Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 459

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Samstag, 21. April 2012, 17:20

Gedanken zum Prozess von Oslo - Ein Plädoyer für Menschlichkeit

Der derzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit stehende Osloer Prozess gegen den norwegischen Massenmörder, dem die Ermordung von 77 Menschen in einem lange geplanten Terrorakt im Osloer Regierungsviertel und auf der Ferieninsel der norwegischen Sozialdemokraten, Utøya, angelastet wird, ist ein wichtiges regulatives Instrument zur Erhaltung eines demokratischen Rechtsstaats, dem es nicht um die Vergeltung von Hass mit Hass geht. Und es ist gleichzeitig ein schmerzliches Bekenntnis zur Menschlichkeit und ein mutiges Plädoyer gegen die Entmenschlichung. Damit tut sich weder die norwegische Gesellschaft leicht, noch wir europäischen Nachbarn, die dies beobachten.

Obwohl der von einer wahnwitzigen rechtsradikalen Ideologie getriebene 33jährige Norweger, der sich als Christ und Templer bezeichnet, den Prozess zur Bühne für die Selbstinszenierung seiner kruden Ideen, die von der Staatsanwältin Inga Bejer Engh kühl und klug in der Luft seines wahnhaften Nebels zerrissen werden, benutzt, ist es wichtig, die demokratische Prozessordnung hoch zu halten, die seit den bürgerlichen Revolutionen das Ende der Standes- und Adelsgerichte markierte, die Transparenz und Öffentlichkeit vermieden. Unsere neuzeitlichen Gerichte werden demokratisch kontrolliert, sie müssen daher öffentlich und überprüfbar handeln.

Auf die Zuhörer, insbesondere die Überlebenden und die Angehörigen von Mordopfern, kamen zweifellos schlimme Tage zu, als der geständige Mörder, der sich als einen "Freiheitskämpfer" gegen die "Islamisierung Norwegens" und Europas versteht, in dieser Woche begann, Zusammenfassungen seines wirren, überheblichen und totalitären Manifestes gegen Marxismus und Islam vorzulesen und den Ablauf der Tötungen zu beschreiben, die er Hinrichtungen nennt. Dabei bekannte er einige Fehler und Schwächen, die ihn daran hinderten, noch größere Opferzahlen zu verursachen und die es sogar möglich gemacht haben sollen, ihn mit energischer Gegenwehr zu stoppen. Nur bei diesen Passagen erlaubte er sich im Gerichtssaal Gefühle oder dann, wenn er fürchtete, dass die scharfen, logischen Fragen der Staatsanwältin den von einem Wahn geführten Täter und seine Weltsicht der Lächerlichkeit preisgeben könnten.

Klar wird bei der Darstellung des Angeklagten, jedes Opfer der Schüsse des Attentäters von Oslo war ein größerer Held, als dieser armselige selbsternannte Ritter einer pervertiert gedachten christlichen Kultur und der Jugendliche, den er erschoss, als er mit bloßen Händen den mit Pistole und halbautomatischen Gewehr Bewaffneten angriff, war eher ein Mann, als dieser schüchterne Feigling, der erst mit "Meditation" und eisigem Rückzug die Gefühlskälte bewusst eingeübt haben will, um kaltblütig unbewaffnete, unschuldige, jugendliche Menschen im Namen seiner Ideologie und seiner religiösen Ideen abzuknallen. Doch weil auch die Mechanismen der Radikalisierung, der Entmenschlichung und Enthemmung so nachvollziehbar werden, während der Geständige gerichtlich gehört wird und nicht nur durch die beiden widersprüchlichen rechtspsychiatrischen Gutachten, ist der Prozess so wichtig und wertvoll.

Es mag für die Art der Bestrafung und das Strafmaß wichtig sein und für das Selbstverständnis der dortigen gerichtlichen Psychiatrie, ob man den Täter für schizophren hält, oder nicht, doch ist davon unabhängig der Prozess wichtig für das Verständnis, wie aus einem empfindsamen, eher ängstlichen Menschen eine Tötungsmaschine wird, die glaubt, für irgendwelche höheren Wahrheiten und Ideologien morden zu müssen und sich damit sogar im Recht zu fühlen. Und diesen psychologischen Mechanismus beschreibt der Täter recht gut: Er hat sich zurückgezogen von den wirklichen Menschen seiner Umgebung, sich abgeschottet vom Leben, hat lebensfeindliche Ideen und Gedanken mit angelesenen Versatzstücken zu einem radikalen, inhumanen Weltbild zusammen gefügt und hat sich durch "Meditation" von seinen Gefühlen abgeschnitten.

Darüber hinaus hat er sein hasserfülltes Weltbild immer mehr vervollständigt und hermetisch vom Kontakt mit der Wirklichkeit abgeschottet, hat nur mit obskuren "Gleichgesinnten" im gefühllosen Internet korrespondiert und sich durch Probehandeln immer weiter in einen Zustand gebracht, in dem das Töten am Ende wenig mehr zu sein scheint, als ein Feldzug in einem Online-Rollenspiel oder auf einer "Playstation". Bewusst hat er daran gearbeitet, sich von einem fühlenden Menschen zum Werkzeug seiner Tötungsabsichten im Rahmen seiner selbst erfundenen, selbstgerechten Ideologie zu machen. Oberflächlich schwamm der Täter, den die einen für einen egozentrischen Psychopathen halten, die anderen für schizophrenen Paranoiker, auf den rechtsradikalen, islamophoben, faschistischen und rassistischen Ideologien, die das Zeitalter des Nationalismus und Faschismus noch übrig gelassen haben und die zurzeit in einem angeblichen Kulturkampf zwischen Abendland und Morgenland wieder auftauchen. Die Nachbeter dieser Gedanken zollen dem Täter nun auch im Internet immer wieder Respekt.

Was der Attentäter von Oslo dort als Einzeltäter recht systematisch vorbereitet hat, ist das, was Staaten, auch sogenannte Demokratische, mit ihren Elitesoldaten und Geheimagenten machen, in den USA, in England, überall in der westlichen Welt und auch in Russland genauso wie in China, Nordkorea, Israel, Iran. Es ist das, was in den Terrorcamps von Al-Qaida gelernt wird, aber auch in den Wehrsportgruppen von Neonazis und in der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund". Es ist überall das Gleiche und der Attentäter hat darauf auch Bezug genommen. Er fühlte sich wie ein japanischer Elitesoldat im zweiten Weltkrieg, nur dass er beim Töten Musik hörte und er ließ sich von den islamistischen Al-Qaida-Terroristen inspirieren, deren Schlagkraft seiner Meinung nach von der Bereitschaft zum Selbstmordattentat, zum Selbstopfer, komme.

Der Attentäter entlarvt sich selbst und den ganzen entwürdigenden Prozess der Entmenschlichung im Dienste einer Ideologie, einer Religion, eines Wahns, eines schäbigen geistigen Konstruktes. Über das Leben und den Menschen gestellt, werden diese Höllenmanifeste und die sie verbreitenden Machtapparate mit willigen Mördern bewaffnet, die bedenkenlos töten, ob damals für den japanischen Tenno, für irgendeine Religion oder irgendeine Idee von einem Herrenvolk. Dazu ist es notwendig, die künftigen Mörder, die sich Soldaten, Templer, Freiheitskämpfer usw. nennen, zu isolieren, sie mit den verbrecherischen, abgeschotteten Gedanken anzufüllen, sie mit Übungen, mit "Meditation", mit Gehirnwäsche und Drill der eigenen Gefühle und der Erinnerung an ihre Menschlichkeit zu berauben, um sie so gefühllos und zum willigen Werkzeug einer als gerecht und heilig oder heilsam konfabulierten Ideologie und Heilslehre zu machen. Dann können diese Killermaschinen mit der ihnen möglichen Brutalität ohne Rücksicht auf Verluste nur mit dem imaginierten Lohn von Ruhm, Nachruhm und irgendeine perverse Art von dies- und jenseitigen Paradiesen töten, ohne Gnade, ohne Gefühl.

Der Attentäter von Oslo beschreibt einen solchen an sich selbst ausprobierten Entmenschlichungs- und Brutalisierungsvorgang und es ist wichtig, dass wir das hier und heute verstehen. Es ist nicht nur das, was in geschichtlicher Zeit bei den Inquisitoren und in der Neuzeit z.B. in der SS gelernt und in den KZ's der Nazis massenhaft angewendet worden ist oder was noch heute Soldaten auch gegen das eigene Volk tun können, etwa in Syrien, oder während kriegerischer Auseinandersetzungen überall auf der Welt, was Geheimdienstler tun oder eben Terroristen. Es kann mit vielen Menschen passieren. Sie können es mit sich selbst machen und mit anderen. Sie können es im Namen des vorgeblich Guten machen und zum Schutz von Irgendetwas. Sie können es mit bekannten, ganz normalen Mitteln machen. Es ist gar nicht so leicht, gefühllos zu werden und schon gar nicht über einen langen Zeitraum, aber es ist doch möglich und offenbar gar nicht so schwer. Ein Widerspruch?

Auch spirituell veranlagte Menschen sind in der Gefahr, ihre Menschlichkeit zu verlieren, z.B. auch religiöse Führer, die ihre Heiligen und Gründungsfiguren der menschlichen Sphäre entrücken und sie in eine menschenferne Göttliche erhöhen. Die Meditation kann tatsächlich dazu missbraucht werden, inneres Fühlen zu beenden und durch geistige Ideen zu ersetzen, statt es zu entdecken und ihm ruhig und gelassen zu begegnen. Die selbstgewählte und die erzwungene Isolation von Menschen birgt immer die Gefahr, dass sich die Betroffenen zu Menschenfeinden, zu gefährlichen, bösartig reagierenden Misanthropen verwandeln. Daher ist Ausgrenzung und Abschiebung, Isolierung, Trennung und bewertender Vergleich immer hoch problematisch. Wir sollten uns also genau ansehen, wie wir unsere Gesellschaft konstruieren.

Der Attentäter von Oslo hat mit seiner Bewunderung für die Methoden und den Erfolg von Al-Qaida die Austauschbarkeit solcher menschenverachtender Aktivisten bewiesen, wenn es um die Etablierung unmenschlicher Ideologien, Methoden und Machtapparate geht. In ihren psychologischen Mechanismen unterscheiden sich die selbstgerechten terroristischen Aktivisten, die im Namen eines Gottes oder einer Idee morden, nicht. Darum kann auch niemand von diesen Fehlgeleiteten eine andere gewaltbereite Idee und ihre Verfechter beseitigen, denn die Idee an sich, dass Gewalt und Mord gerechtfertigt werden kann im Namen einer Gewaltideologie und ihrer gewalttätigen Götzen, bleibt so lange übrig, so lange eines dieser entmenschten Gehirne sich andere zum Werkzeug herbei zwingen kann und sei es, in dem diese wieder mit dem gleichen Denken und den gleichen Methoden dagegen lenken.

Daher tun wir uns in der Demokratie einen Gefallen, wenn wir ideologisierte Massenmörder mit dem Gesetz verfolgen und nicht selber mit Mord und Totschlag und wir tun der Demokratie und der Menschenliebe etwas Gutes, wenn wir uns nicht abschotten, sondern verbunden bleiben und Kontakt und Berührung suchen. Schon vor ca. 200 Jahren hat Goethe mit seiner Islam-Rezeption und einer eher kirchenkritischen Christlichkeit eine Brücke zwischen Okzident und Orient zu schlagen begonnen. Was unsere "Kulturheroen" wie etwa ein Goethe denken und in die europäischen Herzen senken konnte, können fundamentalistische Christen und Islamisten nicht mehr ändern.

Schon vor 200 Jahren gab es islamische Glaubensausübung in Deutschland. Aufgeklärte Monarchen entdeckten in ihrer romantischen Phase nicht nur das deutsche, christliche Mittelalter, sondern auch die trotz Kreuzzügen zustande gekommenen kulturellen, wissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Berührungen und Begegnungen zwischen Islam und Christentum und bauten Moscheen und Kaffeehäuser im orientalischen Stil. Von daher gehört auch der Islam wie alle Weltreligionen, die damals von neugierigen Weltreisenden erkundet und erforscht wurden, zu Deutschland, nicht erst mit der dritten Generation von türkischen Gastarbeiterfamilien. Goethe und anderen großen Denkern dieser Zeit wurde zugetraut, Mystiker und Mitglieder von Rosenkreuzern und Freimaurerlogen zu sein, letzte Templer die einen oder sogar, wie einige Islamfreunde glauben, wahre Muslime die anderen. Wahr ist, dass Mystiker aller Weltreligionen jenseits der nackten Worte ihrer Bekenntnisschriften auf der Ebene der im Herzen verstehbaren Symbole eine Kirche und eine Religion reiner Menschlichkeit und Liebe vertreten, so wie es auch der Sufismus des Islam tut.

Wenn wir uns entmenschlichen, verlieren wir den Zugang zu unserer eigenen Göttlichkeit, denn Gott wartet im Herzen eines jeden Menschen und nicht in der Tat eines Entfremdeten und Entwurzelten. Das ist der Grund, weshalb wir auch den Massenmörder als einen Menschen sehen und ihn menschlich behandeln müssen, auch wenn wir über seine Taten Schmerz und Trauer empfinden und ihn daran hindern müssen, sie wieder zu begehen, bis er von seiner Entmenschlichung geheilt ist. Darum ist es auch richtig, dass der Täter mit seinem Namen genannt wird, nicht, wie er noch denkt, um seinen fragwürdigen Ruhm zu mehren, sondern weil auch dieser Mensch im Sinne der einen Religion der Menschen und des einen göttlichen Wesens von Gott bei seinem Namen gerufen wird: "Anders Behring Breivik, wo bist Du und wo sind Deine Brüder und Schwestern?"

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

2

Donnerstag, 4. Juli 2013, 18:36

Wieder ein sehr schöner Artikel, der zum Nachdenken anregt.
Der stärkste Trieb in der menschlichen Natur ist der Wunsch, bedeutend zu sein.