst begründen und kommentieren. Und deshalb kommen wir nicht daran vorbei, uns über unsere Gesellschaft Gedanken zu machen.

Heutzutage kann man es aus jugendpsychiatrischer Sicht, zumindest mit einen systemischen Ansatz, nicht mehr als seriös bezeichnen, Psychogramme und psychiatrische Krankheitsdiagnosen von Menschen aus einer einzigen wenn auch längeren schriftlichen Hinterlassenschaften zu entwerfen. Aufgrund der vielen offen bleibenden Fragen nach S.' primären Beziehungserfahrungen, nach seiner Familie und seinem Umfeld bleiben wichtigste Fascetten einer menschlichen Persönlichkeit unbeleuchtet. Wir würden uns sehr schnell auf dem Feld der Mutmaßungen und Hypothesen bewegen und wüßten nicht, ob unsere Konstrukte viel mit der Wirklichkeit des Systems, in dem sich S.' Leben entfaltete, zu tun haben.

Dennoch geben uns die Aussagen in dem Brief Anhaltspunkte über S.' Denken zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aufgrund der Unvollständigkeit läßt sich aber auch daraus allenfalls eine Symptomenbeschreibung ableiten, die keine eindeutige Krankheitszuordnung erlaubt. Sie könnte sich auch deshalb schon als wenig hilfreich erweisen, weil sie uns zu sehr nahelegen würde, S. als krank zu bezeichnen und damit alle Verantwortung für die Entwicklung von S. bis zu dieser Tat S. selbst, seiner Familie oder eben einer entschuldigenden Erkrankung zuzuweisen. Obwohl ich die Schule an sich von einer simplen Schuldzuweisung ausnehmen möchte, sie hätte sich ihren Attentäter entsprechend den Rechtfertigungen des Briefschreibers selbst heran gezogen, möchte ich die kritischen Bemerkungen von S. zu den gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Politik als gesetzgebender und gestaltender Instanz sowie Vollzugsorganen wie z.B. Polizei zum Anlass nehmen, dass wir unsere gesellschaftlichen Konstrukte selbst einmal kritisch unter die Lupe nehmen und uns fragen, was die Institutionen, die die demokratische Legitimation zum Handeln von uns allen herleiten, mit uns und unseren Kindern machen und wie wir selbst auf das Wesen und Aussehen dieser Institutionen Einfluß nehmen. Wie gehen wir mit unserer persönlichen Verantwortung in unserem unmittelbaren Umfeld und in unserer Gesellschaft um?

Das Jugendalter ist eine wichtige, manchmal schöne, manchmal auch sehr bedrückend erlebte Zeit der Umbrüche, Aufbrüche, der Hoffnungen, der Auseinandersetzungen, der inneren und äußeren Kämpfe, der Ablösung und Auflösung, der Entstehung neuer Bindungen. Es ist eine sehr lebendige Zeit und es ist oft eine Krisenzeit. Fragen auf Leben und Tod stellen sich erstmals oder neu in dieser Heftigkeit. Jugend kann einen inneren Ausnahmezustand bedeuten. Entsprechend feinfühlig und mitunter radikal können Jugendliche auf die Herausforderungen ihres persönlichen wie gesellschaftlichen Umfeldes reagieren. Mit einer Konsequenz wie selten kann die Infragestellung des Bestehenden, der eigenen Kindheit, die man gerade verläßt und der Erwachsenenwelt, zu der man ein Zutrittsrecht einfordert, erfolgen. Sie kann im Extremfall zu völligen Bejahung aber auch zur Verneinung bestehender, überkommener Werte führen. Sie kann zur völligen Abkehr von Rücksicht gegenüber dem eigenen und dem Leben anderer führen. Sie kann.

Aber für die Jugendzeit des Teenager-Alters sind diese Möglichkeiten und Schwankungen "normal", sie sind nicht an sich "krank" oder "asozial". Sie sind im Übrigen nur ein manchmal extrem verzerrter, zum Teil in die persönliche Überpointierung, zum Teil in eine kurzlebige Trendkultur gewendete übersteigerte Spiegelung aller in unserer Erwachsenenwelt schon vorhandenen Möglichkeiten und Strukturen. Wir waren nämlich auch Kinder und Jugendliche und tragen das alles noch in uns, sodass wir vermutlich immer noch in Angst vor unserer eigenen Radikalität und der Abwehrfront unserer Eltern damals das alles ganz schnell wieder verdrängt haben: Auch das wäre "normal" und nicht unbedingt "krank". Aber es als "gesund" zu bezeichnen, trifft es ebenso wenig.

Interessant wäre die Frage, wie wir "erwachsen" Gewordene mit unserer inneren Jugendlichkeit und den uns umgebenden Jugendlichen tatsächlich umgehen wollen. Bevor nämlich die mögliche Zerreissprobe der so genannten Adoleszenz in eine manifeste psychische Erkrankung bis hin zu der einen oder anderen Form des Wahnsinns führt oder zu einer nach innen oder aussen gerichteten gewaltsamen Entladung aggressiver Hassgefühle, muß einiges passieren oder eben nicht passieren. Auf welchen Feldern bieten wir der Jugend relativ ungefährliche Experimentierfelder für den Umgang mit Lust und Frust? Wo übergeben wir frühzeitig Verantwortung und bieten Beratung auf freiwilliger Basis statt Kontrolle? Wie bieten wir unseren nach Orientierung suchenden Jugendlichen differenzierte Vorbilder und Lebenentwürfe an, ohne den Eindruck zu erwecken, dass wir sie darauf verpflichten möchten, nach unserer Fasson selig zu werden? Können wir mit Geduld und Respekt für manchmal auch hart klingende Entscheidungen und Festlegungen von Jugendlichen über ihre Persönlichkeitssphäre uns selbst offen und einladend für eine mögliche vertrauensvolle Kontaktaufnahme bereithalten? Können wir auch dann, wenn der Jugendliche signalisiert, dass er mit seinen "Privatsachen" alleine und in Ruhe gelassen zu werden wünscht, die Beziehung von unserer Seite aus wohlwollend und freundlich gestalten und auf Drohungen verzichten? Und wir emanzipierte Nach-68er-Generation sollten uns fragen, warum in unserer Gesellschaft sich immer noch mehr Mädchen selbst Gewalt antun und Jungen anderen. Statt weniger Gewaltbereitschaft bemerken wir bei Mädchen angleichend zunehmend aggressiv-gewalttätige Verhaltensweisen und bei Jungen depressive. Wir haben ein Aggressionsproblem.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

4

Freitag, 15. Dezember 2006, 23:57

Auswertung der Diskussionsveranstaltung der LAW über Sebastian B.'s Brief: Eindrücke und Reaktionen

Die Diskussionsveranstaltung am 13.11.06, zu der die "Linke Alternative Wilhelmshaven" (LAW) eingeladen hatte, war am selben Tage in der Tageszeitung angekündigt worden. Obwohl die hiesige Zeitung eher sehr konservativ ist und sicher kein Freund der LAW, war die Ankündigung neutral und durchaus einladend. Allerdings hatten die Veranstalter schon eine Woche zuvor mit einem Artikel auf ihr Vorhaben aufmerksam machen wollen, sind damit aber offenbar gescheitert. Somit war die Resonanz eher bescheiden. Abgesehen von drei Psychologinnen und einer Kinderärztin, die ich noch mitgebracht hatte, fand sich nur ein Häuflein Aufrechter der LAW, um deren Stammtischtermin es sich eigentlich handelte, im Stammlokal ein, ein knappes Dutzend. Man hätte denken können, dass sich vielleicht viele Lehrer und auch einige Schüler von dem Thema hätten ansprechen lassen können. Aber obwohl sich in diesen Kreisen auch bei uns zum Teil eine gewisse Panik breit macht und etwas merkwürdigere Schülerpersönlichkeiten in letzter Zeit schnell unter Generalverdacht geraten, potentielle Attentäter zu sein, sodass sie sogar bei mir angemeldet werden, kam niemand aus dem Schulumfeld.

Die Stammtischler der LAW erwiesen sich als aufrechte und durchhaltefreudige Diskutierer. Sehr schnell kamen wir anhand des Textes in ein angeregtes Gespräch, in der die einzelnen Mitglieder, zum Teil gestandene Väter und Mütter, auch Vieles aus ihrer eigenen Erfahrung mitteilten und zwar sowohl aus ihrer Jugendzeit als auch aus der Zeit, in der sie ihre Kinder groß gezogen hatten. Denn, und das war das andere Bemerkenswerte: Die meisten waren in einem Alter weit über Vierzig oder Fünfzig, zum Teil im Rentenalter, und hatten überwiegend erwachsene Kinder. Nur ein Diskutant war noch unter Vierzig und hatte als Betreuer des Marine-Jugend-Vereins aktuelle Erfahrung mit Jugendlichen, eine andere hatte sie als Lese- und Rechtschreib-Lerntrainerin und Therapeutin - abgesehen von unserer Riege aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Jugend haben wir also wie schon die Lehrer an diesem Abend nicht erreicht, was aber meiner Erfahrung auch mit anderen für die Schule durchaus interessante Themen aus dem therapeutischen Bereich entspricht, selbst wenn man persönlich einladet: Es ist heutzutage schwerer, Pädagogen zu Fortbildungs- und Diskussionsveranstaltungen anzuwerben, selbst wenn es (fast) nichts kostet!

Beeindruckt hat mich die Offenheit und der Mut der Anwesenden, zum Teil über sehr persönliche Erfahrungen, Eindrücke, Betroffenheit, über Mißerfolgserlebnisse, vermeintliche Erziehungsfehler und auch Einsamkeitsgefühle in der eigenen Kindheit oder gar über eigene Erkrankungen und Behinderungen zu berichten, obwohl wir ja keine Selbsthilfegruppe waren. Hier bestand offenbar auch ein großer Vertrauensvorschußl, dass man sorgsam und respektvoll mit diesen Mitteilungen und Fragen umgehen würde, obwohl die LAW-Mitglieder auch nach der Vorstellungsrunde kaum jemanden persönlich aus unserem Team kannten und einschätzen konnte. Diese Bereitschaft, auch sehr persönliche Mitteilungen zu machen, wozu vielleicht gerade der kleine Kreis anregte, führte natürlich manche Diskussionsbeiträge in etwas größere Schleifen, sodass es nicht immer einfach war, wieder den Bogen zu spannen und zum Text zurückzukehren. Dies gelang jedoch, da es letztlich das Anliegen aller blieb, mehr vom Referenten zu dem Thema zu hören.

Natürlich beurteilte ein jeder den Brief des Sebastan B. und die psychologischen wie politischen Implikationen sehr persönlich und im Rahmen seines manchmal doch zwangsläufig auch begrenzten Einblickes in die Thematik, da sich mit eineinhalb Ausnahmen keiner mit einer solchen Problematik beruflich beschäftigte. In Anbetracht dieser Voraussetzung war ich sehr angetan von der Offenheit für die manchmal doch von mir auch recht intellektuell und fachlich formulierten Gedanken und meinem sehr zurückhaltenden Umgang mit psychologischen, psychopathologischen und wertenden Feststellungen über Sebastian B.. Es gab in diesem Kreis überhaupt keine populistischen Stammtischreden, sondern ein sehr großes Bemühen, das Geschehen zu erfassen und sich mit persönlichen und gesellschaftlichen Deutungsmöglichkeiten zu befassen, ohne schon zu schnell von den Fragen zu einfachen Antworten überzugehen.

Ein feines Gespür zeichnete einige Anwesende bei der Frage nach den Gefühlen des jungen Mannes aus, der da seinerzeit seinen Selbstmord und das Attentat ankündigte: Außer in einigen sehr wenigen Passagen, die seinen Zorn und Hass, seinen Ekel und seine Kränkung beschrieben, seine Einsamkeit und das Gefühl, abgelehnt zu sein, erschien der Brief nämlich über weite Strecken scheinbar sachlich, berichtend, emotionslos geschrieben. Es wurde den Anwesenden deutlich, dass der Brief die differenziertere Person Sebastian B's mit seinem familiären und Beziehungsumfeld sowie mit seiner Gefühlswelt nicht wirklich erkennbar werden ließ.

Dennoch konnte eine Teilnehmerin sich in manchen Beschreibungen als Jugendliche wieder finden, ebenfalls von manchen Gefühlen abgeschnitten und ohne Ansprechpartner für ihre persönliche Situation, allein gelassen. Anhand ihrer Darstellung hatte ich den Eindruck, dass sie diese schwierige Zeit auch weitgehend ohne fremde Hilfe bewältigen und zu einer gefühlvollen Mutter und reiferen Frau werden konnte. Insofern zeigte dieser Selbsterfahrungsanteil an der Diskussion nicht nur die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich von diesem Thema individuell angesprochen fühlten, um dabei auch einige Gemeinsamkeiten neben vielen Unterschieden zu finden, sondern auch die Vielzahl der Entwicklungsmöglichkeiten diverser Lebensentwürfe auch bei schwierigen Umfeldbedingungen.

Nicht schlecht gestaunt habe ich auch über das Durchhaltevermögen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die trotz ihrer geringen Zahl letztlich fast dreieinhalb Stunden ausharrten, um angeregt zu diskutieren, wobei jeder jedem zuhörte und eine ganz angenehme Disziplin, über die auch eine Moderatorin wachte, herrschte. Dazu passte, dass während der gesamten Zeit im Oberzimmer der Wirtschaft keiner rauchte und nur wenige ein oder zwei Glas Bier tranken. Eine sehr freundliche und gleichzeitig leise und unauffällig agierende Bedienung versorgte uns aufmerksam mit Getränken, ohne das eine Störung aufkam. Abgesehen von der etwas schummrigen Beleuchtung in dieser schon etwas altertümlich wirkenden Wilhelmshavener Traditionskneipe ("Schwarzer Bär") war es ein für unsere Belange und den eher begrenzten Kreis eine passende Lokalität.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

5

Dienstag, 18. Dezember 2012, 12:08

Hört auf, den Kindern schießen beizubringen!

Jedes Jahr gibt es mehrere schrecklich Schulattentate und Amokläufe in der "zivilisierten Welt", in Deutschland seltener, aber immerhin und auch in Finnland und besonders häufig hören wir davon aus den USA, im Land der "freien Waffenträger", die sich eben ab und zu die Freiheit nehmen, einige Leben - einfach so (?) - auszuknipsen.

Die Waffenlobby in den USA, NRA, wird nicht müde, nach jedem dieser Massenmorde zu betonen, dass nicht der private Waffenbesitz das Problem sei, sondern einzelne "abartige" Schützen und dass man stattdessen die Opfer bewaffnen müsse. Es ist eine [URL=http://www.fr-online.de/panorama/kommentar-zur-waffenlobby-usa-waffen-fuer-die-opfer,1472782,21132678.html]statistisch längst widerlegte Lüge[/URL], doch die Waffennarren schrecken nicht davor zurück, Kritiker öffentlich an den Pranger zu stellen und zu bedrohen, mit [URL=http://www.fr-online.de/politik/streit-um-waffengesetze-us-waffenlobby-will-fernsehstar-ausweisen,1472596,21178644.html]Ausweisung als Verfassungsfeinde[/URL] bis...?

Ein neues, schreckliches Ereignis dieser Art ist das Massaker in Newtown, Connecticut, USA, als ein Zwanzigjähriger am 14.12.2012 zwanzig Grundschulkinder, sechs Erwachsene und sich selbst erschoss und zwar mit einem bei Amerikas Waffennarren beliebten halbautomatischen Sturmgewehr, das eigentlich für das Militär entwickelt wurde. So war es dem Täter möglich, in kürzester Zeit alle 26 Opfer mit 2 bis 11 tödlichen Schüssen nieder zu mähen.

Als erstes soll er jedoch seine in dieser Schule arbeitende Mutter, die ihm das Schießen beigebracht haben soll, mit deren eigenen Waffen getötet haben: Mit Schüssen in's Gesicht. Unvorstellbar tragisch und traurig und zwar so sehr, dass ein [URL=http://www.fr-online.de/panorama/amoklauf-in-newtown-eltern-der-opfer-reden,1472782,21124750.html]Vater eines toten Schulmädchens[/URL] voller Mitgefühl für alle, auch die Angehörigen des Schützen, spricht und betet, so sehr, dass US-Präsident Obama mit seiner Frau vorbei jettet und echte Tränen der Rührung und Anteilnahme vergießt.

In Deutschland flammen die Diskussionen über private Waffen wieder auf. Das ist auch prinzipiell gut so. Etwas anderes sollte man nicht vergessen, auch wenn das beliebte Ego-Shooting nicht automatisch zu Killern trainiert: Ego-Shooter-Programme wurden, wie aus Polizeikreisen selbst verlautete, inzwischen auch entwickelt, um militärisches Schießtraining zu optimieren. Killer trainieren mit Ego-Shootern und diese gehören eben nicht ins Kinderzimmer.

Man möchte ausrufen: "Mütter, hört auf, Euren Söhnen das Schießen beizubringen! Väter, werft Eure Waffen weg! Präsidenten, macht Frieden, nicht Krieg!" Denn im Krieg der großen Vereinigten Staaten, angeblich gegen den Terrorismus, sind mehr Kinder und Frauen durch Bombenangriffe auf Konvois und Dorffeste, Drohnenangriffe, Landminen und andere militärische Angriffe gestorben, als Terroristen oder Menschen bei den Terroranschlägen am 11.9. in New York und Washington.

Gerade wurden 10 junge afghanische Mädchen im Alter bis 13 Jahre beim Feuerholzsammeln von einer Mine zerrissen und weitere verletzt. Wer weint für sie in Deutschland und Amerika? Haben wir uns nicht längst an den Terror gewöhnt und an die Armut, die wir in den Ländern der Dritten Welt mit verschuldet haben?

Bundeswehr-Oberst Klein, der den verheerenden Bombenangriff auf zwei von Taliban geklaute Benzintankwagen befahl und damit vermutlich über 140 unschuldige Zivilisten in Afghanistan tötete, wurde, nachdem Gras über die Affäre gewachsen war, nun zum General befördert. Sauber!

Konnte Bundespräsident, Gauck, der dem (DDR-) Militär bisher immer fern stand, angemessene Worte angesichts des unsagbaren Leids der Zivilisten bei seiner eben beendeten Afghanistan-Visite finden, oder nur wieder beklagen, dass ein großer Teil der Deutschen diese Art des Militäreinsatzes in Afghanistan immer noch nicht versteht?

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

6

Donnerstag, 20. Dezember 2012, 23:55

Fünf vor Zwölf

Vor ca. drei Tagen haben "Witzbolde" in "facebook" pünktlich zum morgigen "Weltuntergangstag" (Ende der Zeitrechnung eines alten Mayakalenders) einen Amoklauf in drei Wilhelmshavener Schulen, zwei Realschulen und einer Integrierten Gesamtschule, angekündigt. Die Polizei geht von eitlen Spinnern aus, die sich einen üblen Scherz erlauben wollten, schickt aber Beamte in die Schulen. Die Schüler sind natürlich in ihren "sozialen Netzwerken" aktiv und wild am Spekulieren.

Nun, tatsächlich geht jeden Tag eine Welt unter, vieltausendfach sogar. Kinder sterben an Armut, die die Gestalt von Hunger, Krankheiten, verdrecktem Wasser und natürlich von Krieg annimmt. Die apokalyptischen Reiter sind jeden Tag unterwegs, nur eben meist nicht in unserer reichen, satten Weltgegend. Doch sie kommen von uns, wurden von unseren Gesellschaften geschickt, weil wir bis heute die gerechte Teilhabe verweigern.

Mit jedem Menschen, jedem Kind, das vor seiner Blüte scheinbar sinnlos stirbt, geht eine Welt unter, denn jeder Mensch ist einzigartig und ein nie zuvor erschaffenes und nie wieder so entstehendes Universum an Eigenschaften und Möglichkeiten. Das Leben Lieben heißt auch, davor Ehrfurcht haben, vor der einzigartigen Person des Anderen, in dessen Herzen Gott wohnt, genauso wie im Eigenen.

Wenn morgen beim Sonnenaufgang der Wintersonnenwende am 21.12.12 wieder eine neue Welt entsteht, möge es eine der Möglichkeiten sein, der weiten Horizonte, der Toleranz und Lebensfreude, der Kreativität und Nächstenliebe, einzigartig, warm, freundlich. Es ist schon lange fünf vor Zwölf. Die Uhr hält extra eine Weile für uns an, damit wir einen tiefen Atemzug nehmen und uns besinnen.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

7

Dienstag, 25. Dezember 2012, 16:45

Unglaublich dumme Vorschläge der US-Waffenlobby

Die Antwort von Amerikas einflussreichen Waffenlobby NRA (National Rifle Association) ist nach jedem Massenmord dieselbe. Nur noch mehr [URL=http://www.fr-online.de/panorama/kommentar-zur-waffenlobby-usa-waffen-fuer-die-opfer,1472782,21132678.html]Waffen in den Händen möglicher Opfer[/URL] und schwer bewaffnete Männer, eine Art Bürgerwehr der NRA vermutlich, werden in Zukunft Massenmorde verhindern. Selbst Amerikaner halten dies inzwischen für [URL=http://www.fr-online.de/politik/amoklauf-von-newtown--paranoid-und-verstoerend-,1472596,21175452.html]"verrückt" und "paranoid"[/URL]. Der Vizechef dieser NRA, LaPierre begründete seinen Vorstoß für bewaffnete Wachen an Schulen damit, dass schließlich auch der Präsident und sogar Sportstadien von Bewaffneten beschützt würden. "Das einzige Mittel gegen einen bösen Menschen mit einer Waffe ist ein guter Mensch mit einer Waffe." Ja, so unglaublich dumm wird in den USA in dieser Frage argumentiert. Doch der geistige Horizont dieser Waffenbesitzer befindet sich noch im Wilden Westen, als es opportun war, Schwarze zu lynchen, denen man einen Pferdediebstahl oder die Belästigung einer weißen Frau anhängen wollte oder eben Indianer abzuknallen.

Die Behauptung, dass "Gute" schon "Schlechte" vor einem Amoklauf zur Strecke gebracht haben, ist eine Erfindung. Zudem, es gibt keine "Guten". Es gibt nur Leute, die ihr "Böses" insoweit in ihre Persönlichkeit integriert und ihren Aggressionen einen sinnvollen Platz eingeräumt haben, dass sie selbstbewusst leben können, ohne gewalttätig werden zu müssen. Diese Leute haben es nicht mehr nötig, in einer Zivilisation mit Schusswaffen herumzulaufen. Und die "Bösen" sind meist äußerlich aggressionsgehemmte, ängstliche Menschen mit einem ihnen selbst und anderen oft unbekannten, in der Krise nicht mehr kontrollierbaren gewalttätigen Potential. Die Lust, Schusswaffen zu tragen oder die Angst, ohne Schusswaffen leben zu müssen, ist eines der Kennzeichen dieser Ängstlichen. Darum entlarvt sich der NRA-Vorschlag von selbst. Diese Leute sind wirklich gefährlich, gerade weil sie nichts davon wissen, wie gefährlich sie sind. Menschen sollten lernen, ohne Kriegswaffen auszukommen.

Aber dier amerikanischen Gun Nuts denken anders. [URL=http://www.fr-online.de/panorama/kommentar-zur-waffenlobby-usa-waffen-fuer-die-opfer,1472782,21132678.html]FR-online[/URL] schreibt: "...es geht um die Waffenlobbyisten in den USA. Menschen also, die bevor das Blut der Opfer getrocknet ist, nach jedem Amoklauf zwei Dinge in die Welt hinausposaunen: Jetzt sei aus Pietät nicht die Zeit um über das Waffenrecht zu reden – und alles wäre nicht so schlimm gekommen, wenn die Opfer bewaffnet gewesen wären." Das ist nicht nur statistisch widerlegt. Genau dieses "Opfergehabe" der Gun Nuts ist ja ein großer Teil des Problems, weil nämlich genau diese wenig selbstbewussten Opfertypen als Zivilisten freiwillig mit Knarren 'rumlaufen.

Die Amok-Killer sind nach allem, was wir anschließend immer wieder von ihnen lesen und hören, gedemütigte Opfertypen, Leute, die äußerlich unauffällig oder durch ihre soziale Schwäche auffällig sind und sich leicht zum Opfer von Ausgrenzung, Nichtbeachtung und Spott machen lassen. Ihre Eltern und primären Bezugspersonen vermochten es vielleicht nicht, ihnen Selbstwertgefühl zu vermitteln sich als liebenswert und angenommen zu empfinden. Aber sie brachten ihnen teilweise Schießen bei, ließen sie an Waffen herankommen und interessierten sich nicht dafür, wenn sie anstatt Freunde zu suchen und mit diesen die Zeit zu verbringen im Internet Zielen und Kriegsspiele erlernten oder nach Sprengstoff, Bombenbauplänen und Waffen Ausschau hielten.

Ein Opfertyp lässt sich lange Zeit demütigen und leidet mehr oder weniger still. Er hat nicht den Mut, Einhalt zu gebieten und sich klar abzugrenzen. Er klagt vielleicht nicht einmal, weil er es für aussichtslos hält und ihm seine Eltern und Lehrer vielleicht erst dann zuhören würden, wenn sie im Internet einen Amoklauf ankündigen. Die meisten Opfertypen sind sozial isolierte und gescheiterte Jungs, von denen das gesellschaftliche Ideal in ihnen verlangt, dass sie eigentlich Heldentypen sein müssten. In Jahren der Isolation legen sie sich ihr eigenes geheimes Weltbild zurecht. Es kann sogar religiös sein, ideologisch, fanatisch.

In diesem immer verschrobener werdenden Weltbild ist so ein ehemaliges Opfer jetzt der zu Höherem berufene Held und sei es auch nur, um in einem Fanal unterzugehen, am liebsten mit einer großen Zahl anderer Menschen, nachdem sich sein aufgestauter Hass auf die gesamte menschliche Gemeinschaft ausgebreitet hat, die den Rächer in seinen Augen schuldhaft verkannt und ausgeschlossen hat. Die Transaktionsanalyse des Eric Berne hat einmal recht vereinfacht dargestellt, wie sich die Entwicklung des dem erwachsenen unterlegenen Kindes Richtung sozialer Reife oder Delinquenz vollziehen kann.

Am Anfang lernt das Kind aus der Erfahrung seiner relativen Ohnmacht, der kritisierende Erwachsene ist ok, es selbst aber nicht. In der Pubertät lehnt sich das Kind auf. Es mag nicht ok sein, doch der Erwachsene ist es auch nicht mehr, er ist ungerecht und versteht den Heranwachsenden nicht. Kind und Erwachsener können jetzt bei einer guten Beziehung miteinander lernen, dass beide grundsätzlich ok sind, auch wenn es problematisches, kritisierbares Verhalten gibt. Es kommt darauf an verantwortungsbewusst zu werden und verantwortlich zu bleiben. Dann wird die Entwicklung langfristig in prosoziale Richtung verlaufen und der junge Erwachsene wird seine Macht bescheidener und gerechter einsetzen, als es der Rebellierende vor hatte, als er sich im Recht zur Rebellion wähnte. Denn der Erwachsene lässt ihn an seinen Erkenntnissen und seiner Macht partizipieren und gibt seine Bevormundung freiwillig auf.

Es kann aber auch sein, dass der Heranwachsende in dem Erwachsenen kein Beispiel an Selbsterkenntnis, angemessener, nicht von außen erzwungener Demut und Verantwortungsbewusstsein findet, sondern nur einen stärkeren, ungerechten Unterdrücker mit einer ichbezogenen "Moral" des vermeintlich Stärkeren, den es nun zu beseitigen gilt, sobald man selber stärker geworden ist, z.B. durch eine Waffe in der Hand oder auch als Teil oder gar als Haupt einer ähnlich ausgerichteten Gruppe Desperados. Dieser junge Mensch urteilt dann: ich bin ok und stark, du bist nicht ok, sondern böse, unnütz und jetzt auch schwächer: ich räche mich und bestrafe dich! Und dann schießt er. Somit ist natürlich klar: Der Verbot von Schusswaffen dürfte noch nicht die ganze Lösung des Problems sein. Eine soziale Gesellschaft mit liebenswerten, selbstbewussten Persönlichkeiten baut auf einer anderen Form der Erziehung und der Beziehungen untereinander auf, als es die Gesellschaften der Angst, der Unterdrücker und der Opfer derzeit tun.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)