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Samstag, 12. Oktober 2013, 19:58

Kinder, Sexualität, Tabu, Mythos

Zu den Hochzeiten des diesjährigen Wahlkampfes für den Deutschen Bundestag 2013 wurde im September eine politisch motivierte Diskussion über Äußerungen und Stellungnahmen vor allem von linksorientierten Grünen-Politikern geführt, denen vorgeworfen wurde, durch frühere literarische Texte, Programmentwürfe oder Diskussionen und Kontakte mit dubiosen Pädophilen-Vereinigungen, die während der siebziger bis neunziger Jahre auf der sexuellen Liberalisierungswelle versucht hatten, salonfähig zu werden, den sexuellen Kindesmissbrauch zu verharmlosen.

Da es sich um namentlich benannte Spitzenpolitiker, wie Jürgen Trittin, Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck handelte und die Angriffe besonders von konservativen bis rechten Wahlkämpfern geführt und mit Rücktrittsforderungen instrumentalisiert wurden, lag eine ideologische Wahlkampf-Kampagne nahe, insbesondere da ein großer Teil der Vorwürfe sich nicht auf neue Entdeckungen bezog, sondern auf z. T. seit über zehn Jahren öffentlich gemachte Diskussionen, bei denen sich beispielsweise Daniel Cohn-Bendit von Alice Schwarzer bereits 2001 neben einem gewissen Verständnis für seine dem Zeitgeist geschuldete Verirrung auch harsche Kritik anhören musste. Zum Teil versuchte er Rechtfertigungen für sich zu finden, zum Teil stand er dazu, dass es dumm, unerträglich schlecht geschrieben und provokativ gewesen sei, was er damals im vorgeblichen Dienst einer Humanisierung und Liberalisierung der Sexualität an sich gesagt und geschrieben habe.

Die Diskussionen über Liberalität und Sexualität haben seit den Agitationen der studentenbewegten "Achtundsechzigern" über Sexualität, Kultur und Politik in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren mit ihren merkwürdigen literarischen wie faktisch-experimentellen Blüten in einigen Kommunen bis zu den heutigen wieder aufgewärmten Debatten das Feld ideologischer Auseinandersetzungen und moralischer Scheingefechte nicht verlassen und bewegen sich fast ausschließlich trotz aller wissenschaftlichen Beschreibungsversuche von Soziologen, Psychologen und Kriminologen auf dem Gebiet irgendwelcher Mythen, die sich an den politischen Richtungen der Diskutanten orientieren. Sie verlieren bis heute regelmäßig die Position von Kindern und Jugendlichen als Betroffene aus dem Blick, egal ob es um ihre erotischen Empfindungen geht oder um ihre Rolle als sexuelle Wesen und Akteure wie Opfer von sexuellen Handlungen.

Das kann ich sehr gut aus meiner eigener Erinnerung als Kind, Jugendlicher und junger Heranwachsender belegen. Als ich überhaupt wagte, mit einer anderen Person oder gar öffentlich über Themen zu sprechen, die die Sexualität und deren Folgen betrifft, war ich annähernd volljährig, nämlich anlässlich eines in einem Rhetorik-Seminars gehaltenen Vortrags über den § 218, der die Straffreiheit bzw. Bestrafung bei einem Schwangerschaftsabbruch zum Thema hat und bei der ich für Hilfen für die ungewollt schwangere Frau und gegen eine standardmäßige Kriminalisierung von Frauen in Schwangerschaftskonfliktsituationen eintrat, ohne einen Schwangerschaftsabbruch für eine probate Lösung zu halten. Als ich mich in psychologisierender oder gar politischer Weise zu Fragen der Sexualität in Diskussionen äußerte, war ich bereits volljährig und das wurde ich in einer Zeit, in der die Grünen gerade entstanden und die Diskussionen über einen liberalen Umgang mit Sexualität auch im juristischen Sinne wieder einen Höhepunkt erreichten.

Das bedeutet unter anderem, dass ich mich als Kind und Jugendlicher noch gar nicht frei und ungehemmt genug fühlte, über diese Themen öffentlich nachzudenken und zu sprechen. Die Erwachsenenwelt, die sich auch damals anscheinend, wenn man die Werbung, die Literatur und Filme als Indiz nahm, schon so liberal und freizügig gab, war es eben nicht, sondern sie war eine machtvolle Welt der Kontrolle und Einschüchterung, der Tabuisierung, moralischen Bewertung und Sanktionierung. Ich habe aus der damaligen Erwachsenenwelt zum Thema Sexualität nichts Positives erfahren, außer dass ich ein paar Bücher in die Finger bekam, die wenige freizügige Schilderungen enthielten. Ich las weder die von Erwachsenen geschriebenen Bravo-Heftchen, noch hatte ich Zugang zu Pornografie. Als Medizin-Student bekam ich von meinem Vater abonnierte Zeitschriften der "Sexual-Medizin" zu lesen.

Was ich als Kind an Erotik bei Erwachsenen sehen konnte, war abstoßend albern und verklemmt. Sexualität sah und hörte ich nicht und es wurde kein Wort darüber gesprochen. Als ich beinahe zwanzigjährig bei einer gleichaltrigen Schulfreundin nach einer Geburtstagsparty übernachtete und dies nicht vertuschte, gab es zuhause einen Eklat mit einem hysterischen Anfall meiner Mutter, die vor der Haustüre laut schreiend Schimpf und Schande über mich und die junge Frau ausbreitete, von betretenem, aus meiner Sicht zustimmendem Schweigen meines Vaters begleitet. Ich war tief beschämt und beschloss, die Eltern gänzlich aus meinem "Privatleben" auszuschließen. Als ältestem Sohn war es mir bis zum Auszug und auch danach, solange meine Brüder im Hause lebten, nicht gestattet, mit einer Freundin in meinem Zimmer zu nächtigen - wegen der fatalen moralischen Auswirkung auf die Jüngeren. Meine Freundin besuchte ich heimlich und verschaffte den Eltern durch rechtzeitige Rückkehr nach Hause die Illusion von Kontrolle. Während meines Studiums verheimlichte ich nach Möglichkeit meine Aufenthalte bei der Freundin.

Ich wurde als Kind und Jugendlicher nie missbraucht, nie unangemessen berührt, nie verführt. Ich erfuhr gar nichts zum Thema Erotik und Sexualität, das auf irgendetwas Positives hindeuten könnte. Meine frühen Regungen schon kurz vor der Schule und im Grundschulalter verheimlichte ich instinktiv, behielt alles für mich. Meine Großmutter beschämte und bedrohte mich als kleinen Schuljungen mit religiös motivierter Schelte und Drohungen, nachdem sie bemerkt hatte, dass ich mich selbst berührte, als ich zum Mittagsschlaf verdonnert worden war. Ob meine eigenen Gedanken und Gefühle damals "unschuldig" waren, dürfte Geschmacksache sein. Aus der Sicht der Erwachsenen waren sie es offensichtlich nicht. Ich hörte das, ich spürte das, ich fühlte mich ertappt und schuldig und ich konnte meinen Gedanken dennoch nicht Einhalt gebieten und führte meine Handlungen an mir selbst einsam und im Verborgenen aus.

Ich blätterte gerade bei meiner Oma, wenn diese ihren Mittagsschlaf hielt und der Opa zum Hundesportverein (bzw., wie ich als Erwachsener dann erfuhr, zu seiner jüngeren Geliebten) gegangen war, Quelle- und Otto-Kataloge auf dem Sofa und betrachtete die Kinder- und Frauen-Models, die Unterwäsche und Bademoden trugen, um mich an dem Anblick zu erregen und meine Phantasie zu beschäftigen. Als kribbelig empfand ich das Spiel mit meiner gleichaltrigen Cousine im Bett unter der Decke während eines Urlaubes der beiden Familien. Sie verkündete, dass wir später mal heiraten wollten. Damals war ich noch nicht in der Schule. In der Grundschulzeit hatte ich meine ersten Liebesempfindungen. Sie galten einem gleichaltrigen Mädchen, das um die Ecke wohnte und mit der ich oft zusammen spielte. Trotz einer kleinen und kurzen Verliebtheit zu einer anderen Mitschülerin und sogar einem Mitschüler, den ich umwarb und zum Spielen abholte, war sie von der ersten bis zu sechsten Klasse, als ich wegzog, meine Favoritin.

Ich suchte gern ihre körperliche Nähe, beim Indianerspielen, bei der Heuernte, dem Aufstapeln der Strohballen, bei "kindlich-unschuldigen" Übernachtungspartys der damaligen Zeit. Doch nie wagte ich mich wirklich an sie heran bis auf das Mal, wo ich sie in einem inszenierten Spiel als indischer Fakir mit einem Handtuch als Lendenschurz bekleidet in meinem Zelt erwartete. Als meine Mutter meinen in ihren Augen beschämenden Aufzug gewahr wurde, wurde das Mädchen sofort weg geschickt und ich musste mich anziehen, nicht ohne eine Belehrung über meinen unanständigen Aufzug. Ich weiß noch, dass ich sehr eifersüchtig war, als mir berichtet wurde, dieses Mädchen habe in einem Gerangel einfach meinen jüngeren Bruder geküsst. Ich hätte mir das Küssen gar nicht zugetraut, ich begnügte mich mit Phantasien und Träumen.

Später, bis ich mit über 18 meine erste Freundin hatte, mit der ich Hand in Hand ging und erste Küsse austauschte, war ich ein sehr einsamer Jugendlicher, was das Thema Freundschaft mit Mädchen, Liebe, Erotik oder gar Sexualität betraf. Es gab niemanden, der mein Vertrauen gehabt hätte, um ihn zu fragen, ob bei mir "alles normal" wäre und was ich tun könnte, um meinen Gefühlen angemessen Ausdruck zu verleihen oder auf die Gefühle anderer einzugehen. Denn diese wurden mir ja durchaus zugetragen. Stattdessen errichtete ich erst mal ein undurchdringliches Dickicht um mich. Wer mich nicht durch seine politischen, literarischen und intellektuellen Leistungen in der Gemeinde, im Dritte-Welt-Laden, der Schülervertretung oder Schülerzeitung überzeugte und beeindruckte, kam nicht in meine Nähe, egal, wie hübsch, sexy, klug und offen sie war.

Ich erinnere mich, dass ich einmal als Kind die jungen, hübschen, weiblichen Formen einer Schwesternschülerin, die meine Eltern als "Babysitter" sogar für eine kurze Urlaubsfahrt engagiert hatten - ich glaube es ging um ein Familienfest und die Eltern wollten abends tanzen -, beeindruckend und irgendwie aufreizend fand. Den Eltern entging nicht, dass wir alle sehr auf diese junge Dame "standen" und mit ihr durch die Betten turnten. Wenn sie es aber gemerkt hätte, dass ich sie irgendwie "heiß" fand und sie das genutzt hätte, um mir anders als beim Toben und in der Kissenschlacht näher zu kommen, wäre ich vom Donner gerührt gewesen. Ich hätte das, was Erwachsene so als Ausdruck ihrer Sexualität miteinander anstellen, als Kind weder geschätzt noch ertragen, dessen bin ich mir heute sicher.

Wieso erwähne ich bei diesem Thema solche intimen Randnotizen aus einer ansonsten recht unbeschwerten Kindheit, die ich normalerweise stets für mich behalte? Weil ich meine, dass bei der ganzen ideologischen Diskussion um die Freiheit der Sexualität in Verbindung mit den erotischen und sexuellen Empfindungen und Bedürfnissen der Menschen die Sicht der Kinder kaum eine Rolle spielt, sondern ausschließlich die Sicht der Erwachsenen. Und es wird ständig übersehen, dass es auch bei den Kindern die eine Sicht gar nicht gibt, sondern dass diese entsprechend dem Alter, dem Entwicklungsstand, der Einwirkung von Familie, Gesellschaft, Religion und Moral individuell stark variiert. So habe ich als gerade Volljähriger, politisch erwacht, aber sexuell unerfahren, den tabuisierenden und unterdrückenden Einfluss der Erwachsenenwelt mit ihrer perfiden gesellschaftlichen und religiösen Moral gehasst, verachtet und bekämpft und selbstverständlich war ich für eine völlige Freiheit in sexuellen Dingen, zumal ich keine Sexualität lebte, sondern mich nur danach sehnte.

Dies bedeutete aber nicht, dass ich ein erotisches Interesse an Kindern verspürte, als ich erwachsen war. Ich hätte mir nur als Kind die Abwesenheit erwachsener Bevormundung, Beschämung und Sanktionierung gewünscht. Und ich gönnte den Jüngeren ihre Erfahrungen und Abenteuer. Nie wäre mir aber in den Sinn gekommen, als Kind oder Jugendlicher einem älteren Erwachsenen als Lustobjekt zu dienen, egal ob Mann oder Frau. Nicht in meinen kühnsten Träumen wünschte ich mir ein solches Alters- und Machtgefälle. Erwachsene waren für mich als Kind die Bestimmer, die beurteilten, was richtig und falsch war, die mich richtig oder falsch verstehen konnten, wie sie wollten und die mich verurteilen und beschämen konnten. Nie hätte ich mich solchen Menschen in einer der intimsten und verletzlichsten Situationen ausliefern wollen; ich habe ja nicht mal zu fragen gewagt, was etwas bedeutet, wenn ich unsicher war. Ich konnte mir damals auch nicht vorstellen, was gut daran sein soll, dass ein Erwachsener Kinder sexuell ausnutzt. Ich wollte nicht zuletzt deshalb erwachsen sein, damit mir keiner mehr Votschriften machen, mich keiner mehr beurteilen und kontrollieren darf.

Ich hätte als Kind sicher nichts dagegen gehabt, von dem Fluch befreit zu sein, den eine sexuelle Handlung an mir selbst oder einer gleichalterigen Person scheinbar auf sich zog. Ich wäre damals, als Kind, sicher für eine Straffreiheit für Sexualität mit Kindern gewesen und zwar - ausschließlich - für die Kinder. Das Sexualität von Erwachsenen mit Kindern etwas "verflucht gefährliches" sein kann, ja sein muss, lernte ich schon an der grausamen Wirklichkeit. Ein Mitschüler der 5. Klasse wurde in einem Wäldchen nicht fern von meinem Wohnort Opfer eines Sexualverbrechens und dann mit einem Beil erschlagen. Schon vorher fand man in dem Wäldchen, in dem wir immer spielten, die Leiche eines erdrosselten kleinen Mädchens, ebenfalls Opfer eines Sexualmordes. Die Reaktionen meiner besorgten Mutter verstärkten zu unserem ersten Schrecken unsere Ängste für einige Zeit nachhaltig. Leider wurde mir nicht bekannt gegeben, ob man die Täter fasste und es blieb lange ein Gefühl der Unsicherheit, das gut geeignet war, mich als Kind misstrauisch und lustfeindlich werden zu lassen, denn "Sexualität", der erste Wortteil von "Sexualmord", musste ebenfalls etwas gänzlich Böses sein.

Natürlich habe ich als junger, politisch aufgeklärter Erwachsener das ganze Drama, das die erwachsene Verklemmtheit und die Verteufelung der Sexualität an sich seit Jahrtausenden durch den Einfluss der Erwachsenen verursacht, erkannt. Ich habe aber auch erkannt, dass die Lösung nicht eine dagegen gerichtete hemmungslose Auslebung aller sexuellen Impulse mit jedermann sein kann, sondern dass zunächst einmal wirkliche innere und äußere Freiheit dazu gehört, die Abwesenheit von Macht und Machtspielen, von Machtgefällen und die nötige Reife, um Liebe und Zärtlichkeit ohne Beschämung und Angst ausdrücken zu können. Davon war ich weit entfernt, ebenso meine gleichaltrigen Freunde und die Erwachsenen, die ich kannte. Sie alle hatten oder haben noch einen weiten Weg in eine wirklich freie, freudvolle, völlig gewaltlose, erfüllende, liebevolle, achtsame Sexualität.

Aus diesen Erfahrungen heraus bin ich im nachinein schließlich nicht mehr so unglücklich gewesen, bis zum neunzehnten Lebensjahr keine sexuellen Erfahrungen gehabt zu haben. Es scheint mir nicht geschadet zu haben, auch wenn es mir vielleicht nicht geschadet hätte, mit sechzehn oder siebzehn erfahrener gewesen zu sein. Ich glaube nicht, dass Kinder und Jugendliche zwangsläufig frühe sexuelle Erfahrungen mit anderen haben müssen. Aber mit Gleichaltrigen sollten sie sie haben dürfen, wenn sie ohne Gewalt, ohne Machtgefälle in völliger Freiheit geschehen. Wir sollten freundlich sowohl sachlich wie gefühlvoll über Erotik und Sexualität sprechen können, mit Achtung für die natürlichen Bedürfnisse und Gefühle auch junger Menschen, ohne auf die Idee zu kommen, diese für uns auszunutzen. Wir sollten uns in Aufrichtigkeit üben und uns nicht verstecken müssen. Wir sollten die Lust weder anbeten, noch verteufeln. Beides zeugt nur von unreifer Abhängigkeit.

Die Entwicklung nicht der bloßen sexuellen Technik, sondern einer ganzheitlichen erotischen Empfindsamkeit und einer Liebesfähigkeit, die nicht nur die eigenen sexuellen Wünsche und die eines Partners einbezieht, ist nach meiner Erfahrung eine Angelegenheit von Jahren und Jahrzehnten und kann immer mehr verfeinert werden. Ich habe mich dafür an annähernd gleichaltrige Partner gehalten, die einen ähnlichen Weg, zumindest im Prinzip, gesucht haben. Dabei gibt es genug Hürden zu überwinden und ohne den Wunsch nach Wachstum und Gemeinsamkeit droht Stillstand und Verlust der Intimität. Ich kann mir in meinen kühnsten Gedanken nicht vorstellen, wie hier eine erwachsene Entwicklung und die eines Kindes so zusammen passen könnten, dass ein freies gemeinsames sexuelles Handeln zu beiderlei Befriedigung und Vorteil daraus erwüchse. Dass es so etwas auf einer gesunden und natürlichen psychologischen und sozialen Basis geben könnte, ist ein Mythos der Pädophilen-Bewegungen, die auch aus dieser repressiven Gesellschaft stammen und ihre Gewaltsamkeit reflektieren.

Aus dem Vorgesagten folgt schon, dass mehr oder weniger unfreie, emotional wenig entwickelte, in vielfachen unbewussten Machtmissbrauch verwickelte Erwachsene bislang weder im Verbots- noch im Erlaubnisfall, weder in der Theorie noch in der Praxis einen heilsamen und guten Einfluss auf die kindliche Sexualentwicklung haben. Sie üben meist nur relativ unreflektiert ihre Macht aus und Kinder wissen und spüren das. Ein reflektierter Umgang mit Sexualität und Erotik würde für mich allenfalls bedeuten, dass Erwachsene Kindern und Jugendlichen in freundlicher und anerkennender Weise bestätigen, dass auch sie sexuelle Wesen im Werden sind, sobald sich dieses in der Pubertät äußert, dass sie auf beschämende und unterdrückende Reden und Handlungen verzichten und dass sich selbst ihnen gegenüber sexuell abstinent verhalten. Sie mögen die Gaben ihres Körpers in Freiheit und Verantwortung mit sich selbst und Gleichaltrigen kennen lernen. Zum Umgang mit Verantwortung könnte man sie Einiges lehren, aber nur, wenn man selbst als Vorbild qualifiziert ist.

Es hat Einiges für sich, das Psychologen die Pädophilie als eine unreife Verirrung von Erwachsenen kennzeichnen, die oft selbst durch Misshandlungen und Missbrauch traumatisiert worden sind und sich eine gleichberechtigte, reife Sexualität ohne ein Machtgefälle nicht vorstellen können. Es kann für eine normale sexuelle Entwicklung eines Kindes nicht gesund sein, als Kind mit der erwachsenen, oft egoistischen und rücksichtslosen Lust eines sich am kindlichen Körper, seiner Unschuld und Ohnmacht aufgeilenden Pädophilen konfrontiert zu werden. Allenfalls kann es bei einem späteren behutsamen Umgang mit dem Opfer weniger schädlich sein. Doch gibt es weder aus meiner Erfahrung als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener noch aus der wissenschaftlichen Reflektion irgendetwas, das einen sexuellen Kontakt zwischen einem Erwachsenen, der immer die Macht verkörpert und einem Kind, das immer potentiell ohnmächtig und ausgeliefert ist, wünschenswert erscheinen lässt.

Es ist sogar so, dass selbst unter Erwachsenen die Beziehungen häufig ungleichgewichtig und missbräuchlich sind, weil sie die ungeklärten Machtverhältnisse seit Jahrtausenden reflektieren. Erst wenn wir dem Thema Macht in Beziehungen von Erwachsenen und Kindern, zwischen Erwachsenen, in Familien, zwischen Männern und Frauen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken, dürfen wir hoffen, echte Freiheit und damit echte Freiwilligkeit zu entwickeln und damit auch wirklich herrschaftsfreie Sexualität. Es ist ein Mythos, dass wir alle schon wirklich frei sind und dass Männer und Frauen mehrheitlich emanzipiert sind. Unsere Gesellschaften spiegeln das in den realen Machverhältnissen auch nicht wider, weder in den Positionen in den einflussreichen wirtschaftlichen und politischen Gremien, noch in den Löhnen und Gehältern.

Ein weiterer Mythos ist, dass Kinder immer unschuldig und gut sind. Sie können es nicht sein, weil sie in dieser Welt mit diesen Erwachsenen aufwachsen. Es gibt Kinder und Jugendliche, die vergewaltigen, missbrauchen, morden. Es sind viel weniger, als erwachsene Täter, doch ist ein Kind nicht einfach gut und rein, weil es ein Kind ist. Es ist nur viel verletzlicher und schwächer und daher leichter zerstörbar: physisch, psychisch und moralisch. Es ist ein Mythos, dass ein Erwachsener reif, verständig und verantwortungsbewusst ist, weil er volljährig ist. Es ist ein Mythos, das Sexualität immer etwas Gutes ist und Erotik immer etwas Schönes ist. Das hängt von den Umständen und den Beteiligten ab, von Freiheit, Achtung, Respekt, Feinfühligkeit und Liebe zum anderen und sich selbst. Manchmal ist es viel besser, zu verzichten, sich Zeit zu geben, abzuwarten und hin zu spüren. Was will ich wirklich, was ersehne ich, was der andere? Kann ich es ausdrücken? Kann ich ehrliche Fragen stellen? Kann ich eine aufrichtige Antwort hören und ertragen?

Noch immer gibt es beim Thema Sexualität jede Menge Verbote, Tabus und Mythen. Auch diese Gesellschaft ist noch nicht sehr reif und wir leben nicht allein auf der Welt. Es gibt wenig gesicherte Erkenntnisse zu diesem Thema, die auf völliger Freiheit und Vorurteilslosigkeit basieren. Solange das so ist, kann ein rationales Tabu, dass die Schwächeren vor der Macht schützt und vor der Lust der Mächtigen, die Ohnmächtigen auszunutzen, nicht schaden. Daher finde ich einen gesellschaftlichen Konsens, der ein Schutzalter für Kinder vorsieht, das sie vor der sexuellen Zudringlichkeit von an Jahren erwachsenen Menschen schützt, in Ordnung. Ich kann keinen Vorteil für Kinder und Jugendliche darin erblicken, dass Erwachsene an ihnen ihre Geschlechtslust befriedigen. Wir sollten uns sogar klar machen, dass unser ganzes Denken auch als erwachsene Menschen noch viele Erfahrungen der Unfreiheit und der missbräuchlichen Beziehungen beinhaltet. Sich daraus zu befreien ist eine jahrzehntelange Aufgabe für jeden Einzelnen und die ganze Gesellschaft. Ein Liberalisierung der Sexualität, die pädophile Praxis als unschädlich und bedenkenlos propagiert, gehört für mich weder aus der Sicht des Kindes noch aus der Sicht des Erwachsenen dazu.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)