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Sonntag, 2. April 2006, 17:22

Jahresamt für Johannes Paul II.

Ein Jubiläum bringt wieder Pilger aus aller Welt auf die Beine und läßt sie auf vielen Wegen Rom erreichen, wo sie zur logistischen Herausforderung der Verkehrsbetriebe, des Beherbergungsgewerbes, der Ordnungsdienste und des Sanitätswesens werden. Aber man glaubt sich gerüstet. Gemeint ist der Jahrestag des beinahe öffentlichen Todes des "Medienpapstes" Johannes Paul II. in Rom. In seiner Todesminute will der neue Papst Benedikt XVI., der ehemalige deutsche Kurienkardinal und konservative Wojtyla-Vertraute Joseph Ratzinger, öffentlich am Fenster über dem Petersplatz den Rosenkranz beten. Es ist in der katholischen Kirche üblich, mindestens eine Anzahl bestimmter Seelenmessen zu lesen. Es gibt das Sechswochenamt und das Jahresamt. Papst Johannes Paul II. starb am 2.4.2005 um 21.37 Uhr.

Für mich persönlich ist Karol Wojtyla eine interessante und umstrittene Person gewesen und geblieben. Damals mit den Gedanken von Taizé und der Theologie der Befreiung aus Lateinamerika (Leonardo Boff, Dom Helder Camara, Ernesto Cardenal u.a.) beschäftigt, waren mir die Verdikte des Papstes trotz seines persönlichen Anliegens für eine gerechtere Welt wie Faustschläge in das Gesicht der Unterdrückten vorgekommen, die eine zeitgemäße und irdische Antwort der großen Kirchen auf Diktatur, Ungerechtigkeit und Armut erwarteten. Die Begengnung des Papstes mit Ernesto Cardenal hatte für mich nichts von einer freundlichen väterlichen Ermahnung, es war eine barsche, autoritäre Demütigung! Dabei hatten beide "Gottesmänner" nur einen unterschiedlichen Politikstil und sehr unterschiedliche Wirkungsmöglichkeiten.

Wojtyla überzeugte mich auch nicht in seinem Umgang mit den Frauen in der Kirche und mit dem Thema "Sexualmoral". In der Abtreibungsfrage schien die Rechthaberei der Kirche die Menschen in die Rebellion zu treiben, sogar die Bischöfe in Deutschland. Dabei konnte ich ihm so weit zustimmen: Abtreibung ist keine gute Lösung. Aber die Frauen, die abgetrieben haben, haben trotzdem keine Ausgrenzung und Ablehnung verdient. Auftrag der Kirche ist meines Erachtens die Liebe Gottes in Versöhnung und Barmherzigkeit erfahrbar zu machen. Die Frauen haben aber oft Hartherzigkeit und eine Verweigerung eines ungeteilten Mitgefühls erfahren.

Daher wurde dieser Papst als "Chef meiner Kirche", in die ich unmündig hineingeboren und hineingetauft wurde, zum Stein des Anstoßes. Und an einem bestimmten Punkt hatte ich beschlossen, dass dieser Mensch, so honorig er persönlich auch sein konnte und so wichtig er für den Umsturz der kommunistisch-stalinistischen Diktatur im Ostblock auch gewesen war, nicht mehr in meinem Namen und für mich als Christ sprechen und urteilen konnte. Es blieb mir aus meiner damaligen Sicht nur die Möglichkeit, seiner Autorität eine Absage zu erteilen und seine Kirche, als deren Oberhaupt er sich fühlte und angesehen wurde, zu verlassen, ohne mich irgendeiner anderen Strömung oder Sekte oder Kirche anzuschließen, als einzelner "Protestant".

Aber man kann in seiner Entwicklung nicht stehen bleiben. Ich kann es nicht und mußte meine jugendlichen oder aus Studententagen stammenden Überzeugungen immer wieder überprüfen und Johannes Paul II. mußte es auch. Auch Josef Ratzinger ist als Benedikt XVI. ein anderer geworden. Ich habe mich also weiter für den Menschen hinter dem Papstamt interessiert und meinen Stab nicht endgültig über ihm gebrochen, auch wenn ihm das vermutlich gleichgültig gewesen wäre. Dabei konnte ich durchaus nachlesen, dass er in persönlichen Begegnungen herzlich und alles andere als gleichgültig sein konnte. Aber solche persönlichen Begegnungen gab es nicht. Den einzigen Papst, den ich lebend gesehen habe, war Paul VI.

Auch wenn ich weiter nicht möchte, dass irgend ein Papst in Gewissensdingen vor Gott und einer Kirche mein Chef ist, schätze ich doch heute Vieles an der Person Karol Wojtylas und seinem Bemühen und halte seine Beweggründe für lauter. Ich hoffe für ihn, dass auch die von ihm anerkannte höchste Instanz auf seine Absichten schaut und im Herzen Vieles findet, das die Verbitterung aufwiegt, die manches Wort und manche Entscheidung in anderen ausgelöst hat. Am Ende seines Lebens war auch dieser Papst ein Prüfstein für mich. Ich konnte sein Leben und sein Sterben trotz vieler auch fragwürdiger Begleiterscheinungen innerlich versöhnt mit Respekt und Mitgefühl, also liebevoll anschauen und es ist für mich keine Frage, wenn ich das kann, wieso sollte es sein Auftraggeber nicht auch können.

Sein Umgang mit persönlichem Leiden ist übrigens auch so ein Prüfstein. Es gibt sicher die Auffassung und sie war auch zu hören, er hätte in Altersrente und Krankenruhestand gehen sollen. Es sei nicht mit an zu sehen, wie ein kranker, zerbrechlicher Mensch die Last des Amtes schultert. Aber er sah sich in der Nachfolge seines Vorbildes Christus und nicht als berufstätiger Regierungschef. Und wenn man das ernst nimmt, heißt das unter anderem ja auch, jeder kranke und hinfällige Mensch ist in seiner Einmaligkeit an seiner Stelle und in seiner Würde zu respektieren, nicht nur als Stellvertreter Christi (oder besser Nachfolger Petri), wie es die Kirche sieht, sondern auch als Wohnung des Christus: Sagte nicht Jesus: "Was Du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, hast Du mir getan"? Und lehrte nicht Frère Roger, dass man Jesus in den Armen und Leidenden begegnet?

Natürlich heißt das nicht, dass man von jedem Kranken und Leidenden verlangen darf, dass er seine Lasten wie bisher weiter trägt. Aber das hat dieser Papst meines Wissens auch nie damit ausdrücken wollen. Er hat sich aber nicht gescheut, öffentlich zu seiner Hinfälligkeit zu stehen. Er hat sich nicht versteckt, obwohl er vorher mehr ein kraftvoller Athlet als ein schmächtiger Gottesmann gewesen ist. In dieser Beziehung empfand ich ihn auch als ausgesprochen uneitel. Er ließ sich in gewisser Weise nicht entmutigen und arbeitete bis zuletzt an sehr wichtigen Versöhnungsanliegen, sei es der Christen untereinander, sei es der verschiedenen Völker und Religionen. Für die römische Kirche bleibt dennoch viel zu tun übrig, sieht man nur die Stellung der Frau und auch die Zuneigung, die Jesus den Kindern bezeugt hat.

Denn in der Urgemeinde der "Kirche" hatte Jesus sicher zu seinen Lebzeiten einen unbestrittenen Rang, dann auch die Apostel. Aber nirgendwo steht, dass die Mutter Jesu unter ihnen stünde und auch die Gefährtinnen Jesu, allen voran Maria Magdalena, waren sein engsten Vertrauten und hatten einen hohen persönlichen Rang, der sich in den österlichen und pfingstlichen Geschichten des Evangeliums nochmals sehr deutlich zeigt. Diese Stellung findet sich in der katholischen Kirche trotz der Verehrung Mariens heute nicht wieder und dies kann man nicht alles Paulus zuschieben. Aber ich bin sicher, wenn diese Institutionen überleben wollen, werden sie sich ändern, ob mit oder ohne Benedikts Erlaubnis. Und selbst das öffentlich Mißfallen des vormaligen Papstes hat die deutschen Bischöfe nicht gehindert, Ministrantinnen zuzulassen. Wer soll die Frauen auf Dauer daran hindern, ein Priestertum, zu dem sie seit Jahrtausenden befähigt waren, auch in "modernen" christlichen Kulten auszuüben? Bei den evangelischen Kirchen und den Altkatholiken tun sie es bereits und auch das Judentum kennt inzwischen Rabbinerinnen.

LG, Michael
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Montag, 3. April 2006, 15:08

Papstitalienisch al dente (mit deutschem Akzent)

Gestern, um 21.37 Uhr auf dem englischsprachigen Europasender, fand ich es sehr leicht, das "Kirchen-(nicht "Küchen-")Italienisch des deutschen Papstes Benedikt XVIII zu verstehen. Klang wie Spaghetti al dente. Dabei kann ich überhaupt kein Italienisch und mein Latein ist schon "Asbach uralt"... Vielleicht wieder ein Wunder des Paul Johannes II., das ich seiner Seligsprechungskommission unbedingt mitteilen müßte? Als "Renegat" im Sinne der Kirche wäre mein Zeugnis für die vielleicht besonders glaubwürdig! Aber vielleicht habe ich mir das auch nur alles eingebildet (und das wäre dann ein Fall für psychologische und nicht mirakulöse Erklärungen).

Bemerkenswert fand ich wieder, wie klein der Pontifex maximus da oben an seinem Fenster vom Petersplatz aus wirkt. Noch heute kann ich mich erinnern, wie eindrucksvoll dennoch sogar die brüchige Stimme eines alternden Mannes (damals Paul IV.) den begeisterten Schaulustigen (damals, Ostern 1978 "nur" ca. 50.000) klingen und die Massen in Wallungen bringen kann. Ich mußte (wollte) mich, damals schon als Skeptiker solcher hypnotischen Wirkungen, bewußt diesem "Magnetismus" der Massenbegeisterung entziehen, merkte aber, dass da etwas an mir zog, dem ich mich aktiv widersetzte.

LG, Michael.
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Freitag, 1. März 2013, 23:23

Papsttum à la Benedikt: Katholisch Sein, aber nur die kleine Lösung Können!

Jetzt hat es den Nachfolger erwischt. Am Rosenmontag fing der Spaß noch ganz karnevalesk an. Benedikt XVI., der "deutsche" Ratzinger-Papst, verkündete seinen größten Wurf und das war spektakulär: Er warf das Handtuch. Am Aschermittwoch war auch den Bayern klar, denn eigentlich war der Papst ein Bayer: es war kein Scherz. Der will wirklich gehen. Am 28.2.2012 soll es aus sein, um 20:00 h. Er wirft den Bettel hin. Hatte er noch vor gut sieben Jahren die Nase vorn vor all den anderen kardinalen Purpurröcken, nun hat er die Nase voll, gestrichen voll. Vielleicht auch die Hosen, wie ja ein Witzblatt nach "Vatileaks" meinte. Offiziell heißt es: Altersgründe! Zu schwach und alt für die Bürde. Für Johannes Paul II. galt das noch nicht. Quasi öffentliches Sterben und Siechtum gehörte zum neuzeitlichen Märtyrertum eines Medienpapstes. Der Neue, sein Nachfolger, honorierte das mit einer Turbo-Seligsprechung, dem Anwärterstatus für Heiligkeit. Heiliger Vater war er eh schon, jetzt, als toter Heiliger Vater also ohne Vater weil beim Vater im Himmel - so gedacht jedenfalls von allerlei Gläubigen. Joseph Aloisius Ratzinger hat sich was Neues einfallen lassen und so ist der Ausgang seines Papsttums scheinbar glücklicher: Er emeritierte. Sedisvakanz: Der Stuhl ist leer - es lebe der Stuhl! Da steige ich gerne noch mal verspätet in die Bütt und halte eine Karnevalsrede über die letzten Pontifaxen und zu Ehren des ersten Petrijüngers von gestern, der heute schon ein Pensionär ist. Und sie treiben es ja wirklich bunt, die Jungs in ihren farbenfrohen Röcken und Kleidern und mit all ihrem Geschmeide. Dafür benötigen sie jedenfalls keine Frauen; die sind da eher mausgrau oder verstecken sich im großen Schwarzen hinter Klostermauern. Seit gestern sitzt der Ex-Papst im Palast der päpstlichen Sommerresidenz, während sie ein kleines intimes Kloster im Vatikan für den Ex-Pontifex und seine Schwesternschar inkl. Privatsekretär zu seiner Bedienung umbauen. Nun kann er im schlichten weißen Gewandt wie ein katholischer Sadhu dann die Nachwirkungen seines allseits als "mutigen Schritt" gelobten Experiments beobachten und genießen. Ihm werden Ehrungen zuteil, die sonst nur dem toten Papst zustoßen, doch da hätte er nichts davon. Allenthalben Lob und Schmeichelei, Anerkennung und Gebete. Und er zahlt nett zurück als "geringster Arbeiter im Weinberg des Herren" - mit Gebeten. Er will seiner Kirche immer nahe sein. Hat er geschafft. Er bleibt im Zentrum zentralistisch papistischer Macht. Bravo, Benedikt! Ja, ein feiner Kerl soll er gewesen sein, sogar als Papst. Das ist er jetzt sozusagen ganz und gar. Nur das. Ein feiner Kerl und ein scharfer Geist mit einer spitzen theologischen Zunge. Ein Theologe als Papst, so rühmt man ihm nach, auch von den Protestanten oder Evangelen. Etwas weltfern gewiss, doch in dieser Art integer und unbeleckt von den Niederungen des Alltags, die bis in den Vatikan und an und in seine engsten Vertrauten reichte. Abscheuliche Abgründe von Intrige, Gemeinheit, Niedrigkeit, Verrat, Ruchlosigkeit. Nicht nur die ganze Schmierenkomödie um den diebischen Buttler ist gemeint. Nein, die mutmaßlichen Hintergründe, die, je mehr sie verdeckt und versteckt werden sollten, nach oben drängten und vor sich hin stanken. Bestechlichkeit im Machtklüngel der Kurie ausgelöst durch schwaches Fleisch alternder Lustknaben mit starker Gier nach Macht, Ansehen und Geld, die feststeckten im schlecht sitzenden zölibatären Keuschheitsgürtel. Aber warum sollten diese vatikanischen Prälaten und hohen Priester und ihre Beamten im Innersten pietätvoller sein, als der Medienzar und Polit-Hasadeur Burlescomi mit seiner Lust auf käufliches jugendliches Frischfleisch? Man lebte doch quasi Tür an Tür in der Ewigen Stadt, die schon den urchristlichen Märtyrern als Sündenbabel galt. Kein Heutiger der politischen oder geistlichen Caesaren-Nachfolger und ihrer Entourage mag sich noch wirklich kasteien. Viele katholische Todsünden sollen sich in den Aufzählungen eines Untersuchungsberichtes dreier Kardinäle finden. Die Purpurträger hatten ihrem Pontifex just vor der Verkündigung seines Altersrücktritts wegen plötzlicher Altersschwäche und -Amtsmüdigkeit die Akten ihrer Investigationen vorgelegt. Der alte Inquisitor, ehemals oberster Glaubensaufseher, wird bei aller Feingeistigkeit bis ins Mark erschrocken gewesen sein: Wollust, Gier, Neid, falsches Zeugnis, Gotteslästerung, Ehebruch, versagte Ehrung gegenüber dem heiligen Vater, den heiligen Eltern, Diebstahl, Verehrung des goldenen Kalbes namens Mammon, Ungehorsam, Trägheit... Nur Mord wird man vielleicht nicht gefunden haben im Sündenregister. Das war starker Tobak. Der Feingeist musste wanken, konnte nicht aufräumen mit eisernem Besen wie einst Jesus, der Nazarener im Tempel, der in einem Wutanfall die Händler mitsamt ihrem Geld aus dem "Haus seines Vaters" warf. Da konnte er nicht anders, der Petrusnacheiferer, überwältigt von der Wirklichkeit des echten Tiber-Sumpfes, über den selbst der Pontifex maximus nichts mehr überbrücken konnte. Ein jüngerer, stärkerer, charismatischerer Besen sollte her. Aber fault diese katholische Kirche, die zahlenmäßig wohl größte Parteiung unter den christlichen Sekten und Kirchen, denn von den Füßen oder nicht eher vom Kopf? Benedikt konnte so wunderbar bei all seiner gelehrten Feingeistigkeit theologische Stachel in die Finger der übrigen religiösen Strömungsführer auf diesem Erdball treiben, um die Mohammedaner, die Juden und die Protestanten gegen sich oder einander aufzubringen. Er meinte es gar nicht bös. Es war seiner intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Am Ende fiel ihm dann auch nichts anderes mehr ein, als einen feinen Schlussstrich zu ziehen und als Emeritus die Hände in Unschuld zu waschen. Es ist ihm allgemein zu gute gehalten worden. Wäre er ein normaler Politiker gewesen, wäre seine Tat beispielgebend, auch wenn er nicht die politische Verantwortung übernimmt, sondern alles auf seinen Körper schiebt. Die letzte große Tat blieb er seiner Kirche, seinem Leben, den Analysen aus dem abgründigen Desaster religiös verbrämter Altmännermacht schuldig: Er hätte mit und ein paar Minuten vor seinem Rücktritt unter erstmals sinnvollem Gebrauch seiner gottähnlichen Unfehlbarkeit das Papsttum abschaffen und die Katholiken von einer der ältesten und verstaubtesten Monarchien befreien können. Damit wäre die Blasphemie beseitigt worden, dass da ein Mensch sich zwischen Gott - so wie er dargestellt wird eine menschliche Erfindung - und den einfachen Menschen, den Gläubigen aufstellt und gottähnlich vermittelt und vermakelt, was der Menschheit zum Heil oder der Verdammung gereichen soll. Er hat es nicht getan. Der Mummenschanz geht weiter, den der Benedikt nach seinem freundlichen Kritiker Hans Küng trotz der vom 2. Vatikanischen Konzil geforderten Einfachheit wieder aufgerichtet hat, nicht nur an Karneval. Der Prunk, das Amt, alles geht weiter. Nur seit heute und für nur wenige Tage der "Sedisvakanz", da der letzte Pontifex in Rente ist und der Neue noch nicht bestallt, zieht sich die Schweizer Garde in ihre Gemächer zurück oder macht Urlaub und Idefix darf an die Bäume in den Vatikanischen Gärten pinkeln als glücklicher Zwerg im ewigen Rom. Bald haben sie wieder ein neues Idol, die Papstkirchenanhänger und rufen: "Habemus papam!" Na dann, wohl bekomm's. Und dem Herrn Benedikt wünsche ich ein schönes Altertum mit guter Apanage und freundlichen Aufwärterinnen. Möge er in Frieden altern und sich nicht mehr grämen. Andere müssen versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wenn das aber nicht geht, weil der Karren aus dem Gleichen ist, wie der Weg? Es geht ihn nichts mehr an. Er wird es im Gebet bedenken. Unfehlbar eingeschlagen hätte es in den anderen Sektenköpfen zur geistlichen Erschütterung und frommen Erbauung, hätte er lebend und amtierend die Tiara nicht niedergelegt und den Fischerring abgezogen, sondern sie zertrümmert und verkündet: nach meinem weisen Ratschluss in göttlicher Umnachtung und autorisiert durch den heiligen Geist gebe ich alle Macht zurück an Gottes Königreich und empfehle den armen, nackten Christus und gütigen Jesusmenschen ohne Schloss und Schatz zur Nachfolge. Amen. Es wäre schön gewesen. Aber Menschen, besonders Menschen der Kirche, lieben die Anhaftung und die Sünde. Und darauf sind sie stolz. Der Stolz der triumphierenden römischen Kirche scheint mir eine der größten Herausforderungen der Zehn Gebote. Es ist nun nicht mehr zu ändern. Die große Chance ist für diesmal wieder vertan. Die kleine Lösung, das war das Markenzeichen des Joseph Ratzinger. Er blieb sich treu. Und damit könnte man auch über ihn sagen: Er hat sich selbst verwirklicht und darf stolz auf sich sein, stolzer, als mancher seiner Priester, seiner Opus-Dei-Leute und seiner treuen Mägde des Herren. Er hat sie gerettet, die "katholische Identität", auf die sich katholische Krankenhäuser berufen, wenn sie einer vergewaltigten Frau in Deutschland die "Pille danach" verweigern. Es gibt sie nicht wirklich, diese Identität. Es gibt eine schale Moral, die sie nachträglich scharf würzen. Das ist der Zeigefinger gegen die Frauen, die die Kirche nur all zu gerne ermahnt in Ermangelung einer Ethik, die den Menschen als Menschen sieht, als Mann und Frau gebildet, gleich gut und gleich berechtigt, gleich heilig und gleich befähigt. Aber das wäre ja human, humanistisch gar. Das können sie nicht, die Katholischen aus Rom. So ist es leider. Darum kann mensch mit ihnen nicht identisch werden, sondern kann sich nur unterscheiden. Und das ist gut so. Der Spaß ist noch nicht vorbei nach Aschermittwoch. Nein, es geht wieder los, die Narretei, es wird dem stupor mundi was geboten!

Michael
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Mittwoch, 13. März 2013, 23:03

Der Neue

Eines vorweg: Der Neue ist alt. Zwar ist er fast 10 Jahre jünger als sein emeritierter Vorgänger und fast zwei Jahre jünger als dieser vor seiner Wahl vor acht Jahren, doch wie man es dreht und wendet, der neue Chef des Weltkonzerns katholische Kirche ist mit 76 Jahren elf Jahre älter als heutzutage ein männlicher Rentner. So darf man sich auch von diesem Mann, einem argentinischen Erzbischof von Buenes Aires, keine großen Sprünge erwarten.

Doch Manches lässt vielleicht dennoch aufhorchen. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio stammt von italienischen Einwanderern aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern ließen ihn erstmal einen richtigen Beruf lernen, bevor er Priester und Jesuit wurde. Er gilt als bescheiden, fährt auch mal U-Bahn, statt sich vom Chauffeur kutschieren zu lassen und trug eher das einfache Schwarz als den Kardinalspurpur. Er kritisierte durchaus die Mächtigen und die Politik, allerdings auch für die Einführung der "Homo-Ehe".

Während sein theologisch gelehrter, professoraler Vorgänger Joseph Aloisius Ratzinger als Benedikt XVI. zwar persönlich ebenfalls die Einfachheit bevorzugte, aber dem Weltkatholizismus in Riten und Liturgien eher wieder das Gepränge der triumphierenden Kirche zurückgab, ist der Argentinier mit seiner Namenswahl, Franziskus I., möglicherweise mit einem anderen Programm unterwegs, das mit einer größeren Hinwendung zu den Armen und zur Gerechtigkeit ernst machen könnte - ein bisschen jedenfalls, denn ein ausgesprochener Vertreter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie ist der eher konservative Jesuit dann auch nicht gewesen.

Immerhin gilt der Namenspate Franz von Assisi, Begründer des Franziskaner-Bettelordens, der die innere Mission unter den Armen in den Städten im Mittelalter der Innerlichkeit im Gebet und dem klösterlichen Wohlleben vorzog, als Inbegriff des brüderlichen Friedensstifters, der Gewaltlosigkeit und mit der Verehrung der ganzen Schöpfung mit allen lebendigen Wesen als erster Ökologe. Er wollte Christus in radikaler Armut und Selbstlosigkeit nachfolgen und hatte keine Scheu, alles zu teilen und weg zu geben. Er wird heutzutage bei fast allen Konfessionen geradezu ökumenisch geschätzt.

Die Ideale des Franz von Assisi fanden sich nicht nur im Franziskaner-Orden tradiert. in moderner Form griff sie die ökumenische Brüder-Gemeinschaft von Taizé unter ihrem Gründer Roger Schütz auf, die das miteinander Feiern und Teilen in Konzilen der Jugend auf ihrem Dorfhügel zelebrierte und in vielen kleinen Gemeinschaften in den Elendsgebieten dieser Erde, wo Brüder von Taizé mit Armen lebten, arbeiteten und beteten und ebenfalls ein Evangelium der Armut und der Brüderlichkeit hochhielten, das aber nicht als Trauriges und Elendes gemeint war, sondern als freudige Gemeinschaft zugewandter Menschen.

Auch die Jesuiten, ein sehr intellektueller, gelehrter Orden, haben sich zum Teil immer schon, besonders aber auch in den letzten Jahrzehnten und vor allem in den Ländern der Dritten Welt den Menschen und den Fragen der Sozialethik zugewendet und sie waren fast immer auch Lehrer. Es könnte bedeuten, dass der Argentinier die Ungerechtigkeit der Armut schärfer ins Visier nimmt und mahnt, Kapitalismus zu begrenzen und neokoloniale und imperialistische Strukturen, die bis heute das Machtgefüge der Welt, auch der Weltkirche, bestimmen, anprangert.

Allerdings wird man sich auch unter diesem im Grunde ja konservativen alten Herren keinen charismatischen Erneuerer vorstellen können. Die Ordensgelübte Armut und Gehorsam sowie Keuschheit werden ihm in Fleisch und Blut übergegangen sein und Frauen in der Kirche werden einfach weiter als dienende, ohnmächtige, gehorsame und keusche Mägde gelten und keine hohen Ämter bekleiden sollen, die Priester werden zölibatär leben und dort, wo jeder hinguckt, keusch und Homosexuelle haben ebenfalls nicht viel zu melden.

In seiner ersten Ansprache nach seiner heutigen Wahl betont Franziskus I., der zum Entzücken der Römer als italienischer Einwandererssohn passabel Italienisch parliert, zwar die Brüderlichkeit und die Liebe analog zu seinem großen Vorbild Franz von Assisi, gleichzeitig betont er aber auch das Primat der römischen Kirche, die unter ihm in Liebe vorangehe. Somit dürfte Ökumene für ihn auch eher im Sinne eines Anschlusses und einer Rückführung der abgeirrten Glieder zu denken sein, zumal die lateinamerikanischen Katholiken in einem besonderen Konkurrenzkampf zu den evangelikalen Bewegungen auf ihrem Kontinent stehen, die allerdings keine protestantischen bzw. evangelischen Kirchen im engeren Sinne sind.

Nun, Aufrufe zum Frieden und zur Gerechtigkeit hat auch der Vorgänger, der "deutsche Papst" Benedikt XVI., regelmäßig ertönen lassen. Vielleicht ist der Erzbischof von Buenos Aires etwas näher am Volk gewesen, als der Kurienkardinal Ratzinger, der lange im Vatikan diente, bevor er Papst wurde, acht Jahre zuvor, als Bergoglio schon ein konkurrierender Kandidat gewesen sein sollte. Nun ist dieser ja alt genug geworden und hat jetzt seine Chance. Wird er dem heiligen Franz Ehre machen? Wer weiß das schon und für Viele ist das auch nicht von Bedeutung.

Michael
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