Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Sonntag, 12. November 2006, 14:13

Zorn, Wut, Angst und Co. - gibt es einen heilsamen Umgang mit diesen Gefühlen?

Aggressive Gefühlsäußerungen können erschrecken und sie können in Folge von Erschrecken und Angst hervorgebracht und gezeigt werden. Unbewertet könnte man "Aggression" auch als eine Form impulsiver, auf etwas oder jemanden zugehende "Lebensenergie" bezeichnen, eine "vitale Kraft". Unabhängig von ihrer bewussten geistigen Bewertung sind viele emotionale und physiologisch-biologische Reaktionen mit der Wahrnehmung und Äußerung dieser Gefühle verbunden. Über die Herkunft dieser Gefühle gibt es sehr viele Theorien und natürlich auch darüber, wie man mit ihnen bei sich selbst, in der Erziehung, in der Gesellschaft und zwischen Gesellschaften umgehen soll, um Schaden durch ihre "unerlöste Form", Gewalt nach innen oder außen, zu vermeiden..

Zorn und Wut werden bei Vorhandensein in der Regel als heftige Gefühle erlebt, wenn man sie nicht ganz in sich oder dem Gegenüber unterdrückt hat, sodass sie vielleicht gar nicht ohne Weiteres erkannt werden, allenfalls durch die Folgen der Verdrängung in körperlichen Erkrankungen, psychischen Symptomen oder sozialen Haltungen. Die Heftigkeit des Erlebens lässt es neben der Angst vor den destruktiven Folgen des Ausagierens dieser Gefühle vielen und vermutlich der Mehrheit von Mitgliedern einer Gemeinschaft wünschenswert erscheinen, diese Gefühle zumindest innerhalb einer Gemeinschaft zu kontrollieren und oft sogar, sie zu unterdrücken und nur unter ganz bestimmten Bedingungen nach außen zu kanalisieren, wobei oft Hass auf Fremdes bis hin zum Krieg diese Funktion übernehmen.

Aber auch um Wut und Zorn zu unterdrücken oder zu kontrollieren und zu kanalisieren werden aggressive Gefühlsenergien und Ängste eingesetzt. Wut und Zorn sind häufig unterdrückte, aber eben auch unterdrückende Gefühle, die in Beziehung zu anderen Gefühlen stehen, die ebenfalls oft sowohl individuell wie gesellschaftlich unerwünscht zu sein scheinen, beispielsweise Schuldgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, Angst, Ohnmacht, Traurigkeit, Schmerz, das Gefühl von Sinnlosigkeit. Um diese Gefühle nicht empfinden zu müssen, kann ihre Überdeckung und Abwehr durch nach innen oder außen gerichteten Zorn, Ärger, durch Wut erfolgen.

Paradoxerweise versuchen sowohl Individuen als auch Gesellschaften bestimmte in anderen Zusammenhang oft positiv bewertete Gefühle zu kanalisieren oder gar zu unterdrücken, nämlich Selbstbewusstsein bis zum Größengefühl, Überlegenheitsgefühl aber auch Gefühle von Wollust oder gar Exstase, Glück und Freude. Jedes heftige Gefühl scheint verdächtig und gefährlich, die mühsame intrapsychische und gesellschaftliche Ordnung durcheinander zu bringen! Daher scheint intrapsychisch, also innerhalb des Individuums wie extrapsychisch in der Gesellschaft das Instrument der Kontrolle so häufig angewendet zu werden. Dahinter steht Angst.

Die Verdrängung von Gefühlen ist die Folge ihrer Bewertung als unangenehm, schädlich, angstmachend, unpassend, böse usw. Wir haben Angst, dass diese Gefühle falsch oder schädlich sind und fühlen uns deswegen schlecht oder schuldig. Das hindert uns daran, alternative Sichtweisen zu entwickeln, z.B. über das Gute des so genannten Bösen aber auch über das Schlechte an den so genannten Tugenden und die möglichen negativen Folgen einer so genannten Moral. Damit sind wir in einem Glaubenssystem über unsere Gefühle gefangen und können diese weder einfach als solche anerkennen noch wegen unserer verzerrenden Vorannahmen überhaupt erkennen.

Damit sind wir allerdings auch schon tief in unbewusste Haltungen und Ängste verstrickt und werden letztlich zum Spielball unserer für problematisch gehaltenen Gefühle und merken das am Ende erst durch die destruktiven Äußerungen von unerkannten Energien, die wir aus unserem Leben ja nicht verbannen sondern dadurch nur erst recht in unser Leben ziehen können. So wird es am Ende entscheidend sein, welche bewusste Haltung wir gegenüber unseren nun mal empfundenen und ausgedrückten Gefühlen einnehmen, auch solchen wie Zorn, Ärger, Wut und Angst.

Diese bisher angestellten Beobachtungen führen zu der Vermutung, dass eine wichtige Ursache für das Auftreten bestimmter Gefühle unser Umgang mit unseren primären Bedürfnissen ist. Bedürfnisse sind essentiell, nicht an eine bestimmte Person gerichtet und können nicht ohne eine gefühlsmäßige Reaktion und sei sie noch so verdrängt und unscheinbar, unterdrückt werden. Neben Grundbedürfnissen, die sehr körpernah sind, wie das Bedürfnis nach Nahrung, Wärme, Schutz des Körpers, gibt es auch Bedürfnisse, die weniger körperlich sind, z.B. nach allgemeiner Sicherheit, Sinnerfüllung, menschlicher Nähe, Achtung und Beachtung, Liebe. In diesem Verständnis ist Liebe dann nicht als Gefühl (sie ist nämlich eher keines) und auch nicht als spirituelle Macht zu verstehen.

Wenn unsere Bedürfnisse keine Erfüllung finden, wenn wir selbst über sie hinweg gehen und erlauben, dass sie innerhalb unserer Lebensgemeinschaften keinen Platz haben dürfen, stellt sich eine tiefe Frustration und auch oft Verzweiflung ein. Abgeschnitten von unseren Bedürfnissen, möglicherweise so stark, dass wir weder Bewusstsein noch gar Worte für sie haben, können wir uns nach und nach sehr angstvoll oder ärgerlich, gereizt, oder gar sehr zornig fühlen. Das könnte alles Ausdruck einer fehlenden lebendigen Verbindung zu unseren Bedürfnissen, die wir unterdrückt haben, sein.

Oft sinken diese abgelehnten Gefühle als energetische Depots in unseren Körper, besonders die Bindegewebe, formen dort Haltungen und können völlig unbewusst körperlich krankmachend wirken. Ihren Ursprung haben wir vergessen, ihre Anwesenheit verdrängt. Sind wir hingegen lebendig mit unseren Bedürfnissen und Gefühlen verbunden und akzeptieren ihr Vorhandensein, strahlen wir am Ende vermutlich Ausgeglichenheit, Freude, Beschwingtheit, Klarheit, Mitgefühl mit uns und anderen, Heiterkeit und Glück aus und sind bereit, diese Gefühle zu teilen und mit zu teilen.

In einer Gesellschaft und unter Menschen, die seit Generationen zutiefst Angst vor heftigen Gefühlsäußerungen hat und nach und nach unfähig geworden ist, sie zu ertragen, ohne sie zu bewerten und unter Kontrolle bringen zu wollen, wird man schon als kleines Kind nicht ermutigt, zu schreien, zu heulen, zu toben und zu strampeln. Schon Babys und Kleinkinder werden ungeduldig „ruhig gemacht“, wenn das „Stillen“ als ein Vorgang, ganzheitlich liebevolle, nährende Nahrung zu geben, nicht ausreicht, weil die Spender nicht ruhig und nicht liebevoll sein können und sich dafür selbst verurteilen und ihr schlechtes Gewissen, ihre Frustration und Wut in das unruhige Kind projizieren. Die Disziplinierung findet ihre Fortsetzung in Kindergarten und Schule und dort wird einem auch mit Religion und Moral beigebracht, diese verkrüppelnde Erziehung als Liebe der Eltern und verantwortungsvolle Sorge der Erzieher zu ehren. Man bläut den Kindern mit groben subtilen Methoden „Respekt“ ein oder erzieht sie mit Pädagogik und Psychologie dazu, sich wegen Unbotmäßigkeiten schuldig zu fühlen.

Verschiedene psychologische Schulen empfehlen die "Integration" der emotionalen Anteile in die Gesamtpersönlichkeit anstelle von Verdrängung oder Abspaltung und stellen sich damit zum Teil gegen die öffentliche Moral, die das Austilgen als negativ empfundener Gefühle bevorzugen würde. Und sie empfehlen auch, uns die wesentlichen Bedürfnisse nicht ab zu trainieren, sie nicht zu verleugnen. Krishnamurti empfiehlt, überhaupt niemand anderes sein und werden zu wollen, als man ist und Buddhisten formulieren einen Weg zu Selbsterlösung von den drei Übeln Unwissenheit, und den aus dieser Ignoranz resultierenden beiden "Anhaftungen" Begierde und Ablehnung. Am Ende geht es darum, allen Dingen, auch den Gefühlsdingen einen angemessenen Platz zu zu weisen und nichts zu verurteilen, aber auch nichts zu fordern. Z.B. war im Buddhismus und auch bei Krishnamurti der Kampf gegen sexuelle Bedürfnisse, um zu einer asketischen Keuschheit zu gelangen, als Irrweg bezeichnet worden. Enthaltsamkeit aus Zwang führt nicht zur Erlösung, Integration, sondern zu Abspaltung und Verleugnung.

Das buddhistische Ideal der Überwindung der drein "Wurzel-Übel" Anhaftung, Abwehr und Ignoranz klingt zwar nach einer Neutralität, die weder noch ist, doch ist das für uns mit Gefühlen lebenden Menschen kaum ein möglicher primärer Weg, wenn wir uns klar machen, dass Gefühle auch lebendige Energien sind, wie es schon die frühe Psychologie zu beschreiben suchte. Es geht also bei der praktischen Anwendung einer solchen Überlegung m. E. nicht um absterben und verschwinden Lassen, sondern um Annahme, liebevolle Annahme, um zu einer Haltung zu gelangen, die auch die Gefühle Wut, Zorn, Hass, Angst als existente Empfindungen und Lebensäußerungen annimmt und bestehen lässt.

Auch das psychoanalytische Ideal, unsere Gefühle aus Verletzungen und Mangel an nährender Kommunikation uns hauptsächlich als eingebildete Neurosen bewusst zu machen und uns vorzeitig mit den gefühls- und körperfeindlichen Umständen in unseren Beziehungen und unserer Gesellschaft zu versöhnen und Trost vor dem wirklichen Erkennen und Erfahren sowie Betrauern der ganzen Verdrängungskatastrophe zu spenden, führt nach vorübergehender Erleichterung durch das Reden über Gefühle und das Vorhandensein eines Zuhörers zur Verschärfung der Situation durch eine alles wieder deckelnde psychoanalytische Moral, die wie die religiöse sagt: Du kannst nicht gesund werden, wenn Du nicht verzeihst und wenn Du Deinen Hass nicht unter Kontrolle bringst.

Dieser Weg hat mit der sehenden, hörenden und fühlenden Annahme nichts zu tun und lässt die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, das innere Kind, den eigenen Körper wieder im Stich. Alles, ausnahmslos alles muss auf den Tisch, angeschaut, gewürdigt, integriert werden, sonst sind Trost und Versöhnung schädlich. Annahme von Hass z.B. auf die Eltern und Erzieher, die Patriarchen und Unterdrücker heißt nicht, dass Beschuldigungen „richtig“ sind und Forderungen zum Ziel führen, doch es heißt, das da sein darf was da ist. Hass entwickelt sich vor allem als Reaktion auf völlige Ohnmacht und Hilflosigkeit in Abhängigkeiten, ohne dass das Individuum schon die Möglichkeiten sieht, sich selbst das zu geben oder zu verschaffen, nach dem es dürstet. Es ist im Hunger und der Abhängigkeit ohne nährende Liebe und Kommunikation gefangen und entwickelt ein Überlebensmodell, wie es in Mangel und Abhängigkeit trotzdem existieren kann.

Da der Hass in seiner offenen Form zerstörerischer aussieht, als er wäre, wenn er sich zeigen dürfte, wird er verdrängt und gegen sich selbst gerichtet, wo er unerkannt seelische, körperliche und gesellschaftliche „Krebsgeschwüre“ hervorbringt. Ganz angenommen könnte der Hass uns aber die Notwendigkeit deutlich machen, uns aus destruktiven Abhängigkeiten zu lösen und für unser Leben, unsere Bedürfnisse, unsere Gefühle selbst Verantwortung zu übernehmen. Stirbt die Abhängigkeit, die uns hungrig und einsam ließ, hat auch der Hass seine Bedeutung verloren und erst dann kann Verständnis in frühere destruktive Beziehungen einkehren, manchmal auch ungeheuchelte, Liebe, aber nur dann. Oder eben nicht. Das wäre gesünder und fairer allen Seiten gegenüber, als in Masken zu leben und Liebe, Anteilnahme und Verständnis zu heucheln, wo ungeahnte Angst und namenloser Hass wüten, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen.

In der Regel ist diese Annahme auch schwierigster Gefühle zwar ein aktiver Vorgang, da er aber nichts verändert, sondern alles so belässt, ist er außerdem nicht aktiv im Sinne von nicht ändernd. Annahme will nichts weg haben. Sie entspricht der (spirituellen) Liebe, die nicht ausschließt, sondern akzeptiert, um sich zu vervollkommnen. Eine Liebe, die keinen Hass erträgt, wäre eine sehr begrenzte Liebe. Eine Liebe, die Angst und Traurigkeit verbannen muss, wäre kaum ihren Namen wert. Liebe als Wertschätzung geht nicht den Weg der Unterdrückung.

Für diesen Vorgang der Annahme hat es sich bewährt, ein Gegenüber zu haben, einen Dialogpartner, mit dem man zu dem inneren Dialog mit sich ergänzend einen äußeren Dialog führt. Spirituelle Selbstbefreiungswege und Therapieschulen beherzigen dieses Prinzip und betonen die Wichtigkeit eines Seelengefährten, eines Lehrers, Therapeuten oder wissenden Zeugen, der allerdings nicht in den engen moralischen Fesseln einer Doktrin gefangen sein sollte, um wirklich Geburtshelfer zu einer Selbstbefreiung werden zu können. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ein Mensch sich ohne Therapeuten und Guru Abhängigkeiten bewusst macht und sich befreit, doch scheint sich zu bestätigen, dass Verletzungen und Demütigungen, die in Beziehungen entstanden sind, auch in Beziehungen wieder heilen müssen. Das geht natürlich nur, wenn diese therapeutischen oder spirituellen Beziehungen keine neuen Abhängigkeiten erschaffen.

Ist man nun mit liebevoller Annahme von Hass, Zorn, Ärger, Traurigkeit und Angst befasst, ist es nicht nötig, sondern eher kontraproduktiv, etwas mit diesen Gefühlen oder aus ihnen heraus zu tun oder, das dieser Annahme entgegen steht oder sie zu verändern, sodass nicht zu befürchten ist, dass die Gefühle, die zugelassen werden können, destruktiv ausagiert werden müssen. Die Zerstörung durch Destruktion oder Verdrängung (wie bei manchen Formen von quasi überschießendem Krebs übrigens) hat ja nur als "Reaktion", als Folge von "Unannehmbarkeit" von Gefühlen oder Zuständen einen Sinn. Ist aber alles annehmbar geworden, ist Reaktion und damit Destruktion oder Verdrängung unnötig und kein Gefühl muss dazu herhalten, ein Werkzeug zur Manipulation dessen, was ist, zu werden. Der befreiende Aspekt dieser liebevollen Annahme, die einem zeigt, dass man selbst liebenswert und annehmbar ist, zerstört destruktive Abhängigkeiten von Selbst- und Fremdbewertungen und bringt damit den Hass von selbst zum Erliegen.

Hat man diesen Grad von Freiheit erlangt, die nicht reagieren muss, kann man durchaus gefühlsmäßig handeln und zwar aus seinen integrierten Bedürfnissen heraus - jedoch ohne Zwang. Man weiß um seine Bedürfnisse, spürt seine Lebendigkeit, fühlt, lebt und drückt ein Gefühl aus, ohne sich mit diesem, mit sich oder anderen im Krieg zu befinden und nimmt nicht andere Gefühle, um dem einen Geltung zu verschaffen oder Einhalt zu gebieten. Alles kann um seiner selbst willen gewürdigt und in seinem Rahmen belassen werden und aus einem Gefühl muss man somit kein Problem machen. Ohne Problem ergibt sich nicht die Notwendigkeit einer Lösung, die neue Probleme verursacht. Stattdessen können wir handeln, ohne Schuldgefühle zu haben oder zu beschuldigen oder eben auch nicht handeln. Wir machen dies dann nicht mehr von vergleichenden und damit immer relativen, unvollständigen und unbewussten Bewertungen und Glaubenssätzen abhängig oder von destruktiven und unaufrichtigen Beziehungen, in denen Bewertungen und Glaubenssätze bedeutender sind, als das, was ist, der Mensch, so wie er eben ist.

Literaturhinweise zur Auseinandersetzung mit dem Thema Aggression und destruktiven Gefühlen findet Ihr auch unter folgenden Links hier im Forum: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=926&sid=
und http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=925&sid=

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

2

Dienstag, 12. Dezember 2006, 16:40

Hallo Michael,

in unserer "ach so liebevollen" Gesellschaft ist es nicht einfach, zu seinem Zorn und zu seinen Aggressionen zu stehen. Mir ist aufgefallen, dass sehr viel für Opfer unternommen wird, aber meldet sich mal ein Täter für Hilfestellung, wird er sehr schnell kategorisiert und alleine gelassen.

All diese negativen Gefühle auszuleben halte ich eher für kontraproduktiv. Sie anzuerkennen ist sehr sinnvoll und hilfreich, dem was dahinter steht, auf die Spur zu kommen.

Aus aktuellem Anlass weiß ich, dass hinter solchen Gefühlen auch übernommene von den Vorfahren stecken können. Zum Beispiel wurden tote Kinder früher nicht betrauert, weil es Engel waren. Oder Täter im Krieg wurden ausgeklammert, genausowenig wie darüber gesprochen werden durfte. Solche Dynamiken haben eine enorme Energie.

Selbst wenn ich mir darüber bewusst sind (traurig, ärgerlich, wütend zu sein, Schmerzen zu haben oder gar jemanden zu verachten), und weiß, dass ich diese Gefühle in mir wahrnehme und habe, ist das zunächst einmal ein Endpunkt, an an dem man nicht weiter kommt.

Früher habe ich gedacht, wenn ich diese Gefühle so richtig auslebe, dann werde ich sie los. Das ging total nach hinten los: die Gefühle wurden nur umso stärker. Eben, weil ich ihnen sehr viel Aufmerksamkeit schenkte. Sinnvoller wäre es im Hier und Jetzt das wahrzunehmen, was ich gerade in mir empfinde und diesen Impulsen nachzugehen. Dann weiß auch mein Gegenüber, worum es sich handelt. Meistens wird sowas runtergeschluckt und ein anderer, meist der Partner, bekommt die negativen Emotionen ab. Wenn er Glück hat, und der Tag gut gelaufen ist, natürlich auch die positiven wie Freude.

Was ich denke, das am ehesten hilft, sich mit Menschen abzugeben, die eher optimistisch eingestellt sind. Dann kommen die negativen Emotionen gar nicht so recht zum Zuge. Pessimistische Individuen können einen ganz schön runterziehen und dann ist man so übler Laune und weiß nicht woher sie kommt.

Dann ist mir noch aufgefallen, dass sehr viele Menschen von sich behaupten, sie würden ihre Liebe kultivieren. Es sind dann diese, sie sehr gerne und oft streiten, weil sie gar nicht wissen, wie Menschenverachtend sie in Wirklichkeit sind.

Liebe Grüße Micha :evil:

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

3

Montag, 18. Juni 2007, 14:16

Leben im Einklang mit seinen Bedürfnissen: Die lebendige Verbindung

Zitat

Original von Michael
Diese bisher angestellten Beobachtungen führen zu der Vermutung, dass eine wichtige Ursache für das Auftreten bestimmter Gefühle unser Umgang mit unseren primären Bedürfnissen ist. Bedürfnisse sind essentiell, nicht an eine bestimmte Person gerichtet und können nicht ohne eine gefühlsmässige Reaktion und sei sie noch so verdrängt und unscheinbar, unterdrückt werden. Neben Grundbedürfnissen, die sehr körpernah sind, wie das Bedürfnis nach Nahrung, Wärme, Schutz des Körpers, gibt es auch Bedürfnisse, die weniger körperlich sind, z.B. nach allgemeiner Sicherheit, Sinnerfüllung, menschlicher Nähe, Achtung und Be-achtung, Liebe. In diesem Verständnis ist Liebe dann nicht als Gefühl (sie ist nämlich eher keines) und auch nicht als spirituelle Macht zu verstehen.

Wenn unsere Bedürfnisse keine Erfüllung finden, wenn wir selbst über sie hinweg gehen und erlauben, dass sie innerhalb unserer Lebensgemeinschaften keinen Platz haben dürfen, stellt sich eine tiefe Frustration und auch oft Verzweiflung ein. Abgeschnitten von unseren Bedürfnissen, möglicherweise sto stark, dass wir weder Bewußtsein noch gar Worte für sie haben, können wir uns nach und nach sehr angstvoll oder ärgerlich, gereizt, soder gar sehr zornig fühlen. Das könnte alles Ausdruck einer fehlenden lebendigen Verbindung zu unseren Bedürfnissen, die wir unterdrückt haben sein. Sind wir hingegen lebendig mit ihnen verbunden, strahlen wir vermutlich Ausgeglichenheit, Freude, Beschwingtheit, Klarheit, Mitgefühl mit uns und anderen, Heiterkeit und Glück aus und sind bereit, diese Gefühle zu teilen und mit zu teilen.


Nachdem ich mich in den letzten Monaten mehrfach mit Büchern und Gedanken von Marshall B. Rosenberg und seiner "Gewaltfreien Kommunikation" (GFK), die er eine "Sprache des Lebens" nennt, beschäftigt habe, ist mir beim Überlesen meines alten Beitrags der Gedanke gekommen, dass ich die Verbindung von Bedürfnis und Gefühl damals noch nicht sehr präzise beschrieben habe, jedenfalls nicht im Rosenberg'schen Sinne. Als ich von Bedürfnissen schrieb, wollte ich mich auch ein wenig von dem recht begrenzten "Triebbegriff" psychoanalytischer Prägung absetzen. Ich glaube, dass der Begriff "Bedürfnis" trotz bestimmter Parallelen weiter gefasst ist und auch noch in eine andere Richtung geht.

Dabei ist das Wort selbst in unserer Sprache recht problematisch und hat in unserer, auch meiner, Sozialisation doch die eine oder andere Abwertung erfahren. So fand ich es sehr attraktriv, "bedürfnislos" zu sein, im spirituellen wie psychischen, sinnlichen und leiblichen Sinne. Dabei gibt es, glaube ich, was die Tendenz der Verleugnung von Bedürfnissen angeht, keine prinzipielle Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, allenfalls hinsichtlich der Vorlieben dafür, welchen Bedürfnissen wir uns lieber nicht zuwenden und sie stattdessen bei uns und anderen ignorieren. Inzwischen glaube ich, dass eine tiefer verstandene spirituelle wie religiöse Beschäftigung mit unseren Bedürfnissen keineswegs ihre Verleugnung zum Ziel hat, selbst da, wo es um Transzendenz geht, sondern ihre Befreiung von Konditionierung.

Geschult an Rosenbergs Gedanken halte ich die Grundbedürfnisse, die wir teilweise sogar mit unseren tierischen Mitwesen gemein haben, für die lebendige Verbindung unseres Geistes über den Seelenleib zu unserer materiellen Lebensbasis auf dieser Erde. Über unsere Bedürfnisse verbinden wir uns mit unserem irdischen Leben und werden dadurch lebendig. Sonst würden wir geistig bleiben. Und da es keine Einbahnstrassen für Energie gibt, erhebt sich das Irdisch-Leibliche in uns über die Bedürfnisse auch zu unserem Geist. Die Verbindung macht uns in der erfahrbaren Weise lebendig. Die Annahme dieser Verbindung macht uns frei von Konditionen.
Als nicht nur biologische, sondern auch soziale Geist-Seele-Leib-Wesen gehen unsere Grundbedürfnisse nicht nur dahin, uns Nahrung, Lebensenergie, Schutz unseres Leibes und Gelegenheit zu sexueller Fortpflanzung zu suchen. Wir haben auch konkrete Bedürfnisse Richtung Gemeinschaft und gemeinschaftlicher Sinnfindung, wie sie z.B. in kulturellen Schöpfungen ausgedrückt werden. Auch diese Verbindung zwischen uns Menschen über unsere Bedürfnisse läßt uns sozial lebendig, fruchtbar und wirksam werden.

Sind wir im Einklang mit diesen im großen und ganzen wenigen Grundbedürfnissen, empfinden wir zumeist wohltuende Gefühle, die wir als angenehm erfahren und daher "positiv" bewerten. Sind wir nicht im lebendigen Kontakt mit unseren Bedürfnissen, stellen sich für uns und andere wahrnehmbar unangenehme Gefühle und entsprechende Gefühlsäußerungen ein. Auch sie basieren natürlich auf unseren individuellen Bewertungen. Denn auch die Beurteilung, ob ein Bedürfnis bei uns gestillt ist oder nicht, müssen wir selbst vornehmen.

Eine Kultur, die wir uns einrichten, kann uns helfen, unsere Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen und uns Möglichkeiten zu schaffen, ihnen sowohl individuell als auch gemeinschaftlich Rechnung zu tragen. Die auf Gemeinschaft, Kontakt mit und Sinnfindung in der Gemeinschaft ausgerichteten Bedürfnisse sind eine Hilfe, wenn wir sie zulassen, um uns mit dem lebendigen Urgrund, dem sozialen Körper von Gemeinschaft in allen Ebenen zu verbinden: Paare, Familie, Gruppen, Sippen, Gemeinden, Stämme, Völker und schließlich die Menschheit.

Somit erschließt sich unserem mehrdimensionalen "irdisch-himmlischen" und "individuell-gemeinschaftlichem" Wesen über die lebendige Verbindung mit Bedürfnissen der gesamte komplexe menschliche Erfahrungsraum von der spirituellen Ebene über die seelisch-geistige Verbindung zur seelisch-leiblichen und schließlich leiblich-materiellen Ebene. Und in jedem dieser Teile ist auch das Ganze repräsentiert: oben wie unten, innen wie außen. Das Bedürfnis ist die lebendige Verbindungsstrasse. Es ermöglich, ja verlangt den Energieaustausch zwischen Geist, Seele und Leib, Zwischen Himmel und Erde und zwischen den Individuen.

Es ist der bedürftige Mensch, der in diesem Mittelpunkt wie ein Kreuz oder genauer, wie ein Pentagramm mit seinem Kopf an der Spitze und zwei fest stehenden Beinen auf der Erde die Dimensionen überbrückt und verbindet. In ihm steigen Energien, Geist, Kraft, Wärme, (spirituelle) Liebe auf und ab, hin und her. Rosenbergs Verdienst ist es, das ganz pragmatisch und auf der Ebene der Kommunikation zwischen menschlichen Individuen anschaulich und handhabbar gemacht zu haben mit seiner "gewaltfreien Kommunikation", über die ich an anderer Stelle am besten noch mal berichten werde.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

4

Donnerstag, 21. Juni 2007, 18:40

Gibt es einen heilsamen Umgang mit unangenehmen Gefühlen? Welches Tier würde sich diese Frage stellen? Keines! Und deswegen sind seelig auch die geistig Armen, - in meinen Augen ;) .
Das Problem sind doch nicht die Gefühle. Die kommen und gehen, wenn man sie läßt. Das Problem ist unser "Zerdenken" dieser Gefühle. Schaut mal aufmerksam Euch in einer "unguten" Situation mit unangenehmen Gefühlen an. Das tatsächlich ungute Gefühl nimmt vielleicht 10 %ein. Der Rest ist das Kreisen der Gedanken, die einen an dieses Gefühl bindet.
Übrigens spricht Rosenberg auch davon, dass die "Wahrheit einfach sei". Mit vielen Worten entfernt man sich von ihr, läuft vor sich selbst davon, - weil man sich nicht aushalten mag. Und was mir noch mehr gefällt, ist, wie er sagte, dass Leben ist nicht dazu da, glücklich zu sein oder perfekt (z.B. mit Fragestellungen nach "wie finde ich den heilsamen - "richtigen" Umgang mit Gefühlen?). Das Leben sei dazu da, all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen.

Liebe Grüße

Tania

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

5

Freitag, 5. Juli 2013, 13:11

Trost und Heilung

Mir scheint, es ist oft heilsam, nicht heilen zu wollen und tröstlich, nichts zu tun, sondern nur zu sein, dabei zu sein. Trost Spenden bedeutet für mich in diesem Sinne das Angebot einer Begleitung, ohne etwas dazu oder weg machen zu wollen. Mitfühlendes Halten geschieht, während ich meine Absichten loslasse und ganz bei mir und beim Anderen bin, das heißt in einer offenen Präsenz für das was ist.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

6

Freitag, 9. August 2013, 11:15

Ich würde Michael hier Recht geben. Was will man dagegen tun, was kann man machen? Wenn es möglich ist, dann lässt man den Zorn ganz schnell wieder verrauchen, nimmt Trauer nicht wahr, spürt nur Freude. Aber das ist doch nicht möglich und was wäre denn auch eine Welt ohne sie? Ich würde nicht in ihr leben wollen...
Der stärkste Trieb in der menschlichen Natur ist der Wunsch, bedeutend zu sein.