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Montag, 2. April 2018, 09:38

Eine Geschichte über das Leben - zufällig an Ostern

Freitag, 30. März 2018, 15:58

Le Chaim - Tanz auf das Leben!

Hallo, ich bin Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Wir machen während der Osterfeiertage wieder eine aktuelle Online-Reportage. Dieses Mal geht es um drei Freunde. Gestern am Gründonnerstag bin ich mit Theo in ein Gefängnis gegangen, wo Theo mit Gefangenen eine Andacht hielt und zu Abend aß. Eine befreundete Gemeinde hat für das Essen gesammelt und es spendiert. Die meisten gefangenen Gäste sind schwarze Männer und Latinos, die wenigsten weiße Amerikaner. Sie sitzen wegen Drogendelikten, Raub, Totschlag. Aber viele Gefangene, so denkt Theo, sitzen, weil sie Immigranten sind oder farbig oder arm oder alles zusammen. Keine Chancen, kein Geld, keinen legalen Aufenthalt, keine intakte Familie, keinen guten Rechtsanwalt. Theos Gäste sind Katholiken, Atheisten, Muslime, Juden, Protestanten. Einer bezeichnet sich als Satanist. Er ist trotzdem gekommen. Ich habe schon gefürchtet, Theo würde jetzt wie der Papst Franziskus in Rom zwölf Gefangenen die Füße waschen wie Jesus seinerzeit seinen Jüngern als Zeichen der Demut. Der Chef soll der Diener sein. Theo ist katholischer Priester, Jesuit mit einem Faible für die Minoriten, die Jünger des Heiligen Franziskus. Theo ist schon in Rente, hat keine eigene Gemeinde mehr, möchte aber nicht in einem Kloster für alte Ordensleute herumsitzen. Er hat seine neue Gemeinde in der New Yorker Bronx gefunden oder überall da, wo es Arme, Benachteiligte, Ausgeschlossene, Immigranten gibt. Auf der Straße, in den U-Bahnhöfen, Obdachlosenheimen, Altenheimen und in Parks. Er kümmert sich um minderjährige Prostituierte, drogenabhängige Stricher, einsame Alte ohne Familie, Illegale, die untergetaucht sind und sich vor Trump fürchten, oder eben solche, die schon im Knast gelandet sind. Er geht auch zu Witwen von Feuerwehrleuten und Waisen, zu Polizisten oder Sanitätern, die im Dienst verletzt wurden und die die Kollegen und die Gesellschaft irgendwann vergessen hat. Er macht nicht Halt vor Säufern und Krätzekranken.

Und die Gefängnisverwaltung hatte Theo, nachdem sie ihn schon einige Jahre kannte, die Erlaubnis gegeben, mit den Gefangenen einen kleinen Kräuter- und Gemüsegarten an einer geeigneten Stelle des Gefängnishofes anzulegen. Dafür hatte er sich vom Gartenbruder der Franziskaner und einem guten Freund, Thakur, beraten lassen, der schon Gärtner und Koch gewesen war und auch etwas von "Perma-Kultur" versteht. Hört man Theo, dann versteht Thakur eigentlich fast alles, "ein echter Tausendsassa", sagt Theo. Ich kenne das Wort nicht. Wie es Theo verwendet, meint es aber wohl eher eine Art Universalgenie und nicht einen "Hans Dampf in allen Gassen". Seitdem die Gefangenen diesen kleinen Gefängnisgarten haben, verwenden Theo und die Gefangenen, die mitmachen, für ihre feierlichen Mähler vor allem die Erzeugnisse dieses kleinen "Biogartens". Ich wunderte mich, dass Theo dieses beinahe moderne und hippe Wort der biodynamischen Garten-Eso's kennt, dass jetzt auf New Yorker Dach- und Hochgärten Einzug hält: "Perma-Kultur". Manche Gefangene scheinen hier im Knast auch in eine Art "Permafrost" geraten zu sein, denn einige "Dauergäste" haben schon den ersten Spatenstich mit Theo ausgeführt: vor über zehn Jahren! Theo scheint beharrlich zu sein, von unendlicher Geduld und nach den aus seiner Sicht bescheidenen Ergebnissen zu urteilen erstaunlich nachhaltig.

Ich will von Theo wissen, wieso er auf die Gartenidee gekommen ist und ob die Gefangenen nicht manchmal was ganz Anderes von wohlwollenden Besuchern wünschen. Er sagt dazu nur: "Ein Gefängnis kann keine Heimat für einen Menschen sein. Weil wir alle irgendwie im Gefängnis leben, in unserer eigenen kleinen Ego-Welt unserer Einbildungen und wirren Gedanken, suchen wir nach unserer ureigenen Heimat, unserem Paradies. Einen Splitter davon tragen wir bis heute in unserem Herzen. Da ist unser Garten der Liebe. Der Garten ist eine Zuflucht, ein Paradiesgarten eben. Das habe ich übrigens bei den Franziskanern gelernt, nicht bei den Jesuiten. Die Jesuiten haben auch einen besonders schönen Dachgarten. In ihrem Oberstübchen sind wunderbare Philosophien wie Tempel aus Marmor und Theologien wie Altäre aus Elfenbein. Ich liebe diese Gärten auch. Aber im Paradiesgarten meines Herzens können meine Hände in der Erde wühlen oder die Stacheln der Stachelbeeren fühlen. Dort kann ich auch die Süße von Johannisbeeren schmecken und meine Seele baumeln lassen. Die Gefangenen lieben diesen Garten, denn er ist seit zehn Jahren jedes Jahr schöner geworden. In ihm finden die Entwurzelten ein Stück Heimat und Zuflucht, nicht in ihrer Zelle, nicht in ihren unruhigen Gedanken." Dann sagte er verschmitzt zu mir: "Als katholischer Priester muss ich keine passende Frau finden und kann mich mit Freundinnen begnügen. Ansonsten hätte ich nämlich vielleicht ein Problem, nach welcher ich suchen müsste. Ich hätte gerne eine Gärtnerin, wie die göttliche Flora, mit der ich zusammen gärtnern könnte und zugleich benötige ich meine Sophia, mit der ich Gedanken spinnen kann und dann eine Eva, mit der ich das alles fühlen könnte. Das wäre einfach etwas zu viel für mich. Aber vielleicht kann ich Dir morgen meine Sophia vorstellen, sie heißt Thirza. Und mein Freund Thakur hat etwas von der Gärtnerin Flora und der grazilen Eva." Und er lacht schelmisch.

Theo hat am Gründonnerstag den Gefangenen nicht die Füße gewaschen, wie etwa sechs Stunden vorher Papst Franziskus in einem römischen Gefängnis, das "Regina Coeli" heißt. Solche Bilder gehen dank Internet in Echtzeit um die Welt. Mir wird mulmig. "Regina Coeli", die Himmelskönigin, heißt bei den Katholiken die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, Jesu leibliche Mutter, eine Ikone für Demut und Hingabe. Und so heißt ein Gefängnis? Als ich Theo darauf anspreche, schüttelt auch er leise den Kopf. Dann sagt er: "Heute wie damals kann es bedeuten, wenn Du Kinder in die Welt bringst und begleitest, dass du an die dunkelsten Orte gehen musst, um für sie zu sorgen, solange sie noch nicht gelernt haben, es ganz für sich selbst und dann auch für andere zu tun. Eine Mutter sieht dann vielleicht nicht aus, wie eine Königin, sondern eher wie die Mutter Courage des Dichter Bert Brecht. Aber dennoch ist sie eine stille und barmherzige Göttin. Regina Terrae et Coeli." Ich will von Theo wissen, warum er den Gefangenen nicht wie der Papst die Füße wäscht, um an Christi Demut zu erinnern. Was er antwortet, ist für mich bemerkenswert: "Ich bin nur Priester und nicht der Papst, ich bin nicht groß genug für diese Demut. Meine Gefangenen würden es vielleicht lächerlich finden oder für eine Imitation des Papstes halten, wer weiß. Ich bin noch nicht auf diesen Gedanken gekommen. Die Gefangenen schätzen anderes an dem, was wir hier tun, sie freuen sich auf die Begegnung, auf gemeinsames Kochen und Essen und manche auch auf das gemeinsame Singen und Beten. Große Gesten sind anders als mächtige Rituale. Die großen Gesten beziehen ihre Wirkung aus der Angemessenheit. Ein Ritual wirkt, wenn es sozusagen exakt im Geist der göttlichen Seelenmagie ausgeführt wird, auch durch einen unwürdigen Zelebranten. Darum kann jeder Priester ein würdiges Messopfer darbringen und die Christusenergie wandelt sich augenblicklich in den berührbaren Jesus. Aber nur der Papst kann wie Jesus Füße waschen. Bei den anderen würde es vermutlich eher etwas lächerlich wirken. Zumindest bestünde die Gefahr." Ich stimme Theo zu. Es wäre mir peinlich gewesen.

Theo grinst: "Ich bin am Palmsonntag vor der Karwoche auch nicht wie Jesus auf einer Eselin durch die Wallstreet oder Fifth Avenue geritten und habe die, die auf der Straße leben, gebeten, mir Palmwedel und sonstiges Grünzeug vor die Hufe der Eselin zu legen. Ich sehe nicht aus wie ein junger, hoffnungsvoller Messias und künftiger König und der Papst in seinem Alter schaut auch nur im Papamobil aus einiger Entfernung aus, wie ein mächtiger König, aber gleichwohl schicker als ich alter Priester." Theo sagt sein Alter nicht, während ich mit ihm spreche. Er sieht aus wie sechzig oder wie hundert. Es kommt darauf an. Bevor er Priester wurde - und das wurde er nicht gleich - hatte er ein etwas anderes Leben und hieß Adam Katoschinski, Einwanderersohn aus einer Familie, die um die Welt gereist war. Adam hatte ein Erlebnis mit einem großen Schwarzen in Brasilien, der hieß Thiago, ließ sich aber Thio nennen. Adam sprach Spanisch, aber schlecht Portugiesisch. Er kam in eine gefährliche Situation, wurde ausgeraubt und zusammen geschlagen. Thio bahnte sich den Weg zu ihm und haute ihn raus, nahm ihn in seine Favela und versorgte ihn. Adam war wohl einen ganzen Tag nicht bei Besinnung, hatte ein Nahtoderlebnis und eine kleine Erleuchtung. Er wollte das Leben von nun an als Gottesgeschenk nehmen und Thio betrachtete er als einen gesandten Engel. Adam wurde Jesuit und als Ordensnamen nahm er zusätzlich den Namen Teodoro an. In New York kennen ihn die, um die er sich kümmert, als Pater Theo. Theo ist Priester und er hat eine eine sehr gute Freundin. Thirza heißt sie. Eigentlich Thirza Hershel.

Thirza ist Jüdin. Sie ist sogar eine liberale Rabbinerin. Thirza ist ungefähr so alt wie Theo, wahrscheinlich älter. denn Thirza ist vermutlich1928 in einem Dorf in der Ukraine an der Grenze zu Polen geboren. Ihre Papiere haben den zweiten Weltkrieg und die Nazis nicht überlebt. Ihre Familie auch nicht. Thirza entkam nur knapp der Deportation und einem Massaker. Da war sie erst 14 Jahre alt. Thirza leitet keine Gemeinde mehr, sie fühlt sich zu alt für all die Pflichten. Gerne geht sie zusammen mit Theo zu den wenigen alten Überlebenden der Shoa, wie der Holocaust bei den jüdischen Überlebenden heißt. Sie gehen zu denen, die es nach New York geschafft haben und alt geworden sind. Die jetzt oft einsam in ihren Wohnungen sitzen oder in den Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen. Sie werden umsorgt, wenn sie Glück haben, aber die Schatten der Vergangenheit suchen sie wieder heim, nachdem sie sich hilfloser fühlen und schwächer im Alter. Thirza kennt das und sie weiß auch die Gründe. Thirza hat Sozialarbeit studiert, nachdem sie auf abenteuerlichen Wegen in die USA kam. Und eine österreichische Analytikerin, eine Jüdin, die es schon 1938 aus Wien geschafft hatte, hat sie später fast umsonst in eine Psychoanalyse genommen. Thirza wurde eine besondere Art von Psychotherapeutin. Ihr gefiel die Körperpsychotherapie von Wilhelm Reich und ihr gefiel das Tanzen und Singen. Sie weiß, dass die Seele auf der Erde einen Körper hat und nicht ohne diesen heilt. Und umgekehrt ist es genauso, deshalb ist Spiritualität für sie wichtig. Auch deshalb wurde sie Rabbinerin. Sie heiratete in den USA einen Rabbiner, der ein Konzentrationslager der Nazis in Polen überlebt hatte und eigentlich wieder nach Israel wollte. Aber die Arbeit im Kibbuz war zu hart für seine vorgeschädigte Lunge. Er hatte Tuberkulose und hoffte, dass er in den USA besser behandelt werden könnte. Er war älter als Thirza, viel älter. Schmuel, ihr Mann, nannte sich in den Staaten Sam. Er starb nach fünf Jahren in New York. Thirza und Schmuel hatten keine Kinder.

Thirza begann nach dem Tod von Sam die Thora und den Talmud zu studieren. Sie wollte verstehen. Sie wollte nicht nur mit Menschen sprechen und das Seelische ergründen. Sie hoffte, dass sie mit Gott sprechen konnte und Gott mit ihr sprechen würde. Auch Thirzas Vater war Rabbiner gewesen, damals in der Ukraine, seiner Heimat. Er war nicht nur ein gelehrter Mann, er war ein einfacher Mann des Volkes, aber sprachgewandt. Er sprach Jiddisch, Polnisch und Ukrainisch und sogar ein wenig Russisch und natürlich las er die Thora auf Hebräisch. Er tanzte und er sang, wenn er traurig war und wenn er sich freute. Rabbi Chajm nannten sie auch Reb Dov, weil er aussah und groß war, wie ein Bär. Aber er hatte ein freundliches Gemüt wie ein Kind. Wenn er traurig war, weinte er bittere Tränen und sang laute Klagelieder und wenn er fröhlich war, dröhnte sein Lachen aus der Synagoge durchs Dorf und es erscholl freudiger Psalmengesang. Chajm sagte: "So ist das Leben und das Leben ist wie Gott: es ist alles Weinen und alles Lachen und Singen und Tanzen dazu! So bin ich Gott nahe und er mir, denn seine Schrift und seine Worte die muss man singen und tanzen, damit sie das Herz heben zu Gott. Chajm war Chassid und er sang in der Synagoge und in der Schul mit seinen Chassidim. "Als Gott Adam die Seele einhauchte, war es süßer Gesang und Adam begann sofort zu tanzen, noch eher er die Augen aufschlug, im Vertrauen zu seinem Schöpfer. Als er Gott anschauen und durchschauen wollte, begannen seine Probleme. Aber Singen und Tanzen in Gott macht keine Sorgen, es löst sie!", so hatte es der Reb Dov einmal seiner Gemeinde erklärt oder eher gesungen und vorgetanzt.

Thirza und Theo haben einen gemeinsamen Freund, Thakur. Sie haben ihn in den Straßen von New York kennengelernt. Er ist schon ein wenig ein komischer Vogel, so fanden sie damals wie heute, mit einem Augenzwinkern. Er ist sehr dunkel mit feinen, indischen Gesichtszügen. Sein Vater war Bengale, dessen Familie nach Bangladesh vertrieben wurde und der es auf einem Schiff nach New York schaffte, als einfacher Koch. In New York hatte er eine schwarze Freundin, Thakurs Mutter. Einige Monate nach der Geburt ging sie zum Einkaufen. Sie blieb verschwunden. Der Vater heiratete Thakurs Stiefmutter, halb Inderin, halb Chinesin, die mit ihren Eltern aus Malaysia gekommen war. Sein Vater nannte ihn Thakur nach einer berühmten bengalischen Brahmanen-Familie, mit der seine entfernt verwandt gewesen sein soll. Diese nannten sich später bei den Engländern Tagore. Thakurs Vater aber war Muslim. Doch er war als Schiit auch unter den sunnitischen Muslimen in der Minderheit. Seine männlichen Vorfahren waren Sänger und Mitglieder eines Sufi-Ordens. Thakur verließ das Haus, das voll mit seinen vielen Halbgeschwistern war, schon früh. "Ich bin immer neugierig. Ich bin es noch heute. Die Welt ist für mich morgens frisch und abends reif und am nächsten Tag geht es von neuem los. Ich liebe das Leben!" erklärt Thakur sein Umherschweifen, das andere unstet finden könnten. Thakur hat schon alles Mögliche gemacht, Musik, Straßenhandel, eine Yogaschule, eine orientalische Apotheke, eine Garküche auf einem Fahrradanhänger. Er hatte eine Pension in einem abbruchreifen Haus, eine Beteiligung an einem Beerdigungsunternehmen, er war Rikscha-Fahrer, Altenpfleger, Parkwächter und Gärtner. Thakur sagt, er macht jede Arbeit nur so lange, wie sie ihm ein frohes Herz gibt oder wenigsten lässt. Sonst gehe er sowieso bankrott. Er war viermal bankrott, er war nach eigener Einschätzung Alkoholiker, opiumsüchtig, Spieler, aber immer nur ein paar Monate, dann habe dies seinem Kopf keinen Spaß mehr gemacht und sein Herz habe sich mit Unglück gemeldet. Da habe er immer gemerkt, dass er aufhören muss. Aber bis heute liebt er die, die im Kopf verrückt sind und nicht aufhören, nach ihrem Herzen zu suchen. Für die sei er Brahmane, Sufi, Medizinmann oder Schamane, aber nicht weil er das wolle, sondern weil die anderen das in ihm sehen wollen und wenn Gott die schickt, kann er sie ja nicht wegschicken. Er ist einer der bescheidensten Männer, die Theo und Thirza kennen, auch wenn seine Geschichte nicht so klingt.

Thakur ist sehr drahtig, schlank, wie Thirza, Theo hat einen kleinen Bauch, vielleicht, weil er sowieso ganz klein und unscheinbar ist trotz seines weißen Bartes. Alle drei haben grauweiße Haare: Thakur weiß und lang, manchmal unter einem Turban wie ein Sikh, Theo hat einen grauen Haarkranz um seine spiegelnde Glatze und Thirza hat silbergraue Haare mit einem Stich ins Lila. Wenn Thakur, Theo und Thirza unterwegs sind, könnten die drei dennoch nicht unterschiedlicher und seltsamer aussehen. Sie treffen sich nicht regelmäßig. Doch sie wissen, wo sie sich finden können. Theo darf immer mal wieder eine kleine alte Kirche einer schwarzen Methodistengemeinde benutzen und in einer etwas vernachlässigten Franziskanerkirche ist er auch gut gelitten. Seine Jesuitenbrüder sind ein wenig auf Abstand gegangen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Theo hat ein kleines, schäbiges Apartment in einem Mietshaus in der Bronx. Thirza lebt in einem alten Brownstone House. Ihre Nachbarschaft hat sich in den letzten vierzig Jahren sehr verändert. Früher gab es viele Juden, Polen, Russen, Ukrainer hier und auch Deutsche. Dann kamen immer mehr Schwarze und jetzt auch Latinos. Aber es ist eine gute Nachbarschaft. Alle sind sehr freundlich zu Thirza und so zuvorkommend, als wollten sie sie beschützen. Z.B. wenn ein Taxifahrer aus einer anderen Gegend unfreundlich oder faul ist und die alte Dame alleine ihren Koffer aus dem Kofferraum nehmen lässt. Sofort kommen Lucy oder Joe, weisen den Chauffeur zurecht und packen das Gepäck und tragen es die Treppen hoch. Thirza liebt es inzwischen, so beschützt zu werden. Früher fand sie, sie müsse sich und der Welt beweisen, dass sie noch nicht zu alt ist und alles alleine kann. Jetzt weiß sie, dass sie rüstig und gut beieinander ist und gleichzeitig tut es ihrer manchmal doch etwas schwermütigen Seele wohl, dass andere es lieben, ihr beizustehen. Und ein gegenseitiges Lächeln ist Lohn und Dank genug für alles. Thakur hat mehrere Quartiere und viele Freunde und Freundinnen, die ihn einladen, einfach so. Er hat auch mehrere Halbgeschwister, die noch leben und zu denen er locker Kontakt hält. "Wenn ich Thirza und Thakur tanzen und singen sehe, kommen sie mir vor, wie Bruder Francesco uns Schwester Chiara", erzählte Theo. "Thakur hat auch schon mal mit einem indianischen Medizinmann und einer Voodoo-Priesterin Heilungs-Sessions gemacht. Er ist einfach so wandlungsfähig. Alles Lebendige macht ihm Spaß. Er ist ein großer Liebhaber der Natur. Der Central-Parc ist sein zweites Zuhause. Dort macht er auch Tai Chi mit chinesischen Gruppen, die sich dort regelmäßig treffen."

Gründonnerstag ist ein Einsatztag für Theo, wenn er das Abendmal für "seine Gefangenen" bereitet. Thakur und Thirza begleiten ihn manchmal. Am Karfreitag darf Theo bei den Franziskanern eine Messe feiern. Auch daran haben seine Freunde schon teilgenommen. Die Franziskaner stört das nicht. Sie fragen die Leute nicht nach Bekenntnissen. Sie freuen sich, wenn Arme zu ihnen kommen, wie ihr Ordensgründer, der singende und dichtende Franz von Assisi sich gefreut hatte. Am Sederabend, einem wichtigen jüdischen Ereignis, also heute, wird er zu seiner alten Freundin Thirza gehen und ihr Glückwünsche bringen, Matzen und Bitterkraut aus dem koscheren Laden. Seder ist der Abend vor Pessach, ein bedeutendes jüdisches Fest, das an den Auszug des Volkes Israel aus ägyptischer Knechtschaft und den großen Sohn dieses Volkes, Moses erinnert. Das ist heute. Auch Pessach ist ein Familienfest. Die Familie von Thirza ist einerseits weitverzweigt, soweit sie weiß, aber sie selbst hat kaum Verwandte in den USA oder gar in New York. Sie leben in Israel und sogar wieder in Paris und in Zürich. Ein Großneffe soll sogar in Berlin oder Frankfurt studiert haben. Thirza reist nicht mehr so oft in all die Länder und Pessach ist ein Familienfest auch für die Kinder, nicht nur die Alten. Ihr Verwandte haben ihre eigenen Familien. Thirzas einzige Tochter Bina lebt in Israel. Bina's Vater ist weggegangen und Bina hat es ihrer Mutter übelgenommen, dass sie ihn gehen ließ. Als Bina nach Israel ging, um für eine neue Heimat, den einzigen jüdischen Staat, zu kämpfen, konnte Thirza sie verstehen. Als Bina einen Mann heiratete, der mit Bina in einer Siedlung im besetzten Palästina leben wollte, gab es politische und ethische Differenzen zwischen den liberalen Ansichten der Rabbinerin und dem neuen konservativen Zionismus von Gad, Bina's Mann. So kommen die beiden nicht mehr nach New York und Thirza nicht mehr nach Israel. Aber Bina schreibt Thirza wieder, seitdem die alte Dame sich mit Theos Hilfe einen Computer gekauft und eingerichtet hat. Thirza liebte es, Briefe zu schreiben, aber die jüngeren Leute lieben e-Mails. Thirza hat sich angepasst. Und Bina schreibt nun auch zurück.

So kommt es, dass Theo, Thirza und Thakur sich gerne dann treffen, wenn eigentlich Familien zusammen kommen oder ganze Gemeinden, wie Osten oder Pessach. Thakur nimmt alle Feste, wie sie kommen, hinduistische, muslimische, christliche, jüdische, "alle Feste, die "Seele" haben und das Herz mit Freude füllen, weil man dann Freunde trifft." So sagt er es. Theo, Thakur und Thirza haben festgestellt, dass sie alle drei vor Jahren angefangen haben, ihr Tagebuch im Internet zu schreiben und nicht mehr auf Papier. Sie haben jeder einen Blog. Einfach so. Theo schreibt am meisten, er ist ein "Armen-Theologe". Thirza schreibt Geschichten auf, die sie erlebt. Thakur begnügt sich meist mit Weisheitssprüchen aus seinem riesengroßen interreligiösen Fundus. Sie müssen überhaupt nicht von ihm sein, im Gegenteil. Alles klingt nach Krishna, Buddha, Salomon, Jesus, Rumi oder eine andere weise Person. "Mir ist egal, wie erleuchtet die Sprecher sind. Ich höre nur, ob das Ewige und Wahre durch die Worte in mein Herz strahlt. Diese Worte gebe ich weiter. Sie sind nicht zum Behalten da, sondern zum Umherwandern", so erläutert es Thakur in seinem Blog. Und damit hat er was sehr Weises geschrieben, jedenfalls für mich, Emma. Und so kam es, dass ich bei meiner Arbeit für new.york.POSiTive auf einen der drei aufmerksam wurde. Ich suchte und suche immer nach Nahrung für meine Seele, die mir meine Kirche früher nicht geben konnte. Aber die modernen Weisen wie Krishnamurti laufen nicht nur in die Hörsäle. Sie sind sogar in den Straßen von New York unterwegs. Oder vielleicht gerade da und das ziemlich selbstlos, wie mir scheint. Und so kam es, dass ich die Freunde interviewt habe und ich den Bloggern diese Geschichte erzähle, wie ich sie hier aufgeschrieben habe. Und die Drei und ihre Geschichte haben eine Botschaft: Wenn man schon so alt ist, macht es Sinn, viele Menschen zu treffen und sich in Begegnungen selbst tief zu erforschen. Wieviele Vorurteile haben wir in uns, wieviel Angst und wieviel Hartherzigkeit und Ignoranz wegen dieser Angst? Und wenn wir das durch die Anderen bei uns erkennen, können wir uns davon befreien, in dem wir erfahren, dass wir alle eine riesengroße Familie sind.

Und darum bin ich, Emma Baker, als eine Bloggerin von new.york.POSiTive, heute zu Theo, Thirza und Thakur gekommen, die drei "Theos", wie Theo über das Wortspiel witzelt, wenn er die drei Göttlichen oder besser, Gottesgeschenke, meint. "Wer weiß", meint Thakur, "im Hinduismus wären wir bestimmt die Freunde der Götter und im Buddhismus zweifellos Bodhisattva's!" Wir sitzen in einer Straßenbar bei Kaffee, Tee und Hörnchen und ich möchte wissen, wie die drei nach New York gekommen sind, denn Familiengeschichten interessieren mich, wie Geschichten vom Reisen. Meine eigenen Vorfahren waren ursprünglich englische Siedler, die nach Nordamerika aufbrachen und kamen eigentlich aus Kanada nach New York. In Kanada muss einer meiner Vorfahrinnen sogar eine Indianerin gewesen sein. Mein Vater behauptete, dass ich mit meinen schwarzen Haaren und dem Schnitt meiner Augen dieser Urgroßmutter auf einem Foto ähnlich sehen würde. Als Kind interessierten mich Indianergeschichten und mein Vater nahm mich zu politischen Veranstaltungen und in ein "Rediscovery-Camp" der "Five Nations" mit, die an die fünf Nationen der Iroquois Confederacy erinnern und eine Art Union indigener Amerikaner war und kein Rugby-Ereignis, wie der normale heutige Amerikaner meistens meint. Das hat mich geprägt und gelehrt, nach den besonderen Menschen unter den scheinbar Unscheinbaren Ausschau zu halten.

Theo erzählt: "Meine Vorfahren stammen wahrscheinlich ursprünglich aus Polen, vom Namen her. Vielleicht waren sie sogar Juden. In einer katholischen Umgebung war das bestimmt nicht einfach und auf dem Land schon gar nicht. In Deutschland schien es mehr Arbeit und mehr Freiheit zu geben. Die Steinkohlenzechen im Ruhrgebiet suchten neue Arbeiter und es kamen auch Leute aus Schlesien, nicht nur Deutsche, auch Polen. Mein Großvater und meine Großmutter lebten dann wohl schon eine ganze Weile in Deutschland, sind vielleicht sogar da geboren. Doch selbst, wenn sie echte Deutsche hätten werden oder sein wollen, hat ihr Name es ihnen nicht leicht gemacht. Mein Vater erzählte mir mal, dass sie meinem Großvater immer wieder mahnend zugerufen hätten: "Mein lieber Kokoschinski!" und ihn veräppelt und ausgelacht haben. Jedenfalls sind meine Großeltern schon vor dem Ersten Weltkrieg mit einem Dampfer von Bremen nach Argentinien ausgewandert. Sie waren in den besten Jahren, nicht mehr ganz jung. Sie nannten sich in Buenos Aires später Gerardo und Lelita Katoschinsky. Ursprünglich hießen sie aber Gerd oder sogar Gersch und Lea. Mein Großvater landete 10 Jahre nach seiner Ankunft in Buenos Aires im Streit um seinen Arbeitslohn im Gefängnis. Der Patron ließ seinen Arbeiter einfach verhaften. Als er herauskam war er krank und wurde bald ein Opfer der Spanischen Grippe. Sein Sohn Antonio Gerardo wanderte mit meiner Großmutter in die USA aus. Antonio heiratete in New York meine Mutter, Anastazja Lewitzki, eine Katholikin mit polnischen Wurzeln, deren Eltern aus Brasilien gekommen waren und vielleicht auch Juden gewesen sind, denn die Eltern meiner Mutter hießen Reuben und Abbey. Spätestens damals wurde mein Vater Katholik. Vielleicht aber auch schon in Brasilien. Als ich in New York aufwuchs, habe ich mit meinem Leben alles und nichts anfangen können. Mein Vater war ein wortkarger Arbeiter, meine Mutter lieb und angeblich ein wenig depressiv. Es hieß, das sei davon gekommen, dass sie keine Kinder mehr hätte bekommen können. Ich fand ihre Form der Liebe ein wenig erdrückend. Die Liebe des Vaters vermisste ich und ich vermisste einen Bruder oder eine Schwester. Da konnte ich meine Mutter verstehen. Ob mein Vater etwas vermisste, hat er uns bis zu seinem Tod nicht erzählt. In Argentinien und Brasilien habe ich nach meinen Wurzeln gesucht, auf Haziendas gearbeitet, bin Gaucho gewesen und habe versucht, mit Freunden eine kleine Plantage zu betreiben. Lateinamerikanische Lebensfreude hat mich angezogen und ein wenig entschädigt. Ich hatte auch Freundinnen, aber ich war nicht gut darin, sie zu behalten. Dann kam der Überfall in der Stadt und die Begegnung mit Thio, von der ich erzählt habe. Ich habe mein Geld aus der Plantage genommen, viel war es ja nicht, denn die Freunde drohten mir, wenn ich alles zurückfordere, werden sie mich verschwinden lassen. Dann bin ich tatsächlich in ein Jesuitenseminar verschwunden und als neuer Mensch wieder rausgekommen. Ich habe dann noch Philosophie studiert. Eigentlich wollte ich Psychologe werden, aber meine Oberen fanden das nicht gut. Ich habe in New York gearbeitet, zunächst erst als Dozent und dann doch als social worker. Erst nach meiner Pensionierung habe ich Thirza getroffen. Wir besuchten jeder zwei alte Bekannte im gleichen Pflegeheim. Wir haben einen Kaffee getrunken und uns Geschichten erzählt. So war das vor jetzt fast zwanzig Jahren."

Ich will auch Thirzas Geschichte von ihr selbst erfahren. Thirza erzählt: "Meine Familie lebte in der Ukraine in einem jüdischen Stetl. Mein Vater war Rabbiner. Er gehörte zu der ostjüdischen Chassidischen Richtung. Er war ein Gemütsmensch und dabei sehr emotional. Er schwang mit allem mit, was ihn oder seine Leute bewegte. Würde er heute in den USA leben, würden sie ihn vermutlich in eine Anstalt sperren und mal Antidepressiva und mal Antipsychotika geben. Mein Vater tanzte und sang nicht nur im Gottesdienst in der Synagoge sondern auch in seiner Studierstube, wann immer ihm danach war. Meine Mutter hatte sich daran gewöhnt und sagte nichts mehr dazu. Ich kann mich nur noch wenig an meine Mutter erinnern, vermutlich, weil mich ihr Verlust am meisten schmerzte. Ich habe die Erinnerung mit meinem Schmerz begraben, wohl auch, weil ich das Grab meiner Mutter nicht kenne. Wir nannten sie Ella und mir kam der Name damals sehr umjüdisch vor. Im Gegensatz zu meiner Mutter wollte ich wissen, warum mein Vater sich als Rebbe so aufführte und ich fragte meinen Vater. Er war da schon älter, meine zwei Brüder schon erwachsen und aus dem Haus. Ich war ein spätes Kind. Er tanzte und sang oft mir mir. Ich wollte wissen, warum er tanzt und singt, wenn er fröhlich ist und genauso, wenn er traurig ist.

Mein Vater sagte solche Dinge wie: Gott singt in meiner Seele und kitzelt mein Herz. Es müsste doch zerspringen, wenn ich mich nicht bewegen, wenn ich nicht tanzen würde. Der Atem Gottes ist so mächtig, und wenn er in meinem Körper klingt, vibriert das ganze Instrument und mein Körper muss tanzen. Dann fliegt meine Seele zu Gott. Ich habe ihm gelauscht und gestaunt. Ich habe es nicht erstanden, aber ich musste mit ihm tanzen und singen, es riss mich einfach mit. Mein Vater war riesig, aber er tanzte nicht wie ein Tanzbär. Reb Dov, wie sie ihn nannten, machte geschmeidige und schnelle Schritte und Bewegungen. Seine Arme fuchtelten, als würde er mit allen jüdischen Geistern der Kabbala ringen. Und seine Stimme war ein tiefer Bariton, aber er konnte auch hoch wie ein junger Tenor kommen. Die Leute wunderten sich manchmal über meinen Vater und doch bewunderten sie ihn auch. Unser ganzes Dorf wurde von den Deutschen Besatzern und Ukrainern 1941 umstellt und alle Juden wurden fortgeschafft. Es gab eine befreundete Ukrainische Familie, die wollte unsere Familie retten. Aber mein Vater war zu bekannt und auch zu starrsinnig. Wenn Gott ihn heute wollte, würde er heute gehen, singend und tanzend mit seinen Chassidim. Und so war es. Während meine Freunde mich wegzogen und versteckten, ging mein Vater tanzend und singend in den Tod. Die Soldaten fanden es lustig und applaudierten. Doch die Lieder waren so herzzerreißend, dass alle Tränen in den Augen hatten. Im Wald hörte man die Schüsse. Hunderte. Drei Jahre lebte ich versteckt. Der Sohn meiner Retter hatte ein Auge auf mich geworfen. Als es mir zu nahe wurde, floh ich zu den Partisanen in die Wälder. Auch die wollten nicht nur kämpfen, sondern ein junges Mädchen verführen. Ich musste mich weiter verstecken, bis 1944 die rote Armee die Stadt, in der ich gelandet war, befreite. Ich war eine ungelernte Arbeiterin und bekam später eine Anstellung in einem Haus. Diese Leute waren, wie sich herausstellte, assimilierte Juden, die irgendwie überlebt und ein paar Werte gerettet hatten. Unter Stalin wurde es immer ungemütlicher für uns jüdische Überlebenden. Von dem Ersparten gelang uns 1948 die Ausreise. Ich ging über Israel schließlich in die USA, denn ich wollte doch etwas von der Welt sehen. Wie ich schon nicht ungebildet im Stetl sterben wollte, so auch nicht in einem Kibbuz im Krieg mit den Arabern. Ich wollte auch wissen, was aus meinen Brüdern geworden ist. Ihre Spuren waren verwischt in den Wirren des Krieges, der Deportationen und Morde. Ich habe zunächst lange nichts mehr über sie gefunden, sie blieben verschwunden. Dann hörte ich von Neffen und Nichten in Israel. Da aber meine Brüder fünfzehn und zwanzig Jahre älter waren und nach der Befreiung von den Nazis nicht gesund aus der stalinistischen Sowjetunion ausgewandert sind, waren sie schon verstorben. Sie müssen nach mir nach Israel gekommen sein und ich war dann schon wieder weg, als sie eintrafen. Aber ich habe ihre Familien einmal in Israel besucht."

Ich möchte wissen, wie Thirza Rabbinerin geworden ist. Thirza erzählt: "Mein Vater war Rabbiner, mein Mann war Rabbiner. Immer haben sie für ihre Leute gesorgt und gebetet, gesungen und getanzt und darüber nachgedacht, wie sie Gott bewegen konnten, ihr armes Volk nicht zu vergessen. Ich habe es nicht verstanden. Das letzte, was ich von meinem Vater sah und hörte, waren Tanz und Gesang, von meiner Mutter Weinen. Und dann Schüsse. Ich konnte es nicht verstehen. Ich habe Psychoanalyse gemacht. Ich konnte es ein bisschen verstehen, aber ich konnte nicht singen, nicht weinen, nicht lachen, nicht tanzen. Ich wollte, dass Gott mit mir spricht. Ich habe seine Stimme in meinem Körper erforscht. Körpertherapie hat meine Stimme zwar wieder klingen lassen, aber die Antwort Gottes hatte ich noch nicht. Mein Schmerz hat mich zum Lernen geführt und das Lernen zum Rabbinertum. Und die Liebe zu meinem Vater und dessen Liebe zu den Leuten. Er sagte immer: Gott braucht unsere Lieder nicht und unseren Tanz, denn er singt selber und tanzt in unserem Herzen. Er ist unser Herz, unser Tanz, unser Lied. Ich brauche die Lieder und den Tanz und unsere Chassidim brauchen sie, weil sie Gott brauchen. Im Singen und Tanzen rede ich mit ihm und er mit mir. Ich habe es ausprobiert. Es ist so. In tiefer Trauer und höchstem Glück ist mein ganzes Fühlen in meinem Herzen, wenn ich singe und tanze, dann bin ich ihm ohne Worte nahe, nur im Klang und in der Bewegung. Und mein Vater lächelt."

Nun bewegt es mich doch, zu wissen, ob Thirza den Mördern ihres Vaters, ihrer Mutter und ihrer Nachbarn verzeihen konnte. Thirza sagt: "Ich kann ihnen nicht verzeihen, was sie anderen und nicht mir angetan haben. Wie hätte ich das Recht dazu? Und dann kenne ich sie nicht, falls sie noch leben. Doch wenn ich tanze, bitte ich Gott um Barmherzigkeit für uns alle und er lächelt in meinem Schmerz und in meiner Freude. Die Erinnerung geht nie weg, ich kann nicht vergessen. Aber ich kann meine Traurigkeit auflösen in einem Sinn, der über Schuld und Vergebung steht. Ohne das alles hätte ich nicht so tief fühlen können. Das bringe ich mit bei meinen Besuchen und zu meinen Freunden. Das teile ich mit ihnen. Das wärmt mein Herz. Seitdem bin ich nie wieder allein gewesen, nie wieder ohne Freunde, ohne Verwandte, ohne meine Eltern, ohne meine Tochter, ohne Gott. Ich weiß, dass es keine Grenze gibt, auf der wir nicht tanzen und über die wir nicht singen können zu der anderen Seite hin. Diese Erfahrungen geben mir den tiefsten Glauben an das wundervolle Wesen, das in unserem Herzen wohnen will. Dort kann es wohnen, wenn das Herz voller Musik ist und Tanz." "Ja", riefen Thakur und Theo, "So ist das!" "Und wenn ich wie an diesem Karfreitag ganz viel gesungen und geweint habe", fuhr Theo fort, "dann tanze ich an Pessach mit Thirza in die Osternacht, ich tanze mit unserem Sufi und Yogi Thakur und unsere Herzen singen und Big Apple ist eine Paradies. In diesem Moment sieht Gott durch unsere Augen auf Armut und Hass und macht daraus Reichtum und Liebe und in diesem Moment schauen wir auf ihn und es gibt keine Unterschiede, keine Urteile, kein Verzeihen und kein Vergessen, nur alles Weinen und alles Lachen, alles Leben. Le Chaim!" Thakur lächelt und singt ein Mantra und erklärt: "Shiva hat die Welt spielend und tanzend geschaffen, damit Freude im Leben sei. Auch den Koran kann man am Besten singen. Wir sind alle Verlassene, Vertriebene, Verletzte. So sind wir uns alle ähnlich, irgendwie. Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt. Wir alle sind Weltbürger oder Immigranten. Wir können es uns aussuchen. Und obwohl es traurige Geschichten sind, feiern wir sie an Ostern oder an Pessach. Wir gedenken der Flucht und der Rettung unserer Vorfahren, wir feiern Wallfahrtsfeste. Auch die Muslime tun es oder die Buddhisten. Am Ende feiern wir das Leben und die Freundschaft."

Die Zeit ist fortgeschritten. Wir saßen drei Stunden und ich hatte das Gefühl, eine Unmenge Cappuccino getrunken und Hörnchen und Bagels verdrückt zu haben. Ich zitterte vor Aufregung, Zucker und Koffein. Da werde ich tüchtig Joggen müssen, dachte ich spontan und musste dann über mich lachen: Selbstoptimierung statt einfach sein. Es ist nicht nur eine Jugendkrankheit. Ich weiß seit dem Gespräch, dass die Drei ganz unterschiedliche Dinge tun, um mit Menschen zusammen zu sein, die diejenigen, die vielleicht Macht und Einfluss hätten, ihnen zu helfen, nicht sonderlich interessieren. Sie tun es in ihren Gemeinden, in Waisenhäusern und Altenheimen, in Hospizen und Krankenstationen, in Suppenküchen und Obdachlosenunterkünften, in U-Bahnstationen und in Parks, auf Festen und bei Beerdigungen. Sie gehen da mit, wo sonst keiner mitgeht, auch auf Ämter oder zum Arzt. Sie gehen in Polizeistationen und in Gefängnisse, sie gehen zu Feuerwehrleuten und Sanitäter und sprechen mit ihnen über die schrecklichen Dinge, die diese im Dienst erlebt haben. Sie tun das, obwohl sie schon alt sind und in Rente. Eine große Rente ist es freilich nicht und Thakur, glaube ich, hat gar keine. Anfangs waren sie nicht überall willkommen, etwa bei er Polizei oder in den sterilen Krankenhäusern. Sie wurden gefragt, ob sie überhaupt das Recht hätten, da zu sein oder von den Schwestern und Ärzten, ob sie wenigstens Angehörige wären. Inzwischen haben sie sich angewöhnt, das zu bejahen und kurz wie beiläufig zu erklären, dass man sich weit voneinander entfernt und aus den Augen verloren habe. Tatsächlich fühlen sie sich als Bruder oder Schwester. Sie wollen und müssen nichts wissen und wünschen nur so lange zu bleiben, wie der kranke oder alte Mensch es möchte. So haben sie auch schon manches Sterben begleitet, einfach so. Manche Dinge tun sie zusammen, manche jeder für sich alleine. Am Ende sagt Theo zu mir: "Emma, wir haben eine kleine Idee. Vielleicht kannst Du uns dabei helfen. Wenn Du möchtest, komm übermorgen nach der Frühmesse am Ostersonntag in die Franziskanerkirche. Da machen die Brüder ein Osterfrühstück für alle, die vorbei kommen. Komm doch einfach vorbei. Wir werden da sein. Ab neun Uhr kann man kommen. Komm, wann Du möchtest." Thakur und Thirza nickten mir aufmuntert zu und damit verabschiedeten sich die Drei. Sie ließen es sich nicht nehmen, mich zum Kaffee und den Hörnchen einzuladen und Thakur sagte beschwichtigend: "Wenn Gott einen Ausgleich wünscht, wird er Dir Gelegenheit geben. Also nimm es einfach an."

Nachdem ich diese Geschichte aufgeschrieben habe, fühle ich mich sehr bereichert. Ich bin nur Emma und habe diese drei wunderlichen und wunderbaren Menschen kennen gelernt. Ich habe mir Priester, Rabbiner, Sadhus und wie sie alle heißen, immer anders vorgestellt, nicht als Engel, die gefallen sind und sich um die gefallenen Menschen kümmern, sich mit ihnen aufrichten und das Leben feiern, die in all den Katastrophen, die Menschen miteinander angerichtet haben, noch tanzen und singen können und in ihren Herzen nicht kalt und nicht alt geworden sind, sondern jung und weise und dass das kein Widerspruch ist, sondern eine Art göttliches Gebot: die Kinder sollen zu ihm kommen und nur als Kinder mit kindlichem Gottvertrauen schaffen wir das auch. Ich bin schwer beeindruckt und habe jetzt viel weniger Angst, alt zu werden, zu heiraten oder nicht zu heiraten, Kinder zu habe oder nicht zu haben oder zu sterben. Ich habe jetzt auch ein viel weniger schlechtes Gewissen, Amerikanerin zu sein, Bürgerin der USA. Es sind so viele verschiedene Menschen in die USA gekommen, geflüchtet, haben sich hierher gerettet. Sie alle sind jetzt Amerika und nirgends so vielfältig, wie mir scheint, ist Nordamerika wie in New York, meine Stadt, in der ich lebe. Wir Einwanderer aus Europa und anderswo haben die ersten Amerikaner nicht gut behandelt. Wir haben uns untereinander nicht gut behandelt. Wir behandeln die Flüchtlinge von heute noch nicht gut. Die Drei hier, Thakur, Theo und Thirza, sie sind anders. Sie leben uns vor: wir haben allen Grund, uns und andere gut zu behandeln und willkommen zu heißen. Wir sind alle Geflohene auf der Suche, bei uns und bei den anderen anzukommen, bei Gott anzukommen. Das schreibe ich, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin. Wir sind alle Menschen. Wir leben: Le Chaim. Ich wünsche Euch Frohe Ostern, ein schönes Pessach-Fest, Friede, Freude, Singen, Tanz. Eure Emma!

Samstag, 31. März 2018, 11:48

Wahl und Verantwortung statt "Himmel und Hölle"

Hallo, hier ist wieder Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Es ist Karsamstag bei den Christen. Jesus ist am Kreuz gestorben, ist der Erinnerung nach im Grab, wandert durch die Unterwelt, die "Hölle" und wird am dritten Tage auferstehen. Das ist für die christlichen Kirchen das Ostereignis und es ist ein Dogma. Für die Heiden ist Ostern ein altes Frühlingsfest, es feiert das Aufbrechen des Lebens aus der Winterstarre, die eben nicht Tod, sondern Vorbereitung ist. Mit dem gestrigen Sederabend hat für die jüdische Religion das Pessachfest begonnen. Es geht eine Woche lang. Ich bin noch sehr beeindruckt von der Begegnung mit Thakur, Theo und Thirza in einem Gefängnis und einer New Yorker Bar.

Heute sah ich beim Joggen im Central Park einen Mann, der mit einigen wenigen Leuten ein kleines Ritual in einer Baumgruppe machte. Als die Gruppe sich gerade auflöste, kam ich von meiner großen Runde zurück und ich fasste mir ein Herz, den Mann im Mittelpunkt anzusprechen. Er stellte sich als Dev vor. Früher hieß er Ted. Er leite eine kleine Gruppe, die er "Hells Kitchen" nennt. Seine Küche sei die Natur, eine "wahre Hexenküche", erzählte er augenzwinkernd. Manche würden ihn und seine Freunde Satanisten nennen, aber das treffe es nicht ganz. Sie verabscheuen alle "Ismen", also wollen sie auch keine Kirche oder Religion sein, sondern einfach frei sein für die Energien der Erde und des Kosmos. Dev ist in Redelaune und ich kann ihn interviewen. Ich sage ihm, dass ich das in einem Blog schreiben will und er ist einverstanden.

"Das ist alles nicht ganz einfach hier, denn das hat mich dreimal in die Psychiatrie gebracht", erzählte er ernst. "Ich kam erst raus, nachdem ich versprach, all die Medikamente dieser weißkitteligen Drogenärzte zu schlucken. Das ist die wahre Hölle. Ich habe die zweimal sofort abgesetzt und bin natürlich durchgedreht. Kein Körper verträgt den kalten Entzug von drei oder vier Giftstoffen auf einmal, mit denen diese modernen Magier dich verseuchen. Beim dritten Mal war ich vorsichtiger. Ich habe einen guten Arzt und eine Heilpraktikerin gefunden. Die haben mir die Medikamente ganz langsam über ein Jahr nach und nach entzogen. Danach war ich clean und klar im Kopf. Jetzt weiß ich, dass der Mensch immer eine Wahl hat und deshalb eine Verantwortung. Viele Menschen wollen das nicht sehen und sind lieber Sklaven eines Systems. Das haben diejenigen ihnen so beigebracht, die ein Interesse daran haben, Macht über andere auszuüben. Manchmal kommt das auch davon, dass man selbst nicht so ohnmächtig und ausgeliefert sein will. Dann greift man selber nach Macht, Magie, Drohungen und eben Drogen. Aus diesem Grunde habe ich mit Kirchen gebrochen, Kirchen von Politikern, Kirchen von Heiligen, Kirchen des Satans. Ich fühle Energien. Daran glaube ich. Man kann den Energien Namen geben, man kann es lassen. Man kann sie als Engel sehen. Man kann, man muss nicht. Die Kirchen der Heiligen und des Satans glauben, dass es Engel Gottes und gefallene Engel, Diener des Bösen gibt. Ich glaube das nicht, ich halte das für Quatsch. Aber ich glaube an die Wahl. Die Energie, die Gott genannt wird, kann gespürt oder ignoriert werden. Wir haben eine Wahl. Wenn der Mensch damit nicht klar kommt, sucht er einen Schuldigen und verweigert seine Verantwortung. Er klagt Gott an, er bezichtigt den Teufel, er ruft die Heiligen, er ruft Satan. Alles Abrakadabra, alles nützlicher oder gefährlicher Aberglauben. Die liebevolle Energie ist überall und stark, sie fällt also auch überall hin, in die tiefsten Tiefen und sie erfüllt die höchsten Höhen. Das ist normal. Wenn wir wollen, können wir die Träger und Unterarten von Energie Engel nennen. Es kommt nicht darauf an. Es gibt gefallene Menschen. Sie sind sogar in der Mehrzahl. Sie sind von ihrem Wissen um ihre Verantwortung abgefallen, sie haben ihr Fühlen mit allem möglichen betäubt und sie projizieren alles auf Gott oder den Satan und erzählen nicht so lustige Geschichten darüber. Nicht so lustig, weil die Geschichten Konsequenzen haben, z.B. den Tod von Menschen durch andere Menschen an Galgen, auf Scheiterhaufen, in Gaskammern. Das ist sehr teuflisch, nicht wahr? Dazu aber ist Satan nicht nötig oder ein gefallener Engel und dazu ist auch das Wegschauen desjenigen, den sie Gott nennen, nicht nötig. Das sind doch kindische Ausreden. Nehmen wir an, die Energieträger sind sowas wie Engel. Sie tragen die Energie in jeden Raum, in jede Zeit, zu jedermann. Sie gehen auch zu den abgefallenen Menschen, die ihre eigene verantwortungslose Hölle bezogen haben. Ja, diese Engel bejubeln nicht die göttliche Energie in den Höhen, sie durchwandern unsere Hölle, die Öde unseres Herzens, die Gemeinheit unseres Denkens und unsere hartnäckige Verstocktheit unseres Gewissens. Sie erscheinen uns wie der Teufel, weil wir eben unser Denken auf sie projizieren und selbst in unserer Hölle stecken. So denken wir, dass uns da nur der Teufel quälen und besuchen kann. Doch dieser so genannte Teufel ist anders, als unsere Phantasie ihn aus unseren eigenen schlechten Gedanken zusammen gebacken hat. In Wahrheit sind die Energien, die es noch zu uns schaffen, in unsere Wahrnehmung, vielleicht in unser Herz, immer ein wenig heller und heilsamer, als wir. Ihre Kraft vermag es manchmal, auch die Verstockten und Verbitterten zu assimilieren, heller zu machen, liebevoller, lebendiger. Und allmählich wird die Hölle leerer. Diese scheinbar düsteren Todesengel, Teufel und Satane sind die Schatten des Lichtes in unserer Dunkelheit. Sie nehmen es auf sich, verkannt und missverstanden, verflucht oder gar vergöttert zu werden. Sie haben davon nichts, sie wollen davon nichts, sie sind Energie und wir haben die Wahl und die Verantwortung. Immer. Diese Engel können auch Menschen sein. Sie müssen es manchmal sein. Ein Energieträger und Leiter, der unsichtbar ist, wird von den Menschen nicht wirklich erkannt. Somit gibt es Menschen, die sich schon mehr für diese Energie geöffnet haben, sie leiten. Damit gehen sie in die menschlichen Höllen, die Gefängnisse und Konzentrationslager, die psychiatrischen Anstalten, die Notaufnahmen der Kliniken, die Schlachtfelder, die Slums. Sie sind Deutsche und Amerikaner, sie waren Juden oder Muslime oder Christen oder irgendwas, bevor sie erkannten, dass sie selbst verantwortlich sind. Wenn es sein muss, verkleiden sie sich als Teufel oder Engel, Priester oder Prostituierte, Nonne oder Ehefrau, Polizist oder Bankräuber. Sie sind überall. Ich bin einer von Ihnen. Du kannst auch einer von ihnen sein."

Damit wollte sich Dev verabschieden. Er schaute mich fragend an, denn er ließ mich nach seinem Redeschwall als eine einigermaßen verdatterte Emma zurück. Nachdem schweißtreibenden Jogging fröstelte mich in der Trainingsjacke und ich hätte jetzt gerne ein kleines warmes Unterweltfeuer oder noch besser jemanden, der mich in den Arm nimmt und auf einen Chai Latte einlädt. Das Zittern hatte Dev bemerkt und er sagte: "Oh, ich habe bei meinem Redeeifer nicht bemerkt, dass Du frierst. Er gab mir die Decke, die er für die Versammlung getragen hatte und sagte, ich könne sie ihm wiederbringen, wenn ich mag, sie hielten hier jede Woche ihren "Sabbat". Ich war immer noch verwirrt und wusste nicht, ob ich wiederkommen wollte, daher lehnte ich dankend ab. Ob Jesus auf seiner Unterweltwanderung auch solche Dev's getroffen hat oder umgekehrt? Ein bisschen logisch klang das ja, was dieser ehemalige Psychiatriepatient über Wahl uns Selbstverantwortung sagte. Ich war mir über das alles zwar noch nicht so ganz klar, aber das Denken von Dev schien mir durchaus auch klar, als hätte er tatsächlich etwas Wichtiges erkannt. Brauchen wir wirklich eine Psychiatrie oder eine Kirche oder Religion oder gar Satanismus, um das zu erkennen? Vielleicht müssen wir ja alle erstmal durch unsere Hölle gehen, wie von unserer Humanität abgefallene Menschen. Und dann freuen wir uns vielleicht, wenn heilsame Energie im Gewand eines abgefallenen Engels zu uns vordringt. Ob sich genügend Engel für diesen schweren Job finden werden oder gar fehlbare Menschen? Wir Menschen können so verbittert, verstockt und hart sein! Aber das Interview mit den Dreien gestern hat mir gezeigt: es gibt Hoffnung, auch in dem, was wir als menschliche Höllen immer noch überall zulassen. Das Licht durchdringt so langsam die Deckel der Gräber für Herz und Verstand. Wahl und Verantwortung statt Himmel und Hölle für ausgewähltes Publikum. Es gibt also Hoffnung? Dev gab mir die Hand und als ob es das natürlichste der Welt wäre, nahm er mich kurz und herzlich in den Arm und verschwand. Das fühlte sich überraschend gut an. Anscheinend sah ich sehr bedürftig aus. Wärmt Euch gegenseitig! Eure Emma!

Sonntag, 01. April 2018, 20:14

Ein Osterfrühstück beim heiligen Franziskus

Hallo, hier ist wieder Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Im Refektorium des Franziskaner-Konvents ist bereits aufgedeckt. Die Brüder laden zum Osterfrühstück. Nach dem Gottesdienst der Mönche füllen sich die Tische. Der Gottesdienst war schon deren zweiter, offen für Besucher, die um acht Uhr morgens dabei sein wollten. Über das Osterwunder, die Auferstehung Jesu, ist nach der Kirche im Refektorium nicht mehr die Rede. Jetzt geht es nicht mehr um Theologie. Es geht um ein Gastmal, um Gemeinschaft am Tisch des Herren. Draußen ist es noch recht kühl. Das Refektorium lässt sich mit alten, schweren gußeisernen Heizungen wärmen. Die Leute drängen sich an sie Bänke in der Nähe der Heizkörper. Es ist ein buntes Volk, wenn man das so sagen darf. Einige sind offensichtlich Obdachlose, schlecht gekleidet, mehrere löchrige alte Pullover und Jacken übereinander, ihre Habe in Tüten und Beuteln immer dabei. Eine Mutter mit ihren kleinen Kindern ist auch da. Sie stecken in viel zu kleinen Klamotten. Aber sie sind fröhlich mit ihren dunklen Kinderaugen und ihrem lustigen schwarzen Kraushaar bezirzen sie die Mönche und springen auf ihren Knien herum. Die lassen sich das gutmütig gefallen und lächeln. Die Kinder dürfen ruhig laut sein. Es gibt keinen, der sich beschwert oder auch nur eine Augenbraue hebt. Für eine Stunde haben die beiden scheinbar ganz viele Onkels und Papas. Es werden nach und nach noch einige Kinder und auch Jugendliche kommen. Einige haben tief geränderte Augen. Einige Mädchen sind grell geschminkt und ziemlich dünn bekleidet für die Jahreszeit. Es kommen Einzelne, oder auch Zwei oder Drei gemeinsam, sondern z.B. auch ein Rentnerpaar, er an Krücken, sie mit einem Rollator, schief und krumm und, so scheint es, er zumindest fast taub, denn seine Begleiterin kreischt ihm alles, was man zu ihm sagt, noch einmal laut ins Ohr.

Es kommen auch Leute die nicht ärmlich gekleidet sind, die warme Schuhe haben, gute Mäntel, Anoraks und Schals oder sogar einen schicken Schirm. Draußen kommt etwas Schneeregen herunter. Ja auch das gibt es manchmal Anfang April in New York. Das ist dann leider kein Aprilscherz für Arme und Obdachlose. Die einen wissen nicht, von welchem Geld sie ihre Wohnung heizen sollen, die anderen haben gar keine. Viele Menschen kommen aber doch allein und nicht nur Alte. Die Familien sind in der Minderzahl. Einsamkeit scheint genauso oft vorzukommen und genauso bitter zu sein, wie Armut oder Krankheit. Tatsächlich gibt es inzwischen Studien, die beweisen, dass Einsamkeit körperlich und seelisch krank macht. Und bei uns im Westen machen chronische Krankheiten oft einsam. Und Armut eben auch, denn man kann niemanden einladen oder kaum ausgehen, außer eben an Ostern in die Franziskanerkirche zu den kleinen Brüdern, die seit über achthundert Jahren auf allen Kontinenten zu den Armen halten und das eben auch New York, eine große Stadt, eine reiche Stadt und eine Stadt mit vielen Armen, Kranken, Einsamen. Sogar reiche Leute sind einsam, manche vielleicht mindestens so sehr, wie manche Arme.

Die Franziskaner-Brüder gehen zwischen den Gästen hin und her, geleiten sie an ihre Plätze, decken ab und tafeln auf, helfen aus den Mänteln, zeigen den Weg zum Waschraum, geben manchmal eine Kleinigkeit mit, wenn jemand geht. Es gibt Gäste, die etwas in den Opferstock am Eingang in den Konvent legen. Auf ihm steht: "Für die Armen". Theo, Thirza und Thakur sind mitten unter den Brüdern. Sie gehen zu den Gästen an den Tischen, mischen sich unter die Essenden, unterhalten sich mit denen, die sich über eine Unterhaltung freuen. Am meisten sitzen sie da und hörten zu. Ganz offenbar suchen viele Besucher nicht nur eine Gelegenheit, sich zu wärmen oder den Bauch zu füllen. Sie suchen auch ein offenes Ohr, sie möchten reden und manchmal auch sich unterhalten. Ich habe reichlich Gelegenheit, das zu beobachten. Öfter kommt einer der drei zu mir, fragt, was ich möchte und wie es mir geht. Ich solle nicht weggehen, ohne Bescheid zu sagen, bittet mich Theo. Schließlich tue ich es den Dreien nach, gehe zu den Leuten, unterhalte mich. Manche wundern sich, dass nicht nur ein alter Mann, eine alte Frau, ein Ordensbruder zu ihnen kommt, sondern eine junge Frau. Bald vergesse ich, dass ich jünger bin, als die meisten Gäste. Sie stecken voller Lebenserfahrung. Leider ist es nicht immer die Angenehmste. Aber einige wollen gar nicht klagen oder erzählen. Es gibt viele, die sich nach mir und meinem Leben erkundigen. Es ist eine Unterhaltung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, als Menschen, die einander zufällig bei einem schönen Essen an einen freundlichen Ort begegnen. Etwas heruntergekommen mag der Speisesaal sein, aber heute ist er einladend, fast gemütlich..

Es ist interessant, was mit mir passiert. Normalerweise sind mir enge Begegnungen mit Menschen eher suspekt. Ich kann bei mir bemerken, wie ich mein Gegenüber unwillkürlich taxiere: Aussehen, Geruch, Sprechweise, Kleidung, Mimik, Gestik. Meistens möchte ich nicht, dass mir jemand nahe kommt und oft will ich mich nicht um irgendein Anliegen kümmern, wenn ich nicht selber große Lust dazu verspüre, wenn es nicht gerade selbst mein Ding ist. Aber natürlich möchte ich die Welt verbessern, bin gegen Ungerechtigkeit und für Chancengleichheit, mache einen Unterschied, ob ich mich für kranke alte Jüdinnen, arme schwarze Mütter einsetzte oder es mit einem drogensüchtigen jungen weißen Typen mit dubiosen Tattoos zu tun habe. Ich pflege meine eigenen Vorurteile in meinem Kopf, dabei bin ich erst gerade Anfang Dreißig und gehöre zur liberalen gebildeten Mittelschicht, wobei ich es mir gerade noch leisten kann, mein drittes schlecht bezahltes Praktikum zu machen und das als Akademikerin. Ich habe meine Prinzipien, will nicht irgendeinen Job, ich habe Ansprüche an das, was ich tue und wie ich es tue. Und hier merke ich, dass es anders ist, dass ich meine bisherigen Einschätzungen und Beurteilungen sehr willkürlich gewählt habe, dass ich bisher nur einen sehr engen Ausschnitt der New Yorker Gesellschaft gesehen habe, selektive Kontakte zu denen, die bisher scheinbar zu mir passten. Während ich es meinen drei neuen Bekannten und den Franziskanerbrüdern gleich tue, nicht weil ich sie imitieren möchte oder es mir langweilig wird, diese seltsame kleine Welt hier zu beobachten, die außerhalb meiner gebildeten Mittelschichtsblase für diese Leute so gewöhnlich und normal ist, sondern weil mich irgendeine Energie, irgendein Ruf an die Tische zu diesem oder jener zieht. Ich tauche in diese Welt ein, verliere meine Scheu, etwas falsch zu machen oder etwas Dummes zu sagen. Ich beschäftige mich kaum noch mit dem Gedanken, ob jemand ekelig oder ansteckend ist, ob ich sofort die Krätze bekomme, wenn ich die verschorfte, zitternde Hand einer alten Russin mit Kopftuch ergreife, die mir erzählt, dass sie ihr Gefühl zu verlieren begonnen hat und sich öfter stößt oder verbrennt. Ich hatte mal so einen Tick, als ich noch Medizin studieren wollte nach der Highschool, alles, was mit Krankheiten zu tun hat, zu googlen und damals hätte ich sofort an Lepra gedacht, aber die sollte auch bei New Yorks Armen selten sein.

Und so bin ich eine ganze Zeit lang mit verschiedenen Menschen im Kontakt. Nicht nur im Gespräch begegnen wir einander. Manche kann ich gar nicht richtig verstehen, aus unterschiedlichen Gründen. Eine schlecht sitzende Prothese, gar keine Zähne mehr und das nicht nur bei Uralten, eine fremde Sprache oder auch ein hartnäckiges Schweigen. Ich kenne es von mir, dass ich üblicherweise auf Sprache angewiesen bin und recht bald ein unbehagliches Gefühl bekomme, wenn längere Gesprächspausen entstehen. Ich fühle mich meistens irgendwie fremd mit einem Menschen, dem ich nicht gleich zumindest mit ein paar Floskeln sprachlich begegnen kann. Ohne eine Einleitung mit Worten fühle ich mich bei einer Begegnung oft unvollständig und irgendwie fehl am Platz. Dabei verfüge ich ja über Worte, manchmal mehr, als mein Gegenüber vermutlich. Aber beharrlich verweigert mein Gegenüber die Ansprache. Und doch merke ich, dass der Körper spricht, das Gesicht, dass die Augen mich verfolgen und sprechen. Meine Ideen von Defiziten und Behinderungen sind nicht mehr ganz angemessen, wie ich merke. Dass der andere nicht sprechen will oder kann, mag in bestimmten Situationen, in denen wir auf Sprache angewiesen sind und auf sprachliche Verständigung, defizitär sein und behindernd wirken. In solchen Situationen bemerke ich, dass ich mich in einer nonverbalen Welt aus Blicken, Gesten oder gar Berührungen völlig unsicher und verloren fühle. Hier habe ich ganz offensichtlich mein eigenes Defizit, meine eigene Behinderung. In den Begegnungen wird es mir ganz klar, wie eine Tatsache. Normalerweise wäre mein Reflex, mich zurückzuziehen, mich für ungenügend und inkompetent zu halten. Es wird mir immer unangenehmer, erst mit mir, dann mit dem anderen. Ich werde klein und unsicher, verurteile mich, projiziere meine Mängel dann auf mein Gegenüber, lehne es ab, ziehe mich erleichtert zurück. Dann, ich bin ja reflektiert, kommt die Phase, wo ich mich darüber schäme, ganz für mich allein und mich selbst fertig mache und mein armes behindertes Gegenüber in Schutz nehme. Ganz schön verqueres Denken. Und hier ist es plötzlich anders. Drei-, viermal erlebe ich eine solche Situation der Sprachlosigkeit zu Beginn oder währenddessen und lasse mich dennoch unwillkürlich in dieser Atmosphäre von Akzeptanz und Normalität der Verschiedenartigkeit auf mein Gegenüber ein. Der innere Film über vermeintliche Unzulänglichkeiten, Fehler und Mängel läuft nicht mehr ab. In einer Welt, in der sowieso alles falsch zu sein scheint, sind wir trotzdem richtig, ich, die Junge, Unerfahrene, Naive, die Weltretterin, und die Alte, Erfahrene, Gebeugte, die Welt vor mir, die nicht gerettet zu werden wünscht, aber noch hofft betrachtet, berührt, ernst genommen zu werden. Einfach so.

Meine Freunde Edine und Emerald treffen ein. Eine Stunde davor frage ich Theo, ob es okay ist, die beiden anzurufen. Sie fallen mir spontan ein. Ich bin neugierig, wie sie das hier finden und möchte die Erfahrung teilen. Wir Blogger haben unsere Verbindung zur Welt immer dabei, unser smartphone. Und unsere Freundschaften begründen wir im Internet über Facebook oder YouTube und indem wir in unseren Blogs schreiben. In New York würde man Gleichgesinnte heutzutage nicht unbedingt beim Sport, im Café, im Kino oder bei einer Demo treffen und schon gar nicht bei der Arbeit. Eher bei einem "Flashmob" in der City. Theo findet das toll. Ich soll ruhig anrufen oder eine SMS schreiben. Er gehört nicht zu den Leuten, die es ausschließen, dass man echte Kontakte im Netz haben kann. Und je mehr Gäste und vor allem junge Leute hier sind, um so mehr freut er sich. Edine hat türkisch-osmanische und slawische Wurzeln. Ihre Eltern entstammen einer türkischsprachigen Minderheit irgendwo auf dem Balkan, Mazedonien, Albanien, Griechenland? Das hat sie mal auf ihrer Homepage erklärt. Ich als Amerikanerin kenne mich in Europa wirklich nicht gut aus, wenn ich auch nicht ganz so desinteressiert bin wie unser Präsident, der meint, dass Belgien auch eine schöne Stadt ist. Edines Vater bekennt sich zum Alavitentum, aber liberal, das ist er nicht und auch nicht ihre früher orthodoxe Mutter, sagte mir Edine einmal, die mehr für mich sein möchte, als eine Freundin und mich Schwesterchen nennt, weil sie ein bisschen älter ist. Mich schüchtert zu viel Zuwendung oft ein. Aber sie hat eine angenehme Art und Körperkontakt ist für sie etwas ganz Natürliches: Umarmungen, Küsschen, Hand in Hand gehen mitten in der Stadt. Wir sind echte Freundinnen geworden, würde ich mal sagen, trotz oder wegen des Internets.

Emeralds Familie lebt überwiegend in Australien, zumindest die meisten, die er kennt. Im Krieg gegen die Japaner war sein australischer Großvater Earnest auf den Philippinen, in Papua und danach auf den ozeanischen Atollen, auf denen die westlichen Atommächte ihre Atom- und Wasserstoffbomben zündeten. Sein Großvater hat Kinder mit vielen Frauen. Eines ist sein Vater Ed. Emerald heißt eigentlich Smaragd und es ist auch eine Phantominsel, die es gibt und die es nicht gibt, die man nicht mehr gefunden hat, obwohl ein Seefahrer sie angeblich entdeckt hat. Emeralds Vater fand diese Namenswahl angemessen, nachdem sein Großvater geholfen hat, einige Atolle mit Kernwaffentests zu verdampfen. Die meisten von uns, die im Internet nach Babynamen für eine Freundin suchen, die ihr kleines Juwel gerne besonders originell bezeichnen wollen und nicht einfach Mary, May oder Emma nehmen wollen, kennen Emerald eher als Mädchennamen. Daher mussten Emeralds Eltern wohl einen eindeutigen Jungennamen voran setzen: Elwin Emerald. Emerald mag seinen ersten Namen Elwin der weniger gut leiden, auch wenn er sowas wie "Freund" bedeutet. Er lässt sich daher immer Emerald nennen. Das klingt auf jeden Fall geheimnisvoller, finden die meisten seiner Freunde. Fremde sind erstaunt, einen hübschen jungen Mann mit smaragdgrünen Augen und rötlichen Haaren zu sehen. Sie hätten eher eine weibliche Elfe erwartet. Emerald studiert Astrophysik, spielt in einer Band, war bis vor kurzem ein Crossfit-Junkie und sucht nach dem Sinn des Lebens im Universum. Edine sucht ihre Identität und arbeitet als Schauspielerin, Modell und Tänzerin. Und fotografieren tut sie auch, natürlich digital und nicht mehr analog. Und natürlich hat auch ihr jemand gesagt, das Crossfit für ihren Body ein Muss ist. Daher kennt sie Emerald. Tatsächlich mal eine Bekanntschaft nicht aus dem Web. Jobmäßig halten sich beide so über Wasser. Als sie mich in der Gruppe der Leute im Franziskaner-Refektorium sehen, beginnen sie bald nach einer kurzen Unterhaltung, es mir gleichzutun. Emerald findet es cool. Er hat seine Gitarre dabei. Die Brüder lassen ihn spielen. Edine singt ein altes türkisches Liebeslied. Es ist das Einzige, was sie auf Türkisch kann. Vielleicht ist es auch ein Wiegenlied. Gibt es da immer eine genaue Unterscheidung? Emerald und Edine singen etwas zusammen, aus den Charts. Er kann erstaunlich hoch singen. Ein nettes Paar denke ich. Edine mag nicht nur mich besonders gerne, sondern auch Emerald.

Emerald setzt sich zu einem jungen Obdachlosen, etwa so alt wie er. Emerald interessiert sich dafür, warum er herkommt. Emerald erfährt, dass die Franziskaner ihr Refektorium öfter für die Menschen auf der Straße öffnen, für die, die vorbei kommen. An den Feiertagen aber ist es etwas Besonderes. Die Erklärung ist einfach, dass Franziskus nicht alleine feiern wollte. Schon in seiner Zeit gab es immer etwas zu teilen, nicht nur Brot, auch Freude und eben überhaupt Gemeinschaft. In einem Kloster gibt es auch Zeit mit sich selbst. Auch die kann man zu gewissen Anlässen teilen, wenn jemand will. Aufdrängen wollen sich die Brüder nicht, einfach nur da sein, wenn jemand anklopft. Warum klopft Duke an, der zufällige Tischnachbar von Emerald? Duke erzählt: "Ich kenne 'ne Menge Suppenküchen und Asyle in New York und weiß, wo es ohne viel Worte was umsonst gibt. Ich lebe schon fünf Jahre ohne feste Adresse, ohne Job. Ich bin nicht stolz drauf, es hat aber nicht nur Nachteile, wenn du dich dran gewöhnst. An eines gewöhne ich mich nur schlecht: wie die Normalen mit mir umgehen. Natürlich sehe ich oft etwas schmuddelig und abgerissen aus und man sieht mir an, wenn ich Nächte nicht geschlafen habe, weil mich jemand Stärkerer vertrieben hat, manchmal auch die Polizei und ich mir einen neuen Unterschlupf suchen musste. Oder ich huste und habe eine schlechte Haut. Dann sitze ich irgendwo rum und sehe elend aus. Und dann gibt es die drei Arten von Leuten. Die einen sehen dich gar nicht, du bist Luft. Es fehlt nicht viel und sie würden geradewegs durch dich durchgehen. Die anderen machen einen weiten, weiten Bogen, wenn du auf ihrem Radar erscheinst. Vorsicht, Penner voraus! So ist deren Radar eingestellt. Und dann gibt es die, die geben Dir einen Dollar oder eine Cola oder einen Hamburger. Sie lassen sich herab, dir was übrig zu lassen. Sie lassen etwas übrig für jemanden, der irgendwie übrig geblieben und irgendwie noch da ist. Ich fühle mich wie ein Rest, ein unsichtbarer unter den Teppich gekehrter Rest, ein stinkender Rest, von dem Seuchengefahr ausgeht, ein Rest, um den sich eine kleine Minderheit aus schlechtem Gewissen kümmern will. Resteversorgung. Klar, ich bin irgendwie auch darauf angewiesen, dass ich was abbekomme, obwohl ich mir das so nicht verdient habe. Und ich bin manchmal auch auf die Ignoranz der Leute angewiesen, dass sie mich einfach in Ruhe lassen. Wenn sie aber durch mein improvisiertes Lager trampeln, als gäbe es mich nicht, empfinde ich das nicht als in Ruhe gelassen Werden. Das ist bedrohlich. Ich bin auch schon verdroschen worden. Das alles nimmt mir meine Würde oder die Leute definieren mich als ein Wesen, das seine Würde schon verloren hat. Warum? Was habe ich getan? Ich bin der Schatten, den jeder hasst. Vielleicht. Wenn ich hierher komme, ist es anders. Hier werde ich gesehen und angesprochen und ich kann mich unterhalten, wenn ich möchte. Ich kann aktiv sein und passiv. Ich werde weder etwas Dämliches noch etwas Belangloses gefragt. Ich merke in der ganzen Haltung meines Gegenübers, ich bin da, ich werde als jemand wahrgenommen. Hier kriege ich nicht Essen, sondern hier isst jemand mit mir. Ich habe Gesellschaft, wenn ich möchte und ich habe einen stilleren Platz für mich, wenn ich das brauche. Ich gehe keinem auf den Wecker. Und ich glaubte zu merken, dass sich die Franziskaner und Theo gefreut haben, als sie mich zum zweiten oder dritten Mal hier sahen. Sie haben sich jedenfalls erinnert. Das habe ich in ihren Augen, in ihrem Lächeln gesehen. So kam es bei mir an. Ich war willkommen. Nicht nur ein hungriges Maul, in das man seine Suppe schüttet. Nicht dass die Leute in den Suppenküchen alle so sind. Viele Ehrenamtliche sind toll! Der kleine Unterschied ist vielleicht das Quäntchen mehr Zeit hier und in dieser Zeit kommt rüber, sie sehen nicht nur Deinen Hunger in Deinem Gesicht und den Schorf auf deinen Händen. sie sehen einen Menschen. Sie sehen sogar einen von ihnen. Sie machen keinen Unterschied oder eben doch: ich bin da, ich bin wichtig, ich darf so sein oder, wenn ich will, auch anders."

Emerald erzählt diese Begegnung Theo, Edine und mir. Und Theo, ganz Theologe und ganz gerührt: "Das meint Jesus, wenn er sagt, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und Franziskus hätte gesagt, dieser Duke ist Jesus, Dein Führer. Er führt Dich zu ihm hin, zur Essenz. Jesus ist ganz schön anspruchsvoll. Er fordert den ganzen Menschen heraus und er gibt selber auch alles. Aber diese Forderung ist ein Angebot: Schaut her, ich bin da. Heute. Alle Tage. Ich bin da. Ich teile. Ich freue mich auf dich. Das ist alles. Dazu bin auch ich hier und freue mich auf Duke, die Brüder, die Freunde und die völlig unbekannten Menschen, jeden neuen Gast. Jeder Mensch ist ein ganzes Universum, mehr, als meine Neugier ergründen könnte. Jesus ist immer dabei, jedenfalls für mich. Ich merke das an meiner innerlichen Freude." Edine lässt sich von Theo mitreißen, doch dann kommt ihr doch ein skeptischer Gedanke in den Sinn. Es erinnert sie ein wenig an die "Jesus-liebt-Dich-Postings", die sich dank Facebooks Algorithmen nur äußerst selten auf ihren Computer verirren. Edine kann damit nicht so viel anfangen und Facebook-sei-Dank kommen regelmäßig Nachrichten in ihre Web-World, mit denen sie etwas anfangen kann. Die Macht der gelenkten Daten schafft Fakten. Die Auswahl wird für uns schon getroffen, aber nicht ohne unsere stillschweigende Zustimmung, durch unsere Trägheit und Ignoranz. Theo versteht das: "Du kannst Jesus weglassen. Das st meine Spiritualität und der Glaube der Brüder hier. Verlass Dich einfach auf Dein Herz. Was spürst Du, wenn Du Dich wirklich auf Begegnung einlässt und hinter das erste Unbehagen und die Angst schaust? Was berührt Dich? Erkennst Du Dich in dem Anderen, in Deinem Gegenüber? Siehst Du Gemeinsames? Fühlst Du Dich gesehen und erkannt? Gibt es dann ein Fünkchen Freude in Deiner Brust? Erlaubst Du diesem Fünkchen, sich auszubreiten? Zu einem Lächeln um Deinen Mund herum und dann bis zu Deinen Augen? Dann ist sie da, die irdisch-überirdische Freude. Warum da nicht in Ekstase geraten? Naja, da gibt es die Kultur der Scham. Und da hilft mir Jesus oder Thirza hilft das Bild ihres Vaters, der tanzend herumspringt und lauthals singt. Du kannst aber auch Psychologen und Philosophen fragen, z. B. Martin Buber, der sagt, dass der Mensch am Du zum Ich wird. Du musst das nicht mit Jesus oder Mohamed oder dem Engel Gabriel, Gott oder sonst wem in Zusammenhang bringen. Lausche auf Dein Herz und tanze oder singe diese Melodie. Still für Dich und auch, wenn Du Dich traust, mit anderen. Das ist dann noch viel schöner." Edine sieht Theo an. Theo ist begeistert und begeisternd, seine Freude ist ansteckend und echt. Er ist ein Liebender, so fühlt sich das an. "Bis Du immer so", will Edine von Theo wissen. "Immer, wenn ich berührt bin, wenn ich zulasse, mich berühren zu lassen und mich traue, das nach außen zu zeigen", sagt Theo.

Plötzlich gibt es einen lauten Tumult. Eine alte Dame schreit einen anderen Gast an, der auch erregt redet. Sie beginnt zu weinen. Der andere mag dreißig oder vierzig Jahre alt sein, er wirkt verwahrlost, hat Einstichstellen an den Armen, Händen und und am Hals und auffällige Tattoos, unter anderem eine nicht zu übersehende Swastika, das Hakenkreuz der Nazis. Der Mann redet wildes, wirres Zeug. Er ist scheinbar in seiner eigenen Realität. Ich habe mal einen Psychologiekurs während meines Pädagogikstudiums belegt, als ich die Idee hatte, Sozialarbeiterin zu werden. Da haben wir ein paar Diagnosen gelernt und was mich interessierte, habe ich ja immer gegoogelt. Ich tippe mal auf eine Psychose im Drogenwahn bei einem Junkie oder auf eine Schizophrenie. Während ich erstarrt aber fasziniert auf das Paar blicke, dass sich da gerade sehr unglücklich begegnet und sich auch Emerald und Edine erschrocken angucken, sind ein paar Brüder und Theo und Thirza sofort zur Stelle. Thirza nimmt die alte Frau sanft in den Arm, zieht sie weg an einen ruhigen Nebentisch, spricht mit ihr in besänftigendem, leisen Ton, streichelt sie und hört an, was die Frau erzählt. Die alte Frau beruhigt sich nach einiger Zeit. Erst zittert sie noch ein wenig, dann auch das nicht mehr. Thirza gibt ihr ein Taschentuch und sie trocknet ihre Tränen. Der jüngere Mann wird sofort von einem Bruder und Theo flankiert. Er zittert, schreit, schimpft, weint, erst laut, dann immer leiser. Der Bruder hält ihn fest. Theo sagt nur wenige Worte, dann nimmt er die Hand des Mannes und fordert ihn auf. "Erzähl mir. Erzähle mir alles, was Dich bedrückt, was Dich wütend und traurig macht. Aber sage es mir bitte leise. Komme näher an mich heran. Du kannst mir alles sagen. Ich werde zuhören. Ich schicke Dich nicht weg." Der Mann rückte näher. Der Bruder wischte ihm das Gesicht ab, reichte ihm ein Glas Wasser. Etwas später sinkt die Kopf des Mannes an die Brust von Theo. Er schluchzt. Der Mann heißt David. Seine Geschichte ist, kurz gesagt, dass sein gewalttätiger und alkoholkranker Vater sich nach vielen Niederlagen und Verlusten mit rassistischen Parolen über Arbeitslosigkeit und Kummer hinweg tröstete und den Ku Klux Klan bewunderte. Seine Frau, Davids Mutter, war ihm schon davon gelaufen. Wenn er besoffen war, schlug er dann eben David und verspottete ihn wegen seinem "Juden-Namen", den er seiner Mutter, "dem alten Dreckstück" zu verdanken habe. David schwänzte die Schule, trank, nahm Drogen, wurde kriminell, schlug einen Schwarzen einfach so auf der Straße krankenhausreif, kam in den Knast. Da besuchte ihn der Vater sogar und sagte, dass er "den Nigger weggeklatscht" habe, sei bisher die einzige Tat, auf die er stolz sein könne. Als wollte sich der unglückliche David mit seinem genauso unglücklichen Vater solidarisieren, ließ er sich von einem Knastbruder die Swastika als Tattoo stechen, was natürlich ziemlich Ärger gab. Und nun traf dieser Junkie David auf Dina, eine Holocaust-Überlebende, die als Kind fast ihre ganze Familie in einem Todeslager der Nazis verloren hat. Als sich beide wieder beruhigt haben, tauschen sich Theo und Thierza kurz aus. Sie fragen Dina und David, ob sie ihnen die Geschichte des jeweils anderen erzählen dürfen. Sie dürfen und Thirza erzählt David Dinas Familiengeschichten und Theo erzählt Dina Davids Familiengeschichte. Bei David fließen wieder Tränen. Er ist jetzt ganz klar und ganz sanft. David geht zu Dina, um sich zu entschuldigen. Es ist ein Stammeln, denn er schämt sich sehr. Dina schaut den unglücklichen David an. Dina reicht ihm die Hand. David nimmt sie ganz sanft in den Arm. Sie setzen sich eine Weile nebeneinander, sich immer noch die Hand gebend. Dann verabschiedet sich Dina und Thirza bringt sie zur Tür. Theo ist auch sehr bewegt und wir, die wir das mitbekommen haben, natürlich auch. Das gibt es also. Es musste keine Polizei gerufen werden. Es kamen keine Sanitäter und Psychiatriepfleger, kein Arzt mit einer Spritze. Es waren einfach Menschen da, die aufmerksam waren, die sich kümmerten, die dem Kummer Raum gaben, in dem sie zuhörten.

Um 12 Uhr leeren sich die Tische, die Gäste zerstreuen sich allmählich. Es treffen mich zwischenzeitig immer wieder Blicke von Thirza und Theo. Thakur musste schon etwas früher gehen. Er macht noch eine Zeremonie für eine befreundete Familie. Das kann er einfach, irgendetwas, er hat ein reiches Repertoire, erzählte Thirza. Theo zwinkert mir öfter zu und er geht auch zu Edine und später zu Emerald. Emerald leiht Theo die Gitarre. Theo singt ein spanisches Lied und spielt später Instrumentalstücke. Thirza lächelt uns zu. Nachdem fast alle gegangen sind, kommen beide zu uns. Sie fragen, wie es uns geht und wie es uns gefallen hat. Ich erzähle meine Eindrücke, die von Edine und Emerald bald begeistert geteilt werden. Wir sind ganz aufgekratzt von der Atmosphäre und den Gesprächen. Echte Gespräche, nicht nur im Internet über Facebook, WhatsApp, Instagram, Skype, eben online. Ein wenig Skepsis mischt sich bei Edine mit ein und sie fragt Thirza und Theo: "Ist das nicht alles hier ein wenig zu ideal in Eurer Gemeinschaft mit en Franziskanern und den Leuten, die einfach von der Straße hierher kommen?" Theo stimmt zu: "Deine Zweifel sind mir gut bekannt. Die Atmosphäre hier ist heute anders, als wenn Du mit einem frierenden Junkie im Central-Park die Bank teilst und dich unterhältst. Ein evangelischer Bischof, Frank Otfried July, hat in seiner diesjährigen Botschaft zu Karfreitag und zum Osterfest gesagt: "An Karfreitag zeigt sich die Welt so, wie sie ist, an Ostern dagegen, wie sie sein könnte." Ich glaube, unsere Aufgabe ist, damit zu sein und das auszuhalten, bis eben für alle und für immer dieses Ostergefühl da ist. Aber ich bin auch oft im Karfreitagsstimmung." Thirza nickt: "Die Geschichte des Volkes Israel ist voll von Katastrophen, aber auch nie ohne Hoffnung, nie ohne Feste und Fröhlichkeit! Das mit dem Zweifel ist übrigens eine interessante Sache. Ich zweifele nie an dem, was ich aus Mitgefühl tue. Es scheint angeboren zu sein oder wenigsten früh erlernt. Zweifel kenne ich nur in Bezug auf die letzten Fragen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin. Jeder gute Glaube kennt ebenso gut Gründe für Zweifel. Mein Vater hat gesagt: ohne Glaube kein Zweifel. Ohne Zweifel kein Glaube."

Thirza sieht in die Gesichter ihrer Zuhörer, lächelt und sagt nun, wir seien so voll von allem, wir sollten es etwas ausklingen lassen, in einem schönen Parkspaziergang oder am Ufer des East-Rivers. Theo pflichtet dem bei: "Wir wollten Euch von unserer neuen Idee erzählen, aber ich sehe, ihr seid voller neuer Eindrücke und glüht und sprüht beinahe. Ein wenig Ruhe und Erdung täte euch gut." Thirza sagt: "Morgen mache ich mit meinen Freunden in meiner Wohnung ein Pessach-Mahl. Ich freue mich, wenn Ihr drei kommen wollt. Es geht um Fünf mit dem Kochen los, wir essen um Acht. Dann erzählen wir von unserer Idee. Pessach erinnert uns an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Wir waren schon vor über dreitausend Jahren Flüchtlinge. Das macht uns zu Leidensgenossen von allen Flüchtlingen. Es ist wichtig, vorbereitet zu sein. Unterwegs muss man essen und sich aufeinander verlassen. Wir wollen auch ankommen. Wir wollen feiern und unsere Erinnerung bewahren. Sie hütet uns hoffentlich vor Hochmut und vor Unrecht, das wir anderen antun könnten. Das sind die Dinge, die mir wichtig sind, als liberale Rabbinerin. Nicht jedes kleine Ritual, aber jede Bedeutung, die uns an das eine Wichtige erinnert: wir sind alle Menschen und wenn wir uns gegenseitig allein lassen, ist unsere Existenz gefährdet und wir kämpfen um unser nacktes Überleben. Und dann finden wir nicht mehr die Muße, uns mit Freunden bei Gott für dieses wunderbare Leben zu bedanken." Ja, das war ein bemerkenswerter Sonntagvormittag! Und nach dem Spaziergang ist klar: obwohl wir schon so viele Leute kennen und auch Familien haben, wir drei E's, Edina, Emerald und ich wollen Kontakt halten zu den drei Th's.

Dienstag, 03. April 2018, 22:45

Zu Gast bei Tirza

Hallo, hier bin ich wieder, Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Um fünf Uhr nachmittags treffe ich am Ostermontag mit meinen Freunden Edine und Emerald bei Thirza ein. Sie wohnt mitten in Brooklyn. Ihr schönes Brownstonehouse ist über die beiden hohen Etagen erleuchtet. Das schmiedeeiserne Gitter vor dem winzigen Vorgarten und der Treppenaufgang ins Hochparterre ist mit Girlanden geschmückt. Außen wie innen dominiert der viktorianische Geschmack aus der Erbauungszeit am Ende des 19. Jahrhunderts. Die antiken dunklen Stilmöbel, die schweren Teppiche und die alten Bilder atmen noch die Zeit, in der sich das gehobene Bürgertum in diesem Viertel so einzurichten pflegte. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auf den Bildern Szenen jüdischen Familienlebens seit zweihundert, dreihundert Jahren sowie Bilder von alten jüdischen Vierteln in ganz Europa. Einige Persönlichkeiten sind portraitiert. Das Motiv der Menora erscheint auf einem Wandteppich. Der Parkettboden ist mit orientalischen Teppichen ausgelegt, die Wände sind holzvertäfelt.

Im Hochparterre gleich hinter der Eingangstüre gehen von der Eingangshalle zwei großzügigere Räumlichkeiten ab. Der größere Raum ist wie ein kleiner Saal, eine Art Salon. Zur Straße schmückt ihn ein Erkerfenster. Der Salon geht durch die ganze Länge des Hauses bis zur Gartenseite, wo eine hohe Glastüre über eine Veranda, die über die ganze Hausbreite geführt wurde, den Zutritt in den Garten erlaubt. Von der Veranda führt eine geschwungene Treppe hinunter zu einigen Bänken und Tischen unter alten Bäumen und einem Rückzugsort unter einer Rosenlaube, die um diese Jahreszeit noch ganz kahl ist. Hier balgen sich zwei stattliche Maine Coons in aller Seelenruhe. Der Salon ist mit einigen Schränken, Stühlen und einem Klavier möbliert. Die Stühle sind zum Teil auf die Seite und an die Wände gestellt und in der Mitte wurde aus verschiedenen Tischen ein einziger großer langer Tisch zusammengeschoben, der festlich gedeckt ist. Von der Decke des Salons hängen drei große alte Leuchter aus Messing, inzwischen nicht mehr mit Wachskerzen bestückt, sondern mit Elektrischen. Der zweite große Raum ist an der Wand vollgestellt mit Bücherregalen und Schränken. Es steht hervorgehoben in Fensternähe ein stattlicher Schreibtisch mit einem bequemen Ledersessel. Durch das große straßenseitige Fenster fällt Abendlicht auf den Sessel und den Schreibtisch und erreicht noch die ersten kleineren Schreibtische davor. Der Raum sieht aus wie eine Mischung aus einer alten Grundschulklasse, einem Bibliothekskabinett und einem der ersten Großraumbüros.

Thirza führt durch das Haus. Es sei nicht ihr Haus. Es wurde vor fast sechzig Jahren von der hier heute noch ansässigen liberalen jüdischen Gemeinde erworben, da ihre Mitglieder größtenteils in Brooklyn lebten und zum Teil auch noch leben. Man benötigte keine klassische Synagoge und wollte weder eine Neue bauen noch eine Alte übernehmen. Es waren und sind bürgerliche, liberale, gut situierte Familien, nun schon beginnend in der dritten Generation. Man wollte in seiner Umgebung nicht sonderlich auffallen. Man benötigte Räume für die Gemeindeversammlungen, das Gebet, den Gottesdienst, das Studium, für feinsinnige Salonabende genauso wie für kleine Hauskonzerte, für das Lesen und das Studieren der Thora, für Gespräche mit dem Rabbiner oder der Rabbinerin und ein Büro für die Gemeindeangelegenheiten. In den Kellerräumen fanden sich ein Bad und sanitäre Anlagen, insbesondere auch ein rituelles Bad für die rituelle Reinigung, die Mikwe. Thirza erzählt, dass aus Deutschland stammende Gemeindemitglieder sich das beheizbare Tauchbad gewünscht haben und mit ihren Spenden haben einbauen lassen, mitsamt einem Speicher für Regenwasser. Die liberalen amerikanischen Juden hatten zumeist von solchen Mikwen abgesehen. Thirza erinnerte es an die auch in ihrer Heimat eingehaltenen Vorschriften.

Wichtig war auch die große Küche im Keller für die Gemeindefeierlichkeiten. Früher kochten angestellte Köche und Mägde hier für die bürgerlichen Herrschaften. Im Keller gab es Vorratsräume und einen Wäscheraum, in dem jetzt eine Waschmaschine steht. In zwei alten Gesindekammern mit eigenem Ausgang über eine Kellerstiege nach oben in den Vorgarten wurde ein kleines Archiv eingerichtet. Vom Erdgeschoss gelangt man über eine zwar elegante, aber nicht all zu breite und relativ steile gerade Treppe in die herrschaftlichen Wohnräume im ersten Stock. Dort waren zwei Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Bad und eine moderne Essküche. Hier gab es auch einen Fernseher. In den Holzvertäfelungen war zwischen den Schlafzimmer noch je ein Kabinett mit Waschmöglichkeiten eingebaut sowie ein begehbarer Schrank. Im Dachgeschoss, das durch eine schmale steile Treppe erschlossen wurde, fanden sich Räume zum Wäschetrocknen, Lager mit alten Sachen, zwei kleine Mansardenzimmer, offenbar früher auch für Angestellte gedacht und eine besondere Kammer, in der nur alte nicht mehr gebrauchte Thorarollen aufbewahrt wurden, die unter keinen Umständen weggeworfen werden dürfen.

Als Thirza Rabbinerin wurde und die liberale Gemeinde sie einstellte, durfte sie in die obere Wohnung dieses Hauses einziehen. Ihre Tochter war damals schon nach Israel gezogen. "Zuerst habe ich für die Gemeinde allerlei Dienste verrichtet. Mein Rabbiner unterrichtete mich privat, weil er von meinen Erzählungen von meinem Vater und den Geschichten unserer Chassidim in der Ukraine vor dem Krieg so angetan war und vielleicht auch ein wenig von mir. Mein privates Studium und meine Ordination wurden zuerst nicht offiziell anerkannt, obwohl es schon im Mittelalter und später Rabinerinnen gegeben hatte. Diese Tradition wurde unterbrochen und erst in Deutschland in den 1930er Jahren wieder aufgenommen. In den USA wurde die erste Rabbinerin auch erst privat ordiniert und dann 1972 offiziell: Sally Jane Priesand. Ich hatte dann in den achtziger Jahren das Glück, auch ganz offiziell in mein Amt ordiniert zu werden. Da wurde ich schon in den Fünfzigern. Ein Rentenalter gibt es für uns eigentlich nicht, aber ich trete kürzer und bin quasi nur noch eine Ehrenrabbinerin mit Wohnrecht in den oben liegenden Zimmern, die für meinen jungen Nachfolger und seine Familie nicht mehr groß und modern genug sind, sodass er diese Dienstwohnung nicht benötigt. Und so ist in unserem schönen Gemeindehaus immer jemand da und ansprechbar und diese Rolle übernehme ich gerne. Denn seit Jahrzehnten ist dieses Haus zu meiner Heimat in New York geworden. Ich hänge an ihm, an den Geschichten darin, an den alten Bildern über jüdisches Leben in Ost und West über die Jahrhunderte, die wohlhabende Mäzene hier gesammelt haben und an meiner wunderbaren Nachbarschaft, deren Zusammensetzung sich zwar geändert hat, die mir aber über all die letzten Jahre lieb und teuer geworden sind."

Und Thirza fährt fort: "Für Viele bin ich ein lebendes Geschichtsbuch ihres Stadtteils. Die jungen Frauen schicken manchmal ihre Kinder zu mir herüber, weil sie wissen, dass ich Kinder über alles liebe und mit ihnen backe, den Kräutergarten bestelle, die Katzen füttere, verwundete Vögel pflege, Mützen stricke und in Museen und in den Zoo gehe. Dafür laden sie mich zum Essen ein oder bringen etwas vorbei. Der Methodistenpfarrer um die Ecke kauft für mich ein und macht gerne den Umweg in den koscheren Laden, wenn er mir eine Freude machen will. Die jungen Leute kommen sogar zu mir, um ihren Liebeskummer zu besprechen oder sich mit mir darüber zu beraten, wie man ihre jüngeren Eltern dazu kriegt, dass ein schwarzer Junge sich mit einer Latina verloben darf darf oder eine Jüdin einen Methodisten heiraten oder wie Eltern akzeptieren können, wenn ihre Tochter, eine Muslima, einen Sohn orthodoxer Einwanderer als Freund haben möchte. Einer liberalen Jüdin trauen sie offenbar genügend Feingefühl in heiklen Situationen zu und die Fähigkeit, konservatives und liberales Gedankengut zu versöhnen. Ich tue mein Bestes aber sicherlich nicht immer ganz erfolgreich im Sinne beider widerstreitender Parteien. Aber Familienzerwürfnisse oder Hass zwischen den Familien konnte wenigstens zumeist vermieden werden. Meine Gemeinde ist wirklich sehr, sehr liberal. Als Rabbiner-Witwe und dann alleinerziehende Mutter mit einem unehelichen Kind in der Vorgeschichte und bis jetzt kein zweites Mal verheiratet haben die Gemeindemitglieder viel Toleranz bewiesen. Aber inzwischen haben wir in den USA Rabbinerinnen, die ganz offen homosexuell leben und geschieden sind. Die Welt verändert sich, auch weil wir Frauen die Welt verändert haben und wir die Männer erfolgreich daran erinnert haben, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Es ist ja überhaupt verrückt, dass die Strenggläubigen orthodoxer Prägung zwar akzeptieren, dass die ersten Menschen sich zwangsläufig durch Inzest fortgepflanzt haben müssen, dass sie aber die Zuwendung beispielsweise von Frauen zu Frauen als Frevel gegen Gottes Gebot betrachten. Da sind jüdische, christliche und muslimische Fundamentalisten ähnlicher, als sie es jemals freiwillig zugeben würden."

Nach dieser Führung für mich und meine staunenden beiden Freunde durch das Haus macht mich Thirza mit ihren Gästen bekannt, ein großer und vor allem sehr schillernder Freundeskreis unterschiedlichster Menschen, wie sich herausstellt. "In der Küche regiert Thakur und bereitet mit seinen Helfern Lammfleisch und Linsen auf indische Weise vor, streng koscher versteht sich. Einige orthodoxe Juden würden an Pessach keine Hülsenfrüchte verwenden, aber", so zwinkert mir Thirza zu, "hier geschieht die Zubereitung unter rabbinischer Aufsicht!" "Dann hoffe ich, dass Du bald kommst, um uns zu helfen", scherzt darauf Thakur. Er hat schon Hilfe durch Miguel aus San Franzisco, ein alter Kinderpsychiater, Mary, eine in wundervoll bunten Hippie-Klamotten gewickelte Erzieherin mit indianischen Vorfahren, Mussa Ali, ein wie ein Rastafari aussehender Afroamerikaner, dessen Eltern aus Äthiopien hierher gekommen waren und mit ihrer Namenswahl für den kleinen Mussa nicht nur an Moses dachten, sondern auch an den heimischen Vulkan Mousa Ali und die sich auf dem Höhepunkt der Blackpower Bewegung zum Islam bekannten wie Mohamed Ali oder Abdullah Ibrahim. Mussa, der eigentlich ein Philosophiestudium kurz vor dem Abschluss abgebrochen hat und sich dann auf Afrika- und Arabien-Reisen als angelernter Industriemechaniker und Monteur durchgeschlagen hat, ist in Los Angeles Besitzer einer privaten Autowerkstatt gewesen, Hausmeister, Verkäufer und Reparateur von Laptops und Mobiltelefonen und hat mit der Zeit ein ziemlich großes Netzwerk im Internet aufgebaut, wo er eine Art Web-Imam ehrenhalber ist und mit Sufiweisheiten gegen politischen Dschihadismus und Islamismus genauso zu Felde zieht, wie gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. So hat er nicht nur viele Freunde aus allen Lagern sondern auch viele Hasser besonders im Internet. Oben macht es sich Shawn schon mal am Klavier bequem und spielt ein paar Etüden. Er ist ein emeritierter Professor für Soziologie, der aber noch an einem privaten College unterrichtet und mit verschiedenen Akademikern, insbesondere Psychologen und Kommunikationswissenschaftlern eine freie Akademie gegründet hat, die sich mit den systemischen Organisationsideen des sozialen Konstruktionismus beschäftigt. Seine Schwester Sue und sein Partner Steve sind heute auch mit dabei. Sie ist Entwicklungspsychologin, er Neurobiologe und ebenfalls Musiker. Die beiden Männer haben sich dem Buddhismus verschrieben, Sue meditiert regelmäßig und übt Yoga und sagt: "Das Göttliche hat so wenig Namen und Gestalt außer eben unsere eigene Gestalt, dass wir es nicht nach menschlichem Verstand und gewöhnlicher Einsicht definieren und erkennen können. Daher ist mein Verstand streng atheistisch, mein Körper agnostisch und meine Seele überall. Und die schwebt am liebsten zu den Klavierklängen meines Bruders und seines Freundes." Ja und zum Schluss kommt noch Theo, der irgendwoher noch Blumen und Wein mitgebracht hat.

Ich habe beim Kochen und im Musiksaal sehr anregende Gespräche über das, was mich am Anfang immer am meisten interessiert: Wo kommt mein Gegenüber her, was ist seine Idee von seinem Leben, wofür begeistert er sich, wie hat er oder sie es verstanden, dem scheinbar so ungeordneten Leben einen, seinen, ihren ganz eigenen Sinn abzuringen? Genau diese Fragen haben mich vor ein paar Jahren dazu inspiriert, etwas gefrustet vom alleine vor mich hin Wurschteln als Sozialarbeiterin, den Online-News-Blog "new.york.POSiTive" ins Leben zu rufen und meine etwas vernachlässigten schriftstellerischen Fähigkeiten und journalistischen Ambitionen unentgeltlich und zunehmend begeistert auf der Suche nach positiven Bewältigungsstrategien und Lösungen, über die viel zu wenig im Alltag berichtet werden, im Internet zum Einsatz zu bringen. So wollte ich mich mit Leuten, die Ähnliches bewegt, in ganz New York, ja in den ganzen Staaten vernetzen. In zehn Jahren wurde aus einem kleinen Blog inzwischen doch ein kleines Onlinemagazin, in das ich mindestens einmal in der Woche Artikel schreibe, Hinweise gebe, Menschen interviewe und ihre Projekte vorstelle und manchmal auch traurige Schicksale portraitiere, aber nie mit einem definierten tragischen Ende nach dem Motto: sorry, aber das war's jetzt.

Mich faszinieren Leute, die nicht aufgeben, oder, die sich auf eine gewisse Weise aufgeben, also ihr Ego zum Beispiel, um dann auf eine ganz andere Art alles noch einmal aufzurollen und quasi ihr höheres Selbst zur Blüte zu bringen und sich noch mal als die Person zu erfinden, als die sie schon immer gemeint waren, als die sie schon als Kind verbunden waren mit meiner inneren Mission, die im außen erst noch Gestalt annehmen musste. Und so habe ich während des gemeinsamen Essens und Feierns viele Gespräche geführt und interessante Dinge erfahren, was diese doch schon recht lebenserfahrenen Freunde von Theo, Thakur und Thirza als ihre Mission langsam im Laufe ihres Lebens herauskristallisiert haben. Und davon will ich demnächst in meinen Posts des "new.york.POSiTive" Blogs in lockerer Folge berichten. Vielleicht muss er ja dann mal umbenannt werden, in "USA.POSiTiv". In New York war es natürlich mein größenwahnsinniges oder auch selbstironisches Ziel, der erzkonservativen "New York Post" eines Rupert Murdoch ein modernes, positives, linksliberales Kontrapünktchen entgegen zu setzen. Eine "USA Post" als Zeitung gibt es ja nicht, noch nicht, wenn man mal vom Twitter-Account des derzeitigen Präsidenten absieht und den Riesenblättern The Wall Street Journal und The New York Times. Aber die passten weder zu meinem Wortspiel mit "POSiTive" noch zu meinem eher kleinen Größenwahn.

Meine Posts und mein Blog werden übrigens dank zweier Geschwister im Geiste aus Deutschland nicht nur in den USA verfolgt. Wenn meine schwesterliche Freundin, die als Austauschschülerin in New York aus einer Amalia zu einer Amy wurde und die ich sogar persönlich getroffen habe, tatsächlich mal in Deutschland ist. Als erfolgreiche „YouTuberin“ lebt sie inzwischen gut von ihren Werbeeinnahmen als so genannte Infuenzerin. Aber das und die vielen Reisen, die sie deshalb mit beworbenen Produkten an ihrem umworbenen Körper zu beworbenen Ressorts in aller Welt unternimmt, ist ihr auch mit erst 25 Jahren nicht mehr genug und füllt zwar ihren Bauch und ihr Portemonnaie, aber erfüllt nicht die Sinnfrage in ihrem Kopf. An ihrer Seite hat sie ihren größten Kritiker und Unterstützer, ihren großen Bruder Jason, der sich gerne Jay nennen lässt und der Schriftsteller von den beiden ist. Jay will literarisch die Welt verändern und erklärt: „ Ich träume immer noch von Utopien und verweigere mich hartnäckig dem gelehrten Pessimismus der Erfahrenen, welcher die Doxa Spes des philosophischen Neuzeit-Optimisten und Spätmarxisten Ernst Bloch zunehmend abgelöst zu haben scheint und einem zwanghaften individualisierten Selbstoptimierungs-Exzesse gewichen ist: Alles wird schlechter, darum muss ich immer besser werden, um noch im sozialdarwinistischen Kosmos mit Facelifting bei ewigen zahlenoptimierten Prozeduren im Kapitalismus, der nicht mehr vor den Eitelkeiten Halt macht, überleben zu können.“ Boa, ej, das muss man erst mal durchkauen. "Doxa Spes" von Bloch, gelehrte Hoffnung also, dämmert es mir aus einem Erinnerungsrest aus Philosophievorlesung und lateinischer Sprichwortesammlung oder Wikipedia-Zitaten. Amy und Jay schreiben eher von und über New York als Berlin. Warum? „In den USA und speziell in New York sei alles irgendwie schlechter und irgendwie besser. Es ist krasser!“, war die Antwort von Amy. „Ja“, pflichtet Jay bei, „Du hast mehr Kontrast!“

Beim Chatten mit Amy und Jay weisen die beiden mich darauf hin, dass es zumindest von Deutschland aus bemerkenswert wirkt, wenn sich die Offiziellen in den USA anlässlich des fünfzigsten Todestages des Friedensnobelpreisträgers Arten Luther King in salbungsvollen Worten über den Wert einer gewaltlosen Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus, für Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden überbieten. Denn nahezu gleichzeitig benutzt der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten die Gunst der Stunde zu einer erneuten symbolischen Geste an seine Wähler, die zum Teil die genau gegenteiligen Ziele verfolgen und verkündet, dass die Nationalgarde mit nennenswerten Kontingenten an die Grenze zu Mexiko verlegt werden soll, um Amerikas Sicherheitsinteressen gegen Terrorismus und Drogenschmuggel durchzusetzen, da ja der Bau einer umfassenden Sperrmauer zur Abriegelung der USA nicht vorankommt, ein Wahlversprechen von Mr. Trump. Es mag Symbolpolitik sein, weil die Nationalgarde schon seit Jahren an der Grenze offensichtlich immer erfolgreicher ihrer eigentlichen Aufgabe nachgeht, Flüchtlinge aus Lateinamerikanischen Diktaturen oder Zentren der Armut, die auch auf die ungerechten Handelsbedingungen durch das kapitalistische Amerika zurückgehen, abzuschrecken und die so genannte illegale Einwanderung nicht nur polizeilich, sondern mit ihrem martialischen Aufzug auch mit militärischer Gewalt zu bekämpfen. Und so gibt es immer deutlicher diese zwei Amerikas: das Amerika, das seit Jahrhunderten nicht nur Goldsucher , die zum Teil Wirtschaftsflüchtlinge waren, wie die Vorfahren von Mr. Trump aus der Pfalz, einer ehemals armen und rückständigen bäuerlichen Landschaft in Deutschland, zum Teil aber auch Verbrecher, wie die Konquistadoren. Das Amerika, das Verfolgte des Naziregimes in Deutschland aufnahm. Das Amerika Martin Luther Kings, das aus den importierten schwarzen Sklaven gleichberechtigte amerikanische Bürger machen wollte. Auf der anderen Seite steht immer deutlicher das Amerika des alten schwarzen Mannes und seiner bigotten Gattinnen, das jedem Latino seinen kärglichen Lohn als Müllfahrer missgönnt, sich vor jedem schwarzen Mädchen fürchtet, das drei oder vier arme Kinder zur Welt bringen und die weißen Kinderarmen verdrängen könnte, vor jedem schwarzen Jungen, der in seinem Ghetto selbstbewusst sagt, dass die Rassisten mit ihrer Polizei doch in ihren Ghettos bleiben sollen. Amerika und allen voran die USA sind heute so gespalten, wie zu Martin Luthers Zeiten. Und mir, Emma, macht das Angst und Sorge!
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)