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1

Mittwoch, 22. November 2006, 09:05

Die Macht der Bilder: Wie wirkt sich die mediale Bilderflut psychosozial aus: Fluch oder Segen?

Zitat

Original von Michael
...Die Diskussion um das Verbot gewaltverherrlichender Video- und Internet-Ballerspiele greift in Bezug auf Prävention und Eingrenzung von gesellschaftlicher und Jugendgewalt viel zu kurz. Die Wissenschaft sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen Ballerspielen und Anwendung von Gewalt auf dem Schulhof. Vermutlich können manche Menschen, in denen die Aggressionen schon unerlöst brodeln, mit Videospielen sogar zeitweise ein Ventil für ihre destruktiven Impulse öffnen, bevor sie dann doch mit projezierten Schuldvorwürfen gegen die Gesellschaft auf ihre Artgenossen los gehen. ...

...Könnte also in der Musik auch für unsere moderne, entmystifizierte und säkularisierte Welt des Materialismus eher eine Chance zur Befriedung und Harmonisierung stecken, als in Verboten und Kontrollen? Der als Bundesinnenminister bekannt gewordene Otto Schily, der selbst Pianist ist und das Schließen von Musikschulen als Gefährdung der inneren Sicherheit angeprangert hat, mag sich das angesichts der unter seiner Ägide massiv zugenommen habenden staatlichen Kontrollen und Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten aus Terrorismusfurcht einmal selbst fragen.


Als ich gestern eine Diskussion zum Thema "Musikerziehung zur Gewaltprävention, Musiktherapie zur Heilung" eröffnete (siehe Link: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=938&sid=), nahm Erik vorallendingen Bezug auf die hier wiedergegebenen kritischen Passagen über die hilflose Neigung der Politiker, der Ausbreitung gewalttätigen Verhaltens durch Verbote von Internet- und Videospielen vorzubeugen. Dabei erweiterte er das Thema auch auf das Filmmedium. Das ist für mich ein Anlaß, mit einem neuen Thread genauer in diese Richtung zu schauen. Was machen also Kino- und Fernsehfilme und die ganze virtuelle Bilderflut aus dem PC mit uns oder unseren Kindern? Ist es ein Fluch, ein Segen? Bewirken sie etwa das::lame ?

LG, Michael
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2

Mittwoch, 22. November 2006, 10:13

Aber da die Politik ja anscheinend zu nichts mehr anderem fähig ist, als kurzsichtige Entschlüsse zu fassen und nach Kurzschlußlösungen zu suchen, wird alles wohl auf das völlig sinnlose Verbot solcher Spiele (und ggf. ähnlich veranlagter Filme) hinauslaufen.
Abgesehen von der Fragwürdigkeit eines unumstößlichen kausalen Zusammenhangs, macht man durch ein Verbot die Sachen für die eigentliche Zielgruppe doch noch viel reizvoller ... :pill

Cartoons sind gewalttätig, aber auch da hat man schon früh festgestellt, daß Kinder sehr wohl den Unterschied zwischen Realität und Fiktion (Cartoons sind nicht echt) unterscheiden können.
Es wird immer wieder geredet, wie sehr Kinder durch die virtuelle, fiktive Gewalt geschädigt werden. Aber was ist mit der realen? Was ist mit den Nachrichtensendungen, Blöd-Zeitungen und anderen Massenmedien, die sich vor Wonne in Blut suhlen und gar nicht abwarten können, die kleinste Gewalttat multimedial aufzublasen und jeglicher Proportion zu berauben. Aber nein, das ist ja natürlich nicht das Problem. :pill

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3

Donnerstag, 23. November 2006, 06:48

Die psychologische und soziale Wirkung der Bilder aus virtuellen Medien

Lieber Erik,

Dein kritischer Beitrag hat mich zur Eröffnung eines neuen Diskussionsthemas veranlaßt. Du beschäftigst Dich ja mit dem Medium Film. Über die therapeutisch-kathartische Wirkung des klassischen Theater-Dramas, der antiken Tragödie wie Komödie ist man sich seit über zweitausend Jahren weitgehend einig. Wie steht es nun mit den modernen Formen, mediale Botschaften mithilfe dramatischer Geschichten zur Unterhaltung der Menschen herzustellen, z.B. als Kino- oder Fernsehfilm. Die Möglichkeiten der einstmals nur passiven Zuschauerrolle wird jetzt sogar durch interaktive Programme erweitert. Zunächst sind allerdings so genannte gewaltverherrlichende Video-, Computer- und Internetspiele in das Visir der Zensoren geraten, die Fürchten, die Spieler würden zu Gewalttätigkeit angestachelt und würden auf die Dauer die Unterschiede von Virtualität und Realität in sich verschwimmen lassen.

In Bezug auf das Thema Film werden vermutlich viele der Meinung sein, dass auch große Leinwandabenteuer große Gefühle mobilisieren und damit eine ähnlich kathartische Wirkung entfalten können, wie das klassische Drama auf einer Theaterbühne. Viele schätzen und fürchten diesen Rühreffekt und die Kinos verwandeln sich bei manchen Kultfilmen sogar in eine Art Zuschauer-Mitmach-Theater. Wir unterscheiden zudem unterschiedliche Genres, um z.B. gezielt Informationen unter die Leute zu bringen, sei durch Dokumentationen in aufklärerischer Absicht, sei es zu Werbe- oder gar Propagandazwecken. Wie schätzt Du als Filmemacher die Wirkung und gezielte Verwendbarkeit Deines Mediums in psychologischer oder gar psychohygienischer und psychotherapeutischer Weise ein? Welche psychosozialen Wirkungen entfalten die Bilder der virtuellen Medien? Ab wann gäbe es Bedenken und wie sollte man damit umgehen?

LG, Michael
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4

Donnerstag, 23. November 2006, 11:42

In der Tat beziehen sich meine Kenntnisse eher auf Film als auf Computerspiele, die ja noch auf einem ganz anderen Level der Interaktion funktionieren als der rein konsumierbare Film.
Trotzdem kann ich in Sachen Computerspiele sagen, daß der kausale Zusammenhang zwischen dem Spielen und diesen Ausbrüchen höchst fragwürdig ist. Eine ganze Reihe ehemaliger Medizinkommilitonen hat Counterstrike gespielt - ohne irgendwelche "Nachwirkungen". Auch ich habe es gespielt, auch wenn es mich nie sonderlich angesprochen hat - ich bin mehr der World of Warcraft-Typ ... ;)
Trotzdem halte ich es für wesentlich plausibler, daß eh schon so prädisponierte Sozio- / Psychopathen durchaus gerade von ihnen angesprochen werden und deswegen mehr User von solchen Spielen entsprechend auffällig werden als Monopoly-Spieler.

Unter den weniger aufgeregten Medienwissenschaftlern, die jetzt nicht wie die Politiker in blinden Aktionismus verfallen, wird momentan ja auch darüber diskutiert, ob diese Spiele nicht gerade eine gesunde Ventilfunktion haben ...

Ganz nebenbei: Wieviele Kinder haben früher mit ihren Spielzeugpistolen Freunde im Kriegsspiel umgenietet?

Analog zum Film paßt folgendes Zitat zu der Sache: "movies don't create psychos, movies make psychos more creative" (aus dem Slasher-Film Scream).

Womit wir zum Film kämen. Natürlich ist auch hier der Streit groß, ob der Horrorfilm beispielsweise Zuschauer von Aggressionen befreit wird oder er sie an Gewalt gewöhnt. Vertreter des letzteren Arguments würde ich gerne mal fragen, wann sie zuletzt Nachrichten und/oder Zeitung studiert haben.
Ich bin sehr wohl der Meinung, daß ein psychisch halbwegs normales Kind den Unterschied zwischen fiktiver Gewalt und realer Gewalt erkennen kann - durchaus abhängig vom Alter (deswegen haben wir ja u.a. auch die FSK).
Sie wissen sehr wohl, daß Tom nie etwas ernsthaft passiert oder Duffy beim wiederholten Verlust seines Schnabels keine Schmerzen verspürt - weil es eben Cartoons sind. Doch was sagt man ihnen, wenn sie Tag für Tag die Bombenopfer im Irak sehen? Wenn Leute wie der Emsdettener Amokschützen zu einem Antihelden hochstilisiert werden. Wie erfolg- und effektreich wäre sein Fanal ohne die multimediale Aufpushung?

Nein. Der alleinige Konsum entsprechender Filme läßt Menschen nicht zu kalten Massenkillern werden. Wenn jemand fast ausschließlich solche Streifen konsumiert, ist schon längst an anderer Stelle etwas falsch gelaufen.

Mich macht vielmehr fassungslos, wie die Politik auf die Idee kommt, daß über Verbote alles wunderbar zu regeln sei. Verwunderlich ist es nicht. Durch blinden Aktionismus wollen sie vor den wirklichen Problemen die Augen verschließen, die problematische und nicht einfach zu beantwortenden Fragen aufwirft.

Ein verbotenes Spiel / verbotener Film ist dank der globalen Marktwirtschaft und des Internets fast so einfach zu bekommen, wie ein erlaubter. Den Reiz, sich einen solchen entsprechenden Film zu besorgen, ist um ein vielfaches höher - das kenn ich auch aus eigener Erfahrung.

Beispiel Blood Feast - ein Film, der 2004 nach 41 Jahren(!!) verboten worden ist ... Natürlich war mein Interesse geweckt, was an diesem Film so unglaublich schlimm sein soll und ich habe ihn mir besorgt. Ich kann es mir inzwischen nur so erklären, daß das Amtsgerichts Karlsruhe die Bedenken hatte, daß sich der Zuschauer totlangweilen könnte. Grottenschlechte Schauspieler, katastrophale Gore-Effekte machen zwar eine gelungene Party-Unterhaltung, sorgen aber sicher für keine Gefahr an Körper und Seele der Zuschauer. Aber wie gesagt: Die wahre Werbung wurde für den Film gerade durch das Verbot gemacht ...

Können Filme dauerhaft etwas bewirken? Die Frage ist auch unter Filmschaffenden umstritten ... ("Botschaften soll man per Telex verschicken, aber nicht in einen Film verpacken." - Jerry Lewis analog zu Jack Warners "If you want to send a message, send a telegram.")

5

Donnerstag, 23. November 2006, 15:40

[SIZE=1]KILLERSPIELDEBATTE IM TV[/SIZE]

"Weg mit dem Virtuellen!"

Wer über Killerspiele diskutiert, sollte wenigstens wissen, was ein Joystick ist. Die Gäste von Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Runde hatten jedoch nur einen Stock verschluckt. Kein Wunder: Sie waren für das brisante Thema einfach zu alt.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaf…,450284,00.html

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »erik« (23. November 2006, 15:42)


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6

Donnerstag, 23. November 2006, 21:58

In Langeweile und Einsamkeit nistet sich das Bedürfnis nach permanenter (medialer) Beschäftigung ein

Zitat

Original von erik
[SIZE=1]KILLERSPIELDEBATTE IM TV[/SIZE]

"Weg mit dem Virtuellen!"

Wer über Killerspiele diskutiert, sollte wenigstens wissen, was ein Joystick ist. Die Gäste von Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Runde hatten jedoch nur einen Stock verschluckt. Kein Wunder: Sie waren für das brisante Thema einfach zu alt.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaf…,450284,00.html


Dieser Artikel ist mit Witz und Kenntnis geschrieben. Psycholtherapeutisch beschäftigen uns die Nutzer von Internetspielen und Video- oder PC-Games vorallem dann, wenn nach Stunden derartiger Unterhaltung und das zumeist täglich der PC den Benutzer ausknockt. :lame
Wenn der Spieler selber den Griff zum Ausknopf nicht mehr findet: Der PC hat den Benutzer im Griff, nicht umgekehrt. Meist sprechen die dann erst besorgten Eltern von einer medialen oder Computer-Sucht. Man fragt sich aber kaum, wie diese Sucht entsteht und was zu diesem Ergebnis einer einst begonnenen Suche führt.

Meistens ist der Hintergrund nämlich das Verschwinden der Beziehung der realen Personen untereinander und in dieser Langeweile und Einsamkeit nistet sich das Bedürfnis nach permanenter Beschäftigung ein, die manchmal offenbar kaum spannender und gleichzeitig bequemer gelingt, wie mit Hilfe virtueller Medien und dem Internet.

Wenn wir hier also therapeutisch gefordert werden, beschäftigen wir uns meist mehr mit den Fragen von Beziehung, Einsamkeit, Selbstwert und weniger mit dem speziellen Inhalt der Ersatzbeschäftigungen. Den Jugendlichen geht es meistens um "spannungsreiche" Unterhaltung, sonst findet das Einschlafen nämlich schneller statt.

LG, Michael
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7

Donnerstag, 23. November 2006, 22:43

Würde mir die Betrachtung von Gewalt Vergnügen bereiten, würde ich mich vor mir selbst erschrecken

Zitat

Original von erik...
Unter den weniger aufgeregten Medienwissenschaftlern, die jetzt nicht wie die Politiker in blinden Aktionismus verfallen, wird momentan ja auch darüber diskutiert, ob diese Spiele nicht gerade eine gesunde Ventilfunktion haben ...

Ganz nebenbei: Wieviele Kinder haben früher mit ihren Spielzeugpistolen Freunde im Kriegsspiel umgenietet?

Analog zum Film paßt folgendes Zitat zu der Sache: "movies don't create psychos, movies make psychos more creative" (aus dem Slasher-Film Scream).

Womit wir zum Film kämen. Natürlich ist auch hier der Streit groß, ob der Horrorfilm beispielsweise Zuschauer von Aggressionen befreit wird oder er sie an Gewalt gewöhnt. ...


Lieber Erik,

in einer politischen Diskussion kann ich cool und sachlich diffrenzieren und mich mit soziopsychologischen Erhebungsergebnissen zufrieden stellen lassen, dass nicht die Gewaltfilme selbst das Umschlagen von Aggressionen in Gewalttätigkeit bei den Zuschauern bewirken. Aber bei der Beobachtung meiner eigenen Gefühle während der Darstellung von schlimmer Gewalt in Filmen bemerke ich eine sehr ablehnende Haltung dazu. Ich meide diese Szenen bzw. Filme, selbst wenn ich sie mir ansehen kann, ohne in Panik zu geraten.

Ob Splatter, Slasher oder Gore-Effekt, bei mir haben diese Dinge vorallem eine Wirkung: Sie erzeugen bei mir Widerwillen und Ekel. Ich schaue mir solche Filme daher bewußt nicht an, obwohl ich mich durch sie nicht "traumatisiert" fühle. Aber sie entspannen mich nicht und verschaffen mir auch keine angenehme Spannung oder Unterhaltung. Sie "reizen" mich nicht.

Merkwürdigerweise habe ich während meiner Medizinerausbildung nach Eingewöhnung in den insbesondere auch unfallchirurgischen Operationssälen keinen Ekel und keinen Schrecken verspürt. Man war in dieser Situation und handelte. Allerdings gehen mir die Schmerzäußerungen noch nicht anästhesierter und narkotisierter Verletzter sehr nahe.

Ich habe schon als Jugendlicher und dann auch später Bilder gesehen und Geschichten gehört, die sich eingebrannt haben und die ich als traumatisierend ansehe, weil sie mit einem Wissen um ihre Realität verknüpft waren. Es ging dabei um Gewalt in Krieg und Bürgerkrieg, aber auch um Geschichten aus den Horrorlabors menschenverachtender KZ-Ärzte.

Ich glaube, dass unter anderem meine frühere Beschäftigung mit diesem Leid, die sich aus meiner Geschichtsaufarbeitung zweier Weltkriege und des Nazi-Grauens in Deutschland ergab, mir den Appetit an Horrorszenen verleidet hat, die das Quälen, Zerstückeln und Töten lebender Wesen darstellen und zwar generell.

Aus den Geschichtsbüchern sind mir die unendlichen Grausamkeiten der Kolonisatoren in Lateinamerika während der Conquista bekannt. Dennoch war ich über die Darstellung einiger Details in dem Film über Kolumbus 1492 entsetzt: Das Abschlagen einer Hand, das Erwürgen mit der Garotte und der blutspritzend zerplatzende Schädel eines durch Kopfschuß getöteten Soldaten waren für mich widerliche Bilder.

Beim Letzteren fragte ich mich, wieso eine Szene so gedreht wurde. Aus der Perspektive des Schützen gezeigt hätte ein Beobachter die Wirkung dieses Schusses mit einem Fernglas oder einer hochmodernen Zieloptik beobachten müssen, oder eben durch jenes Teleobjektiv des Kameramannes, denn der heranstürmende Soldat war, als er getroffen wurde, noch weit entfernt mitten im Fluß.

Ich konnte nur denken, dass diese Grausamkeit aus Effekthascherei in einen auch sonst interessanten und spannenden Film aufgenommen wurden, um eben auch die Horrorfans noch anzusprechen. Bei mir schmälert es das Vergnügen an diesem Film und ich würde beim nächsten Vorführen wegschauen.

Ich muß mich willendlich während solcher Szenen abhärten und mir die Irrealität dieser filmischen Szene bewußt machen. Es ist für mich weder ein Vergnügen, Gefühle des Erschreckens oder Ekels zu empfinden, noch mich gegen diese Gefühle abzuhärten.

Psychologisch ist es möglich, sich durch Identifikation mit der Gewalt und quasi lachend und feixend die elendigen Schreckens- und Ekelgefühle in das Gefühl zu überführen, eine blutrauschende, spannende Unterhaltung zu erleben. Aber ich würde mich dann vor mir selbst ekeln und erschrecken.

LG, Michael
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8

Freitag, 24. November 2006, 00:11

RE: Würde mir die Betrachtung von Gewalt Vergnügen bereiten, würde ich mich vor mir selbst erschreck

Angesichts der vorgerückten Stunde nur eine kurze Antwort ...

Zitat

Original von Michael
Ich glaube, dass unter anderem meine frühere Beschäftigung mit diesem Leid, die sich aus meiner Geschichtsaufarbeitung zweier Weltkriege und des Nazi-Grauens in Deutschland ergab, mir den Appetit an Horrorszenen verleidet hat, die das Quälen, Zerstückeln und Töten lebender Wesen darstellen und zwar generell.

Entweder das oder - aus buddhistischer Sicht - die Eindrücke, die aus den früheren Leben zurückblieben ...

Zitat

Dennoch war ich über die Darstellung einiger Details in dem Film über Kolumbus 1492 entsetzt: Das Abschlagen einer Hand, das Erwürgen mit der Garotte und der blutspritzend zerplatzende Schädel eines durch Kopfschuß getöteten Soldaten waren für mich widerliche Bilder.
Beim Letzteren fragte ich mich, wieso eine Szene so gedreht wurde. Aus der Perspektive des Schützen gezeigt hätte ein Beobachter die Wirkung dieses Schusses mit einem Fernglas oder einer hochmodernen Zieloptik beobachten müssen, oder eben durch jenes Teleobjektiv des Kameramannes, denn der heranstürmende Soldat war, als er getroffen wurde, noch weit entfernt mitten im Fluß.
Ich konnte nur denken, dass diese Grausamkeit aus Effekthascherei in einen auch sonst interessanten und spannenden Film aufgenommen wurden, um eben auch die Horrorfans noch anzusprechen. Bei mir schmälert es das Vergnügen an diesem Film und ich würde beim nächsten Vorführen wegschauen.

Man möge mir dieses lange Zitat verzeihen, aber das ist ein wesentlicher Punkt.
Es schmälert Dir das Vergnügen? Meinst Du nicht, daß das vielleicht genau der Punkt war, den der Filmemacher beabsichtigt hat? Eben daß Du Dich unwohl fühlen sollst, daß Du den Anblick kaum ertragen kannst? Gerde eben zu zeigen, daß Du nicht auf irgendwelche Zinnfiguren oder etwas ähnlich nicht-menschlichem schießt, wie es den Eindruck haben könnte, wenn Du aus der entfernten Perspektive des Schützen die Szene betrachtest, sondern was dieser Schütze verübt - einen brutalen Mord. Die Entdeckung Amerikas war in weiten Teilen brutal - warum sollte es beschönigend dargestellt werden? Warum soll man einen "sauberen Krieg" aus der Perspektive der Schützen (oder analog im Irakkrieg mit den Bildern der Präzisionsbomben) vorgaukeln, wenn das wahre Resultat die Verteilung des Gehirns in der Umgebung ist?
Ich glaube nicht, daß ich mich an Ridley Scotts Stelle anders entschieden hätte ...

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9

Freitag, 24. November 2006, 06:30

Meinst Du, "Hyperrealismus" von Gewalt transportiert eine wichtige Botschaft?

Zitat

Original von erik
Es schmälert Dir das Vergnügen? Meinst Du nicht, daß das vielleicht genau der Punkt war, den der Filmemacher beabsichtigt hat? Eben daß Du Dich unwohl fühlen sollst, daß Du den Anblick kaum ertragen kannst? Gerde eben zu zeigen, daß Du nicht auf irgendwelche Zinnfiguren oder etwas ähnlich nicht-menschlichem schießt, wie es den Eindruck haben könnte, wenn Du aus der entfernten Perspektive des Schützen die Szene betrachtest, sondern was dieser Schütze verübt - einen brutalen Mord. Die Entdeckung Amerikas war in weiten Teilen brutal - warum sollte es beschönigend dargestellt werden? Warum soll man einen "sauberen Krieg" aus der Perspektive der Schützen (oder analog im Irakkrieg mit den Bildern der Präzisionsbomben) vorgaukeln, wenn das wahre Resultat die Verteilung des Gehirns in der Umgebung ist?
Ich glaube nicht, daß ich mich an Ridley Scotts Stelle anders entschieden hätte ...


Lieber Erik,

ich verstehe, was Du meinst und die Absicht mag ja ehrenwert sein. Aber meinst Du auch, wenn ich ein Mörder wäre, dann würde ich nach Betrachtung eines Bildes, in dem sich ein von einer Kugel getroffener Kopf wie eine Wassermelone verhält und platzt, aufhören, ein solcher zu sein? Und meinst Du, ich wüßte nicht, dass die Konquista in Lateinamerika Blut und Tränen brachte? Bei mir kann ein Film Mitgefühl hervorrufen, ohne massive Gewalt zu zeigen. Genauso, wie bekannt zu sein scheint, dass aus dem Betrachter von Filmen, die Gewalt darstellen, nicht unbedingt Gewalttäter werden, scheint das Betrachten selbst eigener Gewalttaten durch Gewalttäter, z.B. die filmische Dokumentation von Naziverbrechen in Konzentrationslagern, oft nur Abwehr, Verstocktheit, noch mehr Verhärtung und sogar Leugnung hervorzurufen. Wie Du schon an anderer Stelle sagtest: Will man eine Botschaft transportieren, sollte man ein Telegramm schreiben (oder heutzutage eine eMail) und keinen Film drehen.

LG, Michael
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10

Freitag, 24. November 2006, 08:21

Die beiden Zitate, die ich angeführt habe, sind ja von Selbstironie durchsetzt - außerdem beides von Hütern der Seichtheit ... ;)
Natürlich kann es auch gerne aseptische Unterhaltung im Formate von Doris Day geben, aber das kann ja nicht das einzige sein.
Filme wollen bewegen - auch wenn sie sicher keinen um 180° drehen können, so wollen sie doch wenigstens Leute anstoßen ... und natürlich versuchen viele Filmemacher ihre Botschaft in Filme zu verpacken. Sie müssen sich halt nur darauf einstellen, daß sie nicht von jedem Zuschauer dechiffriert werden ...

Aber natürlich gibt es auch Filme, die nur nach dem Schockprinzip funktionieren. Die Suche nach dem Thrill und Schock gab es schon immer - nur die nun notwendige Schockmenge ändert sich (während früher Frauen bei Jeckyll & Hyde reihenweise ihn Ohnmacht gefallen sollen, würde heute das Stück ein müdes Lächeln hervorbringen). Doch - und da sind wir etwas wieder bei der Ausgangsfrage - woran liegt das? An den bösen fiktiven multimedialen Erscheinungen oder an den realen?

Schau Dir übrigens mal an, mit welcher begeisterten Geilheit sich die Bild in der ganzen Thematik suhlt:

Zitat

Amokläufer
Schüler feiern ihn als Helden
Was ist bloß mit unseren Kindern los? Für manche wird Bastian B. (†18), der in Emsdetten einen Massenmord plante, zur Kultfigur, zum Helden! Es ist pervers! Im Internet gibt es sogar ein Verehrungs-Video.


Ich muß übrigens sagen, daß das betreffende Video schon sehr interessant ist - aus soziologischer, psychologischer und medienwissenschaftlicher Hinsicht.
Wie konnte so ein Video zustande kommen? Natürlich nur durch die Massenmedien, die jetzt ihren wunderbaren Stoff genau dadurch aufgefrischt bekommen.
Wenn man mit weniger Aufgeregtheit mal die Fühler anlegt für die Untertöne nimmt man schon Anklagen wahr. Gegenüber Sebastian, gegenüber den Medien, gegenüber den ganzen Bedingungen, die dazu führten, daß ein Teenager nicht einfach Selbstmord begeht, sondern einen derartigen medienwirksamen Abgang nimmt.
Aber wie sieht ein Psychologe z.B. solch einen Film?

[size=1](Übrigens - auf einem ganz anderen Blatt: Wollte der Amokläufer z.B. wirklich töten? Ich würde - wenn Computerspiele & Co wirklich so toll wirken sollen - einem solchen Jungen dann ja unterstellen, daß er besser zielen kann, bzw. weiß, wohin er schießen müßte zum richtigen Töten. Oder brauchte er nur etwas Kollateralschaden für seine Inszenierung?)[/size]

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11

Freitag, 24. November 2006, 13:00

Ideengeber Realität oder Fiktion?

Polizei verhindert Amoklauf an Schule
Fahnder haben einen 17-jährigen Schüler in Berlin festgenommen. Der Jugendliche hatte Klassenkameraden gegenüber einen Amoklauf in seiner Schule angekündigt. Die Mitschüler alarmierten die Polizei.
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,450525,00.html

12

Mittwoch, 6. Dezember 2006, 10:48

Und wieder:

[size=1]ANGST VOR AMOKLAUF[/size]
Polizei fahndet nach 18-jährigem Schüler
Die Amoklauf-Warnung eines Unbekannten im Internet hat in Baden-Württemberg große Unruhe ausgelöst. Die Polizei sucht im Zusammenhang mit der Drohung nach einem Gymnasiasten aus Offenburg. Mehrere Schulen werden nun durchkämmt, Spezialkräfte und Hubschrauber sind im Einsatz.
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,452786,00.html

Hmm. Wovon wurde der Jugendliche wohl inspiriert? Von Computerspielen oder der massenmedialen Geilheit ... verzeihung ... Hysterie vom letzten mal?! :pill

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13

Mittwoch, 6. Dezember 2006, 19:01

"Virtuelle" und "reale" "Wirk-lichkeiten"

Zitat

Original von erik
Hmm. Wovon wurde der Jugendliche wohl inspiriert? Von Computerspielen oder der massenmedialen Geilheit ... verzeihung ... Hysterie vom letzten mal?! :pill

Lieber Erik,

es scheint, als habe auch dieses im Internet angekündigte Ereignis eine tragische Wende genommen: Der 18-Jährige habe sich mit einer Pistole seines Großvaters getötet. Mitspieler des Internet-Ballerspiels seien aufmerksam gewesen und hätte ihre Information der Polizei gemeldet. Ob sich derjenige, der den Amoklauf angekündigt hatte, dadurch eingeschüchtert fühlte und von der Tat Abstand nahm? Ob er sich deshalb umbrachte? Ob alles ganz anders verlaufen wäre, wenn er sich nicht im Internet erklärt und die Medien nicht berichtet hätten? Wer weiß das?

Ich gebe Dir recht, Erik, dass die mediale Verarbeitung und Darstellung solcher
"Nachrichten" bei den Machern wie Konsumenten Bedürfnisse nach Aufregung, Neugier, Grusel auf eine möglicherweise sehr fragwürdigen Art befriedigen könnte. Ich würde nicht unbedingt so weit gehen, dass nur dieses mediale Interesse Nachahmer und Trittbrettfahrer ermutigt. Der Verdacht liegt nahe und doch kommen wir um eine differenzierte Betrachtung nicht herum, die die soziale Wirk-lichkeit in unserer Gesellschaft und in unseren Schulen als Teil davon einschließt.

Und wenn wir genauer hinsehen, können wir nicht ignorieren, dass bestimmte Institutionen in unserer Gesellschaft (inklusive Familie, Schulen, Ämter, Parteien, Kirchen, Parlamente, Gerichte, Universitäten...) mit Regeln und Meßinstrumenten, das heißt z.B. Vergleichen, mit Moral und Glaubenssätzen operieren, nach denen wir uns in Gewinner und Verlierer, Gläubige und Ungläubige, Loyale und Verräter, Sünder und Gerechte etc. unterteilen lassen könnten. Und solche Einteilungen werden auch tatsächlich getroffen, von uns selbst über uns selbst im Vergleich zu anderen und über andere im Vergleich zu uns und von anderen über uns.

Es ist kaum möglich, innerhalb eines solchen Systems zu entkommen: Entweder Gewinner oder Verlierer. Entweder gut oder schlecht, gerechtfertigt oder im Unrecht, richtig oder falsch. Es gehört Mut dazu, sich völlig außerhalb des Systems zu stellen und es ist schwer, weil es in uns selbst so fest verankert ist. Das "Ich" ist damit verbunden. Es hütet diese Glaubenssätze, setzt sich darauf und denkt, es sei seins. Die Jugendlichen, die mit schrecklichen Taten drohen und sie zum Teil auch versuchen, legen ihre Finger an die Wunden unseres Selbstverständnisses und unserer Gesellschaft. Sie sind noch Ohnmächtige und handeln so, in ohnmächtigem Zorn.

Die Erwachsenen, die sich mächtig glauben, handeln schon immer so Erwachsenen: Sie, also auch wir, sind für unsoziale Gesetze verantwortlich, für Kriegserklärungen, soziale Kälte, Börsenspekulationen, Ausweisungen von Asylbewerbern, unfreundlichen Schulen, Leistungsdruck vom Kindergarten an. Erwachsene definieren, was verrückt ist, weisen ein, richten usw. Jugendliche drohen Terror an. Der real existierende Terror wird von den Erwachsenen in dieser Welt unterhalten, notfalls, indem sie Kindersoldaten rekrutieren.

Und bei all diesen Aktivitäten dienen Medien nicht nur als Unterhaltungs- sondern auch als Herrschaftsinstrumente. Und was die "Wahrheit" ist, erfährt man aus den Medien eben nicht. Ob die Medien, auch "demokratische" dadurch Wirklichkeit kreieren? In den Köpfen vermutlich schon. Und kennen wir die Wirklichkeit außerhalb unseres Kopfes? Sehr oft vermutlich nicht. Was wir in unseren Kopf aufnehmen, was wir glauben, könnten wir dennoch selbst bestimmen...

Es könnte einen Ausweg bedeuten, dass wir als Erwachsene wieder bewußt unsere Kindheitserfahrungen von Parallelwirklichkeiten in uns wach rufen und Dinge unbewertet und unverglichen nebeneinander stellen: Es kann Liebe und Haß geben, Eigennutz und Gemeinnutz, falsch und richtig, häßlich und schön, Moral und Unmoral, gleichzeitig. Es kann sein, dass Dinge nicht zu erklären, nicht zu rechtfertigen sind, ohne Vergleich, aber es kann sein, dass es nicht zu rechtfertigen ist, zu vergleichen und auch nicht möglich und doch wird es gemacht. Es kann alles sein, irgendwo, irgendwann, jetzt...

LG, Michael
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14

Mittwoch, 6. Dezember 2006, 19:02

Ich frage mich ja manchmal, ob Journalisten ab und zu bei einem Einstellungsgespräch die Benutzung des eigenen Verstandes zum vornherein untersagt wird.

Ansonsten müssten doch dem einen oder anderen gewisse Zusammenhänge in seiner Umgebung auffallen?

Als meine Kinder klein waren, da war grad die Devise "unsere Kinder bekommen kein Kriegsspielzeug!", in. Entsprechend war es bei vielen Eltern verpönt, wenn ein Kind eine Spielzeugpistole oder Ähnliches zum spielen benutzte. Meine Kinder haben allerdings mit Hingabe alle möglichen Knallpistolen, Plastikkugelgeschütze, Saugnapfpfeil-Geschosse usw. in ihren Rollenspielen eingesetzt. Mein jüngster Sohn hat vermutlich auch jedes der absolut verpönten Killerspiele mit Vergnügen an Konsolen und PC durchgespielt, was wahrscheinlich der Grund ist, warum er im Militärdienst bei jeder Schiessübung ausgesprochen erfolgreich ist. Allerdings hat er sich zu den Sanitätern einteilen lassen, weil er der Ansicht ist, das sei das einzig Sinnvolle, das man im Militärdienst machen könne. Einen Anspruch auf Zivildienst gibt es bei uns ja nicht.

Im Austragen ihrer Geschwisterkonflikte zeigten meine Kinder erstaunlich wenig Gewaltanwendung und heute als Erwachsene, sind alle drei sehr rücksichtsvolle und mitfühlende Menschen. Es ist das, was wir ihnen mit viel Anstrengung und Selbstreflexion versucht haben vorzuleben und natürlich bemühten wir uns, auch so mit ihnen umzugehen.

In all den Jahren hatte ich genug Möglichkeiten andere Kinder zu beobachten. Kinder, die keine Spielzeugpistolen benutzen durften und dafür jeden Ast und jedes Legomodell als Waffe "missbrauchten", Kinder, die kaum, dass ihre Eltern wegguckten, andere Kinder schickanierten und tracktierten, obwohl sie nur "freundliche" Spiele am PC spielen durften.

Wie soll ein Kind von den Vorzügen des gewaltfreien Umgangs überzeugt werden, wenn der Vater der Meinung ist, er hätte das Recht bei Gefühlsaufwallungen Ohrfeigen oder Schlimmeres zu verteilen oder wenn die Mutter glaubt ihre guten erzieherischen Absichten dürften oder müssten sogar mit körperlicher Gewalt durchgesetzt und untermauert werden?

Meiner Überzeugung nach haben Gewalt ausübende Kinder Gewalt an sich selber oder an ihren nächsten Angehörigen erlebt. Durch's blosse Beobachten in Filmen oder Spielen entstehen keine Aggressionen, die dann gewaltätig an anderen Menschen ausagiert werden.

Aber natürlich ist es viel einfacher, Spiele und Filme zu verbieten, als an sich selber und den sozialen Umständen zu arbeiten.

Grüsse
Bea
The purpose of life is joy; its basis is freedom; its result is growth.
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15

Mittwoch, 6. Dezember 2006, 22:23

"Du sollst mich nicht vergleichen..."

Zitat

Original von Michael

Und wenn wir genauer hinsehen, können wir nicht ignorieren, dass bestimmte Institutionen in unserer Gesellschaft (inklusive Familie, Schulen, Ämter, Parteien, Kirchen, Parlamente, Gerichte, Universitäten...) mit Regeln und Meßinstrumenten, das heißt z.B. Vergleichen, mit Moral und Glaubenssätzen operieren, nach denen wir uns in Gewinner und Verlierer, Gläubige und Ungläubige, Loyale und Verräter, Sünder und Gerechte etc. unterteilen lassen könnten. Und solche Einteilungen werden auch tatsächlich getroffen, von uns selbst über uns selbst im Vergleich zu anderen und über andere im Vergleich zu uns und von anderen über uns.


Übrigens sagte schon Jiddu Krishnamurti: "Vergleich tötet!"

Michael
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Freitag, 8. Dezember 2006, 09:33

"Virtuelle" und "reale" "Wirk-lichkeiten": nichts ist wahr!?

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Original von Michael

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Original von erik
Hmm. Wovon wurde der Jugendliche wohl inspiriert? Von Computerspielen oder der massenmedialen Geilheit ... verzeihung ... Hysterie vom letzten mal?! :pill

Lieber Erik,

es scheint, als habe auch dieses im Internet angekündigte Ereignis eine tragische Wende genommen: Der 18-Jährige habe sich mit einer Pistole seines Großvaters getötet. Mitspieler des Internet-Ballerspiels seien aufmerksam gewesen und hätten ihre Information der Polizei gemeldet. Ob sich derjenige, der den Amoklauf angekündigt hatte, dadurch eingeschüchtert fühlte und von der Tat Abstand nahm? Ob er sich deshalb umbrachte? Ob alles ganz anders verlaufen wäre, wenn er sich nicht im Internet erklärt und die Medien nicht berichtet hätten? Wer weiß das?


Wir können die Weiterentwicklung dieser Meldung, die als angebliche "Nachricht" durch alle Medien ging, als warnendes Beispiel für den Umgang mit der "Wahrheit" in der so genannten "Wirklichkeit" nehmen: Nun heißt es, dass der junge Mann, der Selbstmord begangen habe und zuvor wegen angeblicher Attentatspläne, die er in das Internet gestellt hätte, gejagd wurde, diese Mitteilung nie geschrieben hätte. Sein PC sei überprüft worden und auch "Killerspiele" seien nicht gefunden worden.

War das nun ebenfalls ein "Killerspiel", in dem Mißgünstige, "Witzbolde", Trittbrettfahrer, die immer noch Drohungen streuen, zum Hallali auf einen Depressiven blasen ließen, der sich dann die Kugel gab - und niemand habe dies verhindern können? Ich glaube, die Angelegenheit wirft mehr Fragen auf, je länger man darüber nachdenkt.

Jedenfalls bereiten Gedanken die Wirklichkeit vor und jede Art von "Medium", das ja dem Namen nach zwischen wechselseitigen Sendern und Empfängern vermittelt, hat seine eigene Realität und formt ständig eine Neue. Deshalb gibt es auf dieser Ebene niemals eine verbindliche Wahrheit, sondern nur mehr oder weniger locker miteinander verbundene flüchtige Realitäten des Augenblicks und eine wage Schnittmenge von ihnen.

Letztlich ist alles "Unterhaltung" und man kann sich mit Fug und Recht fragen, welche Art Gefahr vom Spiel eines Einzelkämpfers vor seinem Bildschirm ausgeht und welche Möglichkeiten und Gefährdungen vom Unterhaltungsspiel aller unkontrollierbar interagierenden Mediennutzern, die gesellschaftliche Realitäten reflektieren und kreiieren.

Und man könnte weiter fragen, welche Gefahr von denen ausginge, die nun wieder die Kontrolle über die Medien und Meinungen verlangen und eventuell die Mittel hätten, in diese Richtung weiter zu agieren. Der Preis unserer so genannten Freiheit ist auch das leicht Geglaubte und das Unglaubliche. Sollten wir deshalb den Preis der Meinungs- und Mediendiktatur zahlen? Wir wissen doch: nichts ist wahr - auf dieser Ebene.

Michael
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Donnerstag, 9. April 2009, 01:20

Studie zum Einfluss von Killerspielen auf gewalttätiges Verhalten

Zur ausufernden Diskussion, ob "Killerspiele", insbesondere so genannte "Ego-Shooter", die Gewaltbereitschaft Jugendlicher erhöht und Amokläufern als Ansporn oder Vorlage dient, gibt es nun aus wissenschaftlicher Sicht aufgrund einer Studie einer Kölner Psychologin, Julia Kneer, die zu erwarten gewesene widersprüchliche Antwort: Ja, jein, nein. Soviel zum Wert von Wissenschaft und Expertentum bei soziopsychologischen und kriminalistischen Fragestellungen:

Zitat

Aus n-tv.de vom Montag, 6. April 2009

[SIZE=3]Keine wissenschaftlichen Beweise: Aggressivität durch Killerspiele[/SIZE]

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen eindeutigen Nachweis, dass Computerspiele tatsächlich Gewalt oder Aggressionen bei Jugendlichen hervorrufen können.

Es seien viele Faktoren, die darauf einen Einfluss hätten, sagte die Kölner Psychologin Julia Kneer nach einer Tagung empirisch arbeitender Psychologen an der Universität Jena. "Für Gewalt braucht es zum Beispiel Frustration, die geht voraus." Einige Studien belegten einen minimalen Zusammenhang zwischen der Bereitschaft zu Gewalt und dem Spielen von Killerspielen wie Ego-Shootern. Andere Studien wiederum zeigten, dass es keinen Zusammenhang gebe oder sogar eher, dass Spieler weniger zu Gewalt neigten "das scheint ja widersprüchlich", erklärte Kneer, die an der Universität Köln forscht.

Die Spiele könnten zwar ein Gewaltpotenzial bei den Spielern hervorrufen; die Gewalt dann auch auszuleben, sei jedoch ein anderer Faktor. "Auf Computerspiele allein sind Amokläufe nicht zurückzuführen. Da spielten Komponenten wie das soziale Umfeld, die Persönlichkeitsstruktur, Isolation und Frustration eine Rolle." Bei den Amokläufern in Erfurt und Columbine und auch in Winnenden wurden im Elternhaus Gewaltspiele und -filme gefunden. "Die Amokläufer hatten diese Spiele daheim, aber welcher 18-Jährige hat das nicht?", fragte Kneer. Die Debatte über den Zusammenhang von gewaltverherrlichenden Computerspielen und Aggression gebe es seit den 1980er Jahren. Mitte der 90er Jahre wurde die Darstellung von Ego-Shootern und anderen Computerspielen realistischer und der Streit erneut entfacht.

Nur Freude am Spielen

Kneer untersuchte in einem eigens konzipierten Experiment die Wahrnehmung eines Gewaltspiels durch Jugendliche, die in ihrer Freizeit regelmäßig spielen und solchen, die es noch nie getan haben. "Wir haben herausgefunden, dass die Dauer des Spielens keine Auswirkung auf die Aggressionsbereitschaft hat." Junge Erwachsene, die gern und oft Zeit mit Spielen wie "Counterstrike" oder "Unreal Tournament" verbringen, würden damit nicht Gewalt verbinden, sondern eher die Freude am Spielen, den Zeitvertreib.

Die Studie zeige aber auch, dass mit den Gewaltspielen Aggressionen assoziiert werden. Eine der Gruppen im Experiment hatte noch nie zuvor ein solches Spiel gespielt, wurde aber vor dem Start der Untersuchung darüber informiert, dass dies Bestandteil sein werde. Diese Gruppe zeigte nach dem Experiment eine erhöhte Reaktion auf aggressive Reize. "Wir führen das auf die negative mediale Beeinflussung zurück", erklärte die Psychologin. Die Versuchspersonen hatten schon vor dem Spielen Aggressionen aufgebaut, da sie das mit den Spielen verbinden.

Weitere Quelle [URL=http://portal.gmx.net/de/themen/digitale-welt/games/7926788-Killerspiele-machen-nicht-gewaltbereit,page=0.html]dpa[/URL]


Michael
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Sonntag, 14. September 2014, 10:44

Fragen zur "Jugendgewalt", zur Rolle der Medien, der Medizin und besonders der (Jugend-)Psychiatrie

Kürzlich kam Wilhelmshaven wieder zu fragwürdiger Aufmerksamkeit als eine (frühere) "Verbrechenshochburg", diesmal aus Anlass eines von Jugendlichen verabredeten, inszenierten und mit ihren Mobiltelefonen gefilmten Gewaltexzesses. Die verstörenden Szenen wurden dann von Tätern wie die tatenlos gaffenden Zeugen in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet und lösten ein Medienecho aus. Schauerliche Empörung auf der einen Seite, künstliche Aufregung, doch auch Aufrufe zu Lynchjustiz verbreiteten sich. Journalisten von Skandalmedien versuchten in den Schulen gegen entsprechende Geldangebote möglichst wüste Geschichten als "Zeugeninterviews" aus willigen Schülern herauszulocken. Als auch ein Sohn des Jugendamtleiters um seine "Story" angegangen wurde und sich ein Student mit Friedensaktivisten zu einer Anti-Gewalt-Demo versammelten und den Schulterschluss mit Etablierten der Politikszene suchten, planten verschiedene Träger sozialer und öffentlicher Jugendarbeit und das Jugendamt eine Tagung zur Gewaltprävention, einen sogenannten "Präventionstag Jugendgewalt".

Wilhelmshaven war zuvor gerade dabei, seinen angeblich so schlechten Ruf zu verlieren, den man aber nur kennt, wenn man bestimmte beklagende Medienberichte wahrnimmt und trockene Statistiken konsultiert oder - wie überall in Ballungsgebieten mit sozialen Brennpunkten, sich vor Ort selbst um das Elend kümmert. Nach Hannover galt diese Marinestadt, deren Rüstungsindustrie nach dem Krieg nie dauerhaft in eine blühende Friedensindustrie mit einem breit aufgestellten Güterhafen verwandelt werden konnte, sodass es seit Jahrzehnten erhebliche strukturelle Probleme gibt, als Verbrechenshochburg Nummer Zwei in der Bundesrepublik. Dabei waren aber fast alle Delikte der Kriminalstatistik erfasst. Zu den besten Zeiten nahm die "grüne Stadt am Meer" sogar den ersten Platz ein, wenn man das Delikt "Schwarzfahren" nicht berücksichtigte, ein Sport, den die Hannoveraner besser beherrschten - und sich erwischen ließen. Statistiken zufolge hat Wilhelmshaven aktuell anscheinend "nur" noch Platz Drei, ist aber durch das Gewaltvideo einer Prügelattacke von eifersüchtigen und rachsüchtigen Teenagern gegen einen anderen wieder "Medienliebling" zum Thema Jugendgewalt geworden, eine sicher fragwürdige "Ehre".

Nicht erst seit diesen Ereignissen ist unter anderem die Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht nur in dieser Stadt eine der ersten Adresse von beunruhigten Leuten quer durch die Bevölkerung einschließlich professioneller Helfer und Amtsträger, wenn es darum geht, mit irgendeinem Phänomen von Gewalt bei Jugendlichen umzugehen. Die Leute laden ihre Empörung ab, schimpfen über die Gesellschaft, ihre Stadt, die Eltern und die Kinder und natürlich inzwischen über das Internet an sich, das immer noch inhaltlich von Erwachsenen beherrscht, betrieben und reguliert wird und wollen, dass man das Problem mit diesem "kranken Verhalten" professionell und geräuschlos in der Psychiatrie regelt und löst.

Obwohl sich nicht nur aber doch mehr vernachlässigte Kinder und Jugendliche, nach denen kein Hahn kräht und für die sich niemand wirklich interessiert, und die statt ausgehandelte und durchgesetzte Regeln abstrakte Verordnungen und Verbote ohne persönliche Verantwortliche kennen lernen, mehr als andere ihre Stunden und ganze Tage in den irrealen Weiten des "world wide web" verbringen, gibt es in zwischen schon Suchtklinik-Angebote gegen "Internet-Sucht". Wie oft werden bestimmte Ursachen mit Schuldvorwurf individualisiert, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen heute z.B. die Beziehungsgestaltung zwischen Erwachsenen und Kindern und jungen Leuten untereinander stattfinden, werden aber nur unvollkommen wahrgenommen und analysiert.

Die persönliche Sprachlosigkeit in Beziehungen aber ist u. a. ein schon lange bekannter Faktor bei der Entstehung gewaltsamer Lösungsversuche zwischen Menschen und eine neue Sprachlosigkeit und Unfähigkeit, in realen Beziehungen Stellung zu beziehen und Verantwortung zu übernehmen, gibt es digitalen Medien und ausufernden Internet-gestützten Kommunikationstechniken in sozialen Netzwerken des IT-Zeitalters zum Trotz offenbar wieder mehr als zuvor oder mindestens genauso viel wie in den Zeiten vor der Globalisierung und ständigem internationalen Datenaustausch. So scheint es mir am Ende nicht schwieriger, heutzutage Vorurteile aufgrund von Halbwissen und Propaganda aufzubauen, als zur Zeit der Kreuzzüge und der davor erlebten muslimischen Eroberungen, es geht nur viel schneller. Über den "Wahrheitsgehalt" von Gerüchten, die Informationen über angebliche "Fakten" doch meist nur sind, kann damals wie heute mit allen Waffen gefochten werden und natürlich stets: gewaltsam.

Also haben wir uns unter Mitarbeitern und Therapeuten unserer Einrichtung schon öfter über dieses offensichtlich verbreitete Thema unterhalten und sind durch unsere Arbeit natürlich ständig mit den gesellschaftlichen Diskursen über Gewalt und speziell Jugendgewalt sowie die Bedeutung der Medien dabei in Berührung gekommen. Also haben wir auch in der zeitlichen Nähe der medial aufgerührten Entrüstungsstürme über die jüngst bekannt gewordenen Phänomene reflektiert, auch ohne "Präventionsveranstaltungen", die wir uns natürlich anschauen, bewusst ohne als Vertreter der Seelenheilkunde einen prominenten Platz in der Mitte der sich berufen fühlenden Experten als Problemlöser einnrhmen zu wollen. Dabei sind bei der Vorbereitung einer kleiner internen Diskussionsrunde am 2.7.14 schon Ende Juni ("Literatur-Club") unter anderem die folgenden Gedanken und am Ende Fragen zu einer allgemeineren Einordnung des Phänomens entstanden:

Zunächst scheint es überall, auch bundesweit dasselbe zu sein: Wenn in unserer "aufgeklärten Gesellschaft" (eigentliche eine Gesellschaft nach der Aufklärung und Entmystifizierung der sog. Rationalität) über Jugendgewalt diskutiert wird, schäumen die Wogen aller möglichen Emotionen und das selbst oder gerade dann, wenn "Fachleute" und "Experten" an den Stammtischen Platz nehmen, die heutzutage auch in Fernsehstudios aufgebaut werden und sozusagen den intellektuellen Überbau der "Reallity-Soaps" und "Dokus" auf RTL und Co. bilden (sollen). Medien sind dabei immer auch Verkäufer von Waren. Diese sollen begehrt sein und sind es, wenn sie unterhaltsam sind, sodass angebliche Informationen und Nachrichten besonders nach ihrem emotionalen Mobilisierungswert beurteilt, gekauft, verkauft und verbreitet werden. Worüber die Leute sich aufregen können, darüber kann man berichten und Nachrichten machen und diese verkaufen. Hier geht die Rationalität des Geschäftssinnes von Medienunternehmen und die Irrationalität der Lust nach dem Außergewöhnlichen, ob nun im abartig grausamen oder lustvollen Bereich spielt meist nur für die Moral eine Rolle, eine unheilige Allianz ein.

Etwas mehr Intellektualität und Faktisches täte allerdings der Diskussion über Ursachen und Wirkungen der Phänomene von Gewalt tatsächlich oft gut, gerade wenn man der Emotion und dem subjektiven Erleben, das für die Beziehungsgestaltung so wichtig ist, Raum geben möchte und die Realität in der Gesellschaft würde mehr Aufrichtigkeit, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und daraus entstehendes sachgerechtes und durchaus emotional einfühlsames Beziehungshandeln verlangen, als pseudowissenschaftliche Schuldzuweisungen und pseudointelligentes, rationalisiertes Weggucken. Denn der auch schon oft gewaltsam anmutende innerliche wie äußerliche, gesellschaftlich ausgetragene "Kampf" zwischen Emotion und Ratio ist nicht selten ein Teil des Problems unglücklicher menschlicher Konfliktbewältigung mit gewaltsamen Methoden, nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch und gerade in den intimen Binnenbeziehungen.

Die Gesellschaft als verfasstes oder soziologisch fassbares Ganzes, aus den vielen Individuen bestehend, hat eben auch schon lange und immer noch ein Gewaltproblem und das löst man nicht durch Verbieten und Weggucken. Wir wenden unbewusst und bewusst tagtäglich Gewalt als scheinbaren Problemlöser auf unterschiedlichen Beziehungsebenen an und setzen das medienwirksam in öffentlich zugänglichen Medien selbst für die kleinsten Zuschauer in Szene. Nicht nur Jugendliche tun das. Die auf youtube und ähnlichen Medien hochgeladenen Gewaltvideos sind nur eine Spitze des Eisbergs. Sie suggerieren - unrichtigerweise, wenn man das aktuell statistisch nachprüft - dass ausgerechnet Jugendgewalt auf dem Vormarsch ist und verschleiern, dass gewaltsames Handeln in der von Erwachsenen und alten Männern beherrschten Gesellschaft seit geschichtlichen Zeiten und heute so gut wie gestern an der Tagesordnung ist und medial verbreitet wird.

Auch Nachrichten der Art, wie ich sie gerade erwähnt habe, sind unabhängig davon, ob eine einflussreiche diktatorische Macht- oder Wirtschafts-Klique sie kontrolliert und verbreitet, oder eine sich selbst mehr oder weniger "demokratisch" organisierende Strömung vieler gesellschaftlich relevanter Kunden und Nutzer von Informationssystemen, am Ende zutiefst manipulativ, formen Meinungen, Strömungen und nach virtuellen Fakten dann faktische Realitäten. Der Glaube versetzt Berge, das wussten wir zu allen Zeiten, auch ohne Maos Zitat dieser simplen Wahrheit. Staaten und nichtstaatliche Organisationen lösen seit jeher und bis heute ihre Probleme mit jeder Form von Gewalt und berichten davon oder lassen davon berichten, natürlich nicht ohne tendenziöse oder eindeutige Bewertung. Aushungern, Vertreiben, Vernichten, Verminen, Vergewaltigen, Missbrauchen, Verschleppen, Wegsperren, Ermorden, Foltern, Hinrichten, mit Krieg überziehen... Gewalt gegen Zivilisten, Journalisten, Menschenrechtler, Frauen, Kinder, Minderheiten, Gewalt
gegen die Umwelt - das ist unsere Realität. Gewalt im Märchen ist nur ein Märchen, in der Realität wird sie von Erwachsenen in aller Welt geübt, gelehrt und angewendet.

Die von jüngeren Erwachsenen ersonnenen und älteren erfolgreichen Konzernherren der Unterhaltungsindustrie inflationär verkauften Computer-Spiele, in denen die jungen "Ego-Shooter" die Abenteuer mit brilliant in Bildszenen gesetzten Gewaltorgien bestehen und nicht Probleme lösen, sondern Siege feiern, während sie sonst nichts im wirklichen Leben als Kinder und Jugendliche zu melden haben, sind nur ein kleiner Teil der gewaltsamen Bilder- und Nachrichtenfluten aus Fernseh- und Computerbildschirmen, die unsere Wohn- und Kinderzimmer über digitale Medien Tag und Nacht überschwemmen. Auch diese "Nachrichten" und ihre Auswahl stellen in ihrer oft realitätsnah inszenierten Grausamkeit letztlich eine Vergewaltigung des Gemüts dar und führen zu Folgen wie z.B. Traumatisierungen, gegen die sich Viele durch Abstumpfung zu schützen suchen, denn sonst drohen erkennbare seelische Symptome.

Mit der durchaus zivilen, aber realen Amtsgewalt bekommen es übrigens die Kinder und Jugendlichen zu tun, die sich gegen tatsächliche oder vermeintliche Übergriffe, Mobbing, Schlägereien, Verleumdung im Internet, Misshandlung, Ausgrenzung und Diskriminierung mit verbaler oder tätlicher Gewalt z.B. auf Schulhöfen, in Klassenzimmern oder im Netz zur Wehr setzen, weil sie es so gelernt und gesehen haben. Gewalt in und durch Kinderhände und -münder ist genauso verboten wie eigentlich Gewalt gegen Kinder. Die Kinder sollen wie beim Alkohol-, Nikotin- und sonstigen Drogenkonsum mit der Gewaltanwendung so lange warten, bis sie erwachsen sind und in eine Rolle hinein kommen, in der sie legitim Gewalt anwenden dürfen, z.B. als Gegengewalt, Präventivgewalt, schützende Gewalt, bewahrende Gewalt, begrenzende Gewalt, heilende Gewalt, so wünschen es sich die wohlmeinenden "gesellschaftlich relevanten Kräfte".

Wenn die Jugendlichen nach der bei uns üblichen Kindheit und Jugend Partner und Eltern geworden sind, Erzieher, Pfleger, Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte, Psychologen, Polizisten, Juristen, Soldaten und Politiker, können sie legitime Formen der Gewaltanwendung kennen lernen und ausüben, oft mit den subtilsten Mitteln. Sie dürfen auch lehren, wie man sich selbst vergewaltigt mit allerlei "Sachzwängen", mit Geld, Arbeit, scheinbaren Zeitmangel, Drogen, unmäßigem Essen, Trinken und Konsumieren, mit Ideologien und sektiererischen Religionen und mit dem guten Willen, alles richtig zu machen, es allen recht zu machen und, damit das Ergebnis auch richtig bleibt, alles Kontrollierbare zu kontrollieren, sich selbst, die eigenen Gefühle, die Kinder, den Partner, die Nachbarn, die Kollegen, die Untergebenen, die Gesellschaft, die Krankheit und die Gesundheit, das Leben und den Tod und sogar die Hölle und das Paradies.

Was da so waltet in uns und um uns, diese Gewalt in ihren unterschiedlichen Gewändern, die erkennen wir nicht einmal als solche, doch auch oder gerade, wenn es nicht die "nackte Gewalt" ist, müssen wir doch am Ende ehrlicherweise oft bekennen: wir haben sie nicht im Griff, sie hat uns im Griff, indem wir uns blind mit angeblich legitimen Formen identifizieren und gegen die angeblich illegitimen Ausdrucksweisen vorgehen. Und gleichzeitig wird alles in diesem Zusammenhang verschleiert, verflucht oder schön geredet, verfälscht, verschwiegen und verheimlicht, auch vor uns selbst. Wir sehen nicht mehr klar, durch den Balken im eigenen Auge und der Splitter im Auge des anderen ist für uns der einzige Stein des Anstoßes.

Dabei ist es eine Tatsache, dass es in Gesellschaften die Themen Macht und Gewalt geben muss, dass sie äußerst ambivalent sind und dass ohne Klarheit, Wahrheit und Aufrichtigkeit, die ihre Zeit und ihren Raum benötigen, um sich entfalten zu können, ein unentwirrbarer Sumpf droht. Auch die Natur kennt Gewalten und sie kennt Aggression. Ohne dieses kraftvolle, aneignende sich Annähern an ein Objekt, z.B. unsere Nahrung, ob tot oder lebendig, könnten wir nicht essen und nicht leben. Somit ist die ursprüngliche Aggression eine Funktion im Dienst der Lebensenergie, wie der ursprünglich tiefenpsychologisch orientierte Psychosomatiker Dr. Ruediger Dahlke in einem ganzen Buch beschreibt.

Können unsere Wahrnehmungen von Gewalt und unsere Beschreibungen über Gewalt überhaupt vollständig und wahrhaftig sein? Sind wir nicht zu unbewusst, zu ängstlich, zu projektiv, voller blinder Flecken auf der einen Seite und geheimnistuerisch auf der anderen? Ein schönes Bild, wie unterschiedlich Gewalt beschrieben werden kann, ist m. E. ein Ausspruch aus der Zeit gewalttätiger, bewaffneter Konflikte zwischen autoritärer Staatsmacht und Guerilla in Lateinamerika: "Man nennt den reißenden Fluss gewalttätig, aber nicht das Ufer, das ihn einengt." Klar wird dadurch auch: die eine Gewalt lässt sich von der anderen nicht trennen, sie bedingen einander.

Hilft die Psychiatrie und in unserem Falle die Kinder- und Jugendpsychiatrie dabei, das Phänomen der Gewalt in unserer Gesellschaft im Allgemeinen und der Jugendgewalt im Besonderen zu verstehen, zu beschreiben und handhabbar zu machen? Sind psychiatrische Einrichtung jeder Spezialität in einer sich ratlos und hilflos gebenden, ohnmächtig
gewaltsam reagierenden Gesellschaft die "Kläranlage" für fehlgeleitete, gewaltsam ausufernde aggressive Lebensenergie? Können wir das Gewaltproblem der Gesellschaft verstehen, behandeln, lösen, indem wir die Kinder und Jugendlichen mit ihrem oder gegen ihren Willen im Auftrag der Erwachsenen "behandeln"?

Wären nicht andere geistes- und humanwissenschaftliche Disziplinen mindestens genauso aufgerufen, Erklärungen zu suchen und den Diskurs mitzugestalten: Philosophie, Soziologie und Kulturwissenschaften, Politologie, pädagogische und Erziehungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Kommunikationswissenschaften, Gender-Forschung, Verhaltensforschung, Anthropologie, Ethnologie, Neurobiologie, Theologie? Warum scheint das Ende des Diskurses so oft der Verweis auf die Medizin, die Psychiatrie zu sein? Oder warum hauen Meinungsmaßgebliche und Meinungsmacher rhetorisch auf den Tisch und rufen: "Basta, genug geredet, das mögen die Philosophen tun, nun muss erst mal der Psychiater eine Selbst- und/oder Fremdgefährdung durch angedrohte Gewalt unterbinden", dann an diesem Punkt übrigens egal wie, auch mit Einsperren, Fesseln, Psychopharmaka?

Ist die Psychiatrie der pharmakologisch bewaffnete Arm der Gesellschaft, wenn diese ethisch, moralisch, politisch nicht mehr weiter weiß? Sind wir als Mitarbeiter psychiatrischer Einrichtungen somit am Ende aller Ratio die ultimative Gewaltlösung an der vermeintlichen Wurzel allen Übels, der so genannten Seele des Menschen, des Individuums und ziehen wir uns damit aus unserer persönlichen und kollektiven Verantwortung als angeblich Gesunde, Normale, Angepasste im Gegensatz zu den Abnormen, Gestörten, Psychopathen, Perversen, Kranken, Gewalttätigen? Werden wir so zu Handlangern der Politiker, der Juristen und Kriminalisten? Sind wir mit solchen Zuschreibungen zufrieden? Wollen wir den Diskurs verlassen oder mitmischen und wenn ja, wie?

Ist Gewalt überhaupt ein psychiatrisches Problem? Und wenn wir die Psychiatrie nicht aus dieser Gesellschaft lösen können, sondern sie Teil dieser Gesellschaft ist, in der das Problem der Gewalt in vielfältiger Weise bewusst und unbewusst existiert, ist es dann nicht umgekehrt? In einer so konstruierten Gesellschaft wird auch in allen Teilbereichen, die diese sich erschafft, das Problem der Gewalt zu finden sein, also auch in der Psychiatrie, doch steht die Psychiatrie und stehen die mit dieser beruflich als Nutzer wie Anwender in Berührung kommenden Bürger jeden Lebensalters weder am Anfang noch am Ende des Gewaltproblems.

Das bedeutet, dass wie uns mit unserem Verstehen und unseren Mitteln auseinander setzen müssen und wenn die nicht gewaltsame Lösung von Problemen, bei denen gewaltsames Denken und Handeln eine Rolle spielt, Teil unserer beruflichen Wirklichkeit ist, so ist dieses Phänomen eben ein Teil, aber vermutlich nicht der Wichtigste, nicht der Einzige, nicht
der, der am Beginn oder am Ende steht und keiner, für den wir eine Lösung haben oder finden müssen, wenn andere Bereiche ihre - vermeintliche - Kapitulation verkünden und weiterhin vollkommen unbewusst weiterhin das Prinzip der Gewalt denken, anwenden, leben. Vielleicht fällt uns bereits durch die Geschichte unseres Berufes die Aufgabe zu, besonders kritisch und selbstkristisch, nachdenklich und bewusst mit dem Thema umzugehen und uns der unausweichlichen Konfrontation zu stellen, auch der mit uns selbst und mit Teilen der Gesellschaft.

Das Thema des leidenschaftlichen Bemühens um (Selbst-) Erkenntnis, Wahrheit, (Selbst-) Liebe und (Selbst-) Überwindung gibt es in der Geschichte vor allem im religiösen Kontext, in dem hier natürlich auch die Annäherung an das Göttliche gemeint ist und das Ringen darum. Das meint übrigens der Begriff des "Dschihad" aus dem Islam: gemeint ist das unablässige, leidenschaftliche Ringen mit sich selbst, um Gott näher zukommen. Dieser heilige Krieg ist der Glaubenseifer, der nötig ist, den Feind in sich selbst zu überwinden und sich mit ihm im Herzen bei Gott auszusöhnen. Jedenfalls sieht die Mystik es so und auf der Ebene der Mystiker (Christliche genauso wie muslimische Sufi und jüdische Kabbalisten) verstehen sich die verschiedenen monotheistischen Religionen ganz gut, ja sogar die nicht theistischen Religionen wie der Buddhismus..

Aber nach diesem Ausflug in ein anderes geisteswissenschaftliches Feld zurück zur Kinder- und Jugendpsychiatrie und unserem Literatur-Club-Thema: "Jugendgewalt". Der wegen seiner Selbstdarstellung und seinen häufigen öffentlichen Stellungnahmen nicht unumstrittene Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister in Niedersachsen, gibt in dem hier verlinkten Artikel, eine kurze "Außenansicht" auf das gerade wieder durch das Wilhelmshavener Amateur-Video in aller Munde geführte Thema, zudem sich Jugendämter, Jugendpsychiatrien und andere Spezialisten und Generalisten derzeit unablässig äußern wollen oder sollen: "Jugendgewalt: Brutal, aber nicht mehr als früher": .

Prof. Pfeiffer analysiert hier ganz klar mit statistischen Zahlen, dass die derzeitige Aufregung keine Reflexion der Wirklichkeit und der Zahlen ist. Ein Fazit unter anderem aus dieser Mitteilung von Prof. Pfeiffer ist: Zahlenmäßig gibt es seit einigen Jahren sogar einen Rückgang bei der Jugendgewalt, doch die mediale Aufarbeitung suggeriert das Gegenteil mit der Folge, dass einerseits dieses "Modell" immer mehr medial verbreitet wird mit dem Risiko, dass wir uns an solche Bilder gewöhnen, abhärten und Nachahmung gefördert wird oder aber auch eine hysterische, populistische Überreaktion mit der massenhaften Forderung nach repressiver Gewalt erfolgen kann.
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