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Sonntag, 16. März 2014, 13:57

Wissen ist relativ

Alles Wissen ist zeitgebunden und überaus relativ und je mehr wir zu wissen glauben, desto weniger wissen wir eigentlich oder genauer, desto mehr gibt es, das wir noch nicht wissen. Glauben wir etwas zu wissen, eine dieser so genannten Tatsachen, so wissen wir noch lange nicht, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist, wie sie sich verändert und was aus ihr folgt. Kaum erscheint etwas auf der Bühne unseres Verstandes, das wir zu erkennen und verstehen glauben, ist doch auch das da, was nicht mehr auf der Bühne erscheint, aber doch damit zusammen hängt. Der Verstand als nützliches Werkzeug für unser tägliches Handwerk, für die Bewältigung leichter Aufgaben unseres Alltages, ist nicht dafür konstruiert, die Komplexität des Lebens und auch unserer Person, unseres bewussten und unbewussten Seins zu erfassen und zu durchdringen. Setzen wir ihn aber in dieser Funktion ein, entsteht ein verzerrtes Abbild aus Vergangenheitserfahrungen, aus denen wir auch noch Zukunftsprojektionen destillieren.

Damit versetzen wir uns in die Zeit und übersehen das Jetzt. Mit dem, was gerade ist, was wir sind, hat das Denken und das dadurch gewonnene Wissen nämlich wenig zu tun. Es reduziert unsere Welterfahrung auf sich wiederholende, redundante Gedankenschleifen. Sie füllen eine scheinbare Leere, in der tatsächlich in jedem Augenblick das Sein stattfindet. Dieser Wahrnehmung aber entgehen wir mit unserem Denk-Geist, mit unserem Verstand, indem wir scheinbar selbst gemachte Probleme dieses Gedankenapparates lösen und uns mit belanglosem Wissen vollstopfen in der Hoffnung, dass wir dann mehr sind, stärker, weiser, sicherer, liebenswerter. Wir wollen damit dem nagenden Zweifel an der Relevanz dieser Lebensauffassung überdecken. Doch der Zweifel kehr zurück. Das, was wir zu wissen glauben, ist nicht die Gegenwart des Lebens, es ist das künstlich erschaffene Leben des Egos, einer Persönlichkeitskonstruktion, die sich allerdings mit aller Macht gegen den Zweifel verteidigt, denn sie hält sich für seiend und die Infragestellung für eine tödliche Bedrohung.

Das infrage Stellen und Dekonstruieren ist ein wichtiger befreiender Akt oder jedenfalls der Beginn davon. Stellen wir unsere Konstrukte infrage, indem wir sie genau beobachten. Was haben wir uns da zusammen gedacht? Wie kommen wir zu solchen Schlussfolgerungen? Wie machen wir es, dass wir Gedanken und Gefühle aus unserem Denkgeist für wahr halten? Wie geschieht unsere Identifikation mit unserem Denken und dessen Produkten, den Gedanken? Was haben wir davon? Was nimmt uns das? Wie machen wir es, dass wir uns schlecht fühlen und auch noch Stunden, Tage, Wochen, Monate in solchen Zuständen verharren können? Wie kommen wir zu unseren ethischen und moralischen Begriffen, die wir uns und anderen überstülpen? Wie schaffen wir es immer wieder, die unmittelbare Wahrnehmung zu verpassen und uns stattdessen mit Ängsten und Sorgen zu befassen über Dinge, die noch nicht sind und vielleicht nie sein werden, sodass wir immer das Jetzt verpassen und somit unsere Möglichkeit, jetzt etwas einzusehen und jetzt zu handeln?

Sokrates, so wie er uns von Platon in den Sokratischen Dialogen und seiner Verteidigungsrede überliefert wurde, da von ihm selbst keine Zeile bekannt ist, erforschte das Wissen seiner Mitmenschen über ethische Fragen, nachdem angeblich das Delphische Orakel ihn als weisesten Menschen benannt und er es aber nicht so einfach geglaubt hat. Da er aber dem Gott des Orakel, dem Delphischen Apollon glaubte, versuchte er diese Behauptung durch Befragung zu beweisen oder zu widerlegen. Er fragte also seine Mitbürger auf den Gebieten, von denen sie etwas verstehen müssten, nach der Bedeutung allgemein gültiger Begriffe, nach Tugenden und Eigenschaften und fand heraus, dass sie es nicht wüssten, obwohl sie es zu wissen glaubten während er, der es nicht wusste und deshalb fragte, es am Ende auch noch nicht wusste und zu dem Schluss kam, dass er der um Weniges Weisere sei, weil er wenigstens nicht behaupte, etwas zu wissen, was er nicht wisse und damit auch wusste, dass er es nicht wusste: Ich weiß, dass ich es nicht weiß.

Das radikale infrage Stellen verärgert das Ego, es verärgert und ängstigt das Eigene wie das der Anderen und den daraus entstehenden kollektiven Glauben ebenso. Das führt zu radikalen Abwehrmaßnahmen. Sokrates wurde bekanntlich als "Gottloser" und "Verderber der Jugend" von seinen athenischen Mitbürgern zum Tode verurteilt. Den Demokraten, deren Herrschaftsform Sokrates im Prinzip mitsamt den so ermittelten Gesetzen des Staates befürwortete, kam Sokrates als Staatsfeind vor, weil er radikal zu ende dachte und fragte und dem Verstand dadurch erlaubte, seine Grenzen wahrzunehmen: Die Grenze des Nichtwissen. Und obwohl er ihnen logisch bewies, dass sie im Unrecht seien, verurteilten sie ihn und er nahm das Urteil an, statt zu entfliehen, weil er Unrecht Tun schlimmer fand, als Unrecht Leiden und weil er die Angst des Egos vor dem Tod schon besiegt hatte und damit unbesiegbar und durch die Überlieferung letztlich unsterblich wurde: Ich fürchtete den Tod nicht, sondern erwartete mit Gelassenheit eine neue Erfahrung. Denn er wusste nichts Negatives vom Tod, sondern nur, dass er entweder ins erholsame, friedvolle Nichts oder in eine neue, interessante Existenz führt, an einen anderen Ort wie bei einem Umzug.

Sind wir im Hier und Jetzt und nicht mit unseren Gedanken identifiziert, kann uns ebenfalls kaum eine Angst oder Furcht anfechten. Wir können sie beobachten und das schwächt ihre Kraft. Somit wissen wir, dass das psychologische Denken eine künstlich ausgedachte Person erschafft, die wir nicht sind. Diese Person ist unser Produkt, genau wie die vielen Rollen, die wir im Laufe unseres Lebens spielen können. Unser Kern reicht hingegen in jede Tiefe, Höhe und Weite des unermesslichen Jetzt, wenn wir in Achtsamkeit und beobachtend verharren können, was das Gegenteil eines ängstlichen Abwartens, Bangens und Hoffens ist. Damit relativieren wir die psychologische Zeit, die dem Denken solche Macht verleiht und es in der Vergangenheit verankert, von wo aus es ängstlich versucht, die Zukunft zu bestimmen. Alles, was uns in den unmittelbaren Kontakt mit uns selbst, mit dem Gegenüber, mit unserer Umgebung bringt, in dem wir beobachten, wahrnehmen, erfahren, unterbricht die psychologische Zeit und relativiert psychologisches Wissen und Urteilen. Es führt stattdessen zur unmittelbaren Erfahrung. Es kann wertvoll sein, zu bemerken, wir wir uns in der Vergangenheit und Zukunft fixieren, um in einen Prozess zu kommen. Doch ist es wenig nützlich, sich mit den jeweils erkannten Zwischenergebnissen erneut zu identifizieren. Wir sind Wanderer über Wege und Brücken und jederzeit auf dem Weg. Daher ist es wenig hilfreich, in Gedanken noch in der vorigen Herberge zu verweilen.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)