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Donnerstag, 28. Juni 2012, 20:52

Zipfelabzwicken für die Religionsfreiheit?

Das Kölner Landgericht hatte in seinem gerade verkündeten „Beschneidungsurteil“ darüber zu befinden gehabt, ob die religiöse Beschneidung von Säuglingen muslimischer oder jüdischer Eltern eine Körperverletzung ist, die das wichtige Verfassungsrecht der körperlichen Unversehrtheit eines nicht einwilligungsfähigen Kindes missachtet und ob dieses Recht auf Unversehrtheit höher steht, als das so genannte „Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“, wie es der Zentralrat der Muslime sieht und das sie schlichtweg mit der „Religionsfreiheit“ gleichsetzen und auch höher als das sogenannte „Elternrecht“. Nach der Auffassung derjenigen, die fordern, dass Eltern die religiöse Zugehörigkeit ihrer Kinder bestimmen dürfen, schließt dieses Recht also ein, dass sie einem kleinen Jungen als Baby einen nicht reversiblen, schmerzhaften Eingriff mit einigen Nebenwirkungsgefahren zumuten dürfen, mit dem er für immer als Mitglied einer Religionsgemeinschaft gekennzeichnet ist. Das Kölner Landgericht sah das anders und erhält dafür über die Partei- und Religionsgrenzen hinweg Schelte insbesondere von Muslimen, Juden und Katholiken bis in den Bischofsrang. Alle sehen die Religionsfreiheit in Gefahr, sogar einige Abgeordneten der [URL=http://www.ksta.de/newsticker/gruene-regen-konsequenzen-aus-beschneidungsurteil-an,15189532,16489162,view,asTicker.html]Grünen[/URL].

Es gibt also inzwischen viele Menschen in Ämtern und herausgehobenen Positionen besonders aus religiösen Institutionen, die auch in der veröffentlichten Meinung unserer Medien auftreten, die bis in die parlamentarischen Kreise höchst alarmiert diskutieren und das Ende des Morgenlandes aber auch das Ende der Religionsfreiheit und des Elternrechtes über ihre Kinder herbeizetern. Es werden sogar so unglaubliche Vergleiche wie die zwischen der Säuglingsbeschneidung und der operativen Behandlung eines schweren Herzfehlers bei einem einwilligungsunfähigen Säuglings gezogen. Dem beispiellose Aufschrei religiöser Honoratioren aus jüdischen, islamischen und katholischen Kreisen, die nicht mit maßlosen Vergleichen wie dem oben Erwähnten zurück halten, stehen relativ wenige besonnene Befürworter des Richterspruchs gegenüber, wie etwa die konservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung", während sich die linke "TAZ" über die Juristen mokiert. Selbst in einem vorgeblich laizistischen Staat wie der Türkei löckt ein Minister den Stachel gegen die deutsche Justitz

Laufen die Beschneidungsbefürworter nun geistig und verbal Amok? Wenn sie es denn so heiß essen wollen, was das Kölner Landesgericht da angerichtet hat, möchte ich die Meinungsbildung durch einige heiße Thesen und Überlegungen mal von der anderen Seite beleben, nämlich aus der Sicht der absoluten Freiheit, die eine körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit auch von den Herrschaftsansprüchen von Religionen und Ideologien wünscht und zwar von der Geburt an! Ich denke, das Kölner Gericht hat einen recht mutigen Gedanken über die Rechte der Kinder in ein Urteil einfließen lassen und damit den ganzen Haufen religiöser Traditionalisten aufgeschreckt. Sie müssen sich nun einer offenen Diskussion stellen, wie man das in einer Demokratie mit einer unabhängigen, nur an die verfassungsgemäß erlassenen Gesetze gebundenen Justiz erwarten darf. Auch wenn man für Religionsfreiheit, was auch die Freiheit von der Religion einschließt und für Selbstbestimmungsrechte eintritt – dann bitte auch für die von Kindern – sollte man genau hinschauen, welche Interessen hier aufeinander prallen.

Letztlich geht es den Religionsverfechtern aller Strömungen und Sekten um bronzezeitliche patriarchalische Machtstrukturen, deren Opferwurzeln noch aus der Steinzeit der Seele stammen und die ein für Beschneidungen in Israel extra ausgebildeter und jetzt sehr empört tuender Rabbiner und Mohel David Goldberg aus dem bayrischen Hof auch folgendermaßen der dpa erläutert: Unter den Juden gebe es die Beschneidung seit 4000 Jahren, sie sei ein Zeichen des unauflöslichen Bundes mit Gott und „sie ist entscheidend für unsere Identität.“ Anschließend fügt er noch unwissenschaftliche, angeblich medizinische Gründe dafür an, dass zehn Prozent der Jungen in Deutschland (nach anderen Quellen weltweit jeder vierte Mann) beschnitten seien, da der Eingriff Schutz vor AIDS, Phimose und Unterleibskrebs bei Frauen verspreche. Doch diese angeblichen Hygienevorteile sind genauso wie die völlige Unbedenklichkeit wissenschaftlich umstritten und werden kontrovers beurteilt.

Zunächst einmal scheint es mir widersinnig, dass in einer modernen, demokratischen Gesellschaft lediglich das Recht religiöser Eltern, ihren Jungen im Säuglingsalter das schmerzhafte Zipfelabschneiden zu erlauben, das Fundament einer Religion sein soll, die ohne diese Zeichnung des kindlichen Körpers dem Untergang geweiht ist. Warum sollte man den Religiösen dann nicht die Zeichnung ihrer Kinder mit Brandzeichen – bei Pferden neuerdings verboten – Tätowierungen und Ziernarben erlauben, statt sie an ihrem Geschlechtsteil zu kennzeichnen? Muss eine Methode aus der Bronze oder gar Steinzeit, die im Prinzip also barbarischen Ursprungs ist, heute noch zeitgemäß sein? Und wenn ja, warum traut man es den jungen religiösen Erwachsenen oder religionsmündigen Jugendlichen ab einem Alter von 14 oder 16 Jahren nicht zu, selbst über ihre Kennzeichnung und damit über ihre definitive Zugehörigkeit zu entscheiden, so wie sie sich heute für Tattoos, Piercings, Brandings und andere Heldenzeichen entscheiden, um etwa zu einer Gang, zu Ultras oder Hooligans zu gehören oder auf eine etwas verquere aber jugendtypische Art ihre angebliche Individualität zu unterstreichen? Die Antwort ist einfach: Jede Religion, die eben nicht von einem liebenden Gott, sondern von mächtigen Menschen gegeben ist, fordert Unterwerfung und wen kann man besser unterwerfen, auch durch jede Art von Missbrauch, als ein unmündiges, möglichst junges Kind?

Dass Gott die abrahamitische und daher Juden wie Muslimen, die Abraham als ihren Stamm-Patriarchen ansehen, „heilige“ Beschneidung zur Kennzeichnung des unauflöslichen Bundes fordert, ist so eine Machtdemonstration menschlicher Patriarchen und passt nicht zu einem Gottesbild, nach dem der Schöpfer eben dieser biblischen Überlieferungen zufolge den Menschen, insbesondere den Mann nach seinem Ebenbild geschaffen habe. Wäre es so, dass der Gott Abrahams ein Beschnittener wäre, hätte er den ersten Mann als einen Adam ohne Zipfel mit entblößter Eichel geschaffen. Auf den Gedanken, dass man da etwas wegschneiden müsse, kamen erst einige bronzezeitliche Wüstennomaden tausende von Jahren nach der angenommen Erschaffung Adams und seiner Vertreibung aus dem Paradies nach dessen Sündenfall. Und Abraham beschnitt damals angeblich alles Männliche, also auch Erwachsene und sich selbst und natürlich Kinder und Sklaven. Es hätte also heutzutage ausgereicht, erwachsene Männer zu beschneiden, hätten den späteren Geschichtsschreiber über die bronzezeitlichen Stammesriten nicht in die Genesis, das erste Buch Mose der Tora der Juden bzw. des alten Testamentes der Christen hineingeschrieben, dass Gott dieses Vorhautopfer für alle (?) Zukunft von jedem männlichen Säugling fordert, sobald er den achten Lebenstag erreicht hat (1. Mose 17,12).

Während der vierzigjährigen Wanderschaft nach dem Auszug aus Ägypten durch die Wüste in das Land Kanaan war die Beschneidung sogar ausgesetzt. Heute wird das u. a. als Zeichen einer relativ großen Entfernung des Volkes Israel von seinem Stammesgott JHWH (Jahwe) gedeutet, die den Höhepunkt in der Anbetung des goldenen Kalbes und im Murren gegen Moses fand, der daraufhin wütend die Tafeln mit den 10 Geboten zerschlug. Als dann das verheißene, „gelobte Land“ erreicht wurde, wurde die Beschneidung wieder eingeführt und die Vermischung der abrahamitischen Religion mit den ägyptischen, phönizischen und kanaaitischen Kulten wurde rasch zurück gedrängt. Das Volk Israel wurde mit seinen Stämmen nach seiner biblischen Geschichtsschreibung rasch zu einer schlagkräftigen Eroberungstruppe. Im Grunde enthält die „Bibel“ religiöse, kulturelle und geschichtliche Rechtfertigungen für den sich verfestigenden JHWH-Kult, der hebräisch-jüdischen Religion und war somit kulturhistorisch auch ein Herrschaftsinstrument in den Händen der Priester und Schriftgelehrten, der Richter, Könige und schließlich Rabbiner. Bei den Muslimen steht die Beschneidung nicht im Koran, der ihnen als göttliche Überlieferung gilt und ist somit keineswegs göttlich verordnet. Der Prophet empfiehlt sie in einer Sammlung von Weisungen, nachgeordnete Schriften, denen zu entnehmen ist, dass männliche Muslime bis zum 13. Lebensjahr beschnitten werden können und sollten.

Würde also die Religion der Juden und Muslime verschwinden, wenn religiös gesonnene Eltern ihre männlichen Säuglinge oder Kleinkinder nicht mehr in einer archaisch anmutenden schmerzhaften Zeremonie durch einen Ritualmeister (bei Juden der "Mohel") ihrer Vorhäute berauben lassen dürften oder Ärzte diese kostenpflichtige „Schönheitsoperation“ nur noch bei Einwilligungsfähigen gegen Cash und nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen durchführen dürften? Ich glaube es nicht und wenn, auf welche Werte und spirituelle Macht würde sich eine solche Religion stützen? Auch die frühreformatorische Täuferbewegung, die in ganz Europa im ausgehenden Mittelalter blutig durch Inquisitoren und Truppen verfolgt wurde, hatte im Sinn, nur den religionsmündigen Menschen aus freiem Willen in ihren Reihen aufzunehmen, in dem sie ausschließlich Erwachsene taufte wie auch der Jude Jesus vom Juden Johannes als Erwachsener im Jordan getauft wurde. Die „Täufer“, deren Nachfolger es noch gibt, wurden nicht von Gott erschlagen oder gingen durch Absage an eine kirchliche Tradition in die Knie, sondern litten und starben unter den Schlägen ihrer machtdurstigen „christlichen Brüder“ der großen Kirchen.

Und schließlich gibt es noch einen anderen wichtigen Aspekt, den das Kölner Gericht hervorhebt, nämlich den des Rechts auf Unversehrtheit und das Recht, von seinen Eltern bzw. der Gesellschaft vor grausamen und gefährlichen Handlungen geschützt zu werden, die nicht einer anderen unmittelbaren Gefahrenabwehr für das Leben dienen. Wir diskutieren heute schon darüber, ob Kinder nicht das Recht haben dürfen, schmerzhafte und einschneidende Behandlungen abzulehnen, die Heilungsversuche darstellen. Um wie viel mehr müsste man ihnen zubilligen, einer religiös motivierten schmerzhaften Verstümmelung an ihrem Glied widersprechen zu können? Als Säuglinge können sie das aber nicht. Und ist es zudem der Masse der Versicherten zumutbar, ein fragwürdiges, überkommenes, religiöses Ritual von Minderheiten aus Versicherungsleistungen bezahlen zu lassen, in dem die eindeutig religiöse Intention mit einer scheinbaren medizinischen Indikation verbrämt wird, damit ein solcher operativer Eingriff in Narkose durchgeführt werden kann? Ich glaube, dass dies nicht in Ordnung ist und dass die Risiken der Operation und der Narkose nicht in irgendeinem Verhältnis zu einem möglichen gesundheitlichen Nutzen stehen.

Anlass des Rechtsfalles, den das Landgericht Köln verhandelte, war die operative Nachversorgung einer Nachblutung als einer potentiell gefährlichen medizinischen Komplikation im Anschluss an eine durchgeführte Beschneidung bei einem vierjährigen muslimischen Knaben. Die mit dieser behandlungspflichtigen Komplikation betrauten Ärzte meldeten ihre Beobachtung und die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen den Beschneidungsarzt wegen des Verdachtes auf einen strafbaren Eingriff im Sinne einer nicht durch die Einwilligung der Eltern gedeckten Körperverletzung, die ein Arzt dann begeht, wenn er einen anderen als einen therapeutischen Eingriff durchführt, der dennoch unter Einwilligungsvorbehalt steht oder unmittelbar eine schwere Gefährdung für Leib und Leben abwenden muss.

Das Gericht entschied, dass der erste Eingriff der komplikationsträchtigen Beschneidung eine Körperverletzung war und der Arzt nur deshalb nicht zu bestrafen war, weil er sich in einem nicht von ihm zu verantwortenden Rechtsirrtum befand. Nach diesem Urteil kann sich inzwischen jedoch kein Arzt mehr darüber im Zweifel sein, dass eine religiöse Beschneidung auf Verlangen der Eltern bei einem Kind dann, wenn es kein notwendiger kurativer Eingriff ist, von einem deutschen Gericht als strafbare Körperverletzung beurteilt wurde. Andere Gerichte könnten natürlich auch zu anderen Schlüssen kommen. Dennoch begehrt eine „unheilige“ Koalition aus islamischen, jüdischen und christlichen religiösen Interessenvertretern gegen ein rechtmäßiges Urteil auf und beklagt einen Anschlag auf Elternrecht und Religionsfreiheit. Fehlte noch, dass jemand den Rassismus oder Antisemitismusvorwurf erhebt. Es war daher sehr mutig von den Richtern, die nicht sonderlich hoch im Kurs stehenden Kinderrechte gegen die angeblich höherwertigen Rechte eines religiösen und kulturellen Establishments abzuwägen und eine Demokratie- und Rechtsdiskussion zu entfachen, die selbst in modernen säkularen Staaten gerne noch unter den Teppich gekehrt wird und unter dem Druck einer merkwürdigen konservativen Traditionalistenkoalition religiöser Patriarchen und einiger politischer Sympathisanten zum Schweigen gebracht werden soll.

Überlegen wir einmal, was die bischöflichen Repräsentanten der Katholiken und ihres Klerus veranlasst haben könnte, mit den Muslimen in ein Horn zugunsten der Beschneidungspraxis von Kleinkindern zu stoßen. Dieses bronzezeitliche Patriarchenritual ist weniger von einer tiefgreifenden religiösen Vorstellung geprägt, die die Freiheit des Menschen vor Gott im Sinne hat, als von einer Unterwerfungszeremonie, die an einem der empfindlichsten Teile der kleinen Jungen vollzogen wird. Diese Zeichnung des Menschen an seinem Geschlecht hat eine Beziehung zur Beschneidung von Mädchen, die aber noch „einschneidender“ und gefährlicher im Wortsinne ist.

Religiöse Machtstrukturen zielten bereits im neolithischen Zeitalter und zunehmend beim Aufkommen patriarchaler arbeitsteiliger Gesellschaften von Viehzüchtern und Ackerbauern auf Unterwerfung und Beherrschung ab. Die Unterwerfung der Fruchtbarkeit und der Sexualität war eines der wichtigsten religiösen Herrschaftsinstrumente überhaupt und ist es bis heute geblieben. Daher haben Frauen bei Juden, Christen, insbesondere Katholiken und bei Muslimen auch nicht die gleichen Rechte und schon gar nicht die gleichen Machtbefugnisse, sondern werden weiterhin gefürchtet und unterdrückt. Am besten beginnt man solche Unterdrückungen durch Körperstrafen und Verstümmelungen am Genitale, die tief in das seelische Erleben eingreifen. Beschneidungsrituale muss man kulturell in diesen Kontext einordnen.

Die beinahe eunuchischen katholischen Priester, die durch ihr Zölibat gesellschaftlich kastriert werden, üben ihre sexuellen Machtgelüste teils in sublimierter Form in ihren Kirchenhierarchien aus oder in krimineller Abwandlung in missbräuchlicher Form an den Schwächsten, nämlich den Kindern, wie zahlreiche einschlägige Missbrauchsskandale belegen. Es gab auch schon in den alten Hochkulturen zölibatere Priesterkasten. Bis heute fürchten bestimmte patriarchale Religionen offenbar insbesondere die sexuelle Macht der Frau und unterdrücken diese. Sexualität wird insbesondere, wenn sie weiblich ist, extrem reglementiert und tabuisiert. Frauen werden von Leitungsfunktionen ferngehalten.

Aber auch die männlichen Herrscher, Gott, die Gottkönige und deren Stellvertreter, fordern von ihren männlichen Untertanen Gehorsam, Unterordnung und Enthaltsamkeit. Ein Weg, ihnen das psychologisch und körperlich beizubringen, sind Rituale, in denen es um das Aushalten von Schmerzen geht. Außerdem werden die jungen Initianten mit fürchterlichen Strafen bedroht, wenn sie sich gegen die göttlich legitimierte Macht wenden wollen. Eine Bestrafung ist die angedrohte Entmannung, die schlimmste Erniedrigung und Depotenzierung. Zum Zeichen, dass dem All-Mächtigen dieses alles erlaubt und auch möglich ist, opfern die allmächtigen Eltern dem allmächtigen Gott und seinen religiösen Stellvertretern einen kleinen Teil des männlichen Gliedes ihrer Söhne, die Vorhaut.

Die Botschaft ist: erweist Du Dich des damit verbürgten ewigen Bundes unwürdig, wirst Du an Deinem Glied nicht nur gezeichnet, sondern so verstümmelt, dass Du alle Macht und Männlichkeit verlierst, denn Du bist ganz Gottes und seiner Hohepriester. Diese Botschaft hatte auch der biblische Stifter dieses Rituals, Abraham, zuvor mit der Aufforderung Gottes, seinen Sohn Isaak zu opfern, vernommen. Gott forderte mit der Tötung von Abrahams Sohn Isaak als Beweis absoluter Unterordnung und Hingabe die Frucht seiner männlichen Potenz, den Sohn, der das Weiterleben seines Samens, seines Stammes, seines Namens nicht nur symbolisiert sondern im Patriarchat tatsächlich bedeutet. Gott verzichtete nach der Überlieferung zwar auf die Tötung, nahm aber die Unterwerfung in dieser Opferhandlung an. Die Beschneidung erinnert an diese Opfer- und Unterwerfungsforderung. Abraham wurde aufgefordert, alles Männliche zu beschneiden, auch Sklaven. Wer sich fortan weigern sollte, seinen Sohn am 8. Tag nach seiner Geburt zu beschneiden, dem drohte JHWH (Jahwe) die Ausrottung der Seele aus seinem Volk an (1. Mose 17, 9-14).

In der patriarchalen Herrschaft bestimmt ein höchster Mann, wer sich fortpflanzen darf. Zuallererst geht es natürlich um seinen Samen, der der wertvollste ist, dann erst um die anderen. Es geht bei dieser liebgewonnenen Tradition der Beschneidung also nicht um den Erhalt der humanistischen Werte einer Religion, sondern um das genaue Gegenteil, um die Untermauerung eines sexuellen Herrschaftsanspruchs, um die Unterwerfung der freien Sexualität an sich, aller Frauen und der untergeordneten, zweitrangigen Männer und Söhne. Der Vollzug im unbewussten, frühesten Säuglingsalter verankert diesen Anspruch schmerzlich und quasi erinnerungsfrei tief in der unbewussten Seele und im Körper.

Durch die bewusste Teilnahme der Gemeinde aus Jungen, Mädchen, Männern und Frauen an den Beschneidungsfeierlichkeiten wird der Schmerz und die Drohung im bewusstseinfähigen Alter reaktiviert und scharf gemacht. Jeder weiß: Wer sich dem göttlichen Herrschaftsanspruch im Rahmen dieser Religion widersetzt, wird ausgelöscht werden mitsamt seiner Wurzel, seiner Familie und seiner Zukunft. Außerhalb dieser religiösen Gemeinschaft gibt es kein Leben und kein Sein, weder hier noch nach dem Tode im Paradies. Auf die Sünde folgt Gericht, Strafe und Tod über den Tod hinaus. Die Beschneidungsrituale aus ältester Zeit halten diese Lehre bewusst und unbewusst kollektiv aufrecht und ersetzen möglicherweise sogar ältere Menschenopfer wie sie noch im Opfer des Isaaks anklingen.

Frauen und in ihrer Sexualität freie, nicht konditionierte und von Machthabern kontrollierte Männer haben an einer solchen Religion und an einem solchen Leben kein Interesse. Es werden sich deutlich weniger Jungen finden, die sich zwischen 14 und 18 Jahren oder danach in einem alten Ritual die Vorhaut vom Penis schälen lassen wollen, wenn nicht ein medizinischer Grund mit einer entsprechend schmerzlosen Behandlungsmöglichkeit vorliegt. Diese jungen Menschen haben dann andere Körper- und Seelen-Erinnerungen und werden zwangsläufig andere Juden und Muslime sein, genauso, wie sexuell freizügig erzogene Christen andere Katholiken wären. Doch die Herrscher auch der heutigen Politik, der Medien und des Kommerzes wissen: Wer die Sexualität beherrscht, kann die Welt unterwerfen.

Das biblische Volk Israel hat es sogar in seinen Schriften beschrieben, wie man so etwas machen könnte. Auf seinem Eroberungszug in das gelobte Land Kanaan wurde durch die halbnomadischen Israeliten, die JHWH als Stammesgott kannten, in der Eisenzeit das ethnisch verwandte Volk der in Stadtstaaten lebenden Kanaaniter mit teilweise noch matriarchaler Kultur zum Teil assimiliert, zum Teil gewaltsam unterworfen. Eine besonders perfide Methode dafür wird in der Bibel als Beschneidungstrick dargestellt. Die Israeliten boten einem Volk eine friedvolle Allianz an und forderten dafür die Angleichung ihrer Vorhäute, die Beschneidung. Am Tag danach, während die Soldaten unter Fieber und Schmerzen nach der Beschneidung litten, griffen die Israeliten an und meuchelten jeden. Die Stadt fiel in ihre Hände.

Die verstümmelnde Beschneidung der Frau, die sogenannte pharaonische Beschneidung mit Entfernung von Teilen der Schamlippen, der Klitoris und das Vernähen des größten Teils des Scheidenausgangs bis zur Verheiratung, nach der sich der Bräutigam mit einem Messer Zugang zum Schoß der Braut verschafft und die in einigen schwarzafrikanischen, mittlerweile islamisch dominierten Ländern noch vorkommt, ist die brutalste Ausprägung eines solchen die Sexualität beherrschenden und aufopfernden Ritus und betrifft das unterworfene Geschlecht.

Es ist aber bekannt, dass zwar in einem viel geringeren Ausmaß, da die Eichel ja unversehrt bleibt, die Vorhautentfernung beim Mann auch die sexuellen Empfindungen beeinträchtigt. Die von der Vorhaut geschützte sehr sensible Haut der Eichel wird nach deren Entfernung ständig vorher ungewöhnlichen mechanischen Reizungen ausgesetzt und verliert nach und nach ihre Sensibilität. Das erotische Erleben ändert sich dadurch. Gleichzeitig sieht so ein Penis selbst in seiner schlaffen Form wie ein kleiner erregierter Penis aus, ohne dass er hält, was er verspricht. Ist die Vorhaut vorhanden, zieht sie sich im Laufe der Errektion spätestens nach entsprechenden manuellen Berührungen oder bei der Einführung zurück. Mit einem solchen Penis kann man(n) dann rechnen…

Ich finde es höchst interessant und zugleich stellenweise auch amüsant, welche Abstrusitäten in dieser Religionsfreiheitsdebatte anlässlich des Rechts auf Beschneidung, das religiöse Minderheiten ihren männlichen Säuglingen antun wollen, zum Vorschein kommen. Das Gezeter um das Ende der Religion, der Sitten, der Moral, der Freiheit, des Rechtes, der Männlichkeit und was sonst noch alles geunkt wird, macht tatsächlich deutlich, dass das beklagte Urteil für die körperliche Unversehrtheit von Kindern tief in den unbewussten Kern aus Sexualängsten und dagegen aufgestellten Macht- und Herrschaftsphantasien patriarchaler Traditionalisten trifft und dadurch eine solche Weltuntergangsstimmung bei den betroffenen Beschneidungsbefürwortern heraufbeschwört.

Und im Ernst, was soll dagegen einzuwenden sein, wenn Religionsanhänger, die einer brutalen Bronzezeitsitte anhängen und nicht auf die Volljährigkeit und Entscheidungsfähigkeit ihres männlichen Nachwuchses warten wollen, in das Ursprungsland ihrer Bräuche zurück reisen und etwa in Israel, in der Türkei oder in anderen muslimischen Ländern medizinisch nicht indizierte Verstümmelungs- oder Kennzeichnungsoperationen dort auf eigene Kosten und nach den dort vorherrschenden kultischen und medizinischen Standards vornehmen lassen, wie es angeblich schon seit 4000 Jahren geschieht? Wieso soll es in Deutschland, in deutschen Kliniken und auf Kosten von Krankenkassen und –versicherungen geschehen unter den Augen unserer liberalen, demokratischen und humanistischen Verfassung?

Und wäre es nicht aufrichtiger und demokratischer, wenn sich im Sinne einer staatlichen Registrierung nur Erwachsene, also Einwilligungsfähige in Religionsregister eintragen lassen und in diesem Sinne Muslime, Protestanten oder Katholiken werden könnten? Vorher sind alle Kinder Kinder Gottes, des Gottes, irgendeines Gottes oder einfach göttliche Menschen, kleine Universen, die Schutz und Förderung verdienen. Vorhautabzwicken gehört nicht dazu. Jude kann sowieso nur der sein, der eine jüdische Mutter hat, was in Bezug auf die Identitätszuschreibung die Beschneidung an sich noch einmal mehr als unnötig erscheinen lässt. Ich bin gespannt, welche Blüten diese Diskussion noch treibt und wie weitere Gerichte urteilen.

Manche mögen nun denken, dass ich hier als Feind der semitischen Religionen schreibe. Nichts wäre unrichtiger. Ich habe mich frühzeitig für den humanistischen und spirituellen Inhalt auch gerade der monotheistischen Religionen interessiert und hier wertvolle ethische Gedanken gefunden. Ich habe mich aber auch für Geschichte, Psychologie und Psychoanalyse interessiert. Seitdem Freud, Jung und deren Nachfolger die individuelle und kollektive Seele der Menschen erforschen, wird deutlicher, wo eine spirituelle Haltung den Menschen emanzipieren und zu ethischen Fortschritten führen können und wo eine religiöse Festlegung Unfreiheit und Rückschritt bedeuten können. Bevor psychologisches Grundwissen für alle Menschen verfügbar wurde, mochte man sich darüber hinwegtäuschen lassen, wo uns die machtvollen Strukturen institutionalisierter Religiosität gefangen halten und so mag man den einfachen Juden, Christen und Muslimen früherer Zeit keinen Vorwurf machen.

Doch können wir in unserem Erkenntniswillen und Freiheitsstreben Halt machen? Können wir moderne Rechts- und Verfassungsgedanken innerhalb moderner Demokratien ausblenden? Unser demokratischer, bürgerlicher, humanistischer Staat muss die Menschen und ihre Freiheit schützen, notfalls vor der Religion bzw. vor ihren intoleranten, antiquierten Relikten und nicht eine solche Religion vor denkenden Menschen. Die Machteliten innerhalb dieser Religionen haben immer darauf geachtet, dem Volk und den Gläubigen emanzipatorisches Wissen vorzuenthalten. Heute zählt eine solche Ausrede für einen mündigen Bürger nicht mehr. Das Wissen, das vom Aberglauben befreit und auch das Argument alter kultureller Werte als Feigenblatt der Macht entlarvt, ist allgemein verfügbar.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)