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Sonntag, 4. Januar 2009, 18:38

Flucht und Vertreibung

Zeitzeugenbericht über Nachkriegsvertreibung aus dem Sudetenland



Meine Tante schrieb mir im November einen Brief, dem als Anhang ein Bericht über ihr Leben während des zweiten Weltkriegs im Sudetenland und die Vertreibung bis zur Familienzusammenführung beigefügt war. Heute fragte ich sie den Bericht nicht im Forum veröffentlichen möchte bzw. mir das erlauben würde. Sie schrieb: "Natürlich bin ich einverstanden, dass Du meinen Beitrag in Eurem Forum veröffentlichst." So soll es also sein. Das war ihr Brief dazu:

Zitat

Brief meiner Tante vom 1.11.2008

Lieber Mischa,

dass ich keinen Geburtstag vergesse, dafür sorgt schon mein Computer in meinem Hirn!
Und gute Wünsche kann man immer gebrauchen, egal wie alt man ist, meine ich.

Heute möchte ich Dir etwas schicken, was ich diesen Sommer geschrieben habe. Ich wurde
nämlich aus Burgscheidungen (wo wir nach unserer Vertreibung bis zum Frühjahr 1947 lebten)
angefragt, ob ich nicht einen Beitrag für ein 'Buch der Erinnerungen' schreiben könnte, das
ein Lehrerehepaar aus dem Ort herausbringen möchte. Er sollte die Zeit vor der Vertreibung,
die Zeit der Vertreibung selbst und die anschliessende Zeit mit Ankunft und Aufnahme durch
die Bewohner in Burgscheidungen beinhalten. Was dabei herauskam, findest Du als Anlage dieser
Mail beigefügt.

Ich weiss, dass Du viel um die Ohren hast, aber vielleicht gibt es mal einen Moment in 'Deinen
dienstfreien Nachtstunden' und Du kannst die Geschichte lesen.

Für morgen wünsche ich Euch einen schönen Sonntag und grüsse herzlich
Helga


Was mich an dem Bericht über das Leben meiner Tante und die Fluchtgeschichte, die Teil unserer Familiengeschichte ist, sehr berührt hat, war einerseits der Inhalt selbst, zum anderen, wie wertschätzend und ohne negatives Urteil meine Tante trotz des erlittenen persönlichen Unrechts und Leids schreiben konnte - natürlich mit einem Abstand von über sechzig Jahren. Es geht nicht um Aufarbeitung und Verrechnung von "Schuld", etwa die Folgen des Hitlerischen Unrechtsstaates für die Tschechen gegen die tschechischen Rachevertreibungen der deutschstämmigen Sudeten, die seit Jahrhunderten in dieser Gegend lebten. Ich finde, das ist ein wichtiges, überregional bedeutsames Zeitdokument, wenn eine Zeitzeugin noch so lebendig aus ihren Erinnerungen berichten kann.

Zitat

Bericht meiner Tante vom Juli 2008

Beitrag zum „Buch der Erinnerungen“ für Burgscheidungen

Mein Name ist Helga Schlicksbier. Ich wurde am 4. September 1934 in Klötten, Kreis Neutitschein (Sudetenland – in der heutigen Tschechischen Republik) geboren.

Meine Brüder heißen: - Gottfried, geb. 25.08.1932 geb.in Pattersdorf/gest.2005 - Reinhold, geb. 03.08.1941 in Neutitschein.

Meine Eltern waren: Emma Schlicksbier, geb. Münster geb. 06.11.1911 in Klötten und Anton Schlicksbier geb. 08.04.1907 in Pattersdorf (Iglauer Sprachinsel).

Wir lebten zuletzt (1944/45) in der Kreisstadt Neutitschein (jetzt Nový Jicin) in Nordmähren. Mein Vater war seit Beginn des Krieges zur deutschen Wehrmacht eingezogen.

Als mit Beginn der Weihnachtsferien 1944 bei uns die Schulen aufgrund der immer näher rückenden russischen Front geschlossen wurden, zogen wir zu unserer Oma und Tante (ebenfalls 3 kleine Kinder) nach Klötten (jetzt Kletné) aufs Dorf. Dieses Dorf liegt ungefähr 25 km von Neutitschein entfernt. Wir erlebten dort im Mai 1945 auch den Einmarsch der Russen. Aufgrund der für eine Kriegsführung guten strategischen Lage des Dorfes (liegt auf einer Anhöhe) dauerten die Kampfhandlungen mehrere Tage, da der Ort dreimal vom deutschen Militär zurückerobert wurde. Auch danach blieben wir noch mehrere Wochen, gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern in Kartoffel-Kellern und Ställen versteckt, schon allein auch aus Angst vor Vergewaltigungen der Frauen. Einmal wollten wir uns des Nachts aus einem Keller davonstehlen, wurden ertappt und russische Soldaten stellten uns an die Wand, um uns zu erschießen! Sie taten es dann schließlich doch nicht, rissen uns aber die Beutel vom Hals, in denen wir alle unsere Dokumente verstaut hatten. Wir fanden sie dann einen Tag später als uns der Ausbruch glückte, im Hof im Dreck verstreut. Wir getrauten uns aber nicht, sie aufzulesen, so dass wir ohne jegliche gültige Papiere nach Deutschland kamen.

Einige Wochen blieben wir dann noch im Haus unserer Oma, doch nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte und auch die Plünderungen durch die tschechische Miliz in den Privat-häusern weniger wurden, gingen wir Mitte Juni 1945 (wohlgemerkt zu Fuß, da Deutschen verboten war, die Eisenbahn zu benutzen) wieder in unsere Stadtwohnung nach Neutitschein zurück. Kaum zwei Wochen dort erging eines Tages (Quellen sagen es war der 4. Juli 1945) an alle Kinder ab 10 Jahre und an alle Erwachsenen ab 60 Jahre die Aufforderung, sich mit kleinem Handgepäck (enthaltend Arbeitskleidung, Schlafdecke, Essgeschirr usw.) in den zugewiesenen Schulen zu versammeln. Angeblich sollten wir zur Ernteeinbringung eingesetzt werden. So brachte mich meine Mutter in die Mädchenrealschule, die ich zuletzt besucht hatte und mein älterer Bruder ging allein in seine Schule in Neutitschein. Sie selbst blieb mit meinem 3 1/2jährigen Bruder zu Hause. In der Nacht jedoch fuhren Lautsprecher durch die Stadt, die verkündeten, dass alle Deutschen, die nicht in einem festen Arbeitsverhältnis stünden (was durch vorher verteilte Ausweise nachzuweisen war) sich bis Mitternacht auf dem Stadtplatz einzufinden hätten. Auch die Mütter mit kleinen Kindern! Meine Mutter war in höchster Verzweiflung, wusste sie doch nicht, was mit ihren beiden grösseren Kindern passieren wird, wenn sie jetzt weggeht. Auch mein kleiner Bruder schrie angeblich stunden-lang nach seinen Geschwistern und wollte die Wohnung nicht verlassen. Aber sie hatten keine Wahl! Tschechische Milizen gingen von Haus zu Haus und von Tür zu Tür, um alle Deutschen einzusammeln und zum Marktplatz zu bringen. Wer sich widersetzte wurde mit Gewalt mitgenommen und so kam es, dass Menschen sich mit dem Nachthemd unterm Mantel und einer Handtasche an der Grenze wiederfanden!! Soviel ich weiß, war diese Art der Vertreibung, bei der die Menschen nur mit dem vertrieben wurden, was sie am Körper trugen, später verboten (1946 durften dann pro Person 50 kg mitgenommen werden) und diese Nacht vom 4. auf 5. Juli 1945 ging in die Geschichte als die „PIRNA-NACHT“ ein. Warum dieser Name, ergibt sich aus dem späteren Geschehen.

Meine Mutter setzte also meinen kleinen Bruder in der Nacht in den Kinderwagen, verstaute in einem Korbkoffer sein leichtes Kinder-Federbettchen und einiges an Wäsche für ihn und sich selbst. Am Marktplatz hörte sie, dass Mütter mit Kleinkindern sich extra stellen sollten, da sie gefahren werden sollten. Wohin wusste keiner! Wir größeren Kinder aber und die Alten wurden gegen 4 Uhr früh in den Schulen geweckt und in einer Kolonne zu Fuß nach Zauchtel (Eisenbahnknotenpunkt) auf einen 20 km langen Marsch geschickt. Ich hatte das Glück, dass unsere Vermieterin aus Neutitschein (weil über 60 Jahre alt) sich auch in meiner Schule befand, so dass sie mir während des langen Fußmarsches aber auch dann während der schrecklichen Tage des Transportes bis zur Grenze immer tröstend beistand. Ich weiß nicht, wie ich diese Zeit sonst überstanden hätte, schließlich war ich erst ein Kind von etwas über 10 Jahren! Ich habe nicht das Gefühl, dass ich durch diese ganzen Ereignisse traumatisiert wurde, doch dass ich ab da mich nicht mehr als „Kind“ fühlte, weiß ich noch heute. Auch habe ich kaum Einzelheiten vergessen können… Als wir dann am Morgen in Zauchtel ankamen, stand da ein riesiger langer Zug mit oben offenen Viehwaggongs, in die wir rasch eingeladen wurden. Es herrschte ein heilloses Durch-einander am Gleis und alles musste sehr schnell gehen, so dass wir völlig ahnungslos die Reise ins Ungewisse antraten, nicht wissend, ob meine Mutter und meine Brüder mit im Zug sein würden.

Im Waggon herrschte eine erdrückende Enge. Am Boden war ein wenig Stroh eingestreut auf dem die Menschen verzweifelt kauerten. Die Erwachsenen rätselten während der Fahrt wohin die Reise wohl gehen würde, da sie ja über den Rand des Waggons hinaussehen konnten. Einige befürchteten, dass wir nach Sibirien verschleppt werden könnten, doch dann erkannten Ortskundige, dass der Zug Richtung Prag fuhr und nicht nach Osten. Nach ca. 3 Tagen und Nächten ununterbrochener Fahrt – ohne essen und trinken, es sei denn was man dabei hatte – ohne Notdurft-Verrichtung – hielt der Zug plötzlich an und wir durften aussteigen. Unsere Vermieterin hatte schon während der Fahrt gehört, dass auch Eltern im Transport seien und so fingen wir an zu suchen. Plötzlich hörte ich die Stimme meiner Mutter meinen Namen rufen. Das war der glücklichste Augenblick in meinem Leben!!! Kurz darauf entdeckten wir einander und lagen uns weinend in den Armen. Auch meinen älteren Bruder hatten wir bald gefunden, hatte er sich doch auch bereits auf die Suche nach uns gemacht.

Der Ort, an dem wir ausgeladen wurden, hieß Herrnskretschen (jetzt Hrensko)) und von dort mussten wir noch bis Tetschen-Bodenbach (jetzt Decin) zu Fuß gehen. Dort angekommen, fielen wir auf einer Wiese im Freien nieder und schliefen wie ein Stein! Auch dieses Gefühl ist mir noch heute gegenwärtig, denn so müde war ich weder vorher noch nachher noch einmal in meinem Leben. Am nächsten Morgen öffneten die Tschechen die Schlagbäume an der Grenze zu Sachsen – nicht ohne vorher das wenige Gepäck und die Kleidung, die jeder trug, nach Schmuck und Geld zu durchsuchen (Frauen mussten sich in einer Baracke ausziehen und die Haare öffnen!) Dann riefen sie uns nach: „Jetzt seid ihr daheim im Reich!“ Aber alle diese Menschen wussten nicht wohin! Meine Mutter schloß sich dem Menschenstrom an, der zur Elbe strömte, denn dort lag ein Schiff mit Ziel PIRNA. Leider war es bei unserer Ankunft schon übervoll, doch meine Mutter war eine Kämpferin und sie überredete den Kapitän, so dass er uns im Maschinenraum mitfahren ließ.

Ich weiß nicht, wie lange das Schiff bis Pirna brauchte und ob wir zu essen oder zu trinken bekamen, jedenfalls nach Ankunft des Schiffes ergoss sich der Menschenstrom in die Stadt und wurde in die leeren Schulen eingewiesen. Doch nach wenigen Tagen mussten sie wieder geräumt werden und meine Mutter tat sich mit zwei anderen Frauen mit Kindern aus Neutit-schein zusammen und wir zogen mit vielen anderen Vertriebenen in eine leerstehende, noch nicht ganz fertiggestellte Schule auf dem „Sonnenstein“ (= eine kleine Anhöhe in der Stadt). Die einzelnen Gebäude lagen verstreut in einem weitläufigen Park, doch fehlte in den Gebäuden jegliche Inneneinrichtung. Fenster waren zwar eingebaut, doch statt Türen musste man Bretter vor die Türöffnung stellen. Wir drei Familien (3 Frauen und 10 Kinder) belegten einen ca. 10 qm großen Raum d.h. es gab gerade soviel Platz, dass jeder sich am Boden ausstrecken konnte. Bretter als Unterlage, das Kinderfederbett meines kleinen Bruders als Kopfkissen für uns vier und die Arbeitsdecke, die jeder von uns mitgenommen hatte, dienten uns als Schlafstätte. Stühle oder Tische gab es nicht, diese Möbel hätten auch gar keinen Platz im Raum gehabt! Als Gemeinschaftsverpflegung gab es wohl täglich 1 Becher Suppe, doch enthielt sie oft nur gekochte Kartoffelschalen, schmeckte verdorben und war mit einem Wort ungenießbar. Die Menschen errichteten deshalb Behelfsöfen im Freien. Dazu wurden einige Ziegelsteine auf-geschichtet und Abdeckplatten „organisiert“. Es gab genügend zerbombte Fabriken in der Umgebung Pirnas, so dass wir auch Kochtöpfe auf Halden fanden. Meistens bestand unser Essen sowieso aus Fischmehl – das einzige Lebensmittel, das man mit Geld kaufen konnte – und geriebenen Kartoffeln. Aus diesem Teig formte man Plätzchen, die auf der Platte gebacken wurden. Die Kartoffeln hierzu, wie auch jedes andere Gemüse, mussten ebenfalls von den Feldern„organisiert“ werden – zum Glück war es Sommer! War das mal nicht möglich, weil Flurwächter aufgestellt waren, dann gingen wir Kinder in die Umgebung betteln von Haus zu Haus, manchmal sogar bis Dresden. Ich erinnere mich, dass wir fast nie abgewiesen wurden, wenn ich mit meinem kleinen Bruder vor der Tür stand, sondern oft einen Teller warmer Suppe oder ein Stück Brot erhielten.
Wir Kinder waren uns tagsüber nämlich selbst überlassen, da Mutter bald nach Ankunft im Lager „Sonnenstein“ in eine Fabrik zur Demontage von maschinellen Anlagen ging. Im Osten ließ der Russe alles was nur ging in den Fabriken abmontieren und nach Russland bringen. Mutter erhielt dort ¼ Liter Graupensuppe täglich und 100 g Schwarzbrot. Die Suppe aß sie selbst aber das Brot brachte sie uns mit. Meistens erhielt es derjenige, der sie am Feierabend am Fabriktor abpasste. Selbst mein kleiner Bruder büchste mir öfters aus und machte sich ganz allein dorthin auf den Weg, weil er schrecklichen Hunger hatte. Mein älterer Bruder (damals 13 Jahre alt), litt derart Hunger, dass er an Hungertyphus erkrankte und fast alle Kleinkinder bis zu 3 Jahren verstarben im Lager. Mutter wog zuletzt nur noch 36 kg!

Als der Herbst nahte und es klar war, dass die Menschen in den nicht beheizbaren Räumen im Winter dort nicht wohnen bleiben konnten, beschlossen die Behörden, die Menschen umzusiedeln, d.h. es wurden Schiffstransporte zusammengestellt, die uns weiter ins Innere von Sachsen brachten. Wir waren Ende Oktober/Anfang November 1945 für einen Transport vorgesehen. Die Fahrt ging ca. 6 Stunden elbaufwärts bis RIESA, dort weiter mit dem Zug über TORGAU nach MÜCHELN. In Mücheln erfolgte dann die Verteilung auf die einzelnen Ortschaften im damaligen Kreis Querfurt und wir wurden mit vielen anderen Personen Burgscheidungen zugeteilt. Bauern aus Burgscheidungen holten uns mit Pferdefuhrwerken ab und brachten uns ins Dorfgasthaus. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten dieses Abends, doch unvergessen ist mir das Gefühl der Wärme des Raumes und des Glücks über das warme Essen, das man uns zur Begrüßung servierte. Total ausgehungert stürzten wir uns auf alles, was man uns anbot. Durch unser Lagerleben waren wir aber normalem Essen völlig entwöhnt, so dass wir hinterher ziemliche Durchfallbeschwerden bekamen. Magen und Darm waren an Fett überhaupt nicht mehr gewöhnt!

Als es an die Verteilung des Wohnraums für die Angekommenen ging, wurde der Saal immer leerer, bis schließlich nur noch meine Mutter mit uns 3 Kindern übrig blieb. Anscheinend gab es im Dorf keine Unterkunft mehr für eine so große Familie, waren wir doch bereits der dritte Transport mit Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, der von der kleinen Gemeinde Burgscheidungen aufgenommen werden musste. Schließlich bot uns einer der Bauern (Wilhelm Ziegler), die uns mit dem Pferdefuhrwerk von Mücheln abgeholt hatten, seine letzte freie Kammer an. Mehr hatte er nicht zu vergeben, denn vor einigen Wochen waren bei ihm auch schon Flüchtlinge einquartiert worden. Ich freute mich, dass wir jetzt auch gehen konnten und verstand die Aufregung meiner Mutter nicht, die heftig auf den Bürgermeister (Pocher) einredete, dabei weinte und abwechselnd meinen älteren Bruder und mich an sich drückte. Da ergriff plötzlich ein 16-jähriges Mädchen (Brunhilde Neumann), das beim Essen-austeilen geholfen hatte, meine Hand und erklärte, dass ich mit ihr kommen solle, da das Zimmer meiner Mutter beim Bauern Ziegler nur für 1 Bett Platz habe und das reiche gerade für sie selbst und meinen 4-jährigen Bruder Reinhold. Für meinen 2 Jahre älteren Bruder Gottfried fand sich dann auch noch eine Familie, die ihn aufnahm (den Namen habe ich leider vergessen). Doch blieb er dort nicht lange, da er sich schämte, das Bettlaken wegen des Durchfalls verschmutzt zu haben und so zog auch er zu Mutter ins Haus von Familie Ziegler, die auch noch für ihn irgendwie Platz schaffte.

Im Hause Ziegler erlebten wir auch das erste Weihnachtsfest in der Fremde. Mutter wollte wenigstens an Weihnachten alle ihre Kinder um sich haben und so gingen wir alle mit ihr in die evangelische Dorfkirche zum Gottesdienst. Eine katholische Kirche gab es nicht, da die einheimische Bevölkerung fast rein protestantisch war. Als wir aus der Kirche kamen, hatte Familie Ziegler uns einen kleinen Weihnachtsbaum geschmückt und angezündet ins Zimmer meiner Mutter gestellt und für jeden von uns lag ein Geschenk darunter. Leider entsinne ich mich nicht mehr an die einzelnen Geschenke, aber dass Herr Ziegler für meinen kleinen Bruder ein kleines Spielzeug-Pferdegespann hergerichtet hatte, weiß ich noch zu genau. Zu groß war die Freude meines Bruders, als dass ich das vergessen konnte! Wir größeren Kinder bekamen etwas zum Anziehen, glaube ich und natürlich standen da Esswaren, Gebäck und Stollen. Mutter weinte vor Freude und wir alle waren restlos glücklich! Auch das Dorf Burgscheidungen veranstaltete im Jahr 1945 an einem Sonntag vor Weihnachten im Saal des Gasthauses eine Weihnachtsfeier für uns Vertriebene. Wir Kinder bekamen Spiele und Spielzeug oder Schulsachen und meine Mutter einen großen Kochtopf. Natürlich gab es auch etwas zu essen und zu trinken und wieder hatte ich das Gefühl der Wärme und des Glücks und fühlte mich geborgen…

Doch nun zurück zum Tag der Ankunft in Burgscheidungen. Für die Familie des Mädchens, das mich mitnahm, war ich an diesem Abend sicher eine echte Überraschung. Brunhilde Neumann hatte wohl spontan ihre Hilfe angeboten, als sie merkte, dass wir ohne Unterkunft blieben. Aber Frau und Herr Neumann hießen mich sofort herzlich willkommen. Sie führten mich bald nach oben in die einzige Schlafkammer für die ganze Familie und legten mich zu ihrem 8-jährigen Töchterchen Hildegard ins gleiche Bett, da kein anderes mehr zur Verfügung stand. Und sie behielten mich in dieser räumlichen Enge, doch mit großem, weitem Herzen während langer 6 Monate. Sie hätten mich am nächsten Tag ja zurückbringen können zum Bürgermeister, damit er sich kümmere. Oder sie hätten mich spätestens dann von sich weisen können, als ich alle Familienmitglieder mit Kopfläusen angesteckt hatte (obwohl wir vor dem Transport total entlaust worden waren!). Oder als ich die Bettlaken öfters verschmutzte, weil auch mein Darm kein normales Essen mehr vertrug. Sie haben es nicht getan, sondern mich gepflegt und behalten bis sie im Dorf eine in ihren Augen bessere Bleibe für mich gefunden hatten. Aber sie verstanden nicht so recht, warum ich mich nicht von Herzen darüber freute, obwohl diese neue Familie (Ihle/Konsum) mir doch neben einem eigenen Bett sogar ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen konnte!

Bei Familie Ihle blieb ich dann bis zu unserer Abreise in den Westen im März 1947. Sie besaß ein schönes Haus, die Kinder waren fast alle erwachsen bis auf den jüngsten Sohn Kurt mit 18 Jahren. Eine der drei Töchter (Ilse) war bereits verheiratet. Auch sie verlangten keinerlei Mithilfe von mir im Haushalt oder Konsum, lediglich das Markenkleben (Lebensmittel waren damals rationiert) und Hofkehren am Samstag waren meine Aufgaben. Beim Hofkehren half mir meistens mein kleiner Bruder und wurde dafür mit einem großen Stück Streuselkuchen von Frau Ihle belohnt, was ihn sehr glücklich machte! Ich konnte also, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, meine ganze freie Zeit mit den Dorfkindern verbringen und wir spielten stundenlang auf den Dorfstrassen Ball, Seilhüpfen oder „Himmel und Hölle“ alles Spiele mit festgelegten Regeln. Im Sommer gingen wir natürlich auch in die Unstrut baden und da passierte es einmal, dass ich vom Schwimmring abrutschte und unter meinen Füssen keinen Boden mehr spürte. Ich ging unter und jedes Mal wenn ich hochkam, schrie ich um Hilfe. Das hörten einige Jungen, die auf der Brücke standen und einer davon (ich glaube er hieß Gerhard Böttcher) sprang ins Wasser und zog mich raus!! Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre! Mir ging es also sehr gut bei Familie Ihle und als wir im März 1947 zu meinem Vater, den wir inzwischen durch mehrere Briefe an seine alte Kriegsadresse (Fliegerhorst Linz/Österreich wiedergefunden hatten, in den Westen zogen (es war dafür eine „Zuzugsgenehmigung“ nötig), hatte ich als einziges Familienmitglied ein Holzköfferchen voll Anziehsachen. Es waren vor allem hübsche Kleider, die mir Frau Ihle aus abgelegten Sachen ihrer Töchter bei einer Schneiderin nähen ließ. Familie Ihle bot meiner Mutter sogar an, mich bei ihnen zu lassen, da sie ja völlig ins Ungewisse reise – anscheinend funktionierte damals schon die Propaganda über den „schlimmen Westen“!!

Mit der Ankunft in Burgscheidungen im November 1945 konnten wir nach fast einjähriger „Abstinenz“ endlich wieder eine Schule besuchen. Es gab in Burgscheidungen damals eine Schule mit zwei Klassenräumen und ich kam in die 6. Klasse, mein zwei Jahre älterer Bruder Gottfried in die 8. Klasse, was aber keine Rolle spielte, da wir sowieso in einem Raum saßen. Unser Lehrer hieß FREY, aber für das Fach Russisch hatten wir einen anderen Lehrer, der sonst die unteren Klassen 1 – 4 unterrichtete. Leider habe ich seinen Namen nicht mehr in Erinnerung. Als Lehrer Frey vom Schicksal unserer Familie erfuhr, sorgte er dafür, dass meine Mutter mit meinen Brüdern die beiden Zimmer im 1. Stock des Schulhauses beziehen konnte und sie durch das Saubermachen der Schulräume etwas Geld verdiente. Leider konnte man für das Geld damals fast nichts kaufen. Lebensmittel, Kleidung, Schuhe alles war rationiert. Wie nötig hätte meine Familie damals Kleidung oder festes Schuhwerk gebraucht, da wir aus allem, was wir von daheim mitgebracht hatten, herausgewachsen waren. Kleidung und Schuhe gab es aber nur auf Bezugscheine und das waren dann keine Lederschuhe sondern Turnschuhe, bei denen halt dann, wenn der Fuß gewachsen war, die große Zehe sich ein Loch bohrte, um Platz zu haben. Ich erinnere mich im Juli 1945 mit Schuhgröße 35 nach Pirna gekommen zu sein und als wir im März 1947 in den Westen reisten, brauchte ich Größe 38. Dass es keine Lederschuhe gab, lag einfach daran, dass nach dem Krieg nichts produziert wurde. 1945 war Deutschland zerbombt, die meisten Fabriken lagen in Schutt und Asche und wenn nicht, montierte der Russe alle Einrichtungen und Maschinen ab und schaffte sie nach Russland. Es gab von daher kein Warenangebot (selbst Knöpfe und Faden waren Mangelware) und in dieses Chaos kamen zusätzlich Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die verköstigt, bekleidet und untergebracht werden mussten! Ich meine, dass damals sehr viel christliche Nächstenliebe von Seiten der einheimischen Bevölkerung praktiziert wurde. Aber es geschah alles im Stillen, ohne, dass es an die große Glocke gehängt wurde!

Wie ich bereits weiter oben schon erwähnte, waren Lebensmittel 1945 rationiert, so dass meine Mutter und meine Brüder mit dem Essen auf Marken sehr kärglich lebten. Gottfried war 13/14 Jahre alt und hatte ständig Hunger. Mutter teilte die Tagesration an Brot immer mit einer Einkerbung auf der Rückseite des Brotes ein, doch es geschah häufig, dass mein Bruder den Strich einfach nach unten versetzte und so noch eine dünne Scheibe abzweigte. Zum Mittagessen gab es oft nur Pellkartoffeln und rohe Zwiebeln. Sie hatten auch kein Heizmaterial für die 2-Zimmer-Wohnung in der Schule. Als rettender Engel erschien dann Gerhard Pocher, der in der Schule neben meinem Bruder saß. Obwohl er aus einer Familie mit 16 Kindern stammte, entlockte er seiner Mutter immer wieder Essbares und brachte es zu Schlicksbiers (Kartoffeln, Gemüse und auch mal ein Stück Fleisch, das angeblich die Katze in den Pfoten gehabt habe!) Und obwohl er der Sohn des Bürgermeisters von Burgscheidungen war, ging er heimlich mit meinem Bruder in das nahe Birkenwäldchen, um Holz für den Ofen zu schlagen. Es qualmte zwar fürchterlich, weil es nicht trocken war, doch ohne diese Hilfe wäre zur Mangelernährung noch das Frieren hinzugekommen. Als wir dann im März 1947 mit unseren Habseligkeiten zum Bahnhof nach Laucha gingen, um die Reise in den Westen anzutreten, da begleitete Gerhard Pocher uns zu Fuß entlang der Bahngleise von Burgscheidungen bis nach Laucha und half uns das Gepäck zu tragen. Mit dem Pferdegespann konnten wir leider nicht gefahren werden, da in diesem Frühjahr die Unstrut so starkes Hochwasser führte, dass die Strasse nach Laucha über die Brücke überschwemmt war. (Bei diesem Hochwasser kam sogar ein Pferdegespann in den Fluten um und man konnte es tagelang von der Brücke aus sehen wie es noch angeschirrt ertrunken unten am Grund lag). Ich hatte das Gefühl, dass Gerhard Pocher am liebsten ganz mit uns gekommen wäre, denn als der Zug sich in Bewegung setzte stand er immer noch auf dem Trittbrett und hatte Tränen in den Augen….

Tränen in den Augen hatte ich selbst auch oft in den ersten Wochen und Monaten im Westen (Schwabenland), denn ich hatte starkes Heimweh nach den Menschen, den Freundinnen und Schulkameraden, die ich in Burgscheidungen zurücklassen musste. Natürlich war die Freude groß über die Wiedervereinigung mit unserem Vater, aber er war uns durch die jahrelange Abwesenheit während des Krieges und danach doch etwas entfremdet und vor allem, er ersetzte mir ja nicht die Spielgefährten. Ich tat mir schwer mit den Bauernkindern Freundschaft zu schließen, zumal sie kaum Zeit zum Spielen hatten, da sie nach der Schule auf dem Hof mithelfen mussten. Dazu kam der fremde Dialekt (schwäbisch), den wir anfangs kaum verstanden und zum andern ihre Abneigung uns Flüchtlingskindern gegenüber, da wir in ihren Augen „Habenichtse“ waren. In Burgscheidungen hatte ich diese negativen Gefühle nie, war ich doch in den beiden Familien Neumann und Ihle wie ein eigenes Kind aufgenommen und behandelt worden. Ich habe erst viele Jahre später als längst Erwachsene so richtig verstanden, was diese beiden Familien mir an Güte und Liebe zuteil werden ließen, indem sie mich bei sich aufnahmen. Sie taten es spontan, ohne Wenn und Aber, ohne Bedingungen und vor allem ohne jegliche Gegenleistung! Auch die übrigen Dorfbewohner unterstützten uns nach Kräften, einfach weil Menschen vor ihnen standen, die der Hilfe bedurften. Dafür schulden wir ihnen tausendfältigen Dank, der nie abgetragen werden kann!! Dass wir Burgscheidungen wieder verlassen mussten, war für mich als hätten wir unsere Heimat zum zweiten Mal aufgeben müssen…

(Bad Mergentheim, Juli 2008)


Es ist immer sehr schade, wenn Zeitzeugen irgendwann einmal für immer verstummen, ohne je ihre Geschichte erzählt und aufgeschrieben zu haben. Eine psychologische Verarbeitung der oftmals tragischen, immer aber dramatischen Ereignissen, die sicher bei Millionen Menschen aus allen betroffenen Völkern und Ländern massive Traumata verursacht haben, hat es im therapeutischen Sinne zu allermeist nicht gegeben. Man schwieg meist über das Erlebte, verdrängte es, legte einen Teil seiner Empfindungen und Erinnerungen auf Eis und spaltete wichtige Erfahrungungen notgedrungen ab. Zu schmerzlich wirkte die Vergangenheit nach. Dazu kamen Schuld- und Schamgefühle.

Für das Überleben und den Neuaufbau war das einerseits eine notwendige, wichtige Entscheidung, einen Schnitt zu machen und sich von den schweren Empfindungen zu trennen. Es gab auch damals bei dem massenhaften Leid, von denen sehr Viele betroffen waren, keine suffizienten Therapiemöglichkeiten und es entsprach auch nicht dem Denken, dass man traumatische Erlenisse therapeutisch bespricht. Traumatherapie gab es so wenig wie das Wort Trauma überhaupt bekannt war. Meine Tante schreibt ja, dass sie es gar nicht so empfunden hat. Es gab Krieg, es gab Verlierer und man mußte irgendwie mit von außen aufgezwungenen Bedingungen klar kommen.

Es war aber dieses Abspalten und Vergessen, dass auch kollektiv geschah, ebenfalls ein Verlust und eine Tragik, die uns Nachgeborenen Vieles letztlich nicht mehr verstehen ließ. Es gab in der gesamten Kriegsgeneration nach dem Psychoanalytiker-Ehepaar Mitscherlich eine "Unfähigkeit zu trauern", die viele Geschichten in den Menschen erstickt hat. Insofern bin ich sehr froh, dass diese Geschichte aufgeschrieben wurde. Die Alliierten hatten nach dem Krieg die Gräuel der Nazi-Schergen in den KZ's entdeckt und dokumentiert und zeigten die Filme der deutschen Bevölkerung in Kinos. Vielleicht stimmt es, was immer behauptet wird, dass man auf dem Lande oder entfernt von solchen KZ's nichts mitbekam und wenn man Häftinge sah, dass man sich alles nicht so schlimm vorgstellt habe. Viele werden ihr Gewissen aber auch damals schon abgespalten haben.

Für die Flüchtlinge, die teilweise selbst halb verhungert wie meine Oma Zwangsarbeit leisten, gleichzeitig die Kinder durchbringen und Krankheiten und die Massenvergewaltigungen über sich ergehen lassen mußten, mögen dann einige Monate KZ-ähnliche Bedingungen geherrscht haben und sie haben das Unrecht, dass die Nazis im Namen Deutschlands anderen angetan hatten, am eigenen Leib verspürt. Dazu kamen Scham, Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, wenn man sich die Entnazifizierungsfilme anzuschauen hatte. Die eigene Not aber, der Kampf ums Überleben, die Zeugenschaft grausamer Kriegshandlungen, alles das haben die Menschen auch kollektiv abgestumpft und die Unfähigkeit, zu trauern, mit bewirkt. Es war wie in den Lagern selbst ein Überlebensmechanismus, das Empfinden größtenteils abzuschalten.

Heutzutage sind wir satt, haben keine Sorgen ums Überleben und können denken, sind gut informiert und können uns in andere hinein versetzen, deren Notlage erkennen. Und wieder sorgen andere Groß- und Kleinkriege für unzählige Opfer von Gewalt gegen Zivilisten und es kommt nach wie vor zu massiven Vertreibungen, z.B. in mehreren Konflikten in Afrika und natürlich in Nahost, aber auch dann, wenn Kleinbauern für Ölplantagen und Viehweiden mit Gewalt von ihren kleinen Parzellen vertrieben werden. Als Handelspartner und als Waffenlieferanten sowie Rohstoffinteressenten trifft unsere Welt, die sich aus den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wieder erholen konnte, eine sehr große Verantwortung, alles zu tun, diese Konflikte zu beenden, ihnen keine Nahrung und keine Waffen zu geben und für die humanitäre und psychologische Hilfe für die geschundene Zivilbevölkerung zu sorgen. Wir sollten uns anstrengen, die Schöpfung für uns und unsere Mitmenschen zu bewahren.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Samstag, 5. September 2015, 14:11

Vertrieben, geflohen, verfolgt - böses Schicksal oder Hoffnung auf ein neues Leben?

Meine Familiengeschichte ist eine typisch deutsche und typisch europäische Geschichte und sie ist Jahrhunderte alt wie mein mittelhochdeutscher Name. Ein Teil meiner mütterlichen Familie saß seit Jahrhunderten auf dem Land und in Bauernhöfen in der niederrheinischen Provinz. Doch schon die Vorfahren meines Großvaters mütterlicherseits waren "Arbeitsmigranten". Er entstammte in dritter Generation ausgewanderten schlesischen Bergleuten, die in das Ruhrgebiet kamen und mithalfen, die Montanindustrie aufzubauen. Er wurde Bergbauingenieur. Im Mittelalter waren seine Vorfahren aus irgendwelchen deutschen Ländern nach Schlesien eingewandert, das von polnischen Königen, Habsburger Kaisern und schließlich sogar zum Teil von Preußen verwaltet wurde. Meine väterliche Familie war vor Jahrhunderten aus deutschen und womöglich österreichischen Landesteilen in die Landschaften Böhmens und Mährens eingewandert und da saßen sie nun als Bauern und Handwerker vor allem im Sudetenland. Wir wissen aus Märchengeschichten wie der vom "Rattenfänger in Hameln" über mittelalterliche Migranten, die in überbevölkerten deutschen Städten für die Besiedlung und Kultivierung unterbevölkerter osteuropäischer Landstriche von dortigen Lehensherren regelrecht angeworben wurden: mit Geld, Privilegien und natürlich bebaubarem, meist noch urbar zu machendem Ackerland. Mein Großvater wurde im Sudetenland als Untertan der in Wien residierenden Donaumonarchie geboren, diente im jungen tschechoslowakischen Staat und fand sich dann als deutschstämmiger Volksgenosse in dem von Hitlers Truppen für Nazideutschland anektierten Protektorat wieder. Am Ende des verlorenen, von Nazideutschland begonnenen Krieges setzte der tschechoslowakische Staat seine schon nach dem ersten Weltkrieg begonnene Politik der Marginalisierung bedeutender Minderheiten fort und vertrieb die deutschstämmige Bevölkerung nach Westen.

Als Vertriebene erlebten mein Vater als Jugendlicher, seine kindlichen Geschwister und seine Mutter alles, was Verfolgte so auf der Flucht oder während einer Vertreibung erleben können: Auseinanderreißen von Familien- und Verwandtschaftsbanden (der Großvater war schließlich in Österreich gestrandet, der Rest in Ostdeutschland), Not, Armut, Hunger, Krankheit, Lebensgefahr, Zwangsarbeit, Lagerhaft, Misshandlung, Vergewaltigung, Bedrohung mit dem Tode. Sie erlebten Anfeindung, Gleichgültigkeit, Diffamierung und Beschimpfung. Und sie hatten auch Glück, erfuhren Hilfe, Unterstützung, Mitgefühl, Zuspruch. Während meine östlichen Ahnen nach der Vertreibung im Westen ein neues Zuhause fanden und aufbauten, nahmen meine westlichen Vorfahren vom Krieg obdachlos gewordene ferne Verwandte in ihrem Hause auf. So war das damals. Ein sehr viel ärmeres, vom Krieg zerstörtes, in Besatzungssektoren aufgeteiltes und zusammen geschrumpftes Deutschland ächzte sowohl unter der Last der Flüchtlinge und Vertriebenen wie unter dem Verlust von Millionen jungen Menschen durch die Auswirkungen von Krieg, Hunger und Seuchen. Und dennoch haben die Leute das damals hinbekommen und ein neues Deutschland wuchs aus Trümmern, Elend und moralischer Verwahrlosung durch eine menschenverachtende totalitäre Ideologie zu einen funktionierenden Gemeinwesen, wenn auch bis zur Wiedervereinigung vor 25 Jahren in zwei getrennten Staaten und einigen Problemen bei der Aufarbeitung einer Geschichte von Diktatur, Versklavung und Massenmord in Nazideutschland zwischen 1933 und 1945.

Die Vertriebenen und Kriegsflüchtlinge haben zum größten Teil mit enormen Fleiß und großer Bescheidenheit an diesem Wiederaufbau mitgewirkt. Sie waren oft nicht willkommen, eher als notwendiges Übel geduldet und setzten alles daran, nicht nur das im Osten verlorene Leben, Stolz und Würde wieder zu gewinnen, sondern sich in die Gesellschaft, die sie vorgefunden haben, zu integrieren. Sie haben es geschafft und es ist ein anderes Deutschland in bescheideneren Grenzen entstanden, ein Wohlfahrtsstaat, der sich nach der Wiedervereinigung zumindest in Teilen schon sehr den demokratischen und humanistischen Idealen annähern wollte, die in der Weimarer Republik mit Beginn des zwölfjährigen Nazireiches ("Drittes Reich") untergegangen und stattdessen nur noch im freien Westen gepflegt und von dort mit den Alliierten zu uns zurück gekommen sind. Auch damals waren die Menschen voller Angst und Misstrauen, mit verdrängten Verletzungen und Narben durch all die Traumata des Krieges gegangen. Und die Ursachen für diese Katastrophen waren politische Willkürhandlungen wirtschaftsmächtiger und militaristischer Regierungen und am Ende ein großer Krieg mit Massenmord und Zerstörung. Ganze Völker, vor allem Minderheiten, wurden der Verblendung geopfert, vor allem von den Nazis, die dem Rassenwahn huldigten. Millionen machten mit und schauten weg. Und so fällt es bist heute schwer, zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden.

Nun, in einer Zeit, in der sich Kerneuropa, die USA und Russland 70 Jahre lang, zwei Generationen, von Krieg und Zerstörung erholen durften - eine so lange Periode ohne Krieg hat es seit dem römischen Imperium in Europas Kernländern nicht mehr gegeben -, sehen wir neue Katastrophen von außen auf die Grenzen Europas zukommen, die zunächst einmal das Leben von Millionen sehr armen und schutzlosen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Hunger im Nahen Osten und in Afrika betreffen, die aber ein ähnliches Schicksal mit Menschen in Asien teilen oder den Ärmsten in Mittelamerika. Zur Flucht kommt die Vertreibung aus politischen, ethnischen und religiösen Gründen. Vermutlich sind weit mehr Menschen umgekommen oder unmittelbar vom Tode bedroht, als flüchten konnten und diese Flucht bis an Europas Grenzen überlebt haben.

Europa hat mit diesem Elend in mehrfacher Hinsicht zu tun. Für die Flüchtlinge und Vertriebenen ist Europa eine Hoffnung auf Überleben in Würde. Der Wohlstand in den vergleichsweise gut organisierten und stabilen Volkswirtschaften wird geschätzt und ersehnt und auch das System, das diese Hoffnungen macht und ein Garant für die Weiterentwicklung unserer toleranten, aufgeklärten Gesellschaften sein soll, die soziale Demokratie. Diesen positiven Aspekt, der Menschen anzieht und unsere Länder zu Hoffnungsträgern macht, dürfen wir Europäer und wir in Deutschland, das oft als Haupt- oder Endziel von Migranten genannt wird, durchaus mit Stolz betrachten. Nach Russland, ebenfalls ein "Global Player" in Nahost, besonders in Syrien auf der Seite des korrupten und mörderischen Assad-Regimes, wollen hingegen - wen wundert's - keine Flüchtlinge und sie machen sich auch keine Illusionen darüber, dass es nahezu unmöglich ist, in die extrem abgeschottete USA zu kommen, eigentlich ein traditionelles Einwanderungsland und dazu noch eine Supermacht, an deren Händen auch durch das Mitmischen in den arabischen und nahöstlichen Konflikten Blut klebt.

Und diese andere Aspekte, nämlich unsere Mitschuld an den ungelösten Konflikten, sollten uns zutiefst beschämen, nicht nur die Uneinigkeit der reichen, wohlhabenden Staaten der Europäischen Union bei der gerechten Verteilung von Lasten im Zusammenhang mit der Aufnahme der Flüchtlinge, ihrer Versorgung und der Leistung humanitärer Hilfe in den Krisenregionen der Welt. Diese Konflikte gibt es im Kern nicht nur seit der Moderne, sondern sie sind alt. Europa hat über Jahrhunderte trotz zeitweiliger früherer kriegerischer Einfälle aus dem Süden und Osten im Mittelalter seit der frühen Neuzeit die ganze bekannte Welt ökonomisch und militärisch dominiert und nach Belieben ausgebeutet und dabei regionale Kulturen und Religionen bekämpft und zerstört. Die Strukturen der Dominanz und eines ungerechten, ausbeuterischen Welthandels zwischen der so genannten Dritten und Vierten Welt und der Welt der westlich geprägten Industriestaaten haben sich auch nach offizieller Beendigung der Kolonialpolitik kaum verändert, nur das aufstrebende Schwellenländer mit hohem Bevölkerungspotential und wirtschaftlichem Wachstumshunger dazu gekommen sind und in regionalen Konflikten mitmischen.

Die einstige Hegemonie der beiden Supermächte USA und Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg hat in Kerneuropa nicht nur zum so genannten "Kalten Krieg" geführt, sondern zu einer Fülle von Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, in denen die Nato-Staaten und der Warschauer Pakt wechselseitig diktatorische Regierungen oder Rebellenbewegungen mit Geld, Waffen und Logistik bestückten. Immer ging es dabei um Macht in den Einflusssphären, um strategisch-militärische Erwägungen und um die Sicherung der Rohstoffquellen und Anbaugebiete zum Schutz des eigenen Wohlstandes. Das Leben der Menschen in den dominierten, von Bürgerkriegen heimgesuchten und von diktatorischen, korrupten Cliquen im Solde früherer Kolonialstaaten regierten Drittweltstaaten waren den Regierungen und Konzernen sowie Militärs der Großmächte und ihrer Vasallen völlig egal. Eine in Relation zum weltweiten Schaden vergleichsweise kleine Friedensbewegung, die sich schließlich auch um die ökologischen Katastrophen im Gefolge der ökonomischen Ausbeutung sorgte, war einer der wenigen kleinen, öffentlichen Ausdrucksversuche unseres kollektiven schlechten Gewissens in den ein wenig besser aufgeklärten und bewussten kritischen Köpfen junger Menschen im Westen seit dem Ende der Sechziger Jahre.

Doch mit dem Abflauen der Höhepunkte dieser Bewegungen um Frieden und Umweltschutz Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre, mit den meist friedlichen Umwälzungen im Ostblock hin zu mehr Demokratie, mit der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Ende des Kalten Krieges, dem Erstarken der Grünen Partei aus der Friedens-, Umweltschutz- und Anti-AKW-Bewegung soll jetzt alles erreicht worden und das Land der Glückseligen aufgebaut worden sein? Nein, es ist weltweit eher noch schlimmer geworden, genau wie prophezeit. Wir haben einer Klimakatastrophe globalen Ausmaßes jahrzehntelang nichts entgegen gestellt und alles verschlimmert. Die Emissionen der klimaschädlichen Treibhausgase Methan und Kohlendioxid haben wir in den Industriestaaten und Schwellenländer unentwegt ansteigen lassen, haben fossile Brennstoffe und Bodenschätze rücksichtslos ausgebeutet und dabei die Erdoberfläche verwüstet, verkarstet, die Böden unfruchtbar gemacht und das Grundwasser verschmutzt, vergiftet oder ausgetrocknet. Dadurch schmelzen seit Jahrzehnten Gletscher ab, steigt der Meeresspiegel, steigern sich Wetterkapriolen zu Unwettern und verschieben sich Klimazonen.

Am Ende können die Menschen in bestimmten Gegenden der Welt nicht mehr leben. Sie können sich und ihre Bodenschätze nicht weiter verkaufen, wenn sie ausgebeutet oder unzugänglich geworden sind. Sie können auf den vertrockneten, erodierten, vergifteten Böden nichts mehr anbauen. Das verschmutzte Wasser reicht kaum zum Trinken, geschweige denn für Hygiene und Bewässerung. Jahrhunderte alte Techniken eines angepassten Umgangs mit Wüsten- oder Steppenklima oder dem tropischen Regenwald gehen mit den Bewohnern, aber auch mit den Landschaften verloren. Kriege brechen um die Verteilung des wenigen aus, das die Menschen zum Leben benötigen, zuerst in den ärmeren, instabileren Gesellschaften; danach werden die Kreise der Zerstörung, die in diesen Sog am Ende des Raubbaues geraten, immer größer. Und immer geht es dabei um Macht und um Geld, denn damit kann man Andere zwingen, einem das zu geben, das alle wollen, aber das nur noch für Wenige reicht.

Die alten Hegemonialmächte und die Neuen investieren in diese Konflikte, lassen Stellvertreterkriege führen: USA, die europäischen Nato-Staaten, Russland, China, Indien, Pakistan, Saudi-Arabien. Sie alle wollen mitmischen bei der Verteilung von Land, nützlicher Bevölkerung, Bodenschätzen, strategischen Vorteilen. Nichts ist ihnen zu primitiv und gemein, um Gegensätze zu schüren und Kriegsgründe zu liefern: Die Volkszugehörigkeit, die Religionszugehörigkeit, kulturelle Unterschiede, Nationalismus. Und hinter allem steht eine die Menschheit umgreifende Angst. Sie treibt sowohl die Verbrecher, die Täter, wie die Opfer, sie wird populistisch geschürt, als Waffe gebraucht und schlägt doch auf die Verursacher selbst zurück.

Wenn nun wir Europäer und wir Deutsche Angst vor den Flüchtlingen haben, den hungrigen Fremden, die ohne Geld und Waffen, aber vertrieben von unserer Waffenlieferungen, die in die Hände der Verbrecher gelangt sind, vor denen sie fliehen, dann guckt uns unsere eigene Angst an, mit der wir Macht über andere Weltgegenden auszuüben versuchten, damit wir uns mit Waffen- und Wirtschaftsgewalt auf Kosten Anderer auf unserem Wohlstandsniveau halten können, ohne je die Absicht gehabt zu haben, gerecht zu teilen. Und natürlich sind Flüchtlinge, die vor dem Bösen fliehen, dadurch noch lange nicht gut. Sie haben genauso das Potential zu bösen Taten in sich, mit dem sie einen anderen Flüchtling ins Meer werfen, damit sie selbst nicht verdursten oder ertrinken, wie wir, die wir die Hungernden abschrecken und in Lagern zusammen pferchen wollen. Auch deren Leben ist geprägt worden von Gewalt und Intoleranz.

Somit sind auch diese Flüchtlinge, die ihr eigenes Leben retten und eine bessere Zukunft haben wollen, nicht die besseren Menschen, auch dadurch nicht, dass sie vor Bösem fliehen und sich in ihren Herkunftsländern nicht mehr der tödlichen Intoleranz auf der einen und Ignoranz auf der anderen Seite unterwerfen wollten. Es sind eben zum Teil auch Egoisten in Not, die zu ihren egoistischen Brüdern fliehen, die noch in Butter und Gold schwimmen. Vermutlich zunächst mal keine gute Idee, wenn man befürchten muss, dass materialistische Egoisten nicht nur ihr Leben, sondern auch den kleinsten Krümel ihres Besitzes mit ihrem Leben verteidigen. Tatsächlich ist unsere Gesellschaft gar nicht so solidarisch, wie die Flüchtlinge hoffen und vermuten. Sie hätte durch diese Flüchtlinge nur die Chance, es wieder zu werden. Doch davor steht oft die Angst, die Angst, etwas miteinander teilen zu sollen, die Angst vor dem Spiegelbild, vor der Ähnlichkeit.

Auch unsere egoistischen Gesellschaften sind früher durch Religionswirren, Klassenkämpfe, Revolutionen, Repression und Kriege mit Völkermord und Vertreibungen gegangen. Entwickelt hat sich inzwischen eine reichlich behäbige, selbstverliebte Kaste von Eurobesitzbürgern und neuen Konservativen und Nationalisten, die es sich hier gut eingerichtet haben mit wenig Kindern - die sind ihnen zu egoistisch und zu teuer - und einer allmählichen Umverteilung des Reichtums von der Mitte und von unten nach ganz oben. Die Armutsschere geht auseinander, doch der Durchschnittsbürger merkt es noch nicht, zumal er in der Mehrzahl die Habenichtse ignoriert, arme Familien, oft mit mehr Kindern als der Durchschnittskleinbürger. Doch so viele Flüchtlingsfamilien auf einen Schlag, die Ärmsten unter den armen Habenichtse, können die Bürger, können die Medien, können die Politiker nur schwerlich ignorieren, wollen sie keine katastrophalen Zustände auf ihren sauberen Straßen haben.

Es besteht ein gegenseitige Chance, von einander zu lernen, reiche und arme Egoisten könnten wirklich voneinander profitieren und sich gegenseitig aufwecken. Es wird sowieso immer so sein, dass arme Leute dahin ziehen, wo es mehr gibt. So ist der Mensch. Wollen wir in Zäunen und hinter Wällen geschützt von Militär leben? Schon jetzt gehen den reichen Egoisten die Facharbeiter für die Fabriken, die Pflegekräfte und sogar die Ärzte zur Behandlung der Wohlstandskrankheiten einer satten, alternden Bevölkerung aus, die andererseits zu wenig Geld in eine menschliche, durch tatsächliche Menschen durchgeführte Betreuung von alten, kranken, und manchmal auch armen pflegebedürftigen Menschen investiert. Schon morgen werden dann die Arbeitskräfte fehlen, die mit ihren Steuern und Sozialabgaben das Sozial- und Rentensystem am Leben erhalten, da sich unsere konservativen Politiker durch die Bank nicht entschließen können, Kapitalströme, Banken und Multinationale Konzerne und ihren Ressourcenverbrauch an der Umwelt zu besteuern und damit ein Grundeinkommen für alle zu finanzieren, das menschenwürdiges Leben ohne eine Koppelung an eine Gegenleistung erlaubt, ein wahrhaft christliches Projekt übrigens.

Und wir hier in Friesland im strukturschwachen Nordwesten mit langfristig sinkenden Bevölkerungszahlen werden uns noch wundern, was uns in einigen Jahrzehnten bei steigendem Meeresspiegel und zu erwartenden verheerenden Sturmfluten als Ergebnis der Umweltfolgen des Raubbaukapitalismus blüht. Die egoistische Republik wird die dünn besiedelten Landstriche aufgeben bis auf ein paar auf Stelzen gebauten Häfen und die Bevölkerung wird sich auf einen Flüchtlingstreck zu den höher liegenden Landesteilen begeben. Es sei denn, wir siedeln hier so viele Menschen an, die bescheiden und fleißig hier bleiben und wie vor tausend Jahren das Land auch gegen ein höher steigendes Meer verteidigen wollen, neue Friesen mit dunklen Augen und Haaren aber verzweifelt und mutig genug, sich nicht ohne Weiteres wieder herum schupsen zu lassen. Und um politisches Gewicht zu haben, benötigt man auch hierzulande Menschenmengen und Wirtschaftskraft. Es wäre also ein Handel zum allseitigen Vorteil, wenn sich satte reiche Egoisten und arme Hungrige treffen könnten und am Ende würde sie dieses Beispiel friedfertiger Einigung und gegenseitiger Hilfe sogar zu mehr Interesse am Gemeinwohl und altruistischer Hilfe motivieren, denn wir wollen doch nicht ernsthaft, dass die Zuwanderer charakterlich genauso werden oder bleiben, wie wir - sie sind es möglicherweise eh schon, sonst kämen sie nicht hierher. Also gibt es eine historische Chance, dass wir miteinander unter gegenseitigem Einfluss bessere Menschen würden - wäre da nicht die Angst vor dem Schlechten im Anderen, die das eigene Schlechte nicht sieht.

Angst, die wir uns nicht eingestehen wollen und die wir nach außen projizieren, um sie im Außen zu bekämpfen, wirkt immer destruktiv und das Zerstörerische wird von uns Angstvollen nach außen in die unmittelbare Umgebung und die ganze Welt getragen. Und doch gibt es Beispiele für einen konstruktiven Umgang mit angenommener, gesehener, bei sich selbst gefundener Angst. Dieser Umgang, sich der Angst und ihren Wurzeln zuzuwenden und nicht davon zu laufen, schafft ein positives Potential. Wir sind wieder handlungsfähig. Die Angst wird zu einer Freundin, die uns Umsicht, Vorsicht, Achtsamkeit, Behutsamkeit, das Sorgen für uns und andere lehrt. Wir reagieren freundlich und deeskalierend auf die Angst des Anderen, der uns gegenüber auch nicht weiß, wie er mit uns umgehen soll. Wir können das tun, weil wir über die Angst in uns selbst besser Bescheid wissen. Das befähigt uns zu Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und daraus wächst die einzig mögliche Hilfe, die Brücken baut: wir nehmen Anteil, wir geben Anteil, wir teilen Gefühle, Bedürfnisse, Erfahrungen, Leben miteinander, wir wachsen zusammen und lernen Verantwortung für das Ganze zu übernehmen und nicht nur für unser kleines nacktes Leben bzw. das, was wir fälschlich dafür halten, eine bestimmt Form von Besitz und Bedeutung, ohne dass diese Dinge uns lebendig machen. Nein, diese toten Dinge können uns und andere sogar töten!

Wenn Menschen zu uns kommen und wir alles haben, was sie brauchen und das auch noch gut organisiert, können wir sie nähren, schützen und lehren. Aber dafür müssten wir selbst erst mal lernen, vor allem lernen, das Herz zu öffnen. Einer solidarischen Gesellschaft wachsen Glück bringende Ressourcen aus sich selbst zu. Ein anderer Zusammenhalt, ein anderes Miteinander verspricht mehr Beteiligung, mehr Gemeinsinn, mehr Demokratie, mehr friedliche Neugier an einem guten Leben mit interessanten anderen Menschen. Die Neubürger, die zu uns wollen, könnten unsere Chance sein, aus der egoistischen Selbsterstarrung zu erwachen. Wir können sowieso nur noch eine kurze Zeit als Teil dieser beneideten, mächtigen Wirtschaftsnationen dieses leidvolle Weltregime aufrecht erhalten, dass die Not erzeugt, verwaltet und die Notleidenden auffrisst. Wenn wir diesem Räderwerk nicht in die Speichen fallen und die Maschine der Angst und der Gier nicht abstellen, werden diese Maschinerien unseres materialistischen Denkens und Wirtschaftens uns selbst und unsere Gesellschaften zermalmen und sie in den Strudel eines allgemeinen Weltuntergangschaos ziehen. Bücher und Hollywood-Katastrophen-Filme sind voll von diesen Visionen und ein böser Teil in uns scheint sich sogar nach diesem Schrecken zu sehnen und findet ihn auf der Leinwand und im Fernseher unterhaltsam.

Die aktuellen Flüchtlinge und Vertriebenen in dieser Welt, die wir z.B. im Fernsehen sehen und die unsere Welt aus den Medien heraus zu kennen glauben, finden die Katastrophen, die sich in ihrer Heimat abspielen, nicht unterhaltsam. Sonst hätten sie dem "Life-Spektakel" sicher länger beigewohnt. Es gibt eben nicht nur ein paar Kreuzigungen und Scheiterhaufen des IS zu sehen oder das Splitterbomben-Hackfleisch, das Verbrecheregime mit ihren Bündnisgenossen in den zerstörten Gassen ehemals stolzer orientalischer Städte anrichten. Diese ekelhaften Auswüchse sind nur besonders krasse Hinweise auf die allgemeine Verrohung, die sich unter den Augen unserer Ignoranz anderswo bereits ausleben darf, während wir uns auf den Inseln der Seligen wähnen. Es gibt in aller Welt Hunger, Durst, Gift, Terror und Tod für alle verursacht mit europäischen, amerikanischen, russischen und chinesischen Waffen. Das ist der Gruß von uns Reichen an den Rest der Welt, unsere militärische Entwicklungshilfe, die immer schon jedes humanistische Feigenblatt aus Almosen um Vielfaches überstieg. Inzwischen ist es sogar so, dass die Überweisungen von Migranten an ihre Familien in den armen Heimatländern die staatliche Entwicklungshilfe der reichen Nationen deutlich übertrifft! Auch deshalb müssen Migranten hier schuften, um den Daheimgebliebenen ein Leben in der Heimat zu ermöglichen, etwas, das die reichen Staaten eigentlich tun wollten, um Armutsflucht unnötig zu machen.

Unsere Politiker schäumen selbstgerecht mit nationalistischen Parolen in den Medien und schieben die Schuld und Verantwortung auf andere, während sie selber Mauern und Zäune bauen. Manche wachen zögerlich auf und bemühen sich, sich wieder vorne auf einen neuen Trend zu setzen, wie Merkel. Aber so richtig erkannt haben die Meisten unserer politischen Lenker wohl noch lange nicht, was sich in dieser Welt zusammen braut. Das können wir auf den gescheiterten Klima-Gipfeln erleben und bei den hanebüchenen Versuchen, den Weltfrieden sicherer zu machen, indem die eine Hand sich zum Friedensgruß erhebt und die andere zündelt. Wir Bürger selbst, wir alle, können die Dimension erahnen, wenn wir auf unser Herz gucken und es öffnen. Da gibt es Angst, Furcht, aber auch Liebe und Hoffnung.

Bauen wir doch mit denen, die zu uns kommen, eine neue, gerechtere, liebevollere Gesellschaft. Das Problem des Bösen lösen wir nicht im Außen und nicht mit Sündenböcken, sondern nur in uns selbst. Wir sind zu lange zu langweilig, zu verstockt, zu unbeweglich, zu bequem gewesen. Darüber wurden wir zwar satt, aber auch alt und starrsinnig. Wir haben zu wenig Kinder und zu wenig von ihnen gelernt. Wir hatten gute Ideen, aber wem haben wir sie weitergegeben, mit wem haben wir sie gelebt? Jetzt kommen neue, junge, hoffnungsvolle Menschen. Noch sind sie froh um Sicherheit, Nahrung und Obdach. Lassen wir sie wissen, dass sie nicht nur Hilfeempfänger sind und bleiben werden. Geben wir ihnen Chancen, zu lernen, sich nützlich zu machen, anzupacken, mitzuwirken. Und vergessen wir die Welt um uns herum nicht, die noch im Chaos versinkt. Wir sind nicht die Guten, wir können nicht die Insel der Seligen bleiben. Die ganze Schöpfung war uns anvertraut und was haben wir aus ihr gemacht?

Wir haben Angst vor Fremden? Angst vor anderen Religionen? Wir haben selbst Schuld, wenn unser Reichtum attraktiver sein sollte, als unser Humanismus und unsere Demokratie. Geraubter Reichtum lockt immer andere Räuber an, denn die haben ja gesehen und gelernt, wie das geht, sich etwas mit Gewalt nehmen. Die, die vor den Folgen als Opfer zu uns fliehen, könnten wir noch zu einer anderen Haltung erziehen, doch nur mit Vorbild. Kinder erzieht man mit Vorbild, Erwachsene beeindruckt man erst recht nicht nur mit Sprüchen, während man anders handelt, als man denkt und spricht. Wer fürchtet, dass das "Christliche Abendland" durch muslimische Zuwanderer in spirituelle Bedrängnis gerät, hat in Wirklichkeit sein Evangelium vergessen und sein Gottvertrauen aufgegeben.

Das Evangelium lehrte, dass die Nachfolger Jesu wie ein Senfkorn Keim des großen Gottesreiches in Herzen wie auf Erden wirken, wie das Salz der Erde oder der Sauerteig sozusagen das "Starter-Kit" einer mitmenschlichen, solidarischen Weltordnung nach Gottes liebenden Vorbild sein sollen. Das wollen im Kern auch die überzeitlichen Werte den Menschen nahelegen, die das Judentum als gemeinsame monotheistische Ursprungsreligion und der Islam als jüngster Spross nach Abzug aller zeitgeschichtlichen Verunreinigungen beinhalten und verkünden und wo wir uns in kultureller Hinsicht einig sein könnten. Wer wirklich glaubt und, wie das Evangelium empfiehlt, Gott durch den Mitmenschen liebt, muss keine Angst haben bzw. findet ein Mittel im Umgang mit seinen zeitgebundenen menschlichen Ängsten und einen Weg auf den Nächsten zu, dem es ja ganz offenkundig nicht anders geht, als uns.

In einer modernen, von allzu vielen materialistischen Überzeugungen inzwischen doch recht verunstalteten und sozial wie ökologisch gefährdeten Welt können religiöse Überzeugungen einer kulturübergreifenden Ethik, wie sie das Judentum, das Christentum und der Islam grundsätzlich vertreten, zusammen mit einer gereiften, bei sich selbst mit Einsichten, Änderungen und Heilung beginnenden spirituellen Grundhaltung hilfreich sein. Doch gilt das nicht für machtpolitisch manipulierende Ideologien, die sich der religiösen Vehikel von angeblich heiligen Glaubensüberzeugungen bedienen und ihren Anhängern einbläuen, dass es in irgend eines Gottes Sinne wäre, gegen irgendwelche Menschen und Gruppen wegen anderer Glaubensinhalte und Überzeugungen mit Gewalt vorzugehen. Auch hier müssen Hochreligionen, die oft aus geschichtlich bedingten Zusammenhängen Reste von gewaltsamen Auseinandersetzungen um ihre Gründungsgruppen und Epigonen der mythischen Gründungsgestalten beinhalten und überliefern, zunächst reifen und im Sinne einer inneren Aufklärung von reaktionären und gewalttätigen Elementen gereinigt, geklärt werden. Das hatten und haben alle Religionen nötig. Sie eignen sich nicht mehr als Waffe, um aktuelle Konflikte zu lösen. Meist fördert allgemeiner Wohlstand in einem Klima von Toleranz und Aufklärung solche Prozesse.

Somit ist damit zu rechnen, dass ein Islam im Westen sich anders entwickelt, wie schon die osmanische Kolonisation Südosteuropas zeigt, als in den postkolonialen Bürgerkriegswirren und Rebellionen derzeit im arabischen Raum. Interessanterweise waren im jugoslawischen Bürgerkrieg eher die kulturell im Christlichen wurzelnden Armeen und Milizen der katholischen Kroaten und orthodoxen Serben als Aggressoren gegen Zivilisten, Kinder und Frauen aufgetreten, als die muslimischen Bosnier, was nichts über deren prinzipiell größere Friedfertigkeit aussagt. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass sich der Islam durchaus unter geeigneten Bedingungen wieder entradikalisieren und Weisheit und Güte zuwenden kann, wie das teilweise im Mittelalter nach den ersten wilden Eroberungen in auch kulturell reichen orientalischen Gesellschaften der Fall gewesen ist. Außerdem trifft das bereits für den weit in die türkisch-osmanische Kultur und von dort auch in den Westen vorgedrungenen Sufismus zu, ein esoterisches Verständnis des Islam, der schon seit Jahrzehnten auch hier im Westen gelehrt wird und viele Berührungspunkte zu esoterischen Strömungen des Judentums und vor allem Christentums aufweist.

Doch auch Agnostiker und Atheisten, die nur aus den Sozial, Geschichts- und Humanwissenschaften lernen wollen, finden in der Menschheitsgeschichte hoffnungsvolle Beispiele dafür, dass aus Elend, aus Krieg und Vertreibung auch Hoffnung geboren werden kann und Chancen zur Weiterentwicklung bestehen, insbesondere wenn wir es diesmal anders als die Jahrhunderte und Jahrtausende zuvor mit einem anderen Bewusstsein und von der Geschichte lernend angehen. Nach der immerhin sehr diktatorischen Pax Romana, die in Europa, Nordafrika und Vorderasien nicht nur auf dem Recht fußte, sondern schon damals auf Wirtschafts- und Militärmacht, brachten die Wirren der Völkerwanderungszeit eine Neuordnung im Gesamteuropäischen Raum. Vertriebene, nach einer neuen wirtschaftlichen Existenz suchende Völker brachten nicht nur Krieg und Chaos in die Region. Die Vermischung befruchtete die Kulturen und schuf eine Nachfrage nach universellen ethischen, politischen und rechtlichen Werten, die damals im Westen das Christentum mit seinen gelehrten Mönchen und Nonnen befriedigte, im Nahen Osten und Arabien später der Islam. Was die Menschen nach über 2000 bzw. 1400 Jahren noch verstehen müssten, wäre, dass Religion keine politische Waffe sein sollte, sondern ein möglicher Weg zu einem friedfertigen Herzen, zu Barmherzigkeit sich und den Mitmenschen gegenüber, zu grundsätzlichem Wohlwollen bei guter Kenntnis über das Böse, zu dem wir als Menschen alle fähig sind.

Die Geschichte lehrt uns also, dass auch das Europa, wie wir es heute vorfinden, samt seinen vorherrschenden religiösen und kulturellen Traditionen aus Migration entstand und durch Wanderungsbewegungen von Menschen, Kulturen und Ideen zu dem wurde, was es ist. Wir hatten z.B. auf der iberischen Halbinsel im frühen und hohen Mittelalter nicht nur furchtbare, sondern auch fruchtbare Begegnungen mit aus Afrika kommenden Menschen und Einflüssen, dem Judentum und dem Islam, so wie sich schon vorher semitische Phönizier und gotische Auswanderer in Nordafrika begegnet waren. Auch heutige Großmächte sind Einwanderungsländer für Wirtschaftsflüchtlinge, Toleranzsucher, Abenteurer und sogar Verbannte und Sträflinge gewesen und haben leider auch durch Phasen von Dezimierung einheimischer Völker, Diskriminierung und Intoleranz zu relativ homogenen, kulturell durchmischten Gesellschaften geführt trotz der extrem unterschiedlichen Herkunftskulturen, sei es in Nord- und Südamerika, in Russland, im asiatischen und ostasiatischen und auch im pazifischen Raum, in Australien und Neuseeland. Es kamen nicht nur Europäer, auch Asiaten und Afrikaner und nicht immer freiwillig, sondern zum Teil als Verfolgte, Vertriebene, Gestrandete, Deportierte und Versklavte.

Viele Menschen äußern trotzdem Ängste vor "Überfremdung", ein merkwürdiges Politikerwort, das den Popolisten unter ihnen dazu dient, bei einheimischen Bürgern Xenophobie, Angst vor Fremden zu schüren, die dann alsbald in Ablehnung und Fremdenhass umschlagen kann. Wer könnte heute sagen, dass die Probleme und Nachteile der multikulturellen Mischungen die Vorteile und das Interessante überwiegen? Als ich Kanada und die USA besuchte, hatte ich oft die nettesten Begegnungen mit Afroamerikanern und offensichtlich asiatischen Menschen. Sind nicht viele US-Amerikaner, Neuseeländer, Australier, Chinesen und Bewohner des heutigen Russlands stolz auf ihre bunt gemischten, zusammen gesetzten Nationen? Und obwohl diese zum Teil aus ehemaligen Kolonien entstandenen Ländern unzählige Völkerschaften aufnahmen und mit den Ureinwohnern oft grausam umgehen, werden diese Nationen oder Staatsgebilde nicht als chaotische, uneinige Schurkenstaaten aus ehemaligen Sträflingen, Sklaven, Abenteurern, Kolonialisten und religiösen Sektierern wahrgenommen.

Warum sollten also ein paar Millionen nach Europa einwandernde Menschen aus Europa eine nicht mehr wiedererkennbare Wüste von Chaos und Unrecht machen? Sind das nicht völlig übertriebene, ideologisch aufgebauschte und von Populisten geschürte Ängste ohne echte geschichtliche Grundlage? Selbst das von China völlig kolonialisierte Tibet atmet nach all dem Terror noch mehr tibetische Kultur als chinesischen Materialismus aus. Man kann sich zwar fragen, wie lange noch, doch kommt man nicht umhin, zu bewundern, wie das Gute einer spirituellen Kultur den schlechten Auswüchsen des Materialismus lange die Waage halten kann und das könnte uns im "christlichen Abendland" als Ansporn dienen. Ist nicht die Zersplitterung an den Rändern Europas, etwa der Balkanstaaten des ehemaligen Jugoslawiens, ein einziger Anachronismus? Sind nicht selbst die multiethnischen Bewohner lateinamerikanischer und karibischer Staaten stolz auf ihren Kontinent und eine gemeinsame Identität, die immer größer ist als eine Ethnie oder eine Nation? Mir scheint wichtig, dass auch ein solcher "kontinentumspannender" Stolz einschließt und nicht ausschließt. Wollen wir als Menschen stolz auf unsere Kulturleistungen sein und langfristig unser Überleben als Art Homo Sapiens auf diesem Planeten sichern, müsste ein uns verbindender Humanismus anstelle einer alles überwuchernden eifersüchtigen Rivalität treten.

Die Geschichte lehrt uns schließlich, dass sich stets alles verändert. Bleiben wir Bewegliche, Fühlende, Erfahrende, Handelnde. Die allerersten Menschen kamen offenbar aus Afrika, die zweite große steinzeitliche Besiedlungswelle auch. Es gab sogar eine erdgeschichtliche Zeit, da gab es nur einen Kontinent und noch keine Menschen. Wenn man für das Ganze Verantwortung übernehmen möchte, fange man bei sich an, bei der eigenen Angst, dem eigenen Bösen, der eigenen Hoffnung, der eigenen Lebendigkeit. Ich freue mich auf einen guten Ausgang, auf Begegnung, auf Entwicklung. Die jungen Menschen, die zu uns kommen wollen, werden durchaus gebraucht. Ich in neugierig, wie wir das hinkriegen und ich freue mich auf gute Nachrichten, die es über Solidarität und Hilfsbereitschaft eben auch gibt. Unsere Geschichte kennt nicht nur Katastrophen, sondern auch Geschichten, die Mut machen. Lasst uns solche Geschichten erzählen. Die meiner eigenen Familie ist so eine Geschichte, denn am Ende hatte meine Familie Glück, während andere untergegangen sind in einem ungerechten Schicksal. Darum möchte ich weniger auf Schicksal bauen und vertrauen, als auf die Güte zu der wir auch fähig sind und die uns zu Gemeinsinn und zu gemeinsamem Handeln aus Mitgefühl inspirieren kann.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Samstag, 17. Oktober 2015, 13:29

Von Gastgebern, Gästen und dem Gastrecht

Unsere Demokratie ist manchmal besser als ihr Ruf, was uns nicht dazu verführen sollte, nachzulassen und uns weniger anzustrengen. Die demokratische Kultur ist bei uns deshalb noch besser, als wir manchmal befürchten müssen, weil viele einzelne Menschen besser handeln, als sie es nach unseren pessimistischen Annahmen tun müssten. Das hat vielleicht damit zu tun, dass manche durchaus kulturelle Errungenschaften älter und tiefer verankert sind, als unsere demokratische, freiheitliche Gesinnung und ein Gegengewicht zu unseren Ängsten und Unsicherheiten geben kann und schon immer gab. Diese kulturelle Errungenschaft ist das uralte Gastrecht. Wissend, dass wir Menschen fern von zuhause fast überall auf die Freundlichkeit und das Wohlwollen der Einheimischen angewiesen sind um weder von den Unbillen der Natur noch den Gefahren fremder Kulturen überwältigt zu werden, bis wir deren Regeln und Wirken kennen lernen konnten.

So ist es gut, dass unsere Bevölkerung immer noch mehrheitlich gastfreundlich, wohlwollend und mitfühlend handelt, dass sie spendet und das Grundrecht auf Asyl für Bedürftige nicht in Frage stellt. Mehr Sorge als einige Ängstliche oder gar Fremdenfeindlich könnte einem das Versagen der politischen Elite und mancher Behörden machen und das chaotische Bild, das sich nicht nur von Deutschland sondern der ganzen Europäischen Gemeinschaft in der Welt ausbreitet, während auf außenpolitischer Ebene immer noch vor allem Ignoranz, Hilflosigkeit und militaristisches Denken dominiert und eine Haltung, die zu meinen scheint: es ist alles recht, solange nur das alte neo-kapitalistische System mit der Ausbeutung der Welt durch die wohlhabenden Volkswirtschaften erhalten bleibt. Die Kriegs- und Katastrophenflüchtlinge sind nur der eitrige Ausfluss einer törichten und tödlichen Welt- und Wirtschaftspolitik. Daran wollen die meisten Industrienationen und selbst große, land- und bevölkerungsreiche Schwellenländer nichts ändern.

Zurück zu unserem Umgang mit unsere Gästen aus den Ländern der Armut und des Krieges. Viele Politiker, Presseleute und Behördenmitarbeiter könnten mehr tun, um ein besseres Verständnis und mehr Zusammenarbeit zu fördern, statt im Gegenteil Unsicherheit, Angst und Chaos. Manche Bemerkungen sind so fahrlässig und dumm, weil sie eine direkte Vorlage für rassistische und fremdenfeindliche Ressentiments sind und Angst in einer zunächst offenen und freundlichen Wohnbevölkerung schüren. So bekommen hilfesuchende inländische Klienten immer wieder in Sozial und Hilfeämtern zu hören, dass die Bearbeitung ihrer Anliegen wegen der Überlastung der Behörden mit der Versorgung der Asylbewerber derzeit nicht oder nur sehr verzögert Berücksichtigung finden können. Die schon in unserem Land unzufriedenen Unterprivilegierten bekommen erneut Gründe für Unzufriedenheit, diesmal aber wegen der angeblichen Bevorzugung noch schwächerer oder bedürftigerer Randgruppen und dies mobilisiert in Einigen Aggressionen, Ablehnung und Hass.

Aber auch die Berichte über Aggressionen unter den Flüchtlingen in Massenunterkünften, Zeltstädten, Warteschlangen vor Ämtern und an den Grenzen schüren Angst vor Fremden und Aggressionen in der Wohnbevölkerung gegen die Ankommenden. Zum Teil haben die Notmaßnahmen selbst und ihre etwas kurzsichtige Verwirklichung bei deprimierten, enttäuschten und von Hoffnungslosigkeit bedrohte Menschen den Anstau und dann gewaltsamen Ausbruch negativer Gefühle bewirkt. Zudem ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich ebenso wie bei ausländerfeindlichen Aktionen auch bei der Gewalt von Flüchtlingen untereinander oder gegen Ordnungskräfte zum Glück immer noch um Einzelfälle handelt und wir auch Einzelfälle genauer betrachten müssen, um nicht der Verführung zu erliegen, dass wir Generalisieren und Verallgemeinern und aus Erschrecken oder auch nur unzureichenden Informationen schon jetzt ein Szenarium als Wirklichkeit beschreiben, das wir in Zukunft befürchten und verhindern wollen.

Es wäre hilfreich, klar zu machen, dass wir selbstverständlich Willens und in der Lage sind, Einzelfälle im Sinne unseres demokratischen Verständnisses auch bei der Arbeit unserer Justiz zu prüfen und gute Gesetze auch anzuwenden. Nicht alle Gesetze sind immer gut und nützlich, was viele Antiterrormaßnahmen beweisen, die die Bürgerrechte beschneiden, ohne den Terrorismus wirklich zu schwächen, diese aber müssen ebenso im demokratischen Konsens weiter entwickelt oder eben auch wieder abgewickelt werden. Ansonsten sind wir gut beraten, wenn wir unsere Demokratie und unsere freiheitliche, bürgerliche Gesellschaftsordnung ohne den knebelnden Einfluss von Religionen und Erlöser-Ideologien aktiv verteidigen, durch unser Beispiel, durch eine liberale Presse und Medienberichterstattung und durch die Anwendung der Gesetze, die für jeden gelten, Gäste wie Gastgeber.

Es gibt auch bei Inanspruchnahme des Gastrechtes Handlungsweisen, die bewirken, dass der ungastliche, feindlich gesonnene oder aggressiv und gewalttätig agierende Gast den Schutz verliert, der ihm das Gastrecht zuspricht. Einen solchen Gast können wir aus unserer Mitte weisen und wir würden es selbst in unserem Haus, in unserer Wohnung jederzeit tun. Zuerst aber würden wir unsere Gäste auf unsere Regeln aufmerksam machen und sie um Nachsicht für die momentane Enge und die Provisorien bitten, die bei dem Ankommen vieler Gäste nun mal vorübergehend unvermeidlich sind. Wir würden die unrealistischen Vorstellungen, mit denen Manche hierher gelockt haben, korrigieren müssen und ein überzogenes Anspruchsdenken enttäuschen müssen. Daran führt kein Weg vorbei.

Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass die Meisten Menschen, Inländer wie Flüchtlinge, es verstehen würden, wenn man sich bemüht, es ihnen zu erklären. Ich glaube auch, dass die meisten Flüchtlinge, sie vor Krieg, Folter, Mord und Hunger fliehen, zunächst froh sind, Frieden und Nahrung vorzufinden. Sie werden auch nicht wollen, dass Frustrierte und Enttäuschte ihre kulturellen und religiöse Konflikte aus ihren Heimatländern hier im Gastland weiter austragen und Schwächere, Minderheiten, Frauen, Kinder, Andersgläubige hier terrorisieren. Darum sollte es kein unüberwindliches Problem darstellen, Friedensstörer, Hetzer und Gewalttäter unter den Inländern wie unter den Flüchtlingen zu isolieren und nach ihren Vergehen und unseren Gesetzen gerecht zu behandeln. Straftäter werden bestraft, Aggressoren, die das Gastrecht mit Füßen treten und die Gastgeber oder andere Gäste bedrohen, beleidigen oder gar bekämpfen und verletzen werden nach ihrer Bestrafung und zum Schutz aller weggewiesen. Das dürfte bei uns Konsens sein.

Und natürlich müssen die Gäste unsere Sitten und Gebräuche beachten, dass die Religion nicht über der Demokratie, deren Gesetze und Freiheiten und über den Menschenrechten steht, dass Männer und Frauen gleich viel wert und gleichberechtigt sind, dass wir keine Diskriminierung dulden und keine gewaltsamen Auseinandersetzungen oder auch nur Feindschaften mit Aufstachelung zu Streit zwischen Religionsgemeinschaften, Ethnien und anderen sozialen Gruppen. Wer solchen Verhältnissen in seinem Lande entflohen ist und sie dennoch in unser Land und nach Europa tragen will, hat hier kein Gastrecht und keine Zukunft. Gäste, die unsere Gesellschaftsordnung respektieren und sogar daran teilnehmen möchten, sie in Richtung mehr Demokratie, mehr Toleranz und Freiheit und mehr Gerechtigkeit weiter zu entwickeln, können wir auch einladen, zu bleiben und ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft zu leisten.

Gewalttäter, Kriegstreiber, Hetzer, Prediger religiöser Intolerans, Frauenverächter und ideologische Fanatiker hier zu dulden und ihnen nicht bloß die Wahl zwischen demokratischer Neuorientierung bis zur Umerziehung oder Abschiebung zu lassen, ist gesellschaftspolitischer Selbstmord für unsere Demokratie. Gleichzeitig ist unsere beste Lebensversicherung, dass wir selbst all die humanistischen Prinzipien, die wir in unseren Gesellschaften erworben und in Jahrhunderten bis heute gegen weltliche und religiöse Potentaten und Ideologien erkämpft und verteidigt haben, auch wirklich leben. Wir sind ein wenig zu bequem, zu matt, zu sehr auf Sicherheit aus und an der schlafmützigen Form von Friedfertigkeit orientiert, als dass man uns als wahre Hüter der Freiheit und des Gemeinsinns noch wahr- und ernst nehmen könnte. Daher sollten wir uns anspruchsvoll, wach, hilfsbereit und gastfreundlich und gleichzeitig wehrhaft jedem gegenüber zeigen, der das Gastrecht mit Füßen tritt, ob von innen oder außen. Das Gastrecht ist menschlich und die Menschen haben dessen immer bedurft. Aus den besseren, menschlicheren Botschaften der verschiedenen Religionen wissen wir, dass Gott oder das Göttliche dem Menschen Gastrecht auf der Erde gegeben hat und dass er das Zusammenleben aller ursprünglich als Paradies gedacht hat und nicht als Schlachthaus und Kriegsschauplatz.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Freitag, 25. Dezember 2015, 15:59

Flüchtlingsfest Weihnachten

Ich richte meine Spiritualität nicht nach bestimmten Religionslehrern und Weisen aus. Das macht mich völlig frei, die zu zitieren, die in meinen Augen etwas Sinnvolles zur menschlichen Misere wie zu menschlicher Größe sagen - in spiritueller Hinsicht. Das christliche Weihnachtsfest spornt gerade die an, die sich Christen nennen und dabei meistens einer bestimmten Richtung angehören, Richtungsweisendes zu sagen. Eine Focus-Reporterin, Martina Fietz, gibt in der Online-Kolumne "Fietz am Freitag" auch ihren Senf zur Weihnachtswurst dazu. Focus.de ist nicht so mein Ding, wenn so ein Format auch noch Ex-AFD'ler als Experten zu Wort kommen lässt, also vom rechten Rand der Flüchtlingsfürchter, doch was Frau Fietz da aufgeschnappt und weitergegeben hat, gefällt mir ausnahmsweise: "Der frühere Aachener Bischof Klaus Hemmerle hat dazu einmal den wunderbaren Satz formuliert: "Mach es wie Gott! Werde Mensch!"Um das zu verstehen, muss man nicht religiös sein." Und weiter: Weihnachten 2015 sollte ein Satz von Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, im Blickpunkt stehen: „Das Kind in der Krippe hat nur überlebt, weil seine Eltern in Ägypten Asyl gefunden haben.“

Aber ich kann nicht nur Bischöfe für eine Weihnachtsbotschaft anführen, die Weihnachten mit einer Art Flüchtlingsfest in Verbindung bringt. Mein Vorgänger, von dem ich den Hof übernommen habe, schrieb mir zu Weihnachten u. a.: "Die erste Flüchtlingswelle der Moderne rollte zum Ende des zweiten Weltkriegs und kurz danach aus dem zerstörten und im Stalinismus versinkenden Osten Deutschlands Richtung Westen. Meine Eltern mit mir als kleinem Kind an der Hand waren ein Tropfen in dieser Welle. Gestern wie heute waren Flüchtlinge zumeist nur ungern gesehene Konkurrenten und Mitesser für die Ortsansässigen. So erlebten wir es in West-Berlin, in Schwaben und - wen wundert es - natürlich in Bayern, wo das Boot nach gängiger Sicht so mancher Einheimischer schon damals in den Fünfzigern zu voll war. Die arme Pfalz kannte keine solchen Vorbehalte und nahm uns auf, gab uns eine Chance. Niemand flieht aus der Heimat nur wegen ein paar finanziellen Anreizen. Flucht ist eine elementare Verhaltensweise, ein archaischer Rettungsversuch der eigenen Existenz. Natürlich wendet ein Flüchtling sich möglichst dahin, wo er willkommen ist und auch eine gesellschaftliche Chance hat, alles andere wäre widersinnig. Opportunismus ist noch etwas anderes. Glücklicherweise war unser zweiter Anlauf in der Pfalz vor einem Jahr von weit weniger dramatischen Umständen begleitet als der erste und diente der Annehmlichkeit im Alter. Wir kamen diesmal nicht als Bittsteller, sondern als zahlungsfähige Bürger. Ein Verdienst von 70 Jahren Frieden im eigenen Land. Vielleicht ist Frieden der wahre Luxus, den nur wenige Länder dieser Erde verteilen können, schon gar nicht die Staaten des Terrors."

Eine Muslima, Mutter einer Patientin und vor zwei Jahrzehnten aus dem Libanon zu uns gekommen, dolmetscht manchmal für heutige Flüchtlinge arabischer Herkunft, ebenso ihre Tochter oder geht mit zu Behörden. Sie begründet das mit ihrem muslimischen Glauben und zwar in aller Einfachheit: "Es sind Menschen. Da muss man helfen!" Die Kindheitsgeschichte Jesu ist die einer anständigen Familie von guter Abkunft - aus dem Stamme Davids - doch arm und einfach. Die Regionalmacht der Römer verlangt Unterwerfung zur Registrierung und Steuereintreibung, die Leute zerreißen sich gerne mal das Maul, etwa über die Herkunft des Bastards, denn Josef war nicht der Vater. Doch der verstieß seine vierzehnjährige Verlobte nach Anraten seines Engels dennoch nicht und vermied somit öffentliche Schande und Entehrung. Und während er mit der Hochschwangeren in die Herkunftsgemeinde seiner Vorfahren reist, kann er sich Mangels Herbergen und Geld keine Unterkunft leisten. Das Kind wird unterwegs in einem Tierstall geboren. Für die Judenchristen ist es der Messias, für die Christen der Sohn Gottes, Gott, der Mensch geworden ist. Kurz danach sind sie wieder auf der Flucht vor der Regionalmacht, vor dem Versallen, vor der Obrigkeit. Dann sind sie Illegale in Ägypten, Flüchtlinge.

Das Volk Israel war mehrfach in seiner Geschichte versklavt, verschleppt, vertrieben worden. Die Grenzen wechselten auch in der Antike stets und zwar damals schon mit Krieg und Gewalt. Abraham machte seine Magd Hagar mit ihrem gemeinsamen Sohn Ismael zu Vertriebenen oder Verstoßenen, nachdem Sara ihm Isaak, seinen Zweitgeborenen, geboren hatte. Auf Ismael als Ahnherren berufen sich nach dem Koran die Araber. Und so geht es in diesen Landstrichen noch heute und so ging es bei uns nicht nur in der spätantiken Völkerwanderungszeit: Wir sind sowohl Erben des Leides wie der Erfolge von Flüchtenden, Umherwandernden, Exilanten. Unsere Heldenepen - und zwar die Meisten der Menschheit - handeln genau von diesen Schicksalen, unsere Religionen sind davon geprägt in jedem Teil der Erde. Bruch mit der alten Tradition, alte und neue Bünde, das Versprechen Gottes, seine Menschen aus dem Fluch der selbst verschuldeten Boshaftigkeit zu erlösen - überall finden sich solche Geschichten.

Wir sind bis heute eher Nomaden als Sesshafte und doch gibt es Gegenden, in denen Menschen Jahrtausende blieben und Gegenden, von wo Menschen schon vor Jahrtausenden weggingen oder wohin sie zu gelangen suchten. In der Nähe des Ortes Osterode im Harz, über dem man eine bronzezeitliche Grabhöhle (Lichtensteinhöhle) mit den gut erhaltenen Gebeinen von knapp 70 Individuen aus mehreren Generationen fand, konnte man durch humangenetische Untersuchungen feststellen, dass noch zwei direkte Nachkommen eines Mannes nach über 3000 Jahren oder ca. 100 Generationen am Ort in der Nähe der Höhle und der alten Siedlungsstätte lebten und 11 weitere Verwandte, wobei nicht alle Bewohner untersucht werden wollten, sondern sich nur 270 für diese Untersuchungen meldeten. Aber es kamen auch mindestens zwei Individuen von den fernen britischen Inseln, die schon damals Zinn-Bergwerke für die Bronze (aus Kupfer und Zinn) aufwiesen, an den Ort am Fuße des Harzes und wurden da begraben, antike Einwanderer also.

Wir alle ziehen über diese Erde, hinterlassen als menschliche Individuen mit wenigen Ausnahmen kaum merkliche Spuren, als Spezies aber haben wir das Angesicht der Erde verändert, leider nicht nur zum Positiven, denn Umweltverschmutzung, Raubbau und Kriege sind unsere Begleiter, seit Menschen Reiche und Kulturen bilden. Wir haben die Chance, eine andere Geschichte zu schreiben, als Gemeinschaft, als Kollektiv, wenn wir uns der Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibung annehmen und die Ursachen dieser Übel, Despotismus, Ungerechtigkeit und Ungleichheit, ächten und durch Weisheit beseitigen.

Zum Schluss, die Inspirationen der Bergpredigt, die nach dem Evangelium des Matthäus die Worte Jesu wiedergeben soll, des Jesus, dessen Geburtsfest von den christlichen Kirchen heute wieder einmal begangen wird wie jedes Jahr:

Die Seligpreisungen:

Nach dem Evangelium des Matthäus, Kapitel 5, Vers 3 – 12

3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; / denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; / denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Söhne Gottes genannt werden
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

Vom Salz der Erde und vom Licht der Welt:

Nach dem Evangelium des Matthäus, Kapitel 5, Vers 13 – 16

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.
16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Wenn also das "Christliche Abendland" tatsächlich noch etwas mit Jesus Christus zu tun hat, ist es eine keine verschlossene Burg, die Flüchtlinge ausschließt, sondern eine leuchtende Stadt auf dem Berg als das Abbild des himmlischen Jerusalem, in der Menschen- und Gottesliebe sich nicht ausschließen, sondern bedingen. Wenn wir davon noch weit entfernt sind, müssen also auch wir uns wieder aufmachen zu diesen neuen Ufern, zu dieser neuen Humanität. Weihnachten ist das Fest um die Geburt eines Migranten, eines Armen, eines Verfolgten, eines Kind Gottes, Gottes Sohn.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)