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Samstag, 4. Dezember 2010, 10:05

Begrenztheit - ein Traumbild

Heute morgen erwachte ich mit einem Traumbild.

Irgendwie war ich auf einer Tagung oder Fortildung und hatte ein etwas schäbiges Hotelzimmer. Ich sah mich etwas um, hielt mich jedoch nicht lange auf, sondern schaute mich im Hotelkomplex um. Ich kam in einen großen höhlenartigen Raum oder Keller, der recht düster wirkte, aber nicht völlig ohne Licht, das jedoch recht gedämpft war. Dieser Höhlenraum erinnerte mich in gewisser Weise an Zeitungsbilder der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

In diesem Raum sah ich viele Menschen. Jeder stand in einer großen Papiertüte aus transparentem, weißen Butterbrotpapier. Sie glichen einer überdimensionalen, für einen Menschen ausreichenden Papiertüte von der Art, in die man Teelichter stellen kann, um mit wenigen Mitteln so etwas wie ein Windlicht zu konstruieren. Diese Tüten hatten keine zwei Quadratmeter Grundfläche und die Menschen in ihnen konnten gerade oben herausschauen und auch ihre Arme hinaus recken.

Ich konnte etwas von oben, von einer Treppe, von der ich herunter stieg, auf diese Menschen in ihren Tüten sehen und beobachten, was sie machten. Die Tüten waren zum Teil mit einigen persönlichen Gegenständen "eingerichtet". Manche hatten außen eine große Schleife umgebunden. Mir fiel auf, dass die Blicke der Menschen nach innen gerichtet waren. Keiner schaute zu einem Nachbarn in einer anderen Tüte und auch keiner zu mir.

Die Gesichter waren zu einer Leidensmine verzerrt. Manche Minen wirkten erstarrt, andere dennoch lebhaft, aber alle waren stumm, obwohl es mir laut vorkam. Besonders ein weißhaariger alter Mann fiel mir auf. Er hatte ein lebhaftes Gesicht, das in einer bewegten Mimik großen Schmerz und unendliche Traurigkeit auszudrücken schien. Der Mund öffnete sich zu einem tonlosen Schrei und die eingefallenen, ins Leere sehenden Augen weinten, doch schienen die Tränen längst versiegt. Die Hände rangen hilflos in der Luft. Auch seine Papiertüte war von einer Schleife geschmückt.

Als ich den Mann etwas aufmerksamer neben all den ähnlich sich gebärdenden Menschen unterschiedlichen Alters betrachtete, hatte ich eine kurze Vision eines Jungen, der sich offenbar einsam in einer noch größeren Dunkelheit befand und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden wand. Doch sein Blick schien mich einen kurzen Augenblick noch zu treffen, bevor das Bild wieder verschwand und ich erneut den alten Mann in seiner Tüte sah. Ich fühlte mich tief betroffen und Tränen des Erkennens großer Berührtheit stiegen mir in die Augen.

Mit dem Tränenschleier in den Augen bemerkte ich, dass aus all den Tüten mit den Menschen noch so etwas wie ein Glimmen kam, wie ein schwacher Lebensfunken. Dieser beinahe feierliche Raum, der wie eine Theaterkulisse des Hades, der Unterwelt wirkte, war wahrlich ein Reich der Schatten, die sich in ihren knisternden Papierzellen zu diesem Ausdruckstanz aus Einsamkeit, Abgetrenntheit und Verzweiflung zusammengefunden haben, jeder für sich und von dem nächsten Nachbarn nur durch eine Membran aus hauchdünnem, transparenten Papier getrennt.

Ich habe gewartet, ob irgendjemand von diesen scheinbar in einer Art Trance befindlichen Menschen mit einer dieser zum Teil ausgreifenden, sogar theatralisch wirkenden Gesten das dünne Papier zerreißen und aus dem engen Raum der Abgegrenztheit heraustreten würde. Doch genau das geschah nicht. Ich drehte mich schließlich um und verließ den Keller mit Rührung und dem Gefühl einer tiefen Einsicht. Dann erwachte ich.

War ich in eine Selbsterfahrungsgruppe geraten, an dem die Teilnehmer in einem "Encounter"-Wochenende sich selbst und ihre Einsamkeit erfahren wollten? Interessanterweise hatte ich diese Assoziation von einer Holocaust-Gedenkstätte, von Martyrium und Folter und da passt der vom KZ-Überlebenden Nervenarzt und Analytiker Viktor Frankl geprägte Encounter-Begriff ganz gut. Ich habe mich selbst lange und schmerzlich als Jugendlicher mit den tiefen seelischen Verletzungen beschäftigt, die der Holocaust in der Seele der Zivilisation und jedes einzelnen, mitfühlenden Menschen verursacht hat.

Was habe ich geträumt und gesehen? Die Schrecken der Seele. Das Leiden an vergangenen Misshandlungen. Eine scheinbar selbst gewählte Isolation und Abgegrenztheit, ein verewigtes, ausgeschmücktes Leid, das trotz Schleifen und persönlicher Ausgestaltung allgemeingültig ist, überall ähnlich und damit eher verbindend und Verstehen und Mitgefühl ermöglichend und das wir doch in unserem aus Angst vor Schmerz geborenen Wunsch nach Rückzug und Abschottung nützen können, um uns dem Kontakt mit anderen zu verweigern, selbst wenn wir zu den anderen hinüber rufen könnten, hinsehen, sie berühren und unseren Papierkokon zerreißen könnten.

Ich habe mich selbst gesehen und all die anderen, die sich in einem ähnlichen Prozess befinden - und als Therapeut habe ich wahrlich oft die Gelegenheit dazu! Da ich in den Keller hinab stieg, neugierig und ohne mir einen eigenen Papierkokon auszusuchen, könnte ich das Ganze erkennen und empfinden. Doch wie schnell stülpe ich mir wieder irgendeine Papiertüte über, vermindere mein Lebenslicht, meine Energie auf ein abgedimmtes Glimmen, um mein Papierzuhause nicht in Flammen aufgehen zu lassen und trenne mich mit dieser Sicht vom Leben, das ich aus Angst vor ihm aussperre?

Und wenn ich in meiner Papiertüte verschwinde, kann ich niemanden aus seinem selbst gewählten Kokon befreien, ohne zunächst meine eigene Papierwand zu zerreißen, mit der ich mich vom Leben und von den anderen Menschen getrennt habe, um mich mit meinen eigenen Erinnerungen einzurichten und meine scheinbar privaten Ängste und Befürchtungen zu pflegen. Doch über diesen Tellerrand eines Teelichtes hinaus schauen zu können und meinen Horizont zu erweitern, erfüllt nicht mit Stolz und Überhelichkeit, sondern mit einem Verstehen und Erkennen, das tief berührt.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Samstag, 4. Dezember 2010, 15:14

Warten an der Grenze auf die Befreiung von innen

Zitat

Original von Michael

Was habe ich geträumt und gesehen? Die Schrecken der Seele. Das Leiden an vergangenen Misshandlungen. Eine scheinbar selbst gewählte Isolation und Abgegrenztheit, ein verewigtes, ausgeschmücktes Leid, das trotz Schleifen und persönlicher Ausgestaltung allgemeingültig ist, überall ähnlich und damit eher verbindend und Verstehen und Mitgefühl ermöglichend und das wir doch in unserem aus Angst vor Schmerz geborenen Wunsch nach Rückzug und Abschottung nützen können, um uns dem Kontakt mit anderen zu verweigern, selbst wenn wir zu den anderen hinüber rufen könnten, hinsehen, sie berühren und unseren Papierkokon zerreißen könnten.

Ich habe mich selbst gesehen und all die anderen, die sich in einem ähnlichen Prozess befinden - und als Therapeut habe ich wahrlich oft die Gelegenheit dazu! Da ich in den Keller hinab stieg, neugierig und ohne mir einen eigenen Papierkokon auszusuchen, könnte ich das Ganze erkennen und empfinden. Doch wie schnell stülpe ich mir wieder irgendeine Papiertüte über, vermindere mein Lebenslicht, meine Energie auf ein abgedimmtes Glimmen, um mein Papierzuhause nicht in Flammen aufgehen zu lassen und trenne mich mit dieser Sicht vom Leben, das ich aus Angst vor ihm aussperre?

Und wenn ich in meiner Papiertüte verschwinde, kann ich niemanden aus seinem selbst gewählten Kokon befreien, ohne zunächst meine eigene Papierwand zu zerreißen, mit der ich mich vom Leben und von den anderen Menschen getrennt habe, um mich mit meinen eigenen Erinnerungen einzurichten und meine scheinbar privaten Ängste und Befürchtungen zu pflegen. Doch über diesen Tellerrand eines Teelichtes hinaus schauen zu können und meinen Horizont zu erweitern, erfüllt nicht mit Stolz und Überhelichkeit, sondern mit einem Verstehen und Erkennen, das tief berührt.

Michael


Das Traumbild arbeitete weiter in mir, gerade als Therapeut. Eine "Retreat" in einem gruftartigen Gruppenraum, in dem die Selbsterfahrungssuchenden in Papiertüten das ganze Ausmaß ihres Getrenntseins erfahren und in sich aufnehmen, bevor sie die Wände ihres selbst gewählten Papiergefängnisses zerreißen, um sich in einer wunderbar wohnlichen und behaglichen Gruppenhöhle in einer Gemeinschaft wieder zu finden, könnte eine sehr wirksame gestalttherapeutische Übung sein.

Es könnte auch helfen, uns erst einmal so zu sehen, wie wir meistens sind: Getrennt von den anderen, von unseren Lebensimpulsen, von der Welt. Das hatte auch einmal einen Sinn gehabt, doch schnürt dieser Schutz uns nun vom Leben und vom Kontakt ab, auch wenn das Bild dieses hauchzarten Schutzes auch seine Ästhetik hat: Die zart gesponnenen, geschmückten Papierwände haben etwas Rührendes. Möchte ich etwas verändern, geschieht es in Kenntnis dessen, was ist, von innen heraus. Tatsächlich kann ich auch als Therapeut niemanden aus seinem Kokon befreien, ohne zuerst meinen eigenen zu zerreißen. Sonst könnte ich im Außen nichts berühren.

Doch auch wenn es Sinn macht, die Papierwände der Abgeschiedenheit der sich in ihrem Elend der Einsamkeit Einschließenden einzureißen, ist diese "Sachbeschädigung" meist nicht erwünscht und nicht unbedingt heilsam, da so manche Seele gerne an der Idee der Isolation festhält, selbst wenn die Wände lächerlich dünn sind. Dem Kontakltsuchenden bleibt nichts anderes übrig, als geduldig an der Grenze, an der Membran zu warten, ob es eine gleichsinnige Bewegung hin zur Begegnung auch von der Innenseite aus gibt.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)