Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Sonntag, 3. Mai 2009, 14:33

"Die Wahrheit ist ein pfadloses Land" - vom Unheil des Fundamentalismus

Wer nach der Wahrheit sucht, beginne in seinem Herzen, suche die Herzen der Anderen und gehe wieder in sein Herz. Wer damit zufrieden ist, irgendeine "Wahrheit" zu finden, wende sich an irgendeine der äußeren Religionen, auch wenn sie heute am Ende einer Geschichte des Blutvergießens um den vorgeblichen "rechten Weg" stehen. Die äußeren Religionen behaupten in der Regel, einen, nein, den Weg zur Wahrheit zu wissen. Man müsse ihnen nur glauben und Demjenigen, den sie als ihren Gott konstruieren, wobei sie ihre Gebote, dass kein Bild, keine Beschreibung dem Göttlichen nahe kommen kann, leicht vergessen.

Eine äußere Religion strebt nach Gläubigen, nach Anhängern, nach Macht, nach Wissen, diese Macht zu vervollständigen. Sie verkündet den Frieden unter der Bedingung, dass alle dieser alleinseligmachenden Religion angehören und missioniert für diese vermeintliche "Wahheit". Bis dahin rufen sie im Namen ihrer Religion und ihres Gottes die Gläubigen zu den geistigen und materiellen Waffen, um ihre Wahrheiten in "heiligen Kriegen" und "Kreuzzügen" über die Welt zu verbreiten und auszutilgen oder zu versklaven, wer nach seiner eigenen Wahrheit leben will.

Doch die Wahrheit beginnt innen und endet innen. Was dort nicht wahr ist, kann außen nicht wahr sein. Wenn äußere Religionen vorgeben, Liebe, Geduld, Gerechtigkeit und Frieden zu suchen, aber ihre "heiligen Bücher" und ihre Propheten seit vielen Hunderten Jahren ohne jeden Kommentar, ohne Reform und Zurücknahme die Notwendigkeit des Kampfes gegen Andersgläubige, des Krieges für die Religion, der Bestrafung selbstständigen Denkens und eigener Gewissensentscheidungen verkünden, sind diese Religionen ein Übel, denn sie verbrennen Menschen für ihre falschen Bücher. Und solche Bücher sind nicht heilig sondern Geschichtsbücher, die, wenn sie zu Gottes Wort erklärt werden, das man dem Buchstaben getreu umzusetzen habe, zum Ärgernis werden. Solche Bücher geben falsches Zeugnis von der Wahrheit.

"Heilige Bücher", die Tod fordern, Strenge verherrlichen, zu Krieg und Vergeltung aufrufen, den Zwang und den Terror im Namen einer Religion und einer Verkündigung predigen, sind keine heiligen Bücher, sie sind ein Übel, ein Ärgernis, wenn sie zur Handlungsanweisung erklärt werden. Doch niemand aus der Reihe der Gläubigen hat den Mut, sie von ihren "satanischen Versen" zu reinigen und zu erklären, dass diese Parolen des Krieges und der Intoleranz aus der Zeit der Beduinenkriege, der Stammesraubzüge oder sogar aus dem Kampf der bronze- und eisenzeitlichen Stadtstaaten des nahen Ostens stammen, als es üblich war, seine Feinde zu vernichten, zu verstümmeln, zu vergewaltigen, zu versklaven, so wie es heute z.B. wieder in Afrika im Namen der Religion passiert, oder auch in Asien.

Diese Sätze passen nicht in eine Zeit, die die Reformatoren gehört und die Aufklärung gesehen hat, die das Gewissen erkundet und die Psychologie entdeckt hat, die die Solidarität einer Gesellschaft auf rationale Gründe gestellt hat und die Freiheit des Individuums mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft zu einem gerechten Ausgleich führen will. Prophetensätze, die den Dünkel der Auserwähltheit und die Selbstgerechtigkeit, die Dummheit des kleingeistigen Nachbetens vor der Auszeichnung des selbstständigen Denkens, die Bequemlichkeit des Anhängertums vor der Herausforderung des eigenen Gewissens befördern, können keine demokratische, freiheitliche Gesellschaft fördern und den Konsens unter Menschen und Kulturen wollen.

Dennoch finden sich gerade heute, in der Moderne, nach Reformation, nach moralisch gescheiterten Religionskriegen, die kluge Leute analysiert haben, nach Aufklärung, Entdeckung der religionsungebundenen Vernunft und der humanistischen Ethik, nach sozialen Revolutionen und Wiederentdeckung der demokratischen Staatsform erneute heftige Verwerfungen und ein Kampf der Gegensätze, in dem Menschen bereit sind, sich im Namen des vorgeblich Guten zu Schurken zu verwandeln. Wer aber im Namen einer Religion und im Auftrag eines Gottes tötet, Krieg führt, vertreibt, vergewaltigt, steht moralisch auf der Stufe eines Verbrechers, ist jedoch gefährlicher als dieser, da seine Verblendung, mit der er sich zum Auserwählten erklärt, wie eine unheilbare Geisteskrankheit jede Möglichkeit der Einsicht verhindert. Religionen, die diese Verwandlungen von Menschen in Ungeheuer bewirken können, sind keine Heilslehren, sondern selbst Geisteskrankheiten.

In der Tat haftet Religionn, die zwischen ihren Ansprüchen, die Welt zu erklären und Frieden und Gerechtigkeit herbeizuführen sowie ihrer immanenten Gewalttätigkeit und Unduldsamkeit zersplittert sind, eine Form der Krankhaftigkeit wie bei einer schizophrenen Geisteskrankheit an. Tatsächlich erkennen Menschen, deren Geist, Seele und Körper gespalten, zersplittert sind, viel Wahres, halten aber aus Angst die Spaltung aufrecht oder führen sie herbei. Es bedeutet einen großen Wurf, dies zu überwinden und ganzheitlich, umfassend, transzendent zu werden. Das gelingt den äußeren Religionen nicht, sondern allenfalls von diesen ausgehend den einzelnen Mystikern, die den Hütern der äußeren Dogmen, den Hohepriestern darum immer suspekt bleiben. Nur Diejenigen, die die Wiedersprüche sehen, verstehen, erleiden und erdulden und in einem großen Wurf mittels Transzendenz liebevoll ins sich vereinigen können und nicht das eine oder andere Extrem in seiner abartigen Einseitigkeit im Werk und in der Gesellschaft herzustellen und damit auszuagieren versuchen, können dem Frieden dienen. Diese Menschen nehmen "wahr", sie beobachten, ohne zu urteilen, sie handeln frisch und neu ihne Vergleich mit der Tradition, deren Verführung sie verneinen.

Wären diese zersplitterten und für sich unfähigen, leidvollen und leidschaffenden Religionen Opium für das Volk, wie Marxisten einst argwöhnten, sodass sie eine materialistische Religion schaffen wollten, wäre genau dieses besser für die Menschheit, da sie sich ihre Anhänger in ihrer schweren, glückseligen Trägheit nur selbst behindern würden, statt anderen die Kehle durchzuschneiden. Aber leider wird die eine oder andere Religion mancherorts und sogar in unseren Innenstädten, den Megacitys der Moderne, zum Killerkokain, das die Fehlgeleiteten zum Morden, Vergewaltigen und zur Brandstifung aufputscht und sie sogar so um den Verstand bringt, dass sie glauben, sie müssten sich selbst für ihre "heiligen Bücher" und ihre Abgötter, deren Bilder sie in ihrer finsteren selbstgerechten Phantasie schmieden und für ihre faschistoiden Ideologien in die Luft sprengen, zusammen mit vielen "Ungläubigen".

Ist also die Religion nicht mit Intelligenz und Bildung, mit Friedfertigkeit des Herzens und wohlwollender Freundlichkeit durchtränkt, jedermann freundlich und hilfreich zu begegnen, woran immer er glaubt, kann sie am Ende nur fanatisch und böse, dumm und gefährlich werden in der Hand und in der Auslegung der Ungebildeten, der zu kurz Gekommenen und ihrer intellektuellen Agitatoren und Schriftausleger, der Hetzer gegen die Menschlichkeit und gegen die innere Wahrheit, dass wir nämlich alle eins sind. Hunderte von modernen Konflikten auf der Erde, bei denen Religion und Konfession eine Rolle spielen und blutig mit dem Gegner abgerechnet wird, sprechen eine grausame Sprache. Die innere Wahrheit des Herzens sucht man hier vergebens. Man findet Zerstörung und Intoleranz.

Aus diesem Grunde kann eine äußere Gesellschaftsordnung auch nicht auf einer äußeren Religion beruhen, wenn Friedfertigkeit und Wohlergehen für Alle in tolerantem Respekt vor dem Anderen ein Zweck einer solchen Gesellschaft sein soll. Schon daran scheitern die Religionen, mit einem Teil ihrer Gebote innere Friedfertigkeit bei den Gläubigen herzustellen. Ein Gottesstaat, so wie bestimmte Menschen nach den Interpretationen ihrer "heiligen Schriften" ihn sich vorstellen, wird immer im Streit mit der Idee von einem Staat der Menschen liegen, Menschen die ihre Geschicke miteinander aushandeln und nicht von einer äußeren Religion und ihrer veräußerlichten Macht der gottesfürchtigen Diktatoren bestimmen lassen wollen, Menschen, die sich als freie Individuen zum Gemeinwohl finden und nicht durch gewalttätige Gebote einer irrationalen höchsten Macht zwingen lassen wollen.

Eine Gesellschaft, die es sich leisten kann, vom Staat geförderten Religionsunterricht erteilen zu lassen, in denen die Intoleranz und Gemeinheit gepredigt wird und Gehorsam gegenüber Sätzen "heiliger Schriften" gefordert wird, die Unterdrückung, Glaubenskrieg, Rache und Bestrafung für Andersgläubige oder Diejenigen fordert, die sich von der Diktatur dieser Worte und ihrer Ausleger abkehren möchten, muss sehr stark und enorm gefestigt, oder aber sehr dumm und naiv sein. Und auch wenn nur eine Moral gelehrt und in den Tendenzbetrieben der Religionsgemeinschaften von den Angestellten gefordert werden darf, die der Glaubens- und Gewissensfreiheit entgegenstehen, gräbt sich eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft kampflos ihr eigenes Grab.

Auch wenn das allein noch niemanden gut und friedfertig werden lässt: es darf um Wahrheiten gerungen und mit friedlichen Mitteln gestritten werden. Das ist die Errungenschaft eines demokratischen Gemeinwesens der Bürger nach Reformation, Aufklärung und Revolution. Wer eine andere Gesellschaft will, will wieder zurück zu den Stammeskriegen, in den Busch oder in die Wüste oder glaubt, noch einen unendlichen Lebensraum in Prärie, Taiga und Tundra zu finden, wo sich Menschen unterschiedlichen Denkens und Glaubens aus dem Wege gehen und so koexistieren können. Wer eine andere Gesellschaft will, will den Kampf der Kulturen, will die Diktatur einer einzigen Wahrheit, will die Versklavung in Götzenstaaten oder gar unter einer Weltherrschaft eines sinistren Glaubens, der sich als genügend durchsetzungsmächtig weil gewalttätig erwiesen hat.

Die Götzen haben heute sehr viele Namen, aber sie entsprechen nicht einem gütigen, gerechten und liebenden Gott, der für Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Schwarze und Weiße, Inländer und Ausländer genauso akzeptabel sein kann, weil er sich Niemandem aufzwingt und sich von keiner autoritären Definition seiner angeblichen Stellvertreter zwingen lässt. Die Götzen kommen auch in der säkularen modernen Welt durch die Hintertür wieder herein, während die Fundamentalisten aller Couleur mit ihren Glaubenspamphleten an den Toren der toleranten Gesellschaft demonstrieren. Die Götzen heißen in der aufgeklärten Welt manchmal Wissenschaft, Kapitalismus, Wachstum, Macht, Militär usw. Diese Götzen haben Wurzeln und diese Wurzeln sind tief in uns verborgen, in unseren Eltern, in deren Eltern.

Diese Götzen haben nämlich auch psychologische Ursprünge und Bedeutung. Sie, die wir uns in Jahrtausenden kollektiver Furcht und unhinterfragbaren Gehorsams geschaffen haben und von denen wir behaupten, dass diese die Menschen nach ihrem Bilde geschaffen aber auch verboten haben, ihnen ähnlich und gleich mächtig zu werden, sind die Verkörperungen unserer strengen, lieblosen und dennoch ständig sehnsüchtig begehrten verinnerlichten Elternbilder, die Urautoritäten, die soviel von uns wollten und gleichzeitig so wenig von uns wussten und wissen wollten. Der Gott, der nicht zuhört, der tut, was ihm beliebt, der gnädig gestimmt werden und dem man gefallen muss, der straft, tötet, vernachlässigt oder ganz nach Belieben bei heiligen Eifer belohnt, ist nichts anderes als der ferne, unbeugsame Vater und die ihre Kinder gebärende und auch wieder mit "Liebe" auffressende Mutter. Solche Autoritäten haben die Mächtigen zu allen Zeiten zusammen mit dem Vierten Gebot, nach dem man die Eltern ehren soll, egal, was sie taten, ersonnen, um ihre zumeist patriarchale Herrschaft mit der Macht einer Religion zu festigen.

Die Folgen dieser psychologischen Versklavung unseres inneren Selbst unter bestimmte religiöse Gottesbilder sind bis heute im kollektiven Handeln der Gesellschaften abgebildet: Die weltweiten wirtschaftlichen und militärischen Demonstrationen von säkularisierter Macht der modernen Industriegesellschaften, die sich oft als pluralistisch und demokratisch definieren, können ebenfalls gnadenlos sein und geben den Verlierern und Habenichtsen der Weltgemeinschaft, den zu kurz Gekommenen und von ungerechten Wirtschaftssystemen Ausgebeuteten den Vorwand, populistisch aufgepeitscht von ihren Führern, im Namen ihrer selbstgerechten Religionen Mord und Rache anzukündigen und Höllenqualen zu versprechen, um vorgeblich für eine äußere und innere Gerechtigkeit zu kämpfen, die sie damit aber weder bekommen, noch in den Territorien einführen, in denen ihr Terrorregime erfolgreich war.

Der Fundamentalismus ist eine Reaktion Derjenigen, die glauben, Opfer zu sein und sich rächen möchten, Derjenigen, die meinen, die Wahrheit zu kennen, denen aber nicht überall geglaubt wird, Derjenigen, die meinen, ohnmächtig und unbedeutend zu sein und das mit Gewalt ändern wollen, Derjenigen, die sich im Elend wähnen und es angemessen finden, ein irdisches Paradies auf den Knochen ihrer zu Feinden erklärten Mitmenschen zu errichten, Derjenigen, die von ihren einheimischen und ausländischen Herrschern in langen Zeiträumen verführt und belogen worden sind und meinen, sie wären andere und bessere Menschen, wenn sie selbst und der fundamentalistische Pöbel an die Macht kämen.

Waren mentale Konzepte, die sich in religiösen Ritualen und spirituellen Praktiken äußerten, in grauer Vorzeit Hilfen beim Überleben der Menschheit und spätestens seit der Antike kulturstiftend, so sind sie jetzt oft ein anachronistisches Ärgernis und eine Gefahr für Menschen, Kulturen und den Planeten geworden, wenn man die Überlieferungen nicht von dem bluttriefenden Ballast ihrer Geschichte reinigt. Gereinigt oder mit erklärenden Kommentaren versehen, die die giftigen Sätze entschärfen und in ihr rechtes, historisch verstehbares Licht setzen, könnten die religiösen Aussagen, die der Völkerverständigung und dem Frieden dienen, der Menschheit als ethisches Vorbild erhalten bleiben, während jeder Einzelne Kraft seines persönlichen Glaubens zur mystischen Erleuchtung in das pfadlose Land der Wahrheit streben mag, um sich mit dem Sufi-Mystiker Rumi zu treffen, der sagte: "Jenseits von richtig und falsch ist ein Ort, da könnten wir einander begegnen."

"Die Wahrheit ist ein pfadloses Land", sagte der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti und riet davon ab, sich einer äußeren Religion und ihren Glaubenswahrheiten zu unterwerfen oder jemandem nachzufolgen. Die Wahrheit lässt sich nicht durch Gesetze und Dogmen bestimmen und einschränken. Wer das sagt, lügt. Religionen haben im Zeitalter des Kampfes der Menschen mit ihren Mitmenschen, mit anderen Kulturen, mit ihrer mehr oder weniger feindlichen Umwelt Orientierung, einst Richtung, Wegweisung und Sinn gegeben. Es ging um das Überleben auf Kosten anderer. Die wenigen essenziellen Wahrheiten, die überlieferungswert und allgemeingültig sind, lassen sich in wenigen kurzen Regeln, Empfehlungen, zusammenfassen, die bei den Eifersüchtigen, Missgünstigen und Rechthaberischen unter den Menschen sofort den Namen "Gebote", "Gesetze" oder "Dogmen" bekommen haben.

Diese allgemeingültigen Empfehlungen sind: Finde die Weisheit, den Fängen der Gier und dem Hochmut der Verachtung zu entkommen. Aus dieser Weisheit handele bewusst hinsichtlich Deiner Absichten und der Folgen Deines Handelns. Sei gut zu Dir und genauso zu Deinem Nächsten. Tue ihm nichts, was Du nicht erleiden möchtest. Töte, stehle, und verleumde nicht, sondern sei gütig und rechtschaffend und achte Deine Umwelt. Verkleinere die Liebe nicht durch Dein ungenaues Gottesbild und führe nicht den Namen des Höchsten im Mund, um etwas zu rechtfertigen, was nicht von Herzen kommt. Wer nach der Wahrheit sucht, beginne in seinem Herzen, suche die Herzen der Anderen und gehe wieder in sein Herz. Wer nach der Wahrheit sucht, lasse alle Sicherheit und alles Wissen hinter sich.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

2

Freitag, 12. November 2010, 15:24

Glaubt nicht einfach etwas oder eben alles

In Erinnerung einiger wahrer Erkenntnisse der Erneuerer Buddha und Jesus und inspirierend unabhängiger Denker wie Krishnamurti und Osho stelle ich auch heute nach mehreren tausend Jahren Religionsgeschichte fest: Es gibt die Sekten, die eine Religion sein wollen und die, die dagegen rebellieren und das bekämpfen, doch von der einen, wahren Religion wissen deren Führer nichts. Und wenn da einer aufsteht und behauptet, er wisse da etwas: Glaubt es nicht! Religiöse Führer und ihre Schriften geben vor, die Angst zu nehmen - gegen Gehorsam und nachdem sie den Gläubigen zunächst das Grauen eingeimpft haben. Daher sind Gehorsamsreligionen und ihre sektiererische Moral wie Verbotsschilder, die ein Sucher, welcher zum kreativen Schöpfer in sich selbst und zu Mitgefühl vordringen möchte, am besten ignoriert.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

3

Sonntag, 24. Juli 2011, 13:03

Herzensangelegenheit: Jenseits von richtig und falsch...

Was Verblendung und Fundamentalismus sogar bei einem einzigen Menschen ausrichten und wie sich das Gift eines solchen Denkens zum Schaden einer ganzen Gesellschaft mit vielen Opfern auswirken kann, zeigen am 22.7. die beiden Terroranschläge eines vermeintlich "Wahnsinnigen" in Oslo und auf einer norwegischen Ferieninsel. Ein 32jähriger Norweger erschoss gestern fast 70 Teilnehmer einer sozialdemokratischen Jugendcamps und zündete eine 500-Kilo-Autobombe in Oslos Regierungsviertel, der acht Passanten zum Opfer fielen. Eine ganze Gesellschaft befindet sich seitdem in einem Trauma.

Zitat

Zitat aus: www.zeit.de

Regierungschef spricht von "nationaler Tragödie"

Jens Stoltenberg ist tief betroffen von den Anschlägen. Das Militär überwacht die Innenstadt. Der Polizeichef betont, Oslo sei wieder sicher.


...Die Polizei geht davon aus, dass ein festgenommener 32-jähriger Norweger für die Bombenexplosion in Oslo und das Massaker auf der Fjord-Insel Utøya verantwortlich ist. Er vertritt den Angaben zufolge offenbar rechte und islamfeindliche Positionen. Der Mann hatte nach derzeitigem Ermittlungsstand zunächst eine Bombe in der Osloer Innenstadt gezündet und dann das Feuer auf Jugendliche in einem politischen Sommercamp der Jugendorganisation der Regierungspartei eröffnet. 91 Menschen starben. ...

...Die Anschläge von Norwegen sind das größte Attentat in West-Europa seit den Selbstmord-Anschlägen von London 2005. Sollte sich der rechtsextreme Hintergrund als Motiv bestätigen, sei dies ein "Einschnitt", sagen Experten. Es gehe nun darum, herauszufinden, ob der Täter allein oder gemeinsam mit Hintermännern gehandelt habe. Rechtsextreme oder Rassisten richteten sich eher gegen Politiker und nicht gegen "ganz normale Bürger", sagte der Experte für Sicherheitspolitik an der New York University Londin, Hagai Segal. ...

Quelle: www.zeit.de


Nachdem zunächst viele - sehr vorschnell - im Fieber einer sehr allgemein verbreiteten Terrorismushysterie den militanten Islamismus und mit diesem verbundene Selbstmordattentäter in Verdacht hatten, hinter den Attentaten zu stehen, stellt sich nun heraus, dass ein Einheimischer, der konservativ wählt und offenbar einen kruden Fanatismus aus christlich-fundamentalistischem Gedankengut zusammen gebastelt hat, um damit seine menschenfeindlichen, intoleranten, kulturpessimistischen und rassistischen Motive für den Massenmord vor sich und anderen zu rechtfertigen, der Täter ist.

So könnte man nach den Geständnissen des Mannes denken, zur Tagesordnung übergehen - denn "Oslo ist wieder sicher" - und die Aufarbeitung den psychologischen und kriminalistischen Experten sowie der Sensationspresse überlassen, während die Politik beläufig versucht, durch irgendwelche einschränkende Maßnahmen mehr vermeintliche Sicherheit zu suggerieren. Doch reicht uns eine solche Art des reflexartigen Umgangs mit traumatischen Ereignissen in unseren Gesellschaften? Werden wir unserer Menschlichkeit damit gerecht?

Doch zunächst einmal noch zu den Pressemitteilungen:

Zitat

Zitat aus: www.zeit.de

Anders B. nennt Anschläge "grausam, aber notwendig"

Der mutmaßliche Attentäter Anders B. hat der Polizei Motive für seine Tat genannt. Ein Pamphlet, dass er vorher versandte, legt nahe, dass er das Massaker lange plante.


Der mutmaßliche Attentäter Anders B. hat die Anschläge vom Freitag bei einem Polizeiverhör als "grausam, aber in seinem Kopf als notwendig" bezeichnet. Das sagte sein Anwalt Geir Lippestad gegenüber dem norwegischen Fernsehsender NRK. Lippestad fügte hinzu, B. habe die Taten zwar gestanden, sich aber nicht eines Verbrechens für schuldig erklärt. Weitere Aussagen des Norwegers zu seinem Motiv für die beiden Anschläge wollte der Anwalt nicht öffentlich wiedergeben, ehe er sie nicht noch einmal genau durchdacht habe: "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat."

B. steht im Verdacht, am Freitag im Osloer Zentrum eine Autobombe gezündet zu haben, die mindestens sieben Menschen tötete. Danach soll er im 40 Kilometer entfernten Tyrifjord, auf der Insel Utøya, als Polizist verkleidet mindestens 85 Menschen in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF erschossen haben. Das Massaker dauerte anderthalb Stunden, ehe B. sich freiwillig Antiterrorspezialisten der Polizei ergab.

B. hatte bereits am Samstag seine Täterschaft teilweise eingestanden. Er will sie allein ausgeführt haben. ... Sponheim beschrieb B.s Verhalten bei der Vernehmung als kooperativ, es sei "guter" Dialog möglich gewesen.

...Norwegische Medien berichten, dass B. wenige Stunden vor dem ersten Anschlag ein 1500 Seiten starkes "Manifest" mit dem Titel "2083. A European Declaration of Indepence" ("2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung") an mehrere Empfänger verschickt hat. In dem in englischer Sprache verfassten Schreiben gehe es unter anderem um "Rassenkrieg" und die Frage, wie Europa sich "vor Kulturmarxismus und Islamisierung“ retten könne. Aus dem Manifest geht hervor, dass Anders B. seine Tat seit beinahe zwei Jahren geplant hat. Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, teils gibt es Anleitungen zum Bombenbau oder beschreibt die Islamfeindlichkeit des Autors. Der Text ist mit einem Pseudonym unterschrieben, dessen Herkunft der Autor aus seinem eigenen Namen – Anders B. – ableitet.

Nach offiziell nicht bestätigten Angaben der Zeitung VG unter Berufung auf Polizeikreise soll der Mann bei Verhören bestätigt haben, dass er das Material im Internet veröffentlicht hat. Es umfasse auch ein bei YouTube angelegtes Video mit einer Zusammenfassung des Manifests. Der 32-Jährige, der laut Polizei "christlich-fundamentalistisch" orientiert ist, kündigte nach Angaben seines Verteidigers an, bei einem Haftprüfungstermin am Montag weitere Einzelheiten zu den Anschlägen zu nennen. ...

Quelle: www.zeit.de


Die von diesen unerwarteten, sehr grausamen Anschlägen ausgehende tiefe Verunsicherung, Ratlosigkeit und Betroffenheit könnte leicht ihrerseits in Angst, Wut und Hass umschlagen und sicher müssen solche Gefühle zugelassen und angeschaut werden, was mit den Zensurbemerkungen etwa der Online-Zeit unter den eingesammelten Internet-Kommentaren zu ihrer Berichterstattung zweifellos nicht geschieht. Es ist unsinnig, in einem so emotionalen ersten Moment zu Sachlichkeit und Ausgewogenheit zu zwingen.

Die Betroffenheit ist sogar gut, insbesondere, wenn sie sich tief in das Herz eines Jeden vorwühlen kann. Dort werden wir nämlich als Menschen, als fühlende Wesen angetroffen und nicht als urteilende und vorverurteilende Richter. Dort empfinden wir Schmerz und Trauer anderer, die unmittelbar betroffen sind, wie unsere eigenen Gefühle, ohne dass wir uns davon distanzieren und ohne dass wir daran zerbrechen, darin ertrinken oder dadurch handlungsunfähig werden müssen, denn wir müssen uns nicht mit unserem Kopf und unserem Ego mit irgendwelchen Gedanken identifizieren. Das Herz arbeitet anders!

In diesem Herzen, in dem nach den spirituellen Erfahrungen der Sufi-Orden Gott zuhause ist, begegnen wir einander nur als Mensch, so nackt wie im Paradies und ohne Ideologien und sektiererische Meinungen. Wir sehen auch dem anderen ins Herz und nichts bleibt verborgen. Wir erkennen, dass ein wirklich gläubiger Muslim nicht anders fühlt, als ein Jude, ein Christ, Buddhist, Hindu oder ein Atheist. Im Herzen sind sie, sind wir alle gleich. So müssen wir auch nicht auf wirklich religiöse Menschen herabschauen: Wenn die Gläubigen dort einmal zuhause sein wollen, im Herzen, bei sich selbst und dort, wo Gott wirklich wohnen kann, benötigen sie keine äußeren Unterscheidungsmerkmale mehr, keine Ideologien, Glaubenssätze, Nationalität.

"Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, da können wir einander begegnen", formulierte es der der persische Sufi-Weise Rumi schon im Mittelalter. Das ist zu allen Zeiten gültig. Jeder Gläubige, der sich um den tiefen Frieden seines Herzens bemüht, spart dabei den Schmerz, das Dunkle, den Schatten, das Leid nicht aus und veredelt es zu einem Mitfühlen, zum Mitgefühl, das verbindet, das nicht aneignet oder ausgrenzt, das nichts erreichen will und nichts ablehnt. Das ist eine Herzenstugend. Im größten Schmerz können wir ihr sehr nahe kommen. Verschließen wir unser Herz und lassen Gott dort alleine hocken, dann kommen wir der Haltung derjenigen sehr nahe, die ihren Schmerz, ihre Angst und ihren Hass, ihre Schatten also, in Taten ausdrücken, die grausame Abgründe aufreißen.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

4

Donnerstag, 6. September 2012, 08:59

RE: Glaubt nicht einfach etwas oder eben alles: Über Angst, Ritual und Religion

Zitat

Original von Michael
In Erinnerung einiger wahrer Erkenntnisse der Erneuerer Buddha und Jesus und inspirierend unabhängiger Denker wie Krishnamurti und Osho stelle ich auch heute nach mehreren tausend Jahren Religionsgeschichte fest: Es gibt die Sekten, die eine Religion sein wollen und die, die dagegen rebellieren und das bekämpfen, doch von der einen, wahren Religion wissen deren Führer nichts. Und wenn da einer aufsteht und behauptet, er wisse da etwas: Glaubt es nicht! Religiöse Führer und ihre Schriften geben vor, die Angst zu nehmen - gegen Gehorsam und nachdem sie den Gläubigen zunächst das Grauen eingeimpft haben. Daher sind Gehorsamsreligionen und ihre sektiererische Moral wie Verbotsschilder, die ein Sucher, welcher zum kreativen Schöpfer in sich selbst und zu Mitgefühl vordringen möchte, am besten ignoriert.


Rituale sind psychische Abwehrmechanismen. Sie können in krankhaften Fällen zwanghaft werden. Kollektiv angewendet und weiter entwickelt wehren sie kollektive Ängste ab. Sie sind keine Religion, werden aber in organisierte Glaubensgebäude eingeflochten und über Jahrhunderte und länger tradiert und mit allerlei Beiwerk befrachtet.

Die Menschen haben religiöse Vorstellungen entwickelt, um mit existentiellen Unsicherheiten und Ängsten umzugehen, die sich bei immer bewussterer und ichbezogener Auswertung der Erfahrungen eines Lebens ergaben und das Leben selbst zu bedrohen schienen. Also wollten die Menschen Tröstung durch ein Gefühl von Geborgenheit und durch eine Art Sicherheit. Sie suchten sie in geistigen Versicherungen.

Doch der Mensch bleibt nicht geistig und diese Sicherheiten, aufs Jenseits verschoben oder mit Magie zu erhandeln, sind all zu oft erkennbar trügerisch. Die Systeme mussten immer mehr verdichtet und allgemeingültig werden. Religionen wurden erschaffen, komplexe Ideengebäude mit ihrer inneren, abgeschlossenen Logik.

Damit ähnelten sie immer mehr dem Wahn der Wahnsinnigen und Verrückten, doch verrückt, ja blasphemisch und ketzerisch nannte man Diejenigen, die sich nicht zu Statisten in ein statisches Gesamtbild einer neuen Macht verrücken lassen und die den allgemeinen Wahn nicht glauben wollten.

Damit kam die Machtfrage in's Spiel, wie sie auch im Wahnsinn eine Rolle spielt. Die Angst lässt die Ohnmacht unaushaltbar erscheinen. Die Lösung eines Wahnsinnigen besteht in der Erschaffung von Illusionen, die ein Gefühl von grenzenloser Macht erzeugen oder von der Fähigkeit, man könne sich so klein machen, dass man von einer grenzenlosen, zerstörerischen Macht übersehen, verschont, begnadigt werden könnte.

Der wahnsinnige Geisteskranke und allgemein für verrückt Erklärte entwickelt also entweder einen Größenwahn und bläht sich auf, um seine existentiellen Ängste zu schlucken oder er zerkrümelt vor seinen mächtigen Ängsten zu einem annäherndem Nichts: Er gibt soviel von sich, seinen angesammelten Persönlichkeitsteilen, seinen einst sicher geglaubten Ideen von sich selbst auf und harrt ängstlich aber noch am Leben als eine Art Rumpfnatur aus und vegetiert mit Zwängen und Erstarrung in einer feindlichen Umwelt und fremd gewordenen Innenwelt.

Die organisierten Religionen gehen kollektiv einen ähnlichen Weg. Die in ihnen Macht tragen dürfen, blähen sich zu Vermittlern des Göttlichen, zu Stellvertretern des Göttlichen oder gar zum Göttlichen selbst auf, doch nicht in aller Bescheidenheit, sondern in Abgrenzung zum Niedrigen, zum erlösungsbedürftigen oder bestrafungswürdigen sündigen menschlichen Bodensatz. Diese aber bemühen sich um möglichst deutliche Unterwerfung und üben schmähliche Rituale der Selbstbeschämung, um gnädig von zeitlichem oder ewigem Unheil verschont zu bleiben.

Eigentlich suchte der Mensch ursprünglich Tröstung für seine existentiellen Ängste. Doch was bekommt er auf die oben beschriebene Weise? Die Potenzierung der existentiellen Angst für jede Qualität des Seins, die Körperliche, Emotionale und Geistige! Das Unentrinnbare fordert Unterwerfung! Nur um diesen Preis gibt es ein vage Vorstellung von Sicherheit. Es ist die eines umfassenden Gefängnisses. Geborgenheit sieht anders aus.

Sie findet nur der Weise in Gelassenheit und Freiheit, sich der Unmöglichkeit einer Sicherheit in Gefangenschaft bewusst und jede Vorstellung als Beginn einer Gefangenschaft erahnend. Sie findet nur der im Herzen erwachte, der den Schmerz nicht mehr fürchtet, sondern als einen der Pulse des Lebens veratmet und rhythmisiert.

Diese Gelassenen halten nur an sich und lassen sich fallen und siehe, sie schweben fest mit den Füßen auf dem Erdboden, einer heimeligen Kugel, die um einen Feuerstern durchs Universum saust, Geborgenheit am heimischen Herd findend und überall unter der Sonne in der Wärme der eigenen herzlichen Lebendigkeit und eines nicht erlöschenden geistigen Feuers, das sie nicht durch irgendwelche Weihwasserspritzer gelöscht wissen möchten.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 448

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

5

Donnerstag, 6. September 2012, 21:48

Was ist falsch an der Religion?

Nun ist es nicht so, dass Religion bzw. religiöses Denken per se falsch ist. Nur ist es eben nicht richtig, mindestens nicht auf dem Weg zur inneren Wahrheit, eine äußerliche Religion zu konstruieren, die alles erklären möchte und ihr anzuhängen. Wenn diese sich nämlich nicht selbst begrenzt als eine Art Hinweisschild in die spirituelle Dimension und als eine Art Übungslager für allerlei nützliche psychologische und geistige Übungen auf dem Weg zur eigenen Wahrheit, wird sie zum einengenden dogmatischen Bau. Was aber die Seele nicht wirklich erhebt, das Herz weit und den Geist frei macht, kann keine wahre Tröstung sein, sondern nur echter Trug, also ein Lügengebäude.

Der Wert des Religiösen in einer Form, so dass darüber gesprochen, darin geübt und damit experimentiert und sich verständigt werden kann, was ein jeder in diesen Übungen für Erfahrungen macht, ist durchaus nicht ganz zu verachten. Warum? Weil wir in unserem unschuldigen, nur durch ererbte und tradierte Vorprägungen kollektiver und früherer Lebenserfahrungen notdürftig beschriebenen und darüber noch weitgehend unwissenden neugeborenen Wiederbeginnen eines irdischen Erfahrungsweges von Geburt an konditioniert und nicht nur mit den ersten Eingaben (Introjekten) befähigt, sondern auch verdüstert werden.

Alle Menschen, die mit uns umgehen, Mutter, Vater, Geschwister, Großeltern, Onkel und Tanten, Spielkameraden, Lehrer und Lehrmeister, Priester und Ärzte flößen uns ihre gefärbten Ansichten ein und huldigen ohne es zu wissen einer bestimmten Tradition, Kultur und religiösen Vorstellung. Es bedarf der gelehrten Erfahrung über all diese Formen der Beeinflussung, um sie erkennen und sich selbst zu eigenen Befreiung behandeln zu können. Es bedarf des Wissens um bestimmte psychologische Zusammenhänge und um Kenntnis von und Einführung in Übungen, um eigene innere Erfahrungen zu ermöglichen, die notwendigerweise erst noch gefärbt sind, bevor sie uns in uns selbst in strahlendem Weiß oder auch samtigen Schwarz erscheinen, darum ein goldener Schimmer.

Die Ansätze dieser Übungen setzen einem oft den krassen Unterschied deutlicher vor Augen, den der menschliche Weg der Macht, der Herrschaft, der Gier und des Goldes geht und der Spirituelle der inneren Vergoldung und Anspruchslosigkeit im Haben bei höchstem Verlangen nach Sein in einem fließenden Geben und Nehmen. Da wird uns klar, dass materielle Macht unter Menschen nicht gleich der spirituellen Kraft im Menschen ist und wo daher das Dilemma einer verfassten Religion mit ihrer angemaßten Macht ist, die der Heiligkeit jedes Menschen spottet.

Daher haben Meditationsübungen und Rituale der Versenkung und des ruhenden Beobachtens Sinn, wenn sie in die Freiheit der eigenen Verantwortung führen, mit dem Erschauten und Erfahrenen aus dem Innen und Außen umzugehen. Diese Freiheit breitet sich nicht auf Kosten Anderer aus, die in Abhängigkeit gestürzt und gehalten werden, sondern respektiert die Erfahrungsgrenze und sucht die Berührung, nicht Verhärtung, weder im verabsolutierten Rückzug noch in der überstülpenden Ermächtigung.

Somit sind die inneren und ursprünglichen Rituale, die kreativen Erfindungen der menschlichen Seele zunächst nicht schlecht, nicht böse, nicht krank. Diese Fähigkeit ist in uns – als ein Hilfsmittel und nicht als Ziel. Mystiker jeder religiösen Strömung gehen am Ende über die Form hinaus und finden die Form und die Formlosigkeit. Sie erwerben sich das ursprüngliche Schamanische zurück, das am Anfang jeder priesterlichen, seherischen und jeder heilerischen Kultur stand. Sie erkennen die tiefe Macht der Seele, erschauen den Geist und wissen um unsere körperliche Basis für den augenblicklichen Erfahrungsweg.

Diese Menschen können uns dann etwas lehren, vor allem auch durch sich selbst und in uns etwas zur Heilung anregen, wenn sie, ob mit Psychologie, Ritualen, Beschwörungen, Handauflegen, Rezitieren, Zuhören, Raten, miteinander Sprechen, bei aller Bescheidenheit bei sich und beim Du bleiben, verbindlich, erfahrbar, ehrlich begrenzt. Sie sind die alten Priesterärzte und die Neuen, kommunikative Einsiedler und Meister eigener Erfahrungen, weder frei von schmerzlichen Eindrücken noch von Mitgefühl. Sie machen keinen gesund und damit auf besonders raffinierte Weise unfrei. In ihrer Gegenwart mag man üben und sich auf sich selbst einlassen, sich selbst entdecken und sich dann wieder wie von selbst allem und allen zuwenden.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)