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1

Donnerstag, 8. Dezember 2005, 21:39

Liebe Bea,

freue mich sehr über diesen Erfolg. Es ist ein Segen für das Kind und die Familie eine solche Entwicklung geschehen lassen zu können.

Mir krampft sich immer alles zusammen, wenn ich von Kindern höre, die sich so verhalten, nicht anders können und vor allem absolut nichts d a f ü r können. Sie werden ausgegrenzt, weil nicht akzeptabel.
Vor Jahren gab es im KG meiner Tochter auch ein Kind mit ähnlichen Symptomen, dass aus heiterem Himmel auch Kinder geschlagen hat. Habe dieses Kind zu uns eingeladen, Kontakt dadurch mit der Mutter geknüpft (muss sagen, dass sie wenig kooperativ war und sämtliche Hilfen (kein Ritalin!) vom KG angeboten, nicht wahrnehmen wollte; für sie gab es diese Probleme nicht und fertig), versucht es einzubinden. Obwohl die KG-Mitarbeiter sehr bemüht waren, wurde der Druck seitens der anderen Eltern irgendwann zu groß und das Kind musste den KG verlassen.
Die Mutter hat sich darauf hin mit dem Kind völlig zurückgezogen und ich habe beide aus den Augen verloren.
Damals kannte ich mich homöopathisch nicht aus und war betroffen, nicht weiterhelfen zu können.

Darum freut es mich umso mehr, dass du es geschafft hast helfen zu können! Es wäre wunderbar, wenn diese Entwicklung zum Dauerzustand würde! Drücke ganz fest den Daumen und hoffe :gutwer

Liebe Grüße Schnute

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2

Freitag, 9. Dezember 2005, 01:35

Syndrome wie ADS/HKS und ADHS sind keine Diagnosen oder feste Krankheitsentitäten!

Zitat

Original von Tania
Verhaltensweisen gezeigt hat, die gemeinhin in diese ADHS-Kategorie eingeordnet werden


Ich liebe Fallvorstellungen unter anderem aus dem Grunde, dass das Individuelle und Einzigartige hervortritt und immer wieder erkennbar wird, was für eine oft unzulässige Abstrahierung eine "Diagnose" z.B. der "Kategorie" "ADHS", "ADS", "HKS" ect. bedeutet. Diese "Syndrome" mit Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität sind eben auch dazu keine Diagnosen im eigentlichen Sinne. Das Wort Syndrom sagt schon, dass hier verschiedene Symptome unterschiedlich schwerer Ausprägung zu einem mehr oder weniger ähnlichen aber auch differenten Bild zusammenfinden und einer subjektiven Gesamtwertung unterworfen werden.

Bei all diesen Symptomen ist zu beachten, dass sie auch bei ganz Gesunden und Normalen auftreten, doch in unterschiedlicher Ausprägung und Dauer sowie Zusammensetzung und vorallem mit unterschiedlichem Leidensdruck. Die Umgebung wirkt nämlich erheblich daran mit, wie eine Eigenschaft bewertet und ggf. auch pathologisiert wird. Die mitmenschliche Umgebung, dem Betroffenen bzw. "Symptomträger" ja zumeist zahlenmäßig überlegen, bestimmt letztlich, was störend oder nützlich wirkt.

Allein die unterschiedlichen Beschreibungsmöglichkeiten - übrigens auch bei der für die Homöopathin wichtigen Katalogisierung der "Eigenschaften" des "Krankheitsbildes" - sprechen für sich: Ist das Kind in der Schule für den Lehrer "unaufmerksam" bzw. die "Aufmerksamkeit zerstreut", oder richtet das Kind seine Aufmerksamkeit lediglich nicht auf ein es nicht interessierendes Unterrichtsthema und ist hingegen in der Lage, vielen Reizen gleichzeitig, simultan seine Aufmerksamkeit zu schenken? Redet ein Kind nach Ansicht der Kindergärtnerin ständig am Thema vorbei und bringt nichts zuende, oder kann es gleichzeitig viele Themen aufgreifen und Dinge beginnen, rasch aber auch wieder niederlegen? Ist ein Kind unruhig, getrieben, fordernd oder lebhaft, zielstrebig und selbstbewußt? Ist es von schwachem Selbstwertgefühl, wechselhaft, launisch, weinerlich, rasch zornig, frustrationsintolerant oder sensibel in der Lage, unterschiedliche Gefühle zu zeigen und dabei leicht beeindruckbar? Ist es laut, impulsiv, rasch und heftig reagierend oder temperamentvoll und flexibel? Ist es wahllos in seinen Freundschaften und Kontakten, unzuverlässig, wankelmütig und von schwankenden Interessen, dabei brüsk und vor den Kopf stoßend, oder kontaktfreudig, offen, mitschwingend, reagibel mit variablen Interessen und dabei direkt und unverblümt? Ist es ein Traumtänzer oder ein Visionär, ein Eigenbrödler oder ein besonderer Mensch? Ist es ein Schrottsammler, Zerstörer und wirrer Bastler unsinniger Dinge oder ein Erfinder von Dingen, für die andere nur noch keine Verwendung haben?

Diese Fragen könnte man unendlich fortsetzen. Wahr ist vermutlich, dass in einer bestimmten Eigenschaft und einem bestimmten Verhalten auch der Samen für eine andere, manchmal sogar gegensätzlich Betrachtungsweise angelegt ist, dass aber die normierende Macht der "Mehrheit" oder der "Stärkeren" um so ein Kind und schließlich das Kind selbst bestimmte Bewertungen bevorzugt und prägt. Dabei soll keinesfalls verkannt werden, dass auch der Umgang mit einem kleinen, aufgeweckten Genie voller Tatendrang und Erfindungsgeist für geplagte Eltern und Lehrer oft eine kaum zu bewältigende Herausforderung darstellt.

Aber dennoch sollten "Psychodrogen" wie die Stimulanz (nur auf Betäubungsmittelrezept erhältlich, weil bei Erwachsenen suchtgefährdend) Methylphenidat-HCl (Ritalin, Medikinet, Equasim, Concerta), Amphetamine oder das neue Atomoxetin (Strattera) nur in Ausnahmefällen zusätzlich im Rahmen eines fundierten Therapiekonzeptes gegeben werden, wenn nichts anderes geeignet ist, eine Leidensspirale kurzzeitig und lediglich symptomatisch anzuhalten, um Therapie in einer symptomärmeren Verschnaufpause für die Familie dann wieder wirksam werden zu lassen. Andere, zusätzliche, weniger in den Transmitterstoffwechsel des wachsenden Gehirns eingreifende Methoden wie z.B. die Homöopathie, Schüssler-Salze, Bachblüten, Kinesiologie, Osteopathie/Craniosacraltherapie können nämlich auch, wie Beas Fall zeigt, hilfreich sein.

Das liegt allein schon an der uneinheitlichen und meist multikausalen Ätiologie der Syndrome, sodass mehrere Behandlungsansätze u. U. auch simultan möglich sind. Und dann natürlich: Immer wieder auch lassen, selber eine Toleranz entwickeln, ein dickes Fell, den Anderen und sich nicht ständig mit unnützen (Selbst-) Vorwürfen demoralisieren Wollen. Und man hüte sich vor Vergleichen, wenn sie lediglich dazu her genommen werden, etwas als schlechter oder besser darzustellen. Selten sind alle Variablen bekannt, die einen fairen Vergleich zuließen, eher muß man davon ausgehen, dass jeder Vergleich hinkt und der Angelegenheit nicht gerecht wird.

Da ADHS auch ein höchst interessantes und umstrittenes Thema in den psychotherapeutischen Kreisen ist, möchte ich diesen Beitrag zum allgemeinen Thema ADHS außerhalb spezieller homöopathischer Therapieweisen unter dem entsprechenden Unterforum weiterführen. Der Beitrag wurde weitergeleitet von Bea's homöopathischer ADHS-Fallgeschichte.

LG, Michael
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3

Freitag, 9. Dezember 2005, 09:33

Lieber Michael

Diese Mutter war ja nun wirklich von Anfang an darum bemüht ihrem Kind jede Hilfe zukommen zu lassen, die für dieses Problem bekannt ist. Sie hat sich intensiv schulen lassen von der Heilpädagogin wie sie mit ihrem Sohn umgehen soll, wie sie auf Provokationen, aber genauso auf völlig nicht nachvollziehbare Handlungen reagieren soll.

Die Mutter meinte, das hätte zwar den Alltag "entschärft", indem sie jetzt schwierige Situationen mit ihrer Reaktion nicht noch schwieriger mache, aber an der Störung des Jungen hat sich nichts verändert. Das war ja auch der Grund warum jetzt nach über 2 Jahren heilpädagogischer Behandlung die Medikation mit Ritalin dringend angeraten wurde.

Als ich der Mutter bei der allerersten Terminanmeldung sagte, sie solle von Schwangerschaft an bitte alle wichtigen Dinge aufschreiben, also Krankheiten, Unfälle, Operationen, Ereignisse die psychisch beeinträchtigt hätten, Impfungen usw., da war sie hocherfreut. Sie war nämlich schon immer der Meinung, dass die schlimmen Ereignisse in ihrer Schwangerschaft das ADHS bewirkt hatten. Aber da konnte ihr die Schulmedizin nichts dazu sagen. Eher noch wurde eine Hirnschädigung durch die schwierige Geburt vermutet. Ich hingegen war der Meinung die schwierige Geburt sei schon die Folge der diversen Traumata in der Schwangerschaft gewesen.

Die Mutter war gut über ADHS und Ritalin informiert. Sie fragte mich, was die Homöopathie denn bewirken könne, wenn bei ihrem Sohn ein Botenstoff im Hirn fehle. Also habe ich ihr erklärt, dass ein passendes homöopathisches Mittel das Optimum aus dem Körper ihres Sohnes herausholen werde, ausserdem würde vermutlich auf längere Sicht eine Hirnreifung angeregt, so dass man hoffen könne, dass sich der Mangel auswachse.

Dabei kamen wir darauf zu sprechen, dass heute angenommen wird diese cerebralen Fehlfunktionen würden ein ganzes Leben anhalten und müssten dauerhaft mit Medikamenten ausgeglichen werden. Ich habe mich aber aus Interesse schon vor 25 Jahren mit ADHS beschäftigt und damals meinte man noch, dass sich das Problem in den meisten Fällen in der Pubertät, mit dem dann auch im Hirn nochmal einsetzenden Wachstumsschub, auswachse. Ich kannte damals auch gleich zwei Kinder bei denen das so funktionierte und die danach ihre ganzen schulischen Defizite aufholen und einen guten Beruf erlernen konnten.

Ich frage mich in wie weit das mittlerweile sehr oft verschriebene Ritalin dieses "Auswachsen" in der Pubertät verhindert.

LG
Bea
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ABRAHAM - HICKS

4

Freitag, 9. Dezember 2005, 18:53

Hallo Bea und Michael,

Zitat

Ich frage mich in wie weit das mittlerweile sehr oft verschriebene Ritalin dieses "Auswachsen" in der Pubertät verhindert.


.... so dünn, ja fast unterernährt, wie die Kinder oft sind ????

in der Pubertät sind Kinder, die Ritalin genommen haben, extremst gefährdet, süchtig zu werden, Drogen, Alk oder auch der sogenannte "Kick"- d.h. Gefahren suchen

Überigensgibt es ja auch Kinder mit ADHS ohne Hyperaktivität- die bekommen in der REgel kein Ritalin, da sie nicht sooo auffälig reagieren- alle anderen Symptome sind aber trotzdem da- d.h. man stürzt sich oft auf das "Aktivitätssymtom" und versucht das abzudoppen. Damit besteht die Gefahr, dass alle anderen Symptome gar nicht mehr beachtet werden- und somit die Kinder keine spezielle Förderung mehr erhalten... welch Nachteil!

Grüsse Lina

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5

Samstag, 10. Dezember 2005, 01:46

Methylphenidat-HCl - "Ritalin"

Zitat

Original von Lina
Hallo Bea und Michael,

Zitat

Ich frage mich in wie weit das mittlerweile sehr oft verschriebene Ritalin dieses "Auswachsen" in der Pubertät verhindert.


.... so dünn, ja fast unterernährt, wie die Kinder oft sind ????

Liebe Lina,

tatsächlich gibt es im Großen und Ganzen neben den vielen kritischen Einwänden, die man gegen diese Stimulanz Methylphenidat/Ritalin machen kann zu Deiner konkreten Frage zunächst vorallem Risiken, die mit der Funktionsweise des Mediikaments im Gehirn zusammenhängen. Die sieht etwa folgendermaßen aus:

Das Medikament greift in den Hirnstoffwechsel des Transmitters (Botenstoffs) Dopamin ein, welches in bestimmten Arealen des Gehirns als Informationsüberträger von einer Nervenzelle durch den Synapsenspalt zur nächsten Nervenzelle schwimmt und dort reversibel an Rezeptoren bindet, um das Signal weiterzugeben. Methylphenidat/Ritalin hemmt die Wiederaufnahme des Dopamins aus dem intersynaptischen Spalt in die Nervenzellendigung, aus der es stammt. Damit verbleibt mehr Dopamin im intersynaptischen Spalt und schwimmt immer wieder und mehr zu den Rezeptoren. Das Signal wird verstärkt. Die biologisch-psychiatrische Idee ist, dass ADHS durch einen Dopaminmangel in bestimmten Synapsengebieten bedingt wird.

Nun haben Rattenexperimente ergeben, dass die Gabe von Methylphenidat/Ritalin an nicht erwachsene Tiere zu irreversiblen Veränderungen in bestimmten Dopaminergen Hirnbereichen führt und es wurde die Hypothese aufgestellt, dass dies zu einem wesentlich erhöhten Risiko führen könnte, frühzeitig die Parkinsonsche Krankheit (Schüttellähmung) zu erleiden. Adulte Ratten zeigten hingegen nur reversible Veränderung im Gehirn. Medikamentenfreundliche Pharmakologen, Hirnforscher und Ärzte meinten, ein solches Rattenexperiment könne man nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen.

Andererseits ist es eine bekannte Tatsache, dass Arzneimittelforscher Tierexperimentergebnisse, die für eine angebliche Heilwirkung eines Medikamentes zu sprechen scheinen, gerne als Hoffnungsschimmer und Erfolg verkünden, Risiken, die aus Tierversuchsergebnissen geschlossen werden, aber immer abwiegeln. Ritalin gibt es schon seit Jahrzehnten und trotzdem hat es keine Pharmaunternehmen für nötig gefunden - da sich das Medikament ja anscheinend gut verkauft - eine groß angelegte prospektive Langzeitstudie z.B. über zwanzig Jahre Nachverfolgungszeit nach kindlicher Ritalinmedikation zu starten.

Das andere deutliche Risiko liegt in der früher oft betriebenen Behandlung auch von Vorschulkindern mit der "Hochdosistherapie", von der heute jeder pädiatrische und kinderpsychiatrische Berufsverband abrät: Es gelten bei diesen Höchstdosen von 1 mg je kg Körpergewicht Methylphenidat pro Tag bis maximal 60 mg total pro Tag. Methylphenidat soll außerdem nicht an Vorschulkindern und nicht über den ganzen Tag verteilt abgegeben werden. Es wurde beobachtet, dass auch bei denen, die auf dieses Medikament ansprechen, in höheren Dosen keine besseren Wirkungen auf die Zielsymptome Unaufmerksamkeit, Konzentrationsmangel, geringe Ausdauer und verminderte Handlungsplanung zu erwarten sind, aber vermehrte Nebenwirkungen.

Eine ganz wichtige Nebenwirkung der Stimulanz ist neben der möglichen Beeinträchtigung des Schlaf-Wachrhythmus mit tendenziell (noch) kürzerer Schlafzeit, Kopfweh und Verdauungsproblemen sowie Blutbildveränderungen (Granelozytopenie) die Appetitlosigkeit mit in höheren Dosen dramatischem Gewichtsverlust. Bei den früher üblichen höheren Dosen mußten z.B. in den großen Ferien Medikamentenpausen für eine Gewichtszunahme und einen notwendigen Wachstumsschub der kleiner bleibenden Kinder sorgen. Zusammengefasst gibt es hier also unter dem Strich durch Beeinflussung des reifenden, wachsenden Gehirns und durch Gewichtsverlust mit Wachstumsbremse mehrere Risikofaktoren für eine Entwicklungsverzögerung.

Ich sah mehrfach durch zum Teil extreme, wochen- und monatelange Überdosierungen von 2 mg/kg KG/die und mehr Methylphenidat regelrechte Vergiftungserscheinungen und mußte den Kindern die Substanz wieder konsequent entziehen. Sie waren oft schwankend zwischen antriebsarmen Zombis mit Lethargie, Unlust und gereizter Depression auf der einen Seite und agitiertem, eretischen, gereiztem bis wütendem, zur Gewalttätigkeit neigendem Verhalten bei Schlaflosigkeit und Inappetenz mit deutlicher Verschmächtigung bishin zur medikamentösen Anorexie. Das Denken, einst sprühend und lebendig, ähnelte oft dem eines Autisten und war zwanghaft eingeengt und unbeweglich. Es gab Ängste und Depressionen - übrigens auch bei zu rascher Absetzung - Zittrigkeit, Kopfweh, Nervosität, multiple Tics.

Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Bauchschmerzen. Außerdem fühlen sich die Kinder oft anders, gebremst, weniger lebendig und lebensfroh, wie gesteuert. Auch von außen betrachtet wirken sie manchmal unnatürlich ruhig oder lethargisch. Es kann aber auch das gegenteilige Verhalten ausgelöst werden, nämlich Agitiertheit und aggressive Gespanntheit. Anderen merkt man es gar nicht an, dass sie etwas nehmen, wenn man sie nicht genau kennt und ihre vorherige Persönlichkeit gesehen hat. Lebensgefährlich sollen die allerdings selten vorkommenden Herzprobleme sein können, die, so die Warnhinweise, einem Anfall von Agina pectoris gleich kommen. Aufgrund der Möglichkeit von Herzrhythmusstörungen schreibt man vor der Medikamentengabe und später zur Kontrolle während der Behandlung am besten ein EKG. Ein EEG emphiehlt sich, weil Methylphenidat die Krampfschwelle erniedrigt. Kinder, deren Risiko bereits erhöht ist, einen zerebralen Krampfanfall zu erleiden, haben unter Methylphenidat ein noch größeres Risiko.

Zitat

in der Pubertät sind Kinder, die Ritalin genommen haben, extremst gefährdet, süchtig zu werden, Drogen, Alk oder auch der sogenannte "Kick"- d.h. Gefahren suchen

Das kann bei Pubertierenden und Jugendlichen vermutlich ebenfalls aus zwei Gründen passieren und wie bei einer Droge wird das nur auf ein Betäubungsmittelrezept abgegebene Methylphenidat/Ritalin auf den Schulhöfen als Durchblicker vor Arbeiten oder als Speed unter dem Namen "Vitamin - R" vertickt.

Die eine Gefahr liegt in der Haltung: "Hast Du ein Problem - dann nimm etwas", lehrt uns ja die Tablettenschluckerei. Und da das ganze eng an Leistung gekoppelt ist und keiner glaubt, auf gute Leistungserweise verzichten zu können, gibt es ja kaum jemals eine Gelegenheit, die medikamentöse Stimulation weg zu lassen, ohne das Risiko eines Leistungseinbruch zu fürchten. Schon Eltern und Lehrer sind oft dagegen, während viele Jugendliche die auch spürbare psychische Veränderung mit und durch das Medikament am liebsten nicht mehr akzeptiern wollen, auch weil es ein Symbol für nicht erlangte Autonomie ist. Jugendliche wollen in der Regel von gar nichts abhängig sein, schon gar nicht von Pillen. Dabei wirkt Methylphenidat im dopaminergen Belohnungssystem ähnlich wie Kokain, wobei Methylphenidat deutlich langsamer als Kokain abgebaut wird und keinen ganz so deutlichen "Kick" zu verursachen scheint.

Die zweite große Gefahr ergibt sich bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen: appetitzügelnde Wirkung wird als Schlankheitsmittel mißbraucht und die passager anregende, leistungssteigernde Wirkung wird gegen Müdigkeit, Hunger und Leistungsabfall geschätzt. Ich hörte schon von Ärzten und Rechtsanwälten, die es nehmen und natürlich solche im Schlankheitswahn. Dieses Doping mit Abhängigkeitspotential hat Folgen: Die Entleerung der Transmitterspeicher kann ähnlich wie bei Kokain oder Übertreiben mit Extasy (MDMA) dazu führen, dass der Mensch an seine geistigen und körperlichen Energie-Notfallreserven geht und bei erhöhten Anforderungen nichts mehr zuzusetzen hat. Er brennt aus, lebt ständig in der Überforderung, die ihrerseits wie auch das Medikament als eine Art Kick wirken. Bei diesem Burnout droht dann Zusammenbruch und Depression.

Zitat

Überigensgibt es ja auch Kinder mit ADHS ohne Hyperaktivität- die bekommen in der REgel kein Ritalin, da sie nicht sooo auffälig reagieren- alle anderen Symptome sind aber trotzdem da- d.h. man stürzt sich oft auf das "Aktivitätssymtom" und versucht das abzudoppen. Damit besteht die Gefahr, dass alle anderen Symptome gar nicht mehr beachtet werden- und somit die Kinder keine spezielle Förderung mehr erhalten... welch Nachteil!

Grüsse Lina


Das kann ich nur unterstreichen, wobei die sogenannten "ADS-Kinder vom Typ Träumer" eben leider doch oft auch Methylphenidat/Ritalin bekommen. Die Stimulanz Ritalin stoppt den Bewegungsdrang übrigens nicht so direkt, wie ein Beruhigungsmittel dies täte. Es wirkt zentral über Steuerungsregelkreise und sorgt sozusagen für eine grobe Vorrasterung der Reize. Das Kind nimmt weniger wahr, ist dadurch weniger verwirrt (Syndrom des: "Sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht") und dadurch sekundär auch bereits weniger unruhig und umtriebig.

Aber es ist klar, dieser relativ billig (obwohl das Medikament nicht billig ist) zu erzielende, m.E. symptomatische Anfangserfolg des Medikaments bei ca. 60-70% der sog. ADHS-ler veranlasst viele Ärzte und auch Eltern, an der aufwendigen und teuren Therapie und Pädagogik zu sparen. Für mich sind solche Medikamente nur akzeptabel, wenn trotz weiter bestehenden anderen notwendigen Behandlungen (z.B. Ergotherapie für Wahrnehmungsstörungen, Sozialtraining, Lerntraining, Elterntraining, Familientherapie) und Versagen bzw. als Alternative nicht zur Verfügung stehenden Behandlungen wie Homöopathie ein großer Leidensdruck bei Kind und Eltern und eine totale Überforderungssituation passager nicht anders zu unterbrechen ist und die soziale Ausgrenzung droht.

Ein weiteres Problem ist, dass durch nichts erwiesen ist, dass ein mit Ritalin behandeltes Kind mit Ausnahme eines zunächst entlastenden Soforteffektes dauerhaft bessere Lebensperspektiven durch die Medikation erfährt, zumal nach einiger Zeit oft ein Wirkungsverlust registriert wird, dem manche Ärzte durch Höherdosierung oft ohne durchschlagendem Erfolg zu begegnen suchen. Das sog. bessere "Outcome" ist bezüglich Bildungsstatus und berufliche Zufriedenheit offenbar nicht davon abhängig, ob und wie lange Ritalin in der Kindheit gegeben wurde. Es gibt sogar die Vermutung, dass negative Effekte auf die Gehirnentwicklung insgesamt Entwicklungsrisiken hervorbringen werden, auch im sozialen Bereich. Setzt man das Medikament ab, ist der symptomatische Effekt ohnehin weg und es drohen auch noch "Entzugserscheinungen". Wurden bis dahin nicht neue Umgangsweisen mit Problemen erlernt und Ressourcen geschaffen, was durch das Ritalin allein nicht besser geht, bleibt es beim Status quo ante. Weil man das weiß und neuerdings behauptet, dass es auch den Erwachsenen-ADHS-Typ gibt, der sich eben nicht "ausgewachsen" hat, empfiehlt man in den USA die lebenslange Ritalingabe für dieses Klientel. Das ist für den Hersteller natürlich ein toller Markt.

Ich glaube, dass die Gabe von Psychopharmaka in vielen Fällen entwicklungsbehindernd wirkt und wichtige Lernschritte nicht gemacht werden können und müssen. In der Regel ist eine Psychopharmakomedikation daher für mich nur eine Überbrückungsmaßnahme für eine kurz- oder mittelfristige Stabilisierungsphase und dann muß man sehen, wie man davon wieder runter kommt. Weil das oft nicht so leicht ist, tue ich mich schwer, damit anzufangen. "Zum Glück" haben doch einige Medikamente mehr oder weniger bald eintretende lästige Nebenwirkungen, die den Patienten den Ausstieg wieder erleichtern. Oft erfolgt dies etwas unsystematisch ohne den davon meist wenig erbauten ärztlichen Verschreiber, der die unregelmäßige Arzneimitteleinnahme oder das Weglassen der lästig gewordenen Pille als "mangelnde Compliance" geißelt. Doch was soll der arme Patient machen, wenn der Arzt erst gar nicht nach Nebenwirkungen fragt oder Hinweise darauf mit Beschwichtigung abbügelt: "Das wird schon wieder und leider müssen Sie ihre Medizin jetzt ganz lange nehmen."

LG, Michael
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6

Samstag, 10. Dezember 2005, 02:52

Die Angehörigen ernst nehmen

Zitat

Original von Bea
Lieber Michael

Diese Mutter war ja nun wirklich von Anfang an darum bemüht ihrem Kind jede Hilfe zukommen zu lassen, die für dieses Problem bekannt ist. Sie hat sich intensiv schulen lassen von der Heilpädagogin wie sie mit ihrem Sohn umgehen soll, wie sie auf Provokationen, aber genauso auf völlig nicht nachvollziehbare Handlungen reagieren soll.

Liebe Bea,

das glaube ich Dir und der Mutter gerne. Unabhängig davon, ob und wann ich mir vorstellen könnte, einer Medikation als Arzt vorläufig zuzustimmen, halte ich es für sehr wichtig, auch die Nöte der Angehörigen, Eltern und Geschwister, ernst zu nehmen.

Zitat

Die Mutter meinte, das hätte zwar den Alltag "entschärft", indem sie jetzt schwierige Situationen mit ihrer Reaktion nicht noch schwieriger mache, aber an der Störung des Jungen hat sich nichts verändert. Das war ja auch der Grund warum jetzt nach über 2 Jahren heilpädagogischer Behandlung die Medikation mit Ritalin dringend angeraten wurde.


Das ist oft ein sehr schwieriger Punkt. Eltern finden oft Wege, mit den schwierigen Eigenheiten ihres Kindes besser umzugehen, doch das Kind gerät in der Schule und außerhalb des Elternhauses massiv unter Druck. Die Lehrer und Erzieher üben daraufhin auch Druck auf die Eltern aus, dem Kind Drogen verschreiben zu lassen, welche das Verhalten des Kindes und das Kind verändern solllen. Irgendwann glauben die Eltern, dass ihr Kind und sie diesem Druck nicht länger gewachsen sind. Natürlich muß man als Therapeut auch die Signale aus der Umgebung ernst nehmen. Dennoch erlebe ich es immer wieder als meine Aufgabe, für die Besonderheiten des Kindes auch hinsichtlich seiner Talente zu werben und mit Einrichtungen über die Zumutung zu sprechen, dass sich nur das Kind anzupassen und zu lernen habe, die Institutionen und die in ihr tätigen Menschen ihre Chance zum Lernen und zur Veränderung aber nicht nutzen wollen, die ihnen die Begegnung mit einem solchen Kind offeriert.

Zitat

Als ich der Mutter bei der allerersten Terminanmeldung sagte, sie solle von Schwangerschaft an bitte alle wichtigen Dinge aufschreiben, also Krankheiten, Unfälle, Operationen, Ereignisse die psychisch beeinträchtigt hätten, Impfungen usw., da war sie hocherfreut. Sie war nämlich schon immer der Meinung, dass die schlimmen Ereignisse in ihrer Schwangerschaft das ADHS bewirkt hatten. Aber da konnte ihr die Schulmedizin nichts dazu sagen. Eher noch wurde eine Hirnschädigung durch die schwierige Geburt vermutet. Ich hingegen war der Meinung die schwierige Geburt sei schon die Folge der diversen Traumata in der Schwangerschaft gewesen.

Das ist durchaus möglich, wenn wir nicht sogar noch weitere vorgeburtliche Faktoren mit einbeziehen wollen. Vorallem ist mir wichtig, dass hier mehrere Faktoren in eine Richtung wirken. Im Übrigen bin ich sehr skeptisch gegenüber der schulmedizinischen Vermutung, dass psychische und Geisteskrankheiten durch Störungen im Transmitterstoffwechsel des Gehirns entstehen. Ich neige mehr zu der Ansicht, dass sie ein somatisch-funktioneller Ausdruck der Störungen auf dieser Ebene sind, etwa so, wie sich eben etwas in der Schwangerschft später in der Geburt und diese sich in anderen Besonderheiten später ausdrücken kann.

Zitat

Die Mutter war gut über ADHS und Ritalin informiert. Sie fragte mich, was die Homöopathie denn bewirken könne, wenn bei ihrem Sohn ein Botenstoff im Hirn fehle. Also habe ich ihr erklärt, dass ein passendes homöopathisches Mittel das Optimum aus dem Körper ihres Sohnes herausholen werde, ausserdem würde vermutlich auf längere Sicht eine Hirnreifung angeregt, so dass man hoffen könne, dass sich der Mangel auswachse.

Ja, denn das "Fehlen des Botenstoffes" ist ja kein absoluter Mangel, sondern ein relativer, sozusagen ein funktionelles Problem.

Zitat

Dabei kamen wir darauf zu sprechen, dass heute angenommen wird diese cerebralen Fehlfunktionen würden ein ganzes Leben anhalten und müssten dauerhaft mit Medikamenten ausgeglichen werden. Ich habe mich aber aus Interesse schon vor 25 Jahren mit ADHS beschäftigt und damals meinte man noch, dass sich das Problem in den meisten Fällen in der Pubertät, mit dem dann auch im Hirn nochmal einsetzenden Wachstumsschub, auswachse. Ich kannte damals auch gleich zwei Kinder bei denen das so funktionierte und die danach ihre ganzen schulischen Defizite aufholen und einen guten Beruf erlernen konnten.

Unser Gehirn hat noch ungeahnte Potentiale, wie übrigens der spirituelle Lehrer Jiddu Krishnamurti immer wieder postulierte und tatsächlich erwerben Jugendliche und junge Erwachsene manchmal erstaunliche adaptive Fähigkeiten, mit ihren Besonderheiten umzugehen, die nicht gänzlich verschwinden. Aber warum sollten sie auch, stecken in ihnen doch auch Aufgaben und Ressourcen, die wirklich liebevoll entwickelt werden müßten.

Zitat

Ich frage mich in wie weit das mittlerweile sehr oft verschriebene Ritalin dieses "Auswachsen" in der Pubertät verhindert.

LG
Bea

Das fragst Du Dich nach all dem Vorgesagten sicher zu recht. Ich vermute, dass auch das sog. ADHS unter anderem eine Entwicklungsaufgabe und ein Potential bedeuten und für manche Entwicklungen sogar Schlüssel beinhaltet. Man benötigt diese spontanen, etwas chaotischen (fruchtbare, wie Unordnung ausschauende besondere Ordnungsform in Bildung) Potentiale sehr wohl in der Wissenschaft, der Forschung, bei den Erfindern. Jede Firma, die innovative Produkte zur Serienreife entwickelt, benötigt nicht nur bodenständige, realismusfixierte Macher sondern auch inspirierte Visionäre als Erfinder und Denkanstoßer.

LG, Michael
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7

Samstag, 10. Dezember 2005, 08:36

Hi Michael

Zitat

Die Entleerung der Transmitterspeicher kann ähnlich wie bei Kokain oder Übertreiben mit Extasy (MDMA) dazu führen, dass der Mensch an seine geistigen und körperlichen Energie-Notfallreserven geht und bei erhöhten Anforderungen nichts mehr zuzusetzen hat. Er brennt aus, lebt ständig in der Überforderung, die ihrerseits wie auch das Medikament als eine Art Kick wirken. Bei diesem Burnout droht dann Zusammenbruch und Depression.


Interessant dass du das sagst. Ich weiss aus sehr naher Erfahrung dass Ritalin auch gerne von Psychiatern empfohlen wird bei Erschöpfungszuständen, je nach Ansicht des entsprechenden Mediziners natürlich. Noch berühmter ist allerdings Provigil, das schon fast so etwas wie anerkannt ist als Therapie. Bei ganz vielen kommt es allerdings tatsächlich entweder sofort oder etwas später, zu Zusammenbrüchen. Und da frage ich mich eben auch ob das für die Selbstheilung des Körpers so toll ist.


Liebe Grüsse

Pony

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8

Samstag, 10. Dezember 2005, 12:02

Bei uns ist das Gymnasium eine richtiggehende Eliteschule. Es wird von der Aufnahmeprüfung (nach der 2. oder 3. Sekundarklasse, 8./9. Schuljahr) bis zur Matura Semester für Semester Selektion betrieben. Schlussendlich können nur 12 - 14% eines Schülerjahrgangs Matura machen. Und davon sind gerade in unserem Kanton noch ein ansehnlicher Teil Schüler in Privatschulen, wo weniger nach Schulleistung als nach dem Geldbeutel des Vaters selektioniert wird.

Entsprechend stehen die Schüler die vier Gymnasiumsjahre sehr unter Druck. Es ist deshalb geradezu üblich, dass sich Schüler auf Prüfungen hin entweder Beruhigungsmittel oder eben Ritalin zur Leistungssteigerung verschreiben lassen. Ein befreundeter Psychiater meinte dazu "Guck mal, anders kommst du hier nicht zu einer Matura. Was soll ich machen, wenn ein Schüler dem Druck nicht standhalten kann? Das System kann ich nicht ändern. Wenn ich kein Medikament gebe, dann gehen sie halt zum nächsten, irgendwo bekommen sie es sowieso." Z.T. hat es mich echt erschreckt, was Schüler in diesem Alter schon mehr oder weniger regelmässig schlucken.

Als ich das damals dem Abteilungsvorstand meiner Tochter erzählte und ihm vorwarf, dass die Schule zuviel Druck ausübe, weil er wegen zuviel Fehlzeiten reklamierte, da meinte er ungerührt "wer den Druck nicht aushält, gehört nicht hierher. Wir bilden die geistige Elite aus und Elite das sind eben immer nur wenige."

Wie soll man da noch erwarten, dass mit ADHS und ADS Kindern respektvoll umgegangen und ihr Potential geschätzt wird?

Ich hatte schon immer den Eindruck, dass unser Schulsystem aus den Kinder gerne genormte, stapelbare Klötzchen machen würde. Die phatansievollen Figuren sind unbequem und stören den Routineablauf.

LG
Bea
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Sonntag, 11. Dezember 2005, 01:31

Der Arzt als Dealer

Zitat

Original von Bea
Bei uns ist das Gymnasium eine richtiggehende Eliteschule. Es wird von der Aufnahmeprüfung (nach der 2. oder 3. Sekundarklasse, 8./9. Schuljahr) bis zur Matura Semester für Semester Selektion betrieben. Schlussendlich können nur 12 - 14% eines Schülerjahrgangs Matura machen. Und davon sind gerade in unserem Kanton noch ein ansehnlicher Teil Schüler in Privatschulen, wo weniger nach Schulleistung als nach dem Geldbeutel des Vaters selektioniert wird.

Liebe Bea,

alls ich in der Schweiz in einer Psychiatrie arbeitete, fand ich übrigens, dass ein sehr hoher Anteil der Drögler, die in der privaten Klinik (mit kantonalem Versorgungsauftrag) einen Entzug zu machen versuchten, aus sog. "gutem Hause" kam und oft noch einflußreiche, wohlhabende Eltern im Hintergrund hatte. Ebenfalls war das Klientel der Medikamentenabhängigen (besonders Beruhigungsmittel) und Alkoholiker oft erstaunlich gut situiert. Viele kamen mit dem Leistungs- und Anpassungsdruck nicht klar. Sie hatten eine Vorstellung davon vermittelt bekommen, wer sie zu sein hatten, aber die innere Realität und die Wünsche sahen oft anders aus.

Zitat

Entsprechend stehen die Schüler die vier Gymnasiumsjahre sehr unter Druck. Es ist deshalb geradezu üblich, dass sich Schüler auf Prüfungen hin entweder Beruhigungsmittel oder eben Ritalin zur Leistungssteigerung verschreiben lassen.

Ich bin mir sicher, dass es in Deutschland auch solche Auswüchse gibt, von denen ich in meinen ersten Schuljahren noch nie etwas gehört hatte und später nur aus der Literatur. Was die Schüler dadurch lernen, ist katastrophal: Der Anpassungsdruck rechtfertigt jedes Mittel gegen sich selbst, Körper und Geist, nur um die begehrte Anerkennung zu erhalten. Das muß zu Selbstbetrug, falschem Selbst und zu Suchtverhalten führen!

Zitat

Ein befreundeter Psychiater meinte dazu "Guck mal, anders kommst du hier nicht zu einer Matura. Was soll ich machen, wenn ein Schüler dem Druck nicht standhalten kann? Das System kann ich nicht ändern. Wenn ich kein Medikament gebe, dann gehen sie halt zum nächsten, irgendwo bekommen sie es sowieso."

Ich vermute, dass dieser Arzt das stillschweigend macht, dass er kein Interesse daran hat, aufzuklären, zu verändern. Warum läßt er sie nicht zu anderen gehen, die, die sich keine Schwäche eingestehen wollen und sich damit kaputt machen: Selbstmord auf Raten? Er verdient an diesen Patienten, wenn sie bei ihm bleiben und nicht zu einem anderen gehen. Ist das nicht die Haltung eines Dealers? Und was bringt er den Patienten bei? Den Weg in die Abhängigkeit, ärztlich sanktioniert. Hast Du ein Problem, nimm irgendwas, mag es Dir auch schaden! Bloß nicht sich mit den Ursachen bei sich und der Gesellschaft auseinandersetzen. Diese jungen Leute haben dann die Problembewältigung mit Medikamenten, mit Drogen gelernt. Und sie haben gelernt, dass der gesellschaftliche Druck jede Problembewältigungsstrategie erlaubt: Der Zweck heiligt die Mittel.

Offenbar kann man sich Ärzte mit Geld kaufen, damit sie Rezepte schreiben. Eigentlich könnte man sich das Zeug auch auf der Straße kaufen, aber der gekaufte Arzt sorgt vielleicht für ein besseres Gewissen. Aber das ist Medizin auf dem Niveau von Zuhälterei, Prostitution und Dealerei! Kunstfehler kann man solche Handlungen schon nicht mehr nennen, es ist die Beteiligung an Verbrechen gegen die Gesundheit des Geistes und der Gesellschaft.

Zitat

Z.T. hat es mich echt erschreckt, was Schüler in diesem Alter schon mehr oder weniger regelmässig schlucken.

Ich frage mich, warum noch so wenige Schüler und deren Eltern mit einem solchen Anliegen zu uns kommen. Wir sind ein wenig Monopolisten hier und haben vermutlich einen weit verbreiteten Ruf, sehr medikamentenkritisch zu sein. Vielleicht treten deshalb kaum welche mit einem offensichtlich manipulativen Anliegen an uns herantreten. Wir haben auch ein relativ kritisches oder skeptisches Klientel, obwohl die Kinder hier auch unter Schulen und Lehrern leiden.

Manche Eltern gehen in Verbindung mit ihren Haus- und Kinderärzten aber einen anderen Weg. Sie werden von ihnen in unsere Fachambulanz überwiesen, um eine Krankheit, eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung feststellen zu lassen und dann ohne schlechtes Gewissen von den Niedergelassenen Stimulanzien verschrieben zu bekommen. Wir sind allerdings auch mit der "Diagnose" ADHS/ADS sehr geizig! Und wir behandeln diese Zustände nicht unbedingt mit Ritalin und Konsorten. Im Gegenteil, eine nicht unerhebliche Anzahl von Kindern, die mit dem Medikament bereits zu uns kommen, bekommen es wieder abgenommen oder werden reduziert. Wir kümmern uns aber um andere Unterstützungsformen und verteufeln auch nicht die Eltern oder Ärzte, die auf diese Ideen gelkommen sind.

Zitat

Als ich das damals dem Abteilungsvorstand meiner Tochter erzählte und ihm vorwarf, dass die Schule zuviel Druck ausübe, weil er wegen zuviel Fehlzeiten reklamierte, da meinte er ungerührt "wer den Druck nicht aushält, gehört nicht hierher. Wir bilden die geistige Elite aus und Elite das sind eben immer nur wenige."

Ja, das ist ein Skandal. Was ist eine geistige Elite aus tabletten-, alkohol- und drogenschluckenden Karrieristen wert, die eine Doping-Moral des Käuflichen und Manipulierbaren gelernt hat und deren demokratischen und sozialen Bekenntnisse nur verlogene Pseudoideale sind?

Zitat

Wie soll man da noch erwarten, dass mit ADHS und ADS Kindern respektvoll umgegangen und ihr Potential geschätzt wird?

Das ist sicher bei einem Arzt, der seinen Selbstrespekt verloren hat, nicht möglich! Auch eine Gesellschaft, die nach den Werten des Leistungs- und Konsumterrors lebt und solidarische Verantwortung und Bürgerfreiheit opfert, kann keine respektabelen Werte mehr aufrechterhalten. Weder respektiert das Kollektiv den Einzelnen noch der Einzelne das Kollektiv.

Zitat

Ich hatte schon immer den Eindruck, dass unser Schulsystem aus den Kinder gerne genormte, stapelbare Klötzchen machen würde. Die phatansievollen Figuren sind unbequem und stören den Routineablauf.

LG
Bea

Es gab einen großen Philosophen, Lehrer und Pädagogen, Jiddu Krishnamurte, der bis 1982 regelmäßig zu Vorträgen in die Schweiz kam, nach Saanen. Er ist 1987 im Alter von 92 Jahren gestorben. Unter anderem hat er von seiner Krishnamurti-Foundation gänzlich andere Schulen gegründet. Es war eine ähnlich revolutionäre Idee, wie die freie Universität von Ivan Illich in Guernavaca, Mexiko. Ein interessantes Buch zum Thema Erziehung Schule von Krishnamurti ist "Autorität und Erziehung". Er geht immer vom Kind, seiner Einzigartigkeit und Neugier aus und verlangt Lehrer, die die Wißbegier der Kinder nicht dämpfen oder sie durch schädliche Vergleiche zu dumpfen Konkurrenten degradieren.

LG, Michael
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10

Sonntag, 11. Dezember 2005, 01:39

Fragwürdige Medikamentengaben gegen Erschöpfung?

Zitat

Original von Pony
Hi Michael

Zitat

Die Entleerung der Transmitterspeicher kann ähnlich wie bei Kokain oder Übertreiben mit Extasy (MDMA) dazu führen, dass der Mensch an seine geistigen und körperlichen Energie-Notfallreserven geht und bei erhöhten Anforderungen nichts mehr zuzusetzen hat. Er brennt aus, lebt ständig in der Überforderung, die ihrerseits wie auch das Medikament als eine Art Kick wirken. Bei diesem Burnout droht dann Zusammenbruch und Depression.


Interessant dass du das sagst. Ich weiss aus sehr naher Erfahrung dass Ritalin auch gerne von Psychiatern empfohlen wird bei Erschöpfungszuständen, je nach Ansicht des entsprechenden Mediziners natürlich. Noch berühmter ist allerdings Provigil, das schon fast so etwas wie anerkannt ist als Therapie. Bei ganz vielen kommt es allerdings tatsächlich entweder sofort oder etwas später, zu Zusammenbrüchen. Und da frage ich mich eben auch ob das für die Selbstheilung des Körpers so toll ist.


Liebe Grüsse

Pony


Liebe Pony,

sicher kann es kurzfristig funktionieren, die Restladung des Akkus mit einem entsprechend eingreifenden Mittel abzugreifen. Und dann? Das führt in einen Teufelskreis, zur Tiefentladung und fast unmöglich gemachter Wiederaufladbarkeit. Es ist Kosmetik, keine Therapie, und der zum Schluß zu entrichtende Preis kann hoch sein. Denn natürlich hat ein Mensch, der kurzfristig von der Pille Besserung erfährt, kein Interesse daran, etwas zu verändern und über Grundsätzliches nachzudenken. Er hat nur das Interesse, diese gut funktionierende Pille immer weiter zu nehmen.

Heroin ist auch ganz klasse: irres Gefühl ist anfangs meist garantiert, glaubt man den Junkies. Doch das vergeht schnell und man nimmt es nur noch weiter, um keine Entzugserscheinungen zu erleiden. Bei den Stimulanzien - auch Kokaion wirkt übrigens sehr stimulierend - ist es ähnlich. Manchmal braucht man es nur noch, weil man das Absetzen nicht mehr erträgt. Und würde man einem dieser erschöpften und halbirren Workaholics tatsächlich weitere Dosen Kokain empfehlen oder eben das ähnlich und länger wirksame Methylphenidat/Ritalin? Wohl kaum, es sei denn, ein rascher Erschöpfungstod soll sie von ihrem Wahnsinn heilen...

LG,Michael
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11

Sonntag, 11. Dezember 2005, 15:12

RE: Der Arzt als Dealer

Lieber Michael

Zitat

Original von Michael
alls ich in der Schweiz in einer Psychiatrie arbeitete, fand ich übrigens, dass ein sehr hoher Anteil der Drögler, die in der privaten Klinik (mit kantonalem Versorgungsauftrag) einen Entzug zu machen versuchten, aus sog. "gutem Hause" kam und oft noch einflußreiche, wohlhabende Eltern im Hintergrund hatte. Ebenfalls war das Klientel der Medikamentenabhängigen (besonders Beruhigungsmittel) und Alkoholiker oft erstaunlich gut situiert. Viele kamen mit dem Leistungs- und Anpassungsdruck nicht klar. Sie hatten eine Vorstellung davon vermittelt bekommen, wer sie zu sein hatten, aber die innere Realität und die Wünsche sahen oft anders aus.


Das war auch so in der Drogenrehabliliatation wo ich gearbeitet habe. Die sog. Unterschichtskinder, die süchtig wurden weil sie keine Perspektiven hatten, die waren eindeutig in der Minderheit.

Zitat


Es gab einen großen Philosophen, Lehrer und Pädagogen, Jiddu Krishnamurte, der bis 1982 regelmäßig zu Vorträgen in die Schweiz kam, nach Saanen. Er ist 1987 im Alter von 92 Jahren gestorben. Unter anderem hat er von seiner Krishnamurti-Foundation gänzlich andere Schulen gegründet. Es war eine ähnlich revolutionäre Idee, wie die freie Universität von Ivan Illich in Guernavaca, Mexiko. Ein interessantes Buch zum Thema Erziehung Schule von Krishnamurti ist "Autorität und Erziehung". Er geht immer vom Kind, seiner Einzigartigkeit und Neugier aus und verlangt Lehrer, die die Wißbegier der Kinder nicht dämpfen oder sie durch schädliche Vergleiche zu dumpfen Konkurrenten degradieren.


Es gibt bei uns generell ein gutes Angebot an alternativen Privatschulen. Das Problem ist einfach, dass die aus dem eigenen Portemonnaie bezahlt werden müssen und dass man in unserem Steuersystem die Kosten für eine Privatschule nicht absetzen kann. Für die meisten Leute sind solche Schulen unerschwinglich, auch wenn sie noch auf die Finanzkraft der Eltern Rücksicht nehmen.

LG
Bea
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12

Samstag, 11. November 2006, 23:41

Weitere Beiträge zum Thema ADHS in diesem Forum

Die hier angesprochene ADHS-Problematik findet ein knappes Jahr später unter folgenden Beiträgen eine Fortsetzung: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=908&sid=

LG, Michael
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Mittwoch, 10. Dezember 2008, 10:08

Besprechung einer Frontal21-Sendung zur "Psychopharmaka-Mafia"

Am 9.12.2008 strahlte das ZDF in der Sendung "Frontal21" um 21 h einen Beitrag über Machenschaften der "Psychopharmaka-Mafia" unter dem Aufmacher "das Pharma-Kartell" aus. Die Vorbereitungen auf diese Sendung, Dokumentationen dazu und eine eigene Einschätzung finden sich unter diesem Link: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…12173#post12173 . Die Sendung beschäftigt sich überhaupt mit illegalen Gepflogenheiten auf dem Arzneimittelmarkt, nimmt dabei aber durch Beispiele insbesondere Psychopharmaka und ADHS-Medikamente auf's Korn und dabei explizit die SSRI-Antidepressiva Prozac und Zoloft und das ADHS-Medikament Strattera.

Michael
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14

Freitag, 19. Dezember 2008, 16:43

Hallo zusammen,

das Thema finde ich sehr interessant. Leider habe ich die Sendung nicht gesehen.

Mit dem Thema ADHS und Medikamente mußte ich mich auch einmal auseinander setzen. Ich habe es abgelehnt meinem Sohn Ritalin zu geben. Der Arzt meinte, dass er ohne Ritalin gar nicht lernen könnte und er das Medikament braucht, damit er ruhig ist. Er hat mir auch ein Buch mitgegeben, wo alles genau über das Krankheitsbild steht Mein Sohn solle vor dem Schuleintritt mit Ritalin anfangen. In dem Wartezimmer waren Kinder, die alle Ritalin genommen haben. Ich kam mir vor, wie in einem Gruselfilm. Jetzt Jahre später mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Kinder (die in die Klasse von meinem Sohn gehen), die das Nachfolgemedikament von Ritalin oder ähnliches nehmen, völlig neben der Spur sind.

Liebe Grüße,
Ronja

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15

Freitag, 19. Dezember 2008, 23:02

Neben der Spur

Zitat

Original von Ronja
Hallo zusammen,

das Thema finde ich sehr interessant. Leider habe ich die Sendung nicht gesehen.

Mit dem Thema ADHS und Medikamente mußte ich mich auch einmal auseinander setzen. Ich habe es abgelehnt meinem Sohn Ritalin zu geben. Der Arzt meinte, dass er ohne Ritalin gar nicht lernen könnte und er das Medikament braucht, damit er ruhig ist. Er hat mir auch ein Buch mitgegeben, wo alles genau über das Krankheitsbild steht Mein Sohn solle vor dem Schuleintritt mit Ritalin anfangen.


Es ist ganz schön dreist, den Müttern von Kindergartenkindern Angst und Druck zu machen, dass sie Psychopharmaka gegen "ADHS" geben sollen, obwohl die Kinder vermutlich nichtmals eine gescheite Diagnostik gehabt haben... Mit verantwortungsbewußter Arzneimittelverordnung, wie ich sie in einem Interview hier skizziert habe, hat das nichts zu tun.

Zitat

Original von Ronja

In dem Wartezimmer waren Kinder, die alle Ritalin genommen haben. Ich kam mir vor, wie in einem Gruselfilm. Jetzt Jahre später mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Kinder (die in die Klasse von meinem Sohn gehen), die das Nachfolgemedikament von Ritalin oder ähnliches nehmen, völlig neben der Spur sind.

Liebe Grüße,
Ronja


Dieses Gefühl, neben der Spur zu sein, haben Viele, denen man Methylphenidat, z.B. Ritalin, verordnet hat, auch selbst, besonders Jugendliche. Dann spätestens wollen sie die Substanzen meisten selbst abesetzen. Der eine Jugendliche in der Frontal21-Sendung berichtete vom Gefühl einer erheblichen psychischen und Persönlichkeitsveränderung zu seinem Nachteil auch unter dem Nachfolgepräparat Atomoxetin, von der Firma Lilly Strattera genannt.

LG, Michael
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16

Samstag, 20. Dezember 2008, 11:06

RE: Neben der Spur

Zitat

Original von Michael


Es ist ganz schön dreist, den Müttern von Kindergartenkindern Angst und Druck zu machen, dass sie Psychopharmaka gegen "ADHS" geben sollen, obwohl die Kinder vermutlich nichtmals eine gescheite Diagnostik gehabt habenl


Hallo Michael,

mein Sohn ist während des Gespräches mit dem Arzt ein paar Mal um den Schreibtisch gerannt und hat Figuren auf seinem Schreibtisch angefasst, was er gar nicht gut fand. Da hat er gleich gemeint, dass er Ritalin haben müßte. Da hatte er noch gar keine Test mit ihm durchgeführt.
Anbei mal ein Artikel von dem Professor, wo wir damals waren: http://www.paediatrie-hautnah.de/archiv/…/ph0007_286.pdf

Mein Sohn war damals knapp 5 Jahre alt.

Liebe Grüße,
Ronja ;)

17

Samstag, 20. Dezember 2008, 11:19

RE: Neben der Spur

Zitat

Original von Michael

Dieses Gefühl, neben der Spur zu sein, haben Viele, denen man Methylphenidat, z.B. Ritalin, verordnet hat, auch selbst, besonders Jugendliche. Dann spätestens wollen sie die Substanzen meisten selbst abesetzen.


Hallo,

das habe ich auch beobachtet, dass die Kinder teilweise die Medikamente gar nicht nehmen wollen. Sie reden meistens ganz offen über ihre Medikamente und sagen, dass sie die Medikamente nehmen müssen, damit sie ruhiger werden etc. Der Mitschüler von meinem Sohn muß z. B. um Punkt 12:00 Uhr eine Tablette nehmen. Es gibt oft einen Aufstand und die Lehrerin sagt dann, dass er nach Hause fahren muß, wenn er seine Tablette nicht nehmen wird/möchte. Ein anderes Kind hat mir erzählt, dass er immer zum Psychologen/Psychiater muß und der immer so viele Fragen stellt. Er nimmt wohl auch Tabletten. Der Sohn von meiner Freundin wird im Januar 7 Jahre alt und geht seit seinem 3 Lebensjahr zum Psychologen/Erziehungshilfe von der Caritas. Er wird das erste Schuljahr jetzt noch beobachtet und wenn es nicht besser wird, dann überlegen sie ihn medikamentös einzustellen. Ich denke, dass sie dadurch mehr kaputt machen werden, aber ..... :(

Liebe Grüße,
Ronja

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18

Samstag, 20. Dezember 2008, 11:21

Arztpropheten und ähnliche Profis

Zitat

Original von Ronja

Zitat

Original von Michael


Es ist ganz schön dreist, den Müttern von Kindergartenkindern Angst und Druck zu machen, dass sie Psychopharmaka gegen "ADHS" geben sollen, obwohl die Kinder vermutlich nichtmals eine gescheite Diagnostik gehabt habenl


Hallo Michael,

mein Sohn ist während des Gespräches mit dem Arzt ein paar Mal um den Schreibtisch gerannt und hat Figuren auf seinem Schreibtisch angefasst, was er gar nicht gut fand. Da hat er gleich gemeint, dass er Ritalin haben müßte. Da hatte er noch gar keine Test mit ihm durchgeführt.
Anbei mal ein Artikel von dem Professor, wo wir damals waren: http://www.paediatrie-hautnah.de/archiv/…/ph0007_286.pdf

Mein Sohn war damals knapp 5 Jahre alt.

Liebe Grüße,
Ronja ;)

Liebe Ronja,

es gibt eben diese begnadeten Diagnostiker, die ihre hochtrabenden akademischen Titel mit dem teuflisch scharfem Durchblick, der biblischen Erfahrung, der göttlichen Autorität und der prophetischen Gabe kombiniert glauben, um der Mutter eines Kindleins, das sich irgendwie im Raum bewegt, mit traumwandlerischer Sicherheit nach fünf Minuten ins Ohr raunen können: "Na, an dem werden Sie noch Ihre Freude haben - ich empfehle Ritalin." Ich sehe das so: Menschen sehen immer, was sie sehen wollen, sogar wenn sie blind sind - dafür sorgt die Einbildungskraft des Gehirns. Diese macht uns manchmal zu eingeschlossenen, autistisch funktionierenden Quälgeistern für unsere Mitmenschen.

Einen ADHS-Test gibt es übrigens nicht. Es gibt mehr oder weniger fragwürdige Fragebögen zur Verhaltensbeobachtung, Aufmerksamkeitstests, Intelligenztests, Psychomotoriktests, videogestützte Beobachtung... Vorallem aber benötigt man eine gute, vorurteilsfreie Beobachtungsfähigkeit, die Fähigkeit, zuzuhören, Informationen aus allen Lebensbereichen und Zeit für eine annähernd stimmige Diagnostik. Und schlussendlich muss man sich darüber klar werden, ob und in wiefern dem Kind eine solche Diagnose in der jetzigen Situation und auf seinem weiteren Lebensweg eher nützt oder eher schadet.

LG, Michael
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