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Samstag, 14. April 2018, 11:22

Die Kultur des Habens - Werte-Dissens in der globalisierten Pop- und Polit-Kultur des e-Kommerzes

Die Kontroverse um rassistische, frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Botschaften in unserer westlichen Pop- und Politkultur, wie sie aktuell bei der "Echo-Verleihung" 2018 der "Deutschen Phono-Akademie" an Felix Martin Andreas Matthias Blume ("Kollegah") und Farid Hamed El Abdellaoui ("Farid Bang") thematisiert wird, offenbart ein gewaltiges Missverständnis. Was wir unseren jungen Leuten als kulturelles Erbe anbieten und zur Identifikation empfehlen, ist nichts anderes als eine ethikfreie "Kultur des Habens". Im Gegensatz zum geschichtlichen Frühkapitalismus, zur kolonialen Ausbeutung, zur imperialistischen Großmannssucht und zur nationalistischen, faschistischen und nationalsozialistischen Rassenideologie ist die postindustrielle, postmoderne, globalisierte Form des Informationszeitalters, das durch Fake-News und kommerzielle Algorithmen von Internet-Suchmaschinen und "social medias" dominiert wird, als unsere aktuelle Kultur des Habens nur noch diffuser und noch "wert-loser". Es ist alles erlaubt, was sich verkauft. Je billiger "Aufsehen" hergestellt werden kann, desto höher der mögliche finanzielle Ertrag. Aufsehen erregt alles, was "krass" ist. In diesem "Battle" (Kampf, Schlacht!), von dem nicht nur der aktuelle Präsident der USA, Trump, via Twitter lebt, sondern auch der so genannte "Gangster-Rap" oder gar "Zuhälter-Rap" eines "Kollegah" und Co., gilt es, sich an Krassheit zu überbieten, um in den Schlagzeilen zu bleiben. Und "Schlagzeilen" sind heutzutage "Hashtags". Das Ziel des Internet-Marketing, in dem geklaute und ihren Besitzern, den Usern und Kunden entlockte, entwundene und entfremdete Daten sowie angebliche "News" die Waren und die Produkte sind, ist letztlich eine kriminelle Geldmaschine, die immer mehr in der Logik des Systems dazu übergehen muss, das Denken und Fühlen der benutzten Nutzer zu lenken und zu kontrollieren, damit sie weiter konsumieren. Das Ergebnis ist die Abschaffung von Ethik, von Demokratie, von individueller Selbstbestimmung, von Gedankenfreiheit. Das individuelle Ergebnis ist nicht eine Persönlichkeit, die das Ziel verfolgt, sie selbst zu sein und mit anderen selbstbewussten Menschen in einer persönlichen Beziehung und in einem respektvollen Kontakt auf Augenhöhe zu sein. Das den meisten gar nicht bewusste Ziel dieser Mega-Indoktrination durch die moderne IT-Wirtschaft (und Politik) ist der gelenkte Konsument, der glaubt, etwas oder jemand zu sein, weil er etwas Bestimmtes hat, das zu haben gerade für "in", für essentiell erklärt wird - durch kleine und große Werbe-Profis vom in irgendwelchen Internetplattformen agierenden "Influencer" bis zum multinationalen Konzern wie Apple, Facebook, Google usw.

Junge Menschen suchen Identität, darum sind sie anfällig für die Verführung, sich mit irgendetwas oder irgendwem zu identifizieren. Dadurch finden sie nicht sich, sondern sie erfinden ihre Fake-Persönlichkeit, die nicht ihre eigene ist noch wird und die sie manipulierbar macht und hält. Viel schneller geht es, irgendetwas zu haben, als jemand zu sein. Haben kann ich etwas, indem ich es kaufe, klaue oder auch nur behaupte, es zu haben. Jemand zu sein ist ein Wachstumsprozess aus Identifizierung, Entidentifizierung und Besinnung auf Kernpunkte des eigenen Wesens, die nicht käuflich zu erwerben und nicht mal zu rauben sind. Was nun "Kollegah" und Co. in ihren krassen Texten anbieten, verherrlichte sexistische Gewaltphantasien zum Beispiel, suggeriert den sich identifizierenden Jugendlichen, dass sie mit Gewalt über andere jemand sein könnten, jemand ganz Großes. Dabei sind sie für die Internet-Haie nichts als Fischfutter, also kleine Fische, die Fischfutter kaufen, davon träumen, ein großer Hai zu sein, bis dieser wirklich große Hai eines Tages kommt und sie wegputzt, wenn sie nicht mehr genügend fressen und für noch kleinere Krebse kacken. Der Skandal am Skandal einer Echo-Verleihung 2018 für gewaltverherrlichende und rassistische Texte ist nicht nur diese Tatsache als solche, nicht nur die Geschmacklosigkeit, die Geschichtsvergessenheit, die fehlende Bildung der Protagonisten und Konsumenten. Der Skandal ist noch viel mehr, dass der e-Kommerz, denn die "Deutsche Photo-Akademie" ist nichts anderes, als ein mit Kultur-Anspruch auftretender Lobbyist der deutschen Tonträger-Industrie, sich überhaupt nicht für Künstler, oder Inhalte interessiert, nicht für Kultur oder Politik, nicht für künstlerische Freiheit, nicht für das Individuum oder die Gesellschaft, nicht für Gerechtigkeit oder Demokratie, sondern letztlich ausschließlich für Verkaufszahlen, Gewinne und Marktanteile, also Geld und Macht. Alles, was zählt, sind Zahlen und "Kollegah" und Co. können noch so pöbeln und sich von den betroffenen Reaktionen unbeeindruckt zeigen, sie werden dadurch nicht zu der Identität finden, zu der sie als junge Leute vielleicht noch unterwegs waren und sei es durch die modische Konversion zu irgendeiner Religion, die gerade hipp ist, weil sie in den Augen bestimmter Randgruppen derselben derzeit besonders friedvoll oder besonders aggressiv daher kommt und somit geeignet ist, zu polarisieren.

Das Perfide an dieser Habengesellschaft eigentlicher Habenichtse, die sich selbst verloren und nicht gefunden haben, ist, dass alle mitmachen, die Wert darauf legen, einen Namen zu haben, der ihren Bekanntheitsgrad und Marktwert steigert. Darum grummeln zwar einige leise vor sich hin und ein Andreas Frege ("Campino") auf der diesjährigen Echo-Verleihung als einziger auch deutlich hörbar, wenn mit ihnen die Protagonisten von besonders fiesen und geschichtslosen Proll-Texten ausgezeichnet werden, aber keiner der von der Phono-Wirtschaft Ausgezeichneten gibt nach einer kleinen Attitüde des angewidert Seins mutig und bescheiden seinen völlig ausgehölten und entwerteten Echopreis zurück! Müssen sie auch nicht. Sie passen alle würdig in die Reihe der vermarkteten "Alpha-Tiere" für die noch mehr vermarkteten "Nutztiere" des Pop- und Polit-Geschäftes. Sie sind ein essentieller Bestandteil dieser Welt aus Schein und Haben, aus Glamour auf den Kadavern ausgebeuteter Kulturreste, die nur noch als Marken irgendwo durch die Köpfe geistern. Eine "deutsche Leitkultur" gibt es seit den imperialen Kolonialabenteuern des wilhelminischen Staates über die Nazidiktatur bis zur Diktatur der Umweltzerstörung durch ein Wirtschaftswachstum um jeden Preis nur in dieser Form: alles und jeder ist käuflich und verkäuflich und jeder Kadaver wird ausgeschlachtet. Die rassistische Tötungsindustrie der Nazis hat ihre über sechs Millionen Opfer bis zur physischen Vernichtung ausgebeutet und bis zur Totenasche verwertet. Wenn die geschichtslosen Rapper, ihre Konsumenten und ihre Musikverleger die Ausbeutung der Erinnerung an unser kollektives ethisches Versagen für billige, krasse und beleidigende Floskeln als kultur- und preiswürdig feiern, zeigt sich nicht nur die geschmacklose Geschäftstüchtigkeit eines Musikproduzenten, sondern das ganze erbärmliche und beschämende Dilemma unserer kommerzialisierten Unkultur, die Generationen die Möglichkeit zu einer Identitätsbildung verweigert, welche individuelle Einzigartigkeit mit Teilhabe und gesellschaftlicher Mitverantwortung in Einklang bringen könnte. Dieses setzt eine "Kultur des Seins" voraus und die lässt sich nicht aus einer "Kultur des Habens" destillieren.

Wir haben Geld, Ansehen, Macht, Ruhm, Bewunderer - oder wir haben sie eben nicht und bilden es uns nur ein. Wer aber sind wir? Die Fragen unserer Gegenwart zielen darauf hin, was wir haben wollen, um uns der Illusion des Seins hinzugeben. Eigenschaften, die wir nicht kaufen können, die wir lediglich in uns und unseren Kindern wachsen lassen können, kommen in dieser illusionären Marktwelt nicht mehr vor. Kann ich Mitgefühl kaufen oder besitzen? Kann ich mir Betroffenheit so aneignen, dass die Fähigkeit, sich betreffen, sich als Mensch in einer erkennbaren Haltung antreffen zu lassen, zu meinem Wesenszug als fühlender Mitmensch wird? Ich bin betroffen, wenn ich auf unsere aktuelle "Leitkultur" des e-Kommerz und der globalisiertern Käuflichkeit von Werten, Daten, Menschen, Nachrichten blicke. Ich bin betroffen, wenn Hinweise auf dieses Dilemma von bevorzugten Benutzern dieses Systems, hier den Rappern, der Musikindustrie und vielen "Kulturschaffenden", die sich angeblich um die Freiheit der Kunst sorgen, nur mit Rechthaberei beantwortet wird, statt mit einem winzigen Moment der Betroffenheit. Und welche Kunstfreiheit ist eigentlich gemeint? Ist damit nicht die Ver-Käuflichkeit gemeint? Die Antwort auf Zweifel am offiziellen Diskurs der globalisierten Leitkultur Pop-Kommerz und Polit-Kommerz aus dem Kreise der sich kritisiert Fühlenden ist Rechtfertigung mit der Attitüde: "ich habe Recht und der Zweifler stellt nur die Freiheit des Ausdrucks in Frage". So reagieren "Kollegah" und Co., die Pop-Sternchen, die applaudieren und zum Kontrast mal was Nettes und Gefühliges Singen, die Juroren und Preisverleiher, die Musikindustrie. Dummerweise machen da ein paar Wenige nicht mit und verderben den Spaß: z.B. Überlebende und Angehörige von Überlebenden des Holocaust und der Shoa. Sie werden als scheinheilige Moralisten verschrien, z.B. von "Rapper-Kollegen". Sind die Kritiker Spielverderber? Während sich dann Für und Wider im veröffentlichten Diskus von Talkshows tummeln und wieder für mehr Einschaltquoten, also Einnahmen sorgen dürfen, kurbelt die kalkulierte Kontroverse auch noch das Geschäft mit den "schmutzigen" Texten an und die Musikindustrie jubelt ob der satten Gewinne. Damit lassen sich noch mehr Preise ausloben, denn die "Künstler" wollen das ja auch haben: Ruhm und Ansehen, Geld und Einfluss. Und das gerne für das, als das man sich verkauft: gefühlig und edel oder hart und halbseiden.

Unsere klassische Kultur hat auch die Philosophie, später die Psychoanalyse und Psychologie und vor allem die im Niedergang begriffene Demokratie mit dem offenen, kontroversen Diskurs hervorgebracht, der nicht der Käuflichkeit dienen soll, sondern der Vergewisserung unseres individuellen Standpunktes im kollektiven Wertesystem einer Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig verpflichtet weiß. Von diesen Kulturschöpfungen haben wir schon eine Menge verloren, verkauft, verschrottet, verspottet, auf den Müllhaufen einer Wegwerfgesellschaft entsorgt. Das Wesen eines jeden jungen Menschen sucht aber noch Orientierung und jeder junge Mensch möchte in seinem Wesen angenommen und ernst genommen werden. Er benötigt für sein seelisches Wohlbefinden und Wachstum keine käuflichen Ersatzbefriedigungen aus einer irrealen Medienwelt, die völlig unserer Kontrolle entwachsen ist, in dem sie uns bis ins Unbewusste kontrolliert. Vielmehr fehlen den jungen Leuten persönliche Begegnungen mit der dazu wichtigen Eigenschaft der Betroffenheit und der Fähigkeit zum Mitfühlen. Gerade die Jungen, die ihre Vorbilder im Gegenteil suchen und Macht, Geld und Statussymbole besitzen möchten, benötigen uns als Gegenüber und zwar nicht nur als ihre fundamentalen Kritiker. Die Jungen und auch sehr viele Ältere wollen mit ihren Scheinwelten damit ihre Leere übertünchen, mit dem Haben das fehlende Sein auffüllen. Das fehlende Sein kommt davon, dass wir einen anderen z.B. jungen Menschen auf der Suche nach Orientierung und nach sich selbst in unserem Angesicht nicht einfach jemanden sein lassen wollen, sondern nur dann, wenn er etwas leisten kann und dadurch einen Besitz erwerben kann. Damit zerstören wir das Menschliche an unseren Kindern und erziehen sie zu willfährigen Konsumenten - auch, damit wir unsere Ruhe haben. Sie fragen nicht mehr, sie wollen nichts mehr wissen, sie nerven nicht mehr. Dann kommen die meisten geschmeidig an in unserer käuflichen Scheinwelt. Die, die dann immer noch lästig und nicht käuflich oder verwertbar sind, entsorgen wir in der Psychiatrie oder im Gefängnis. Einige wenige lassen wir zum Schein als Gangster-Rapper zu zweifelhaften Ehren kommen. Dann können sie davon phantasieren, Frauen zu vergewaltigen, Homosexuelle oder Ausländer oder Ungläubige zu klatschen und denken, sie seinen ganz tolle Kerle auf dem richtigen Weg irgendwohin. Sie sind in Wirklichkeit auf dem Weg zur Verwertung, doch nicht, um die gesuchten neuen inneren Werte in sich zu finden, sondern um zu benutzen und benutzt zu werden. Der Wert in diesem Sinne ist der Nutzen. Das Unnütze kommt weg. Statt als Subjekte Beziehungen auf Augenhöhe zu suchen, bleiben wir auf dem Stadium von Objektbeziehungen stehen, die notwendige Voraussetzung von Missbrauch - individuell und globalisiert. Wann wachen wir auf?
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)