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1

Donnerstag, 3. November 2005, 01:49

Wie kann man mit Schizophrenie umgehen?

Aus aktuellem Anlass mal meine Frage, ob es irgendwelche alternativen Möglichkeiten zum Umgang mit Schizophrenie gibt. Ich befasse mich lediglich theoretisch damit und zwar, weil eine der engsten Freundinnen meiner Tochter mit einem akuten Schizophrenieschub in die psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste.

Es gibt bei diesem Mädchen gerade zu massenweise traumatische Erlebnisse in ihrem 21jährigen Lebenslauf, aber mit Schizophrenie hat doch niemand gerechnet. Nun stehen wir da, ratlos, bestürzt und reichlich hilflos.

Sie ist zwar in einer, soweit ich weiss, recht guten Klinik. Aber wie das so ist bei Schizophrenie, sie glaubt die Ärzte hätten sowieso keine Ahnung und verweigert drum Gespräche oder Auskünfte. Mit einem Teil ihrer Freundinnen/Bekannten spricht sie zwar, also mit dem Teil, der nicht der grossen, bösen Verschwörung angehört. Aber eben...

Ich kenne bisher nur Schizophreniekranke, die hammermässig harte Medikamente nehmen müssen und die damit geradeso knapp selbständig leben können, mit immer wiederkehrenden Rückfällen und Klinikaufenthalten. Wenn ich mir vorstelle, dass das die Zukunftsaussichten dieses Mädchens sind, dann tut's mir weh.

Hat irgendjemand von euch schonmal Erfolg gesehen mit anderen Behandlungen?

LG
Bea
The purpose of life is joy; its basis is freedom; its result is growth.
ABRAHAM - HICKS

2

Donnerstag, 3. November 2005, 08:29

Liebe Bea,

da gibt es viel dazu zu sagen :

1. Teil (die Familie)

Genauso wie beim Feuer die Feuerwehr darauf achtet, dass ein Brand nicht auf andere Häuser übergreift (und sich nicht nur auf das eine brennende Haus konzentriert), ist es ganz wichtig, dass die betroffenen Angehörigen fachkundige Begleitung in Anspruch nehmen - damit mit der Zeit nicht die ganze Familie schwerst beeinträchtigt wird.

Auch ist manchmal die "Schizophrenie" nicht die Störung einer Person - sondern in der ganzen Familie ist ein Problem, und ein Familienmitglied wird zum Symptomträger.

Kann es ein, dass die Auswirkungen der erlittenen Traumata unterschätzt worden sind und man verabsäumt hat, rechtzeitig notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen ?

Auf alle Fälle ist für mich da die Familienaufstellung optimal. Man kann erkennen, wie es der jungen Frau wirklich geht, was ihr gut tut, was in der ganzen Familie los ist. Man kann das auch mit einer Heilmittel-Aufstellung kombinieren - was würde der jungen Frau gut tun, um in die Aussenwelt zurückzufinden (wenn sie das überhaupt will).

LG, Reinhard

PS.: Ich teile die Antworten - damit es nicht zu langatmig wird.

3

Donnerstag, 3. November 2005, 08:49

2. Teil (Schizophrenie und Eigenverantwortung)

Ich glaube, dass man Schizophrenie nicht "hat" oder "bekommt" - sondern dass das eine Entscheidung der Person ist. Man zieht sich in die Schizophrenie zurück und gibt damit die Verantwortung für das eigene Leben ab und zieht sich oft auch von der Konfrontation mit erlittenen Traumata zurück.

Das Grundproblem zeigt sich schon in Deinem Bericht : nicht die junge Frau bemüht sich um Heilung - sondern die anderen plagen sich für sie. Und sie entscheidet, wer ihr genehm ist und wer nicht : sie hat (jetzt noch) eine ungeheure Macht - wahrscheinlich im Unterschied zu der erlebten Hilflosigkeit bei den erlittenen Traumata.

Im Umgang mit Schizophrenen habe ich es als hilfreich erlebt, wenn man seelische Wirklichkeiten ernst nimmt. Dann muss man zB. das Erleben verfolgt-und-bedroht-zu-sein nicht als Einbildung ablehnen (womit man die Gesprächsbasis verliert) - sondern man kann zB. sagen : "Ja, dunkle Kräfte gibt es. Manche spüren sie viel stärker als andere. Es ist da aber auch schwierig, echte Wahrnehmungen von Trugbildern zu unterscheiden." Im NLP nennt man "pacing and leading" - glaube ich.

Das gibt es wirklich, dass jemand zB. von erbosten Seelen verfolgt wird und dadurch ein Problem nach dem anderen erlebt. (zB. wenn man zuletzt Mitarbeiter in einem KZ war und einem die Seelen der Opfer auf den Fersen sind.)

Das könnte man schauen, ob die Frau auf der seelischen Ebene tatsächlich verfolgt wird und die entsprechenden Seelen zum Friedensschluss zu bewegen zu versuchen.

In Aufstellung zeigt sich oft, dass es Schizophrenen gar nicht so schlecht geht. Sie zahlen einen Preis - haben aber auch nicht zu unterschätzende Vorteile ; sie müssen sich nicht selbst erhalten, haben Narrenfreiheit. HIER passt Tania's Infragestellung der Pathologisierung gut : auch Schizophrenie ist eine Möglichkeit zu leben, und zwar nicht die schlechteste.

LG, Reinhard

4

Donnerstag, 3. November 2005, 08:59

3. Teil (Schizophrenie und NM)

Ein Schwerpunkt der NM ist die Erklärung der Psychosen. Da müsste man mittels CT (ob sich das die junge Frau machen läßt ?) schauen, in welchen Konfliktbereichen es eingeschlagen hat und könnte versuchen, die Konflikte für sie zu lösen (wenn das möglich ist). Es müssen ja nicht alle gelöst werden sondern nur soweit, dass sie aus der schizophrenen Konstellation heraus kommt. Ob das schon einmal versucht worden ist und erfolgreich war, weiß ich nicht. Ausserdem ist bei der NM die Eigenverantwortung und das Eigenengagement so wichtig.

LG, Reinhard

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5

Donnerstag, 3. November 2005, 09:42

Lieber Reinhard

Deine Antwort tut wirklich gut. Ich werd das mal meiner Tochter kopieren, einfach damit sie für sich selber überlegen kann, wie sie damit umgehen möchte.

Zitat

Original von Reinhard
Auch ist manchmal die "Schizophrenie" nicht die Störung einer Person - sondern in der ganzen Familie ist ein Problem, und ein Familienmitglied wird zum Symptomträger.

Kann es ein, dass die Auswirkungen der erlittenen Traumata unterschätzt worden sind und man verabsäumt hat, rechtzeitig notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen ?


Es ist ganz bestimmt eine Störung der gesamten Familie. Und der ganze Freundinnenkreis hat dem Mädchen schon längst nahegelegt psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, was sie dann aber im entscheidenden Moment jedesmal doch wieder abgelehnt hat mit der Erklärung "sojemand könne ihr nicht helfen, sie müsse selber damit klarkommen". Das jüngste Trauma war eine Vergewaltigung. Aber sie hat schon im Kindesalter ihre Mutter verloren, wurde von der Stiefmutter misshandelt und der Vater ist seit Jahren schwer depressiv.

LG
Bea
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6

Donnerstag, 3. November 2005, 09:55

Zitat

Original von Reinhard
Im Umgang mit Schizophrenen habe ich es als hilfreich erlebt, wenn man seelische Wirklichkeiten ernst nimmt. Dann muss man zB. das Erleben verfolgt-und-bedroht-zu-sein nicht als Einbildung ablehnen (womit man die Gesprächsbasis verliert) - sondern man kann zB. sagen : "Ja, dunkle Kräfte gibt es. Manche spüren sie viel stärker als andere. Es ist da aber auch schwierig, echte Wahrnehmungen von Trugbildern zu unterscheiden."


Das Mädchen war seit Jahren aktiv bei Umwelt- und Tierschutz, aber die letzten Monate kam da eben so eine Note von "alles ist eine grosse Verschwörung" rein, wo die Freundinnen dann tatsächlich so reagiert haben, dass sie meinten "ja, da läuft vieles falsch, wird verheimlicht und wirtschaftlichen Interessen geopfert, aber es gibt doch auch gute Ansätze, es ist doch nicht alles böse und schlecht in der Welt!"

Es scheint das in den Wochen/Monaten nach der Vergewaltigung das jetzt gekippt ist. Wer ihr die Idee der grossen Verschwörung nicht glaubt, der gehört selber dazu.

LG
Bea
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7

Donnerstag, 3. November 2005, 10:58

Zitat

Original von Bea
Es scheint das in den Wochen/Monaten nach der Vergewaltigung das jetzt gekippt ist. Wer ihr die Idee der grossen Verschwörung nicht glaubt, der gehört selber dazu.
LG Bea

Wurde die Vergewaltigung gerichtlich angezeigt und verfolgt - oder wurden dem Vergewaltiger gegenüber (so er bekannt ist) sonst wie soziale Konsequenzen durchgeführt ?

Ich frage das, weil das fatal wirkt, wenn eine Frau dann in der Opferrolle erstarrt und sie und/oder ihre menschliche Umgebung keine Schritte gegenüber dem Vergewaltiger unternimmt.

Die "große Verschwörung" wird sowohl Projektion ihres Gefühls der Bedrohung und Wehrlosigkeit sein - als auch Projektion der riesigen aufgestauten Wut in ihr.

Die "Schizophrenie" kann auch (vorübergehend) Schutz vor einem Aggressionsdurchbruch sein. Es ist gut möglich, dass die junge Frau eine tickende Zeitbombe ist - und sich ihre Wut einmal an irgendjemanden entlädt.

LG, Reinhard

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Reinhard« (3. November 2005, 10:59)


8

Donnerstag, 3. November 2005, 14:57

4. Teil (Schizophrenie und Energieraub)

Schizophrenie ist auch meist mit enorm viel Energieverlust (durch Energieraub) für die menschliche Umgebung verbunden. Verführung durch Mitleid, Verantwortungsabschiebung, Einschüchterung, Erpressung, Verwirrung - da kann es alle Stückeln spielen.

In den wenigen Andeutungen, die Du machst, klingt auch einiges an Überheblichkeit und Verachtung durch - keiner ist gut und kompetent genug, um ihr zu helfen. (Dadurch erspart sie sich die Mühe, einen adäquaten Therapeuten zu suchen.)

Wenn jemand sagt : "Mir kann keiner helfen" kann man das in der Regel übersetzen mit : "Ich will keine Hilfe".

Insoferne kann es notwendig und hilfreich sein, zu respektieren, dass sie (zumindest derzeit) für sich den Weg der Schizophrenie gewählt hat.

LG, Reinhard

PS.: Ich habe jetzt bewusst ausgelassen, darüber zu reden, was Schizophrenie überhaupt ist - das wäre ein eigenes Thema.)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Reinhard« (3. November 2005, 15:00)


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9

Donnerstag, 3. November 2005, 15:39

Zitat

Original von Reinhard
Wurde die Vergewaltigung gerichtlich angezeigt und verfolgt - oder wurden dem Vergewaltiger gegenüber (so er bekannt ist) sonst wie soziale Konsequenzen durchgeführt ?

Zitat



Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat sie eben erst die letzten Wochen den Vergewaltiger doch noch angezeigt und die Befragungen hatten stattgefunden.

Zitat


Die "Schizophrenie" kann auch (vorübergehend) Schutz vor einem Aggressionsdurchbruch sein. Es ist gut möglich, dass die junge Frau eine tickende Zeitbombe ist - und sich ihre Wut einmal an irgendjemanden entlädt.


Tatsächlich wollte sie auf eine Mitbewohnerin losgehen, hatte dann aber doch noch soviel Realitätsbezug, dass sie das erschreckte und sie zu ihrem Vater fuhr. Dort wurde ihr Zustand dann so schlimm, dass sie eingewiesen wurde.

LG
Bea
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10

Donnerstag, 3. November 2005, 15:45

Zitat

Original von Reinhard
In den wenigen Andeutungen, die Du machst, klingt auch einiges an Überheblichkeit und Verachtung durch - keiner ist gut und kompetent genug, um ihr zu helfen. (Dadurch erspart sie sich die Mühe, einen adäquaten Therapeuten zu suchen.)


Ja, das ist sie eindeutig und es war desto ausgeprägter je schlechter es ihr ging. Das hat die Beziehungen im Freundeskreis auch sehr erschwert, weil sie reihum allen vorgeworfen hat, nicht zu verstehen worum es im Leben wirklich ginge usw.

LG
Bea
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11

Freitag, 4. November 2005, 00:05

So, ich hab das jetzt mal meiner Tochter zu lesen gegeben, denn sie will die Freundin morgen in der Klinik besuchen. Sie meinte, die ganze Beschreibung von Reinhard, klänge absolut nach ihrer Freundin. Mal sehen was sie morgen erzählt, wenn sie vom Besuch zurückkommt.

Also nochmal herzlichen Dank für deine Beiträge!

LG
Bea
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12

Freitag, 4. November 2005, 01:24

RE: Wie kann man mit Schizophrenie umgehen?

Zitat

Original von Bea
...mit einem akuten Schizophrenieschub in die psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste.

Liebe Bea,

die Psychiater unterscheiden hier - manchmal nicht sorgfältig genug - vergleiche das derzeit angewandte Diagnoseschlüsselsystem ICD 10: http://icd.web.med.uni-muenchen.de/ALL/F20-F29.html#F20.0 . Liest sich vielleicht etwas kompliziert und ungewohnt.

Darum fasse ich zusammen, was für eine Diagnosestellung in diesem Falle wichtig wäre: Es muß sich bei einer Schizophrenie (ICD 10 F 20.0) um eine psychotische Störung mit entsprechender "Minus-Symptomatik" (Denkstörung, Ichstörung, Wahrnehmungsstörung, Affektstörung) und eventuell "Plus-Symptomatik (produktive Wahnbildung, Halluzinatioen) von genügend langer Dauer handeln. Dazu beobachtet man im Gegensatz zu den akuten schizophreniformen Psychosen (ICD 10 F23.2) oft prodromale Symptome. Die akuten Formen bilden sich innerhalb von Wochen und Monaten zumeist zurück und entwickeln sich nicht unbedingt zu einer der rezidivierenden oder zu chronischeren Verläufen übergehenden Formen der Schizophrenie weiter.

Um eine Schizophrenie egal welchen Typs zu diagnostizieren, gehört also nicht nur eine sogenannte Querschnittsuntersuchung dazu, das heißt, die psychopathologische Symptomatologie am Aufnahmetag, sondern auch eine Längsschnittuntersuchung, das heißt die Beobachtung der Symptomentwicklung über einen mehrwöchentlichen Verlauf. In der Regel soll man von einem begründeten Schizophrenieverdacht nicht vor Ablauf eines Monats sprechen und ggf. charakteristischen Prodromi und einigermassen sicher sollte man sich nicht vor Ablauf eines halben Jahres sein. Anders sieht es im Verlauf mehrerer charakteristischer "Schübe" aus. Medikamentengaben und Hospitalisierungen sowie sozialflankierende Massnahmen haben Einfluss auf Symptome und Verlauf.

Zitat

Es gibt bei diesem Mädchen gerade zu massenweise traumatische Erlebnisse in ihrem 21jährigen Lebenslauf, aber mit Schizophrenie hat doch niemand gerechnet. Nun stehen wir da, ratlos, bestürzt und reichlich hilflos.


Wenn das so ist, scheint es sich ja um eine relativ unerwartete, neue Situation eines akuten Auftretens schizophreniformer psychotischer Symptome zu handeln. Das heißt, dass noch nicht sicher ist, ob es eine akute Errankung mit mehr oder weniger rascher Rückbildungstendenz ist, oder bereits eine Schizophrenie, deren erster Schub (manchmal auch der einzige) verhältnismäßig lange, z.B. über ein halbes Jahr, erkennbar, wenn auch in seiner Symptomatologie unter Behandlung abklingend andauert. Dazu gehören auch die sozial und beruflich beeinträchtigenden Symptome wie Antriebsarmut, Störungen des formalen Denkens und der Konzentration, verflachte Stimmung, bestimmte Körperfühlsymptome, die wie Dissoziationen anmuten.

Die "massenweise traumatischen Erlebnisse" können gerne einmal der Ausgangspunkt psychotischen Erlebens sein, manchmal auch nur einzelner Symptome, wie Dissoziation, starke Affektschwankungen (im Gegemsatz zur Abflachung), Flashbackerlebnisse mit Angst/Panik und Halluzinationen. Das Ausmaß der Akutizität und der Beeinträchtigung des Icherlebens, der Denkstrukturen und der sozialen Handlungsfähigkeit muß jedoch berücksichtigt werden, um von einer akuten Psychose oder gar einer akuten schizophreniformen Psychose sprechen zu können. Dissoziation, Wahnbildung oder Zwangssymptome alleine oder Depressionen reichen keinesfalls aus, um die Diagnose zu sichern. Nebenbei sei auch mit Hinweis auf Reinhard bemerkt, dass psychotisches Erleben auch ohne die Erklärungsmöglichkeiten der NM auch für den SM-gebildeten Psychiater "zweckvoll" sein kann, d.h. nachvollziehbare Ursachenbündel dahinter stehen können sowie ein biologisch-psychodynamischer Sinn.

Zitat

Sie ist zwar in einer, soweit ich weiss, recht guten Klinik.

Ist es die hinterthurgauer (Ostschweiz) Klinik Littenheid mit einer jugendpsychiatrischen Abteilung für Jugendliche und junge Erwachsene? Ich frage das, weil ich da zwei Jahre gearbeitet habe, als die Jugendpsychiatrie gerade aufgebaut wurde.

Zitat

Aber wie das so ist bei Schizophrenie, sie glaubt die Ärzte hätten sowieso keine Ahnung und verweigert drum Gespräche oder Auskünfte. Mit einem Teil ihrer Freundinnen/Bekannten spricht sie zwar, also mit dem Teil, der nicht der grossen, bösen Verschwörung angehört. Aber eben...

Ob Vertrauen wächst, hängt von Vielem ab. Menschliches Verständnis und Anteilnahme auch für das Trauma einer unfreiwilligen Einweisung per FFE, uneingeschränkte Bereitschaft des Arztes zum Zuhören jenseits diagnostischer Konstrukte, die sich nur zwischen Erzählung der Patientin und Verstehen schieben, Geduld mit dem Mißtrauen der Patientin und z.B. auch der Furcht vor Medikamenten und deren Nebenwirkung sind m.E. unbedingte Voraussetzungen auf Seiten der Ärzte. Die PatientInnen tun recht daran, Ärzten zu mißtrauen, die sich keine Zeit nehmen, nicht zuhören können, alles besser wissen, nur auf Medikamente vertrauen und auch Zwangsbehandlungen beinahe schon gewohnheitsmäßig anordnen.

Es ist normal, dass ein Mensch zunächst seinen Freunden traut und dass er bei abnorm großen Befürchtungen, wie sie der Wahn ja zum Hintergrund hat, den Glauben dieser Freunde fordern. Warum soll man nicht glauben, dass der Paranoide tatsächlich diese Wahninhalte fürchtet? Bezeichnenderweise stecken ja im Wahn auch viele reale, beobachtbare Anteile, die jedoch in eine ganz bestimmte Richtung hin interpretiert werden und oft reagiert das Umfeld einschließlich des Medizinischen oft im Sinne der Patienten wahnbestätigend und -verstärkend, indem z.B. auf einen Menschen mit Verfolgungswahn ja tatsächlich wegen Ängsten vor seiner Gefährlichkeit oder Gefärdetheit (das ist dann der Wahn der "Gesunden") durch Fahndung, Festnahme und Einweisung erhebliche Gewalt ausgeübt wird.

Ich habe erlebt, dass Menschen, die eine sogenannte Schizophrenie durchmachten und entgegen ihren Ängsten und ihrer Einsicht zwangseingewiesen und -behandelt worden sind, längere Zeit benötigten, um mit ihren Ärzten und Pflegern wieder oder erstmals vertrauensvoll zu sprechen, wobei unterschiedliche Menschen auch Unterschiedliches zu hören bekamen. Behandler und Angehörige müssen sich mit ebenso viel Geduld wappnen, wie man es von den Patienten verlangt, ihre Lage in der psychiatrischen Klinik zu ertragen. Und vergessen wir nicht, dass dieser lebensverändernde Eingriff einer Einweisung gegen eigene Einsicht oder Wunsch zunächst je nach Umstand trotz aller Schutzmöglichkeiten, die von Patienten nachher auch gefühlt werden können, zu einer ganz starken Verunsicherung führen können, für die je nach dem Naturell und der Situation Toben, Schreien, Weglaufen oder auch Schweigen und sich Hängenlassen ein adäquate Ausdruck sein könnten. Dazu kommt, dass bei den als wirksam betrachteten hochpotenten Neuroleptika nicht nur segensreiche, sondern auch stärker wesens- und empfindungsverändernde Wirkungen sowie äußerst lästige Nebenwirkungen verspürt werden können. Auch für das sich Gewöhnen an diese ungewohnten Empfindungen und Ertragen des Unvermeidlichen ist eine liebevolle Begleitung, die die Klagen der Patienten ernst nimmt, wichtig.

Zitat

Ich kenne bisher nur Schizophreniekranke, die hammermässig harte Medikamente nehmen müssen und die damit geradeso knapp selbständig leben können, mit immer wiederkehrenden Rückfällen und Klinikaufenthalten. Wenn ich mir vorstelle, dass das die Zukunftsaussichten dieses Mädchens sind, dann tut's mir weh.

Über die Qualität der Begleitung der Patienten, die Psychopharmaka einnehmen, habe ich oben schon geschrieben. Die Ausgang der sogenannten "Schizophrenie", wenn es denn eine ist, ist durchaus sehr verschieden. Bei Manfred Bleuler, dem Sohn des berühmten Eugen Bleuler, Zeitgenosse Freuds und Jungs und Leiter des berühmten Zürcher Burghölzli-Spitals, habe ich mal im Lehrbuch von einer Faustregel gelesen, die besagt, dass echte Schizophrenien in etwa einem Drittel der Fälle ohne nachteilige Folgen ausheilen, in einem Drittel immer wieder verschiedene Beeinträchtigungen und auch Rezidive aufweisen und in einem letzten Drittel zu schwereren, chronifizierten Verläufen führen. Damit ist weder etwas über die Lebensqualität der Patienten gesagt, noch über die absoluten Beeinflussungsmöglichkeiten, sondern das ist nur eine schulmedizinisch konservative Beurteilung der Lage bei konventionell psychiatrisch und medikamentös behandelten Patienten

Zitat

Hat irgendjemand von euch schonmal Erfolg gesehen mit anderen Behandlungen?


Zunächst: Was ist ein Erfolg? Da Psychosen Gründe haben, und zwar nicht nur ausschließlich im Patienten, sondern in seinem gesamten Umfeld und seinen Beziehungen, in körperlichen, seelischen und geistigen Bereichen, ist eine Gesamtbeurteilung komplex. Dazu werde ich vielleicht an anderer Stelle noch etwas schreiben. Hier möchte ich am "Psychiatrisch-Praktischen" bleiben. Es gibt auf jeden Fall sehr viele Mittel und auch Haltungen, die helfen können, die Lage des Patienten zu verbessern.

Über die Einstellung der Behandler habe ich weiter oben schon geschrieben. Für mich kommt es sehr auf Liebe und Mitgefühl an. Sie drückt sich aus in der Bereitschaft, sich Zeit und Offenheit zum Zuhören ohne Bewertung zu nehmen und in der Offenheit der eigenen Persönlichkeit. Der Patient hat nichts von Ärzten und Pflegern, die sich verstellen und starke eigene Ängste und Befürchtungen haben, ohne das zu deklarieren. Dies führt zur Verwirrung und leistet psychotischen oder schizophrenen Abwehrmechanismus Vorschub. Die menschliche Anteilnahme darf nie hinter die ärztliche Expertenschaft in den treten, denn Fachwissen heilt keinen Menschen. Trotz des vielleicht vielfältigen Krankheitsgewinns, den psychotische und schizophrene Zustände womöglich in entsprechenden Situationen offerieren, wird von den Betroffenen oft unerträgliches Leiden durch den "Wahnsinn" empfunden und zwar nicht nur durch die soziale Behinderung, die auch Andere den Patienten auferlegen, sondern auch durch enorme Ängste im Rahmen des Verschwindens des früheren Identitätsgefühls. Daher kann der Kranke sogar zur Überzeugung gelangen, dass er sein Ich, seine Identität vor dem Verfall im chaotischen Wahn nur retten könne, indem er seinem Leiden und seinem verwirrten Fühlen und Denken nur durch Auslöschung seines Lebens, seines Körpers ein Ende zu bereiten sucht. Es genügt nicht, hier nur für den immer unvollkommenen äußeren Schutz zu sorgen. Das Nahesein mit Respekt und Feingefühl bei einem sehr verletzlichen Menschen anzubieten, der sich zurückziehen möchte und der glaubt, dass ihm in seiner Lage keiner helfen könnte, erfordert schon sehr viel menschliche Befähigung jenseits allen Fachwissens.

Die modernen Psychiatrien insbesondere mit tiefenpsychologischen Konzepten wie in der Schweiz (Beispiel PK Littenheid) haben da schon einige Fortschritte gemacht. Ein berühmtes, bislang unerreichtes Beispiel persönlicher menschlicher Betreuung durch die gesamte Psychose ist das von Luc Ciompi und Mitarbeitern entwickelte Modell Soteria in Bern, das schon gut 30 Jahre alt ist! Etwas nachzulesen gibt es unter dem Link: http://www.soteria.ch/ und über Forschung informiert: http://www.upd.unibe.ch/research/papers/kupper.html .

Für mich gehört zur Psychosebehandlung insbesondere eines jungen Menschen die systemische Familientherapie mit einer ressourcenorientierten Sichtweise und im Weiteren auch nach der Klinikphase eine ambulante, gemeindenahe sozialpsychiatrische Behandlung. Für mich persönlich betrifft gerade die Psychose und auch die Schizophrenie als sog. Geisteskrankheit oder geistig-emotionale Erkrankung den spirituellen Bereich. Hier benötigt der ganzheitliche Therapeut Erfahrung und Offenheit. In Einzelfällen - d.h., man sollte seine Patienten gut kennen, kommen auch viele Behandlungsmöglichkeiten in Frage, die über eine Tranceinduzierung direkt mit dem Unbewußten arbeiten. Aber das benötigt viel Vertrauen des Patienten und Erfahrung und Festigkeit des Therapeuten, sonst kann man auch mehr Schaden als Nutzen stiften.

Medikamente vom Typ der Neuroleptika und symptomatisch über kürzere Zeit auch Benzodiazepine zur Entspannung sind in der Regel keine Dauerlösung, jedoch in manchen Situationen unverzichtbar. Dieser Einsatz sollte mit den Patienten immer gut besprochen werden. Etwas, das der Patient innerlich völlig ablehnt und als Gift betrachtet, wird naturgemäß weniger segensreich und mit mehr unerwünschten Nebeneffekten wirken, als eine verstandene und akzeptierte Medikation. Wer etwas von den emotionalen und geistigen Wirkungen psychiatrischer Homöopathie versteht, erzielt auch damit oft erstaunliche Erfolge. Aber das ist fast ein Spezialgebiet. Bei Traumatisierungen sind unterschiedliche Ansätze der Traumatherapie sinnvoll. Das Schutzbedürfnis des Patienten ist zu beachten. Über Verstehensmöglichkeiten von Psychosen werde ich vielleicht später schreiben.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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13

Freitag, 4. November 2005, 02:08

Sprache des Symptoms

Liebe Bea,

der Platz hatte nicht mehr gereicht - aber es war mir noch wichtig, auf etwas hinzuweisen:

Trotz allem Leid habe ich auch eine positive Seite von psychotischen und schizophrenen Erfahrungen entdeckt und glaube auch hier nicht an Zufälle oder Unglücke, daher auch nicht unbedingt an schuldafte Versäumnisse von Angehörigen ect.

Manchmal kann ein Mensch nur heil werden, wenn er durch eine so tiefgreifende Metamorphose wie eine Psychoseerfahrung geht. Ob traumatisiert, mißbraucht oder selbst im Schuldwahn - manchmal fasst es die zu eng definierte Persönlichkeit nicht in ihren Grenzen, was an entgrenzenden Erfahrungen einbrechender Wahrheiten auf sie zu kommt und das bisherige Konstrukt bekommt Sprünge und Abbrüche.

Wenn es uns möglich war, für "Schutz" oder Geborgenheit und liebevolle Anteilnahme zu sorgen, sollten wir uns nicht zuerst bemühen, die Symptomäußerungen mit aller Gewalt psychopharmakologisch niederzuknüppeln. Wenn eine Psychose an die Oberfläche drängt, erscheinen will, ist mit ihr eine Botschaft verknüpft. Sie mag entstellt erscheinen, aber wenn sie weggespritzt wird und ungehört bleibt, ist eine Chance vertan.

Heilung heißt unter anderem Annehmen und Verstehen. Es ist nicht immer ein logisches Verstehen gemeint. In einer Karte zu meinem Geburtstag hieß es von einer Krankenschwester: "Es gibt keinen, der so verrückt ist, dass es nicht noch einen Verrükteren gibt, der ihn versteht. Das könnte in einem guten Sinne der Psychiater sein, von denen manche Patienten behaupten, sie bräuchten selber einen..."
Liebe und Mitgefühl war zu allen Zeiten eine verrückte Sache!

In der Psychose findet ein Lebensthema eine möglicherweise verzweifelte Äußerung. So äußert es sich vielleicht nie wieder. Es lohnt sich, auf alles zu achten, statt es als Unsinn abzutun. Und vergessen wir auch beim "Schizophrenen" nicht: Hier besteht neben dem "chaotischen" und psychotischen Erleben immer auch das völlig "normale", gesunde, anpassungsfähige Erleben!

Daher ist Zuhören und da Sein wichtig, den Menschen Raum, Bedeutung, Sprache geben, sie nicht nur einschüchtern, flach legen, abstempeln!

LG, Michael
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Freitag, 4. November 2005, 02:37

Lieber Michael

Das ist ja mal ein Beitrag! Ich will gar nicht wissen, wie lange du an dem geschrieben hast, aber vielen lieben Dank dafür!

Mit den Informationen was nun genau diagnostiziert wurde ist das natürlich so eine Sache. Akuter Schizophrenieschub, das hat die eine Freundin gesagt, die anscheinend als erste von der Patientin angerufen wurde und sie auch besucht hat. Keine Ahnung, was die Ärzte dem Vater und dem Bruder bisher mitgeteilt haben oder überhaupt mitteilen konnten.

Ob das Mädchen per FFE eingewiesen wurde oder ob sie nach dem Beinahe-Angriff auf die Mitbewohnerin und der zunehmenden Verwirrung selber mit der Einweisung einverstanden war, das weiss ich nicht.

Jetzt rückblickend fällt auf, dass sich gewisse komische Verhaltensweisen schon seit längerer Zeit, also schon vor der Vergewaltigung, eingeschlichen hatten. Aber da sagte meine Tochter jeweils "ja, das ist halt typisch XY, die hat halt manchmal so Macken". Es war also nicht ein plötzlich um 180 Grad verändertes Verhalten, sondern eine langsame Steigerung von Verhaltensweisen, die wir früher einfach für Eigenheiten hielten. Allerdings sagte meine Tochter die letzten Wochen des öfteren "also jetzt spinnt sie ja wohl komplett!", aber sie sagte das so, wie man es eben sagt, wenn jemand sich auf nicht nachvollziehbare Weise verhält. Dass das wirklich Vorboten einer psychischen Krankheit sind, auf die Idee kamen wir nicht.

Klar, wir hoffen, dass die Ärzte einen Weg finden ihr Vertrauen zu gewinnen und dass das Konzept und Vorgehen der Klinik für sie hilfreich ist. Ich weiss nur, dass sie dort vor einigen Jahren einen in Homöopathie kompetenten Psychiater hatten, keine Ahnung ob der noch dort arbeitet.

Meine Tochter befürchtet nur, dass ihre Freundin so schnell wie möglich ihre ganze Energie zusammennehmen wird um so normal wie möglich zu erscheinen und allen zu versichern, es wäre nur ein "unbedeutendes Ausrasten" gewesen und jetzt sei alles wieder unter Kontrolle. Nur damit sie vor weiterer Betreuung, Medikamenten und Psychotherapie verschont wird. Offenbar gab es schon öfters kleine Zusammenbrüche, wo sie sich dann aber jeweils ganz schnell wieder aufgerappelt hatte und danach sämtliche Hilfsangebote und -empfehlungen wieder zurückwies.

LG
Bea
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15

Freitag, 4. November 2005, 10:13

Chance und Risiko

Zitat

Original von Bea
Jetzt rückblickend fällt auf, dass sich gewisse komische Verhaltensweisen schon seit längerer Zeit, also schon vor der Vergewaltigung, eingeschlichen hatten. Aber da sagte meine Tochter jeweils "ja, das ist halt typisch XY, die hat halt manchmal so Macken". Es war also nicht ein plötzlich um 180 Grad verändertes Verhalten, sondern eine langsame Steigerung von Verhaltensweisen, die wir früher einfach für Eigenheiten hielten. Allerdings sagte meine Tochter die letzten Wochen des öfteren "also jetzt spinnt sie ja wohl komplett!", aber sie sagte das so, wie man es eben sagt, wenn jemand sich auf nicht nachvollziehbare Weise verhält. Dass das wirklich Vorboten einer psychischen Krankheit sind, auf die Idee kamen wir nicht.


Liebe Bea,

das ist schon okay, abweichendes Verhalten nicht von vorn herein zu pathologisieren und bis eine Verschrobenheit zum Zusammenbruch führt, muß ja oft noch Einiges passieren.

Zitat

Klar, wir hoffen, dass die Ärzte einen Weg finden ihr Vertrauen zu gewinnen und dass das Konzept und Vorgehen der Klinik für sie hilfreich ist. Ich weiss nur, dass sie dort vor einigen Jahren einen in Homöopathie kompetenten Psychiater hatten, keine Ahnung ob der noch dort arbeitet.

Das Vertrauen zum behandelnden Arzt ist natürlich auch wichtig, weil man ihm in gewisser Weise ausgeliefert ist. Eigentlich ist das eine paradoxe Situation, die manchmal mehr vertrauen von einem "Kranken" verlangt, als ein "Gesunder" aufzubringen bereit wäre.

Insofern ist es wichtig, dass der vertrauensvolle Zugang zu Angehörigen und Freunden nicht ganz abbricht und gerade hier kann es wieder schwierig werden, weil diese Beziehungen nicht nur "durch die Krankheit" schweren Belastungen unterworfen sein können, sondern weil auch aus diesen Beziehungen Impulse zur Beibehaltung eines absonderlichen Verhaltens gegeben werden können - das ist keine Schuldbeziehung, sondern das sind kreisende Ursachen-Wirkungs-Gefüge. Deshalb empfinde ich die systemische Familientherapie mit oder ohne Aufstellungen als nützlich.

Zitat

Meine Tochter befürchtet nur, dass ihre Freundin so schnell wie möglich ihre ganze Energie zusammennehmen wird um so normal wie möglich zu erscheinen und allen zu versichern, es wäre nur ein "unbedeutendes Ausrasten" gewesen und jetzt sei alles wieder unter Kontrolle. Nur damit sie vor weiterer Betreuung, Medikamenten und Psychotherapie verschont wird.


Die Befürchtung mag zu recht bestehen und dennoch ist gerade dieses Verhalten auch Ausdruck des "Normalen", oft fälschlich gerne auch mit dem "Gesunden" bzw. "Nützlichen" gleich gesetzt. Es gibt bei jeder Schizophrenie und in den meisten Psychosen versteckt unter einer Decke von Symptomen immer das "Gesunde", "Normale", Geordnete im Denken neben dem chaotisch Ungeordneten! Das ist die Ressource und die Chance und gleichzeitig auch wieder eine Gefahr. Wenn man sich so darstellen kann, als ob man genügend gesund wäre, um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, könnte man diese Brücke eigentlich auch selbst wieder beschreiten und es tatsächlich tun. Es ist sehr schwierig, dem Anderen zu raten oder gar vorzuschreiben, wie er es tun soll. In Gesprächen kann man es aber vielleicht miteinander herausfinden. Es geht auch darum, einen eigenen Sinn in dem Signal "Psychose" zu finden und der kann nicht allein in dem Herausfinden pathologisierender Diagnosen (im Gegensatz zu beschreibender) durch diagnostisch versierter Psychiater bestehen!

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Offenbar gab es schon öfters kleine Zusammenbrüche, wo sie sich dann aber jeweils ganz schnell wieder aufgerappelt hatte und danach sämtliche Hilfsangebote und -empfehlungen wieder zurückwies.

LG
Bea

Diese Erfahrung kann man auch dazu benützen, sich klar zu machen, dass ein erneutes "Berappeln" wieder möglich sein wird und die Heilung wird genauso von innen heraus erfolgen müssen, wie auch das Ungleichgewicht vorallem im Inneren angekommen Verwirrung stiftete. Die wirkliche Heilung stiftet dabei ein größeres, gleichzeitig für Licht und Liebe durchlässigeres Haus. Vielleicht war das Verhalten der jungen Frau dennoch "vernünftig", weil sie mit der Art der Hilfsangebote und den dahinter stehenden Personen noch nicht soviel anfangen konnte? Die neue psychotische Erfahrung beinhaltet auf jeden Fall eine Chance zum Neuanfang und Neuaufbau, nur dass jetzt ein breiteres Fundament geschaffen werden muß, das Ganze des Erlebnisses zu integrieren. Zweifellos können viele Fraunde an dieser Plattform mit bauen und zunächst einmal Abstützung bieten, indem sie auch ein größeres Gefäß für das Enthalten und Auffangen dieser Erfahrung bieten. Es hilft aber nichts: was den "Kopf" (Verstand) da irre gemacht hat und die Angst, die dahinter steht und zusätzlich ausgelöst wurde, muß hinein ins eigene "Herz" und da ausgehalten werden, ein manchmal zunächst schmerzvoll anmutender Prozess.

Psychotisches Erleben, wie ich es erlebe, ist auch wie Einbruch einer größeren Wahrheit, die unsere Abwehrkonstruktionen eines abgegrenzten "Ich's" zerbricht. Diese Wahrheitssplitter werden nicht ausgehalten und müssen in einem Selbstrettungversuch dieser ungernügend abgesicherten (und absicherbaren!, denn Jede(r) kann psychotisch werden) Ich-Persönlichkeit abgewehrt werden, da die Angst uns sagt, dass das so nicht integrierbar ist. Wenn das Ich-Gebäude zu anfällig und gleichzeitig nicht transzendierbar ist, gibt es unter Umständen keine Wahl, wenn man ganzheitliche Heilung für sich will, als die Psychose zur Abrißbirne für die Ruine, die schon fehlkonstruiert war, zu benutzen. Das ist natürlich eine extrem heikle Phase insbesondere für das zunehmende Lebensalter mit all seinen strukturellen Denkverfestigungen.

Die "Wahrheitssplitter" werden wegen "Nichtverstehbarkeit" durch den Verstand aus diesem Unverständnis heraus z.B. abgespalten, dissoziiert, projeziert usw. Vielleicht nimmt der Verstand auch erstmal ganz Urlaub und erklärt sich für nicht zuständig und den Besitzer für krank... Dann zeigt der Patient womöglich noch "Krankheitseinsicht" und bleibt "psychotisch" und nimmt wahrnehmungsverändernde Medikamente (die sich nicht in jedem Fall umgehen lassen, wenn die Ängste vitale Gefährdungen auslösen. Trotzdem ein Spiel mit dem Feuer der Wahrheit!) Spirituelle Einbrüche der Wahrheit können uns alle extrem verunsichern. Ohne Integrationsarbeit, die wir wollen müssen, haben wir oft nur die Wahl der Ignoranz, dann bleiben wir "normal" und sind in unserem Spießertraum, dass die Welt so ist, wie wir sie "sehen", oder wir spalten das ganze ab, wenn uns die "normalneurotische Verdrängung" nicht mehr möglich scheint, da der Einbruch zu stark oder die Betondecke unseres abgeschnürten Verstandesbewußtseins nicht dick genug war, um die Erschütterungen fern zu halten.

Manchmal ist das Aufschnappen dieser Wahrheitssplitter ganz toll und ergibt ein Glücks- und Überlegenheitsgefühl. Man identifiziert sich mit dieser Weite und Kraft, macht das also wieder zu einer Ego-Angelegenheit. Das Ego bläst sich unatürlich auf und erleidet einen manischen Zustand einer "Glückspsychose" mit Größenphantasien. Auch das ist eine Abwehr der Angst vor der Entgrenzung. Man nimmt die Macht zu Hilfe und identifiziert sich mit ihr. Die andere Möglichkeit ist, das schrumpfende und unter Druck geratene Konstrukt des Ich auf die letzten Verteidigunglinien vor den "Wahrheitssplittern" zurückzunehmen und alle bedrohlichen, nicht der Eigenbestätigung dienlichen Ich-Anteile preis zu geben und herauszuschleudern, sodass sie uns wie fremde Einbrüche von außen in unseren Projektionen und Halluzinationen entgegentreten. Dann können wir ganz klein werden in unserem Ich und ganz ängstlich wie das Kaninchen vor der Schlange in Schreckstarre der katatonen Schizophrenie-Symptomatik.

Aber was sind denn unter anderem die "Wahrheitssplitter", die den Psychotiker zum Zerreißen anspannen und den "normalen" "Neurotiker" in seiner Ignoranz scheinbar kalt lassen bzw. seine Abwehrmechanismen der Verdrängung bestätigen und verstärken, sodass er vor der Wahrheit genauso wie vor der Psychose Angst bekommt und sich in seine hiesigen Illusionen flüchtet? Viele, die eine Psychose erfahren, machen als "Wahnsinnige" eine Erfahrung des Umfassenden, die überwältigt. Sie sehen, hören, fühlen, schmecken, lesen Gedanken. Na und? Sie beeinflussen die "Wirklichkeit" mit Gedanken oder erfahren, dass das möglich ist. Sie sprechen mit "Gott". Sie empfinden die Geistwelt und sehen geistige Wesen, spüren feiner die unsichtbaren Energien, versuchen sich vor schädlichen oder für sie zu starken Energien auch in einer Beziehung zu schützen. Für normale Verdränger (Neurotiker) ist das alles Wahnsinn, er ignoriert es, tut es ab. Für normale Abspalter (Psychotiker) ist das auch alles Wahnsinn, er kann es aber nicht mehr abtun und verdrängen und verspürt mehr und mehr aufblasende Angst, die ihn in die Macht treibt oder einschüchternde Angst, die ihn auf einen winzigen Kern reduziert, in dem sich immer noch ein unbeugsames, kämpferndes Ich versteckt und wegdukt, um den Schlägen der "Wahrheitseinbrüche" auszuweichen.

Da wir inzwischen wissen, dass wir geistige Wesen sind und uns nicht mehr scheuen, auch für normale Psychiater so unglaubliche Phänomene wie "Besetzungen", Fremdenergien, Energieraub und des weiteren auch "karmische" Ursachen im gesamten Lebenskontinuum jenseits der Konstrukte "Geburt" und "Tod" zu registrieren, sollten wir in aller Bescheidenheit die Begegnung mit "Verrückten" und "Entrückten" als Chance einer respektvollen, gemeinsamen Untersuchung einer größeren Wirklichkeit und auch einer umfassenderen Wahrheit nutzen, von der wir oft jeweils nur ein Zipfelchen zu packen bekommen. Es wäre wirklich verrückt und abwegig, diesen Teil dann als "ganze Wahrheit" wieder zu irgendeiner Sekte zu organisieren. Und seien wir dabei nicht zu arrogant, in keine Richtung. Die "Normalo-Gesellschaft" ist auch nur eine Traumsekte - wir "wissen" doch inzwischen um die Relativität all dieser dualitätsgefangenen Schauspielereien. Freuen wir uns dran - in aller Bescheidenheit, mag man uns auch für naiv halten!

LG, Michael
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16

Freitag, 4. November 2005, 23:09

Lieber Michael und Reinhard

Der Besuch hat stattgefunden und verlief wohl auch ganz ok.

Nur war meine Tochter dermassen angespannt im Vorfeld, dass sie erst mich auf die Palme brachte und dann ihren Freund anbrüllte, so dass ich mich veranlasst sah zu bemerken "sie sei wohl heute etwas sensibel im Umgang". Das waren nicht unbedingt die richtigen Worte um sie zu beruhigen, danach explodierte sie nämlich endgültig.

Im anschliessenden kurzen Gespräch kamen wir darauf, dass sowohl sie als auch noch eine andere Freundin (der restliche Freundinnenkreis hatte sich schon früher etwas distanziert), die letzten Wochen und Monate sehr eingespannt waren mit Anrufen, Besuchen und Briefen, weil es der Freundin nicht gut ging. Und immer mal wieder war die Eine die Böse und die Andere die Gute oder was auch vorkam, sie beide waren die Bösen und irgendwelche anderen die Guten. Jedenfalls war es kräftezehrend und nun mit der Klinikeinweisung kommt bei beiden Mädchen die Erschöpfung - die Hoffnung, dass endlich nicht mehr sie eingespannt sind und durch professionelle Hilfe entlastet werden. Deshalb auch die Angst, die Freundin könnte sich "zu schnell" erholen und eine Entlassung bewirken.

Mit dem Wunsch sich lieber zu distanzieren und nicht mehr so nah damit zu tun zu haben kommt aber gleichzeitig die Traurigkeit über all die vergangenen gemeinsamen Unternehmungen, die es so im MOment nicht mehr gibt und vielleicht auch nicht mehr geben wird. Also eine recht zwiespältige Angelegenheit.

Ich habe ihr nur raten können, dass sie es mitteilt, wenn das emotionale Auf und Ab mit der Freundin zuviel ist für sie und dass sie dann zuerst einmal für ihr eigenes Wohlergehen sorgt, bevor sie von sich verlangt für die Freundin dazusein. Vielleicht ist dieses Grenze ziehen und nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen auch ein Hinweis für die Freundin, dass sie sich noch andere Hilfe holen muss, dass ihr Freundeskreis nicht in der Lage ist das für sie zu tun, was sie nötig hätte.

LG
Bea
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17

Dienstag, 15. November 2005, 02:26

So, mittlerweile habe ich ein neues Problem, ok, vielleicht ist es auch keins und wir kommen damit klar, aber vielleicht habt ihr mir ja noch ein paar gute Ideen.

Meine Tochter war schon immer hochsensibel und hat Dinge gespürt, die andere kaum spüren. Sie hat gelernt damit umzugehen und meistens kommt sie damit klar.

Aber jetzt im Zusammenhang mit dieser Freundin scheint sie langsam überfordert zu sein. Das Mädchen in der Klinik macht jetzt Hochs und Tiefs durch und meine Tochter bekommt es mit, selbst wenn sie keinen Kontakt haben und mit den regelmässigen Telefonanrufen kann sie dem Wechsel der Energien sowieso nicht entgehen. Es nimmt sie her und trotzdem möchte sie den Kontakt nicht abbrechen, möchte die Freundin unterstützen und merkt doch, dass sie überfordert ist.

Beim letzten Besuch wurden sie nach einer Viertelstunde wilder Verwünschungen aller möglichen Leute rausgeworfen, heute hat sie einen Anruf erhalten und die Freundin klang so, als wäre sie wieder völlig gesund, vernünftig, einsichtig, fröhlich usw. Beides hat sie genau gleich hergenommen. Den Rausschmiss, weil es einfach weh getan hat zu sehen wie schlecht es der Freundin geht und das fröhliche Telefonat, weil sie sagte, es bringt sie so durcheinander, wenn sie nicht weiss, ob sie Hoffnung haben kann oder nicht und weil es sie an die gute gemeinsame Zeit erinnert.

Klar, ich rate ihr immer wieder zuerst auf ihr eigenes Wohlbefinden zu achten und sich zu nichts zu verpflichten, was über ihre Energie und Möglichkeiten hinaus geht. Aber was kann ich noch tun und sagen? Was kann ich noch empfehlen?

LG
Bea
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18

Dienstag, 15. November 2005, 02:50

Ein Telefonat mit einem unbekannten Psychiater, der nicht selbst in dieser Sache drinsteckt? Denn der andere hat ja "Schweigepflicht".
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

19

Dienstag, 15. November 2005, 09:27

grundsätzliche frage:

kann schizophrenie mit borderline-syndrom verwechselt werden ??? bzw. kommt so etwas mal vor ???

LG*susa
"Eine Erfolgsformel kann ich den Menschen nicht geben, aber ich kann ihnen sagen, was zum Misserfolg führt: der Versuch jedem gerecht zu werden."

Herbert Bayard Swope

20

Dienstag, 15. November 2005, 12:39

Zitat

Original von Bea
Klar, ich rate ihr immer wieder zuerst auf ihr eigenes Wohlbefinden zu achten und sich zu nichts zu verpflichten, was über ihre Energie und Möglichkeiten hinaus geht. Aber was kann ich noch tun und sagen? Was kann ich noch empfehlen? LG Bea

Liebe Bea,

Für mich klingt es so, als ob sich Deine Tochter da ohnhein nicht wirklich dreinreden läßt. Wobei es schön ist, dass sie mit Dir darüber redet und im Kontakt bleibt. Sie muss halt ihre eigenen Erfahrungen machen. Warst Du in ihrem Alter anders - hättest Du Dich da bei etwas beeinflussen lassen, was Dir wirklich wichtig war ?

Letztlich lernen wir alle nur durch eigene Erfahrungen (und auch Enttäuschungen).

So wie Du Deine Tocher beschreibst hast Du allen Grund, Dich an ihr zu freuen.

LG, Reinhard