Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Montag, 13. November 2006, 23:59

Vorsorgeuntersuchungszwang als Vorbeugung gegen Kindesmißhandlung

Ein Kind wurde diesmal in Bremen ("Fall Kevin") quasi vor den Augen des kontrollierenden Jugendamtes, der Ärzte und der Nachbarn mißhandelt und kommt zu Tode. Die Öffentlichkeit stürzt sich auf einen Skandal mehr in unserer unsozialen und kinderfeindlichen Republik und nach einem "Bauernopfer" unter Lokalpolitkern - in Bremen darf man davon noch sprechen - und Beamten werden populistische Maßnahmen durch eine schnell vereinigte Front der Kinderschützer von Politikern, Ärzte-, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Krankenkassen gefordert. Es soll mehr Kontrolle geben, all zu viel kosten soll es aber nicht. Ein Mittel, das neuerdings in aller Munde ist, ist die geplante Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder zu "Vorsorgeuntersuchungen" beim Haus- oder Kinderarzt vorzustellen.

Kontrolle aber ist nicht das Problem. Die spektakulärsten Mißhandlungs- und Tötungsfälle betrafen Kinder von Eltern, die in ihrer Überforderung, psychischen Erkrankung, sozialen Randposition oder Suchtabhängigkeit den entsprechenden Behörden und auch Ärzten oft genug bekannt waren. An Stelle einer wachen, kontinuierlichen Aufmerksamkeit mit beherzten, jedoch nicht überschießenden Initiativen und auf die jeweiligen Bedürfnisse der Familien zugeschnittenen rasch und ohne Sparzwang eingesetzten ambulanten Jugendhilfemaßnahmen zur Unterstützung der Erziehung fehlte es eben nicht an der Kontrolle an sich oder dem Willen dazu, sondern an Geld, Initiative, Aufmerksamkeit oder Interesse.

Was nützt es, Millionen zu kontrollieren, wenn die Zehntausenden, von denen man wirklich weiß, dass sie in Not leben, außer einer oberflächlichen Kontrolle keine ausreichende finanzielle und personelle Hilfe angeboten bekommen, die auch den Bedürfnissen der Betroffenen entspricht? Und diese Bedürfnissen muß man erfragen. Ohne diese Informationen kann man keine Hilfen verordnen. Was nützen all die kleinen Hilfen und wohlmeinenden Kontrollen, wenn unser Sozialsystem systematisch ausgehöhlt wird und der Druck auch innerfamiliär in Familien steigt, die von Arbeitslosigkeit, Armut und Verschuldung betroffen sind? Was nützt es den gefährdeten Kindern, wenn wir die sich ohnehin schon sozial benachteiligt vorkommenden Randgruppen durch die Art der Kontrollen und unsere Besserwisserei in das Mißtrauen treiben?

Wenn die Energie in die Kontrolle geht und damit gleichmäßig auf die nicht kontrollbedürftige Mehrheit und die oft nicht kontrollierbare Minderheit ausgeschüttet wird, wird sie der helfenden Fürsorge und den therapeutischen Angeboten entzogen. Nachgehende Sozialarbeit hat daher auch vielmehr mit niederschwelligen Kontaktangeboten, Beziehungspflege, flexible Unterstützung nach Bedarf vor Ort und wenig mit behördlicher Kontrolle zu tun. Denn da, wo sie not täte und bereits vor Ort ist, versagt sie all zu oft katastrophal und spektakulär und das ist kein Zufall.

Populistische Problemlösungsversuche taugen nie etwas. Sie sind eine Augenwischerei für die Masse durch inkompetente Schwadroneure. Es ist ja schön, wenn man Kinder vor den Schädigungen durch ihre Eltern schützen möchte. Aber wer schützt sie vor den Schädigungen durch die Ärzte und Gesundheitsämter? Vorsorgeuntersuchungen wurden unter dem Deckmantel der entwicklungsneurologischen Kontrolle und Förderung schon frühzeitig als gut getarnte Impfsprechstunden aufgezogen wie die früheren so genannten Mütterberatungen und Stillsprechstunden, die oft Werbegespräche für Babynahrung waren, zusätzlich zu den späteren Kindergarten- und Schulbesuchen des jugendärztlichen Dienstes der Gesundheitsämter. Der Nutzen ist weiterhin umstritten. Die Vorsorgeuntersuchungen fördern vielfach vorhandene Entwicklungsdefizite und psychosoziale Konfliktsituationen nicht zu tage.

Unsere Klienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben überwiegend vollständige Impfheftchen und gut geführte Vorsorgeuntersuchungsheftchen ohne jeden verzeichneten auffälligen Befund trotz diversen Entwicklungsverzögerungen, sensomotorischen Störungen und Erziehungschwierigkeiten, die sich anamnestisch oft erstaunlich leicht erfragen lassen. Dennoch trauen sich viele Ärzte wegen den durch die gedeckelten Grenzen für Heilmittelverordnungen verursachten Regressforderungen der Krankenkassen nicht, selbst eine erforderliche Ergotherapie zu verordnen, sondern bitten den Kinder- und Jugendpsychiater um die Indikationsüberprüfung und Verordnung.

Ich mißtraue aus Erfahrung auch den gutgemeinten Verordnungen zur Kontrolle und zum Zwang auf dem sozialen und medizinischen Sektor und glaube, dass solcher Art Problemlösungen viele neue Probleme aufwerfen. Zwang und Kontrolle sind letzte Mittel, die ausgerechnet bei den skandalösen Tragödien trotz vorheriger Hinweise grotesk versagten. Man sollte daher sehr viel mehr Geld und Ressourcen in Förderung und sozialmedizinische und -psychologische Angebote ohne Zwang mit niedrigen Zugangsschwellen stecken und die allgemein zunehmende Kinderarmut zum Thema eines gesellschaftlichen Umdenkens machen, in dem wir alle unsere Verantwortung an diesen Zuständen erkennen, statt empört aber doch skandallüsternd mit Schuldvorwürfen auf exemplarisches Versagen hinzuweisen, um gleichzeitig von unserer Mitverantwortung abzulenken.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

2

Dienstag, 28. November 2006, 23:00

RE: Vorsorgeuntersuchungszwang als Vorbeugung gegen Kindesmißhandlung

Zitat

Original von Michael
...
Ich mißtraue aus Erfahrung auch den gutgemeinten Verordnungen zur Kontrolle und zum Zwang auf dem sozialen und medizinischen Sektor und glaube, dass solcher Art Problemlösungen viele neue Probleme aufwerfen. Zwang und Kontrolle sind letzte Mittel, die ausgerechnet bei den skandalösen Tragödien trotz vorheriger Hinweise grotesk versagen. Man sollte daher sehr viel mehr Geld und Ressourcen in Förderung und sozialmedizinische und -psychologische Angebote ohne Zwang mit niedrigen Zugangsschwellen stecken und die allgemein zunehmende Kinderarmut zum Thema eines gesellschaftlichen Umdenkens machen, in dem wir alle unsere Verantwortung an diesen Zuständen erkennen, statt empört aber doch skandallüsternd mit Schuldvorwürfen auf exemplarisches Versagen hinzuweisen, um gleichzeitig von unserer Mitverantwortung abzulenken.


Sie meinen es ja gut, könnte man denken und vielleicht wissen sie es nicht besser mit ihren atavistischen Politikerreflexen: Doch Kanzlerin Angela Merkel und Co. haben sich gerade auf ihrem CDU-Parteitag schon deutlich für die populistische Billiglösung ausgesprochen, die gleichzeitig die Unwirksamste sein dürfte, damit alles beim Alten bleibt: Kontrolle bei verpflichtenden (Impfinformations-) Vorsorgeuntersuchungen, aber kein zusätzliches Geld in die Töpfe sozialer Wohlfahrt für Jugendhilfemaßnahmen, Förderung pädagogisch sinnvoller Freizeitangebote, Bildung und freiwillige, niederschwellige psychosoziale Beratungsangebote, die bei Inanspruchnahme nicht mit dem unangenehmen Gefühl für die Betroffenen verbunden sind, sie seien "nicht normal" oder "asozial"...

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

3

Sonntag, 9. Dezember 2007, 23:23

Psychosoziale Prävention: Wie schafft man Vertrauen und Hilfe? Durch Kontrolle?

[SIZE=3]Psychosoziale Prävention: Wie schafft man Vertrauen und Hilfe? Durch Kontrolle?[/SIZE]


Zitat

Original von Michael

Zitat

Original von Michael
...
Ich misstraue aus Erfahrung auch den gutgemeinten Verordnungen zur Kontrolle und zum Zwang auf dem sozialen und medizinischen Sektor und glaube, dass solcher Art Problemlösungen viele neue Probleme aufwerfen. Zwang und Kontrolle sind letzte Mittel, die ausgerechnet bei den skandalösen Tragödien trotz vorheriger Hinweise grotesk versagen. Man sollte daher sehr viel mehr Geld und Ressourcen in Förderung und sozialmedizinische und -psychologische Angebote ohne Zwang mit niedrigen Zugangsschwellen stecken und die allgemein zunehmende Kinderarmut zum Thema eines gesellschaftlichen Umdenkens machen, in dem wir alle unsere Verantwortung an diesen Zuständen erkennen, statt empört aber doch skandallüsternd mit Schuldvorwürfen auf exemplarisches Versagen hinzuweisen, um gleichzeitig von unserer Mitverantwortung abzulenken.


Sie meinen es ja gut, könnte man denken und vielleicht wissen sie es nicht besser mit ihren atavistischen Politikerreflexen: Doch Kanzlerin Angela Merkel und Co. haben sich gerade auf ihrem CDU-Parteitag schon deutlich für die populistische Billiglösung ausgesprochen, die gleichzeitig die Unwirksamste sein dürfte, damit alles beim Alten bleibt: Kontrolle bei verpflichtenden (Impfinformations-) Vorsorgeuntersuchungen, aber kein zusätzliches Geld in die Töpfe sozialer Wohlfahrt für Jugendhilfemaßnahmen, Förderung pädagogisch sinnvoller Freizeitangebote, Bildung und freiwillige, niederschwellige psychosoziale Beratungsangebote, die bei Inanspruchnahme nicht mit dem unangenehmen Gefühl für die Betroffenen verbunden sind, sie seien "nicht normal" oder "asozial"...

LG, Michael


Es ist ein gutes Jahr her, als ich dies schrieb - Anlass war der unselige "Fall Kevin" in Bremen. Es hat sich wenig getan seitdem. Doch: Die Kinderarmut ist weiter gestiegen. Nun sind wieder einige Babyleichen gefunden worden und als spektakulärster Fall fünf Klein- und Schulkinder in einem schleswig-holsteinischen Dorf Darry von einer angeblich an wahnhafter Schizophrenie erkrankten Mutter betäubt und dann erstickt worden. Kurz zuvor starb in Schwerin die fünfjährige Lea-Sophie in der Kinderklinik an Unterernährung und Flüssigkeitsverlust aufgrund von Vernachlässigung, obwohl das Jugendamt auf die Familie aufmerksam geworden war. Erneut ertönt ein Schrei nach Kontrolle, verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen und händerringend wird nach Schuldigen gesucht, während Kanzlerin Merkel eine "Kultur des Hinsehens" fordert.

Bekannte Töne, erkennbarer Unsinn, wenn man einmal genauer hinsieht. Auch in diesem spektakulären Fall des fünffachen Mordes einer als schuldunfähig bezeichneten Mutter war das Jugendamt bereits vor Ort, die psychosoziale Notlage der Mutter hätte also vermutlich erkannt werden können, einer der Kindsväter war noch am Tag zuvor im Haus. Was ist schief gelaufen? Oder bei der verhungerten Lea-Sophie, in deren Familie das Jugendamt bereits tätig wurde? Ich kann es aus meiner Erfahrung nur allgemein formulieren, denn die Skandalfälle kenne ich nicht persönlich. Es sind immer wieder ähnliche Probleme. Hilfesuchende und psychisch Kranke machen immer wieder die Erfahrung, dass es nicht leicht ist, von Behörden Hilfen zu erlangen. Die Bürokratie verteilt das knapper werdende Geld oft langsam und widerwillig und die Bittsteller fühlen sich oft nicht mit Wertschätzung behandelt und ernst genommen, auch wenn das nicht in der Absicht der einzelnen Sozialarbeiter liegt. Und manchmal gelingt es den "Problemfamilien" recht leicht, ihre Schwachstellen vor Ärzten und Sozialarbeitern zu verstecken, wenn die vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht in Gang kommt.

Das Ergebnis ist, dass für viele Bedürftige die Schwelle, sich Hilfe vom Amt zu holen, zu hoch ist. Manche haben auch regelrecht Angst. Und dann versteckt man sich und seine Probleme. Psychisch Kranken, die mit Unterstützung sicher Vieles für ihre Kinder leisten könnten und es zumeist auch ohne Unterstützung schon tun, scheuen manchmal den Weg zum Psychiater, zum sozialpsychiatrischen Dienst oder dem Jugendamt, weil sie fürchten, dass man ihnen noch vor der Installation einer Hilfe zur Erziehung die Kinder wegnehmen könnte. Gerade dieser Fall der Fünffachtötung könnte wieder einmal dazu führen, Eltern mit psychischen Belastungen unter Generalverdacht zu stellen, sie könnten ihren Kindern etwas antun, was tatsächlich recht selten vorkommt.

Wenn die Behörden und ihre Mitarbeiter die Hauptenergie und die entsprechenden Ressourcen in Kontrolle stecken, werden die gestreckten Mittel für die psychosoziale Unterstützung von Bedürftigen mit Kindern noch weniger reichen, um effektive Hilfen anzuieten. Ich höre immer wieder von Klienten, dass Jugendamtsmitarbeiter mit Hinweis auf knappe Finanzen beantragte und für sinnvoll erachtete Hilfen nicht installieren wollen oder eine lange Wartezeit von einem halben Jahr oder mehr in Aussicht stellen. Die Sozialarbeiter, die solches durchblicken lassen, meinen es nicht böse. Sie suchen sozusagen nach einer Entschuldigung, dass ihnen die Hände gebunden seien und verweisen "nach oben", wo über die knappen Gelder entschieden werde. Aus solchen Äußerungen spricht Hilflosigkeit, die jedoch die betroffenden Hilfesuchenden im Regen stehen läßt.

Viele soziale und erzieherische Notlagen eskalieren dann nicht selten gewalttätig und werden "psychiatrisiert", weil gewalttätige Kinder und Jugendliche für psychisch krank gehalten werden, was meistens barer Unsinn ist bzw. weil sie weder von der Polizei festgehalten werden können, noch die desolaten Verhältnisse zuhause ohne die Hilfe des Jugendamtes angegangen werden können. Kommt es zu Misshandlungen an den Kindern, sind diese wiederum auch psychisch in Mitleidenschaft gezogen. Oft muss dann der Kinder- und Jugendpsychiater in einem Clearing die Behörde involvieren - oft reichlich spät. Solche Vorkommnisse sind ein "schlagender Hinweis" auf die Notwendigkeit enger, systemischer Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Jugendhilfeeinrichtungen und Kinder- und Jugendpsychiatrien.

Wenn das "Kind schon in den Brunnen gefallen" ist, hilft bei erzieherisch heillos überforderten Eltern - oft auch Alleinerziehende - manchmal vorrübergehend nur eine Inobhutnahme in eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung oder Breitschaftspflegefamilie, um durch eine vorrübergehende Distanz zur Deeskalierung von Konflikten Zeit und Raum für kreative Lösungen unter Einbezug des bisherigen Betreuungs- und Familiensystems zu schaffen. Die zuständigen Mitarbeiter der Jugendämter werden eine solche Platzierung eines Kindes oder Jugendlichen in der Regeln nicht leichtfertig vornehmen, denn neben der Unruhe in der Familie werden durch die an sich meist teuerste Massnahme die ursprünglichen Probleme noch nicht gelöst. Daher werden insbesondere nächtlich oder an Wochenenden oft die Notdienste der Jugendpsychiatrie zu einem Klärungsgespräch mit involviert, was oft auch Sinn macht. Zunächst einmal versteht sich von selbst, dass diese eingreifenste aller Massnahmen vorrübergehend ist und von einer intensiven Abklärungs- und Betreuungsarbeit begleitet wird, deren Zielrichtung mehr Hilfe nach dem angeforderten Bedarf und nicht mehr Kontrolle ist.

Um so erstaunlicher ist, wenn die Arbeit der Jugenhilfe, die nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) zur präventiven Sicherung des Kindeswohls seit 1990 zunächst die Aufgabe hat, Kinder, Jugendliche und Familien adäquat zu unterstützen und Kontrollmassnahmen nur zur Sicherstellung dieser Unterstützung z.B. bei versagender Unterstützung oder Kooperation vorzunehmen, manchmal nicht von den Familien oder anderen Helfern, sondern im eigenen Amt von den für die Leistungsverteilung in den entsprechenden Gremien bis zur kommunalen Verwaltungsspitze Verantwortlichen torpediert wird, wie z.B. in der Stadt Halle "per Dienstanweisung" am 3.9.2007 geschehen, was aber bei den vielen kleinen Verrücktheiten aus falsch verstandener Sparsamkeit, die bis zur Sachbearbeiterebene gehen kann, vermutlich nur eine besondere Spitze des Eisbergs eines uninformierten Verwaltungsirrsinns ist. Zum Glück vernetzen sich betroffene freie Träger von Jugendhilfemassnahmen und Klienten neuerdings in Selbsthilfe- und Diskussionsforen, so z.B. auch in Halle in der "LOTSE - Beschwerde und Vermittlungsstelle".

Der renomierte, sytemisch arbeitende Sozialwissenschaftler Prof. Johannes Herwig-Lempp von der Hochschule Merseburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Medien, Kultur, dem ich diese Hinweise verdanke, berichtet auf seiner Homepage über diese hanebüchene und völlig unüberlegte Maßnahme der Stadtverwaltung in Halle, mit der durch sofortige Entlassung von 314 in Obhut genommenen Kindern und Jugendlichen in ihre Familien auf einen Schlag alle Unterbringungskosten ohne Rücksicht auf eine vorherige sorgfältige Untersuchung der Stabilität des Milieus eingespart werden sollten. Die Fachmitarbeiter des allgemeinen Sozialdienstes und Pflegekinderdienstes des Jugendamtes und die Betroffenen fassten sich an den Kopf, was da von oben aus rein populistischen und Kostengründen ausgebrütet wurde. Vorausschauende Sozialarbeit ist unter solchen Zielkriterien nicht zu machen. Verantwortlich für diese Kurzschlussreaktion, die auch in der Presse im Oktober und November hohe Wellen schlug, waren die Oberbürgermeisterin und der Leiter des Jugendamtes. Über die Einschätzung der Sozialarbeiter machten sich die beiden vorher kein Bild. Diese artikulierte sich später in zum Teil, anonymen Briefen, die dokumentiert sind.

Ein ähnlich beschämendes Bild wie in Halle bietet schon seit geraumer Zeit der rot-rote Senat der bankrotten Bundeshauptstadt Berlin. Zwar lag die Berliner Bankenkrise 2002, die für den absoluten Tiefstand der Stadtfinanzen mitursächlich ist, nicht im Verantwortungsbereich der SPD bzw. der PDS und heutigen Linken, aber ein Sanierungskonzept zu beschließen, das 2005 mit über einem Drittel gekürzter Gelder die Haupteinsparung im Jugendhilfesektor und des weiteren im Sozialhilfesektor, den Brennpunktbereichen dieser Stadt neben dem Wohnungssektor, vorsieht, ist ein Einfall eines Senats gewesen, der angeblich von seiner politischen Ausrichtung für soziale Gerechtigkeit stehen möchte. Und die sich unter anderem daran ausrichtende neue/alte Kapitalismuskritik richtet sich somit nicht nur gegen die konservativen Parteien im Lande. Die Professorin für Sozialpädagogik, Frau Ulrike Urban-Stahl, erkennt in ihrem ZEIT-Interview ganz klar einen Zusammenhang zwischen solchen Sparvorgaben und einer zunehmenden Ohnmacht der Jugendhilfe, tatsächlich helfen zu können.

Die "Kultur des Hinsehens" (Merkel) sollte sich die Kanzlerin mit ihrer Sparpolitikerriege in der Tat verordnen und zwar von ganz oben bis in die Gemeindeparlamente. Sie sollte die zunehmende Kinderarmut beobachten, das Absacken der kinderreichen Familien und der Alleinerziehenden unter die Armutsgrenze. Dieses Armutszeugnis verdanken wir unter anderem "Hartz IV" und den vielen knapp bezuschussten Miniarbeitsplätzen, die unsere Arbeitslosenstatistik schönen aber gleichbedeutend mit Armut und Abwesenheit von Erziehungspersonen im Haushalt mit Kindern sind. Die psychosoziale Prävention sollte wie ein behütetes und nach allen Möglichkeiten gefördertes Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen in diesem Land unser aller Anliegen sein und mit genügend Steuermitteln sicher gestellt werden.

Die Jugend ist unsere Zukunft. Langfristig muss die Zusammenarbeit der um Kinder und Jugendliche bemühten Einrichtungen möglichst mit einer gemeinsamen großzügigen Finanzierung institutionalisiert werden. Was spricht dagegen, vom Krankheitsbegriff (Diagnosen) weg zur interdisziplinären psychosozialen und medizinischen Prävention und Hilfestellung als Gemeinschaftsanliegen zu kommen und diese von null bis 25 Jahren als staatlich gewährleistete freie Heilsfürsorge kombiniert mit Jugendwohlfahrt zu etablieren? Geiz? (In diesem Zusammenhang sei noch mal auf eine ganz wichtige Fortbildung im April 2008 hin gewiesen, die als großes interdisziplinäres Symposion zur Zukunft des Gesundheitswesens geplant ist.

Es kann nicht darum gehen, Gelder für Kontrollen auszugeben, um sicher zu stellen, dass die immer spärlicheren Unterstützungsleistungen nicht von wenigen missbräuchlich angehoben werden. Die Sozialarbeiter haben anderes und besseres gelernt und werden mit knappen Mitteln und viel zu wenig Stellen ebenfalls "verheizt", wenn sie die sozialen Missstände ungerechter Ressourcenverteilung korrigieren sollen. Hilfen müssen angeboten werden und angemessen sein. Sie zu nehmen, darf nicht beschämen. Von einer solchen Sozialpolitik sind wir weiter entfernt, als zuvor, denn die Jugendhilfe bekommt auch von den lokalen politischen Entscheidungsträgern immer weniger Mittel zur Verfügung gestellt.

Die toten Kinder klagen uns alle, die Wähler und die Politiker an, nicht nur irgendwelche vermeintlich direkt Verantwortlichen, die es vermutlich auch gibt. Aber das entlastet uns nicht. Es geht nicht um populistische Sprüche und Kontrolle. Die spektakulärsten Tragödien spielten sich unter den Augen der Kontrolleure ab. Um den Hilfebedarf zu ermitteln und das Vertrauen der Klienten zu gewinnen, benötig man viel Engagement, Zeit, Geld und einen Verzicht auf Besserwisserei, autoritäres Gehabe und auf bürokratische Hürden. Dann besteht die Chance, dass sich manche auch noch rechtzeitig für einen anderen Ausweg öffnen, als stumpfsinnige Wut oder brutale Verzweiflung. Doch selbst damit würde man vermutlich nicht jedes Unglück verhindern können.

Michael


ANMERKUNG:

Weitere Veröffentlichung: Forum
Die Außer der Reihe Reihe
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

4

Mittwoch, 19. Dezember 2007, 19:39

Bielefelder Langzeitstudie über die "neuen Nutzlosen" und das "Prekariat"

Zitat

Original von Michael

Die "Kultur des Hinsehens" (Merkel) sollte sich die Kanzlerin mit ihrer Sparpolitikerriege in der Tat verordnen und zwar von ganz oben bis in die Gemeindeparlamente. Sie sollte die zunehmende Kinderarmut beobachten, das Absacken der kinderreichen Familien und der Alleinerziehenden unter die Armutsgrenze. Dieses Armutszeugnis verdanken wir unter anderem "Hartz IV" und den vielen knapp bezuschussten Miniarbeitsplätzen, die unsere Arbeitslosenstatistik schönen aber gleichbedeutend mit Armut und Abwesenheit von Erziehungspersonen im Haushalt mit Kindern sind. Die psychosoziale Prävention sollte wie ein behütetes und nach allen Möglichkeiten gefördertes Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen in diesem Land unser aller Anliegen sein und mit genügend Steuermitteln sicher gestellt werden.

In dem oben zitierten Zusammenhang fällt der Bericht der renomierten Wochenzeitschrift "DIE ZEIT" über ein Langzeitstudie des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Professor Wilhelm Heitmeyer über »Deutsche Zustände«. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Einstellung der Deutschen gegenüber schwachen Gruppen – Fremden, Obdachlosen oder Langzeitarbeitslosen. Der Bericht erschien in der Internetausgabe am 13.12.2007. Die Presse berichtete zum Teil bereits darüber:

Zitat

Zitat DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51

[SIZE=3]Moralisch abwärts im Aufschwung[/SIZE]

Von Wilhelm Heitmeyer

Nützlichkeit und Effizienz - dieses Denken ist weit verbreitet und bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaft. Ein Forschungsbericht


Seit sechs Jahren erkunden der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und seine Mitstreiter »Deutsche Zustände«. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Einstellung der Deutschen gegenüber schwachen Gruppen – Fremden, Obdachlosen oder Langzeitarbeitslosen. In der ZEIT präsentiert der Bielefelder Professor die Ergebnisse der Langzeitstudie.

Seit sechs Jahren erkunden der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und seine Mitstreiter »Deutsche Zustände«. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Einstellung der Deutschen gegenüber schwachen Gruppen – Fremden, Obdachlosen oder Langzeitarbeitslosen. In der ZEIT präsentiert der Bielefelder Professor die Ergebnisse der Langzeitstudie

In den vergangenen Jahren war die Stimmung in der Gesellschaft von weitverbreiteter Angst und Unsicherheit geprägt. Dies hatte negative Folgen für schwache Gruppen. Sie wurden zum Teil zunehmender Feindseligkeit, Abwertung und Diskriminierung ausgesetzt, die auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit basieren. Geht nun mit der positiven Entwicklung einer Zunahme von Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt eine Abnahme feindseliger Einstellungen in der Bevölkerung einher? Und welche Qualität hat dieser Aufschwung, welche Folgen erwachsen daraus für das Verhältnis von Menschen und Gruppen zueinander?

In der Tat lassen sich in diesem Jahr erstmals seit Beginn unserer Erhebungen 2002 positive Entwicklungen bei der Fremdenfeindlichkeit und den Etabliertenvorrechten, also der Bevorzugung Alteingesessener, feststellen (siehe Grafik 1). Von 2002 bis 2005 stiegen die negativen Einstellungen kontinuierlich an, 2006 stagnierten sie, 2007 haben sie signifikant abgenommen. Bei den anderen Elementen, die wir in dem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zusammengefasst haben, ist dagegen keine so deutliche Veränderung zu erkennen.

Die Islamophobie war mit leicht zunehmender Tendenz bis 2006 stabil und verbleibt auf diesem Niveau. Sexismus weist einen leicht abnehmenden Trend auf, ebenso wie die Abwertung von Homosexuellen. Bei der Abwertung von Obdachlosen ist kein Rückgang erkennbar. Antisemitismus, Rassismus und die Abwertung von Behinderten sind auf ihrem jeweiligen Niveau stabil oder haben sich nur unauffällig verändert.

Diese repräsentativen Werte schließen allerdings Verfestigungen oder Verschärfungen in verschiedenen Sozialräumen von Gemeinden und Städten nicht aus. Zudem haben wir erstmals seit Beginn der Erhebung aufgrund unserer Beobachtungen der öffentlichen Debatte in Wirtschaft, Politik und Medien eine weitere Gruppe in die Erhebung einbezogen: die Gruppe der Langzeitarbeitslosen, die in der öffentlichen Diskussion häufig als Hartz-IV-Empfänger tituliert werden. Unsere Analysen zeigen, dass diese Gruppe als weiteres, neues Element des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit betrachtet werden muss.

Das Grundmuster unserer Langzeituntersuchung besteht aus drei zentralen Teilen: der Analyse von gesellschaftlichen Entwicklungen, den subjektiven Wahrnehmungen dieser Zustände in der Bevölkerung sowie den Zusammenhängen zwischen objektiven Trends und der Abwertung, Diskriminierung oder gar Gewalt gegenüber schwachen Gruppen. Welche gesellschaftlichen Perspektiven zeichnen sich nun ab? Welche individuellen Perspektiven ergeben sich daraus, und wie sehen die Perspektiven für das Verhältnis zu schwachen Gruppen aus? Deutet sich eine Trendumkehr an, oder führt der Weg nur in unübersichtliche Perspektiven?

Wir können zunächst feststellen, dass die statistische Arbeitslosigkeit abgenommen hat, während die soziale Spaltung weiter existiert und zum Teil sogar zugenommen hat. Die Konsolidierung der Wirtschaft läuft nicht parallel zur gesellschaftlichen Konsolidierung; Aufträge und Gewinnmargen mögen steigen, die soziale Spaltung bleibt. So hat die Zahl der Menschen, die von Hartz-IV-Leistungen abhängig sind, einen neuen Höchststand erreicht, im April 2007 waren es 7,4 Millionen. Arbeitslosigkeitsziffern sind also kein hinreichender Indikator für die Verbesserung der sozialen Lebenslage, denn der Lohn von Arbeit reicht immer seltener zur Sicherung der Existenz.

Parallel zum Rückgang der Arbeitslosenzahlen zeigen sich auch in der subjektiven Wahrnehmung 2007 deutlich positive Trends: Die allgemeine Angst vor Arbeitslosigkeit oder einer Verschlechterung der finanziellen Situation nimmt ab. Da aber seit der Verabschiedung der Hartz-IV-Gesetze eine längere Arbeitslosigkeit mit drastischen Einschnitten in der Lebenssituation verbunden ist, bleibt trotz dieser insgesamt positiven Entwicklungen der Anteil der Personen, die vor einem harten sozialen Abstieg große Angst empfinden, eher stabil.

Gleichwohl lassen sich erstaunliche Parallelen zwischen der Entwicklung der subjektiv wahrgenommenen Prekarität am Arbeitsmarkt und der Entwicklung der konkurrenzbasierten Fremdenfeindlichkeit registrieren (siehe Grafik 2). Die Kurven zeigen einen ähnlichen Verlauf des Anstiegs für den Zeitraum 2002 bis 2005 (beziehungsweise 2004) und der Abnahme für die Zeit 2005 (beziehungsweise 2006). Eine längsschnittliche Analyse bestätigt den Zusammenhang: Die jeweilige Prekarität am Arbeitsmarkt ist mitverantwortlich dafür, wie hoch das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit im Folgejahr sein wird. Die Verantwortung der ökonomischen und politischen Eliten, diesen Zusammenhang zu beeinflussen, ist offensichtlich. Dies gilt auch für einen weiteren, nämlich für den Zusammenhang zwischen dem ökonomistischen Denken in der Bevölkerung und seinen Auswirkungen auf schwache Gruppen.

Der forcierte Übergang von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft zeigt sich darin, dass ökonomistische Prinzipien wie Effizienz und Nützlichkeit das soziale Leben durchdringen und andere, nicht marktrelevante Grundsätze wie Empathie und Fürsorglichkeit überformen oder gar zurückdrängen. Ökonomistisches Denken ist die subjektive Verankerung kapitalistischer Logik in der Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass sich ökonomistisches Denken in breiten Bevölkerungskreisen entwickelt und verankert hat (siehe Grafik 3). Ein Indikator ist dabei der von den Menschen wahrgenommene Flexibilitätszwang. Damit meinen wir, dass auch die Elemente des gesellschaftlichen Zusammenlebens, etwa soziale Beziehungen, einer Gewinnkalkulation unterzogen werden.

Unsere These ist, dass unter dem Druck der skizzierten unübersichtlichen Perspektiven sozial verbindende Einstellungen und Verhaltensweisen an Bedeutung verlieren. In den oberen sozialen Gruppen tritt an ihre Stelle die Sicherung des Status, in den unteren die der materiellen Existenz.

Um herauszufinden, inwieweit wirtschaftlich-funktionale Kriterien wie Effizienz, Verwertbarkeit, Funktionalität und Nützlichkeit mittlerweile auf das soziale und zwischenmenschliche Geschehen übertragen werden, haben wir den Befragten in diesem Jahr Aussagen vorgelegt, die auf die Bewertung von Personen nach ihrer Nützlichkeit und Funktionsfähigkeit abzielen.

Die Ergebnisse zeigen, dass über ein Drittel der Deutschen den Aussagen tendenziell zustimmen, die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3 Prozent) und menschliche Fehler nicht (mehr) leisten (34,8 Prozent). Etwa 40 Prozent der Befragten sind der Ansicht, in unserer Gesellschaft würde zu viel Rücksicht auf Versager genommen. Zu viel Nachsicht mit solchen Personen gilt 43,9 Prozent als unangebracht, und etwa ein Viertel stimmt der Aussage zu, dass »moralisches Verhalten (…) ein Luxus (ist), den wir uns nicht mehr leisten können« (25,8 Prozent). Dabei zeigt sich, dass die ökonomistischen Auffassungen eher von jenen Personen vertreten werden, die eine ausgeprägte Aufstiegsorientierung haben und/oder denen es nicht gelungen ist, ihre beruflichen Ziele zu realisieren und die deshalb in unteren sozialen Lagen verblieben sind.

Welchen Einfluss haben diese Einstellungen auf die Abwertung jener Gruppen, die unter dem Blickwinkel der Nützlichkeit und Effizienz markiert werden können, also auf langzeitarbeitslose, obdachlose, behinderte und eingewanderte Menschen? Ließe sich die Annahme bestätigen, dass die Verbreitung ökonomistischen Denkens die Abwertung schwacher Gruppen stark beeinflusst, dann wären Hinweise auf die moralvernichtenden Effekte des dominierenden Marktes gegeben.

Betrachtet man nun die Zusammenhänge zwischen bindungsloser Flexibilität sowie ökonomistischen Einstellungen und unseren nunmehr zehn Syndromvarianten, dann zeigen sich überzufällige Zusammenhänge bei jenen vier Gruppen, die nach Nützlichkeitskategorien beurteilt werden. Große Erklärungskraft haben die ökonomistischen Orientierungen damit insbesondere für das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit, der Abwertung von langzeitarbeitslosen sowie von obdachlosen Menschen. Zusätzlich klären wirtschaftliche Effizienzkalküle einen hohen Anteil der Varianz bei der Abwertung von behinderten Menschen.

Wie bei den ökonomistischen Orientierungen fällt auch hier auf, dass mit sinkender Soziallage die Ressentiments gegenüber Langzeitarbeitslosen kontinuierlich zunehmen. Überraschend ist dies, weil das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit mit niedriger Schulbildung und beruflicher Qualifikation ansteigt und vor diesem Hintergrund vermutet werden könnte, dass diese Personen eher Verständnis für die Lage der Langzeitarbeitslosen haben und wissen müssten, dass diese nicht notwendigerweise selbst für ihr Schicksal verantwortlich sind. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Man muss davon ausgehen, dass mit niedriger Soziallage das Bedürfnis wächst, sich von Personen am untersten Rand der Sozialhierarchie abzugrenzen, indem man diesen eine negativere Arbeitshaltung zuschreibt als sich selbst. In diesem Sinne sind zum Beispiel 29 Prozent der Befragten aus der unteren, 23 Prozent aus der mittleren und 20 Prozent aus der oberen Soziallage überzeugt, dass die Langzeitarbeitslosen ihr Schicksal selbst verschuldet haben.

Betrachtet man die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, muss man auch über den Zusammenhang zwischen den von gesellschaftlichen Eliten über die Medien immer wieder reproduzierten Bildern von Hartz-IV-Empfängern sowie Langzeitarbeitslosen und den Einstellungen in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen diskutieren. Dabei ergeben sich – wie berichtet – Muster der Abwertung, die auch jene Gruppen von Menschen betreffen, die im Sinne der kalten Kalkulationen als »Nutzlose« oder »Überflüssige« gelten.

Einen besonders dramatischen Aspekt haben wir dabei bisher ausgeblendet: die Kinder. Seit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze wachsen trotz der wirtschaftlichen Konsolidierung und sinkender Kinderzahlen im Jahr 2007 etwa 2,6 Millionen Kinder in Familien auf, die auf Hartz IV angewiesen sind. So wird eine frühe gesellschaftliche Desintegration in Gang gesetzt und zementiert, eine Befreiung aus der Armutsspirale dadurch verhindert. Gleichzeitig wird ein Reproduktionszirkel von Armut und Stigmatisierung anderer ausgelöst. Es sind nicht allein politische Entscheidungen, die diese Gruppen in materieller Hinsicht »produzieren«, die Abwertungen durch andere Bevölkerungsgruppen dichten diesen Zustand zusätzlich »moralisch« ab.

Die Ökonomisierung des Sozialen hat offensichtlich Folgen für die Abwertung von »Überflüssigen« und »Nutzlosen«. Angesichts der wachsenden Kontrolle des Kapitals über die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung und des gleichzeitigen Kontrollverlustes nationalstaatlicher Politik in den vergangenen Jahrzehnten bleibt die Frage nach der Zukunft offen. Sie muss nicht zwangsläufig in vereisende Problemzonen hineinführen.

Einleitend wurde von positiven Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und auch im Bereich der feindseligen Einstellungen berichtet. Im Licht der hier vorgestellten Ergebnisse sind diese jedoch mit Vorsicht zu beurteilen. So kann der angebliche »Aufschwung«, reduziert man ihn auf nackte Arbeitslosenziffern, mit dem moralischen Niedergang der Gesellschaft einhergehen, der sich unter anderem in einer »Renaturalisierung« von Ungleichheit zeigt. Hinter den angeblich wertfreien Effizienz- und Nutzenkalkülen können Ideologien der Abwertung verborgen sein, ohne dass diese thematisiert werden.

Die Langzeituntersuchung wird von einem Stiftungskonsortium unter Federführung der VolkswagenStiftung finanziert. Die gesamten Ergebnisse sind in dem Band »Deutsche Zustände«, Folge 6 (Suhrkamp), enthalten.

Quelle: DIE ZEIT

Tja, da hat es der Professor mit seinen Studies und Doktoranten mindestens sechs Jahre lang untersucht und in langen, gewählten Sätzen mit vorsichtiger Diktion gesagt, was ich schon die ganze Zeit vielleicht in etwas deutlicherer Diktion zum Thema "Neue Armut" äußere und was wir in den Zeitungen schon lange lesen können. Und nun wissen wir auch statistisch, wie das "Volk" auf seine neuen alten "Randgruppen" zu sprechen ist, das so genannte Prekariat des Herrn Kurt Beck, SPD-Kanzler-Kandidat in spe, Parteipräses und Mainzer Ministerpräsident: nämlich schlecht. Und wie werden die populistischen Reflexe unserer um Wählerstimmen buhlenden Spitzenkandidaten darauf reagieren? Die Reflexe eines Bremer Lokalpolitikers auf einen Obdachlosen und des Kurt Beck auf einen Langzeitarbeitslosen am Rande von Parteiveranstaltungen kennen wir schon.

Der durchschnittliche Politiker (und das scheinen die meisten ja zu sein) macht sich auch ohne die Statistik des Professors eine einfache Rechnung: Das organisierte Proletariat alter Zeit gibt es nicht mehr. Die Mittelklasse hat Angst, wird nicht mehr krank, geht zur Arbeit, muckt sich nicht und wählt die Großsprecher unter den Versprechern. Das so genannte "Prekariat" - da wäre doch noch ein Anwärter für das "Unwort des Jahres" - hat schon abgeschlossen und resigniert und wählt auch nicht. Also hauen wir mal zugunsten der noch Wählenden verbal auf die nicht mehr wählende Minderheit. Das hört sich dann z.B. so an: "Jeder, der arbeitswillig ist, findet auch eine Arbeit". Die anderen, na die sind nach "Volkes" Meinung dann die neuen "Nutzlosen". Vorsicht: Das hatten wir schon mal. Denen gab man dann einen Spaten in die Hand und später ein Gewehr... Na dann: Herzlich willkommen bei den "Aufstockern", arm trotz Arbeit.

Damit wir nicht nur beim Unken bleiben: Das Thema ist bereits an anderen Stellen mit der Frage nach alternativen Haltungen und Modellen behandelt worden. Z. B.: hier und hier. .

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

5

Sonntag, 4. Dezember 2011, 13:44

RE: Vorsorgeuntersuchungszwang als Vorbeugung gegen Kindesmißhandlung

Zitat

Original von Michael
Ein Kind wurde diesmal in Bremen ("Fall Kevin") quasi vor den Augen des kontrollierenden Jugendamtes, der Ärzte und der Nachbarn mißhandelt und kommt zu Tode. Die Öffentlichkeit stürzt sich auf einen Skandal mehr in unserer unsozialen und kinderfeindlichen Republik und nach einem "Bauernopfer" unter Lokalpolitkern - in Bremen darf man davon noch sprechen - und Beamten werden populistische Maßnahmen durch eine schnell vereinigte Front der Kinderschützer von Politikern, Ärzte-, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Krankenkassen gefordert. Es soll mehr Kontrolle geben, all zu viel kosten soll es aber nicht. Ein Mittel, das neuerdings in aller Munde ist, ist die geplante Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder zu "Vorsorgeuntersuchungen" beim Haus- oder Kinderarzt vorzustellen.

Kontrolle aber ist nicht das Problem. Die spektakulärsten Mißhandlungs- und Tötungsfälle betrafen Kinder von Eltern, die in ihrer Überforderung, psychischen Erkrankung, sozialen Randposition oder Suchtabhängigkeit den entsprechenden Behörden und auch Ärzten oft genug bekannt waren. An Stelle einer wachen, kontinuierlichen Aufmerksamkeit mit beherzten, jedoch nicht überschießenden Initiativen und auf die jeweiligen Bedürfnisse der Familien zugeschnittenen rasch und ohne Sparzwang eingesetzten ambulanten Jugendhilfemaßnahmen zur Unterstützung der Erziehung fehlte es eben nicht an der Kontrolle an sich oder dem Willen dazu, sondern an Geld, Initiative, Aufmerksamkeit oder Interesse.


Inzwischen liegen in den einzelnen Bundesländern die Erfahrungen aus der Meldepflicht, die seit etwa 2007 eingeführt wurde, vor. Ich sprach mit einem Leiter eines Jugendamtes, der sich regelmäßig auf Konferenzen mit anderen Leitern bundeslandweit trifft. Auf eine kurze Formel gebracht sagte er bei einer solchen Konferenz: Wir würden wesentlich mehr Fälle von dringend schutzbedürftigen Kindern aufspüren, wenn alle versammelten Amtsleiter drei Stunden im Tagungsort ausschwärmen würden, als wenn wir ein Jahr lang alle Meldungen versäumter Vorsorgeuntersuchungen aufarbeiten würden. Es sei kein einziger neuer, sonst völlig unbekannter Fall in die Maschen der behördlichen Kinderschützer gelangt, seitdem das Meldegesetz existiert.

Der personelle und finanzielle Aufwand dieser präventiven Überwachungsmaßnahme sei allerdings erheblich, meinte der Behördenleiter. Dazu käme, dass die Meldungen, die zwangsläufig mit zeitlicher Verzögerung an die Jugendämter weiter geleitet würden, zu 80% bereits zum Zeitpunkt der Kenntnisnahme veraltet seien, weil entsprechende Nachuntersuchungen stattgefunden hätten. Manchmal komme es zu Verzögerungen der Weiterleitung stattgefundener Untersuchungstermine durch die Arztpraxen. Doch auch bei den 20% tatsächlich verzögerten Voruntersuchungen, denen mit sehr hohem Personal- und Kostenaufwand nachgegangen werde, ließen sich keine sonst nicht erkennbaren Fälle schwerer Vernachlässigung oder Misshandlung aufdecken. Für den befragten Amtsleiter war klar: das gut gemeinte Gesetz ist ein Flopp. Das Geld sollte sinnvoller ausgegeben werden.

Allerdings empörten sich viele insbesondere Eltern über die Nachfragen und Arztpraxen freuen sich nicht über den finanziellen und Arbeitsaufwand, der durch die Gesetze auf sie zugekommen ist. Ursprünglich standen die Vorsorgeuntersuchungen aus der Tradition der Mütter- und Stillberatungen sehr im Zusammenhang mit dem sozial- und seuchenmedizinischen Ziel, bei den entsprechenden Terminen auch ohne offizielle Impfpflicht den Eltern dringend nahe zu legen, den empfohlenen Impfkalender zu befolgen und ihre Kinder durchimpfen zu lassen. Hiergegen hatte sich nach Jahrzehnten eine kritische Distanz gerade bei den gesundheitsbewussten Eltern formiert, die exakte wissenschaftliche Aufklärung auch über Risiken und Nebenwirkungen verlangten und es Leid waren, einer Impfideologie der Schulmedizin ohne Weiteres Glauben zu schenken. Gerade diese medizinkritischen Eltern, die eine bestimmte Lobby gerne als verantwortungslos diffamieren möchte, kümmern sich meist gut im ihren Nachwuchs und sind kaum an den krassen Fällen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung beteiligt.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)