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Sonntag, 4. Januar 2009, 18:38

Flucht und Vertreibung

Zeitzeugenbericht über Nachkriegsvertreibung aus dem Sudetenland



Meine Tante schrieb mir im November einen Brief, dem als Anhang ein Bericht über ihr Leben während des zweiten Weltkriegs im Sudetenland und die Vertreibung bis zur Familienzusammenführung beigefügt war. Heute fragte ich sie den Bericht nicht im Forum veröffentlichen möchte bzw. mir das erlauben würde. Sie schrieb: "Natürlich bin ich einverstanden, dass Du meinen Beitrag in Eurem Forum veröffentlichst." So soll es also sein. Das war ihr Brief dazu:

Zitat

Brief meiner Tante vom 1.11.2008

Lieber Mischa,

dass ich keinen Geburtstag vergesse, dafür sorgt schon mein Computer in meinem Hirn!
Und gute Wünsche kann man immer gebrauchen, egal wie alt man ist, meine ich.

Heute möchte ich Dir etwas schicken, was ich diesen Sommer geschrieben habe. Ich wurde
nämlich aus Burgscheidungen (wo wir nach unserer Vertreibung bis zum Frühjahr 1947 lebten)
angefragt, ob ich nicht einen Beitrag für ein 'Buch der Erinnerungen' schreiben könnte, das
ein Lehrerehepaar aus dem Ort herausbringen möchte. Er sollte die Zeit vor der Vertreibung,
die Zeit der Vertreibung selbst und die anschliessende Zeit mit Ankunft und Aufnahme durch
die Bewohner in Burgscheidungen beinhalten. Was dabei herauskam, findest Du als Anlage dieser
Mail beigefügt.

Ich weiss, dass Du viel um die Ohren hast, aber vielleicht gibt es mal einen Moment in 'Deinen
dienstfreien Nachtstunden' und Du kannst die Geschichte lesen.

Für morgen wünsche ich Euch einen schönen Sonntag und grüsse herzlich
Helga


Was mich an dem Bericht über das Leben meiner Tante und die Fluchtgeschichte, die Teil unserer Familiengeschichte ist, sehr berührt hat, war einerseits der Inhalt selbst, zum anderen, wie wertschätzend und ohne negatives Urteil meine Tante trotz des erlittenen persönlichen Unrechts und Leids schreiben konnte - natürlich mit einem Abstand von über sechzig Jahren. Es geht nicht um Aufarbeitung und Verrechnung von "Schuld", etwa die Folgen des Hitlerischen Unrechtsstaates für die Tschechen gegen die tschechischen Rachevertreibungen der deutschstämmigen Sudeten, die seit Jahrhunderten in dieser Gegend lebten. Ich finde, das ist ein wichtiges, überregional bedeutsames Zeitdokument, wenn eine Zeitzeugin noch so lebendig aus ihren Erinnerungen berichten kann.

Zitat

Bericht meiner Tante vom Juli 2008

Beitrag zum „Buch der Erinnerungen“ für Burgscheidungen

Mein Name ist Helga Schlicksbier. Ich wurde am 4. September 1934 in Klötten, Kreis Neutitschein (Sudetenland – in der heutigen Tschechischen Republik) geboren.

Meine Brüder heißen: - Gottfried, geb. 25.08.1932 geb.in Pattersdorf/gest.2005 - Reinhold, geb. 03.08.1941 in Neutitschein.

Meine Eltern waren: Emma Schlicksbier, geb. Münster geb. 06.11.1911 in Klötten und Anton Schlicksbier geb. 08.04.1907 in Pattersdorf (Iglauer Sprachinsel).

Wir lebten zuletzt (1944/45) in der Kreisstadt Neutitschein (jetzt Nový Jicin) in Nordmähren. Mein Vater war seit Beginn des Krieges zur deutschen Wehrmacht eingezogen.

Als mit Beginn der Weihnachtsferien 1944 bei uns die Schulen aufgrund der immer näher rückenden russischen Front geschlossen wurden, zogen wir zu unserer Oma und Tante (ebenfalls 3 kleine Kinder) nach Klötten (jetzt Kletné) aufs Dorf. Dieses Dorf liegt ungefähr 25 km von Neutitschein entfernt. Wir erlebten dort im Mai 1945 auch den Einmarsch der Russen. Aufgrund der für eine Kriegsführung guten strategischen Lage des Dorfes (liegt auf einer Anhöhe) dauerten die Kampfhandlungen mehrere Tage, da der Ort dreimal vom deutschen Militär zurückerobert wurde. Auch danach blieben wir noch mehrere Wochen, gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern in Kartoffel-Kellern und Ställen versteckt, schon allein auch aus Angst vor Vergewaltigungen der Frauen. Einmal wollten wir uns des Nachts aus einem Keller davonstehlen, wurden ertappt und russische Soldaten stellten uns an die Wand, um uns zu erschießen! Sie taten es dann schließlich doch nicht, rissen uns aber die Beutel vom Hals, in denen wir alle unsere Dokumente verstaut hatten. Wir fanden sie dann einen Tag später als uns der Ausbruch glückte, im Hof im Dreck verstreut. Wir getrauten uns aber nicht, sie aufzulesen, so dass wir ohne jegliche gültige Papiere nach Deutschland kamen.

Einige Wochen blieben wir dann noch im Haus unserer Oma, doch nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte und auch die Plünderungen durch die tschechische Miliz in den Privat-häusern weniger wurden, gingen wir Mitte Juni 1945 (wohlgemerkt zu Fuß, da Deutschen verboten war, die Eisenbahn zu benutzen) wieder in unsere Stadtwohnung nach Neutitschein zurück. Kaum zwei Wochen dort erging eines Tages (Quellen sagen es war der 4. Juli 1945) an alle Kinder ab 10 Jahre und an alle Erwachsenen ab 60 Jahre die Aufforderung, sich mit kleinem Handgepäck (enthaltend Arbeitskleidung, Schlafdecke, Essgeschirr usw.) in den zugewiesenen Schulen zu versammeln. Angeblich sollten wir zur Ernteeinbringung eingesetzt werden. So brachte mich meine Mutter in die Mädchenrealschule, die ich zuletzt besucht hatte und mein älterer Bruder ging allein in seine Schule in Neutitschein. Sie selbst blieb mit meinem 3 1/2jährigen Bruder zu Hause. In der Nacht jedoch fuhren Lautsprecher durch die Stadt, die verkündeten, dass alle Deutschen, die nicht in einem festen Arbeitsverhältnis stünden (was durch vorher verteilte Ausweise nachzuweisen war) sich bis Mitternacht auf dem Stadtplatz einzufinden hätten. Auch die Mütter mit kleinen Kindern! Meine Mutter war in höchster Verzweiflung, wusste sie doch nicht, was mit ihren beiden grösseren Kindern passieren wird, wenn sie jetzt weggeht. Auch mein kleiner Bruder schrie angeblich stunden-lang nach seinen Geschwistern und wollte die Wohnung nicht verlassen. Aber sie hatten keine Wahl! Tschechische Milizen gingen von Haus zu Haus und von Tür zu Tür, um alle Deutschen einzusammeln und zum Marktplatz zu bringen. Wer sich widersetzte wurde mit Gewalt mitgenommen und so kam es, dass Menschen sich mit dem Nachthemd unterm Mantel und einer Handtasche an der Grenze wiederfanden!! Soviel ich weiß, war diese Art der Vertreibung, bei der die Menschen nur mit dem vertrieben wurden, was sie am Körper trugen, später verboten (1946 durften dann pro Person 50 kg mitgenommen werden) und diese Nacht vom 4. auf 5. Juli 1945 ging in die Geschichte als die „PIRNA-NACHT“ ein. Warum dieser Name, ergibt sich aus dem späteren Geschehen.

Meine Mutter setzte also meinen kleinen Bruder in der Nacht in den Kinderwagen, verstaute in einem Korbkoffer sein leichtes Kinder-Federbettchen und einiges an Wäsche für ihn und sich selbst. Am Marktplatz hörte sie, dass Mütter mit Kleinkindern sich extra stellen sollten, da sie gefahren werden sollten. Wohin wusste keiner! Wir größeren Kinder aber und die Alten wurden gegen 4 Uhr früh in den Schulen geweckt und in einer Kolonne zu Fuß nach Zauchtel (Eisenbahnknotenpunkt) auf einen 20 km langen Marsch geschickt. Ich hatte das Glück, dass unsere Vermieterin aus Neutitschein (weil über 60 Jahre alt) sich auch in meiner Schule befand, so dass sie mir während des langen Fußmarsches aber auch dann während der schrecklichen Tage des Transportes bis zur Grenze immer tröstend beistand. Ich weiß nicht, wie ich diese Zeit sonst überstanden hätte, schließlich war ich erst ein Kind von etwas über 10 Jahren! Ich habe nicht das Gefühl, dass ich durch diese ganzen Ereignisse traumatisiert wurde, doch dass ich ab da mich nicht mehr als „Kind“ fühlte, weiß ich noch heute. Auch habe ich kaum Einzelheiten vergessen können… Als wir dann am Morgen in Zauchtel ankamen, stand da ein riesiger langer Zug mit oben offenen Viehwaggongs, in die wir rasch eingeladen wurden. Es herrschte ein heilloses Durch-einander am Gleis und alles musste sehr schnell gehen, so dass wir völlig ahnungslos die Reise ins Ungewisse antraten, nicht wissend, ob meine Mutter und meine Brüder mit im Zug sein würden.

Im Waggon herrschte eine erdrückende Enge. Am Boden war ein wenig Stroh eingestreut auf dem die Menschen verzweifelt kauerten. Die Erwachsenen rätselten während der Fahrt wohin die Reise wohl gehen würde, da sie ja über den Rand des Waggons hinaussehen konnten. Einige befürchteten, dass wir nach Sibirien verschleppt werden könnten, doch dann erkannten Ortskundige, dass der Zug Richtung Prag fuhr und nicht nach Osten. Nach ca. 3 Tagen und Nächten ununterbrochener Fahrt – ohne essen und trinken, es sei denn was man dabei hatte – ohne Notdurft-Verrichtung – hielt der Zug plötzlich an und wir durften aussteigen. Unsere Vermieterin hatte schon während der Fahrt gehört, dass auch Eltern im Transport seien und so fingen wir an zu suchen. Plötzlich hörte ich die Stimme meiner Mutter meinen Namen rufen. Das war der glücklichste Augenblick in meinem Leben!!! Kurz darauf entdeckten wir einander und lagen uns weinend in den Armen. Auch meinen älteren Bruder hatten wir bald gefunden, hatte er sich doch auch bereits auf die Suche nach uns gemacht.

Der Ort, an dem wir ausgeladen wurden, hieß Herrnskretschen (jetzt Hrensko)) und von dort mussten wir noch bis Tetschen-Bodenbach (jetzt Decin) zu Fuß gehen. Dort angekommen, fielen wir auf einer Wiese im Freien nieder und schliefen wie ein Stein! Auch dieses Gefühl ist mir noch heute gegenwärtig, denn so müde war ich weder vorher noch nachher noch einmal in meinem Leben. Am nächsten Morgen öffneten die Tschechen die Schlagbäume an der Grenze zu Sachsen – nicht ohne vorher das wenige Gepäck und die Kleidung, die jeder trug, nach Schmuck und Geld zu durchsuchen (Frauen mussten sich in einer Baracke ausziehen und die Haare öffnen!) Dann riefen sie uns nach: „Jetzt seid ihr daheim im Reich!“ Aber alle diese Menschen wussten nicht wohin! Meine Mutter schloß sich dem Menschenstrom an, der zur Elbe strömte, denn dort lag ein Schiff mit Ziel PIRNA. Leider war es bei unserer Ankunft schon übervoll, doch meine Mutter war eine Kämpferin und sie überredete den Kapitän, so dass er uns im Maschinenraum mitfahren ließ.

Ich weiß nicht, wie lange das Schiff bis Pirna brauchte und ob wir zu essen oder zu trinken bekamen, jedenfalls nach Ankunft des Schiffes ergoss sich der Menschenstrom in die Stadt und wurde in die leeren Schulen eingewiesen. Doch nach wenigen Tagen mussten sie wieder geräumt werden und meine Mutter tat sich mit zwei anderen Frauen mit Kindern aus Neutit-schein zusammen und wir zogen mit vielen anderen Vertriebenen in eine leerstehende, noch nicht ganz fertiggestellte Schule auf dem „Sonnenstein“ (= eine kleine Anhöhe in der Stadt). Die einzelnen Gebäude lagen verstreut in einem weitläufigen Park, doch fehlte in den Gebäuden jegliche Inneneinrichtung. Fenster waren zwar eingebaut, doch statt Türen musste man Bretter vor die Türöffnung stellen. Wir drei Familien (3 Frauen und 10 Kinder) belegten einen ca. 10 qm großen Raum d.h. es gab gerade soviel Platz, dass jeder sich am Boden ausstrecken konnte. Bretter als Unterlage, das Kinderfederbett meines kleinen Bruders als Kopfkissen für uns vier und die Arbeitsdecke, die jeder von uns mitgenommen hatte, dienten uns als Schlafstätte. Stühle oder Tische gab es nicht, diese Möbel hätten auch gar keinen Platz im Raum gehabt! Als Gemeinschaftsverpflegung gab es wohl täglich 1 Becher Suppe, doch enthielt sie oft nur gekochte Kartoffelschalen, schmeckte verdorben und war mit einem Wort ungenießbar. Die Menschen errichteten deshalb Behelfsöfen im Freien. Dazu wurden einige Ziegelsteine auf-geschichtet und Abdeckplatten „organisiert“. Es gab genügend zerbombte Fabriken in der Umgebung Pirnas, so dass wir auch Kochtöpfe auf Halden fanden. Meistens bestand unser Essen sowieso aus Fischmehl – das einzige Lebensmittel, das man mit Geld kaufen konnte – und geriebenen Kartoffeln. Aus diesem Teig formte man Plätzchen, die auf der Platte gebacken wurden. Die Kartoffeln hierzu, wie auch jedes andere Gemüse, mussten ebenfalls von den Feldern„organisiert“ werden – zum Glück war es Sommer! War das mal nicht möglich, weil Flurwächter aufgestellt waren, dann gingen wir Kinder in die Umgebung betteln von Haus zu Haus, manchmal sogar bis Dresden. Ich erinnere mich, dass wir fast nie abgewiesen wurden, wenn ich mit meinem kleinen Bruder vor der Tür stand, sondern oft einen Teller warmer Suppe oder ein Stück Brot erhielten.
Wir Kinder waren uns tagsüber nämlich selbst überlassen, da Mutter bald nach Ankunft im Lager „Sonnenstein“ in eine Fabrik zur Demontage von maschinellen Anlagen ging. Im Osten ließ der Russe alles was nur ging in den Fabriken abmontieren und nach Russland bringen. Mutter erhielt dort ¼ Liter Graupensuppe täglich und 100 g Schwarzbrot. Die Suppe aß sie selbst aber das Brot brachte sie uns mit. Meistens erhielt es derjenige, der sie am Feierabend am Fabriktor abpasste. Selbst mein kleiner Bruder büchste mir öfters aus und machte sich ganz allein dorthin auf den Weg, weil er schrecklichen Hunger hatte. Mein älterer Bruder (damals 13 Jahre alt), litt derart Hunger, dass er an Hungertyphus erkrankte und fast alle Kleinkinder bis zu 3 Jahren verstarben im Lager. Mutter wog zuletzt nur noch 36 kg!

Als der Herbst nahte und es klar war, dass die Menschen in den nicht beheizbaren Räumen im Winter dort nicht wohnen bleiben konnten, beschlossen die Behörden, die Menschen umzusiedeln, d.h. es wurden Schiffstransporte zusammengestellt, die uns weiter ins Innere von Sachsen brachten. Wir waren Ende Oktober/Anfang November 1945 für einen Transport vorgesehen. Die Fahrt ging ca. 6 Stunden elbaufwärts bis RIESA, dort weiter mit dem Zug über TORGAU nach MÜCHELN. In Mücheln erfolgte dann die Verteilung auf die einzelnen Ortschaften im damaligen Kreis Querfurt und wir wurden mit vielen anderen Personen Burgscheidungen zugeteilt. Bauern aus Burgscheidungen holten uns mit Pferdefuhrwerken ab und brachten uns ins Dorfgasthaus. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten dieses Abends, doch unvergessen ist mir das Gefühl der Wärme des Raumes und des Glücks über das warme Essen, das man uns zur Begrüßung servierte. Total ausgehungert stürzten wir uns auf alles, was man uns anbot. Durch unser Lagerleben waren wir aber normalem Essen völlig entwöhnt, so dass wir hinterher ziemliche Durchfallbeschwerden bekamen. Magen und Darm waren an Fett überhaupt nicht mehr gewöhnt!

Als es an die Verteilung des Wohnraums für die Angekommenen ging, wurde der Saal immer leerer, bis schließlich nur noch meine Mutter mit uns 3 Kindern übrig blieb. Anscheinend gab es im Dorf keine Unterkunft mehr für eine so große Familie, waren wir doch bereits der dritte Transport mit Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, der von der kleinen Gemeinde Burgscheidungen aufgenommen werden musste. Schließlich bot uns einer der Bauern (Wilhelm Ziegler), die uns mit dem Pferdefuhrwerk von Mücheln abgeholt hatten, seine letzte freie Kammer an. Mehr hatte er nicht zu vergeben, denn vor einigen Wochen waren bei ihm auch schon Flüchtlinge einquartiert worden. Ich freute mich, dass wir jetzt auch gehen konnten und verstand die Aufregung meiner Mutter nicht, die heftig auf den Bürgermeister (Pocher) einredete, dabei weinte und abwechselnd meinen älteren Bruder und mich an sich drückte. Da ergriff plötzlich ein 16-jähriges Mädchen (Brunhilde Neumann), das beim Essen-austeilen geholfen hatte, meine Hand und erklärte, dass ich mit ihr kommen solle, da das Zimmer meiner Mutter beim Bauern Ziegler nur für 1 Bett Platz habe und das reiche gerade für sie selbst und meinen 4-jährigen Bruder Reinhold. Für meinen 2 Jahre älteren Bruder Gottfried fand sich dann auch noch eine Familie, die ihn aufnahm (den Namen habe ich leider vergessen). Doch blieb er dort nicht lange, da er sich schämte, das Bettlaken wegen des Durchfalls verschmutzt zu haben und so zog auch er zu Mutter ins Haus von Familie Ziegler, die auch noch für ihn irgendwie Platz schaffte.

Im Hause Ziegler erlebten wir auch das erste Weihnachtsfest in der Fremde. Mutter wollte wenigstens an Weihnachten alle ihre Kinder um sich haben und so gingen wir alle mit ihr in die evangelische Dorfkirche zum Gottesdienst. Eine katholische Kirche gab es nicht, da die einheimische Bevölkerung fast rein protestantisch war. Als wir aus der Kirche kamen, hatte Familie Ziegler uns einen kleinen Weihnachtsbaum geschmückt und angezündet ins Zimmer meiner Mutter gestellt und für jeden von uns lag ein Geschenk darunter. Leider entsinne ich mich nicht mehr an die einzelnen Geschenke, aber dass Herr Ziegler für meinen kleinen Bruder ein kleines Spielzeug-Pferdegespann hergerichtet hatte, weiß ich noch zu genau. Zu groß war die Freude meines Bruders, als dass ich das vergessen konnte! Wir größeren Kinder bekamen etwas zum Anziehen, glaube ich und natürlich standen da Esswaren, Gebäck und Stollen. Mutter weinte vor Freude und wir alle waren restlos glücklich! Auch das Dorf Burgscheidungen veranstaltete im Jahr 1945 an einem Sonntag vor Weihnachten im Saal des Gasthauses eine Weihnachtsfeier für uns Vertriebene. Wir Kinder bekamen Spiele und Spielzeug oder Schulsachen und meine Mutter einen großen Kochtopf. Natürlich gab es auch etwas zu essen und zu trinken und wieder hatte ich das Gefühl der Wärme und des Glücks und fühlte mich geborgen…

Doch nun zurück zum Tag der Ankunft in Burgscheidungen. Für die Familie des Mädchens, das mich mitnahm, war ich an diesem Abend sicher eine echte Überraschung. Brunhilde Neumann hatte wohl spontan ihre Hilfe angeboten, als sie merkte, dass wir ohne Unterkunft blieben. Aber Frau und Herr Neumann hießen mich sofort herzlich willkommen. Sie führten mich bald nach oben in die einzige Schlafkammer für die ganze Familie und legten mich zu ihrem 8-jährigen Töchterchen Hildegard ins gleiche Bett, da kein anderes mehr zur Verfügung stand. Und sie behielten mich in dieser räumlichen Enge, doch mit großem, weitem Herzen während langer 6 Monate. Sie hätten mich am nächsten Tag ja zurückbringen können zum Bürgermeister, damit er sich kümmere. Oder sie hätten mich spätestens dann von sich weisen können, als ich alle Familienmitglieder mit Kopfläusen angesteckt hatte (obwohl wir vor dem Transport total entlaust worden waren!). Oder als ich die Bettlaken öfters verschmutzte, weil auch mein Darm kein normales Essen mehr vertrug. Sie haben es nicht getan, sondern mich gepflegt und behalten bis sie im Dorf eine in ihren Augen bessere Bleibe für mich gefunden hatten. Aber sie verstanden nicht so recht, warum ich mich nicht von Herzen darüber freute, obwohl diese neue Familie (Ihle/Konsum) mir doch neben einem eigenen Bett sogar ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen konnte!

Bei Familie Ihle blieb ich dann bis zu unserer Abreise in den Westen im März 1947. Sie besaß ein schönes Haus, die Kinder waren fast alle erwachsen bis auf den jüngsten Sohn Kurt mit 18 Jahren. Eine der drei Töchter (Ilse) war bereits verheiratet. Auch sie verlangten keinerlei Mithilfe von mir im Haushalt oder Konsum, lediglich das Markenkleben (Lebensmittel waren damals rationiert) und Hofkehren am Samstag waren meine Aufgaben. Beim Hofkehren half mir meistens mein kleiner Bruder und wurde dafür mit einem großen Stück Streuselkuchen von Frau Ihle belohnt, was ihn sehr glücklich machte! Ich konnte also, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, meine ganze freie Zeit mit den Dorfkindern verbringen und wir spielten stundenlang auf den Dorfstrassen Ball, Seilhüpfen oder „Himmel und Hölle“ alles Spiele mit festgelegten Regeln. Im Sommer gingen wir natürlich auch in die Unstrut baden und da passierte es einmal, dass ich vom Schwimmring abrutschte und unter meinen Füssen keinen Boden mehr spürte. Ich ging unter und jedes Mal wenn ich hochkam, schrie ich um Hilfe. Das hörten einige Jungen, die auf der Brücke standen und einer davon (ich glaube er hieß Gerhard Böttcher) sprang ins Wasser und zog mich raus!! Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre! Mir ging es also sehr gut bei Familie Ihle und als wir im März 1947 zu meinem Vater, den wir inzwischen durch mehrere Briefe an seine alte Kriegsadresse (Fliegerhorst Linz/Österreich wiedergefunden hatten, in den Westen zogen (es war dafür eine „Zuzugsgenehmigung“ nötig), hatte ich als einziges Familienmitglied ein Holzköfferchen voll Anziehsachen. Es waren vor allem hübsche Kleider, die mir Frau Ihle aus abgelegten Sachen ihrer Töchter bei einer Schneiderin nähen ließ. Familie Ihle bot meiner Mutter sogar an, mich bei ihnen zu lassen, da sie ja völlig ins Ungewisse reise – anscheinend funktionierte damals schon die Propaganda über den „schlimmen Westen“!!

Mit der Ankunft in Burgscheidungen im November 1945 konnten wir nach fast einjähriger „Abstinenz“ endlich wieder eine Schule besuchen. Es gab in Burgscheidungen damals eine Schule mit zwei Klassenräumen und ich kam in die 6. Klasse, mein zwei Jahre älterer Bruder Gottfried in die 8. Klasse, was aber keine Rolle spielte, da wir sowieso in einem Raum saßen. Unser Lehrer hieß FREY, aber für das Fach Russisch hatten wir einen anderen Lehrer, der sonst die unteren Klassen 1 – 4 unterrichtete. Leider habe ich seinen Namen nicht mehr in Erinnerung. Als Lehrer Frey vom Schicksal unserer Familie erfuhr, sorgte er dafür, dass meine Mutter mit meinen Brüdern die beiden Zimmer im 1. Stock des Schulhauses beziehen konnte und sie durch das Saubermachen der Schulräume etwas Geld verdiente. Leider konnte man für das Geld damals fast nichts kaufen. Lebensmittel, Kleidung, Schuhe alles war rationiert. Wie nötig hätte meine Familie damals Kleidung oder festes Schuhwerk gebraucht, da wir aus allem, was wir von daheim mitgebracht hatten, herausgewachsen waren. Kleidung und Schuhe gab es aber nur auf Bezugscheine und das waren dann keine Lederschuhe sondern Turnschuhe, bei denen halt dann, wenn der Fuß gewachsen war, die große Zehe sich ein Loch bohrte, um Platz zu haben. Ich erinnere mich im Juli 1945 mit Schuhgröße 35 nach Pirna gekommen zu sein und als wir im März 1947 in den Westen reisten, brauchte ich Größe 38. Dass es keine Lederschuhe gab, lag einfach daran, dass nach dem Krieg nichts produziert wurde. 1945 war Deutschland zerbombt, die meisten Fabriken lagen in Schutt und Asche und wenn nicht, montierte der Russe alle Einrichtungen und Maschinen ab und schaffte sie nach Russland. Es gab von daher kein Warenangebot (selbst Knöpfe und Faden waren Mangelware) und in dieses Chaos kamen zusätzlich Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die verköstigt, bekleidet und untergebracht werden mussten! Ich meine, dass damals sehr viel christliche Nächstenliebe von Seiten der einheimischen Bevölkerung praktiziert wurde. Aber es geschah alles im Stillen, ohne, dass es an die große Glocke gehängt wurde!

Wie ich bereits weiter oben schon erwähnte, waren Lebensmittel 1945 rationiert, so dass meine Mutter und meine Brüder mit dem Essen auf Marken sehr kärglich lebten. Gottfried war 13/14 Jahre alt und hatte ständig Hunger. Mutter teilte die Tagesration an Brot immer mit einer Einkerbung auf der Rückseite des Brotes ein, doch es geschah häufig, dass mein Bruder den Strich einfach nach unten versetzte und so noch eine dünne Scheibe abzweigte. Zum Mittagessen gab es oft nur Pellkartoffeln und rohe Zwiebeln. Sie hatten auch kein Heizmaterial für die 2-Zimmer-Wohnung in der Schule. Als rettender Engel erschien dann Gerhard Pocher, der in der Schule neben meinem Bruder saß. Obwohl er aus einer Familie mit 16 Kindern stammte, entlockte er seiner Mutter immer wieder Essbares und brachte es zu Schlicksbiers (Kartoffeln, Gemüse und auch mal ein Stück Fleisch, das angeblich die Katze in den Pfoten gehabt habe!) Und obwohl er der Sohn des Bürgermeisters von Burgscheidungen war, ging er heimlich mit meinem Bruder in das nahe Birkenwäldchen, um Holz für den Ofen zu schlagen. Es qualmte zwar fürchterlich, weil es nicht trocken war, doch ohne diese Hilfe wäre zur Mangelernährung noch das Frieren hinzugekommen. Als wir dann im März 1947 mit unseren Habseligkeiten zum Bahnhof nach Laucha gingen, um die Reise in den Westen anzutreten, da begleitete Gerhard Pocher uns zu Fuß entlang der Bahngleise von Burgscheidungen bis nach Laucha und half uns das Gepäck zu tragen. Mit dem Pferdegespann konnten wir leider nicht gefahren werden, da in diesem Frühjahr die Unstrut so starkes Hochwasser führte, dass die Strasse nach Laucha über die Brücke überschwemmt war. (Bei diesem Hochwasser kam sogar ein Pferdegespann in den Fluten um und man konnte es tagelang von der Brücke aus sehen wie es noch angeschirrt ertrunken unten am Grund lag). Ich hatte das Gefühl, dass Gerhard Pocher am liebsten ganz mit uns gekommen wäre, denn als der Zug sich in Bewegung setzte stand er immer noch auf dem Trittbrett und hatte Tränen in den Augen….

Tränen in den Augen hatte ich selbst auch oft in den ersten Wochen und Monaten im Westen (Schwabenland), denn ich hatte starkes Heimweh nach den Menschen, den Freundinnen und Schulkameraden, die ich in Burgscheidungen zurücklassen musste. Natürlich war die Freude groß über die Wiedervereinigung mit unserem Vater, aber er war uns durch die jahrelange Abwesenheit während des Krieges und danach doch etwas entfremdet und vor allem, er ersetzte mir ja nicht die Spielgefährten. Ich tat mir schwer mit den Bauernkindern Freundschaft zu schließen, zumal sie kaum Zeit zum Spielen hatten, da sie nach der Schule auf dem Hof mithelfen mussten. Dazu kam der fremde Dialekt (schwäbisch), den wir anfangs kaum verstanden und zum andern ihre Abneigung uns Flüchtlingskindern gegenüber, da wir in ihren Augen „Habenichtse“ waren. In Burgscheidungen hatte ich diese negativen Gefühle nie, war ich doch in den beiden Familien Neumann und Ihle wie ein eigenes Kind aufgenommen und behandelt worden. Ich habe erst viele Jahre später als längst Erwachsene so richtig verstanden, was diese beiden Familien mir an Güte und Liebe zuteil werden ließen, indem sie mich bei sich aufnahmen. Sie taten es spontan, ohne Wenn und Aber, ohne Bedingungen und vor allem ohne jegliche Gegenleistung! Auch die übrigen Dorfbewohner unterstützten uns nach Kräften, einfach weil Menschen vor ihnen standen, die der Hilfe bedurften. Dafür schulden wir ihnen tausendfältigen Dank, der nie abgetragen werden kann!! Dass wir Burgscheidungen wieder verlassen mussten, war für mich als hätten wir unsere Heimat zum zweiten Mal aufgeben müssen…

(Bad Mergentheim, Juli 2008)


Es ist immer sehr schade, wenn Zeitzeugen irgendwann einmal für immer verstummen, ohne je ihre Geschichte erzählt und aufgeschrieben zu haben. Eine psychologische Verarbeitung der oftmals tragischen, immer aber dramatischen Ereignissen, die sicher bei Millionen Menschen aus allen betroffenen Völkern und Ländern massive Traumata verursacht haben, hat es im therapeutischen Sinne zu allermeist nicht gegeben. Man schwieg meist über das Erlebte, verdrängte es, legte einen Teil seiner Empfindungen und Erinnerungen auf Eis und spaltete wichtige Erfahrungungen notgedrungen ab. Zu schmerzlich wirkte die Vergangenheit nach. Dazu kamen Schuld- und Schamgefühle.

Für das Überleben und den Neuaufbau war das einerseits eine notwendige, wichtige Entscheidung, einen Schnitt zu machen und sich von den schweren Empfindungen zu trennen. Es gab auch damals bei dem massenhaften Leid, von denen sehr Viele betroffen waren, keine suffizienten Therapiemöglichkeiten und es entsprach auch nicht dem Denken, dass man traumatische Erlenisse therapeutisch bespricht. Traumatherapie gab es so wenig wie das Wort Trauma überhaupt bekannt war. Meine Tante schreibt ja, dass sie es gar nicht so empfunden hat. Es gab Krieg, es gab Verlierer und man mußte irgendwie mit von außen aufgezwungenen Bedingungen klar kommen.

Es war aber dieses Abspalten und Vergessen, dass auch kollektiv geschah, ebenfalls ein Verlust und eine Tragik, die uns Nachgeborenen Vieles letztlich nicht mehr verstehen ließ. Es gab in der gesamten Kriegsgeneration nach dem Psychoanalytiker-Ehepaar Mitscherlich eine "Unfähigkeit zu trauern", die viele Geschichten in den Menschen erstickt hat. Insofern bin ich sehr froh, dass diese Geschichte aufgeschrieben wurde. Die Alliierten hatten nach dem Krieg die Gräuel der Nazi-Schergen in den KZ's entdeckt und dokumentiert und zeigten die Filme der deutschen Bevölkerung in Kinos. Vielleicht stimmt es, was immer behauptet wird, dass man auf dem Lande oder entfernt von solchen KZ's nichts mitbekam und wenn man Häftinge sah, dass man sich alles nicht so schlimm vorgstellt habe. Viele werden ihr Gewissen aber auch damals schon abgespalten haben.

Für die Flüchtlinge, die teilweise selbst halb verhungert wie meine Oma Zwangsarbeit leisten, gleichzeitig die Kinder durchbringen und Krankheiten und die Massenvergewaltigungen über sich ergehen lassen mußten, mögen dann einige Monate KZ-ähnliche Bedingungen geherrscht haben und sie haben das Unrecht, dass die Nazis im Namen Deutschlands anderen angetan hatten, am eigenen Leib verspürt. Dazu kamen Scham, Schuldgefühle und schlechtes Gewissen, wenn man sich die Entnazifizierungsfilme anzuschauen hatte. Die eigene Not aber, der Kampf ums Überleben, die Zeugenschaft grausamer Kriegshandlungen, alles das haben die Menschen auch kollektiv abgestumpft und die Unfähigkeit, zu trauern, mit bewirkt. Es war wie in den Lagern selbst ein Überlebensmechanismus, das Empfinden größtenteils abzuschalten.

Heutzutage sind wir satt, haben keine Sorgen ums Überleben und können denken, sind gut informiert und können uns in andere hinein versetzen, deren Notlage erkennen. Und wieder sorgen andere Groß- und Kleinkriege für unzählige Opfer von Gewalt gegen Zivilisten und es kommt nach wie vor zu massiven Vertreibungen, z.B. in mehreren Konflikten in Afrika und natürlich in Nahost, aber auch dann, wenn Kleinbauern für Ölplantagen und Viehweiden mit Gewalt von ihren kleinen Parzellen vertrieben werden. Als Handelspartner und als Waffenlieferanten sowie Rohstoffinteressenten trifft unsere Welt, die sich aus den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wieder erholen konnte, eine sehr große Verantwortung, alles zu tun, diese Konflikte zu beenden, ihnen keine Nahrung und keine Waffen zu geben und für die humanitäre und psychologische Hilfe für die geschundene Zivilbevölkerung zu sorgen. Wir sollten uns anstrengen, die Schöpfung für uns und unsere Mitmenschen zu bewahren.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Samstag, 5. September 2015, 14:11

Vertrieben, geflohen, verfolgt - böses Schicksal oder Hoffnung auf ein neues Leben?

Meine Familiengeschichte ist eine typisch deutsche und typisch europäische Geschichte und sie ist Jahrhunderte alt wie mein mittelhochdeutscher Name. Ein Teil meiner mütterlichen Familie saß seit Jahrhunderten auf dem Land und in Bauernhöfen in der niederrheinischen Provinz. Doch schon die Vorfahren meines Großvaters mütterlicherseits waren "Arbeitsmigranten". Er entstammte in dritter Generation ausgewanderten schlesischen Bergleuten, die in das Ruhrgebiet kamen und mithalfen, die Montanindustrie aufzubauen. Er wurde Bergbauingenieur. Im Mittelalter waren seine Vorfahren aus irgendwelchen deutschen Ländern nach Schlesien eingewandert, das von polnischen Königen, Habsburger Kaisern und schließlich sogar zum Teil von Preußen verwaltet wurde. Meine väterliche Familie war vor Jahrhunderten aus deutschen und womöglich österreichischen Landesteilen in die Landschaften Böhmens und Mährens eingewandert und da saßen sie nun als Bauern und Handwerker vor allem im Sudetenland. Wir wissen aus Märchengeschichten wie der vom "Rattenfänger in Hameln" über mittelalterliche Migranten, die in überbevölkerten deutschen Städten für die Besiedlung und Kultivierung unterbevölkerter osteuropäischer Landstriche von dortigen Lehensherren regelrecht angeworben wurden: mit Geld, Privilegien und natürlich bebaubarem, meist noch urbar zu machendem Ackerland. Mein Großvater wurde im Sudetenland als Untertan der in Wien residierenden Donaumonarchie geboren, diente im jungen tschechoslowakischen Staat und fand sich dann als deutschstämmiger Volksgenosse in dem von Hitlers Truppen für Nazideutschland anektierten Protektorat wieder. Am Ende des verlorenen, von Nazideutschland begonnenen Krieges setzte der tschechoslowakische Staat seine schon nach dem ersten Weltkrieg begonnene Politik der Marginalisierung bedeutender Minderheiten fort und vertrieb die deutschstämmige Bevölkerung nach Westen.

Als Vertriebene erlebten mein Vater als Jugendlicher, seine kindlichen Geschwister und seine Mutter alles, was Verfolgte so auf der Flucht oder während einer Vertreibung erleben können: Auseinanderreißen von Familien- und Verwandtschaftsbanden (der Großvater war schließlich in Österreich gestrandet, der Rest in Ostdeutschland), Not, Armut, Hunger, Krankheit, Lebensgefahr, Zwangsarbeit, Lagerhaft, Misshandlung, Vergewaltigung, Bedrohung mit dem Tode. Sie erlebten Anfeindung, Gleichgültigkeit, Diffamierung und Beschimpfung. Und sie hatten auch Glück, erfuhren Hilfe, Unterstützung, Mitgefühl, Zuspruch. Während meine östlichen Ahnen nach der Vertreibung im Westen ein neues Zuhause fanden und aufbauten, nahmen meine westlichen Vorfahren vom Krieg obdachlos gewordene ferne Verwandte in ihrem Hause auf. So war das damals. Ein sehr viel ärmeres, vom Krieg zerstörtes, in Besatzungssektoren aufgeteiltes und zusammen geschrumpftes Deutschland ächzte sowohl unter der Last der Flüchtlinge und Vertriebenen wie unter dem Verlust von Millionen jungen Menschen durch die Auswirkungen von Krieg, Hunger und Seuchen. Und dennoch haben die Leute das damals hinbekommen und ein neues Deutschland wuchs aus Trümmern, Elend und moralischer Verwahrlosung durch eine menschenverachtende totalitäre Ideologie zu einen funktionierenden Gemeinwesen, wenn auch bis zur Wiedervereinigung vor 25 Jahren in zwei getrennten Staaten und einigen Problemen bei der Aufarbeitung einer Geschichte von Diktatur, Versklavung und Massenmord in Nazideutschland zwischen 1933 und 1945.

Die Vertriebenen und Kriegsflüchtlinge haben zum größten Teil mit enormen Fleiß und großer Bescheidenheit an diesem Wiederaufbau mitgewirkt. Sie waren oft nicht willkommen, eher als notwendiges Übel geduldet und setzten alles daran, nicht nur das im Osten verlorene Leben, Stolz und Würde wieder zu gewinnen, sondern sich in die Gesellschaft, die sie vorgefunden haben, zu integrieren. Sie haben es geschafft und es ist ein anderes Deutschland in bescheideneren Grenzen entstanden, ein Wohlfahrtsstaat, der sich nach der Wiedervereinigung zumindest in Teilen schon sehr den demokratischen und humanistischen Idealen annähern wollte, die in der Weimarer Republik mit Beginn des zwölfjährigen Nazireiches ("Drittes Reich") untergegangen und stattdessen nur noch im freien Westen gepflegt und von dort mit den Alliierten zu uns zurück gekommen sind. Auch damals waren die Menschen voller Angst und Misstrauen, mit verdrängten Verletzungen und Narben durch all die Traumata des Krieges gegangen. Und die Ursachen für diese Katastrophen waren politische Willkürhandlungen wirtschaftsmächtiger und militaristischer Regierungen und am Ende ein großer Krieg mit Massenmord und Zerstörung. Ganze Völker, vor allem Minderheiten, wurden der Verblendung geopfert, vor allem von den Nazis, die dem Rassenwahn huldigten. Millionen machten mit und schauten weg. Und so fällt es bist heute schwer, zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden.

Nun, in einer Zeit, in der sich Kerneuropa, die USA und Russland 70 Jahre lang, zwei Generationen, von Krieg und Zerstörung erholen durften - eine so lange Periode ohne Krieg hat es seit dem römischen Imperium in Europas Kernländern nicht mehr gegeben -, sehen wir neue Katastrophen von außen auf die Grenzen Europas zukommen, die zunächst einmal das Leben von Millionen sehr armen und schutzlosen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Hunger im Nahen Osten und in Afrika betreffen, die aber ein ähnliches Schicksal mit Menschen in Asien teilen oder den Ärmsten in Mittelamerika. Zur Flucht kommt die Vertreibung aus politischen, ethnischen und religiösen Gründen. Vermutlich sind weit mehr Menschen umgekommen oder unmittelbar vom Tode bedroht, als flüchten konnten und diese Flucht bis an Europas Grenzen überlebt haben.

Europa hat mit diesem Elend in mehrfacher Hinsicht zu tun. Für die Flüchtlinge und Vertriebenen ist Europa eine Hoffnung auf Überleben in Würde. Der Wohlstand in den vergleichsweise gut organisierten und stabilen Volkswirtschaften wird geschätzt und ersehnt und auch das System, das diese Hoffnungen macht und ein Garant für die Weiterentwicklung unserer toleranten, aufgeklärten Gesellschaften sein soll, die soziale Demokratie. Diesen positiven Aspekt, der Menschen anzieht und unsere Länder zu Hoffnungsträgern macht, dürfen wir Europäer und wir in Deutschland, das oft als Haupt- oder Endziel von Migranten genannt wird, durchaus mit Stolz betrachten. Nach Russland, ebenfalls ein "Global Player" in Nahost, besonders in Syrien auf der Seite des korrupten und mörderischen Assad-Regimes, wollen hingegen - wen wundert's - keine Flüchtlinge und sie machen sich auch keine Illusionen darüber, dass es nahezu unmöglich ist, in die extrem abgeschottete USA zu kommen, eigentlich ein traditionelles Einwanderungsland und dazu noch eine Supermacht, an deren Händen auch durch das Mitmischen in den arabischen und nahöstlichen Konflikten Blut klebt.

Und diese andere Aspekte, nämlich unsere Mitschuld an den ungelösten Konflikten, sollten uns zutiefst beschämen, nicht nur die Uneinigkeit der reichen, wohlhabenden Staaten der Europäischen Union bei der gerechten Verteilung von Lasten im Zusammenhang mit der Aufnahme der Flüchtlinge, ihrer Versorgung und der Leistung humanitärer Hilfe in den Krisenregionen der Welt. Diese Konflikte gibt es im Kern nicht nur seit der Moderne, sondern sie sind alt. Europa hat über Jahrhunderte trotz zeitweiliger früherer kriegerischer Einfälle aus dem Süden und Osten im Mittelalter seit der frühen Neuzeit die ganze bekannte Welt ökonomisch und militärisch dominiert und nach Belieben ausgebeutet und dabei regionale Kulturen und Religionen bekämpft und zerstört. Die Strukturen der Dominanz und eines ungerechten, ausbeuterischen Welthandels zwischen der so genannten Dritten und Vierten Welt und der Welt der westlich geprägten Industriestaaten haben sich auch nach offizieller Beendigung der Kolonialpolitik kaum verändert, nur das aufstrebende Schwellenländer mit hohem Bevölkerungspotential und wirtschaftlichem Wachstumshunger dazu gekommen sind und in regionalen Konflikten mitmischen.

Die einstige Hegemonie der beiden Supermächte USA und Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg hat in Kerneuropa nicht nur zum so genannten "Kalten Krieg" geführt, sondern zu einer Fülle von Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, in denen die Nato-Staaten und der Warschauer Pakt wechselseitig diktatorische Regierungen oder Rebellenbewegungen mit Geld, Waffen und Logistik bestückten. Immer ging es dabei um Macht in den Einflusssphären, um strategisch-militärische Erwägungen und um die Sicherung der Rohstoffquellen und Anbaugebiete zum Schutz des eigenen Wohlstandes. Das Leben der Menschen in den dominierten, von Bürgerkriegen heimgesuchten und von diktatorischen, korrupten Cliquen im Solde früherer Kolonialstaaten regierten Drittweltstaaten waren den Regierungen und Konzernen sowie Militärs der Großmächte und ihrer Vasallen völlig egal. Eine in Relation zum weltweiten Schaden vergleichsweise kleine Friedensbewegung, die sich schließlich auch um die ökologischen Katastrophen im Gefolge der ökonomischen Ausbeutung sorgte, war einer der wenigen kleinen, öffentlichen Ausdrucksversuche unseres kollektiven schlechten Gewissens in den ein wenig besser aufgeklärten und bewussten kritischen Köpfen junger Menschen im Westen seit dem Ende der Sechziger Jahre.

Doch mit dem Abflauen der Höhepunkte dieser Bewegungen um Frieden und Umweltschutz Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre, mit den meist friedlichen Umwälzungen im Ostblock hin zu mehr Demokratie, mit der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Ende des Kalten Krieges, dem Erstarken der Grünen Partei aus der Friedens-, Umweltschutz- und Anti-AKW-Bewegung soll jetzt alles erreicht worden und das Land der Glückseligen aufgebaut worden sein? Nein, es ist weltweit eher noch schlimmer geworden, genau wie prophezeit. Wir haben einer Klimakatastrophe globalen Ausmaßes jahrzehntelang nichts entgegen gestellt und alles verschlimmert. Die Emissionen der klimaschädlichen Treibhausgase Methan und Kohlendioxid haben wir in den Industriestaaten und Schwellenländer unentwegt ansteigen lassen, haben fossile Brennstoffe und Bodenschätze rücksichtslos ausgebeutet und dabei die Erdoberfläche verwüstet, verkarstet, die Böden unfruchtbar gemacht und das Grundwasser verschmutzt, vergiftet oder ausgetrocknet. Dadurch schmelzen seit Jahrzehnten Gletscher ab, steigt der Meeresspiegel, steigern sich Wetterkapriolen zu Unwettern und verschieben sich Klimazonen.

Am Ende können die Menschen in bestimmten Gegenden der Welt nicht mehr leben. Sie können sich und ihre Bodenschätze nicht weiter verkaufen, wenn sie ausgebeutet oder unzugänglich geworden sind. Sie können auf den vertrockneten, erodierten, vergifteten Böden nichts mehr anbauen. Das verschmutzte Wasser reicht kaum zum Trinken, geschweige denn für Hygiene und Bewässerung. Jahrhunderte alte Techniken eines angepassten Umgangs mit Wüsten- oder Steppenklima oder dem tropischen Regenwald gehen mit den Bewohnern, aber auch mit den Landschaften verloren. Kriege brechen um die Verteilung des wenigen aus, das die Menschen zum Leben benötigen, zuerst in den ärmeren, instabileren Gesellschaften; danach werden die Kreise der Zerstörung, die in diesen Sog am Ende des Raubbaues geraten, immer größer. Und immer geht es dabei um Macht und um Geld, denn damit kann man Andere zwingen, einem das zu geben, das alle wollen, aber das nur noch für Wenige reicht.

Die alten Hegemonialmächte und die Neuen investieren in diese Konflikte, lassen Stellvertreterkriege führen: USA, die europäischen Nato-Staaten, Russland, China, Indien, Pakistan, Saudi-Arabien. Sie alle wollen mitmischen bei der Verteilung von Land, nützlicher Bevölkerung, Bodenschätzen, strategischen Vorteilen. Nichts ist ihnen zu primitiv und gemein, um Gegensätze zu schüren und Kriegsgründe zu liefern: Die Volkszugehörigkeit, die Religionszugehörigkeit, kulturelle Unterschiede, Nationalismus. Und hinter allem steht eine die Menschheit umgreifende Angst. Sie treibt sowohl die Verbrecher, die Täter, wie die Opfer, sie wird populistisch geschürt, als Waffe gebraucht und schlägt doch auf die Verursacher selbst zurück.

Wenn nun wir Europäer und wir Deutsche Angst vor den Flüchtlingen haben, den hungrigen Fremden, die ohne Geld und Waffen, aber vertrieben von unserer Waffenlieferungen, die in die Hände der Verbrecher gelangt sind, vor denen sie fliehen, dann guckt uns unsere eigene Angst an, mit der wir Macht über andere Weltgegenden auszuüben versuchten, damit wir uns mit Waffen- und Wirtschaftsgewalt auf Kosten Anderer auf unserem Wohlstandsniveau halten können, ohne je die Absicht gehabt zu haben, gerecht zu teilen. Und natürlich sind Flüchtlinge, die vor dem Bösen fliehen, dadurch noch lange nicht gut. Sie haben genauso das Potential zu bösen Taten in sich, mit dem sie einen anderen Flüchtling ins Meer werfen, damit sie selbst nicht verdursten oder ertrinken, wie wir, die wir die Hungernden abschrecken und in Lagern zusammen pferchen wollen. Auch deren Leben ist geprägt worden von Gewalt und Intoleranz.

Somit sind auch diese Flüchtlinge, die ihr eigenes Leben retten und eine bessere Zukunft haben wollen, nicht die besseren Menschen, auch dadurch nicht, dass sie vor Bösem fliehen und sich in ihren Herkunftsländern nicht mehr der tödlichen Intoleranz auf der einen und Ignoranz auf der anderen Seite unterwerfen wollten. Es sind eben zum Teil auch Egoisten in Not, die zu ihren egoistischen Brüdern fliehen, die noch in Butter und Gold schwimmen. Vermutlich zunächst mal keine gute Idee, wenn man befürchten muss, dass materialistische Egoisten nicht nur ihr Leben, sondern auch den kleinsten Krümel ihres Besitzes mit ihrem Leben verteidigen. Tatsächlich ist unsere Gesellschaft gar nicht so solidarisch, wie die Flüchtlinge hoffen und vermuten. Sie hätte durch diese Flüchtlinge nur die Chance, es wieder zu werden. Doch davor steht oft die Angst, die Angst, etwas miteinander teilen zu sollen, die Angst vor dem Spiegelbild, vor der Ähnlichkeit.

Auch unsere egoistischen Gesellschaften sind früher durch Religionswirren, Klassenkämpfe, Revolutionen, Repression und Kriege mit Völkermord und Vertreibungen gegangen. Entwickelt hat sich inzwischen eine reichlich behäbige, selbstverliebte Kaste von Eurobesitzbürgern und neuen Konservativen und Nationalisten, die es sich hier gut eingerichtet haben mit wenig Kindern - die sind ihnen zu egoistisch und zu teuer - und einer allmählichen Umverteilung des Reichtums von der Mitte und von unten nach ganz oben. Die Armutsschere geht auseinander, doch der Durchschnittsbürger merkt es noch nicht, zumal er in der Mehrzahl die Habenichtse ignoriert, arme Familien, oft mit mehr Kindern als der Durchschnittskleinbürger. Doch so viele Flüchtlingsfamilien auf einen Schlag, die Ärmsten unter den armen Habenichtse, können die Bürger, können die Medien, können die Politiker nur schwerlich ignorieren, wollen sie keine katastrophalen Zustände auf ihren sauberen Straßen haben.

Es besteht ein gegenseitige Chance, von einander zu lernen, reiche und arme Egoisten könnten wirklich voneinander profitieren und sich gegenseitig aufwecken. Es wird sowieso immer so sein, dass arme Leute dahin ziehen, wo es mehr gibt. So ist der Mensch. Wollen wir in Zäunen und hinter Wällen geschützt von Militär leben? Schon jetzt gehen den reichen Egoisten die Facharbeiter für die Fabriken, die Pflegekräfte und sogar die Ärzte zur Behandlung der Wohlstandskrankheiten einer satten, alternden Bevölkerung aus, die andererseits zu wenig Geld in eine menschliche, durch tatsächliche Menschen durchgeführte Betreuung von alten, kranken, und manchmal auch armen pflegebedürftigen Menschen investiert. Schon morgen werden dann die Arbeitskräfte fehlen, die mit ihren Steuern und Sozialabgaben das Sozial- und Rentensystem am Leben erhalten, da sich unsere konservativen Politiker durch die Bank nicht entschließen können, Kapitalströme, Banken und Multinationale Konzerne und ihren Ressourcenverbrauch an der Umwelt zu besteuern und damit ein Grundeinkommen für alle zu finanzieren, das menschenwürdiges Leben ohne eine Koppelung an eine Gegenleistung erlaubt, ein wahrhaft christliches Projekt übrigens.

Und wir hier in Friesland im strukturschwachen Nordwesten mit langfristig sinkenden Bevölkerungszahlen werden uns noch wundern, was uns in einigen Jahrzehnten bei steigendem Meeresspiegel und zu erwartenden verheerenden Sturmfluten als Ergebnis der Umweltfolgen des Raubbaukapitalismus blüht. Die egoistische Republik wird die dünn besiedelten Landstriche aufgeben bis auf ein paar auf Stelzen gebauten Häfen und die Bevölkerung wird sich auf einen Flüchtlingstreck zu den höher liegenden Landesteilen begeben. Es sei denn, wir siedeln hier so viele Menschen an, die bescheiden und fleißig hier bleiben und wie vor tausend Jahren das Land auch gegen ein höher steigendes Meer verteidigen wollen, neue Friesen mit dunklen Augen und Haaren aber verzweifelt und mutig genug, sich nicht ohne Weiteres wieder herum schupsen zu lassen. Und um politisches Gewicht zu haben, benötigt man auch hierzulande Menschenmengen und Wirtschaftskraft. Es wäre also ein Handel zum allseitigen Vorteil, wenn sich satte reiche Egoisten und arme Hungrige treffen könnten und am Ende würde sie dieses Beispiel friedfertiger Einigung und gegenseitiger Hilfe sogar zu mehr Interesse am Gemeinwohl und altruistischer Hilfe motivieren, denn wir wollen doch nicht ernsthaft, dass die Zuwanderer charakterlich genauso werden oder bleiben, wie wir - sie sind es möglicherweise eh schon, sonst kämen sie nicht hierher. Also gibt es eine historische Chance, dass wir miteinander unter gegenseitigem Einfluss bessere Menschen würden - wäre da nicht die Angst vor dem Schlechten im Anderen, die das eigene Schlechte nicht sieht.

Angst, die wir uns nicht eingestehen wollen und die wir nach außen projizieren, um sie im Außen zu bekämpfen, wirkt immer destruktiv und das Zerstörerische wird von uns Angstvollen nach außen in die unmittelbare Umgebung und die ganze Welt getragen. Und doch gibt es Beispiele für einen konstruktiven Umgang mit angenommener, gesehener, bei sich selbst gefundener Angst. Dieser Umgang, sich der Angst und ihren Wurzeln zuzuwenden und nicht davon zu laufen, schafft ein positives Potential. Wir sind wieder handlungsfähig. Die Angst wird zu einer Freundin, die uns Umsicht, Vorsicht, Achtsamkeit, Behutsamkeit, das Sorgen für uns und andere lehrt. Wir reagieren freundlich und deeskalierend auf die Angst des Anderen, der uns gegenüber auch nicht weiß, wie er mit uns umgehen soll. Wir können das tun, weil wir über die Angst in uns selbst besser Bescheid wissen. Das befähigt uns zu Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und daraus wächst die einzig mögliche Hilfe, die Brücken baut: wir nehmen Anteil, wir geben Anteil, wir teilen Gefühle, Bedürfnisse, Erfahrungen, Leben miteinander, wir wachsen zusammen und lernen Verantwortung für das Ganze zu übernehmen und nicht nur für unser kleines nacktes Leben bzw. das, was wir fälschlich dafür halten, eine bestimmt Form von Besitz und Bedeutung, ohne dass diese Dinge uns lebendig machen. Nein, diese toten Dinge können uns und andere sogar töten!

Wenn Menschen zu uns kommen und wir alles haben, was sie brauchen und das auch noch gut organisiert, können wir sie nähren, schützen und lehren. Aber dafür müssten wir selbst erst mal lernen, vor allem lernen, das Herz zu öffnen. Einer solidarischen Gesellschaft wachsen Glück bringende Ressourcen aus sich selbst zu. Ein anderer Zusammenhalt, ein anderes Miteinander verspricht mehr Beteiligung, mehr Gemeinsinn, mehr Demokratie, mehr friedliche Neugier an einem guten Leben mit interessanten anderen Menschen. Die Neubürger, die zu uns wollen, könnten unsere Chance sein, aus der egoistischen Selbsterstarrung zu erwachen. Wir können sowieso nur noch eine kurze Zeit als Teil dieser beneideten, mächtigen Wirtschaftsnationen dieses leidvolle Weltregime aufrecht erhalten, dass die Not erzeugt, verwaltet und die Notleidenden auffrisst. Wenn wir diesem Räderwerk nicht in die Speichen fallen und die Maschine der Angst und der Gier nicht abstellen, werden diese Maschinerien unseres materialistischen Denkens und Wirtschaftens uns selbst und unsere Gesellschaften zermalmen und sie in den Strudel eines allgemeinen Weltuntergangschaos ziehen. Bücher und Hollywood-Katastrophen-Filme sind voll von diesen Visionen und ein böser Teil in uns scheint sich sogar nach diesem Schrecken zu sehnen und findet ihn auf der Leinwand und im Fernseher unterhaltsam.

Die aktuellen Flüchtlinge und Vertriebenen in dieser Welt, die wir z.B. im Fernsehen sehen und die unsere Welt aus den Medien heraus zu kennen glauben, finden die Katastrophen, die sich in ihrer Heimat abspielen, nicht unterhaltsam. Sonst hätten sie dem "Life-Spektakel" sicher länger beigewohnt. Es gibt eben nicht nur ein paar Kreuzigungen und Scheiterhaufen des IS zu sehen oder das Splitterbomben-Hackfleisch, das Verbrecheregime mit ihren Bündnisgenossen in den zerstörten Gassen ehemals stolzer orientalischer Städte anrichten. Diese ekelhaften Auswüchse sind nur besonders krasse Hinweise auf die allgemeine Verrohung, die sich unter den Augen unserer Ignoranz anderswo bereits ausleben darf, während wir uns auf den Inseln der Seligen wähnen. Es gibt in aller Welt Hunger, Durst, Gift, Terror und Tod für alle verursacht mit europäischen, amerikanischen, russischen und chinesischen Waffen. Das ist der Gruß von uns Reichen an den Rest der Welt, unsere militärische Entwicklungshilfe, die immer schon jedes humanistische Feigenblatt aus Almosen um Vielfaches überstieg. Inzwischen ist es sogar so, dass die Überweisungen von Migranten an ihre Familien in den armen Heimatländern die staatliche Entwicklungshilfe der reichen Nationen deutlich übertrifft! Auch deshalb müssen Migranten hier schuften, um den Daheimgebliebenen ein Leben in der Heimat zu ermöglichen, etwas, das die reichen Staaten eigentlich tun wollten, um Armutsflucht unnötig zu machen.

Unsere Politiker schäumen selbstgerecht mit nationalistischen Parolen in den Medien und schieben die Schuld und Verantwortung auf andere, während sie selber Mauern und Zäune bauen. Manche wachen zögerlich auf und bemühen sich, sich wieder vorne auf einen neuen Trend zu setzen, wie Merkel. Aber so richtig erkannt haben die Meisten unserer politischen Lenker wohl noch lange nicht, was sich in dieser Welt zusammen braut. Das können wir auf den gescheiterten Klima-Gipfeln erleben und bei den hanebüchenen Versuchen, den Weltfrieden sicherer zu machen, indem die eine Hand sich zum Friedensgruß erhebt und die andere zündelt. Wir Bürger selbst, wir alle, können die Dimension erahnen, wenn wir auf unser Herz gucken und es öffnen. Da gibt es Angst, Furcht, aber auch Liebe und Hoffnung.

Bauen wir doch mit denen, die zu uns kommen, eine neue, gerechtere, liebevollere Gesellschaft. Das Problem des Bösen lösen wir nicht im Außen und nicht mit Sündenböcken, sondern nur in uns selbst. Wir sind zu lange zu langweilig, zu verstockt, zu unbeweglich, zu bequem gewesen. Darüber wurden wir zwar satt, aber auch alt und starrsinnig. Wir haben zu wenig Kinder und zu wenig von ihnen gelernt. Wir hatten gute Ideen, aber wem haben wir sie weitergegeben, mit wem haben wir sie gelebt? Jetzt kommen neue, junge, hoffnungsvolle Menschen. Noch sind sie froh um Sicherheit, Nahrung und Obdach. Lassen wir sie wissen, dass sie nicht nur Hilfeempfänger sind und bleiben werden. Geben wir ihnen Chancen, zu lernen, sich nützlich zu machen, anzupacken, mitzuwirken. Und vergessen wir die Welt um uns herum nicht, die noch im Chaos versinkt. Wir sind nicht die Guten, wir können nicht die Insel der Seligen bleiben. Die ganze Schöpfung war uns anvertraut und was haben wir aus ihr gemacht?

Wir haben Angst vor Fremden? Angst vor anderen Religionen? Wir haben selbst Schuld, wenn unser Reichtum attraktiver sein sollte, als unser Humanismus und unsere Demokratie. Geraubter Reichtum lockt immer andere Räuber an, denn die haben ja gesehen und gelernt, wie das geht, sich etwas mit Gewalt nehmen. Die, die vor den Folgen als Opfer zu uns fliehen, könnten wir noch zu einer anderen Haltung erziehen, doch nur mit Vorbild. Kinder erzieht man mit Vorbild, Erwachsene beeindruckt man erst recht nicht nur mit Sprüchen, während man anders handelt, als man denkt und spricht. Wer fürchtet, dass das "Christliche Abendland" durch muslimische Zuwanderer in spirituelle Bedrängnis gerät, hat in Wirklichkeit sein Evangelium vergessen und sein Gottvertrauen aufgegeben.

Das Evangelium lehrte, dass die Nachfolger Jesu wie ein Senfkorn Keim des großen Gottesreiches in Herzen wie auf Erden wirken, wie das Salz der Erde oder der Sauerteig sozusagen das "Starter-Kit" einer mitmenschlichen, solidarischen Weltordnung nach Gottes liebenden Vorbild sein sollen. Das wollen im Kern auch die überzeitlichen Werte den Menschen nahelegen, die das Judentum als gemeinsame monotheistische Ursprungsreligion und der Islam als jüngster Spross nach Abzug aller zeitgeschichtlichen Verunreinigungen beinhalten und verkünden und wo wir uns in kultureller Hinsicht einig sein könnten. Wer wirklich glaubt und, wie das Evangelium empfiehlt, Gott durch den Mitmenschen liebt, muss keine Angst haben bzw. findet ein Mittel im Umgang mit seinen zeitgebundenen menschlichen Ängsten und einen Weg auf den Nächsten zu, dem es ja ganz offenkundig nicht anders geht, als uns.

In einer modernen, von allzu vielen materialistischen Überzeugungen inzwischen doch recht verunstalteten und sozial wie ökologisch gefährdeten Welt können religiöse Überzeugungen einer kulturübergreifenden Ethik, wie sie das Judentum, das Christentum und der Islam grundsätzlich vertreten, zusammen mit einer gereiften, bei sich selbst mit Einsichten, Änderungen und Heilung beginnenden spirituellen Grundhaltung hilfreich sein. Doch gilt das nicht für machtpolitisch manipulierende Ideologien, die sich der religiösen Vehikel von angeblich heiligen Glaubensüberzeugungen bedienen und ihren Anhängern einbläuen, dass es in irgend eines Gottes Sinne wäre, gegen irgendwelche Menschen und Gruppen wegen anderer Glaubensinhalte und Überzeugungen mit Gewalt vorzugehen. Auch hier müssen Hochreligionen, die oft aus geschichtlich bedingten Zusammenhängen Reste von gewaltsamen Auseinandersetzungen um ihre Gründungsgruppen und Epigonen der mythischen Gründungsgestalten beinhalten und überliefern, zunächst reifen und im Sinne einer inneren Aufklärung von reaktionären und gewalttätigen Elementen gereinigt, geklärt werden. Das hatten und haben alle Religionen nötig. Sie eignen sich nicht mehr als Waffe, um aktuelle Konflikte zu lösen. Meist fördert allgemeiner Wohlstand in einem Klima von Toleranz und Aufklärung solche Prozesse.

Somit ist damit zu rechnen, dass ein Islam im Westen sich anders entwickelt, wie schon die osmanische Kolonisation Südosteuropas zeigt, als in den postkolonialen Bürgerkriegswirren und Rebellionen derzeit im arabischen Raum. Interessanterweise waren im jugoslawischen Bürgerkrieg eher die kulturell im Christlichen wurzelnden Armeen und Milizen der katholischen Kroaten und orthodoxen Serben als Aggressoren gegen Zivilisten, Kinder und Frauen aufgetreten, als die muslimischen Bosnier, was nichts über deren prinzipiell größere Friedfertigkeit aussagt. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass sich der Islam durchaus unter geeigneten Bedingungen wieder entradikalisieren und Weisheit und Güte zuwenden kann, wie das teilweise im Mittelalter nach den ersten wilden Eroberungen in auch kulturell reichen orientalischen Gesellschaften der Fall gewesen ist. Außerdem trifft das bereits für den weit in die türkisch-osmanische Kultur und von dort auch in den Westen vorgedrungenen Sufismus zu, ein esoterisches Verständnis des Islam, der schon seit Jahrzehnten auch hier im Westen gelehrt wird und viele Berührungspunkte zu esoterischen Strömungen des Judentums und vor allem Christentums aufweist.

Doch auch Agnostiker und Atheisten, die nur aus den Sozial, Geschichts- und Humanwissenschaften lernen wollen, finden in der Menschheitsgeschichte hoffnungsvolle Beispiele dafür, dass aus Elend, aus Krieg und Vertreibung auch Hoffnung geboren werden kann und Chancen zur Weiterentwicklung bestehen, insbesondere wenn wir es diesmal anders als die Jahrhunderte und Jahrtausende zuvor mit einem anderen Bewusstsein und von der Geschichte lernend angehen. Nach der immerhin sehr diktatorischen Pax Romana, die in Europa, Nordafrika und Vorderasien nicht nur auf dem Recht fußte, sondern schon damals auf Wirtschafts- und Militärmacht, brachten die Wirren der Völkerwanderungszeit eine Neuordnung im Gesamteuropäischen Raum. Vertriebene, nach einer neuen wirtschaftlichen Existenz suchende Völker brachten nicht nur Krieg und Chaos in die Region. Die Vermischung befruchtete die Kulturen und schuf eine Nachfrage nach universellen ethischen, politischen und rechtlichen Werten, die damals im Westen das Christentum mit seinen gelehrten Mönchen und Nonnen befriedigte, im Nahen Osten und Arabien später der Islam. Was die Menschen nach über 2000 bzw. 1400 Jahren noch verstehen müssten, wäre, dass Religion keine politische Waffe sein sollte, sondern ein möglicher Weg zu einem friedfertigen Herzen, zu Barmherzigkeit sich und den Mitmenschen gegenüber, zu grundsätzlichem Wohlwollen bei guter Kenntnis über das Böse, zu dem wir als Menschen alle fähig sind.

Die Geschichte lehrt uns also, dass auch das Europa, wie wir es heute vorfinden, samt seinen vorherrschenden religiösen und kulturellen Traditionen aus Migration entstand und durch Wanderungsbewegungen von Menschen, Kulturen und Ideen zu dem wurde, was es ist. Wir hatten z.B. auf der iberischen Halbinsel im frühen und hohen Mittelalter nicht nur furchtbare, sondern auch fruchtbare Begegnungen mit aus Afrika kommenden Menschen und Einflüssen, dem Judentum und dem Islam, so wie sich schon vorher semitische Phönizier und gotische Auswanderer in Nordafrika begegnet waren. Auch heutige Großmächte sind Einwanderungsländer für Wirtschaftsflüchtlinge, Toleranzsucher, Abenteurer und sogar Verbannte und Sträflinge gewesen und haben leider auch durch Phasen von Dezimierung einheimischer Völker, Diskriminierung und Intoleranz zu relativ homogenen, kulturell durchmischten Gesellschaften geführt trotz der extrem unterschiedlichen Herkunftskulturen, sei es in Nord- und Südamerika, in Russland, im asiatischen und ostasiatischen und auch im pazifischen Raum, in Australien und Neuseeland. Es kamen nicht nur Europäer, auch Asiaten und Afrikaner und nicht immer freiwillig, sondern zum Teil als Verfolgte, Vertriebene, Gestrandete, Deportierte und Versklavte.

Viele Menschen äußern trotzdem Ängste vor "Überfremdung", ein merkwürdiges Politikerwort, das den Popolisten unter ihnen dazu dient, bei einheimischen Bürgern Xenophobie, Angst vor Fremden zu schüren, die dann alsbald in Ablehnung und Fremdenhass umschlagen kann. Wer könnte heute sagen, dass die Probleme und Nachteile der multikulturellen Mischungen die Vorteile und das Interessante überwiegen? Als ich Kanada und die USA besuchte, hatte ich oft die nettesten Begegnungen mit Afroamerikanern und offensichtlich asiatischen Menschen. Sind nicht viele US-Amerikaner, Neuseeländer, Australier, Chinesen und Bewohner des heutigen Russlands stolz auf ihre bunt gemischten, zusammen gesetzten Nationen? Und obwohl diese zum Teil aus ehemaligen Kolonien entstandenen Ländern unzählige Völkerschaften aufnahmen und mit den Ureinwohnern oft grausam umgehen, werden diese Nationen oder Staatsgebilde nicht als chaotische, uneinige Schurkenstaaten aus ehemaligen Sträflingen, Sklaven, Abenteurern, Kolonialisten und religiösen Sektierern wahrgenommen.

Warum sollten also ein paar Millionen nach Europa einwandernde Menschen aus Europa eine nicht mehr wiedererkennbare Wüste von Chaos und Unrecht machen? Sind das nicht völlig übertriebene, ideologisch aufgebauschte und von Populisten geschürte Ängste ohne echte geschichtliche Grundlage? Selbst das von China völlig kolonialisierte Tibet atmet nach all dem Terror noch mehr tibetische Kultur als chinesischen Materialismus aus. Man kann sich zwar fragen, wie lange noch, doch kommt man nicht umhin, zu bewundern, wie das Gute einer spirituellen Kultur den schlechten Auswüchsen des Materialismus lange die Waage halten kann und das könnte uns im "christlichen Abendland" als Ansporn dienen. Ist nicht die Zersplitterung an den Rändern Europas, etwa der Balkanstaaten des ehemaligen Jugoslawiens, ein einziger Anachronismus? Sind nicht selbst die multiethnischen Bewohner lateinamerikanischer und karibischer Staaten stolz auf ihren Kontinent und eine gemeinsame Identität, die immer größer ist als eine Ethnie oder eine Nation? Mir scheint wichtig, dass auch ein solcher "kontinentumspannender" Stolz einschließt und nicht ausschließt. Wollen wir als Menschen stolz auf unsere Kulturleistungen sein und langfristig unser Überleben als Art Homo Sapiens auf diesem Planeten sichern, müsste ein uns verbindender Humanismus anstelle einer alles überwuchernden eifersüchtigen Rivalität treten.

Die Geschichte lehrt uns schließlich, dass sich stets alles verändert. Bleiben wir Bewegliche, Fühlende, Erfahrende, Handelnde. Die allerersten Menschen kamen offenbar aus Afrika, die zweite große steinzeitliche Besiedlungswelle auch. Es gab sogar eine erdgeschichtliche Zeit, da gab es nur einen Kontinent und noch keine Menschen. Wenn man für das Ganze Verantwortung übernehmen möchte, fange man bei sich an, bei der eigenen Angst, dem eigenen Bösen, der eigenen Hoffnung, der eigenen Lebendigkeit. Ich freue mich auf einen guten Ausgang, auf Begegnung, auf Entwicklung. Die jungen Menschen, die zu uns kommen wollen, werden durchaus gebraucht. Ich in neugierig, wie wir das hinkriegen und ich freue mich auf gute Nachrichten, die es über Solidarität und Hilfsbereitschaft eben auch gibt. Unsere Geschichte kennt nicht nur Katastrophen, sondern auch Geschichten, die Mut machen. Lasst uns solche Geschichten erzählen. Die meiner eigenen Familie ist so eine Geschichte, denn am Ende hatte meine Familie Glück, während andere untergegangen sind in einem ungerechten Schicksal. Darum möchte ich weniger auf Schicksal bauen und vertrauen, als auf die Güte zu der wir auch fähig sind und die uns zu Gemeinsinn und zu gemeinsamem Handeln aus Mitgefühl inspirieren kann.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Samstag, 17. Oktober 2015, 13:29

Von Gastgebern, Gästen und dem Gastrecht

Unsere Demokratie ist manchmal besser als ihr Ruf, was uns nicht dazu verführen sollte, nachzulassen und uns weniger anzustrengen. Die demokratische Kultur ist bei uns deshalb noch besser, als wir manchmal befürchten müssen, weil viele einzelne Menschen besser handeln, als sie es nach unseren pessimistischen Annahmen tun müssten. Das hat vielleicht damit zu tun, dass manche durchaus kulturelle Errungenschaften älter und tiefer verankert sind, als unsere demokratische, freiheitliche Gesinnung und ein Gegengewicht zu unseren Ängsten und Unsicherheiten geben kann und schon immer gab. Diese kulturelle Errungenschaft ist das uralte Gastrecht. Wissend, dass wir Menschen fern von zuhause fast überall auf die Freundlichkeit und das Wohlwollen der Einheimischen angewiesen sind um weder von den Unbillen der Natur noch den Gefahren fremder Kulturen überwältigt zu werden, bis wir deren Regeln und Wirken kennen lernen konnten.

So ist es gut, dass unsere Bevölkerung immer noch mehrheitlich gastfreundlich, wohlwollend und mitfühlend handelt, dass sie spendet und das Grundrecht auf Asyl für Bedürftige nicht in Frage stellt. Mehr Sorge als einige Ängstliche oder gar Fremdenfeindlich könnte einem das Versagen der politischen Elite und mancher Behörden machen und das chaotische Bild, das sich nicht nur von Deutschland sondern der ganzen Europäischen Gemeinschaft in der Welt ausbreitet, während auf außenpolitischer Ebene immer noch vor allem Ignoranz, Hilflosigkeit und militaristisches Denken dominiert und eine Haltung, die zu meinen scheint: es ist alles recht, solange nur das alte neo-kapitalistische System mit der Ausbeutung der Welt durch die wohlhabenden Volkswirtschaften erhalten bleibt. Die Kriegs- und Katastrophenflüchtlinge sind nur der eitrige Ausfluss einer törichten und tödlichen Welt- und Wirtschaftspolitik. Daran wollen die meisten Industrienationen und selbst große, land- und bevölkerungsreiche Schwellenländer nichts ändern.

Zurück zu unserem Umgang mit unsere Gästen aus den Ländern der Armut und des Krieges. Viele Politiker, Presseleute und Behördenmitarbeiter könnten mehr tun, um ein besseres Verständnis und mehr Zusammenarbeit zu fördern, statt im Gegenteil Unsicherheit, Angst und Chaos. Manche Bemerkungen sind so fahrlässig und dumm, weil sie eine direkte Vorlage für rassistische und fremdenfeindliche Ressentiments sind und Angst in einer zunächst offenen und freundlichen Wohnbevölkerung schüren. So bekommen hilfesuchende inländische Klienten immer wieder in Sozial und Hilfeämtern zu hören, dass die Bearbeitung ihrer Anliegen wegen der Überlastung der Behörden mit der Versorgung der Asylbewerber derzeit nicht oder nur sehr verzögert Berücksichtigung finden können. Die schon in unserem Land unzufriedenen Unterprivilegierten bekommen erneut Gründe für Unzufriedenheit, diesmal aber wegen der angeblichen Bevorzugung noch schwächerer oder bedürftigerer Randgruppen und dies mobilisiert in Einigen Aggressionen, Ablehnung und Hass.

Aber auch die Berichte über Aggressionen unter den Flüchtlingen in Massenunterkünften, Zeltstädten, Warteschlangen vor Ämtern und an den Grenzen schüren Angst vor Fremden und Aggressionen in der Wohnbevölkerung gegen die Ankommenden. Zum Teil haben die Notmaßnahmen selbst und ihre etwas kurzsichtige Verwirklichung bei deprimierten, enttäuschten und von Hoffnungslosigkeit bedrohte Menschen den Anstau und dann gewaltsamen Ausbruch negativer Gefühle bewirkt. Zudem ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich ebenso wie bei ausländerfeindlichen Aktionen auch bei der Gewalt von Flüchtlingen untereinander oder gegen Ordnungskräfte zum Glück immer noch um Einzelfälle handelt und wir auch Einzelfälle genauer betrachten müssen, um nicht der Verführung zu erliegen, dass wir Generalisieren und Verallgemeinern und aus Erschrecken oder auch nur unzureichenden Informationen schon jetzt ein Szenarium als Wirklichkeit beschreiben, das wir in Zukunft befürchten und verhindern wollen.

Es wäre hilfreich, klar zu machen, dass wir selbstverständlich Willens und in der Lage sind, Einzelfälle im Sinne unseres demokratischen Verständnisses auch bei der Arbeit unserer Justiz zu prüfen und gute Gesetze auch anzuwenden. Nicht alle Gesetze sind immer gut und nützlich, was viele Antiterrormaßnahmen beweisen, die die Bürgerrechte beschneiden, ohne den Terrorismus wirklich zu schwächen, diese aber müssen ebenso im demokratischen Konsens weiter entwickelt oder eben auch wieder abgewickelt werden. Ansonsten sind wir gut beraten, wenn wir unsere Demokratie und unsere freiheitliche, bürgerliche Gesellschaftsordnung ohne den knebelnden Einfluss von Religionen und Erlöser-Ideologien aktiv verteidigen, durch unser Beispiel, durch eine liberale Presse und Medienberichterstattung und durch die Anwendung der Gesetze, die für jeden gelten, Gäste wie Gastgeber.

Es gibt auch bei Inanspruchnahme des Gastrechtes Handlungsweisen, die bewirken, dass der ungastliche, feindlich gesonnene oder aggressiv und gewalttätig agierende Gast den Schutz verliert, der ihm das Gastrecht zuspricht. Einen solchen Gast können wir aus unserer Mitte weisen und wir würden es selbst in unserem Haus, in unserer Wohnung jederzeit tun. Zuerst aber würden wir unsere Gäste auf unsere Regeln aufmerksam machen und sie um Nachsicht für die momentane Enge und die Provisorien bitten, die bei dem Ankommen vieler Gäste nun mal vorübergehend unvermeidlich sind. Wir würden die unrealistischen Vorstellungen, mit denen Manche hierher gelockt haben, korrigieren müssen und ein überzogenes Anspruchsdenken enttäuschen müssen. Daran führt kein Weg vorbei.

Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass die Meisten Menschen, Inländer wie Flüchtlinge, es verstehen würden, wenn man sich bemüht, es ihnen zu erklären. Ich glaube auch, dass die meisten Flüchtlinge, sie vor Krieg, Folter, Mord und Hunger fliehen, zunächst froh sind, Frieden und Nahrung vorzufinden. Sie werden auch nicht wollen, dass Frustrierte und Enttäuschte ihre kulturellen und religiöse Konflikte aus ihren Heimatländern hier im Gastland weiter austragen und Schwächere, Minderheiten, Frauen, Kinder, Andersgläubige hier terrorisieren. Darum sollte es kein unüberwindliches Problem darstellen, Friedensstörer, Hetzer und Gewalttäter unter den Inländern wie unter den Flüchtlingen zu isolieren und nach ihren Vergehen und unseren Gesetzen gerecht zu behandeln. Straftäter werden bestraft, Aggressoren, die das Gastrecht mit Füßen treten und die Gastgeber oder andere Gäste bedrohen, beleidigen oder gar bekämpfen und verletzen werden nach ihrer Bestrafung und zum Schutz aller weggewiesen. Das dürfte bei uns Konsens sein.

Und natürlich müssen die Gäste unsere Sitten und Gebräuche beachten, dass die Religion nicht über der Demokratie, deren Gesetze und Freiheiten und über den Menschenrechten steht, dass Männer und Frauen gleich viel wert und gleichberechtigt sind, dass wir keine Diskriminierung dulden und keine gewaltsamen Auseinandersetzungen oder auch nur Feindschaften mit Aufstachelung zu Streit zwischen Religionsgemeinschaften, Ethnien und anderen sozialen Gruppen. Wer solchen Verhältnissen in seinem Lande entflohen ist und sie dennoch in unser Land und nach Europa tragen will, hat hier kein Gastrecht und keine Zukunft. Gäste, die unsere Gesellschaftsordnung respektieren und sogar daran teilnehmen möchten, sie in Richtung mehr Demokratie, mehr Toleranz und Freiheit und mehr Gerechtigkeit weiter zu entwickeln, können wir auch einladen, zu bleiben und ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft zu leisten.

Gewalttäter, Kriegstreiber, Hetzer, Prediger religiöser Intolerans, Frauenverächter und ideologische Fanatiker hier zu dulden und ihnen nicht bloß die Wahl zwischen demokratischer Neuorientierung bis zur Umerziehung oder Abschiebung zu lassen, ist gesellschaftspolitischer Selbstmord für unsere Demokratie. Gleichzeitig ist unsere beste Lebensversicherung, dass wir selbst all die humanistischen Prinzipien, die wir in unseren Gesellschaften erworben und in Jahrhunderten bis heute gegen weltliche und religiöse Potentaten und Ideologien erkämpft und verteidigt haben, auch wirklich leben. Wir sind ein wenig zu bequem, zu matt, zu sehr auf Sicherheit aus und an der schlafmützigen Form von Friedfertigkeit orientiert, als dass man uns als wahre Hüter der Freiheit und des Gemeinsinns noch wahr- und ernst nehmen könnte. Daher sollten wir uns anspruchsvoll, wach, hilfsbereit und gastfreundlich und gleichzeitig wehrhaft jedem gegenüber zeigen, der das Gastrecht mit Füßen tritt, ob von innen oder außen. Das Gastrecht ist menschlich und die Menschen haben dessen immer bedurft. Aus den besseren, menschlicheren Botschaften der verschiedenen Religionen wissen wir, dass Gott oder das Göttliche dem Menschen Gastrecht auf der Erde gegeben hat und dass er das Zusammenleben aller ursprünglich als Paradies gedacht hat und nicht als Schlachthaus und Kriegsschauplatz.
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Freitag, 25. Dezember 2015, 15:59

Flüchtlingsfest Weihnachten

Ich richte meine Spiritualität nicht nach bestimmten Religionslehrern und Weisen aus. Das macht mich völlig frei, die zu zitieren, die in meinen Augen etwas Sinnvolles zur menschlichen Misere wie zu menschlicher Größe sagen - in spiritueller Hinsicht. Das christliche Weihnachtsfest spornt gerade die an, die sich Christen nennen und dabei meistens einer bestimmten Richtung angehören, Richtungsweisendes zu sagen. Eine Focus-Reporterin, Martina Fietz, gibt in der Online-Kolumne "Fietz am Freitag" auch ihren Senf zur Weihnachtswurst dazu. Focus.de ist nicht so mein Ding, wenn so ein Format auch noch Ex-AFD'ler als Experten zu Wort kommen lässt, also vom rechten Rand der Flüchtlingsfürchter, doch was Frau Fietz da aufgeschnappt und weitergegeben hat, gefällt mir ausnahmsweise: "Der frühere Aachener Bischof Klaus Hemmerle hat dazu einmal den wunderbaren Satz formuliert: "Mach es wie Gott! Werde Mensch!"Um das zu verstehen, muss man nicht religiös sein." Und weiter: Weihnachten 2015 sollte ein Satz von Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, im Blickpunkt stehen: „Das Kind in der Krippe hat nur überlebt, weil seine Eltern in Ägypten Asyl gefunden haben.“

Aber ich kann nicht nur Bischöfe für eine Weihnachtsbotschaft anführen, die Weihnachten mit einer Art Flüchtlingsfest in Verbindung bringt. Mein Vorgänger, von dem ich den Hof übernommen habe, schrieb mir zu Weihnachten u. a.: "Die erste Flüchtlingswelle der Moderne rollte zum Ende des zweiten Weltkriegs und kurz danach aus dem zerstörten und im Stalinismus versinkenden Osten Deutschlands Richtung Westen. Meine Eltern mit mir als kleinem Kind an der Hand waren ein Tropfen in dieser Welle. Gestern wie heute waren Flüchtlinge zumeist nur ungern gesehene Konkurrenten und Mitesser für die Ortsansässigen. So erlebten wir es in West-Berlin, in Schwaben und - wen wundert es - natürlich in Bayern, wo das Boot nach gängiger Sicht so mancher Einheimischer schon damals in den Fünfzigern zu voll war. Die arme Pfalz kannte keine solchen Vorbehalte und nahm uns auf, gab uns eine Chance. Niemand flieht aus der Heimat nur wegen ein paar finanziellen Anreizen. Flucht ist eine elementare Verhaltensweise, ein archaischer Rettungsversuch der eigenen Existenz. Natürlich wendet ein Flüchtling sich möglichst dahin, wo er willkommen ist und auch eine gesellschaftliche Chance hat, alles andere wäre widersinnig. Opportunismus ist noch etwas anderes. Glücklicherweise war unser zweiter Anlauf in der Pfalz vor einem Jahr von weit weniger dramatischen Umständen begleitet als der erste und diente der Annehmlichkeit im Alter. Wir kamen diesmal nicht als Bittsteller, sondern als zahlungsfähige Bürger. Ein Verdienst von 70 Jahren Frieden im eigenen Land. Vielleicht ist Frieden der wahre Luxus, den nur wenige Länder dieser Erde verteilen können, schon gar nicht die Staaten des Terrors."

Eine Muslima, Mutter einer Patientin und vor zwei Jahrzehnten aus dem Libanon zu uns gekommen, dolmetscht manchmal für heutige Flüchtlinge arabischer Herkunft, ebenso ihre Tochter oder geht mit zu Behörden. Sie begründet das mit ihrem muslimischen Glauben und zwar in aller Einfachheit: "Es sind Menschen. Da muss man helfen!" Die Kindheitsgeschichte Jesu ist die einer anständigen Familie von guter Abkunft - aus dem Stamme Davids - doch arm und einfach. Die Regionalmacht der Römer verlangt Unterwerfung zur Registrierung und Steuereintreibung, die Leute zerreißen sich gerne mal das Maul, etwa über die Herkunft des Bastards, denn Josef war nicht der Vater. Doch der verstieß seine vierzehnjährige Verlobte nach Anraten seines Engels dennoch nicht und vermied somit öffentliche Schande und Entehrung. Und während er mit der Hochschwangeren in die Herkunftsgemeinde seiner Vorfahren reist, kann er sich Mangels Herbergen und Geld keine Unterkunft leisten. Das Kind wird unterwegs in einem Tierstall geboren. Für die Judenchristen ist es der Messias, für die Christen der Sohn Gottes, Gott, der Mensch geworden ist. Kurz danach sind sie wieder auf der Flucht vor der Regionalmacht, vor dem Versallen, vor der Obrigkeit. Dann sind sie Illegale in Ägypten, Flüchtlinge.

Das Volk Israel war mehrfach in seiner Geschichte versklavt, verschleppt, vertrieben worden. Die Grenzen wechselten auch in der Antike stets und zwar damals schon mit Krieg und Gewalt. Abraham machte seine Magd Hagar mit ihrem gemeinsamen Sohn Ismael zu Vertriebenen oder Verstoßenen, nachdem Sara ihm Isaak, seinen Zweitgeborenen, geboren hatte. Auf Ismael als Ahnherren berufen sich nach dem Koran die Araber. Und so geht es in diesen Landstrichen noch heute und so ging es bei uns nicht nur in der spätantiken Völkerwanderungszeit: Wir sind sowohl Erben des Leides wie der Erfolge von Flüchtenden, Umherwandernden, Exilanten. Unsere Heldenepen - und zwar die Meisten der Menschheit - handeln genau von diesen Schicksalen, unsere Religionen sind davon geprägt in jedem Teil der Erde. Bruch mit der alten Tradition, alte und neue Bünde, das Versprechen Gottes, seine Menschen aus dem Fluch der selbst verschuldeten Boshaftigkeit zu erlösen - überall finden sich solche Geschichten.

Wir sind bis heute eher Nomaden als Sesshafte und doch gibt es Gegenden, in denen Menschen Jahrtausende blieben und Gegenden, von wo Menschen schon vor Jahrtausenden weggingen oder wohin sie zu gelangen suchten. In der Nähe des Ortes Osterode im Harz, über dem man eine bronzezeitliche Grabhöhle (Lichtensteinhöhle) mit den gut erhaltenen Gebeinen von knapp 70 Individuen aus mehreren Generationen fand, konnte man durch humangenetische Untersuchungen feststellen, dass noch zwei direkte Nachkommen eines Mannes nach über 3000 Jahren oder ca. 100 Generationen am Ort in der Nähe der Höhle und der alten Siedlungsstätte lebten und 11 weitere Verwandte, wobei nicht alle Bewohner untersucht werden wollten, sondern sich nur 270 für diese Untersuchungen meldeten. Aber es kamen auch mindestens zwei Individuen von den fernen britischen Inseln, die schon damals Zinn-Bergwerke für die Bronze (aus Kupfer und Zinn) aufwiesen, an den Ort am Fuße des Harzes und wurden da begraben, antike Einwanderer also.

Wir alle ziehen über diese Erde, hinterlassen als menschliche Individuen mit wenigen Ausnahmen kaum merkliche Spuren, als Spezies aber haben wir das Angesicht der Erde verändert, leider nicht nur zum Positiven, denn Umweltverschmutzung, Raubbau und Kriege sind unsere Begleiter, seit Menschen Reiche und Kulturen bilden. Wir haben die Chance, eine andere Geschichte zu schreiben, als Gemeinschaft, als Kollektiv, wenn wir uns der Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibung annehmen und die Ursachen dieser Übel, Despotismus, Ungerechtigkeit und Ungleichheit, ächten und durch Weisheit beseitigen.

Zum Schluss, die Inspirationen der Bergpredigt, die nach dem Evangelium des Matthäus die Worte Jesu wiedergeben soll, des Jesus, dessen Geburtsfest von den christlichen Kirchen heute wieder einmal begangen wird wie jedes Jahr:

Die Seligpreisungen:

Nach dem Evangelium des Matthäus, Kapitel 5, Vers 3 – 12

3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; / denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; / denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Söhne Gottes genannt werden
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

Vom Salz der Erde und vom Licht der Welt:

Nach dem Evangelium des Matthäus, Kapitel 5, Vers 13 – 16

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.
16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Wenn also das "Christliche Abendland" tatsächlich noch etwas mit Jesus Christus zu tun hat, ist es eine keine verschlossene Burg, die Flüchtlinge ausschließt, sondern eine leuchtende Stadt auf dem Berg als das Abbild des himmlischen Jerusalem, in der Menschen- und Gottesliebe sich nicht ausschließen, sondern bedingen. Wenn wir davon noch weit entfernt sind, müssen also auch wir uns wieder aufmachen zu diesen neuen Ufern, zu dieser neuen Humanität. Weihnachten ist das Fest um die Geburt eines Migranten, eines Armen, eines Verfolgten, eines Kind Gottes, Gottes Sohn.
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Sonntag, 19. November 2017, 13:37

Heimat

Ich fragte den Alten auf seiner Bank
nach seiner Heimat. Und er sagte:
Geflohen bin ich aus meinem Vaterland
mit meiner Muttersprache und wenig mehr,
aber mit Trauer im Herzen und Zorn
und mit Hoffnung auch und mit Mut.
Heimat ist, wo meine Enkel leben dürfen
und deren Eltern und Großeltern,
wo ich etwas tun darf für mich und andere,
wo die Sonne wärmt und im Winter ein Ofen,
wo Gras grün ist und Wasser frisch und klar,
wo die Luft rein ist und voll Vogelgezwitscher,
wo Kinder spielen und Alte sich unterhalten,
wo Junge sich lieben und ihr Glück bauen,
wo Nachbarn sich grüßen und helfen,
wo ich mich nicht schäme, offen zu danken
und für die zu bitten, die mir folgen möchten,
denen ich gerne sagen würde: es ist gut hier.
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Freitag, 30. März 2018, 15:58

Le Chaim - Tanz auf das Leben!

Hallo, ich bin Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Wir machen während der Osterfeiertage wieder eine aktuelle Online-Reportage. Dieses Mal geht es um drei Freunde. Gestern am Gründonnerstag bin ich mit Theo in ein Gefängnis gegangen, wo Theo mit Gefangenen eine Andacht hielt und zu Abend aß. Eine befreundete Gemeinde hat für das Essen gesammelt und es spendiert. Die meisten gefangenen Gäste sind schwarze Männer und Latinos, die wenigsten weiße Amerikaner. Sie sitzen wegen Drogendelikten, Raub, Totschlag. Aber viele Gefangene, so denkt Theo, sitzen, weil sie Immigranten sind oder farbig oder arm oder alles zusammen. Keine Chancen, kein Geld, keinen legalen Aufenthalt, keine intakte Familie, keinen guten Rechtsanwalt. Theos Gäste sind Katholiken, Atheisten, Muslime, Juden, Protestanten. Einer bezeichnet sich als Satanist. Er ist trotzdem gekommen. Ich habe schon gefürchtet, Theo würde jetzt wie der Papst Franziskus in Rom zwölf Gefangenen die Füße waschen wie Jesus seinerzeit seinen Jüngern als Zeichen der Demut. Der Chef soll der Diener sein. Theo ist katholischer Priester, Jesuit mit einem Faible für die Minoriten, die Jünger des Heiligen Franziskus. Theo ist schon in Rente, hat keine eigene Gemeinde mehr, möchte aber nicht in einem Kloster für alte Ordensleute herumsitzen. Er hat seine neue Gemeinde in der New Yorker Bronx gefunden oder überall da, wo es Arme, Benachteiligte, Ausgeschlossene, Immigranten gibt. Auf der Straße, in den U-Bahnhöfen, Obdachlosenheimen, Altenheimen und in Parks. Er kümmert sich um minderjährige Prostituierte, drogenabhängige Stricher, einsame Alte ohne Familie, Illegale, die untergetaucht sind und sich vor Trump fürchten, oder eben solche, die schon im Knast gelandet sind. Er geht auch zu Witwen von Feuerwehrleuten und Waisen, zu Polizisten oder Sanitätern, die im Dienst verletzt wurden und die die Kollegen und die Gesellschaft irgendwann vergessen hat. Er macht nicht Halt vor Säufern und Krätzekranken.

Und die Gefängnisverwaltung hatte Theo, nachdem sie ihn schon einige Jahre kannte, die Erlaubnis gegeben, mit den Gefangenen einen kleinen Kräuter- und Gemüsegarten an einer geeigneten Stelle des Gefängnishofes anzulegen. Dafür hatte er sich vom Gartenbruder der Franziskaner und einem guten Freund, Thakur, beraten lassen, der schon Gärtner und Koch gewesen war und auch etwas von "Perma-Kultur" versteht. Hört man Theo, dann versteht Thakur eigentlich fast alles, "ein echter Tausendsassa", sagt Theo. Ich kenne das Wort nicht. Wie es Theo verwendet, meint es aber wohl eher eine Art Universalgenie und nicht einen "Hans Dampf in allen Gassen". Seitdem die Gefangenen diesen kleinen Gefängnisgarten haben, verwenden Theo und die Gefangenen, die mitmachen, für ihre feierlichen Mähler vor allem die Erzeugnisse dieses kleinen "Biogartens". Ich wunderte mich, dass Theo dieses beinahe moderne und hippe Wort der biodynamischen Garten-Eso's kennt, dass jetzt auf New Yorker Dach- und Hochgärten Einzug hält: "Perma-Kultur". Manche Gefangene scheinen hier im Knast auch in eine Art "Permafrost" geraten zu sein, denn einige "Dauergäste" haben schon den ersten Spatenstich mit Theo ausgeführt: vor über zehn Jahren! Theo scheint beharrlich zu sein, von unendlicher Geduld und nach den aus seiner Sicht bescheidenen Ergebnissen zu urteilen erstaunlich nachhaltig.

Ich will von Theo wissen, wieso er auf die Gartenidee gekommen ist und ob die Gefangenen nicht manchmal was ganz Anderes von wohlwollenden Besuchern wünschen. Er sagt dazu nur: "Ein Gefängnis kann keine Heimat für einen Menschen sein. Weil wir alle irgendwie im Gefängnis leben, in unserer eigenen kleinen Ego-Welt unserer Einbildungen und wirren Gedanken, suchen wir nach unserer ureigenen Heimat, unserem Paradies. Einen Splitter davon tragen wir bis heute in unserem Herzen. Da ist unser Garten der Liebe. Der Garten ist eine Zuflucht, ein Paradiesgarten eben. Das habe ich übrigens bei den Franziskanern gelernt, nicht bei den Jesuiten. Die Jesuiten haben auch einen besonders schönen Dachgarten. In ihrem Oberstübchen sind wunderbare Philosophien wie Tempel aus Marmor und Theologien wie Altäre aus Elfenbein. Ich liebe diese Gärten auch. Aber im Paradiesgarten meines Herzens können meine Hände in der Erde wühlen oder die Stacheln der Stachelbeeren fühlen. Dort kann ich auch die Süße von Johannisbeeren schmecken und meine Seele baumeln lassen. Die Gefangenen lieben diesen Garten, denn er ist seit zehn Jahren jedes Jahr schöner geworden. In ihm finden die Entwurzelten ein Stück Heimat und Zuflucht, nicht in ihrer Zelle, nicht in ihren unruhigen Gedanken." Dann sagte er verschmitzt zu mir: "Als katholischer Priester muss ich keine passende Frau finden und kann mich mit Freundinnen begnügen. Ansonsten hätte ich nämlich vielleicht ein Problem, nach welcher ich suchen müsste. Ich hätte gerne eine Gärtnerin, wie die göttliche Flora, mit der ich zusammen gärtnern könnte und zugleich benötige ich meine Sophia, mit der ich Gedanken spinnen kann und dann eine Eva, mit der ich das alles fühlen könnte. Das wäre einfach etwas zu viel für mich. Aber vielleicht kann ich Dir morgen meine Sophia vorstellen, sie heißt Thirza. Und mein Freund Thakur hat etwas von der Gärtnerin Flora und der grazilen Eva." Und er lacht schelmisch.

Theo hat am Gründonnerstag den Gefangenen nicht die Füße gewaschen, wie etwa sechs Stunden vorher Papst Franziskus in einem römischen Gefängnis, das "Regina Coeli" heißt. Solche Bilder gehen dank Internet in Echtzeit um die Welt. Mir wird mulmig. "Regina Coeli", die Himmelskönigin, heißt bei den Katholiken die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, Jesu leibliche Mutter, eine Ikone für Demut und Hingabe. Und so heißt ein Gefängnis? Als ich Theo darauf anspreche, schüttelt auch er leise den Kopf. Dann sagt er: "Heute wie damals kann es bedeuten, wenn Du Kinder in die Welt bringst und begleitest, dass du an die dunkelsten Orte gehen musst, um für sie zu sorgen, solange sie noch nicht gelernt haben, es ganz für sich selbst und dann auch für andere zu tun. Eine Mutter sieht dann vielleicht nicht aus, wie eine Königin, sondern eher wie die Mutter Courage des Dichter Bert Brecht. Aber dennoch ist sie eine stille und barmherzige Göttin. Regina Terrae et Coeli." Ich will von Theo wissen, warum er den Gefangenen nicht wie der Papst die Füße wäscht, um an Christi Demut zu erinnern. Was er antwortet, ist für mich bemerkenswert: "Ich bin nur Priester und nicht der Papst, ich bin nicht groß genug für diese Demut. Meine Gefangenen würden es vielleicht lächerlich finden oder für eine Imitation des Papstes halten, wer weiß. Ich bin noch nicht auf diesen Gedanken gekommen. Die Gefangenen schätzen anderes an dem, was wir hier tun, sie freuen sich auf die Begegnung, auf gemeinsames Kochen und Essen und manche auch auf das gemeinsame Singen und Beten. Große Gesten sind anders als mächtige Rituale. Die großen Gesten beziehen ihre Wirkung aus der Angemessenheit. Ein Ritual wirkt, wenn es sozusagen exakt im Geist der göttlichen Seelenmagie ausgeführt wird, auch durch einen unwürdigen Zelebranten. Darum kann jeder Priester ein würdiges Messopfer darbringen und die Christusenergie wandelt sich augenblicklich in den berührbaren Jesus. Aber nur der Papst kann wie Jesus Füße waschen. Bei den anderen würde es vermutlich eher etwas lächerlich wirken. Zumindest bestünde die Gefahr." Ich stimme Theo zu. Es wäre mir peinlich gewesen.

Theo grinst: "Ich bin am Palmsonntag vor der Karwoche auch nicht wie Jesus auf einer Eselin durch die Wallstreet oder Fifth Avenue geritten und habe die, die auf der Straße leben, gebeten, mir Palmwedel und sonstiges Grünzeug vor die Hufe der Eselin zu legen. Ich sehe nicht aus wie ein junger, hoffnungsvoller Messias und künftiger König und der Papst in seinem Alter schaut auch nur im Papamobil aus einiger Entfernung aus, wie ein mächtiger König, aber gleichwohl schicker als ich alter Priester." Theo sagt sein Alter nicht, während ich mit ihm spreche. Er sieht aus wie sechzig oder wie hundert. Es kommt darauf an. Bevor er Priester wurde - und das wurde er nicht gleich - hatte er ein etwas anderes Leben und hieß Adam Katoschinski, Einwanderersohn aus einer Familie, die um die Welt gereist war. Adam hatte ein Erlebnis mit einem großen Schwarzen in Brasilien, der hieß Thiago, ließ sich aber Thio nennen. Adam sprach Spanisch, aber schlecht Portugiesisch. Er kam in eine gefährliche Situation, wurde ausgeraubt und zusammen geschlagen. Thio bahnte sich den Weg zu ihm und haute ihn raus, nahm ihn in seine Favela und versorgte ihn. Adam war wohl einen ganzen Tag nicht bei Besinnung, hatte ein Nahtoderlebnis und eine kleine Erleuchtung. Er wollte das Leben von nun an als Gottesgeschenk nehmen und Thio betrachtete er als einen gesandten Engel. Adam wurde Jesuit und als Ordensnamen nahm er zusätzlich den Namen Teodoro an. In New York kennen ihn die, um die er sich kümmert, als Pater Theo. Theo ist Priester und er hat eine eine sehr gute Freundin. Thirza heißt sie. Eigentlich Thirza Hershel.

Thirza ist Jüdin. Sie ist sogar eine liberale Rabbinerin. Thirza ist ungefähr so alt wie Theo, wahrscheinlich älter. denn Thirza ist vermutlich1928 in einem Dorf in der Ukraine an der Grenze zu Polen geboren. Ihre Papiere haben den zweiten Weltkrieg und die Nazis nicht überlebt. Ihre Familie auch nicht. Thirza entkam nur knapp der Deportation und einem Massaker. Da war sie erst 14 Jahre alt. Thirza leitet keine Gemeinde mehr, sie fühlt sich zu alt für all die Pflichten. Gerne geht sie zusammen mit Theo zu den wenigen alten Überlebenden der Shoa, wie der Holocaust bei den jüdischen Überlebenden heißt. Sie gehen zu denen, die es nach New York geschafft haben und alt geworden sind. Die jetzt oft einsam in ihren Wohnungen sitzen oder in den Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen. Sie werden umsorgt, wenn sie Glück haben, aber die Schatten der Vergangenheit suchen sie wieder heim, nachdem sie sich hilfloser fühlen und schwächer im Alter. Thirza kennt das und sie weiß auch die Gründe. Thirza hat Sozialarbeit studiert, nachdem sie auf abenteuerlichen Wegen in die USA kam. Und eine österreichische Analytikerin, eine Jüdin, die es schon 1938 aus Wien geschafft hatte, hat sie später fast umsonst in eine Psychoanalyse genommen. Thirza wurde eine besondere Art von Psychotherapeutin. Ihr gefiel die Körperpsychotherapie von Wilhelm Reich und ihr gefiel das Tanzen und Singen. Sie weiß, dass die Seele auf der Erde einen Körper hat und nicht ohne diesen heilt. Und umgekehrt ist es genauso, deshalb ist Spiritualität für sie wichtig. Auch deshalb wurde sie Rabbinerin. Sie heiratete in den USA einen Rabbiner, der ein Konzentrationslager der Nazis in Polen überlebt hatte und eigentlich wieder nach Israel wollte. Aber die Arbeit im Kibbuz war zu hart für seine vorgeschädigte Lunge. Er hatte Tuberkulose und hoffte, dass er in den USA besser behandelt werden könnte. Er war älter als Thirza, viel älter. Schmuel, ihr Mann, nannte sich in den Staaten Sam. Er starb nach fünf Jahren in New York. Thirza und Schmuel hatten keine Kinder.

Thirza begann nach dem Tod von Sam die Thora und den Talmud zu studieren. Sie wollte verstehen. Sie wollte nicht nur mit Menschen sprechen und das Seelische ergründen. Sie hoffte, dass sie mit Gott sprechen konnte und Gott mit ihr sprechen würde. Auch Thirzas Vater war Rabbiner gewesen, damals in der Ukraine, seiner Heimat. Er war nicht nur ein gelehrter Mann, er war ein einfacher Mann des Volkes, aber sprachgewandt. Er sprach Jiddisch, Polnisch und Ukrainisch und sogar ein wenig Russisch und natürlich las er die Thora auf Hebräisch. Er tanzte und er sang, wenn er traurig war und wenn er sich freute. Rabbi Chajm nannten sie auch Reb Dov, weil er aussah und groß war, wie ein Bär. Aber er hatte ein freundliches Gemüt wie ein Kind. Wenn er traurig war, weinte er bittere Tränen und sang laute Klagelieder und wenn er fröhlich war, dröhnte sein Lachen aus der Synagoge durchs Dorf und es erscholl freudiger Psalmengesang. Chajm sagte: "So ist das Leben und das Leben ist wie Gott: es ist alles Weinen und alles Lachen und Singen und Tanzen dazu! So bin ich Gott nahe und er mir, denn seine Schrift und seine Worte die muss man singen und tanzen, damit sie das Herz heben zu Gott. Chajm war Chassid und er sang in der Synagoge und in der Schul mit seinen Chassidim. "Als Gott Adam die Seele einhauchte, war es süßer Gesang und Adam begann sofort zu tanzen, noch eher er die Augen aufschlug, im Vertrauen zu seinem Schöpfer. Als er Gott anschauen und durchschauen wollte, begannen seine Probleme. Aber Singen und Tanzen in Gott macht keine Sorgen, es löst sie!", so hatte es der Reb Dov einmal seiner Gemeinde erklärt oder eher gesungen und vorgetanzt.

Thirza und Theo haben einen gemeinsamen Freund, Thakur. Sie haben ihn in den Straßen von New York kennengelernt. Er ist schon ein wenig ein komischer Vogel, so fanden sie damals wie heute, mit einem Augenzwinkern. Er ist sehr dunkel mit feinen, indischen Gesichtszügen. Sein Vater war Bengale, dessen Familie nach Bangladesh vertrieben wurde und der es auf einem Schiff nach New York schaffte, als einfacher Koch. In New York hatte er eine schwarze Freundin, Thakurs Mutter. Einige Monate nach der Geburt ging sie zum Einkaufen. Sie blieb verschwunden. Der Vater heiratete Thakurs Stiefmutter, halb Inderin, halb Chinesin, die mit ihren Eltern aus Malaysia gekommen war. Sein Vater nannte ihn Thakur nach einer berühmten bengalischen Brahmanen-Familie, mit der seine entfernt verwandt gewesen sein soll. Diese nannten sich später bei den Engländern Tagore. Thakurs Vater aber war Muslim. Doch er war als Schiit auch unter den sunnitischen Muslimen in der Minderheit. Seine männlichen Vorfahren waren Sänger und Mitglieder eines Sufi-Ordens. Thakur verließ das Haus, das voll mit seinen vielen Halbgeschwistern war, schon früh. "Ich bin immer neugierig. Ich bin es noch heute. Die Welt ist für mich morgens frisch und abends reif und am nächsten Tag geht es von neuem los. Ich liebe das Leben!" erklärt Thakur sein Umherschweifen, das andere unstet finden könnten. Thakur hat schon alles Mögliche gemacht, Musik, Straßenhandel, eine Yogaschule, eine orientalische Apotheke, eine Garküche auf einem Fahrradanhänger. Er hatte eine Pension in einem abbruchreifen Haus, eine Beteiligung an einem Beerdigungsunternehmen, er war Rikscha-Fahrer, Altenpfleger, Parkwächter und Gärtner. Thakur sagt, er macht jede Arbeit nur so lange, wie sie ihm ein frohes Herz gibt oder wenigsten lässt. Sonst gehe er sowieso bankrott. Er war viermal bankrott, er war nach eigener Einschätzung Alkoholiker, opiumsüchtig, Spieler, aber immer nur ein paar Monate, dann habe dies seinem Kopf keinen Spaß mehr gemacht und sein Herz habe sich mit Unglück gemeldet. Da habe er immer gemerkt, dass er aufhören muss. Aber bis heute liebt er die, die im Kopf verrückt sind und nicht aufhören, nach ihrem Herzen zu suchen. Für die sei er Brahmane, Sufi, Medizinmann oder Schamane, aber nicht weil er das wolle, sondern weil die anderen das in ihm sehen wollen und wenn Gott die schickt, kann er sie ja nicht wegschicken. Er ist einer der bescheidensten Männer, die Theo und Thirza kennen, auch wenn seine Geschichte nicht so klingt.

Thakur ist sehr drahtig, schlank, wie Thirza, Theo hat einen kleinen Bauch, vielleicht, weil er sowieso ganz klein und unscheinbar ist trotz seines weißen Bartes. Alle drei haben grauweiße Haare: Thakur weiß und lang, manchmal unter einem Turban wie ein Sikh, Theo hat einen grauen Haarkranz um seine spiegelnde Glatze und Thirza hat silbergraue Haare mit einem Stich ins Lila. Wenn Thakur, Theo und Thirza unterwegs sind, könnten die drei dennoch nicht unterschiedlicher und seltsamer aussehen. Sie treffen sich nicht regelmäßig. Doch sie wissen, wo sie sich finden können. Theo darf immer mal wieder eine kleine alte Kirche einer schwarzen Methodistengemeinde benutzen und in einer etwas vernachlässigten Franziskanerkirche ist er auch gut gelitten. Seine Jesuitenbrüder sind ein wenig auf Abstand gegangen. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Theo hat ein kleines, schäbiges Apartment in einem Mietshaus in der Bronx. Thirza lebt in einem alten Brownstone House. Ihre Nachbarschaft hat sich in den letzten vierzig Jahren sehr verändert. Früher gab es viele Juden, Polen, Russen, Ukrainer hier und auch Deutsche. Dann kamen immer mehr Schwarze und jetzt auch Latinos. Aber es ist eine gute Nachbarschaft. Alle sind sehr freundlich zu Thirza und so zuvorkommend, als wollten sie sie beschützen. Z.B. wenn ein Taxifahrer aus einer anderen Gegend unfreundlich oder faul ist und die alte Dame alleine ihren Koffer aus dem Kofferraum nehmen lässt. Sofort kommen Lucy oder Joe, weisen den Chauffeur zurecht und packen das Gepäck und tragen es die Treppen hoch. Thirza liebt es inzwischen, so beschützt zu werden. Früher fand sie, sie müsse sich und der Welt beweisen, dass sie noch nicht zu alt ist und alles alleine kann. Jetzt weiß sie, dass sie rüstig und gut beieinander ist und gleichzeitig tut es ihrer manchmal doch etwas schwermütigen Seele wohl, dass andere es lieben, ihr beizustehen. Und ein gegenseitiges Lächeln ist Lohn und Dank genug für alles. Thakur hat mehrere Quartiere und viele Freunde und Freundinnen, die ihn einladen, einfach so. Er hat auch mehrere Halbgeschwister, die noch leben und zu denen er locker Kontakt hält. "Wenn ich Thirza und Thakur tanzen und singen sehe, kommen sie mir vor, wie Bruder Francesco uns Schwester Chiara", erzählte Theo. "Thakur hat auch schon mal mit einem indianischen Medizinmann und einer Voodoo-Priesterin Heilungs-Sessions gemacht. Er ist einfach so wandlungsfähig. Alles Lebendige macht ihm Spaß. Er ist ein großer Liebhaber der Natur. Der Central-Parc ist sein zweites Zuhause. Dort macht er auch Tai Chi mit chinesischen Gruppen, die sich dort regelmäßig treffen."

Gründonnerstag ist ein Einsatztag für Theo, wenn er das Abendmal für "seine Gefangenen" bereitet. Thakur und Thirza begleiten ihn manchmal. Am Karfreitag darf Theo bei den Franziskanern eine Messe feiern. Auch daran haben seine Freunde schon teilgenommen. Die Franziskaner stört das nicht. Sie fragen die Leute nicht nach Bekenntnissen. Sie freuen sich, wenn Arme zu ihnen kommen, wie ihr Ordensgründer, der singende und dichtende Franz von Assisi sich gefreut hatte. Am Sederabend, einem wichtigen jüdischen Ereignis, also heute, wird er zu seiner alten Freundin Thirza gehen und ihr Glückwünsche bringen, Matzen und Bitterkraut aus dem koscheren Laden. Seder ist der Abend vor Pessach, ein bedeutendes jüdisches Fest, das an den Auszug des Volkes Israel aus ägyptischer Knechtschaft und den großen Sohn dieses Volkes, Moses erinnert. Das ist heute. Auch Pessach ist ein Familienfest. Die Familie von Thirza ist einerseits weitverzweigt, soweit sie weiß, aber sie selbst hat kaum Verwandte in den USA oder gar in New York. Sie leben in Israel und sogar wieder in Paris und in Zürich. Ein Großneffe soll sogar in Berlin oder Frankfurt studiert haben. Thirza reist nicht mehr so oft in all die Länder und Pessach ist ein Familienfest auch für die Kinder, nicht nur die Alten. Ihr Verwandte haben ihre eigenen Familien. Thirzas einzige Tochter Bina lebt in Israel. Bina's Vater ist weggegangen und Bina hat es ihrer Mutter übelgenommen, dass sie ihn gehen ließ. Als Bina nach Israel ging, um für eine neue Heimat, den einzigen jüdischen Staat, zu kämpfen, konnte Thirza sie verstehen. Als Bina einen Mann heiratete, der mit Bina in einer Siedlung im besetzten Palästina leben wollte, gab es politische und ethische Differenzen zwischen den liberalen Ansichten der Rabbinerin und dem neuen konservativen Zionismus von Gad, Bina's Mann. So kommen die beiden nicht mehr nach New York und Thirza nicht mehr nach Israel. Aber Bina schreibt Thirza wieder, seitdem die alte Dame sich mit Theos Hilfe einen Computer gekauft und eingerichtet hat. Thirza liebte es, Briefe zu schreiben, aber die jüngeren Leute lieben e-Mails. Thirza hat sich angepasst. Und Bina schreibt nun auch zurück.

So kommt es, dass Theo, Thirza und Thakur sich gerne dann treffen, wenn eigentlich Familien zusammen kommen oder ganze Gemeinden, wie Osten oder Pessach. Thakur nimmt alle Feste, wie sie kommen, hinduistische, muslimische, christliche, jüdische, "alle Feste, die "Seele" haben und das Herz mit Freude füllen, weil man dann Freunde trifft." So sagt er es. Theo, Thakur und Thirza haben festgestellt, dass sie alle drei vor Jahren angefangen haben, ihr Tagebuch im Internet zu schreiben und nicht mehr auf Papier. Sie haben jeder einen Blog. Einfach so. Theo schreibt am meisten, er ist ein "Armen-Theologe". Thirza schreibt Geschichten auf, die sie erlebt. Thakur begnügt sich meist mit Weisheitssprüchen aus seinem riesengroßen interreligiösen Fundus. Sie müssen überhaupt nicht von ihm sein, im Gegenteil. Alles klingt nach Krishna, Buddha, Salomon, Jesus, Rumi oder eine andere weise Person. "Mir ist egal, wie erleuchtet die Sprecher sind. Ich höre nur, ob das Ewige und Wahre durch die Worte in mein Herz strahlt. Diese Worte gebe ich weiter. Sie sind nicht zum Behalten da, sondern zum Umherwandern", so erläutert es Thakur in seinem Blog. Und damit hat er was sehr Weises geschrieben, jedenfalls für mich, Emma. Und so kam es, dass ich bei meiner Arbeit für new.york.POSiTive auf einen der drei aufmerksam wurde. Ich suchte und suche immer nach Nahrung für meine Seele, die mir meine Kirche früher nicht geben konnte. Aber die modernen Weisen wie Krishnamurti laufen nicht nur in die Hörsäle. Sie sind sogar in den Straßen von New York unterwegs. Oder vielleicht gerade da und das ziemlich selbstlos, wie mir scheint. Und so kam es, dass ich die Freunde interviewt habe und ich den Bloggern diese Geschichte erzähle, wie ich sie hier aufgeschrieben habe. Und die Drei und ihre Geschichte haben eine Botschaft: Wenn man schon so alt ist, macht es Sinn, viele Menschen zu treffen und sich in Begegnungen selbst tief zu erforschen. Wieviele Vorurteile haben wir in uns, wieviel Angst und wieviel Hartherzigkeit und Ignoranz wegen dieser Angst? Und wenn wir das durch die Anderen bei uns erkennen, können wir uns davon befreien, in dem wir erfahren, dass wir alle eine riesengroße Familie sind.

Und darum bin ich, Emma Baker, als eine Bloggerin von new.york.POSiTive, heute zu Theo, Thirza und Thakur gekommen, die drei "Theos", wie Theo über das Wortspiel witzelt, wenn er die drei Göttlichen oder besser, Gottesgeschenke, meint. "Wer weiß", meint Thakur, "im Hinduismus wären wir bestimmt die Freunde der Götter und im Buddhismus zweifellos Bodhisattva's!" Wir sitzen in einer Straßenbar bei Kaffee, Tee und Hörnchen und ich möchte wissen, wie die drei nach New York gekommen sind, denn Familiengeschichten interessieren mich, wie Geschichten vom Reisen. Meine eigenen Vorfahren waren ursprünglich englische Siedler, die nach Nordamerika aufbrachen und kamen eigentlich aus Kanada nach New York. In Kanada muss einer meiner Vorfahrinnen sogar eine Indianerin gewesen sein. Mein Vater behauptete, dass ich mit meinen schwarzen Haaren und dem Schnitt meiner Augen dieser Urgroßmutter auf einem Foto ähnlich sehen würde. Als Kind interessierten mich Indianergeschichten und mein Vater nahm mich zu politischen Veranstaltungen und in ein "Rediscovery-Camp" der "Five Nations" mit, die an die fünf Nationen der Iroquois Confederacy erinnern und eine Art Union indigener Amerikaner war und kein Rugby-Ereignis, wie der normale heutige Amerikaner meistens meint. Das hat mich geprägt und gelehrt, nach den besonderen Menschen unter den scheinbar Unscheinbaren Ausschau zu halten.

Theo erzählt: "Meine Vorfahren stammen wahrscheinlich ursprünglich aus Polen, vom Namen her. Vielleicht waren sie sogar Juden. In einer katholischen Umgebung war das bestimmt nicht einfach und auf dem Land schon gar nicht. In Deutschland schien es mehr Arbeit und mehr Freiheit zu geben. Die Steinkohlenzechen im Ruhrgebiet suchten neue Arbeiter und es kamen auch Leute aus Schlesien, nicht nur Deutsche, auch Polen. Mein Großvater und meine Großmutter lebten dann wohl schon eine ganze Weile in Deutschland, sind vielleicht sogar da geboren. Doch selbst, wenn sie echte Deutsche hätten werden oder sein wollen, hat ihr Name es ihnen nicht leicht gemacht. Mein Vater erzählte mir mal, dass sie meinem Großvater immer wieder mahnend zugerufen hätten: "Mein lieber Kokoschinski!" und ihn veräppelt und ausgelacht haben. Jedenfalls sind meine Großeltern schon vor dem Ersten Weltkrieg mit einem Dampfer von Bremen nach Argentinien ausgewandert. Sie waren in den besten Jahren, nicht mehr ganz jung. Sie nannten sich in Buenos Aires später Gerardo und Lelita Katoschinsky. Ursprünglich hießen sie aber Gerd oder sogar Gersch und Lea. Mein Großvater landete 10 Jahre nach seiner Ankunft in Buenos Aires im Streit um seinen Arbeitslohn im Gefängnis. Der Patron ließ seinen Arbeiter einfach verhaften. Als er herauskam war er krank und wurde bald ein Opfer der Spanischen Grippe. Sein Sohn Antonio Gerardo wanderte mit meiner Großmutter in die USA aus. Antonio heiratete in New York meine Mutter, Anastazja Lewitzki, eine Katholikin mit polnischen Wurzeln, deren Eltern aus Brasilien gekommen waren und vielleicht auch Juden gewesen sind, denn die Eltern meiner Mutter hießen Reuben und Abbey. Spätestens damals wurde mein Vater Katholik. Vielleicht aber auch schon in Brasilien. Als ich in New York aufwuchs, habe ich mit meinem Leben alles und nichts anfangen können. Mein Vater war ein wortkarger Arbeiter, meine Mutter lieb und angeblich ein wenig depressiv. Es hieß, das sei davon gekommen, dass sie keine Kinder mehr hätte bekommen können. Ich fand ihre Form der Liebe ein wenig erdrückend. Die Liebe des Vaters vermisste ich und ich vermisste einen Bruder oder eine Schwester. Da konnte ich meine Mutter verstehen. Ob mein Vater etwas vermisste, hat er uns bis zu seinem Tod nicht erzählt. In Argentinien und Brasilien habe ich nach meinen Wurzeln gesucht, auf Haziendas gearbeitet, bin Gaucho gewesen und habe versucht, mit Freunden eine kleine Plantage zu betreiben. Lateinamerikanische Lebensfreude hat mich angezogen und ein wenig entschädigt. Ich hatte auch Freundinnen, aber ich war nicht gut darin, sie zu behalten. Dann kam der Überfall in der Stadt und die Begegnung mit Thio, von der ich erzählt habe. Ich habe mein Geld aus der Plantage genommen, viel war es ja nicht, denn die Freunde drohten mir, wenn ich alles zurückfordere, werden sie mich verschwinden lassen. Dann bin ich tatsächlich in ein Jesuitenseminar verschwunden und als neuer Mensch wieder rausgekommen. Ich habe dann noch Philosophie studiert. Eigentlich wollte ich Psychologe werden, aber meine Oberen fanden das nicht gut. Ich habe in New York gearbeitet, zunächst erst als Dozent und dann doch als social worker. Erst nach meiner Pensionierung habe ich Thirza getroffen. Wir besuchten jeder zwei alte Bekannte im gleichen Pflegeheim. Wir haben einen Kaffee getrunken und uns Geschichten erzählt. So war das vor jetzt fast zwanzig Jahren."

Ich will auch Thirzas Geschichte von ihr selbst erfahren. Thirza erzählt: "Meine Familie lebte in der Ukraine in einem jüdischen Stetl. Mein Vater war Rabbiner. Er gehörte zu der ostjüdischen Chassidischen Richtung. Er war ein Gemütsmensch und dabei sehr emotional. Er schwang mit allem mit, was ihn oder seine Leute bewegte. Würde er heute in den USA leben, würden sie ihn vermutlich in eine Anstalt sperren und mal Antidepressiva und mal Antipsychotika geben. Mein Vater tanzte und sang nicht nur im Gottesdienst in der Synagoge sondern auch in seiner Studierstube, wann immer ihm danach war. Meine Mutter hatte sich daran gewöhnt und sagte nichts mehr dazu. Ich kann mich nur noch wenig an meine Mutter erinnern, vermutlich, weil mich ihr Verlust am meisten schmerzte. Ich habe die Erinnerung mit meinem Schmerz begraben, wohl auch, weil ich das Grab meiner Mutter nicht kenne. Wir nannten sie Ella und mir kam der Name damals sehr umjüdisch vor. Im Gegensatz zu meiner Mutter wollte ich wissen, warum mein Vater sich als Rebbe so aufführte und ich fragte meinen Vater. Er war da schon älter, meine zwei Brüder schon erwachsen und aus dem Haus. Ich war ein spätes Kind. Er tanzte und sang oft mir mir. Ich wollte wissen, warum er tanzt und singt, wenn er fröhlich ist und genauso, wenn er traurig ist.

Mein Vater sagte solche Dinge wie: Gott singt in meiner Seele und kitzelt mein Herz. Es müsste doch zerspringen, wenn ich mich nicht bewegen, wenn ich nicht tanzen würde. Der Atem Gottes ist so mächtig, und wenn er in meinem Körper klingt, vibriert das ganze Instrument und mein Körper muss tanzen. Dann fliegt meine Seele zu Gott. Ich habe ihm gelauscht und gestaunt. Ich habe es nicht erstanden, aber ich musste mit ihm tanzen und singen, es riss mich einfach mit. Mein Vater war riesig, aber er tanzte nicht wie ein Tanzbär. Reb Dov, wie sie ihn nannten, machte geschmeidige und schnelle Schritte und Bewegungen. Seine Arme fuchtelten, als würde er mit allen jüdischen Geistern der Kabbala ringen. Und seine Stimme war ein tiefer Bariton, aber er konnte auch hoch wie ein junger Tenor kommen. Die Leute wunderten sich manchmal über meinen Vater und doch bewunderten sie ihn auch. Unser ganzes Dorf wurde von den Deutschen Besatzern und Ukrainern 1941 umstellt und alle Juden wurden fortgeschafft. Es gab eine befreundete Ukrainische Familie, die wollte unsere Familie retten. Aber mein Vater war zu bekannt und auch zu starrsinnig. Wenn Gott ihn heute wollte, würde er heute gehen, singend und tanzend mit seinen Chassidim. Und so war es. Während meine Freunde mich wegzogen und versteckten, ging mein Vater tanzend und singend in den Tod. Die Soldaten fanden es lustig und applaudierten. Doch die Lieder waren so herzzerreißend, dass alle Tränen in den Augen hatten. Im Wald hörte man die Schüsse. Hunderte. Drei Jahre lebte ich versteckt. Der Sohn meiner Retter hatte ein Auge auf mich geworfen. Als es mir zu nahe wurde, floh ich zu den Partisanen in die Wälder. Auch die wollten nicht nur kämpfen, sondern ein junges Mädchen verführen. Ich musste mich weiter verstecken, bis 1944 die rote Armee die Stadt, in der ich gelandet war, befreite. Ich war eine ungelernte Arbeiterin und bekam später eine Anstellung in einem Haus. Diese Leute waren, wie sich herausstellte, assimilierte Juden, die irgendwie überlebt und ein paar Werte gerettet hatten. Unter Stalin wurde es immer ungemütlicher für uns jüdische Überlebenden. Von dem Ersparten gelang uns 1948 die Ausreise. Ich ging über Israel schließlich in die USA, denn ich wollte doch etwas von der Welt sehen. Wie ich schon nicht ungebildet im Stetl sterben wollte, so auch nicht in einem Kibbuz im Krieg mit den Arabern. Ich wollte auch wissen, was aus meinen Brüdern geworden ist. Ihre Spuren waren verwischt in den Wirren des Krieges, der Deportationen und Morde. Ich habe zunächst lange nichts mehr über sie gefunden, sie blieben verschwunden. Dann hörte ich von Neffen und Nichten in Israel. Da aber meine Brüder fünfzehn und zwanzig Jahre älter waren und nach der Befreiung von den Nazis nicht gesund aus der stalinistischen Sowjetunion ausgewandert sind, waren sie schon verstorben. Sie müssen nach mir nach Israel gekommen sein und ich war dann schon wieder weg, als sie eintrafen. Aber ich habe ihre Familien einmal in Israel besucht."

Ich möchte wissen, wie Thirza Rabbinerin geworden ist. Thirza erzählt: "Mein Vater war Rabbiner, mein Mann war Rabbiner. Immer haben sie für ihre Leute gesorgt und gebetet, gesungen und getanzt und darüber nachgedacht, wie sie Gott bewegen konnten, ihr armes Volk nicht zu vergessen. Ich habe es nicht verstanden. Das letzte, was ich von meinem Vater sah und hörte, waren Tanz und Gesang, von meiner Mutter Weinen. Und dann Schüsse. Ich konnte es nicht verstehen. Ich habe Psychoanalyse gemacht. Ich konnte es ein bisschen verstehen, aber ich konnte nicht singen, nicht weinen, nicht lachen, nicht tanzen. Ich wollte, dass Gott mit mir spricht. Ich habe seine Stimme in meinem Körper erforscht. Körpertherapie hat meine Stimme zwar wieder klingen lassen, aber die Antwort Gottes hatte ich noch nicht. Mein Schmerz hat mich zum Lernen geführt und das Lernen zum Rabbinertum. Und die Liebe zu meinem Vater und dessen Liebe zu den Leuten. Er sagte immer: Gott braucht unsere Lieder nicht und unseren Tanz, denn er singt selber und tanzt in unserem Herzen. Er ist unser Herz, unser Tanz, unser Lied. Ich brauche die Lieder und den Tanz und unsere Chassidim brauchen sie, weil sie Gott brauchen. Im Singen und Tanzen rede ich mit ihm und er mit mir. Ich habe es ausprobiert. Es ist so. In tiefer Trauer und höchstem Glück ist mein ganzes Fühlen in meinem Herzen, wenn ich singe und tanze, dann bin ich ihm ohne Worte nahe, nur im Klang und in der Bewegung. Und mein Vater lächelt."

Nun bewegt es mich doch, zu wissen, ob Thirza den Mördern ihres Vaters, ihrer Mutter und ihrer Nachbarn verzeihen konnte. Thirza sagt: "Ich kann ihnen nicht verzeihen, was sie anderen und nicht mir angetan haben. Wie hätte ich das Recht dazu? Und dann kenne ich sie nicht, falls sie noch leben. Doch wenn ich tanze, bitte ich Gott um Barmherzigkeit für uns alle und er lächelt in meinem Schmerz und in meiner Freude. Die Erinnerung geht nie weg, ich kann nicht vergessen. Aber ich kann meine Traurigkeit auflösen in einem Sinn, der über Schuld und Vergebung steht. Ohne das alles hätte ich nicht so tief fühlen können. Das bringe ich mit bei meinen Besuchen und zu meinen Freunden. Das teile ich mit ihnen. Das wärmt mein Herz. Seitdem bin ich nie wieder allein gewesen, nie wieder ohne Freunde, ohne Verwandte, ohne meine Eltern, ohne meine Tochter, ohne Gott. Ich weiß, dass es keine Grenze gibt, auf der wir nicht tanzen und über die wir nicht singen können zu der anderen Seite hin. Diese Erfahrungen geben mir den tiefsten Glauben an das wundervolle Wesen, das in unserem Herzen wohnen will. Dort kann es wohnen, wenn das Herz voller Musik ist und Tanz." "Ja", riefen Thakur und Theo, "So ist das!" "Und wenn ich wie an diesem Karfreitag ganz viel gesungen und geweint habe", fuhr Theo fort, "dann tanze ich an Pessach mit Thirza in die Osternacht, ich tanze mit unserem Sufi und Yogi Thakur und unsere Herzen singen und Big Apple ist eine Paradies. In diesem Moment sieht Gott durch unsere Augen auf Armut und Hass und macht daraus Reichtum und Liebe und in diesem Moment schauen wir auf ihn und es gibt keine Unterschiede, keine Urteile, kein Verzeihen und kein Vergessen, nur alles Weinen und alles Lachen, alles Leben. Le Chaim!" Thakur lächelt und singt ein Mantra und erklärt: "Shiva hat die Welt spielend und tanzend geschaffen, damit Freude im Leben sei. Auch den Koran kann man am Besten singen. Wir sind alle Verlassene, Vertriebene, Verletzte. So sind wir uns alle ähnlich, irgendwie. Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt. Wir alle sind Weltbürger oder Immigranten. Wir können es uns aussuchen. Und obwohl es traurige Geschichten sind, feiern wir sie an Ostern oder an Pessach. Wir gedenken der Flucht und der Rettung unserer Vorfahren, wir feiern Wallfahrtsfeste. Auch die Muslime tun es oder die Buddhisten. Am Ende feiern wir das Leben und die Freundschaft."

Die Zeit ist fortgeschritten. Wir saßen drei Stunden und ich hatte das Gefühl, eine Unmenge Cappuccino getrunken und Hörnchen und Bagels verdrückt zu haben. Ich zitterte vor Aufregung, Zucker und Koffein. Da werde ich tüchtig Joggen müssen, dachte ich spontan und musste dann über mich lachen: Selbstoptimierung statt einfach sein. Es ist nicht nur eine Jugendkrankheit. Ich weiß seit dem Gespräch, dass die Drei ganz unterschiedliche Dinge tun, um mit Menschen zusammen zu sein, die diejenigen, die vielleicht Macht und Einfluss hätten, ihnen zu helfen, nicht sonderlich interessieren. Sie tun es in ihren Gemeinden, in Waisenhäusern und Altenheimen, in Hospizen und Krankenstationen, in Suppenküchen und Obdachlosenunterkünften, in U-Bahnstationen und in Parks, auf Festen und bei Beerdigungen. Sie gehen da mit, wo sonst keiner mitgeht, auch auf Ämter oder zum Arzt. Sie gehen in Polizeistationen und in Gefängnisse, sie gehen zu Feuerwehrleuten und Sanitäter und sprechen mit ihnen über die schrecklichen Dinge, die diese im Dienst erlebt haben. Sie tun das, obwohl sie schon alt sind und in Rente. Eine große Rente ist es freilich nicht und Thakur, glaube ich, hat gar keine. Anfangs waren sie nicht überall willkommen, etwa bei er Polizei oder in den sterilen Krankenhäusern. Sie wurden gefragt, ob sie überhaupt das Recht hätten, da zu sein oder von den Schwestern und Ärzten, ob sie wenigstens Angehörige wären. Inzwischen haben sie sich angewöhnt, das zu bejahen und kurz wie beiläufig zu erklären, dass man sich weit voneinander entfernt und aus den Augen verloren habe. Tatsächlich fühlen sie sich als Bruder oder Schwester. Sie wollen und müssen nichts wissen und wünschen nur so lange zu bleiben, wie der kranke oder alte Mensch es möchte. So haben sie auch schon manches Sterben begleitet, einfach so. Manche Dinge tun sie zusammen, manche jeder für sich alleine. Am Ende sagt Theo zu mir: "Emma, wir haben eine kleine Idee. Vielleicht kannst Du uns dabei helfen. Wenn Du möchtest, komm übermorgen nach der Frühmesse am Ostersonntag in die Franziskanerkirche. Da machen die Brüder ein Osterfrühstück für alle, die vorbei kommen. Komm doch einfach vorbei. Wir werden da sein. Ab neun Uhr kann man kommen. Komm, wann Du möchtest." Thakur und Thirza nickten mir aufmuntert zu und damit verabschiedeten sich die Drei. Sie ließen es sich nicht nehmen, mich zum Kaffee und den Hörnchen einzuladen und Thakur sagte beschwichtigend: "Wenn Gott einen Ausgleich wünscht, wird er Dir Gelegenheit geben. Also nimm es einfach an."

Nachdem ich diese Geschichte aufgeschrieben habe, fühle ich mich sehr bereichert. Ich bin nur Emma und habe diese drei wunderlichen und wunderbaren Menschen kennen gelernt. Ich habe mir Priester, Rabbiner, Sadhus und wie sie alle heißen, immer anders vorgestellt, nicht als Engel, die gefallen sind und sich um die gefallenen Menschen kümmern, sich mit ihnen aufrichten und das Leben feiern, die in all den Katastrophen, die Menschen miteinander angerichtet haben, noch tanzen und singen können und in ihren Herzen nicht kalt und nicht alt geworden sind, sondern jung und weise und dass das kein Widerspruch ist, sondern eine Art göttliches Gebot: die Kinder sollen zu ihm kommen und nur als Kinder mit kindlichem Gottvertrauen schaffen wir das auch. Ich bin schwer beeindruckt und habe jetzt viel weniger Angst, alt zu werden, zu heiraten oder nicht zu heiraten, Kinder zu habe oder nicht zu haben oder zu sterben. Ich habe jetzt auch ein viel weniger schlechtes Gewissen, Amerikanerin zu sein, Bürgerin der USA. Es sind so viele verschiedene Menschen in die USA gekommen, geflüchtet, haben sich hierher gerettet. Sie alle sind jetzt Amerika und nirgends so vielfältig, wie mir scheint, ist Nordamerika wie in New York, meine Stadt, in der ich lebe. Wir Einwanderer aus Europa und anderswo haben die ersten Amerikaner nicht gut behandelt. Wir haben uns untereinander nicht gut behandelt. Wir behandeln die Flüchtlinge von heute noch nicht gut. Die Drei hier, Thakur, Theo und Thirza, sie sind anders. Sie leben uns vor: wir haben allen Grund, uns und andere gut zu behandeln und willkommen zu heißen. Wir sind alle Geflohene auf der Suche, bei uns und bei den anderen anzukommen, bei Gott anzukommen. Das schreibe ich, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin. Wir sind alle Menschen. Wir leben: Le Chaim. Ich wünsche Euch Frohe Ostern, ein schönes Pessach-Fest, Friede, Freude, Singen, Tanz. Eure Emma!
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Samstag, 31. März 2018, 11:48

Wahl und Verantwortung statt "Himmel und Hölle"

Hallo, hier ist wieder Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Es ist Karsamstag bei den Christen. Jesus ist am Kreuz gestorben, ist der Erinnerung nach im Grab, wandert durch die Unterwelt, die "Hölle" und wird am dritten Tage auferstehen. Das ist für die christlichen Kirchen das Ostereignis und es ist ein Dogma. Für die Heiden ist Ostern ein altes Frühlingsfest, es feiert das Aufbrechen des Lebens aus der Winterstarre, die eben nicht Tod, sondern Vorbereitung ist. Mit dem gestrigen Sederabend hat für die jüdische Religion das Pessachfest begonnen. Es geht eine Woche lang. Ich bin noch sehr beeindruckt von der Begegnung mit Thakur, Theo und Thirza in einem Gefängnis und einer New Yorker Bar.

Heute sah ich beim Joggen im Central Park einen Mann, der mit einigen wenigen Leuten ein kleines Ritual in einer Baumgruppe machte. Als die Gruppe sich gerade auflöste, kam ich von meiner großen Runde zurück und ich fasste mir ein Herz, den Mann im Mittelpunkt anzusprechen. Er stellte sich als Dev vor. Früher hieß er Ted. Er leite eine kleine Gruppe, die er "Hells Kitchen" nennt. Seine Küche sei die Natur, eine "wahre Hexenküche", erzählte er augenzwinkernd. Manche würden ihn und seine Freunde Satanisten nennen, aber das treffe es nicht ganz. Sie verabscheuen alle "Ismen", also wollen sie auch keine Kirche oder Religion sein, sondern einfach frei sein für die Energien der Erde und des Kosmos. Dev ist in Redelaune und ich kann ihn interviewen. Ich sage ihm, dass ich das in einem Blog schreiben will und er ist einverstanden.

"Das ist alles nicht ganz einfach hier, denn das hat mich dreimal in die Psychiatrie gebracht", erzählte er ernst. "Ich kam erst raus, nachdem ich versprach, all die Medikamente dieser weißkitteligen Drogenärzte zu schlucken. Das ist die wahre Hölle. Ich habe die zweimal sofort abgesetzt und bin natürlich durchgedreht. Kein Körper verträgt den kalten Entzug von drei oder vier Giftstoffen auf einmal, mit denen diese modernen Magier dich verseuchen. Beim dritten Mal war ich vorsichtiger. Ich habe einen guten Arzt und eine Heilpraktikerin gefunden. Die haben mir die Medikamente ganz langsam über ein Jahr nach und nach entzogen. Danach war ich clean und klar im Kopf. Jetzt weiß ich, dass der Mensch immer eine Wahl hat und deshalb eine Verantwortung. Viele Menschen wollen das nicht sehen und sind lieber Sklaven eines Systems. Das haben diejenigen ihnen so beigebracht, die ein Interesse daran haben, Macht über andere auszuüben. Manchmal kommt das auch davon, dass man selbst nicht so ohnmächtig und ausgeliefert sein will. Dann greift man selber nach Macht, Magie, Drohungen und eben Drogen. Aus diesem Grunde habe ich mit Kirchen gebrochen, Kirchen von Politikern, Kirchen von Heiligen, Kirchen des Satans. Ich fühle Energien. Daran glaube ich. Man kann den Energien Namen geben, man kann es lassen. Man kann sie als Engel sehen. Man kann, man muss nicht. Die Kirchen der Heiligen und des Satans glauben, dass es Engel Gottes und gefallene Engel, Diener des Bösen gibt. Ich glaube das nicht, ich halte das für Quatsch. Aber ich glaube an die Wahl. Die Energie, die Gott genannt wird, kann gespürt oder ignoriert werden. Wir haben eine Wahl. Wenn der Mensch damit nicht klar kommt, sucht er einen Schuldigen und verweigert seine Verantwortung. Er klagt Gott an, er bezichtigt den Teufel, er ruft die Heiligen, er ruft Satan. Alles Abrakadabra, alles nützlicher oder gefährlicher Aberglauben. Die liebevolle Energie ist überall und stark, sie fällt also auch überall hin, in die tiefsten Tiefen und sie erfüllt die höchsten Höhen. Das ist normal. Wenn wir wollen, können wir die Träger und Unterarten von Energie Engel nennen. Es kommt nicht darauf an. Es gibt gefallene Menschen. Sie sind sogar in der Mehrzahl. Sie sind von ihrem Wissen um ihre Verantwortung abgefallen, sie haben ihr Fühlen mit allem möglichen betäubt und sie projizieren alles auf Gott oder den Satan und erzählen nicht so lustige Geschichten darüber. Nicht so lustig, weil die Geschichten Konsequenzen haben, z.B. den Tod von Menschen durch andere Menschen an Galgen, auf Scheiterhaufen, in Gaskammern. Das ist sehr teuflisch, nicht wahr? Dazu aber ist Satan nicht nötig oder ein gefallener Engel und dazu ist auch das Wegschauen desjenigen, den sie Gott nennen, nicht nötig. Das sind doch kindische Ausreden. Nehmen wir an, die Energieträger sind sowas wie Engel. Sie tragen die Energie in jeden Raum, in jede Zeit, zu jedermann. Sie gehen auch zu den abgefallenen Menschen, die ihre eigene verantwortungslose Hölle bezogen haben. Ja, diese Engel bejubeln nicht die göttliche Energie in den Höhen, sie durchwandern unsere Hölle, die Öde unseres Herzens, die Gemeinheit unseres Denkens und unsere hartnäckige Verstocktheit unseres Gewissens. Sie erscheinen uns wie der Teufel, weil wir eben unser Denken auf sie projizieren und selbst in unserer Hölle stecken. So denken wir, dass uns da nur der Teufel quälen und besuchen kann. Doch dieser so genannte Teufel ist anders, als unsere Phantasie ihn aus unseren eigenen schlechten Gedanken zusammen gebacken hat. In Wahrheit sind die Energien, die es noch zu uns schaffen, in unsere Wahrnehmung, vielleicht in unser Herz, immer ein wenig heller und heilsamer, als wir. Ihre Kraft vermag es manchmal, auch die Verstockten und Verbitterten zu assimilieren, heller zu machen, liebevoller, lebendiger. Und allmählich wird die Hölle leerer. Diese scheinbar düsteren Todesengel, Teufel und Satane sind die Schatten des Lichtes in unserer Dunkelheit. Sie nehmen es auf sich, verkannt und missverstanden, verflucht oder gar vergöttert zu werden. Sie haben davon nichts, sie wollen davon nichts, sie sind Energie und wir haben die Wahl und die Verantwortung. Immer. Diese Engel können auch Menschen sein. Sie müssen es manchmal sein. Ein Energieträger und Leiter, der unsichtbar ist, wird von den Menschen nicht wirklich erkannt. Somit gibt es Menschen, die sich schon mehr für diese Energie geöffnet haben, sie leiten. Damit gehen sie in die menschlichen Höllen, die Gefängnisse und Konzentrationslager, die psychiatrischen Anstalten, die Notaufnahmen der Kliniken, die Schlachtfelder, die Slums. Sie sind Deutsche und Amerikaner, sie waren Juden oder Muslime oder Christen oder irgendwas, bevor sie erkannten, dass sie selbst verantwortlich sind. Wenn es sein muss, verkleiden sie sich als Teufel oder Engel, Priester oder Prostituierte, Nonne oder Ehefrau, Polizist oder Bankräuber. Sie sind überall. Ich bin einer von Ihnen. Du kannst auch einer von ihnen sein."

Damit wollte sich Dev verabschieden. Er schaute mich fragend an, denn er ließ mich nach seinem Redeschwall als eine einigermaßen verdatterte Emma zurück. Nachdem schweißtreibenden Jogging fröstelte mich in der Trainingsjacke und ich hätte jetzt gerne ein kleines warmes Unterweltfeuer oder noch besser jemanden, der mich in den Arm nimmt und auf einen Chai Latte einlädt. Das Zittern hatte Dev bemerkt und er sagte: "Oh, ich habe bei meinem Redeeifer nicht bemerkt, dass Du frierst. Er gab mir die Decke, die er für die Versammlung getragen hatte und sagte, ich könne sie ihm wiederbringen, wenn ich mag, sie hielten hier jede Woche ihren "Sabbat". Ich war immer noch verwirrt und wusste nicht, ob ich wiederkommen wollte, daher lehnte ich dankend ab. Ob Jesus auf seiner Unterweltwanderung auch solche Dev's getroffen hat oder umgekehrt? Ein bisschen logisch klang das ja, was dieser ehemalige Psychiatriepatient über Wahl uns Selbstverantwortung sagte. Ich war mir über das alles zwar noch nicht so ganz klar, aber das Denken von Dev schien mir durchaus auch klar, als hätte er tatsächlich etwas Wichtiges erkannt. Brauchen wir wirklich eine Psychiatrie oder eine Kirche oder Religion oder gar Satanismus, um das zu erkennen? Vielleicht müssen wir ja alle erstmal durch unsere Hölle gehen, wie von unserer Humanität abgefallene Menschen. Und dann freuen wir uns vielleicht, wenn heilsame Energie im Gewand eines abgefallenen Engels zu uns vordringt. Ob sich genügend Engel für diesen schweren Job finden werden oder gar fehlbare Menschen? Wir Menschen können so verbittert, verstockt und hart sein! Aber das Interview mit den Dreien gestern hat mir gezeigt: es gibt Hoffnung, auch in dem, was wir als menschliche Höllen immer noch überall zulassen. Das Licht durchdringt so langsam die Deckel der Gräber für Herz und Verstand. Wahl und Verantwortung statt Himmel und Hölle für ausgewähltes Publikum. Es gibt also Hoffnung? Dev gab mir die Hand und als ob es das natürlichste der Welt wäre, nahm er mich kurz und herzlich in den Arm und verschwand. Das fühlte sich überraschend gut an. Anscheinend sah ich sehr bedürftig aus. Wärmt Euch gegenseitig! Eure Emma!
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Sonntag, 1. April 2018, 20:14

Ein Osterfrühstück beim heiligen Franziskus

Hallo, hier ist wieder Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Im Refektorium des Franziskaner-Konvents ist bereits aufgedeckt. Die Brüder laden zum Osterfrühstück. Nach dem Gottesdienst der Mönche füllen sich die Tische. Der Gottesdienst war schon deren zweiter, offen für Besucher, die um acht Uhr morgens dabei sein wollten. Über das Osterwunder, die Auferstehung Jesu, ist nach der Kirche im Refektorium nicht mehr die Rede. Jetzt geht es nicht mehr um Theologie. Es geht um ein Gastmal, um Gemeinschaft am Tisch des Herren. Draußen ist es noch recht kühl. Das Refektorium lässt sich mit alten, schweren gußeisernen Heizungen wärmen. Die Leute drängen sich an sie Bänke in der Nähe der Heizkörper. Es ist ein buntes Volk, wenn man das so sagen darf. Einige sind offensichtlich Obdachlose, schlecht gekleidet, mehrere löchrige alte Pullover und Jacken übereinander, ihre Habe in Tüten und Beuteln immer dabei. Eine Mutter mit ihren kleinen Kindern ist auch da. Sie stecken in viel zu kleinen Klamotten. Aber sie sind fröhlich mit ihren dunklen Kinderaugen und ihrem lustigen schwarzen Kraushaar bezirzen sie die Mönche und springen auf ihren Knien herum. Die lassen sich das gutmütig gefallen und lächeln. Die Kinder dürfen ruhig laut sein. Es gibt keinen, der sich beschwert oder auch nur eine Augenbraue hebt. Für eine Stunde haben die beiden scheinbar ganz viele Onkels und Papas. Es werden nach und nach noch einige Kinder und auch Jugendliche kommen. Einige haben tief geränderte Augen. Einige Mädchen sind grell geschminkt und ziemlich dünn bekleidet für die Jahreszeit. Es kommen Einzelne, oder auch Zwei oder Drei gemeinsam, sondern z.B. auch ein Rentnerpaar, er an Krücken, sie mit einem Rollator, schief und krumm und, so scheint es, er zumindest fast taub, denn seine Begleiterin kreischt ihm alles, was man zu ihm sagt, noch einmal laut ins Ohr.

Es kommen auch Leute die nicht ärmlich gekleidet sind, die warme Schuhe haben, gute Mäntel, Anoraks und Schals oder sogar einen schicken Schirm. Draußen kommt etwas Schneeregen herunter. Ja auch das gibt es manchmal Anfang April in New York. Das ist dann leider kein Aprilscherz für Arme und Obdachlose. Die einen wissen nicht, von welchem Geld sie ihre Wohnung heizen sollen, die anderen haben gar keine. Viele Menschen kommen aber doch allein und nicht nur Alte. Die Familien sind in der Minderzahl. Einsamkeit scheint genauso oft vorzukommen und genauso bitter zu sein, wie Armut oder Krankheit. Tatsächlich gibt es inzwischen Studien, die beweisen, dass Einsamkeit körperlich und seelisch krank macht. Und bei uns im Westen machen chronische Krankheiten oft einsam. Und Armut eben auch, denn man kann niemanden einladen oder kaum ausgehen, außer eben an Ostern in die Franziskanerkirche zu den kleinen Brüdern, die seit über achthundert Jahren auf allen Kontinenten zu den Armen halten und das eben auch New York, eine große Stadt, eine reiche Stadt und eine Stadt mit vielen Armen, Kranken, Einsamen. Sogar reiche Leute sind einsam, manche vielleicht mindestens so sehr, wie manche Arme.

Die Franziskaner-Brüder gehen zwischen den Gästen hin und her, geleiten sie an ihre Plätze, decken ab und tafeln auf, helfen aus den Mänteln, zeigen den Weg zum Waschraum, geben manchmal eine Kleinigkeit mit, wenn jemand geht. Es gibt Gäste, die etwas in den Opferstock am Eingang in den Konvent legen. Auf ihm steht: "Für die Armen". Theo, Thirza und Thakur sind mitten unter den Brüdern. Sie gehen zu den Gästen an den Tischen, mischen sich unter die Essenden, unterhalten sich mit denen, die sich über eine Unterhaltung freuen. Am meisten sitzen sie da und hörten zu. Ganz offenbar suchen viele Besucher nicht nur eine Gelegenheit, sich zu wärmen oder den Bauch zu füllen. Sie suchen auch ein offenes Ohr, sie möchten reden und manchmal auch sich unterhalten. Ich habe reichlich Gelegenheit, das zu beobachten. Öfter kommt einer der drei zu mir, fragt, was ich möchte und wie es mir geht. Ich solle nicht weggehen, ohne Bescheid zu sagen, bittet mich Theo. Schließlich tue ich es den Dreien nach, gehe zu den Leuten, unterhalte mich. Manche wundern sich, dass nicht nur ein alter Mann, eine alte Frau, ein Ordensbruder zu ihnen kommt, sondern eine junge Frau. Bald vergesse ich, dass ich jünger bin, als die meisten Gäste. Sie stecken voller Lebenserfahrung. Leider ist es nicht immer die Angenehmste. Aber einige wollen gar nicht klagen oder erzählen. Es gibt viele, die sich nach mir und meinem Leben erkundigen. Es ist eine Unterhaltung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, als Menschen, die einander zufällig bei einem schönen Essen an einen freundlichen Ort begegnen. Etwas heruntergekommen mag der Speisesaal sein, aber heute ist er einladend, fast gemütlich..

Es ist interessant, was mit mir passiert. Normalerweise sind mir enge Begegnungen mit Menschen eher suspekt. Ich kann bei mir bemerken, wie ich mein Gegenüber unwillkürlich taxiere: Aussehen, Geruch, Sprechweise, Kleidung, Mimik, Gestik. Meistens möchte ich nicht, dass mir jemand nahe kommt und oft will ich mich nicht um irgendein Anliegen kümmern, wenn ich nicht selber große Lust dazu verspüre, wenn es nicht gerade selbst mein Ding ist. Aber natürlich möchte ich die Welt verbessern, bin gegen Ungerechtigkeit und für Chancengleichheit, mache einen Unterschied, ob ich mich für kranke alte Jüdinnen, arme schwarze Mütter einsetzte oder es mit einem drogensüchtigen jungen weißen Typen mit dubiosen Tattoos zu tun habe. Ich pflege meine eigenen Vorurteile in meinem Kopf, dabei bin ich erst gerade Anfang Dreißig und gehöre zur liberalen gebildeten Mittelschicht, wobei ich es mir gerade noch leisten kann, mein drittes schlecht bezahltes Praktikum zu machen und das als Akademikerin. Ich habe meine Prinzipien, will nicht irgendeinen Job, ich habe Ansprüche an das, was ich tue und wie ich es tue. Und hier merke ich, dass es anders ist, dass ich meine bisherigen Einschätzungen und Beurteilungen sehr willkürlich gewählt habe, dass ich bisher nur einen sehr engen Ausschnitt der New Yorker Gesellschaft gesehen habe, selektive Kontakte zu denen, die bisher scheinbar zu mir passten. Während ich es meinen drei neuen Bekannten und den Franziskanerbrüdern gleich tue, nicht weil ich sie imitieren möchte oder es mir langweilig wird, diese seltsame kleine Welt hier zu beobachten, die außerhalb meiner gebildeten Mittelschichtsblase für diese Leute so gewöhnlich und normal ist, sondern weil mich irgendeine Energie, irgendein Ruf an die Tische zu diesem oder jener zieht. Ich tauche in diese Welt ein, verliere meine Scheu, etwas falsch zu machen oder etwas Dummes zu sagen. Ich beschäftige mich kaum noch mit dem Gedanken, ob jemand ekelig oder ansteckend ist, ob ich sofort die Krätze bekomme, wenn ich die verschorfte, zitternde Hand einer alten Russin mit Kopftuch ergreife, die mir erzählt, dass sie ihr Gefühl zu verlieren begonnen hat und sich öfter stößt oder verbrennt. Ich hatte mal so einen Tick, als ich noch Medizin studieren wollte nach der Highschool, alles, was mit Krankheiten zu tun hat, zu googlen und damals hätte ich sofort an Lepra gedacht, aber die sollte auch bei New Yorks Armen selten sein.

Und so bin ich eine ganze Zeit lang mit verschiedenen Menschen im Kontakt. Nicht nur im Gespräch begegnen wir einander. Manche kann ich gar nicht richtig verstehen, aus unterschiedlichen Gründen. Eine schlecht sitzende Prothese, gar keine Zähne mehr und das nicht nur bei Uralten, eine fremde Sprache oder auch ein hartnäckiges Schweigen. Ich kenne es von mir, dass ich üblicherweise auf Sprache angewiesen bin und recht bald ein unbehagliches Gefühl bekomme, wenn längere Gesprächspausen entstehen. Ich fühle mich meistens irgendwie fremd mit einem Menschen, dem ich nicht gleich zumindest mit ein paar Floskeln sprachlich begegnen kann. Ohne eine Einleitung mit Worten fühle ich mich bei einer Begegnung oft unvollständig und irgendwie fehl am Platz. Dabei verfüge ich ja über Worte, manchmal mehr, als mein Gegenüber vermutlich. Aber beharrlich verweigert mein Gegenüber die Ansprache. Und doch merke ich, dass der Körper spricht, das Gesicht, dass die Augen mich verfolgen und sprechen. Meine Ideen von Defiziten und Behinderungen sind nicht mehr ganz angemessen, wie ich merke. Dass der andere nicht sprechen will oder kann, mag in bestimmten Situationen, in denen wir auf Sprache angewiesen sind und auf sprachliche Verständigung, defizitär sein und behindernd wirken. In solchen Situationen bemerke ich, dass ich mich in einer nonverbalen Welt aus Blicken, Gesten oder gar Berührungen völlig unsicher und verloren fühle. Hier habe ich ganz offensichtlich mein eigenes Defizit, meine eigene Behinderung. In den Begegnungen wird es mir ganz klar, wie eine Tatsache. Normalerweise wäre mein Reflex, mich zurückzuziehen, mich für ungenügend und inkompetent zu halten. Es wird mir immer unangenehmer, erst mit mir, dann mit dem anderen. Ich werde klein und unsicher, verurteile mich, projiziere meine Mängel dann auf mein Gegenüber, lehne es ab, ziehe mich erleichtert zurück. Dann, ich bin ja reflektiert, kommt die Phase, wo ich mich darüber schäme, ganz für mich allein und mich selbst fertig mache und mein armes behindertes Gegenüber in Schutz nehme. Ganz schön verqueres Denken. Und hier ist es plötzlich anders. Drei-, viermal erlebe ich eine solche Situation der Sprachlosigkeit zu Beginn oder währenddessen und lasse mich dennoch unwillkürlich in dieser Atmosphäre von Akzeptanz und Normalität der Verschiedenartigkeit auf mein Gegenüber ein. Der innere Film über vermeintliche Unzulänglichkeiten, Fehler und Mängel läuft nicht mehr ab. In einer Welt, in der sowieso alles falsch zu sein scheint, sind wir trotzdem richtig, ich, die Junge, Unerfahrene, Naive, die Weltretterin, und die Alte, Erfahrene, Gebeugte, die Welt vor mir, die nicht gerettet zu werden wünscht, aber noch hofft betrachtet, berührt, ernst genommen zu werden. Einfach so.

Meine Freunde Edine und Emerald treffen ein. Eine Stunde davor frage ich Theo, ob es okay ist, die beiden anzurufen. Sie fallen mir spontan ein. Ich bin neugierig, wie sie das hier finden und möchte die Erfahrung teilen. Wir Blogger haben unsere Verbindung zur Welt immer dabei, unser smartphone. Und unsere Freundschaften begründen wir im Internet über Facebook oder YouTube und indem wir in unseren Blogs schreiben. In New York würde man Gleichgesinnte heutzutage nicht unbedingt beim Sport, im Café, im Kino oder bei einer Demo treffen und schon gar nicht bei der Arbeit. Eher bei einem "Flashmob" in der City. Theo findet das toll. Ich soll ruhig anrufen oder eine SMS schreiben. Er gehört nicht zu den Leuten, die es ausschließen, dass man echte Kontakte im Netz haben kann. Und je mehr Gäste und vor allem junge Leute hier sind, um so mehr freut er sich. Edine hat türkisch-osmanische und slawische Wurzeln. Ihre Eltern entstammen einer türkischsprachigen Minderheit irgendwo auf dem Balkan, Mazedonien, Albanien, Griechenland? Das hat sie mal auf ihrer Homepage erklärt. Ich als Amerikanerin kenne mich in Europa wirklich nicht gut aus, wenn ich auch nicht ganz so desinteressiert bin wie unser Präsident, der meint, dass Belgien auch eine schöne Stadt ist. Edines Vater bekennt sich zum Alavitentum, aber liberal, das ist er nicht und auch nicht ihre früher orthodoxe Mutter, sagte mir Edine einmal, die mehr für mich sein möchte, als eine Freundin und mich Schwesterchen nennt, weil sie ein bisschen älter ist. Mich schüchtert zu viel Zuwendung oft ein. Aber sie hat eine angenehme Art und Körperkontakt ist für sie etwas ganz Natürliches: Umarmungen, Küsschen, Hand in Hand gehen mitten in der Stadt. Wir sind echte Freundinnen geworden, würde ich mal sagen, trotz oder wegen des Internets.

Emeralds Familie lebt überwiegend in Australien, zumindest die meisten, die er kennt. Im Krieg gegen die Japaner war sein australischer Großvater Earnest auf den Philippinen, in Papua und danach auf den ozeanischen Atollen, auf denen die westlichen Atommächte ihre Atom- und Wasserstoffbomben zündeten. Sein Großvater hat Kinder mit vielen Frauen. Eines ist sein Vater Ed. Emerald heißt eigentlich Smaragd und es ist auch eine Phantominsel, die es gibt und die es nicht gibt, die man nicht mehr gefunden hat, obwohl ein Seefahrer sie angeblich entdeckt hat. Emeralds Vater fand diese Namenswahl angemessen, nachdem sein Großvater geholfen hat, einige Atolle mit Kernwaffentests zu verdampfen. Die meisten von uns, die im Internet nach Babynamen für eine Freundin suchen, die ihr kleines Juwel gerne besonders originell bezeichnen wollen und nicht einfach Mary, May oder Emma nehmen wollen, kennen Emerald eher als Mädchennamen. Daher mussten Emeralds Eltern wohl einen eindeutigen Jungennamen voran setzen: Elwin Emerald. Emerald mag seinen ersten Namen Elwin der weniger gut leiden, auch wenn er sowas wie "Freund" bedeutet. Er lässt sich daher immer Emerald nennen. Das klingt auf jeden Fall geheimnisvoller, finden die meisten seiner Freunde. Fremde sind erstaunt, einen hübschen jungen Mann mit smaragdgrünen Augen und rötlichen Haaren zu sehen. Sie hätten eher eine weibliche Elfe erwartet. Emerald studiert Astrophysik, spielt in einer Band, war bis vor kurzem ein Crossfit-Junkie und sucht nach dem Sinn des Lebens im Universum. Edine sucht ihre Identität und arbeitet als Schauspielerin, Modell und Tänzerin. Und fotografieren tut sie auch, natürlich digital und nicht mehr analog. Und natürlich hat auch ihr jemand gesagt, das Crossfit für ihren Body ein Muss ist. Daher kennt sie Emerald. Tatsächlich mal eine Bekanntschaft nicht aus dem Web. Jobmäßig halten sich beide so über Wasser. Als sie mich in der Gruppe der Leute im Franziskaner-Refektorium sehen, beginnen sie bald nach einer kurzen Unterhaltung, es mir gleichzutun. Emerald findet es cool. Er hat seine Gitarre dabei. Die Brüder lassen ihn spielen. Edine singt ein altes türkisches Liebeslied. Es ist das Einzige, was sie auf Türkisch kann. Vielleicht ist es auch ein Wiegenlied. Gibt es da immer eine genaue Unterscheidung? Emerald und Edine singen etwas zusammen, aus den Charts. Er kann erstaunlich hoch singen. Ein nettes Paar denke ich. Edine mag nicht nur mich besonders gerne, sondern auch Emerald.

Emerald setzt sich zu einem jungen Obdachlosen, etwa so alt wie er. Emerald interessiert sich dafür, warum er herkommt. Emerald erfährt, dass die Franziskaner ihr Refektorium öfter für die Menschen auf der Straße öffnen, für die, die vorbei kommen. An den Feiertagen aber ist es etwas Besonderes. Die Erklärung ist einfach, dass Franziskus nicht alleine feiern wollte. Schon in seiner Zeit gab es immer etwas zu teilen, nicht nur Brot, auch Freude und eben überhaupt Gemeinschaft. In einem Kloster gibt es auch Zeit mit sich selbst. Auch die kann man zu gewissen Anlässen teilen, wenn jemand will. Aufdrängen wollen sich die Brüder nicht, einfach nur da sein, wenn jemand anklopft. Warum klopft Duke an, der zufällige Tischnachbar von Emerald? Duke erzählt: "Ich kenne 'ne Menge Suppenküchen und Asyle in New York und weiß, wo es ohne viel Worte was umsonst gibt. Ich lebe schon fünf Jahre ohne feste Adresse, ohne Job. Ich bin nicht stolz drauf, es hat aber nicht nur Nachteile, wenn du dich dran gewöhnst. An eines gewöhne ich mich nur schlecht: wie die Normalen mit mir umgehen. Natürlich sehe ich oft etwas schmuddelig und abgerissen aus und man sieht mir an, wenn ich Nächte nicht geschlafen habe, weil mich jemand Stärkerer vertrieben hat, manchmal auch die Polizei und ich mir einen neuen Unterschlupf suchen musste. Oder ich huste und habe eine schlechte Haut. Dann sitze ich irgendwo rum und sehe elend aus. Und dann gibt es die drei Arten von Leuten. Die einen sehen dich gar nicht, du bist Luft. Es fehlt nicht viel und sie würden geradewegs durch dich durchgehen. Die anderen machen einen weiten, weiten Bogen, wenn du auf ihrem Radar erscheinst. Vorsicht, Penner voraus! So ist deren Radar eingestellt. Und dann gibt es die, die geben Dir einen Dollar oder eine Cola oder einen Hamburger. Sie lassen sich herab, dir was übrig zu lassen. Sie lassen etwas übrig für jemanden, der irgendwie übrig geblieben und irgendwie noch da ist. Ich fühle mich wie ein Rest, ein unsichtbarer unter den Teppich gekehrter Rest, ein stinkender Rest, von dem Seuchengefahr ausgeht, ein Rest, um den sich eine kleine Minderheit aus schlechtem Gewissen kümmern will. Resteversorgung. Klar, ich bin irgendwie auch darauf angewiesen, dass ich was abbekomme, obwohl ich mir das so nicht verdient habe. Und ich bin manchmal auch auf die Ignoranz der Leute angewiesen, dass sie mich einfach in Ruhe lassen. Wenn sie aber durch mein improvisiertes Lager trampeln, als gäbe es mich nicht, empfinde ich das nicht als in Ruhe gelassen Werden. Das ist bedrohlich. Ich bin auch schon verdroschen worden. Das alles nimmt mir meine Würde oder die Leute definieren mich als ein Wesen, das seine Würde schon verloren hat. Warum? Was habe ich getan? Ich bin der Schatten, den jeder hasst. Vielleicht. Wenn ich hierher komme, ist es anders. Hier werde ich gesehen und angesprochen und ich kann mich unterhalten, wenn ich möchte. Ich kann aktiv sein und passiv. Ich werde weder etwas Dämliches noch etwas Belangloses gefragt. Ich merke in der ganzen Haltung meines Gegenübers, ich bin da, ich werde als jemand wahrgenommen. Hier kriege ich nicht Essen, sondern hier isst jemand mit mir. Ich habe Gesellschaft, wenn ich möchte und ich habe einen stilleren Platz für mich, wenn ich das brauche. Ich gehe keinem auf den Wecker. Und ich glaubte zu merken, dass sich die Franziskaner und Theo gefreut haben, als sie mich zum zweiten oder dritten Mal hier sahen. Sie haben sich jedenfalls erinnert. Das habe ich in ihren Augen, in ihrem Lächeln gesehen. So kam es bei mir an. Ich war willkommen. Nicht nur ein hungriges Maul, in das man seine Suppe schüttet. Nicht dass die Leute in den Suppenküchen alle so sind. Viele Ehrenamtliche sind toll! Der kleine Unterschied ist vielleicht das Quäntchen mehr Zeit hier und in dieser Zeit kommt rüber, sie sehen nicht nur Deinen Hunger in Deinem Gesicht und den Schorf auf deinen Händen. sie sehen einen Menschen. Sie sehen sogar einen von ihnen. Sie machen keinen Unterschied oder eben doch: ich bin da, ich bin wichtig, ich darf so sein oder, wenn ich will, auch anders."

Emerald erzählt diese Begegnung Theo, Edine und mir. Und Theo, ganz Theologe und ganz gerührt: "Das meint Jesus, wenn er sagt, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und Franziskus hätte gesagt, dieser Duke ist Jesus, Dein Führer. Er führt Dich zu ihm hin, zur Essenz. Jesus ist ganz schön anspruchsvoll. Er fordert den ganzen Menschen heraus und er gibt selber auch alles. Aber diese Forderung ist ein Angebot: Schaut her, ich bin da. Heute. Alle Tage. Ich bin da. Ich teile. Ich freue mich auf dich. Das ist alles. Dazu bin auch ich hier und freue mich auf Duke, die Brüder, die Freunde und die völlig unbekannten Menschen, jeden neuen Gast. Jeder Mensch ist ein ganzes Universum, mehr, als meine Neugier ergründen könnte. Jesus ist immer dabei, jedenfalls für mich. Ich merke das an meiner innerlichen Freude." Edine lässt sich von Theo mitreißen, doch dann kommt ihr doch ein skeptischer Gedanke in den Sinn. Es erinnert sie ein wenig an die "Jesus-liebt-Dich-Postings", die sich dank Facebooks Algorithmen nur äußerst selten auf ihren Computer verirren. Edine kann damit nicht so viel anfangen und Facebook-sei-Dank kommen regelmäßig Nachrichten in ihre Web-World, mit denen sie etwas anfangen kann. Die Macht der gelenkten Daten schafft Fakten. Die Auswahl wird für uns schon getroffen, aber nicht ohne unsere stillschweigende Zustimmung, durch unsere Trägheit und Ignoranz. Theo versteht das: "Du kannst Jesus weglassen. Das st meine Spiritualität und der Glaube der Brüder hier. Verlass Dich einfach auf Dein Herz. Was spürst Du, wenn Du Dich wirklich auf Begegnung einlässt und hinter das erste Unbehagen und die Angst schaust? Was berührt Dich? Erkennst Du Dich in dem Anderen, in Deinem Gegenüber? Siehst Du Gemeinsames? Fühlst Du Dich gesehen und erkannt? Gibt es dann ein Fünkchen Freude in Deiner Brust? Erlaubst Du diesem Fünkchen, sich auszubreiten? Zu einem Lächeln um Deinen Mund herum und dann bis zu Deinen Augen? Dann ist sie da, die irdisch-überirdische Freude. Warum da nicht in Ekstase geraten? Naja, da gibt es die Kultur der Scham. Und da hilft mir Jesus oder Thirza hilft das Bild ihres Vaters, der tanzend herumspringt und lauthals singt. Du kannst aber auch Psychologen und Philosophen fragen, z. B. Martin Buber, der sagt, dass der Mensch am Du zum Ich wird. Du musst das nicht mit Jesus oder Mohamed oder dem Engel Gabriel, Gott oder sonst wem in Zusammenhang bringen. Lausche auf Dein Herz und tanze oder singe diese Melodie. Still für Dich und auch, wenn Du Dich traust, mit anderen. Das ist dann noch viel schöner." Edine sieht Theo an. Theo ist begeistert und begeisternd, seine Freude ist ansteckend und echt. Er ist ein Liebender, so fühlt sich das an. "Bis Du immer so", will Edine von Theo wissen. "Immer, wenn ich berührt bin, wenn ich zulasse, mich berühren zu lassen und mich traue, das nach außen zu zeigen", sagt Theo.

Plötzlich gibt es einen lauten Tumult. Eine alte Dame schreit einen anderen Gast an, der auch erregt redet. Sie beginnt zu weinen. Der andere mag dreißig oder vierzig Jahre alt sein, er wirkt verwahrlost, hat Einstichstellen an den Armen, Händen und und am Hals und auffällige Tattoos, unter anderem eine nicht zu übersehende Swastika, das Hakenkreuz der Nazis. Der Mann redet wildes, wirres Zeug. Er ist scheinbar in seiner eigenen Realität. Ich habe mal einen Psychologiekurs während meines Pädagogikstudiums belegt, als ich die Idee hatte, Sozialarbeiterin zu werden. Da haben wir ein paar Diagnosen gelernt und was mich interessierte, habe ich ja immer gegoogelt. Ich tippe mal auf eine Psychose im Drogenwahn bei einem Junkie oder auf eine Schizophrenie. Während ich erstarrt aber fasziniert auf das Paar blicke, dass sich da gerade sehr unglücklich begegnet und sich auch Emerald und Edine erschrocken angucken, sind ein paar Brüder und Theo und Thirza sofort zur Stelle. Thirza nimmt die alte Frau sanft in den Arm, zieht sie weg an einen ruhigen Nebentisch, spricht mit ihr in besänftigendem, leisen Ton, streichelt sie und hört an, was die Frau erzählt. Die alte Frau beruhigt sich nach einiger Zeit. Erst zittert sie noch ein wenig, dann auch das nicht mehr. Thirza gibt ihr ein Taschentuch und sie trocknet ihre Tränen. Der jüngere Mann wird sofort von einem Bruder und Theo flankiert. Er zittert, schreit, schimpft, weint, erst laut, dann immer leiser. Der Bruder hält ihn fest. Theo sagt nur wenige Worte, dann nimmt er die Hand des Mannes und fordert ihn auf. "Erzähl mir. Erzähle mir alles, was Dich bedrückt, was Dich wütend und traurig macht. Aber sage es mir bitte leise. Komme näher an mich heran. Du kannst mir alles sagen. Ich werde zuhören. Ich schicke Dich nicht weg." Der Mann rückte näher. Der Bruder wischte ihm das Gesicht ab, reichte ihm ein Glas Wasser. Etwas später sinkt die Kopf des Mannes an die Brust von Theo. Er schluchzt. Der Mann heißt David. Seine Geschichte ist, kurz gesagt, dass sein gewalttätiger und alkoholkranker Vater sich nach vielen Niederlagen und Verlusten mit rassistischen Parolen über Arbeitslosigkeit und Kummer hinweg tröstete und den Ku Klux Klan bewunderte. Seine Frau, Davids Mutter, war ihm schon davon gelaufen. Wenn er besoffen war, schlug er dann eben David und verspottete ihn wegen seinem "Juden-Namen", den er seiner Mutter, "dem alten Dreckstück" zu verdanken habe. David schwänzte die Schule, trank, nahm Drogen, wurde kriminell, schlug einen Schwarzen einfach so auf der Straße krankenhausreif, kam in den Knast. Da besuchte ihn der Vater sogar und sagte, dass er "den Nigger weggeklatscht" habe, sei bisher die einzige Tat, auf die er stolz sein könne. Als wollte sich der unglückliche David mit seinem genauso unglücklichen Vater solidarisieren, ließ er sich von einem Knastbruder die Swastika als Tattoo stechen, was natürlich ziemlich Ärger gab. Und nun traf dieser Junkie David auf Dina, eine Holocaust-Überlebende, die als Kind fast ihre ganze Familie in einem Todeslager der Nazis verloren hat. Als sich beide wieder beruhigt haben, tauschen sich Theo und Thierza kurz aus. Sie fragen Dina und David, ob sie ihnen die Geschichte des jeweils anderen erzählen dürfen. Sie dürfen und Thirza erzählt David Dinas Familiengeschichten und Theo erzählt Dina Davids Familiengeschichte. Bei David fließen wieder Tränen. Er ist jetzt ganz klar und ganz sanft. David geht zu Dina, um sich zu entschuldigen. Es ist ein Stammeln, denn er schämt sich sehr. Dina schaut den unglücklichen David an. Dina reicht ihm die Hand. David nimmt sie ganz sanft in den Arm. Sie setzen sich eine Weile nebeneinander, sich immer noch die Hand gebend. Dann verabschiedet sich Dina und Thirza bringt sie zur Tür. Theo ist auch sehr bewegt und wir, die wir das mitbekommen haben, natürlich auch. Das gibt es also. Es musste keine Polizei gerufen werden. Es kamen keine Sanitäter und Psychiatriepfleger, kein Arzt mit einer Spritze. Es waren einfach Menschen da, die aufmerksam waren, die sich kümmerten, die dem Kummer Raum gaben, in dem sie zuhörten.

Um 12 Uhr leeren sich die Tische, die Gäste zerstreuen sich allmählich. Es treffen mich zwischenzeitig immer wieder Blicke von Thirza und Theo. Thakur musste schon etwas früher gehen. Er macht noch eine Zeremonie für eine befreundete Familie. Das kann er einfach, irgendetwas, er hat ein reiches Repertoire, erzählte Thirza. Theo zwinkert mir öfter zu und er geht auch zu Edine und später zu Emerald. Emerald leiht Theo die Gitarre. Theo singt ein spanisches Lied und spielt später Instrumentalstücke. Thirza lächelt uns zu. Nachdem fast alle gegangen sind, kommen beide zu uns. Sie fragen, wie es uns geht und wie es uns gefallen hat. Ich erzähle meine Eindrücke, die von Edine und Emerald bald begeistert geteilt werden. Wir sind ganz aufgekratzt von der Atmosphäre und den Gesprächen. Echte Gespräche, nicht nur im Internet über Facebook, WhatsApp, Instagram, Skype, eben online. Ein wenig Skepsis mischt sich bei Edine mit ein und sie fragt Thirza und Theo: "Ist das nicht alles hier ein wenig zu ideal in Eurer Gemeinschaft mit en Franziskanern und den Leuten, die einfach von der Straße hierher kommen?" Theo stimmt zu: "Deine Zweifel sind mir gut bekannt. Die Atmosphäre hier ist heute anders, als wenn Du mit einem frierenden Junkie im Central-Park die Bank teilst und dich unterhältst. Ein evangelischer Bischof, Frank Otfried July, hat in seiner diesjährigen Botschaft zu Karfreitag und zum Osterfest gesagt: "An Karfreitag zeigt sich die Welt so, wie sie ist, an Ostern dagegen, wie sie sein könnte." Ich glaube, unsere Aufgabe ist, damit zu sein und das auszuhalten, bis eben für alle und für immer dieses Ostergefühl da ist. Aber ich bin auch oft im Karfreitagsstimmung." Thirza nickt: "Die Geschichte des Volkes Israel ist voll von Katastrophen, aber auch nie ohne Hoffnung, nie ohne Feste und Fröhlichkeit!" Das mit dem Zweifel ist übrigens eine interessante Sache. Ich zweifele nie an dem, was ich aus Mitgefühl tue. Es scheint angeboren zu sein oder wenigsten früh erlernt. Zweifel kenne ich nur in Bezug auf die letzten Fragen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin. Jeder gute Glaube kennt ebenso gut Gründe für Zweifel. Mein Vater hat gesagt: ohne Glaube kein Zweifel. Ohne Zweifel kein Glaube."

Thirza sieht in die Gesichter ihrer Zuhörer, lächelt und sagt nun, wir seien so voll von allem, wir sollten es etwas ausklingen lassen, in einem schönen Parkspaziergang oder am Ufer des East-Rivers. Theo pflichtet dem bei: "Wir wollten Euch von unserer neuen Idee erzählen, aber ich sehe, ihr seid voller neuer Eindrücke und glüht und sprüht beinahe. Ein wenig Ruhe und Erdung täte euch gut." Thirza sagt: "Morgen mache ich mit meinen Freunden in meiner Wohnung ein Pessach-Mahl. Ich freue mich, wenn Ihr drei kommen wollt. Es geht um Fünf mit dem Kochen los, wir essen um Acht. Dann erzählen wir von unserer Idee. Pessach erinnert uns an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Wir waren schon vor über dreitausend Jahren Flüchtlinge. Das macht uns zu Leidensgenossen von allen Flüchtlingen. Es ist wichtig, vorbereitet zu sein. Unterwegs muss man essen und sich aufeinander verlassen. Wir wollen auch ankommen. Wir wollen feiern und unsere Erinnerung bewahren. Sie hütet uns hoffentlich vor Hochmut und vor Unrecht, das wir anderen antun könnten. Das sind die Dinge, die mir wichtig sind, als liberale Rabbinerin. Nicht jedes kleine Ritual, aber jede Bedeutung, die uns an das eine Wichtige erinnert: wir sind alle Menschen und wenn wir uns gegenseitig allein lassen, ist unsere Existenz gefährdet und wir kämpfen um unser nacktes Überleben. Und dann finden wir nicht mehr die Muße, uns mit Freunden bei Gott für dieses wunderbare Leben zu bedanken." Ja, das war ein bemerkenswerter Sonntagvormittag! Und nach dem Spaziergang ist klar: obwohl wir schon so viele Leute kennen und auch Familien haben, wir drei E's, Edina, Emerald und ich wollen Kontakt halten zu den drei Th's.
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Mittwoch, 4. April 2018, 01:51

Zu Gast bei Thirza

Hallo, hier bin ich wieder, Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Um fünf Uhr nachmittags treffe ich am Ostermontag mit meinen Freunden Edine und Emerald bei Thirza ein. Sie wohnt mitten in Brooklyn. Ihr schönes Brownstonehouse ist über die beiden hohen Etagen erleuchtet. Das schmiedeeiserne Gitter vor dem winzigen Vorgarten und der Treppenaufgang ins Hochparterre ist mit Girlanden geschmückt. Außen wie innen dominiert der viktorianische Geschmack aus der Erbauungszeit am Ende des 19. Jahrhunderts. Die antiken dunklen Stilmöbel, die schweren Teppiche und die alten Bilder atmen noch die Zeit, in der sich das gehobene Bürgertum in diesem Viertel so einzurichten pflegte. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auf den Bildern Szenen jüdischen Familienlebens seit zweihundert, dreihundert Jahren sowie Bilder von alten jüdischen Vierteln in ganz Europa. Einige Persönlichkeiten sind portraitiert. Das Motiv der Menora erscheint auf einem Wandteppich. Der Parkettboden ist mit orientalischen Teppichen ausgelegt, die Wände sind holzvertäfelt.

Im Hochparterre gleich hinter der Eingangstüre gehen von der Eingangshalle zwei großzügigere Räumlichkeiten ab. Der größere Raum ist wie ein kleiner Saal, eine Art Salon. Zur Straße schmückt ihn ein Erkerfenster. Der Salon geht durch die ganze Länge des Hauses bis zur Gartenseite, wo eine hohe Glastüre über eine Veranda, die über die ganze Hausbreite geführt wurde, den Zutritt in den Garten erlaubt. Von der Veranda führt eine geschwungene Treppe hinunter zu einigen Bänken und Tischen unter alten Bäumen und einem Rückzugsort unter einer Rosenlaube, die um diese Jahreszeit noch ganz kahl ist. Hier balgen sich zwei stattliche Maine Coons in aller Seelenruhe. Der Salon ist mit einigen Schränken, Stühlen und einem Klavier möbliert. Die Stühle sind zum Teil auf die Seite und an die Wände gestellt und in der Mitte wurde aus verschiedenen Tischen ein einziger großer langer Tisch zusammengeschoben, der festlich gedeckt ist. Von der Decke des Salons hängen drei große alte Leuchter aus Messing, inzwischen nicht mehr mit Wachskerzen bestückt, sondern mit Elektrischen. Der zweite große Raum ist an der Wand vollgestellt mit Bücherregalen und Schränken. Es steht hervorgehoben in Fensternähe ein stattlicher Schreibtisch mit einem bequemen Ledersessel. Durch das große straßenseitige Fenster fällt Abendlicht auf den Sessel und den Schreibtisch und erreicht noch die ersten kleineren Schreibtische davor. Der Raum sieht aus wie eine Mischung aus einer alten Grundschulklasse, einem Bibliothekskabinett und einem der ersten Großraumbüros.

Thirza führt durch das Haus. Es sei nicht ihr Haus. Es wurde vor fast sechzig Jahren von der hier heute noch ansässigen liberalen jüdischen Gemeinde erworben, da ihre Mitglieder größtenteils in Brooklyn lebten und zum Teil auch noch leben. Man benötigte keine klassische Synagoge und wollte weder eine Neue bauen noch eine Alte übernehmen. Es waren und sind bürgerliche, liberale, gut situierte Familien, nun schon beginnend in der dritten Generation. Man wollte in seiner Umgebung nicht sonderlich auffallen. Man benötigte Räume für die Gemeindeversammlungen, das Gebet, den Gottesdienst, das Studium, für feinsinnige Salonabende genauso wie für kleine Hauskonzerte, für das Lesen und das Studieren der Thora, für Gespräche mit dem Rabbiner oder der Rabbinerin und ein Büro für die Gemeindeangelegenheiten. In den Kellerräumen fanden sich ein Bad und sanitäre Anlagen, insbesondere auch ein rituelles Bad für die rituelle Reinigung, die Mikwe. Thirza erzählt, dass aus Deutschland stammende Gemeindemitglieder sich das beheizbare Tauchbad gewünscht haben und mit ihren Spenden haben einbauen lassen, mitsamt einem Speicher für Regenwasser. Die liberalen amerikanischen Juden hatten zumeist von solchen Mikwen abgesehen. Thirza erinnerte es an die auch in ihrer Heimat eingehaltenen Vorschriften.

Wichtig war auch die große Küche im Keller für die Gemeindefeierlichkeiten. Früher kochten angestellte Köche und Mägde hier für die bürgerlichen Herrschaften. Im Keller gab es Vorratsräume und einen Wäscheraum, in dem jetzt eine Waschmaschine steht. In zwei alten Gesindekammern mit eigenem Ausgang über eine Kellerstiege nach oben in den Vorgarten wurde ein kleines Archiv eingerichtet. Vom Erdgeschoss gelangt man über eine zwar elegante, aber nicht all zu breite und relativ steile gerade Treppe in die herrschaftlichen Wohnräume im ersten Stock. Dort waren zwei Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Bad und eine moderne Essküche. Hier gab es auch einen Fernseher. In den Holzvertäfelungen war zwischen den Schlafzimmer noch je ein Kabinett mit Waschmöglichkeiten eingebaut sowie ein begehbarer Schrank. Im Dachgeschoss, das durch eine schmale steile Treppe erschlossen wurde, fanden sich Räume zum Wäschetrocknen, Lager mit alten Sachen, zwei kleine Mansardenzimmer, offenbar früher auch für Angestellte gedacht und eine besondere Kammer, in der nur alte nicht mehr gebrauchte Thorarollen aufbewahrt wurden, die unter keinen Umständen weggeworfen werden dürfen.

Als Thirza Rabbinerin wurde und die liberale Gemeinde sie einstellte, durfte sie in die obere Wohnung dieses Hauses einziehen. Ihre Tochter war damals schon nach Israel gezogen. "Zuerst habe ich für die Gemeinde allerlei Dienste verrichtet. Mein Rabbiner unterrichtete mich privat, weil er von meinen Erzählungen von meinem Vater und den Geschichten unserer Chassidim in der Ukraine vor dem Krieg so angetan war und vielleicht auch ein wenig von mir. Mein privates Studium und meine Ordination wurden zuerst nicht offiziell anerkannt, obwohl es schon im Mittelalter und später Rabinerinnen gegeben hatte. Diese Tradition wurde unterbrochen und erst in Deutschland in den 1930er Jahren wieder aufgenommen. In den USA wurde die erste Rabbinerin auch erst privat ordiniert und dann 1972 offiziell: Sally Jane Priesand. Ich hatte dann in den achtziger Jahren das Glück, auch ganz offiziell in mein Amt ordiniert zu werden. Da wurde ich schon in den Fünfzigern. Ein Rentenalter gibt es für uns eigentlich nicht, aber ich trete kürzer und bin quasi nur noch eine Ehrenrabbinerin mit Wohnrecht in den oben liegenden Zimmern, die für meinen jungen Nachfolger und seine Familie nicht mehr groß und modern genug sind, sodass er diese Dienstwohnung nicht benötigt. Und so ist in unserem schönen Gemeindehaus immer jemand da und ansprechbar und diese Rolle übernehme ich gerne. Denn seit Jahrzehnten ist dieses Haus zu meiner Heimat in New York geworden. Ich hänge an ihm, an den Geschichten darin, an den alten Bildern über jüdisches Leben in Ost und West über die Jahrhunderte, die wohlhabende Mäzene hier gesammelt haben und an meiner wunderbaren Nachbarschaft, deren Zusammensetzung sich zwar geändert hat, die mir aber über all die letzten Jahre lieb und teuer geworden sind."

Und Thirza fährt fort: "Für Viele bin ich ein lebendes Geschichtsbuch ihres Stadtteils. Die jungen Frauen schicken manchmal ihre Kinder zu mir herüber, weil sie wissen, dass ich Kinder über alles liebe und mit ihnen backe, den Kräutergarten bestelle, die Katzen füttere, verwundete Vögel pflege, Mützen stricke und in Museen und in den Zoo gehe. Dafür laden sie mich zum Essen ein oder bringen etwas vorbei. Der Methodistenpfarrer um die Ecke kauft für mich ein und macht gerne den Umweg in den koscheren Laden, wenn er mir eine Freude machen will. Die jungen Leute kommen sogar zu mir, um ihren Liebeskummer zu besprechen oder sich mit mir darüber zu beraten, wie man ihre jüngeren Eltern dazu kriegt, dass ein schwarzer Junge sich mit einer Latina verloben darf darf oder eine Jüdin einen Methodisten heiraten oder wie Eltern akzeptieren können, wenn ihre Tochter, eine Muslima, einen Sohn orthodoxer Einwanderer als Freund haben möchte. Einer liberalen Jüdin trauen sie offenbar genügend Feingefühl in heiklen Situationen zu und die Fähigkeit, konservatives und liberales Gedankengut zu versöhnen. Ich tue mein Bestes aber sicherlich nicht immer ganz erfolgreich im Sinne beider widerstreitender Parteien. Aber Familienzerwürfnisse oder Hass zwischen den Familien konnte wenigstens zumeist vermieden werden. Meine Gemeinde ist wirklich sehr, sehr liberal. Als Rabbiner-Witwe und dann alleinerziehende Mutter mit einem unehelichen Kind in der Vorgeschichte und bis jetzt kein zweites Mal verheiratet haben die Gemeindemitglieder viel Toleranz bewiesen. Aber inzwischen haben wir in den USA Rabbinerinnen, die ganz offen homosexuell leben und geschieden sind. Die Welt verändert sich, auch weil wir Frauen die Welt verändert haben und wir die Männer erfolgreich daran erinnert haben, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Es ist ja überhaupt verrückt, dass die Strenggläubigen orthodoxer Prägung zwar akzeptieren, dass die ersten Menschen sich zwangsläufig durch Inzest fortgepflanzt haben müssen, dass sie aber die Zuwendung beispielsweise von Frauen zu Frauen als Frevel gegen Gottes Gebot betrachten. Da sind jüdische, christliche und muslimische Fundamentalisten ähnlicher, als sie es jemals freiwillig zugeben würden."

Nach dieser Führung für mich und meine staunenden beiden Freunde durch das Haus macht mich Thirza mit ihren Gästen bekannt, ein großer und vor allem sehr schillernder Freundeskreis unterschiedlichster Menschen, wie sich herausstellt. "In der Küche regiert Thakur und bereitet mit seinen Helfern Lammfleisch und Linsen auf indische Weise vor, streng koscher versteht sich. Einige orthodoxe Juden würden an Pessach keine Hülsenfrüchte verwenden, aber", so zwinkert mir Thirza zu, "hier geschieht die Zubereitung unter rabbinischer Aufsicht!" "Dann hoffe ich, dass Du bald kommst, um uns zu helfen", scherzt darauf Thakur. Er hat schon Hilfe durch Miguel aus San Franzisco, ein alter Kinderpsychiater, Mary, eine in wundervoll bunten Hippie-Klamotten gewickelte Erzieherin mit indianischen Vorfahren, Mussa Ali, ein wie ein Rastafari aussehender Afroamerikaner, dessen Eltern aus Äthiopien hierher gekommen waren und mit ihrer Namenswahl für den kleinen Mussa nicht nur an Moses dachten, sondern auch an den heimischen Vulkan Mousa Ali und die sich auf dem Höhepunkt der Blackpower Bewegung zum Islam bekannten wie Mohamed Ali oder Abdullah Ibrahim. Mussa, der eigentlich ein Philosophiestudium kurz vor dem Abschluss abgebrochen hat und sich dann auf Afrika- und Arabien-Reisen als angelernter Industriemechaniker und Monteur durchgeschlagen hat, ist in Los Angeles Besitzer einer privaten Autowerkstatt gewesen, Hausmeister, Verkäufer und Reparateur von Laptops und Mobiltelefonen und hat mit der Zeit ein ziemlich großes Netzwerk im Internet aufgebaut, wo er eine Art Web-Imam ehrenhalber ist und mit Sufiweisheiten gegen politischen Dschihadismus und Islamismus genauso zu Felde zieht, wie gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. So hat er nicht nur viele Freunde aus allen Lagern sondern auch viele Hasser besonders im Internet. Oben macht es sich Shawn schon mal am Klavier bequem und spielt ein paar Etüden. Er ist ein emeritierter Professor für Soziologie, der aber noch an einem privaten College unterrichtet und mit verschiedenen Akademikern, insbesondere Psychologen und Kommunikationswissenschaftlern eine freie Akademie gegründet hat, die sich mit den systemischen Organisationsideen des sozialen Konstruktionismus beschäftigt. Seine Schwester Sue und sein Partner Steve sind heute auch mit dabei. Sie ist Entwicklungspsychologin, er Neurobiologe und ebenfalls Musiker. Die beiden Männer haben sich dem Buddhismus verschrieben, Sue meditiert regelmäßig und übt Yoga und sagt: "Das Göttliche hat so wenig Namen und Gestalt außer eben unsere eigene Gestalt, dass wir es nicht nach menschlichem Verstand und gewöhnlicher Einsicht definieren und erkennen können. Daher ist mein Verstand streng atheistisch, mein Körper agnostisch und meine Seele überall. Und die schwebt am liebsten zu den Klavierklängen meines Bruders und seines Freundes." Ja und zum Schluss kommt noch Theo, der irgendwoher noch Blumen und Wein mitgebracht hat.

Ich habe beim Kochen und im Musiksaal sehr anregende Gespräche über das, was mich am Anfang immer am meisten interessiert: Wo kommt mein Gegenüber her, was ist seine Idee von seinem Leben, wofür begeistert er sich, wie hat er oder sie es verstanden, dem scheinbar so ungeordneten Leben einen, seinen, ihren ganz eigenen Sinn abzuringen? Genau diese Fragen haben mich vor ein paar Jahren dazu inspiriert, etwas gefrustet vom alleine vor mich hin Wurschteln als Sozialarbeiterin, den Online-News-Blog "new.york.POSiTive" ins Leben zu rufen und meine etwas vernachlässigten schriftstellerischen Fähigkeiten und journalistischen Ambitionen unentgeltlich und zunehmend begeistert auf der Suche nach positiven Bewältigungsstrategien und Lösungen, über die viel zu wenig im Alltag berichtet werden, im Internet zum Einsatz zu bringen. So wollte ich mich mit Leuten, die Ähnliches bewegt, in ganz New York, ja in den ganzen Staaten vernetzen. In zehn Jahren wurde aus einem kleinen Blog inzwischen doch ein kleines Onlinemagazin, in das ich mindestens einmal in der Woche Artikel schreibe, Hinweise gebe, Menschen interviewe und ihre Projekte vorstelle und manchmal auch traurige Schicksale portraitiere, aber nie mit einem definierten tragischen Ende nach dem Motto: sorry, aber das war's jetzt.

Mich faszinieren Leute, die nicht aufgeben, oder, die sich auf eine gewisse Weise aufgeben, also ihr Ego zum Beispiel, um dann auf eine ganz andere Art alles noch einmal aufzurollen und quasi ihr höheres Selbst zur Blüte zu bringen und sich noch mal als die Person zu erfinden, als die sie schon immer gemeint waren, als die sie schon als Kind verbunden waren mit meiner inneren Mission, die im außen erst noch Gestalt annehmen musste. Und so habe ich während des gemeinsamen Essens und Feierns viele Gespräche geführt und interessante Dinge erfahren, was diese doch schon recht lebenserfahrenen Freunde von Theo, Thakur und Thirza als ihre Mission langsam im Laufe ihres Lebens herauskristallisiert haben. Und davon will ich demnächst in meinen Posts des "new.york.POSiTive" Blogs in lockerer Folge berichten. Vielleicht muss er ja dann mal umbenannt werden, in "USA.POSiTiv". In New York war es natürlich mein größenwahnsinniges oder auch selbstironisches Ziel, der erzkonservativen "New York Post" eines Rupert Murdoch ein modernes, positives, linksliberales Kontrapünktchen entgegen zu setzen. Eine "USA Post" als Zeitung gibt es ja nicht, noch nicht, wenn man mal vom Twitter-Account des derzeitigen Präsidenten absieht und den Riesenblättern The Wall Street Journal und The New York Times. Aber die passten weder zu meinem Wortspiel mit "POSiTive" noch zu meinem eher kleinen Größenwahn.

Meine Posts und mein Blog werden übrigens dank zweier Geschwister im Geiste aus Deutschland nicht nur in den USA verfolgt. Wenn meine schwesterliche Freundin, die als Austauschschülerin in New York aus einer Amalia zu einer Amy wurde und die ich sogar persönlich getroffen habe, tatsächlich mal in Deutschland ist. Als erfolgreiche „YouTuberin“ lebt sie inzwischen gut von ihren Werbeeinnahmen als so genannte Infuenzerin. Aber das und die vielen Reisen, die sie deshalb mit beworbenen Produkten an ihrem umworbenen Körper zu beworbenen Ressorts in aller Welt unternimmt, ist ihr auch mit erst 25 Jahren nicht mehr genug und füllt zwar ihren Bauch und ihr Portemonnaie, aber erfüllt nicht die Sinnfrage in ihrem Kopf. An ihrer Seite hat sie ihren größten Kritiker und Unterstützer, ihren großen Bruder Jason, der sich gerne Jay nennen lässt und der Schriftsteller von den beiden ist. Jay will literarisch die Welt verändern und erklärt: „ Ich träume immer noch von Utopien und verweigere mich hartnäckig dem gelehrten Pessimismus der Erfahrenen, welcher die Doxa Spes des philosophischen Neuzeit-Optimisten und Spätmarxisten Ernst Bloch zunehmend abgelöst zu haben scheint und einem zwanghaften individualisierten Selbstoptimierungs-Exzesse gewichen ist: Alles wird schlechter, darum muss ich immer besser werden, um noch im sozialdarwinistischen Kosmos mit Facelifting bei ewigen zahlenoptimierten Prozeduren im Kapitalismus, der nicht mehr vor den Eitelkeiten Halt macht, überleben zu können.“ Boa, ej, das muss man erst mal durchkauen. "Doxa Spes" von Bloch, gelehrte Hoffnung also, dämmert es mir aus einem Erinnerungsrest aus Philosophievorlesung und lateinischer Sprichwortesammlung oder Wikipedia-Zitaten. Amy und Jay schreiben eher von und über New York als Berlin. Warum? „In den USA und speziell in New York sei alles irgendwie schlechter und irgendwie besser. Es ist krasser!“, war die Antwort von Amy. „Ja“, pflichtet Jay bei, „Du hast mehr Kontrast!“
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Donnerstag, 5. April 2018, 06:20

Gedenken an den fünfzigsten Todestag von Martin Luther King

Hallo, hier bin ich wieder, Emma Baker vom Online-News-Blog "new.york.POSiTive". Ich bin mit den vielen Gedanken beschäftigt, welche die Ideen der Gäste von Thirzas Pessach Mahl in mir ausgelöst haben. Dabei scheint zumindest ein Teil des liberalen Amerikas heute am 04.04.2018 mit dem Gedenken an den großen Visionär Martin Luther King beschäftigt zu sein, der vor 50 Jahren durch die Gewehrkugel eines Attentäters starb, nur 39 Jahre alt. Martin Luther King kämpfte gegen Rassentrennung, Ungerechtigkeit und Armut. 50 Jahre nach seinen Tod gedenkt offiziell ein ganzes Land seines großen gewaltfreien Freiheitskämpfers, obwohl seine Ideen und Visionen bis heute nicht wirklich begriffen oder gar umgesetzt worden sind. Es gibt immer noch Rassismus, schreiende Ungerechtigkeit, Armut, Ausgrenzung und Gewalt. Das ist das Bestürzende. Das Gute ist, obwohl den Mutigen und Couragierten bewusst ist, dass ihr öffentliches Eintreten für eine andere Welt, ein friedvolles Zusammenleben in Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit polarisieren und nicht sofort begeistert aufgenommen und erfolgreich sein wird, lassen sie sich nicht mehr von der Angst vor Misserfolg und persönlichen Nachteilen halten, ihre Visionen auszusprechen und zu leben. Sie bekennen sich zu einer inneren Kraft, die den inneren und äußeren Ängsten nicht nur die Waage hält, sondern die notwendige Energie spendet, um mit etwas neuem zu beginnen. Sie lassen sich nicht mehr vertrösten, beruhigen sich nicht mehr wider besseren Wissens selbst und lassen sich von der Trägheit einlullen. Sie bekennen auch mit hohem persönlichen Risiko Farbe. Sie machen das nicht, um an irgendeinem Jahrestag fünfzig oder hundert Jahre später den Namen für irgendeinen Gedächtnistag herzugeben. Sie tun es, weil ihr Herz ihnen keine andere Wahl lässt, als sich zur Mitmenschlichkeit zu bekennen, zu der Form von Nächstenliebe, von der der Pastor Martin Luther King bewegt war, als am Ende seiner berühmten Rede sagte:
"I have a dream that one day this nation will rise up, and live out the true meaning of its creed: ‘We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal.’
I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of former slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at a table of brotherhood.
I have a dream that one day even the state of Mississippi, a state sweltering with the heat of injustice and sweltering with the heat of oppression, will be transformed into an oasis of freedom and justice.
I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character.
I have a dream today!”


Beim Chatten mit Amy und Jay weisen die beiden mich darauf hin, dass es zumindest von Deutschland aus bemerkenswert wirkt, wenn sich die Offiziellen in den USA anlässlich des fünfzigsten Todestages des Friedensnobelpreisträgers Arten Luther King in salbungsvollen Worten über den Wert einer gewaltlosen Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus, für Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden überbieten. Denn nahezu gleichzeitig benutzt der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten die Gunst der Stunde zu einer erneuten symbolischen Geste an seine Wähler, die zum Teil die genau gegenteiligen Ziele verfolgen und verkündet, dass die Nationalgarde mit nennenswerten Kontingenten an die Grenze zu Mexiko verlegt werden soll, um Amerikas Sicherheitsinteressen gegen Terrorismus und Drogenschmuggel durchzusetzen, da ja der Bau einer umfassenden Sperrmauer zur Abriegelung der USA nicht vorankommt, ein Wahlversprechen von Mr. Trump. Es mag Symbolpolitik sein, weil die Nationalgarde schon seit Jahren an der Grenze offensichtlich immer erfolgreicher ihrer eigentlichen Aufgabe nachgeht, Flüchtlinge aus Lateinamerikanischen Diktaturen oder Zentren der Armut, die auch auf die ungerechten Handelsbedingungen durch das kapitalistische Amerika zurückgehen, abzuschrecken und die so genannte illegale Einwanderung nicht nur polizeilich, sondern mit ihrem martialischen Aufzug auch mit militärischer Gewalt zu bekämpfen. Und so gibt es immer deutlicher diese zwei Amerikas: das Amerika, das seit Jahrhunderten nicht nur Goldsucher , die zum Teil Wirtschaftsflüchtlinge waren, wie die Vorfahren von Mr. Trump aus der Pfalz, einer ehemals armen und rückständigen bäuerlichen Landschaft in Deutschland, zum Teil aber auch Verbrecher, wie die Konquistadoren. Das Amerika, das Verfolgte des Naziregimes in Deutschland aufnahm. Das Amerika Martin Luther Kings, das aus den importierten schwarzen Sklaven gleichberechtigte amerikanische Bürger machen wollte. Auf der anderen Seite steht immer deutlicher das Amerika des alten schwarzen Mannes und seiner bigotten Gattinnen, das jedem Latino seinen kärglichen Lohn als Müllfahrer missgönnt, sich vor jedem schwarzen Mädchen fürchtet, das drei oder vier arme Kinder zur Welt bringen und die weißen Kinderarmen verdrängen könnte, vor jedem schwarzen Jungen, der in seinem Ghetto selbstbewusst sagt, dass die Rassisten mit ihrer Polizei doch in ihren Ghettos bleiben sollen. Amerika und allen voran die USA sind heute so gespalten, wie zu Martin Luthers Zeiten. Und mir, Emma, macht das Angst und Sorge!
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