Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Samstag, 9. September 2006, 13:01

Gedanken zum Verständnis von Krankheit und Heilung aus ganzheitlicher Sicht

Das Verständnis von Krankheit und Heilung sowie die Wahl der Heilmittel aus ganzheitlicher Sicht hängt davon ab, was man als Krankheit oder auch Gesundheit bezeichnet und wer oder was krank oder gesund sein kann. Grundsätzlich handelt es sich um das Verständnis vom Leben, denn die Veränderlichkeit als ein Kennzeichen der Lebendigkeit liegt ja jedem Prozeß, auch dem Krankheits- und Genesungsprozeß zugrunde. Gesundheit und Krankheit spielen sich also innerhalb des Lebendigen ab und denoch ist auch der Tod ein Teil des Lebens!

Wer oder was erkrankt also? Für mich ist immer der ganze Mensch bzw. das ganze Wesen betroffen und der bzw. das hat neben seinem biologischen Organismus nach meiner Überzeugung trotz seiner Individualität eine nahezu unendliche Dimension mit abnehmender Ausdehnung in den geistigen, geistig-seelischen, seelisch-sozialen, seelisch-körperlichen und körperlichen Bereich hinein, die man als verschiedenste "Leiber" oder "Sphären" bezeichnen könnte, wobei der "soziale Leib" ebenfalls geistige, seelische und körperliche Anteile hat. Dazu hat alles u. a. über die Genetik und andere Informationssysteme auch noch eine Geschichtlichkeit in der Zeit. Der in seiner Ausdehnung in Zeit und Raum begrenzteste Leib ist unser Körper.

Mit Seele meine ich etwas noch oder schon Individualisiertes, das aus dem Geistigen stammt, sich aber mit den immer gröberen Schwingungen in "Mischungsverhältnisse" begibt und die Verbindung von der geistigen Welt zu der der Gefühle und Empfindungen herstellt. Es gibt Modelle, die in einer gewissen Hierarchisierung wie in der Anthroposophie quasi nach der Feinheit der Stofflichkeit und deren Schwingungen verschiedene Leiber um den sichtbaren Erdenleib vorsehen, die auch vereinfacht gesagt energetische "Zustände" abbilden. Je feiner sie sind, je weiter sie ausstrahlen, desto überpersönlicher und mit anderen Energien verwobener kann man sie sich vorstellen. Je grobstofflicher, körperlicher sie sind, desto mehr sind sie von unserem Werden, unserer individuellen Geschichte geprägt. Wir sind auch unser Körper.

Wenn Energieungleichgewichte zu spürbaren und am Ende sichtbaren Resultaten führen, können diese "Krankheitswert" bekommen und das Gefühl von Leid induzieren. Dies kann unser Bewußtsein animieren, sich mit den Ursachen und der Botschaft daraus zu beschäftigen, um ein neues energetisches Gleichgewicht zu schaffen. Diese Form der Erkrankung wäre dann gleichzeitig der kreative Schritt zu Heilung. Ist das Individuum in der Lage, durch sanfte Einflüsse auf die eigenen Regulationskräfte zu diesem Ausgleich zu kommen, wäre jedes Heilmittel Mittel der ersten Wahl, dass diese Steuerungsfähigkeit unserer verschiedenen "Leiblichkeiten" sanft, aber wirksam anspricht. In unserer Natur liegt nicht nur die Anfälligkeit für einer Erkrankungsprozess, sondern auch die Selbstheilungsfähigkeit unseres Organismus.

Und doch gibt es energetische Ungleichgewichte, die durch das betreffende Individuum nur unvollkommen reguliert werden können, weil die Verschiebungen zu massiv oder zu lange andauernd sind und auch übergeordnete Energiesysteme betroffen sind - z.B. bei massiven Umweltvergiftungen, gesundheitsgefährdenden sozialen Lebens- und Arbeitsbedingungen oder bei einer tiefgreifenden Verletzung des einzelnen Organismus in einem oder mehreren seiner "Leiber". Dann ergibt sich unter Umständen ein Anlass zu Maßnahmen, die auch die übergeordneten Systeme betreffen und die auch vorübergehend lebenserhaltend und Lebensfunktionen von außen ersetzend in den Einzelorganismus eingreifen.

Ein solcher medizinischer Eingriff kann auch aus ganzheitlicher Sicht legitim sein und so hat beispielsweise die Schulmedizin mit ihrer Notfall-, Intensivmedizin und Chirurgie durchaus ihren Platz. Denn auch diese Formen der vor allem körperbetonten und symptombezogenen Heilkunde gehören in die ganzheitliche menschliche Evolution, die reich an Auswüchsen sein kann. Tatsächlich wären in vergangenen Jahrhunderten manche Kinder nicht geboren worden und viele wären gestorben, wenn es nicht bestimmte geburtshilfliche Operationen gegeben hätte, von den Müttern ganz zu schweigen. Heute können sich die geistigen Keime eines Menschen in einer individuellen Seele ein solches Schicksal aussuchen, es durchleben und weiterentwickeln mit den jeweiligen zeitgemäßen Methoden zusammen. Das ist weder gut, noch schlecht, sondern eine Erfahrungsvariante.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

2

Sonntag, 10. September 2006, 21:14

RE: Gedanken zum Verständnis von Krankheit und Heilung aus ganzheitlicher Sicht

Zitat

Da sah er einen kleinen Knaben, der stets zum Meer hin und zurück trabte und immer wieder einen kleinen Eimer mit Meereswasser füllte und dieses schnell in ein am Strand ausgegrabenes Loch leerte. Augustinus fragte: „Was machst du da, mein Junge?“ Dieser erwiderte: „Ich schöpfe den Ozean leer!“ Da griff sich Augustinus an den Kopf und sagte zu sich selbst: Genau das gleiche Törichte tue ich ja auch: Ich versuche, den unerschöpflichen, ewigen Ozean des Wesens Gottes erschöpfend zu erklären.


Solltest du Michael, so einen Jungen treffen, handle mit ihm und tausche deinen Teelöffel gegen seinen Eimer :gutwer

Zitat

Original von Michael
Das Verständnis von Krankheit und Heilung sowie die Wahl der Heilmittel aus ganzheitlicher Sicht hängt davon ab, was man als Krankheit oder auch Gesundheit bezeichnet und wer oder was krank oder gesund sein kann. Grundsätzlich handelt es sich um das Verständnis vom Leben, denn die Veränderlichkeit als ein Kennzeichen der Lebendigkeit liegt ja jedem Prozeß, auch dem Krankheits- und Genesungsprozeß zugrunde. Gesundheit und Krankheit spielen sich also innerhalb des Lebendigen ab und denoch ist auch der Tod ein Teil des Lebens!

Wer oder was erkrankt also? Für mich ist immer der ganze Mensch bzw. das ganze Wesen betroffen und der bzw. das hat neben seinem biologischen Organismus nach meiner Überzeugung trotz seiner Individualität eine nahezu unendliche Dimension mit abnehmender Ausdehnung in den geistigen, geistig-seelischen, seelisch-sozialen, seelisch-körperlichen und körperlichen Bereich hinein, die man als verschiedenste "Leiber" oder "Sphären" bezeichnen könnte, wobei der "soziale Leib" ebenfalls geistige, seelische und körperliche Anteile hat. Dazu hat alles u. a. über die Genetik und andere Informationssysteme auch noch eine Geschichtlichkeit in der Zeit. Der in seiner Ausdehnung in Zeit und Raum begrenzteste Leib ist unser Körper.

Mit Seele meine ich etwas noch oder schon Individualisiertes, das aus dem Geistigen stammt, sich aber mit den immer gröberen Schwingungen in "Mischungsverhältnisse" begibt und die Verbindung von der geistigen Welt zu der der Gefühle und Empfindungen herstellt. Es gibt Modelle, die in einer gewissen Hierarchisierung wie in der Anthroposophie quasi nach der Feinheit der Stofflichkeit und deren Schwingungen verschiedene Leiber um den sichtbaren Erdenleib vorsehen, die auch vereinfacht gesagt energetische "Zustände" abbilden. Je feiner sie sind, je weiter sie ausstrahlen, desto überpersönlicher und mit anderen Energien verwobener kann man sie sich vorstellen. Je grobstofflicher, körperlicher sie sind, desto mehr sind sie von unserem Werden, unserer individuellen Geschichte geprägt. Wir sind auch unser Körper.

Wenn Energieungleichgewichte zu spürbaren und am Ende sichtbaren Resultaten führen, können diese "Krankheitswert" bekommen und das Gefühl von Leid induzieren. Dies kann unser Bewußtsein animieren, sich mit den Ursachen und der Botschaft daraus zu beschäftigen, um ein neues energetisches Gleichgewicht zu schaffen. Diese Form der Erkrankung wäre dann gleichzeitig der kreative Schritt zu Heilung. Ist das Individuum in der Lage, durch sanfte Einflüsse auf die eigenen Regulationskräfte zu diesem Ausgleich zu kommen, wäre jedes Heilmittel Mittel der ersten Wahl, dass diese Steuerungsfähigkeit unserer verschiedenen "Leiblichkeiten" sanft, aber wirksam anspricht. In unserer Natur liegt nicht nur die Anfälligkeit für einer Erkrankungsprozess, sondern auch die Selbstheilungsfähigkeit unseres Organismus.

Und doch gibt es energetische Ungleichgewichte, die durch das betreffende Individuum nur unvollkommen reguliert werden können, weil die Verschiebungen zu massiv oder zu lange andauernd sind und auch übergeordnete Energiesysteme betroffen sind - z.B. bei massiven Umweltvergiftungen, gesundheitsgefährdenden sozialen Lebens- und Arbeitsbedingungen oder bei einer tiefgreifenden Verletzung des einzelnen Organismus in einem oder mehreren seiner "Leiber". Dann ergibt sich unter Umständen ein Anlass zu Maßnahmen, die auch die übergeordneten Systeme betreffen und die auch vorübergehend lebenserhaltend und Lebensfunktionen von außen ersetzend in den Einzelorganismus eingreifen.

Ein solcher medizinischer Eingriff kann auch aus ganzheitlicher Sicht legitim sein und so hat beispielsweise die Schulmedizin mit ihrer Notfall-, Intensivmedizin und Chirurgie durchaus ihren Platz. Denn auch diese Formen der vor allem körperbetonten und symptombezogenen Heilkunde gehören in die ganzheitliche menschliche Evolution, die reich an Auswüchsen sein kann. Tatsächlich wären in vergangenen Jahrhunderten manche Kinder nicht geboren worden und viele wären gestorben, wenn es nicht bestimmte geburtshilfliche Operationen gegeben hätte, von den Müttern ganz zu schweigen. Heute können sich die geistigen Keime eines Menschen in einer individuellen Seele ein solches Schicksal aussuchen, es durchleben und weiterentwickeln mit den jeweiligen zeitgemäßen Methoden zusammen. Das ist weder gut, noch schlecht, sondern eine Erfahrungsvariante.

LG, Michael
Leben ist ganz einfach, was das Leben so schwer macht, ist der Mensch selber

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Heike1« (10. September 2006, 21:14)


Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

3

Mittwoch, 13. September 2006, 09:40

RE: Gedanken zum Verständnis von Krankheit und Heilung aus ganzheitlicher Sicht

Zitat

Original von Heike1

Zitat

Da sah er einen kleinen Knaben, der stets zum Meer hin und zurück trabte und immer wieder einen kleinen Eimer mit Meereswasser füllte und dieses schnell in ein am Strand ausgegrabenes Loch leerte. Augustinus fragte: „Was machst du da, mein Junge?“ Dieser erwiderte: „Ich schöpfe den Ozean leer!“ Da griff sich Augustinus an den Kopf und sagte zu sich selbst: Genau das gleiche Törichte tue ich ja auch: Ich versuche, den unerschöpflichen, ewigen Ozean des Wesens Gottes erschöpfend zu erklären.


Solltest du Michael, so einen Jungen treffen, handle mit ihm und tausche deinen Teelöffel gegen seinen Eimer :gutwer


Liebe Heike,

danke für Deine wunderbare Geschichte, die von Augustinus überliefert wird! Augustinus war ein faszinierender und gleichzeitig widersprüchlicher Theologe und "Kirchenvater"! Und so faszinierend ist auch das Gleichnis mit der Gegenüberstellung von offenkundiger "Dummheit" oder Kurzsichtigkeit bei gleichzeitig enormer Vorstellungs- oder Glaubenskraft dieses Jungen. Der Existenzialist Albert Camus postulierte in einem ähnlichen Fall, wir müßten uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen, gerade als Helden des Absurden und Zen-Buddhisten harken als spirituelle Übung Kiesbeete oder fegen den Wald. Die Sinnlosigkeit hat Beziehung zum Sinn und umgekehrt.

Gottsuchen mit den untauglichsten Mitteln kann durch seine Allgegenwart immer wieder überraschend und durch die "größte Dummheit" oder Absurdität "gelingen". Doch können wir dieses Geschenk in uns erhalten und sich dort ausbreiten lassen? Können wir uns (schon) dauerhaft erkennen und halten wir diesen Blick und halten diesem Blick gar stand, von dem Meister Eckhart etwa Folgendes sagte: Das Auge, mit dem ich Gott sehe ist das Auge, mit dem Gott mich sieht?

Bilder und Metaphern geben manchmal mehr wieder, als abstrakte Worte, aber weder Bilder, noch Worte können "Gott" abbilden oder erklären, auch wenn er sich offenbart. Also werde ich es nicht tun. Der menschliche Verstand gleicht diesem Sand, er kann von den Gezeiten beleckt werden, aber sie nicht in sich aufnehmen und halten. Allerdings geht wohl auch keines dieser geringen Sandkörner verloren und so bemühe ich mich immer wieder (bei manchem zerknirschten Versagen in diesem Bemühen), auch sie in Ehren zu halten, also auch meinen dürren Verstand und dürftige Worte einer begrenzten menschlichen Existenz.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

4

Sonntag, 5. Juni 2011, 12:23

Unorthodoxe Gedanken zur Ganzheitlichkeit

In diesem Forum geht es um "Ganzheitlichkeit" und es versammelt eine Vielzahl unorthodoxer Gedanken scheinbar ohne jede Hierarchie und Ordnung. Es gibt keine Scheu, größte Gegensätze einander gegenüber zu stellen und diese scheinbar gegeneinander streiten zu lassen. Banales steht neben Exotischem und Erfahrungspraxis neben geistigen Abstraktionen und philosophischen Exkursen. Wer schon von Anfang an weiß, was richtig und was falsch, wirksam oder unwirksam ist, wird sich damit nicht anfreunden können und wer die "wahre Lehre" sucht, wird lange keine Befriedigung finden. Die Orthodoxie ist die richtige Lehre der Rechtgläubigen. Sie ist die wahre Lehre von der richtigen Lehre. Genau genommen ist sie weder die Wahrheit, noch das Ganze, was es zu wissen gäbe, denn notwendigerweise gibt es andere Lehren, die als weniger richtig oder wahr unterschieden und ausgesondert werden. Ganzheitlichkeit der Betrachtung und des Denkens, ja sogar des Glaubens und Fühlens ist der stete Feind der Orthodoxie, der Rechtgläubigkeit und der vermeintlichen Wahrheitsverkünder. Ihnen gelten Skepsis als Unglaube und somit als die Ketzerei der Blasphemie. Und dennoch haben die größten Denker, Philosophen und Religionsstifter im Gegensatz zu vielen ihrer Anhängern auch zum Zweifel, zur Prüfung, zur Formulierung des Gegensatzes aufgerufen, jedenfalls wenn sie von geistiger Souveränität waren und sich damit vom Zeitgeist abhoben.

Buddha legte nahe, ihm nichts zu glauben, sondern alles selbst zu prüfen, denn nur aus sich heraus gelangt man zu der erleuchtenden Erkenntnis, die bereits in uns verborgen liegt. Jesus, der den "ungläubigen Thomas" ermutigte und den "Leugner Petrus" herausstellte, gab an, das Schwert, die Zwietracht zu bringen, da er um die polarisierende Wirkung seiner Wahrheitserkenntnis wusste und mahnte doch, dass derjenige, der das Schwert zöge, darin umkomme. Das Judentum des "alten Bundes", auf das sich Jesus bezog, betonte vor seiner dogmenhaften pharisäischen Verkrustung die persönliche Beziehung zu Gott und das Werden des Volkes wie des Einzelnen in der Geschichte und selbst in der vergeistigten Verkrustung bestanden die Lehren in den sich ständig wiedersprechenden und doch nach Synthesen suchenden Gelehrtendiskussionen der Talmudisten. Krishnamurti und Bhagwan Shree Rajneesh ("Osho") verwarfen überhaupt jedes Festhalten an überkommenen Religions- und Glaubensvorstellungen und setzten auf schonungslose Selbsterfahrung als Heilungsweg. Und Mohammed forderte in seinem prophetischen Reformweg die ständige geistige und seelische Anstrengung, einen heiligen Krieg der Seele, um durch die Gegensätze hindurch dem von Gabriel geoffenbarten Geist Gottes folgen zu können.

Dieser "Dschihad", diese innere Auseinandersetzung mit dem eigenen Wollen und Nichtwollen, mit dem eigenen Sein als einem in Gegensätzen Sein, als Ringen mit dem eigenen Schatten, kennen die Mystiker jeder Schattierung auf der ganzen Welt. Sufi-Mystiker fanden dafür wunderbare Worte. Rumi (Dschalal ad-Din Muhammad Rumi) beschrieb es so, dass der Mensch dreimal um die Welt reisen müsse, um zu erkennen, dass er die Türe zu seinem eigenen Herzen suche. Sufistisch ist auch die Vorstellung, dass Gott stets im Herzen eines jeden Menschen wohne. Nur wir Menschen sind all zu oft nicht in unserem Herzen zuhause und solange wir dort nicht anwesend sind, können wir Gott nicht begegnen. Wohl aber könnte uns das offene Herz eines anderen für diese Erkenntnis entzünden, indem wir angeregt werden, die wunderbare Erfahrung der Offenheit zu machen und, in dem wir in das Herz eines anderen schauen, in unser eigenes blicken lassen. Das Herz ist der Ort wahrer Begegnung, von dem Rumi einmal sagte: Jensets von richtig und falsch gibt es einen Ort, da können wir einander begegnen. Nicht vom Ergebnis her sondern vielmehr als heftigsten Gegensatz beschreibt ein Zen-Koan den inneren Kampf, den der Verstand nicht auflösen kann: Wenn Du den Buddha triffst, erschlage ihn!

Die Beziehung eines Ich zu einem Du, Gegensätzlichkeit, Glauben und Zweifel und eine Synthese jenseits davon und weit über den Verstand hinaus bilden also das Geheimnis unserer Ganzheitlichkeit in beinahe jeder Überlieferung menschlicher Weisheit. Auf dem Boden der Endlichkeit, der dualistischen Welt der Wirklichkeit, fordert daher jede These, jede Setzung, jede Behauptung auch das Gegenteil heraus. So habe ich es bisher in meinem Leben gehalten. Stellt jemand ein Bild auf, entwirft ein Gemälde der Wirklichkeit, stelle ich Fragen, stelle diese Wirklichkeit in Frage, nicht um sie zu vernichten, sondern andere Wirklichkeiten daneben entstehen zu lassen. Alle zusammen werden vollständiger und wahrerer und doch sind es nur Annäherungen. Umkreisend wählen wir unsere Radien spiralförmig immer weiter und immer höher, immer tiefer und wieder enger und erst das ergibt am Ende eine Art Hologramm. Aber welches Ende? Ein Ende hat nur die Endlichkeit, oder vielleicht sogar mehrere?

Doch alles Wissen darum und das Räsonieren allein ist noch nicht das Erfahren, weshalb es oft nötig ist, diese verschiedenen Wege erst einmal zu gehen, um am Ende tatsächlich anzukommen. Zu wissen, wo alles enden wird, ist eben auch nur ein Teil der Erkenntnis. Wenn wir uns für ein Leben als Erfahrungsweg entschieden haben, ist Wissen nur der Trostpreis im Leben. Und Wissen zu sammeln nimmt nicht weniger Zeit in Anspruch, als das Leben zu erfahren. Beides dauert das ganze Leben und beides führt durch Täler und auf Gipfel. Auch hier gibt es kein entweder oder und kein weder noch. Wollen wir nun das Ganze? Wollen wir die Begrenzung? Wachstum orientiert sich an Grenzen, überschreitet diese jedoch nach einer Weile auch und kehrt immer wieder zum Wesentlichen, zur Quelle der Kraft im Innern zurück, um sich erneut mit anderen Quellen zu vereinen. Zusammen ergießen sich diese Quellen in den Ozean des Seins, aus dem die Essenz aufsteigt, um wieder auf alles herab zu regnen und die Quellen erneut zu speisen. So formt das lebendige Wasser die individuelle Seinserfahrung wie Flüsse das Land und die Gezeiten die Küste in ständigem Wandel.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)