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Dienstag, 10. April 2012, 13:03

Schuld

Definitionsrahmen

Im "Esoterikforum" gab es eine Diskussion über "Urvertrauen", "Naivität und Vertrauen" und schließlich über den Begriff der "Schuld" und jemand fragte mich, ob ich diesen Begriff definieren könnte. Was ist "Schuld"? Was für Auswirkungen hat "Schuld" und welchen Sinn macht die Verwendung eines Konzeptes von Schuld? Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn jede Definition ist entweder zu weit oder zu kurz und auch von ethischen, philosophischen, religiösen oder schlicht moralischen Aspekten derjenigen beeinflusst, die diesen Begriff benutzen und definieren bzw. verstehen. Und selbst um einfach zu bleiben, werde ich wohl etwas weiter ausholen.

Philosophisches

Wer zunächst eine moralische Verknüpfung beiseite lässt, kann auch mit dem Begriffspaar "Ursache und Wirkung" operieren, eine Thematik bei der im Osten durchaus auch religiös verknüpften "karmischen Betrachtungsweise", wobei in der Regel nicht eine Ursache immer genau eine Wirkung entfaltet, sondern häufig ein Bündel von Ursachen ein ebensolches unübersichtliches Bündel von Wirkungen hervorruft, wie es bei miteinander verknüpften Wirkungssystemen in einer komplexen Welt nun einmal ist. Zudem ist das Ursache-Wirkungs-Prinzip an die so genannte "Welt der Wirksamkeiten und Wirklichkeiten", also die "Dualität" geknüpft. Die Untersuchung der Frage nach den Ursachen und Wirkungen ist letztlich auch eine Frage nach dem Woher und Wohin und nach dem Sinn, der sich daraus für die menschliches Existenz ergibt.

Eine mögliche ethische Betrachtung, die dennoch keine bestimmte religiöse oder moralische Sichtweise vertritt, könnte Schuld als ein Ereignis oder ein Ergebnis beschreiben, das auf- oder eintritt, wenn etwas oder jemand im Ungleichgewicht ist und daraus handelt, womit das Ungleichgewicht vermehrt oder wenigstens aufrecht erhalten wird. Diese "Schuld" drängt letztlich wieder zu einem Ausgleich, in dem dieser Betrag, der das Ungleichgewicht ausmacht, abgetragen wird.

Bei dieser Art von Schuld bleiben wir, wenn wir die "Schuldigen" sind, also diejenigen, die zum Erhalt oder der Vermehrung des Ungleichgewichts beitragen, uns oder Anderen oder dem Ganzen, welches immer wieder zum Gleichgewicht strebt, so lange etwas schuldig, bis der Betrag beglichen und der Ausgleich hergestellt ist. Im "gesunden" oder "ethisch unbedenklichen" Bereich sind sogar immer kleine Unterschiede von Nöten, damit Energie fließen und beispielsweise Wachstum stattfinden kann, ebenso allerdings auch Vergehen und Beendigung, womit sich wieder ein vorübergehendes Gleichgewicht einstellt.

Das Problematische ist auch da schon zumeist der Versuch des Festhaltens einer bestimmten Art von Gleichgewicht, der im Verlaufe des Gesamtflusses auch zu einem Ungleichgewicht führen kann, denn Leben ist beständig veränderlich und damit immer wieder neu auf der Suche nach Gleichgewichten. Diese Prozesse sind rhythmisch und zeichnen sich durch Variabilität innerhalb gewisser Schwankungsbreiten aus. Wird ein natürlicher, z.B. biologischer Rhythmus in einem festen, unveränderlichen Takt festgehalten, kann das System nicht mehr ausreichend reagieren und "schwanken" und dadurch ebenfalls ungleichgewichtig und vielleicht in einem gewissen Sinne "krank" werden können.

Seit Menschen das Nachdenken über sich selbst und den Sinn ihres Lebens zur höchsten Disziplin erhoben und vor gut 2500 Jahren die damals schon ausgetretenen religiösen Pfade hin zu einer freieren Philosophie betraten, befassten sie sich unter anderem auch mit der Ursache-Wirkungsthematik und auch mit dem Thema "Schuld" in Verbindung mit der Frage nach Erkenntnis und Bewusstsein. Ein Ziel philosophischen Denkens war neben der Erklärung für das Woher und das Wohin des Menschen und der Sinnfindung auf der Strecke dazwischen die Klärung menschlicher Verantwortung für geschichtliche und soziale Veränderungen.

Auf der Suche nach einer idealen, ausgewogenen, gerechten, harmonischen Gesellschaft, die unter der weisen Anleitung von Philosophen nach reiner Erkenntnis, Sinn und Lebensfreude strebte, wurden und werden nach platonischer Anregung bis heute "Utopien" entwickelt. Entsprechend der ursprünglichen altgriechischen Wortbedeutung gibt es bislang für eine solche ideale Gesellschaft keinen Ort (ou topos) und bis heute streiten sich die Utopisten, ob wir von einer verlorenen Zivilisation des "goldenen Zeitalters" träumen oder von einer zukünftigen idealen Weltordnung in Frieden, Wohlstand und Harmonie zumindest aller menschlichen Bürger.

Die Möglichkeit der menschlichen Einflussnahme auf das Geschehen der Welt wie auf das Treiben der Götter oder die Kräfte der Natur bewegt die Philosophen seitdem bis heute. Auch die modernen, von Hegel und vom Materialismus eines Karl Marx beeinflussten Denker gehen weiterhin bis zu den Existenzialisten der Frage nach der Macht menschlichen Geistes, nach seinem Handeln in der Geschichte und nach seiner Schuld nach. Ganz gut kommt dies in dem Satz des Albert Camus, einem Zeitgenossen Sartres, zum Ausdruck: “Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.” Camus entwickelte eine dem Existentialismus verwandte Philosophie des Absurden. Durch Erkenntnis und Annahme der Absurdität des Lebens in der Dualität erlangt der Mensch in der Rebellion seine Freiheit, die ihm lediglich der Tod einschränkt.

Der mythische Sisyphos büßte im Hades eine Schuld, die der listigste aller Sterblichen durch Verstöße gegen die Pläne und Beschlüsse der Götter auf sich geladen hatte. Die Strafe für seine Schuld war, dass er auf ewig in völlig sinnloser Weise einen Fels einen Berg hinauf wälzen musste, mit dem Ziel, ihn auf der anderen Seite hinunter zu stürzen, was ihm jedesmal kurz vor dem Ziel misslang, indem der Fels wieder zurück rollte. Sisyphos Rebellion galt schon vor seiner Bestrafung der Sterblichkeit und eine Zeitlang hatte er Erfolg, bis er seinerseits mehr überwältigt als überlistet wurde, wobei er jedoch bis dahin den vollen Lebensgenuss erfuhr. Der Existentialismus sieht das selbstbestimmte, freiheitliche Geschick des Menschen darin, seine endliche, durch den Tod ohne Hoffnung auf Erlösung von ihm absurde Existenz anzunehmen und Verantwortung für sein Tun und Handeln zu übernehmen, auch und gerade wenn er nicht anders handeln kann und sich erst nach seinem Eintritt in das Leben selbst erfährt und erfahrend seinen individuellen Lebenssinn definiert.

Religiöses

Doch vor einer philosophischen Sinnbestimmung von Ursache und Wirkung, Ziel, Sinn und Schuld gab es viele Jahrtausende zuvor sich entwickelnde religiöse Anschauungen zu der Sinn- wie der Schuldfrage, wobei sich die Sinnfrage zumeist gar nicht erschloss, sondern zumindest als Frage geistiger Erkenntnisfähigkeit eine Domäne der Philosophie wurde. Eine besondere Art von "Schuld" stellt die zumeist religiös und moralisch definierte "Sünde" dar. Ursprünglich bezeichnen religiöse Vorstellungen in ihren heiligen Überlieferungen und Schriften "Sünde" als eine sehr starke Verfehlung gegen die innere und äußere "natürliche" und "göttliche" Ordnung, was früher synonym verstanden wurde. Diesen Begriff gibt es auch heute noch etwa in der ethischen Ökologiediskussion, in der von Umweltfrevel und ökologischem Sündenfall gesprochen wird.

Gerät der Mensch durch seine "Schuld" so weit aus dem Gleichgewicht, dass er sich mehr und mehr seiner Innenwelt und seiner Umwelt sowie seiner Mitwelt, seinen Mitwesen aus dem Pflanzen- und dem Tierreich sowie seiner sozialen Familie entfremdet, werden die Folgen immer größer, nach innen fühlbar und nach außen unübersehbar und durch den Einzelnen allein oft nicht mehr korrigierbar. Er oder die Gemeinschaft wird "sündig" und trägt die Folgen der Entfremdung an sich selbst und in die Gemeinschaft und die Welt hinaus.

Zur Korrektur und zur Wiedererlangung des Gleichgewichtes ist dann eine Umkehr notwendig. Sie setzt das Erkennen des eigenen Ungleichgewichtes und der Denk- und Handlungsweisen voraus, die dieses Ungleichgewicht aufrecht erhalten und verstärken. Danach erfolgt eine innere Einkehr, eine Verbindungsaufnahme zum inneren Wesenskern, um die Entfremdung von sich selbst zu beenden und schließlich eine Zuwendung zum Ganzen, von dem wir uns entfremdet haben, um unsere Beziehungen zu diesem Ganzen zu heilen.

Psychologisches

Andere können uns dabei helfen, zu uns selbst zu kommen und uns zu reflektieren, indem wir in den Spiegel unserer Projektionen, auch von Schuld, schauen und in dem die Anderen uns sogar liebevoll annehmen, wo wir mit uns bereits in tiefem Unfrieden leben. Dennoch geschieht etwas sehr Wichtiges nur in uns selbst und durch uns selbst. Die Selbstwahrnehmung wird nur in der Selbstannahme vollständig und heilsam und löst uns selbst aus der eigenen Schuld und regt uns zum Ausgleich an.

Es handelt sich nicht um eine billige Entschuldigung im Sinne einer Ausrede vor sich selbst. Es ist ein wahrhafter, oft von schmerzlichen und traurigen Gefühlen begleiteter Erkenntnisprozess, der nur unvollkommen mit moralisch-religiösen Begriffen wie Buße oder Sühne beschreibbar ist. Am Ende steht die Wiederherstellung einer tiefen Verbindung zu uns, zu unseren Mitwesen, zur so genannten "Schöpfung" oder der "Mutter Natur" oder der "heiligen Erde" oder "Gott" und die natürlichste Empfindung dazu ist Herzensfreude und stiller Friede.

Urgeschichtliches

Die religiösen Überlieferungen der Menschheit, die sich mit dem Phänomen des Geistes, der aus der Schöpfung heraus bricht, nachdem er sie bewirkt hat, beschäftigen, scheinen zu belegen, dass es sich bei dem Themen um Schuld und Sünde sowie um Gleichgewicht und Harmonie um Urthemen der Menschheit handelt, die bereits die frühen Menschen spirituell zu begreifen und zu behandeln versuchten, sobald sie eine Schwelle des Bewusstseins, der Erkenntnis überschritten hatten, der symbolisch mit dem "verbotenen" Essen der Frucht vom "Baum der Erkenntnis" beschrieben wird.

Irgendwann in der Steinzeit waren menschliche Wesen so weit, zu erkennen, dass sie bewusst einen Unterschied machen und eine Wirkung wollen und herstellen können, sogar etwas so Großes und Eindrucksvolles, wie Leben Nehmen und Töten und zwar mit voller Planung und Absicht und in dem Bewusstsein, damit ein Ungleichgewicht zwischen Leben und Nichtleben herbei geführt zu haben, um ein anderes Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, nämlich das eigene Leben.

Dieser Erkenntnissprung wird vermutlich deutlicher zutage getreten sein, als man nicht nur kleine Nager mit dem Stock erschlug und verschlang wie Insektenlarven sondern im gefährlichen Zweikampf oder noch eher in der organisierten Jagd viel größere und stärkere, wehrhafte Tiere erlegte, die z.B. auch in sie schützenden Herden lebten. Es einfach nur den Wölfen und Raubkatzen nachzumachen, war es vermutlich schon deshalb nicht mehr, weil in diesen frühen Menschen auch schon ein Bewusstsein der eigenen Gefährdung und der Sterblichkeit aufkam, wie wir aus Anzeichen ritueller Bestattungen seit gut 50.000 Jahren zur Zeit der Neandertaler vermuten können.

Urerkenntnis von "gut" und "böse"

Die Einsicht in die eigene Sterblichkeit und die Fähigkeit, größere und stärkere Wesen und auch unsere Artgenossen bewusst zu töten sowie eine aufkeimende Einsicht in die Entstehung des Lebens aus der biologischen Fruchtbarkeit scheinen im Menschen weitere Bewusstseinsprozesse angestoßen zu haben. Es entstand die Notwendigkeit, die bewusst gewordenen Unterschiede mental zu verarbeiten und sich mit dem Gleichgewicht und der Harmonie der Schöpfung zu beschäftigen, aus der der Mensch als Ganzes soeben hervor trat und eben auch aus ihr herausfiel, individuell etwa mit dem eigenen Tod. Damit trat auch das Problem einer Unterscheidung von "gut" und "böse" auf, was so viel heißt wie im Einklang befindlich oder zum Ungleichgewicht führend.

Wenn Leben genommen wurde, entstand kurzfristig ein Ungleichgewicht, eine Schuld, die bezahlt werden musste, damit das Gleichgewicht, die Harmonie wieder hergestellt werden konnte. Das Nehmen von Leben diente dazu, das eigene Leben und das der Sippe aufrecht zu erhalten und fortzuführen. Das war gut. Dieser Eingriff konnte im Einklang mit der Natur erfolgen oder ein Ungleichgewicht verstärken. Letzteres wäre böse oder würde jedenfalls auf die Dauer dazu führen, etwa in dem es "böse" Folgen hatte. Anfangs schienen die noch sehr wenigen Menschen sehr bemüht, das natürliche Gleichgewicht nicht nachhaltig anzutasten und ins Wanken zu bringen, jedenfalls so lange sie der Natur fühlbar ausgesetzt waren.

Spirituelle "Ursünde"

Wir wissen, dass es der Mensch jenseits eines fiktiven "goldenen Zeitalters" einer hochbewussten "Atlantischen Zivilisation" vor mehr als 50.000 Jahren nicht mehr geschafft hat, das globale Gleichgewicht zu erhalten, sondern seine Art zu einem solchen Erfolg geführt hat, dass er nun sämtliche ökologischen Kreisläufe schon durch seine schiere Individuenzahl und dem dadurch bedingten Nahrungs- und Energiebedarf bedroht, ganz abgesehen von seinen Massenvernichtungswaffen und der menschlich verursachten Umweltzerstörung. Wir standen schon in der Steinzeit am Beginn der spirituellen "Ursünde".

Der Weg zu dieser Autonomie oder auch Entfremdung von unseren natürlichen Grundlagen mit dem Raubbau an den Ressourcen unseres Heimatplaneten wurde nämlich offensichtlich spirituell begleitet und ermöglicht. Es gibt ein Bewusstsein von der Gefährlichkeit unseres Weges mit entsprechenden spirituellen Warnungen und es gibt fast antagonistisch dazu die spirituelle Beherrschung der inneren Welt der Ängste und der äußeren Welt der Gefahren und Bedrohungen mit dem angeblich göttlichen und im wesentlichen menschlichen "Auftrag", sich partiell selbst zu disziplinieren und sich dabei die "Erde untertan" zu machen.

Denn natürlich gaben die frühen Menschen als erfolgreiche Jäger zunächst noch langsam wachsender Sippen das genommene Leben nicht 1:1 zurück, etwa indem die menschlichen Individuen im Gleichgewicht mit ihren Nahrungstieren starben oder tierischen Jägern zum Opfer fielen. Die Eiweißmast durch bewusstes Jagen glich während eines langen Zeitraumes in der Steinzeit Naturkatastrophen wie Steppenbrände, Dürre oder zu langen Frost mit Mangel an Früchten und Wurzeln aus und die Jäger konnten sich immer weiter in unwirtliche, z.B. eiszeitliche Gegenden der Erde mit Großwildherden vorwagen, wo es Mammuts, Karibus und andere Hirscharten, Wildpferde, Wisente, Bisons, Ure usw. gab.

Auch das brachte die Natur noch nicht wirklich aus dem Gleichgewicht, doch wuchsen nicht nur das eiweißgenährte menschliche Gehirn, sondern auch die von diesem planvoll gestützte allgemeine menschliche Überlebensfähigkeit mit einfachsten Mitteln in widrigsten Umständen. Der Mensch machte Feuer, Kleidung, Hütten und Zelte, Transportmittel, Voratsgefäße und immer wirkungsvollere Waffen, schärfere Speerspitzen, Speerschleudern, Wurfhölzer und schließlich Pfeil und Bogen sowie Blasrohre. Damit waren die erreichbaren Beutetiere immer größer und zahlreicher und Nahrung ließ sich auch schon eine Zeit lang durch Braten, Räuchern und Trocknen und später Salzen aufbewahren.

Das spirituelle Problem der Harmonie und des Ungleichgewichtes, das bei bewusster Tötung Schuld bedeutete, die ausgeglichen werden musste, konnte so schon lange während der steinzeitlichen Periode der Jäger und Sammler vor den ersten agrarischen und späteren Metallkulturen bearbeitet werden, sodass der Mensch am Ende über komplexe religiöse Systeme verfügte, die ihm den Eingriff in die natürlichen Kreisläufe nicht nur erlaubte, sondern sogar notwendig erscheinen ließ und ihn darin immer erfolgreicher machte, indem sie die Ängste seiner Psyche beruhigte.

In dem die menschlichen Wesen nämlich Tötung nicht mit eigenem Tod und Opfer bezahlten, sondern mit einer rituellen, geistig-spirituellen Währung, stellten sie in ihrem Denkbewusstsein ein Gleichgewicht wieder her, das auf die Dauer auch bereits in der unmittelbaren Umgebung der großen Jagdgebiete immer weniger real existierte. Wuchs die Horde, musste das Jagdgebiet ausgeweitet werden, um mehr Wild zu erlegen. War das lokale Gebiet überjagd, mussten die Menschen wandern. Noch ging dies, weil die Menschen insgesamt noch wenige und die Welt groß und wildreich war und die Menschen mit wenig Habe nomadisch leben konnten und nicht sesshaft waren.

Uralte Jagdrituale tilgen Schuld

Im Großen und Ganzen gab es im psychologischen Empfinden der steinzeitlichen Jäger immer noch Harmonie und Gleichgewicht, wenn die Jäger rituell der "Herrin der Tiere" ihre geringeren, aber im Ritual mit "magischer Kraft" (z.B. "Mana") aufgeladenen Versöhnungsopfer darbrachten und sich somit reinigten und "entschuldigten", um dafür ein Vielfaches an Leben für ihre Art aus der Natur zu nehmen. Sie glaubten und wollten glauben, dass durch ein bestimmtes Versöhnungsritual "Mutter Natur" ihre Gaben zur Verfügung stellt und bestimmte Tiere sich dem Jäger bei der Jagd, die sowohl real und gefährlich als auch rituell war, opferten.

Somit wurden alle Handlungen, auch die zweckgerichteten Tötungshandlungen "heilig" und damit frei von Schuld und Sünde, wenn sie sich im Rahmen der sich immer stärker formierenden religiös-rituellen Vorstellungen abspielten. Das gab dem einzelnen Jäger und der Sippe Sicherheit. Die Verbindung zur Natur, zur Gottheit, die alles beseelte und gab, aber auch verweigerte, stellte das Ritual her, das zum Teil jeder Einzelne durchführen, im Sinne der Arbeitsteilung aber immer mehr auch einzelne, aus der Allgemeinheit hervor ragende Individuen mit besonderen spirituellen und psychologischen Fähigkeiten übernahmen, Schamaninnen und Schamanen, aus denen später die Priester hervor gingen.

Von der Jägerreligion zur Religion der Ackerbaukulturen

Dieses System der psychologischen Entängstigung und Selbstermächtigung des Menschen über die Schöpfung, das in steinzeitlichen Jägerkulturen immer noch recht moderat und ehrfurchtsvoll gewesen ist, stand bereit, als der Mensch mit der Viehzucht und dem Ackerbau nicht nur in die Welt der wilden Tiere massiv und erfolgreich eindrang, sondern auch begann, den Boden intensiver zu nutzen, erst als Weide für seine domestizierten Tierrassen, dann auch als Ackerbaufläche. Dafür rodete er auch Wald, indem er ihn einfach mit dem von ihm beherrschten Feuer abbrannte.

Später grub der Mensch in die Erde und holte wie schon früher die Flintknollen für seine Feuersteingeräte Lehm für Geschirr und Behausungen und Metalle für Geräte und Schmuck aus der Tiefe. Mit seinen religiösen Systemen für den Umgang mit Schuld und Ungleichgewicht entwickelte er auch Herrschaftsvorstellungen, die die Arbeitsteilung und die dadurch zunehmende Ungleichheit der Menschen moralisch erklären und bewältigen helfen sollte. Es gab mächtigere Familien, Clan-Führer, Priesterinnen und Priester und religiöse Systeme bildeten sich aus, die nicht nur die Ausbeutung der Natur durch den Menschen rechtfertigten und ermöglichten, sondern auch die Herrschaft weniger Menschen über andere und die Ausbeutung der Beherrschten.

Das System war in sich so effektiv, dass die Bevölkerungen während der "neolithischen Revolution" weltweit wuchsen. Viehzucht und Ackerbau ermöglichten eine Überschussproduktion für schlechte Zeiten und den Winter und machten Kräfte für Gemeinschaftsprojekte frei, zu denen Führer und die religiösen Vorstellungen die Menschen trieben, die ihrer Weltsicht durch Steinkreise, Großsteingräber und erste Tempel zum Ausdruck brachten, während sie ihre Behausungen durch Wälle und Mauern zu schützen begannen. Das nannte man die neolithische Revolution, die noch in der Steinzeit begann und durch Viehzucht und Ackerbau mit gezielter Nahrungsmittelproduktion erstmals eine dauerhaftere Sesshaftigkeit trotz Bevölkerungswachstum ermöglichte.

Religion legitimiert Herrschaft und Krieg

Die Menschen vermehrten sich stetig, besiedelten durch Abwanderungen eines Bevölkerungsüberschusses von Zeit zu Zeit schließlich fast alle Nischen der Erde von der Arktis bis zu den Wüsten, gründeten Stadtstaaten und schließlich Reiche und führten Krieg miteinander, um sich die Ressourcen der Nachbarn anzueignen. Es wurde geopfert, getötet, gepredigt, verkündet, beherrscht, unterworfen und Profit gemacht. "Sünde" war nicht mehr nur der Frevel gegen die Harmonie von Mutter Erde sondern auch die Rebellion gegen die Herrscherkasten und die Usurpation von religiös legitimierter Macht.

Mit dem Handel auf Tauschbasis tauchte bald auch das Geldsystem auf und die Notwendigkeit, Archive mit Verzeichnissen von Waren und Gütern in den Warenlagern und Schatzhäusern anzulegen. Man konnte nun auch "Schulden" machen und musste die Konten durch Warenlieferungen, Geld oder Dienstleistungen ausgleichen. Die Unfreien "schuldeten" den Herrschern Dienste beim Bestellen der Äcker, dem Errichten von Monumentalbauten und im Krieg, den Priestern "schuldeten" sie Opfer für die Götter und Zuwendungen für den Gottesdienst und was sie nicht persönlich erbringen und abarbeiten konnten, war ihnen in Form von Abgaben, von Steuern auferlegt.

Sogar Menschen schuldete man dem Herrscher und der Religion als Soldaten, Sklaven und Novizen für die religiösen Pflichten in den Tempeln. Und diese schuldeten ihren Herren den bedingungslosen Gehorsam. Gleichzeitig wurde damit ein Teil des Bevölkerungsüberschusses für "Gemeinschaftsaufgaben" abgeschöpft und teilweise der Fortpflanzung entzogen, denn oftmals durften Soldaten, Sklaven und untergeordnete Mönche oder Priester nicht ohne Erlaubnis der Oberen heiraten bzw. Kinder zeugen und diese Erlaubnis gab es entweder nie oder je nach Nutzen für diejenigen, denen die Untergebenen Gehorsam schuldeten und die sich den Nachwuchs wiederum zu nutze machten.

Propheten: religiöse Warnungen auch für Könige

Natürlich erwuchs aus jeder religiösen Einseitigkeit, die zu Missbrauch verleitete und auch Folge von Missbrauch war, auch die Gegenbewegung und die Warnung. Zurück zur Natur, zum Gleichgewicht, Versöhnung mit den versklavten natürlichen aber auch tierischen und menschlichen Kräften war die grobe Leitlinie. Dieser Ausgleich wurde auch tatsächlich benötigt, sollten die Städte und Staaten bildendend sesshaften und somit unbeweglich gewordenen Gemeinschaften nicht an Ressourcenmangel oder inneren sozialen Umwälzungen und Revolutionen zugrunde gehen. Daher musste man sogar den Schuldsklaven wieder die Schuld erlassen, damit sie wieder lebens-, handlungs- und arbeitsfähig wurden und jede Übertreibung des Systems in krasse Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten vorsichtig wieder korrigieren.

Deshalb wurden viele Teile der Forderungen der "Reformkräfte", die wie die "Propheten" als frühe "Moralisten" auftraten, auch in die offiziellen Herrscherreligionen integriert und zu ethischen Forderungen oder aber zu Leitbildern formuliert, an denen sich jeder, auch ein König, ausrichten sollte. So entstanden etwa göttliche Manifeste ethisch empfohlenen Handelns wie die "Zehn Gebote" in ähnlicher Weise überall auf der Welt und wurden zu Richtschnüren, an denen sich auch einzelne Gesetze der menschlichen Herrscher orientierten, auch wenn diese sich gerne einen göttlichen Ursprung konstruierten.

In der Biblischen Gesellschaft des Alten Testamentes zeugen die Einrichtungen von Sabbatjahren alle sieben Jahre und dem Jobeljahr nach sieben mal sieben Sabbatjahren von weitreichenden ethischen Überlegungen einer agrarischen Stammesgesellschaft am Überganz zur Feudalgesellschaft mit ökologischem und sozialen Sinn, die helfen sollten, die Bevölkerung vor Hunger, Durst, Armut und dauerhafter sozialer Ungleichheit zu bewahren und damit ihr Überleben und ihre kulturelle Identität zu bewahren, die sich bereits herausgebildet hatte, zusammen mit den entsprechenden Kultursprachen.

Gesetze und Richter

Die Gesellschaften entwickelten nicht nur ihre religiösen Vorstellungen und ihre Herrschaftssysteme weiter, sondern sie regulierten das menschliche Miteinander und den Austausch von Gütern sowie den Besitz von Boden, Tieren und Waren oder auch Menschen immer stärker durch so genanntes Recht, das zunächst mündlich überliefert und später als "Kodex" in Stein gemeißelt und aufgeschrieben wurde. Es tauchten neue Begriffe neben Schuld und Sünde als Gegensätze von Gleichgewicht und Harmonie auf, nämlich Unrecht und Ungerechtigkeit als Gegensatz von Recht und menschlicher Ordnung.

Nun konnte man sich nicht mehr gegen die Schöpfung versündigen, was religiöse Ausgleichshandlungen in Form von speziellen Ritualen und die Beobachtung einer besonderen Lebensweise notwendig machte, sondern man konnte auch das Recht brechen und damit vor dem Gesetz und dem Gesetzesherren, dem Herrscher schuldig werden und musste seinen Verstoß büßen und eine Sühneleistung aufbringen oder bezahlen, um von seiner Schuld los gesprochen zu werden.

Andere übernahmen die Aufgabe, im Sinne der Herrscher über das Gesetz zu wachen, Schuld festzustellen und schuldig zu sprechen und Strafe auszusprechen, mit denen die Sühne geleistet werden musste. Auch Tötungen außerhalb des Krieges unter Menschen wurden zu Tötungsdelikten und wurden geahndet, bis hin zur Tötung des Verurteilten in vom Richter verhängten Hinrichtungen, die von militärischen Wächtern des Herrschers und seines Rechtes als Polizisten durchgesetzt und von Henkern durchgeführt werden konnten. "Schuld" und "Sühne" und auch "Buße" waren von nun an nicht nur ethische, religiös empfundene und moralisch bewertete Begriffe, sondern Juristische und standen in den Gesetzen der Herrscher "von Gottes Gnaden".

Jenseits von Glaube, Religion und Gesetz: Zurück zu uns selbst

Wollen wir nun aber wieder nach diesem Ausflug in die Menschheitsgeschichte zu uns selbst zurückkommen in einer Zeit, in der sich jedes Glaubenssystem als erfunden, geschichtsgebunden entwickelt und nützlichkeitsorientiert sowie zweckgebunden entlarvt, einschließlich des "Glaubens an die Wissenschaft" und in der nichts mehr als a priori gültig und gegeben hingenommen werden kann, müssen wir wieder ganz nach innen und in die Beziehung gehen, zurück zu unserer steinzeitlichen Seele.

Wie sieht unsere Beziehung zu uns selbst aus? Was blieben wir uns bislang schuldig? Welches innere Potential zumal unseres Herzens, unserer Empfindungsfähigkeit haben wir noch nicht entwickelt oder gar mehr oder weniger bewusst unterdrückt und sind uns damit selbst fremd geworden? Was sind wir anderen in der Beziehung an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit schuldig geblieben? Nehmen wir Kenntnis von unseren Gedanken und Gefühlen als selbst verursacht oder projizieren wir munter darauf los und vermuten die "Schuld" für Ungemach beim Anderen? Wie ist unsere Beziehung zu unserer Umwelt? Was schulden wir unserem Planeten, unseren Mitwesen, den nach uns kommenden Generationen?

Haben wir eine Idee davon, wie wir uns wieder in ein besseres Gleichgewicht bringen und "Schuld" verringern können, wie wir Harmonie, die keineswegs statisch ist, immer wieder neu herstellen und erlangen können? Können wir diese Zustände des Ungleichgewichts wie der Harmonie fühlen? Können wir umkehren, wenn wir uns nachhaltig und dauerhaft an der Schöpfung in und um uns "versündigen" und damit zur eigenen seelisch-geistigen und körperlichen Gesundheit beitragen wie zu heilsamen Beziehungen mit unseren Mitwesen und unserer Umwelt? Wenn uns Religionen, Verfassungen, menschengemachte Gesetze, die Wissenschaft, Herrscher und alte moralische Vorstellungen die Antwort nicht mehr geben können, bleibt uns nichts anderes übrig, als tief in uns selbst und beieinander in unseren Beziehungen zu suchen, auch in der unmittelbaren Erfahrung natürlicher Prozesse, um wieder bei uns und dann in der Welt anzukommen.

Ausblick auf das Ende einer Entwicklung - vielleicht ein neuer Anfang

Wir sprechen oft im Jahre 2012 von der nahen Zeitenwende. Was heißt das? Das Wiederfinden eines neuen, heilsamen Gleichgewichtes für uns selbst und unsere Erde ist nach einer über fünfhunderttausendjährigen Entwicklung vom allesfressenden werkzeuggebrauchenden Raubtier zu einem Weltunterwerfer und Naturzerstörer alles andere als leicht und es könnte dazu kommen, dass die Entwicklung unserer Körper bzw. unserer körperlichen Existenz und damit die Entwicklung der menschlichen Seele auf diesem Planeten zu ende geht und unser Geist seine Weiter- oder Zurückentwicklung zu seinen Ursprüngen, wie immer man diese geistigen "Atmungsvorgänge" oder "Reisen" auffassen will, vielleicht früher als gedacht und gehofft anders vollziehen wird und andere Erfahrungsvehikel konstruiert, als uns das bisher in unserer menschlichen Leibgebundenheit mit begrenzten Verstandeshorizont möglich erscheint. Das mag noch einige hundert oder tausend Jahre gehen, vielleicht aber aber auch nicht. Propheten sind gerade wieder Einige unterwegs und wenig einsichtige Herrscher und Beherrschte gibt es auch zuhauf.

Die Frage ist am Ende jedoch auch: Hatten wir eine andere Wahl, als Schuld auf uns zu laden, also Unterschiede zu machen, um sie dann zu erkennen und Ungleichgewichte hervor zu rufen? Hätte es einen Sinn gemacht in einer Art "vorbewussten Paradies" tierähnlicher Existenz zu verbleiben und die Evolution zu "erleiden", statt mit unserem sich entwickelnden Gedankenapparat auf neuronaler Basis die "Ursünde" zu begehen und um der "gottgleichen" Erkenntnis willen uns die verbotene Frucht einzuverleiben und damit Bewusstsein über unsere Sterblichkeit und die Fähigkeit, bewusst Leben zu geben und zu nehmen zu erlangen?

Vermutlich ist es müßig, am Ende einer Entwicklung darüber zu spekulieren, wie sie nicht verlaufen wäre. In mir besteht allerdings der Verdacht, dass die Entwicklung eines geistigen Bewusstseins innerhalb einer biologisch-leiblichen Sphäre mit Versuch und Irrtum unweigerlich in einen Bereich führt, in dem naiv, unschuldig oder sogar bewusst "bösartig" alles ausprobiert und versucht wird, die Grenzen der Erkenntnis auszudehnen und die Erfahrungsmöglichkeiten bis in die Extreme auszuloten. Dazu gehört auch, sich Wissen und Fähigkeiten an der Grenze von Leben und Tod, von Sein und Nichtsein anzueignen und damit nicht nur Gott zu spielen, sondern als ein Wesen mit einem gewordenen biologischen Körper das Göttliche zu erfahren.

Es gibt Theologen, die so weit denken, als habe das göttliche Bewusstsein aus dem Potential des Allmöglichen vor der Schöpfung und vor dem Erfahrungsbewusstsein die Schöpfung mit ihrem evolutionären Entwicklungspotential hervor gebracht, um sich selbst als Erfahrungsbewusstsein gespiegelt durch alle Einzelteile, Elemente und Wesen zu erleben. Damit würde sich also auch das göttliche Bewusstsein mit jedem von uns weiter entwickeln und weiter erfahren. Wer das Ganze nur logisch zu begreifen versuchte, würde schlussfolgern, dass es keine allumfassende, allmächtige, allwissende Bewusstseinseinheit seit dem Urknall gibt noch jemals wieder gäbe. Aber was "wissen" wir schon in einer Welt der Dualität mit der Sicht auf einen kleinen Teil von gerade einmal einem Universum? Nicht viel mehr als schwarz, grau und weiß. Und ohne unsere Schuld wüssten wir noch viel weniger.

Ein unerschrockener Mann, der eine alte Religion neu auf der Basis von Mitgefühl und Nächstenliebe interpretierte und zum Märtyrer gemacht wurde, weil er seine innige Beziehung zum Göttlichen auf eine Weise beschrieb, wie ihn seine Mitmenschen nur missverstehen konnten (und bis heute missverstehen) und als Gotteslästerer ansahen, forderte einst die Gesetzestreuen zur Verurteilung einer Ehebrecherin, was sie zur todeswürdigen Gesetzesbrecherin machte, mit den Worten auf: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!" Alle gingen beschämt weg und er sagte zu der Frau: "Auch ich verurteile Dich nicht. Geh und sündige nicht mehr." Den Menschen, die ihm folgten, gab er ein Gebet an den göttlichen "Vater", in dem es unter anderem heißt: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Einige halten diesen Mann nicht einmal für eine historische Person, andere für einen Propheten und Christen für "Gottes eingeborenen Sohn".

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)