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Beiträge: 3 459

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1

Samstag, 14. April 2012, 11:56

Im Namen Gottes

Kostenlose Koran-Verteilungen von etwa 25 Millionen deutschsprachigen Exemplaren, initiiert durch einen einer sehr konservativen und radikalen Islam-Strömung der [URL=http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,827367,00.html]Salafisten[/URL] angehörenden Geschäftsmann, erregen die deutschsprachigen Gemüter. Die Reaktionen der meisten an Provokationen interessierten Hitzköpfe auf beiden Seiten sind sehr naiv. Dass es in einer pluralistischen Gesellschaft, die demokratische Meinungsfreiheit auch in religiösen Angelegenheiten schätzt, zu Provokationen und Diskussionen darüber kommen kann und darf, ist Ausweis ihrer Reife und Stärke. Von einem solchen Denken sind sowohl Salafisten auch innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft wie übrigens auch fundamentalistische christliche Sekten in unserer Kultur weit entfernt. Auf jeden Fall ist die Aktion ein Aufreger und gibt daher allen Menschen die Gelegenheit, sowohl ihre Intoleranz und Ignoranz als auch ihre Weisheit und Großherzigkeit zu zeigen.

Das "Verschenken" so genannter "Heiliger Bücher" wie den Koran ist dabei vor allem auch aus der Sicht gläubiger Muslime eine zweischneidige Sache. Gerade da den gläubigen Muslimen die Schrift des Propheten Mohammed als wortwörtlich authentische Überlieferung der Worte Allahs gilt, sollten Gläubige sehr vorsichtig mit dem Verschenken einer solchen Schrift sein. Erstens ist die Botschaft und die Heiligkeit des Korans traditionell schon an die ursprüngliche Arabische Sprache geknüpft, in der der Koran verfasst ist und in der er rezitiert wird. Übersetzungen sind dabei durchaus problematisch im Sinne strenger Islam-Theologen. Zweitens müssten diese Geschenke sehr bewusst gemacht und entgegen genommen werden, denn die Gläubigen verlangen, dass das Buch über die bei uns heute noch gebräuchlichen Maße verehrt wird. Es darf nicht einmal achtlos auf den Boden gelegt, geschweige denn fort geworfen, beschmutzt, absichtlich beschädigt oder gar verbrannt werden. Erfahren Gläubige davon, haben fanatisierte Massen schon Terror- und Lynchfeldzüge gegen Andersgläubige angestachelt.

Es ist also nicht nur naiv, 25 Millionen auf Deutsch übersetzte Koranexemplare unter das Volk zu "werfen", das für die Annahme möglicherweise überhaupt nicht bereit ist, es ist aus der Sicht gläubiger Muslime möglicherweise sogar eine Sünde, in einer wohlfeilen Propagandaaktion so achtlos mit den Worten des Propheten umzugehen und dadurch Gegenprovokationen oder auch nur eine unachtsame und damit wiederum aus der Sicht der Gläubigen sündige Behandlung der heiligen Schrift zu riskieren. Die Salafisten haben sich damit unter ihren Glaubensgenossen, denen es ebenfalls ernst mit ihrer Religion des Islam ist, möglicherweise nicht nur wieder erneut provozierend positioniert, sondern auch abermals isoliert. Die Mehrheit der Muslime lehnt ja auch die Ausdehnung des religiös gemeinten Dschihad-Begriffes im Sinne einer Aufforderung zu religiös motivierten Gewalttaten gegen Andersgläubige bis hin zu Terrorakten und Selbstmordattentaten radikal als gottlos und sündig ab. Auch dies sollten wir in einer Demokratie zur Kenntnis nehmen.

Das religiös-kulturelle Christentum, das gerne als wichtiger Teil der zentraleuropäischen "Leitkultur" beschworen wird, hat in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche reformierende Wandlungen durchmachen müssen und ist trotz kulturell prägender Elemente eben kein orthodoxes System mehr, das die Macht hat, die politische Wirklichkeit in den so genannten Demokratien entscheidend zu prägen und religiös geprägte Gesetze und Verfassungen noch möglich zu machen, wenn sie den bürgerlichen Freiheitsrechten und den Menschenrechten, insbesondere den Toleranzgeboten, zuwider laufen. Religionsfreiheit wird bei uns streng beachtet bis hin zu der anerkannten Möglichkeit, frei von Religion zu leben. Das verdanken wir vor allem auch der Reformation, der Aufklärung und der bürgerlichen Revolution im historischen Europa und wir benötigten dazu bis heute 500 Jahre Zeit!

In diesen 500 Jahren hat Europa viele Gewalttaten erlebt und auch Diktaturen erduldet, die mit religiösen und pseudoreligiösen Argumenten angestachelt wurden. Diese Opfer haben uns aber gelehrt, dass wir eine Kultur der Diskussion, des Meinungsaustausches mit friedlichen Mitteln in einer Atmosphäre der Toleranz und Wertschätzung benötigen. Im muslimischen Kulturkreis gab es eine solche Epoche im Mittelalter auf dem Höhepunkt der kulturellen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Blüte der islamischen Welt, in der das Maß der Aufgeschlossenheit und Toleranz das im christlichen Abendland gewohnte Maß bei weitem übertraf. Erst durch unsere evolutionäre philosophische Weiterentwicklung mit Überwindung der Macht der Kirchen wie der monarchischen Aristokratien "von Gottes Gnaden" und der gleichzeitigen Unterdrückung und Ausbeutung muslimisch geprägter afrikanischer, arabischer und asiatischer Kulturräume durch den europäischen Kolonialismus und Imperialismus geriet der Islam weltweit ins Hintertreffen.

Ansonsten kann sich die Höhe der islamischen Mystik der diversen Sufi-Meister in ihren esoterischen Sufi-Orden mit den christlichen und fernöstlichen Mystikern jederzeit messen. Ihre in Sufi-Geschichten volkstümlich tradierten Weisheiten stehen den durchaus ähnlichen Überlieferungen christlicher Heiliger, buddhistischer Lehrer oder jüdischer Talmudisten in nichts nach und haben sogar in der modernen narrativen Gesprächspsychotherapie eine wohltuende Wirkung. Eigentlich gibt es schon längst eine weltumspannende Kultur der Weisheit, der Barmherzigkeit, der Großmütigkeit und Nächstenliebe und die Anhänger dieser "umfassenden Religion" einer unter den Menschen wirksamen "göttlichen Liebe" gehörten nach Ansicht vieler Mystiker schon immer zur einen, großen, geheimen "Kirche", die den Gott der Liebe in den Herzen der Menschen treffen möchte.

Eine Sufi-Weisheit besagt, dass Gott oder Allah im Herzen eines jeden Menschen wohnt. Es sei nur schade, dass wir selbst so oft nicht in unserem Herzen zuhause sind. Somit scheint sich die Liebe oft allein in uns aufzuhalten, wir sind leider nicht da, nicht bei uns. Aber dennoch leben wir und haben die Möglichkeit, durch ein wenig Anstrengung ("Dschihad") und auch liebevolle Nachsicht mit uns und anderen zu uns zu kommen, zur Liebe zurückzukehren und damit zu anderen Menschen gehen. Aus solchen offenherzigen Menschen kommende Geschenke der Mitmenschlichkeit werden vermutlich weniger auf unfruchtbaren Boden fallen, als mehr oder weniger gut übersetzte Exemplare eines heiligen Buches. Aus jedem Menschen, dessen Leben einem Universum gleicht, können Worte und Taten des Friedens und der Freundschaft hervorgehen, mehr und wirksamer, als aus einem Buch. Daher sind menschliche Herzen heiliger als gedruckte Worte und es wichtig, nicht um eines Buches willen Menschen zu verbrennen.

Denken wir daran, dass die christlichen Missionare Hunderte von Millionen Bibeln in allen Übersetzungen unter die Menschen gebracht haben, oft ungefragt. Dadurch haben wir immerhin sehr viele Übersetzungen und können vergleichen, verbessern, um unterschiedliche Tiefen des Verständnisses ringen. Wenn ein solcher Rezeptionsprozess mit dem arabisch geschriebenen Koran auf breiter Basis in den verschiedenen Volkssprachen und nicht nur in theologischen Schulen geschieht, werden für alle Muslime und Nichtmuslime unter den Rezipienten die reformatorischen Verständnismöglichkeiten erreichbar, die wir seit der Verdeutschung und Verbreitung der Bibel durch Luther gesehen haben. Das ist auch etwas Gutes, denn es erweitert den Horizont. Schon jetzt sagen Muslime, die ihren Koran kennen, dass die von den Salafisten in Umlauf gebrachte Koran-Übersetzung zwar durchaus gelungen sei, es aber deutlich Schönere und sprachlich Attraktivere gäbe.

Eine Sprache hat nicht nur ihre Buchstaben, Worte und Sätze und ihre inneren Zusammenhänge der grammatikalischen Teile. Sie hat auch ihre Poesie. Zudem sind religiöse, allegorische und auch philosophische Werke auf mehreren Bedeutungsebenen verstehbar. Am meisten gilt dies für mythologische und religiöse Überlieferungen. Das wussten auch Strenggläubige früher, auch wenn sie an Wortbedeutungen festhielten. Jedoch an welcher? Tiefer und tiefer als die vordergründigen Worte sanken Mystiker und Meditierende. Sie verstanden, dass das, was wir das Herz, die in unserem Inneren tiefbegründete, liebevolle, annehmende Fühlebene, nennen, die eigentliche Verständnisebene für heilige, heilsame, versöhnende und tröstende Wort ist. Im Herzen kann ich jeden empfangen, mich, meine Mitmenschen, heilige Worte aber auch Missverständnisse, Schmach und Demütigungen. Ich werde sie aus dieser Ebene nicht ebenso beantworten. Und Gott? Ja, der ist schon da, immer schon.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

2

Donnerstag, 16. August 2012, 15:56

Dies war wohl eine Initiative, die das Ziel hatte Leute zu belehren und ihnen die Angst vor Islam zu nehmen. Wie Michael schon gesagt hat, gibt es bei sollchen Dingen immer Leute, die es als Provokation sehen.

Ich finde das es eine gute Idee ist und dass man sich von denjenigen, die dagegen sind nicht davon abbringen lassen sollte, da der Gedanke daran gerichtet ist dem Koran und seinen Anhängern zu helfen. Sie haben vielleicht etwas mit der Menge übertrieben.

In der tat kann man das Übersetzte sprachlich kaum mit dem Original vergleichen, aber mit dem Inhalt kann man Leuten zeigen, dass die Religion sich kaum von den Anderen unterscheidet.

Man muss umbedingt etwas gegen die derzeitige Angst vor dem Islam tun. Es erinnert stark an die Angst vor dem Kommunismus in den USA der 60er Jahre, wo Leute den Kommunismus so fürchteten, dass eine Hexenjagd begann und viele unschuldige Leute dem zum Opfer fielen.

LG,
J :evil:
I think, therfore I am.

3

Donnerstag, 16. August 2012, 16:23

Hier ist noch ein sehr interessanter Beitrag zu der Hexenjagd (McCarthyismus) von der ich gesprochen habe.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hinte…politik/242996/
I think, therfore I am.

4

Freitag, 31. August 2012, 11:44

Völlig richtig, die Dämonisierung des Islam ist leider schon weit fortgeschritten, dabei lehrt auch dieser Gewaltfreiheit. Ich verstehe Leute einfach nicht, die immer alles über einen Kamm scheren müssen.. der Islam hier, der Islam da... es ist genau wie bei jeder Religion, man hat Hardliner und Gemäßigte, und der Glaube und die Schriften werden unterschiedlich gelebt und interpretiert.

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5

Freitag, 21. September 2012, 22:11

Erschlag den Buddha, wenn Du ihn siehst…

Würde jemand diesen Aufruf in einer japanischen Zeitung veröffentlichen, müsste ich mit ziemlicher Sicherheit mit einer Reaktion nicht rechnen: Dass ein aufgebrachter Mob gefühlter Samurai mit ihren Schwertern Hackfleisch aus dem Autor machen möchte. Das liegt nicht nur an der japanischen Toleranz gegenüber religiösen Bekenntnissen, die sich in den Jahrhunderten entwickelte, in denen die japanische Gesellschaft zum traditionellen Shinto-Glauben, der seinerseits sehr vielgestaltig ist, unterschiedliche Formen des Buddhismus aufgenommen und zum eigenen Zen weiter entwickelt und später sogar christliche Bekenntnisse integriert hat. Ein Japaner kann durchaus mehreren spirituellen Praktiken gleichzeitig huldigen: Er betet in der katholischen Kathedrale, geht zu bestimmten Anlässen in den Shinto-Schrein, verehrt das Andenken seiner Ahnen und übt regelmäßig Zazen und geht sogar mit seiner Firma einmal im Jahr in ein Zen-Kloster zum Retreat. Die japanische Toleranz schließt allerdings die Beschimpfung anderer Bekenntnisse und Religionen nicht ein. Was man nicht glaubt, wird höflich übergangen und nicht lautstark oder plakativ diskreditiert. Warum auch?

„Triffst Du den Buddha, erschlage ihn“, ist daher ein Satz, der den japanischen Buddhisten anders trifft, als es einen Muslim träfe, riefe man zum Mohammed-Mord oder zum Rufmord an seinem Gedenken auf oder als es einen Katholiken berührte, trampelte man auf dem Gedächtnis an seinen Herrn Jesus herum. Genau dieses geschieht gegenwärtig nach der Meinung fundamentalistischer Christ- und Allah-Gläubiger, die sich über Mohammed-Karrikaturen und schlechte Schmähfilme in dadurch ausgelösten Unruhen blutig bekriegen. Der oben zitierte "Buddha-Satz" stammt nämlich selbst aus der Zen-Tradition, und ist ein Koan. Hinter dem vordergründigen Ausspruch, der Entsetzen hervorrufen könnte und scheinbar sinnlos oder gar empörend klingt, wartet eine Weisheitsbotschaft, die nur der ganz erfasst, der meditierend hinter die glatte Fassade aus Worten und vordergründigen Gedanken zu dringen vermag. Dabei ist eine der hintergründigen Bedeutungen gewiss allen spirituellen Traditionen gemein, die hinter die Form blicken und sich unter anderem deshalb esoterische oder mystische Strömungen nennen. Die Bedeutung ist nämlich: Mache Dir kein Bild vom Allumfassenden und von der Wahrheit, denn was Du mit Deiner Vorstellungskraft eingrenzt, ist weder umfassend noch wahr. Daher zerstöre die Bilder der Vorstellung, erschlage das für heilig Gehaltene und lediglich Begrenzte und Sektiererische, glaube nichts, prüfe Alles einschließlich deiner armseligen Prüfkriterien. Verlasse das Bekannte und wisse, was Du zu erkennen glaubst, ist noch nicht das Umfassende und nicht das Wahre.

Ein Teil dieser Erkenntnisse steckt auch hinter den Bilderverboten der Buchreligionen, wie es die mosaischen Gesetzestafeln vorformulieren. Der vordergründig Glaubende bezieht das auf seine Kirchen- und Moscheewände und bezieht geschichtliche Menschen, die der dogmatische Glaube als Gründerfiguren verherrlicht und geheiligt hat, mit ein. Der Ignorant der tiefer- und hintergründigen Botschaft merkt nicht, auf was die geistige Erkenntnis abzielt. Im „heiligen Zorn“ ist er bereit, wegen einer angeblichen Blasphemie wie das karikaturhafte Abbilden des Propheten das Ebenbild Gottes, einen lebenden Menschen, zu erschlagen. Dabei ist eine Karikatur nicht einmal das Abbild einer Wirklichkeit, sondern eine überzeichnete Fiktion, eine bildnerische Meinungsäußerung. Und das Verdammen von Bildern und Bildnern praktizieren diese Ignoranten schon seit Jahrhunderten, denn die persischen Schiiten haben vom Mittelalter bis zur Neuzeit den Propheten Mohammed in ihren Buch-Miniaturen durchaus abgebildet. Bis heute gehen sich die beiden bedeutendsten Glaubensrichtungen des Islam, die Sunniten und Schiiten (von der Schia oder der Partei Alis) an die Kehle, jedenfalls Diejenigen, die lieber einen Anderen erschlagen würden, als ihre einengenden Vorstellungen in ihren Köpfen. Sollten wir uns aber darüber aufregen? Wenn Ignoranten und Verleumder sich gegenseitig erschlagen, müssten sich die Sachverwalter der Dummheit nicht irgendwann ausgelöscht und Toleranz und Weisheit übrig gelassen haben?

Bislang ist ein Ende allerdings nicht absehbar. Der Vorrat an Dummheit und Boshaftigkeit scheint unübersehbar, unendlich, allumfassend zu sein. Zwar behauptet fast jede Religion, sich dagegen stemmen zu wollen und bezieht genau aus dieser menschlichen Umnachtung Beweise für ihre Existenzberechtigung, aber diese Lösung scheint wie alle vordergründigen menschlichen Lösungen das Problem zu verschlimmern. Es fördert einzig und allein das gespaltene Denken, die spirituelle Schizophrenie, die geistigen Lügengebäude und Dogmen. Eine dieser schizophrenen, verlogenen Behauptungen solcher Religionen ist, dass „Gott“ die Sünder liebe. Weil das so sei, haben die christlichen Inquisitoren allerdings den sündigen Leib der so genannten Ketzer und Irrlehrer mit dem Feuer von der Seele befreit, um diese zu reinigen und der Religion zumindest ins Fegefeuer und vor der ewigen höllischen Verdammnis zu retten. Und genauso pervers und gespalten verhalten sich all die Hüter der „wahren Lehren“ bis heute, die mit der Feder und mit Feuer und Schwert unter den „Ungläubigen“ und Abweichlern wüten, von den sie sich und ihre Religion, deren Symbole und Führer beleidigt „fühlen“. In Wahrheit fühlen sie nichts als Angst vor der Wahrheit und Freiheit und Hass und Zorn auf etwas Unbekanntes, von dem sie sich eine naturgemäß irrige Vorstellung machen. Aber sie kommen nicht darauf, ihr eigenes Gehirn und ihre Gedanken mit Feuer auszubrennen. Warum auch?

Es gibt eine freundliche Einfalt, die aus dem Herzen kommt und den Verstand in seine Schranken weist. Von ihr ist hier nicht die Rede, denn obwohl sie in der jesuanischen Bergpredigt gerühmt und von den Christen angeblich gesucht wird, findet man sie auch nach Jahrtausenden kaum auf unserer Erde. Es gibt dafür überall unter uns Menschen eine der bösartigsten Formen brutaler Dummheit, die sich anstelle jeder humanistischen und religiösen Idee von der Menschlichkeit zum Gesetz der Menschen aufgeschwungen hat und sich mit dem Ehrenkleid eines göttlichen Gesetzes vermummt. Demzufolge ist es menschlich, sich zu diffamieren, zu bekriegen und jede Form der Anmaßung als Treibstoff für den eigenen Hass zu kultivieren. Nach menschlichem Maß dieser primitiven Angst- und Wutgesellschaften ist das, was wir heute in den so genannten Zivilisationen wie vor tausend oder zweitausend Jahren immer noch vorfinden, „normal“: Schmierige, bösartige Karikaturen, die tatsächlich provozieren und beleidigen wollen und der Lynchmob, der sich partout beleidigt „fühlen“ will. Sie benötigen einander für ihre weitere Existenz und haben einander verdient. Paradoxerweise bauen diese Alleszerstörer darauf eine Gesellschaft auf, eine zutiefst gespaltene, sektiererische, kranke Gewaltherrschaft, in der die böse Unterstellung zur Pflicht wird.

Diese Gesellschaften sind nicht wirklich in der Lage dazu, ihre verkrampften Glaubensinhalte einer historischen Forschung und Würdigung zu unterziehen und daraus zu lernen, ohne dass eine Gefühlsaufwallung der Angst und des Zorns Menschenleben gefährdet. Sie fühlen sich trotz anderer Behauptungen davon bedroht, wenn eine historische Forschung den geschichtlichen Gründungsfiguren ihrer religiösen Bekenntnisse näher kommen möchte, ohne diese Form der Würdigung mit Verehrung oder Herabsetzung. Und sie weigern sich in ihrer religiösen Verabsolutierung, die Handlungsweisen dieser Personen vor dem geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund zu beurteilen und damit auch Vergleichbarkeit herzustellen und verschanzen sich hinter Dogmen und Fatwas. Sieht man Mohammed als historische Figur, wird man seine historischen Leistungen genauso, wie seine menschlichen Fehler anders beurteilen können. Man wird ihm mindestens soviel zugute halten können, wie es zu kritisieren gäbe. Damals wurden Mädchen zu „deren Schutz“, was vor allem Versorgung bedeutete, als Kinder und Jugendliche verheiratet. Damals – wie heute – wurden blutige Kriege um Einfluss und Macht im Namen eines Glaubens geführt. Damals hatten bedeutsame Führer ihren Harem, mehrere Frauen oder Mätressen. Dadurch sind sie mit den heutigen Kinderschändern und Mördern nicht zu vergleichen, wie ein bösartiger Mohammed-Film nahelegt.

Auch die Christen hätten einiges zu schlucken, würden sie den Historikern eine Lebensbeschreibung Jesu zutrauen. Er wäre weder eine Jungfrauengeburt, noch unverheiratet und kinderlos gestorben und vielleicht nicht mal am Kreuz geendet. Er hätte Geschwister gehabt und stünde tief in der jüdischen Tradition und wäre weit davon entfernt gewesen, einen neuen Glauben, eine neue Sekte zu gründen oder gar eine Staatsreligion „von dieser Welt“. Die „Heiligen“ der Christen, die als Religionsbewahrer und Verteidiger des Petrusthrones Gewalt für den Glauben ausübten, wären Machtpolitiker mit blutigem Schwert ähnlicher gewesen, als einem Mann Gottes. Ein Kaiser Karl, der die Sachsen zwangstaufen oder zu Tausenden niedermetzeln ließ und heute quasi als eine mystische Gründungsfigur des modernen geeinten Europas christlicher Tradition gilt und nach dem ein proeuropäischer Preis, der Karlspreis, benannt ist, war nicht weiser und kultivierter oder religiöser als Mohammed und auch der geniale, philosophisch bewanderte und zumindest wissenschaftlich tolerante Friedrich II. von Hohenstaufen war kein besserer Früh-Humanist. Es ist lachhaft und absurd, wenn die christlichen Fundamentalisten sich besser fühlen wollen, als die Islamistischen, während sie sich die Köpfe einschlagen, aber keiner lacht.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)