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Sonntag, 5. November 2006, 17:01

Memento mori?!

Dieses, verkürzendem Mönchslatein entstammende "Gedenke, dass Du sterben wirst" ("Memento mori", mittelalterliches Latein, Gedenke zu sterben, aus "Memento moriendum esse", klass. Latein), ist neben der wunderbaren Herbststimmung auf den parkähnlichen Friedhöfen oft ein Anlass für mich, auch auf meinen längeren Hundespaziergängen den örtlichen Friedhöfen einen Besuch abzustatten. Das habe ich schon als Kind gemacht. Manchmal lese ich auch die Namen und denke über die möglichen Schicksale nach. Mein jetziger Wohnort verdankt seine Stadtwerdung dem preußischen Flottenbau und war Kriegsschiffwerft und Hauptmarinehafen in zwei Weltkriegen. Entsprechend liegen auf einem hiesigen "Ehrenfriedhof" sehr viele Kriegstote, besonders Marinesoldaten, aber auch Kriegsgefangene, Opfer von schweren Explosionsunglücken hier in der Werft oder ein von den Nazis zerstörter Gedenkstein an die Toten der Revolution von 1919, als hier Arbeiter- und Soldatenräte eine freie, sozialistische Republik ausriefen, um unter anderem das Kriegführen ein für alle Mal zu beenden...

Und so kamen Gedanken zu Gedanken, wie das immer bei meinen Friedhofsspaziergängen ist. Schaue ich nach den Jahreszahlen auf den "Heldengräbern" (ja, das steht da manchmal noch, "starben den Heldentod für das Vaterland...", wie auf den Epitaphien in der hiesigen "Christus- und Garnision Kirche"), so fragte ich mich beispielsweise, welche Gefallenen wohl das bessere Los hatten, die, die in den ersten Kriegstagen zu Tode kamen, oder die, die das ganze Morden miterlebten und sich daran beteiligten und zuletzt doch umkamen, nachdem sie sich Jahr für Jahr in ihren Schützengräben und U-Booten vor Schiss in die Hosen gemacht haben? Manche Gräber, selbst aus dem 1. Weltkrieg, scheinen noch mit einer Schale oder einem Rosenstrauch von Nachfahren geschmückt zu sein. So haben diese Toten den anderen, die nicht den "Heldentod" starben, etwas voraus. Denn während die Juden ihren Toten die ewige Ruhe gönnen, ist die Erde den christlichen Toten nur auf Zeit auf Kosten der Angehörigen vermietet, bevor die Grabstellen unweigerlich für immer abgeräumt werden.

Als ich also so in Gedanken mit meinem Hund (der immer "bei Fuß" geht und nie auf die Gräber kackt!) die Grabreihen entlang schritt und dabei auch an die neuesten Bundeswehrskandale dachte, wo ein wenig unsensible, vermutlich nicht sehr gebildete Soldaten ihrer kollektiven Todesangst mit makabren Totenkopfspielereien ausagierten, während die nach Lehm zum Aufbau ihrer Häuser suchenden Afghanen die störenden Gebeine aus den Lehm- und Kiesgruppen einfach beiseite warfen, kam mir auch ein ketzerischer Gedanke bei all der pietätvollen Stimmung, im Gedenken an das Jesus-Wort, dass doch die Toten die Toten begraben sollen (Mt. 8.22): Ist Totengedenken nicht vorallem eine Mahnung, sein Leben zu nutzen und nicht das eigene und das der Anderen zu vergeuden? Und was mache ich also hier, so sprach eine innere Stimme etwas respektlos zu mir, bei all den Soldaten, die in irgendeinem blöden Krieg "abgekackt" sind? Und als ich auf das nächste Grabkreuz schaute, las ich den Namen eines O. Kackschiess, der 1917 umgekommen war und konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren.

Das richtige Leben! Ist der eigentliche Skandal der makabren Bilder aus Afghanistan nicht, wie wenig ein Menschenleben dort galt und gilt und dass die Besatzungstruppen daran auch gar nichts geändert haben? Die Bundeswehr gräbt sich für angeblich 50 Millionen € in befestigten Lagern ein und nichts von diesen Steuergeldern fließt in den Wiederaufbau, in die Schulprojekte, in den Schutz der Bevölkerung. Eine unfähige Regierung bleibt letztlich der Spielball der Warlords, der Drogenbarone und Fanatiker oder der geopolitischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten. Das ist wohl das eigentlich Makabere und nicht die "Störung der Totenruhe" durch Lehm- und Kiesabbau und ein paar pubertär agierende junge Leute in Uniform, die in einer Art Gruppenritual zur Angstbewältigung mit den Todessymbolen posieren und zu blöd sind, um daran zu denken, dass westlicher wie nahöstlicher Primitivjournalismus für die nach solchen Bildern lechzenden Konsumenten daraus schöne Skandalgeschichten fabrizieren, die wieder bestätigen, dass einige den Tod und das Töten verehren aber die Lebenden im Stich lassen und verhöhnen!

Im Gedenken, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Sonntag, 5. November 2006, 20:23

RE: Memento mori - drastisch oder feierlich?

Zitat

Original von Michael
..., kam mir auch ein ketzerischer Gedanke bei all der pietätvollen Stimmung, im Gedenken an das Jesus-Wort, dass doch die Toten die Toten begraben sollen (Mt. 8.22): Ist Totengedenken nicht vorallem eine Mahnung, sein Leben zu nutzen und nicht das eigene und das der Anderen zu vergeuden? Und was mache ich also hier, so sprach eine innere Stimme etwas respektlos zu mir, bei all den Soldaten, die in irgendeinem blöden Krieg "abgekackt" sind? Und als ich auf das nächste Grabkreuz schaute, las ich den Namen eines O. Kackschiess, der 1916 umgekommen war und konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren.


Auf der einen Seite bemühen sich die Menschen um einen "pietätvollen" Umgang mit dem Tod, auf der anderen Seite scheinen sie manchmal das Bedürfnis zu haben, mit einer betont burschikosen Ausdrucksweise eine all zu feierliche Distanz zu dem erschreckenden Faktum zu beseitigen, vielleicht um einer neuen Distanz willen, wer weiß.

Interessanterweise wird in den umgangssprachlichen, manchmal drastischen Formulierungen angedeutet, dass die Aufnahme und Ausscheidung, die äußerlich sichtbaren Zeichen aller Stoffwechselvorgänge und somit des biologischen Lebens, zum Erliegen gekommen sind, wenn davon die Rede ist, dass jemand "abgekackt" ist, dass er "im oder am Arsch" ist, dass er für immer den "Hintern zugekniffen" oder "den Löffel abgegeben habe", alles drastische Kontrapunkte zu: es habe jemand "das Zeitliche gesegnet", sei "verschieden" oder "verblichen", habe seinen "Atem ausgehaucht" oder sein "sein Herz stehe stille"...

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)