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Dienstag, 17. Januar 2012, 09:02

Möchte niemals werden, wie...

"Ich möchte nie in die Rolle des Kapitäns der Titanic geraten, der zwischen Eisbergen durch den Ozean navigierte" , sagte laut "Märkischer Allgemeinen" der Kapitän Francesco Schettino, der Unglückskapitän, der sein Schiff, den riesigen Kreuzfahrer "Costa Concordia" jetzt gerade in einem vermutlich waghalsigem und daher von seiner Reederei auch verbotenen Manöver vor der toskanischen Insel Giglio versenkte. Sechs Tote wurden seit dem Schiffsunglück bereits gezählt, mehr als doppelt so viele Kreuzfahrttouristen werden noch vermisst. Jetzt droht womöglich eine Ölpest, wenn im schlechten Wetter die Treibstofftanks leck schlagen und Schweröl austritt, um die landschaftlich schöne Küste zu verschmutzen. Der Kapitän, der das Schiff vor Beendigung der chaotischen Rettungsaktion verließ, sitzt in Untersuchungshaft. Dem oberflächlichen menschlichen Bedürfnis, für jedes Unglück sofort einen Schuldigen zu finden, ist jedenfalls schon mal Genüge getan.

Auch wenn die geschockten Urlauber von Panik und Katastrophenstimmung wie beim Untergang der Titanic berichten - keiner der damals Überlebenden lebt heute noch und keiner der Kreuzfahrer kann sich an ein ähnliches Ereignis erinnern - das Unglück bleibt natürlich weit hinter den Dimensionen der Titanic zurück, selbst wenn bei dem schwimmenden Palast des modernen Kreuzfahrt-Luxus Totalschaden eintreten sollte. Immerhin gibt es noch etwas zu bergen und zu verschrotten.

Doch der maßlose Vergleich ist aus psychologischen Gründen interessant. Begonnen hat er bereits mit dem abwegigen Ausspruch des 52 jährigen Karriere-Kapitäns ca. ein Jahr vor der jetzigen Haverie. Ein gewisser Größenwahn schwang schon in diesem unheilsträchtigen Satz mit, als der Kapitän sein Luxusschiff mit dem alten Luxus-Liner Titanic, damals Wahrzeichen für Gigantismus und nach der Katastrophe auch für Größenwahn, verglich. Und wenn er so etwas tut, ist es natürlich klar, dass er nicht in die gleiche entsetzliche Lage kommen möchte, wie der damalige Unglückskapitän.

Und dennoch hat der Kapitän bereits damals mit diesen Worten die verhängnisvolle psychologische Assoziation ausgesprochen, die ihn bewegt. Sein Unbewusstes schert sich dabei mitnichten um das kleine Wörtchen "nicht"! Das Unbewusste beschäftigt sich aus seiner Perspektive nur mit so genannten Tatsachen, "Wirklichkeiten", die als andauernd existierend gelten und dadurch Wirksamkeit erlangen und entfalten. Etwas, das nicht ist ist zweifellos nicht da und nicht wirklich und dadurch auch nicht wirksam. Unser Unbewusstes registriert daher Worte wie "nicht", "nie" oder "kein" überhaupt nicht.

Der Satz des Costa-Concordia-Kapitäns heißt daher für sein Unbewusstes: "Ich möchte ... in die Rolle des Kapitäns der Titanic geraten" und genauso hat sich dieser Kommandant mit seinem verrückten Manöver verhalten und fand sich dort auch wieder. Vermutlich hat er allerdings bei der Rettungsaktion noch kläglicher versagt, als sein Vorbild. Natürlich besteht die Chance, wenn man einen solchen Vergleich an sich zieht, dann doch eine Gelegenheit zu bekommen, das Thema ein wenig besser und erfolgreicher zu bearbeiten, als das "Vorbild", das man sich in einem solchen Vergleich vorgenommen hat. Doch auch der gegenteilige Ausgang ist möglich.

Und dies ist das Problematische an all diesen psychologischen Vergleichen, die mit Sätzen beginnen, wie: "Ich möchte nie so werden, wie..." oder sogar: "Ich wollte niemals so sein, wie...". Diesen Sätzen liegt eine (Negativ-) Identifikation zugrunde und diese muss zumeist bitter abgearbeitet werden. Doch wenn es kein "karmisches Thema" ist, ist es durchaus "freiwillig", sich mit solchen Hypotheken zu belasten. Ein weltbekannter spiritueller Lehrer, Jiddu Krishnamurti, hat einmal gesagt: "Vergleich tötet!" Das scheint mir in vielfältiger Hinsicht wahr. Vergleiche ich andere miteinander oder auch mich mit anderen, töte ich die Individualität und Einzigartigkeit zugunsten einer bloßen Werterelation, die ich urteilend messen zu können vorgebe.

Abgesehen davon, dass ich aus einer negativen wie positiven Identifikation immer wie ein Bild von einem anderen und nicht wie ich selbst hervor gehe und das Wörtchen "nicht" und "nie" sowieso von meinem Unbewussten kassiert wird, fällt der Vergleich in der Regel auch noch zu Ungunsten des Verglichenen aus. Wenn ich mich also mit jemandem anderen vergleiche, ziehe ich in der Regel den Kürzeren dabei, weil nämlich oft negative Gefühlsregungen wie Angst, Neid, Eifersucht und Missgunst die Triebfedern meiner Vergleichsaktivitäten sind. Ich fürchte ständig, schlechter zu sein und finde in den angestrebten Vergleichen zumeist eine Bestätigung dafür. Das eingesetzte Wörtchen "nicht", welches das Wahrwerden meiner mehr oder weniger geheimen Befürchtungen eigentlich ausschließen soll, ist erstens unwirksam und zweitens verräterisch.

Sollte ich also beschlossen haben, nicht wie mein Vater oder nicht wie meine Mutter werden zu wollen, sollte ich genau darauf Acht geben, mit wem und mit welchen Eigenschaften und Haltungen ich mich da gerade vergleiche und aus welchem Motiv heraus das geschieht. Gehe ich dieser mehr oder weniger bewussten Empörung z. B. über einstmals erlittenes Unrecht durch Vergleiche, Lieblosigkeit oder Oberflächlichkeit nach, so lande ich am Ende bei genau diesen Eigenschaften, die ich selber in mir trage, die ich sehr wohl von meinen Eltern übernommen oder an ihrem Vorbild entwickelt habe und die ich nun projektiv in meinen Elternerinnerungen bekämpfe, anstatt mich meiner Wirklichkeit selbst zu stellen und einen völlig eigenständigen Entwurf für mein Leben zu wagen, ohne Vergleich, ohne Rechtfertigung, ohne Vorbild oder Beleg, ohne Sicherheit und ohne jemand anderen dafür zu beschuldigen, dass ich so geworden bin, wie ich nun gerade bin.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)