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Samstag, 17. Juni 2017, 15:26

Ein Nachruf auf große und kleine Menschen

Wieder mal ist "ein großer Deutscher" gestorben und es hagelt Nachrufe, meist frei nach dem Motto: "über Verstorbene nichts als nur Gutes". Mancher nutzt die Gelegenheit zu einem herzhaften Nachtreten. Schon zu Lebzeiten haben die vorgeblich "Großen" meist polarisiert. Für die einen ein großer Staatsmann für Deutschland, für Europa oder gar die Welt ist dieser oder jener daneben aber für nicht Wenige auch ein simpler Mensch mit vielen politischen Fehlern, oft fragwürdigem - politisch und privaten - Charakter, den die Geschichte mal zum Glück, mal zum Unglück für den Nachruf ins Lampenlicht rückte. Der dort Beleuchtete, empor gespült von Umständen, Zufällen und den psychologischen Bedürfnissen von Menschen, die sich in der Vermassung sogar zeitweise zu mächtigen politischen Bewegungen formieren können, erntet je nach dem Glück der Stunde und den vielen Ereignissen und deren Bewertungen danach den Ruhm und die Anerkennung oder auch den Spott, die Häme oder das Verdikt der Zeitgenossen wie der so genannten Nachwelt im Spiegel von mehr oder weniger seriösen Historikern. Sie alle fühlen sich auf den Plan gerufen, wenn der Träger irgendeines berühmt gemachten Namens das uns allen gemeinsame Schicksal der Sterblichkeit ereilt.

Die Kommentare der Bewerter sprechen dann auch meist mehr oder zumindest genauso für sie selbst als für den Beurteilten, dem sie Bedeutsames oder Allzumenschliches, Rührendes oder Empörendes nachraunen. Gerade die vorgeblichen oder auch wahrscheinlichen charakterlichen Mängel und die mehr oder weniger entwickelte kommunikative Intelligenz sind dann neben dem Ruhm, mit dem sich die Sprecher in ihrer Expertise gerne als Würdiger von Rang erweisen wollen, Kernpunkte pointierter Kommentare. Davon blieb Hamburgs berühmter Sturmflut-Innensenator von 1962 als wegen seiner Gradlinigkeit geschätzter Ex-Kanzler ebenso wenig verschon, wovon die Erinnerung an sein "Schmidt-Schnauze"-Image zeigt, wie der "Kanzler der Deutsche Einheit", im spöttischen Jargon der Gegner "Birne" genannt (Kohl), von denen viele sich "verkohlt" fühlten. "Bruder Johannes" (Rau) und der singende Postillion Scheel, der als Ex-Bundespräsident mit seiner Hommage an seine gelbe FDP-Parteifarbe für Heiterkeit sorgte, mögen stellvertretend dafür stehen, dass Nachruhm und Jux eng beieinander liegen können. Manche, die in ihren politischen Rivalitätskämpfen mehr zerstörten, als einen verbal friedvollen Höflichkeitsstil oder Vertrauen, säten und ernteten auch postmortal neben billigem Nachruhm unbillige Häme, wohlfeilen Hass und bittere Verachtung.

Es ist auch immer wieder unterhaltsam, wie sich die Nachrühmer und Nachtreter darstellen, welche Aussagen sie implizit in den pathetischen Bildern über einstige Gegner, Rivalen, angebliche Freunde, Parteigänger, Vorgänger oder Ahnen über sich selbst transportieren, als wollten sie Teil dieses wohlfeil verteilten Ruhms sein oder aber sich beispielhaft von anderen Verdikten abgrenzen und diejenigen gewesen sein, die immer schon skeptisch gewesen seien und kritisch gedacht hätten. Manche kennen gar keine Größeren, als sich selbst und lassen sich dann von ihrer diplomatischen Umgebung sehr drängen, doch noch irgendetwas Nettes zu einer verstorbenen Größe eines so genannten befreundeten Landes oder wirtschaftlichen Partners zu sagen. Manche versichern ihrer Umgebung noch schnell, dass sie eigentlich die legitimen Nachkommen des Verstorbenen und die authentischen Gläubigen seiner Werte seien, wenn sie den verstorbenen Großen als ihren Paten, politischen Ziehvater oder moralischen Ahnen stilisieren. Und so tut jeder Lobpreiser und jeder Kritiker im Grunde nur eines: er personalisiert Schicksal, Zufall, Geschichte und politische oder soziale Kräfte so wie die Vorfahrenkulturen, die erstmals Religionen mit Ahnengöttern und Priesterkönigen und deren Genealogien erfanden. Psychologisch und sogar historisch stehen wir da insgeheim immer noch, Humanismus, Aufklärung, Zeitalter der Vernunft und der Republiken sowie der demokratischen Konsensfindung zum Trotz. Sie wollen sie immer noch sehen, sie alle: Königinnen, Kaiser, Imperatoren, Führer, eine heldische Marianne, eine ewige Kanzlerin, einen Kalifen, einen Sultan, einen Zaren, einen Papst.

Es ist sehr schwer, Menschen gerecht zu werden und daher macht es meistens gar keinen Sinn. Jemand anderen beurteilen zu wollen, läuft vor allem auf die Beurteilung des eigenen Charakters hinaus. Historische Verdienste ergründen zu wollen, könnte einen zumindest als historisch informierten und gelehrten Zeitgenossen erscheinen lassen. Und so haben oft die vielen vermeintlich Kleinen und Gernegroßen etwas von den vermeintlich Großen und Übergroßen. Die menschliche Dimension erscheint uns aber in der Regel als viel zu klein und unbedeutend, obwohl bedeutende spirituelle Weisheitslehren von noch heute für bedeutsam gehaltenen Religionen sogar darauf hinweisen, wie groß die Dimension des Menschlichen sein könnte, wenn wir endlich dieses Maß auch für unser Herz und für unseren Geist anerkennen wollten und nicht nur für unsere Ruhmsucht, die Bestätigung in äußeren Taten der deren Anschein sucht. Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt und wer einen Menschen tötet, vernichtet ein Universum.

Ja, das ist unsere Dimension und unser Auftrag. Wir sind Welten, sind Universen, die einander oft nicht verstehen und einander oft nicht aufzunehmen zu können glauben, obwohl wir uns fortwährend um Kontakt bemühen können und uns ständig durchmischen. Wir sind alle bedeutsam, wenn wir aus Liebe fühlend und denkend handeln und wir sind alle verloren, wenn wir uns nur auf unsere schwachen Charaktereigenschaften verständigen, mit denen wir einander nachstellen, neiden, uns mit Missgunst bekämpfen. In unserer Fehlbarkeit und Niedrigkeit vieler Gedanken und Wünsche sind wir einander oft so ähnlich, dass es erstaunlich ist, wenn wir immer nur im Anderen das Böse und Verderbte sehen und niemals begreifen, dass wir es mit unserem selbstverblendeten Blick tun.

Doch wenn wir schon so begabt sind, das Kleine und Niedrige wahrzunehmen, weshalb nicht in dieser Fähigkeit konsequent fortfahren und zur Quelle von allem gehen? Da gibt es auch so viel Schönes und Berührendes, da gibt es die Kleinen, die immer wieder über sich selbst hinaus wachsen und deshalb die Geschichte eines Lebens, einer Beziehung berühren können und dadurch wirklich groß erscheinen können. Da gibt es die, die sich und anderen vergeben und neu beginnen können. Die Mutter, die ihrem Sohn nach jahrelanger Haft eine Heimstatt gibt und einen Neuanfang. Die Jugendliche, die sich für ein ungeplantes Kind entscheidet und mit dieser Entscheidung nicht belächelt oder alleingelassen wird. Die Mitarbeiter, die ihren Klienten mehr Zeit schenken, als ihre Krankenversicherung bezahlt, weil sie eine persönliche Beziehung wagen und die Menschen mögen, für die sie arbeiten. Die Kinder, die versuchen, ihre gestressten Eltern zu verstehen und ihnen zu helfen, obwohl sie selbst mehr Hilfe und Verständnis gebrauchen könnten. Die Eltern, die Schlaf, Zeit und Kraft einsetzen, um für ihre Kinder zu sorgen und sogar auch noch für das fremde Nachbarskind und dessen Freunde.

Es gibt so viel Heldenhaftes, das seinen Zauber daraus gewinnt, dass wir es gar nicht immer zeigen können oder gar wollen, weil uns erst die Gelegenheit, ein Geistesblitz dazu bringen, uns berühren zu lassen und unser Herz zu öffnen. Wenn ein Passant ein Kleinkind rettend auffängt, das von einer verzweifelten Mutter aus dem brennenden neunten Stock eines Hochhauses geworfen wird, hätte er sich selbst schwer verletzen und zu Tode kommen können. Ob er daran gedacht hat oder nicht: er hat soeben eine Welt gerettet. Wenn die Nachbarn Essen und Kleider spenden, die Bürger Millionen für obdachlos gewordene Feueropfer, wenn Schwestern und Ärzte Tag und Nacht arbeiten, um Brandverletzte am Leben zu erhalten, wenn Seelsorger sich nicht scheuen, sich mit der Wut und Verzweiflung trauernder Überlebender und Angehöriger zu konfrontieren, sind das Tausende kleiner Heldentaten, ohne die unsere Welt ein viel schrecklicherer Ort wäre.

Ob ein Deutschland vereint ist, was wirklich Grund zur Freude sein kann, oder auch Europa, Russland oder Amerika, wenn die Afrikaner näher zusammen rücken und ihnen allen ein friedliches Miteinander am Herzen liegt, dann hat dies vor allem mit der Friedfertigkeit der großen namenlosen Menge der Menschen zu tun, die bereit sind, ihr Stammesdenken aufzugeben, die nicht nur in der eigenen Familie, den eigenen Kindern Menschen von Wert erkennen, die nicht denken, dass ihre Nation, ihr Staat, ihre Religion zuerst kommen müssen. Wir sind auf der Welt, dieses zu erleben und dieses zu tun. Und wann immer wir es tun, wann immer wir unsere Angst ein Stückchen überwinden, sie in den Rang der Vorsicht, ja der Umsicht und Achtung versetzen und etwas mehr von unserem wahren Fühlen und Denken zeigen, das von Freundlichkeit und Herzlichkeit bewegt wird, bauen wir an einer Welt der Welten, in der alle Platz haben, selbstverständlich auch unsere charakterlichen Schwächen, die auch nur einen guten, anerkannten Platz in uns suchen, an dem sie zur Ruhe kommen können. Unser Herz aber ist unruhig und möchte leben, bevor es so weit ist, dass da jemand einen Nachruf verfassen möchte für ein Herz, das nicht mehr schlägt.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)