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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:10

Interview zur Arzneimittelforschung und -Verordnung insbesondere auf dem Gebiet der Psychotherapie

[SIZE=3]Interview zur Arzneimittelforschung und -Verordnung insbesondere auf dem Gebiet der Psychotherapie[/SIZE]

Wie sieht es heute mit der Ethik der Forschung aus? Warum gibt es Arzneimittelskandale? Sind Forscher und Ärzte korrupt? Warum werden vielen Kindern heute Psychopharmaka verordnet, zum Beispiel die „ADHS-Medikamente“ Methylphenidat (Ritalin, Equasym, Medikinet, Concerta) und Atomoxetin (Strattera)? Unter welchen Bedingungen und Vorsichtsmaßnahmen kann man das verantworten? Eine Erörterung in Interview-Form mit einem Kinder- und Jugendpsychiater und systemischen Familentherapeuten soll diese Fragen aufgreifen und diskutieren.


Mediziner sollen ungerechtfertigt häufig Medikamente verschreiben, besonders Psychopharmaka, z.B. Antidepressiva gegen allerlei Sorgen, Ängste und traurige Gefühle, für die sie die Diagnose Depression stellen oder Stimulanzien für unruhige, unkonzentrierte oder aufsässige Kinder, die ihre Eltern und Lehrer nerven. Die pharmazeutische Industrie stellt all diese Glückspillen her und sucht für neue oder scheinbar neue Medikamente ihrer unentwegten Arzneimittelforschung Absatzmärkte, also die Körper der Patienten, für die die Ärzte die Rezepte ausstellen. Die Arzneimittelkosten steigen trotz Preisbindungsabkommen und Sparmaßnahmen stetig, ebenso die Gewinne der Pharmakonzerne.

Immer wieder werden Hinweise gefunden, dass unerwünschte Studienergebnisse über die Wirkungslosigkeit einiger Medikamente oder risikoreiche Nebenwirkungen durch die Auftraggeber, nämlich pharmazeutische Unternehmen, vertuscht werden und dass deren Ergebnisse gar nicht oder verzögert die Zulassungsbehörden und die Öffentlichkeit erreichen. Es gibt Zweifel, ob es eine unabhängige Pharmazieforschung überhaupt geben kann, denn wer könnte sie sich im öffentlichen Gesundheitswesen oder in der finanziell immer knapper ausgestatteten Universität noch leisten, ohne die Drittmittel aus Industrie und Wirtschaft? Welcher Arzt kann seine Zeit mit Medikamenten- und Menschenversuchen verbringen, wenn ihm bei immer knapperer Zeit für die Patientenversorgung seine Arbeit lieb und seine Verantwortung gegenüber den Patienten teuer ist? Natürlich nur der, der nicht nur für seine Arbeit am Patienten bezahlt wird, sondern auch für Pharmaforschung am Menschen.

Die gefällig aufbereiteten „Informationen“ der pharmazeutischen Industrie über die segensreiche Wirkung von Medikamenten werden in Hochglanzbroschüren den Haus-, Klinik- und Fachärzten angedient und zunehmend über Broschüren im Wartezimmer, über alle möglichen Medien und das Internet in der Öffentlichkeit lanciert. Die teilweise unglaublichen Heilsversprechen steigern den Druck der Patienten auf ihre Ärzte, auch ihnen die Glückspille zu verschreiben. Jede Werbung endet mit dem Hinweis: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“ Doch diese werden durch die werbenden Pharmavertreter kaum informiert und aufgeklärt und die meisten Ärzte nehmen sich nicht die Zeit für eigene Recherchen und wenn stoßen sie auf widersprüchliche Studien, deren Objektivität zunehmend anzuzweifeln ist.

Es gibt heutzutage viele Fragen an Ärzte und Arzneimittelproduzenten. Unser Gesundheitswesen scheint in einer Krise. Hier beantwortet ein Praktiker kritische Fragen. Er ist Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater und systemischer Familientherapeut. Zur besseren Lesbarkeit ist die Erörterung in einzelne Abschnitte gegliedert und mit thematischen Überschriften versehen.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:13

Paradigmenwechsel der wissenschaftlich objektivierbaren Wahrheit

Paradigmenwechsel der wissenschaftlich objektivierbaren Wahrheit.

Frage:
Wie kommt es, dass wir heutzutage einen so rapiden Schwund der Glaubwürdigkeit in der pharmazeutischen und medizinischen Wissenschaft erleben. Sind Arzneimittelforscher und deren Auftraggeber, die Pharmaindustrie und die wissenschaftliche Medizin, ihre Professoren und der Ärztestand noch vertrauenswürdig, nachdem man immer wieder über Pharmaskandale liest und hört?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Ich schätze, dieser Glaubwürdigkeitsschwund von Medizin und Pharmazie ist noch gar nicht auf seinem Höhepunkt angelangt und er wird nicht nur unser zusammenbrechendes kapitalistisches Medizinsystem betreffen, den gesamten medizinisch-industriellen Komplex, der die Selbstverantwortung des Menschen immer mehr auf die Rolle eines umworbenen Konsumenten beschränkt hat, sondern auch an den Grundfesten der Rollenbilder jedes einzelnen Protagonisten in diesem Spiel rütteln, nachdem die Politik ihre Glaubwürdigkeitskrise auch bei der Regulierung des Gesundheitssystems in vollem Umfang erlebt: Er betrifft die „Produzenten von Gesundheit“, die pharmazeutische Industrie und ihre Forscher, die Dienstleistungsunternehmen im klinischen Bereich, das Krankenkassen und –versicherungswesen, die medizinische Lehre an den Universitäten und die Ärzteschaft, die medizinischen Assistenzberufe und die Patienten.

Um das annähernd zu erklären, muss ich etwas ausholen. Die Glaubwürdigkeitskrise ist das Symptom eines Paradigmenwechsels im Bereich der wissenschaftlich objektivierbaren Wahrheit, der zunächst am Beginn des letzten Jahrhunderts durch Albert Einsteins allgemeine und spezielle Relativitätstheorie die Physik umkrempelte und mit der Heisenbergschen Unschärfenrelation Ende der der zwanziger Jahre in der Quantenphysik eine Revolution bedeutete. Inzwischen ist dieser Paradigmenwechsel in der Medizin angekommen, mit knapp hundert Jahren Verzögerung. Heisenberg, der die Physik wieder mit der Metaphysik versöhnte, sagte mit seinem mathematischen Beweis vereinfacht Folgendes: Man kann von subatomaren Teilchen (Quantenobjekt) entweder nur den Ort oder den Impuls bestimmen. Das bedeutet: Die Materie ist insofern vom Geist beeinflussbar, als der Standpunkt des Beobachters das beobachtete Objekt beeinflusst. Ergo: Was jemand glaubt, bestimmt seinen Horizont, seine Wirklichkeit, seine Macht. Kein "Ding" ist unabhängig von seinem Beobachter.

Wenn man das erst mal verinnerlicht hat, weiß man, dass es keine unabhängigen Forschungsergebnisse und Statistiken geben kann und dass sie nur einen relativen Wert für den Anwender und für z.B. die Patienten haben. Abgesehen von objektiven Verfälschungen und der Unterdrückung unerwünschter Resultate, die es in der medizinischen Forschung bis heute gibt, ist der wissenschaftliche Wert der Aussagen von vielen Variablen abhängig, die zum Teil weder systematisierbar noch objektivierbar sind und zudem, wenn man diese Art zu forschen und zu kategorisieren auf das Heilen individueller Menschen mit ihrem höchst komplexen System aus Geist, Psyche und Körper anwenden möchte, Tausende von kleinen Universen erforschen und miteinander vergleichen will. Inzwischen beginnt den Menschen auch ohne philosophische Schulung und ohne spirituellem Weltverständnis zu dämmern, wie naiv mitunter ein solcher Ansatz der Wissenschaft ist.

Der Wissenschaft, die mutig genug ist, Grenzen zu sprengen, wie es Einstein oder Heisenberg gelang, gebührt allerdings das Verdienst, auf dem Wege einer verstehbaren Vereinfachungsformel für die Welt deren Komplexität bewiesen zu haben. Und damit erweist sich nicht nur die Verwandelung von Materie in Energie als umkehrbar, sondern auch der spezialisierende Reduktionismus, dass wir von immer weniger immer mehr Einzelheiten wissen. Es erschließen sich mit dem genügenden Abstand zu dieser Zeitströmung wieder klarere Blicke auf das Ganze und mit dem Teil dieser Revolution bekommen wir es derzeitig zu tun, wenn wir die Einzelergebnisse so genannter Forschung, die man nicht mehr als unabhängig bezeichnen kann, massenhaft hinterfragen.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:15

Unabhängigkeit und ethische Orientierung der Forschung

Unabhängigkeit und ethische Orientierung der Forschung.

Frage:
Gibt es denn noch den unabhängigen Wissenschaftler in der medizinischen und Arzneimittelforschung? Und wie ist es um das Verhältnis von forschendem Wissenschaftler und therapeutisch tätigem Arzt und deren Orientierung an einer humanen Ethik bestellt?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Vermutlich gibt es sehr wenige wirklich unabhängige Wissenschaftler und wahrscheinlich hat es nie mehr Unabhängigkeit in Forschung und Lehre gegeben. Forscher und Wissenschaftler sind zunächst einmal genauso wie die Ärzte abhängig von Ihren Horizonten aus Wertvorstellungen und Glaubenssätzen und von daher gelingt den Wenigsten eine wirkliche Grenzüberschreitung, auch wenn sie nach der so genannten Wahrheit suchen und dabei ja alle irgendwie von a priori Annahmen ausgehen. Das hat auch viel mit Psychologie zu tun, weil die meisten Menschen nach der Sicherung ihrer Existenz auch im Geistigen suchen und somit ein System der Welt entdecken oder besser doch ersinnen wollen, das ihnen dieses Gefühl der Sicherheit verschafft. Sie suchen also die Bestätigung ihrer Hoffnungen angesichts von existentieller Unsicherheit und Angst. Und so kommt es, dass unbändige Neugier und die reine Lust am Forschen, wenn sie ja aus wissenschaftlicher Sicht wünschenswerter Weise „wertfrei“ erfolgt, durchaus unwillkommene Auswirkungen auf ein soziales Gemeinwesen und dessen Ethik haben kann und enorme Unsicherheit in Form von Erschütterungen erzeugt. Der Motor der Forscher, die im Rahmen ihrer Forschung durchaus gesellschaftlich anerkannte ethische Grenzen hinter sich lassen oder missachten, ist aber auch oft das Verlangen nach Sicherheit, nur dass sie erkannt haben, dass ein Festhalten an bekannten Horizonten eine solche Sicherheit nicht mehr bieten kann, denn es gibt immer etwas hinter einem Horizont.

In der Medizin gibt es einen solchen Konflikt, weil einerseits bei der Erforschung des Menschen aus Neugier gottgleich der Schöpfungsprozess verstanden und nachvollzogen werden soll und damit alles Machbare auch gemacht werden muss, auf der anderen Seite aber das Individuum, der einzelne leidende Mensch das Maß aller Dinge bleiben muss und ebenso das Gemeinwesen als die Summe dieser gerne frei gedachten Individuen. Dieser Grundkonflikt führt zu Aussagen von kritischen Soziologen und Philosophen bei der Betrachtung unserer heutigen Humanmedizin wie der, dass Ethik der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung eigentlich wesensfremd ist, für die angewendete Heilkunde aber nicht erst seit dem Gebot des Hippokrates, zuförderst nicht schaden zu wollen, eine Grundvoraussetzung. Banal ist da schon die lediglich materielle Abhängigkeit von Forschern und Ärzten: Der Wunsch, mit seinen Forschungsergebnissen oder aber seinen Heilerfolgen gutes Geld zu verdienen oder Ruhm zu ernten und die Karriereleiter zu erklimmen.

Doch auch eine ethische Begründung des eigenen Handelns garantiert keine Wohltat für andere Menschen oder das Gemeinwesen. Eine der gefährlichsten geistigen Verführungen ist der meist unhinterfragte Glaubenssatz, dass man antritt, den Menschen oder der Menschheit zu helfen. Solche Intentionen gehen durchaus bis zu Ideologiebildungen, die sich ein ethisches und bisweilen moralisches Mäntelchen umhängen. Diese teilweise idealen „Heilsideologien“ versetzen Menschen in die Lage, die Opfer des Einzelnen und das Leid eines bestimmten Menschen für nichtig zu erklären und zu übersehen, um vorgeblich das Heil für Viele zu bewirken. Hilfe in einem humanistischen und demokratischen Verständnis unserer politischen Philosophie ist aber immer nur dann hilfreich, wenn sie von einem Individuum so benötigt und konkret erbeten wird. Alles andere entwickelt sich schnell hin zu einer grenzüberschreitenden Anmaßung. Hier sind Forscher und Wissenschaftler in einer größeren Gefahr, als der individuell behandelnde Arzt, der dem Patienten gegenüber verantwortlich bleibt und nicht den imaginären Zielen einer Menschheit, wie z.B. zur Zeit des Nationalsozialismus NS-Ärzte und Forscher im Sinne einer ideologischen Rasse-Hygiene argumentierten und behaupteten, damit im Sinne des Deutschen Volkes zu handeln.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:17

Was ist der „gute Arzt“?

Was ist der „gute Arzt“?.

Frage:
Folgert aus Ihren Gedanken, dass ein guter Arzt eigentlich Forscher, Philosoph und Arzt zugleich sein müsste?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Wenn man im umfassenden Sinne unserer humanistisch-abendländischen Kultur heute noch Arzt sein möchte, wäre das eine gute Voraussetzung und dadurch, dass man die Erkenntnissuche nicht mit einer bestimmten Religion, also einer konfessionellen Theologie verknüpft, auch eine konfessionsoffene Voraussetzung. Dabei gab es in der vorklassischen Zeit gerade auch den Priesterarzt, eine Rolle, in die im europäischen Mittelalter im gläubigen Nachvollzug seiner Anhänger Jesus Christus und die ihm nachfolgenden Mönchsärzte schlüpften und in alter Zeit verstanden die Ärzte auch noch etwas von der Seele und von der Gemeinschaft, dem Milieu, in dem sie tätig waren. Wenn man sich auf allen Gebieten um Erkenntnis bemüht, schärft man sein Bewusstsein und dies halte ich für eine wichtiges Menschheitsziel, das aber erst dann in Gänze verwirklicht wird, wenn es in jedem einzelnen voranschreiten kann. Eine der wesentlichsten Motivationen und Haltungen für das Arztsein fehlt mir aber noch explizit in der Frage. Für mich ist das das Mitgefühl, die Empathiefähigkeit und Empathiebereitschaft.

Ich möchte von den heute tätigen Helfern auf dem Gebiet der Heilkunde aber nicht zu viel verlangen, sondern allenfalls für ein umfassendes und ganzheitliches Verständnis werben, weil Forderungen oft kontraproduktiv sind. So ist es für manchen Heilkundigen schon gut, wenn er sehr empathisch sein kann, für andere, wenn er eine religiös-mitfühlende oder philosophische Grundlage für sein Tun sucht. Die nachantiken Mönchsärzte des Mittelalters waren meist keine Philosophen und oft keine Forscher und dennoch verdanken wir ihrer Haltung der Nächstenliebe wichtige Impulse und ihrem Fleiß beim Sammeln und Kopieren manchen Wissensschatz. Es gab brave Feldschere und Barbiere sowie Chirurgen und die gibt es bis heute, zudem Physiotherapeuten und Heilpraktiker, die mit offenen Sinnen und einem offenen Herzen sehr viel über den Körper und seine Krankheiten erfasst haben oder die Psychologen, die als Psychotherapeuten arbeiten und sich um das Erfassen des Seelischen als einer wichtigen Verbindung von Körper und Geist zu einer Zeit verdient gemacht haben, als den immer mehr materiell ausgerichteten Ärzten diese Zusammenhänge trotz der Erkenntnis eines der ihren, nämlich Freuds Psychoanalyse, verloren zu gehen drohte.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:19

Wer sollte medizinische und Arzneimittelforschung betreiben?

Wer sollte medizinische und Arzneimittelforschung betreiben?

Frage:
Sollte die medizinische und die Arzneimittel-Forschung nur von Ärzten durchgeführt werden, um höchsten ethischen Ansprüchen verpflichtet zu sein?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Wie die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland zeigt, in der sich viele Ärzte unrühmlich durch grausame Menschenversuche im Dienste einer rassistischen Ideologie hervorgetan haben, ist der Arztberuf kein Garant für ethische Orientierung oder ein humanistisches Menschenbild. Medizinische Forschung kann und soll auch viele Fachdisziplinen vereinen, etwa Humanbiologen, Biochemiker, Biophysiker, Pharmazeuten und auch Humanmediziner. Die ethischen Grundlagen der Forschungstätigkeit sollten sich im Rahmen der gesellschaftlichen Übereinkünfte entwickeln, die in demokratischen Gesellschaften in der jeweiligen Gesetzgebung durch die Parlamente ihren Ausdruck finden. Die Konsensfindung innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen kann Impulse an den Gesetzgeber weiter geben.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:21

Warum gibt es noch Arzneimittelskandale? Wie macht man die Heilkunde zu einer Wachstumsbranche?

Warum gibt es noch Arzneimittelskandale? Wie macht man die Heilkunde zu einer Wachstumsbranche?

Frage:
Wenn es so einfach wäre, Ziele und Grenzen der Forschung gesetzlich festzulegen und die Wissenschaft zu einem ethischen Grundkonsens innerhalb des demokratischen sozialen Diskurses zu verpflichten, wieso kommt es dann immer wieder zu Forschungs- und Arzneimittelskandalen, z.B. auch im Bereich der Psychopharmaka? Und gibt es tatsächlich immer mehr Krankheiten, für die man immer mehr, immer neuere und immer teurere Medikamente z.B. auch schon für Kinder benötigt?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: In unserer Gesellschaft gibt es eben unterschiedliche, zum Teil sogar gegensätzliche Diskurse. Der eine ist uralt: Da geht es um Nächstenliebe, Caritas, um Dienst am Nächsten und um Mitgefühl. Hier geht es zum Teil um spirituelle Prägungen, die sich am Ende zu einer Moral festlegen ließen. Der andere Diskurs ist in dieser materialistischen Ausformung etwas neuer: Es geht um den Kapitalismus, darum, dass man mit jedem Produkt und jeder Dienstleistung Geld verdienen kann und dass man dabei nach Möglichkeit die Produktivität und Rentabilität und damit den Gewinn steigert. Diese „Ethik des Geldes“ läuft der „Ethik der Menschlichkeit“ oft zuwider, denn der Mensch hat im Humanismus einen absoluten Wert, auch wenn es oft ein idealisiertes Menschenbild ist. Im religiösen Kontext des Christentums hat der Mensch seinen Wert als Ebenbild Gottes – zu dem ihn nach Luther Gott jedoch erst wieder durch die Gnade machen muss - und als Bruder in Christo.

Im ungezügelten und nicht mehr sozial verpflichteten Kapitalismus ist der Mensch zuletzt eine Rechengröße, in der seine Arbeitskraft den Unterhaltskosten gegenübergestellt wird, um daraus den Nutzen, den Mehrwert für den Unternehmer zu berechnen. Der Unternehmer besitzt die Produktionsmittel, die Wirkungsstätte, den Dienstleistungsbetrieb. Dabei hat der klassische Firmenpatriarch meist ausgedient. Im globalen Finanzpoker werden Firmen durch Aktienkapital besessen. Auch „der Kapitalist“ ist heute oft nur noch eine Nummer, eine Zahl, eine Aktienmajorität, die irgendwelche internationalen Holdings und Investmentfonds halten, u. U. auch hochspekulative Hedge-Fonds die gar nicht an der Gewinnproduktion interessiert sind, sondern nur am Aktienhandel selbst. Der Mensch zählt als Bedienungsmannschaft der Maschinerie der Produktionsmittel, wobei hier immer weniger Menschen von Nöten sind und als Käufer, Kunde, Konsument. Im heilkundlichen und pflegerischen Bereich wird auch die menschliche Hilfe, die mitmenschliche Unterstützung zu einem Dienstleistungsprodukt, das genau abgerechnet wird und dem Unternehmen am Ende etwas bringen muss. In Zeiten knapper Kassen sind zunehmend weder der Staat als Repräsentant seiner Bürger, noch die globalisierten Unternehmen noch der einzelne Beitrags- und Steuerzahler bereit, das soziale Netz zu subventionieren und aufrechtzuerhalten. Es wird schrittweise zurückgebaut.

Natürlich ist es innerhalb einer kapitalistisch-materialistischen Werteordnung kein Verbrechen, Profite zu machen, im Gegenteil. Wenn Arzneimittel und die zu ihrer Entwicklung führenden Forschung nun aber nur auf den tatsächlichen Bedarf reagieren würde, würden sich die Gewinne vermutlich nur langsam entwickeln, wenn überhaupt. Grundlagenforschung und Markforschung würden sich nicht auszahlen. Es macht wirtschaftlich Sinn, den Bedarf zu wecken und den Konsum anzukurbeln. Im medizinischen Sektor ist das zum Beispiel möglich, in dem man die Zahl der Arzneimittelverbraucher erhöht und ebenso die Menge und Dauer der Einnahme. Den Bedarf kann man durch die „Entdeckung“ einiger neuer Erkrankungen anheben, wobei es sinnvoll ist, dass diese Erkrankungen viele Patienten betreffen. Bei der Erfindung von Erkrankungen definiert man z.B. bestimmte Laborwerte neu oder fasst die Symptome von Befindlichkeitsstörungen gerade im psychischen Bereich zu immer neuen Syndromen und Diagnosen zusammen. Jede Besonderheit ist krankheitsverdächtig und war sie einst auch noch so normal: Die Kindheit, die Pubertät, das Alter, die so genannte Midlife-Krisis, das „praemenstruelle Syndrom“, die Menopause usw. Die Psychiater haben durch die Umdefinierung von ätiologisch gedachten Diagnosen in funktionale Störungsbilder für die Internationale Klassifikation psychischer Erkrankungen ICD 10 vervielfacht. In diese Klassifikation wurden dann z.B. zwei Ausformungen eines modernen Syndroms aufgenommen, die „einfache Störung der Aktivität und Aufmerksamkeit ICD 10 F 90.0“ und als Steigerung die „Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens ICD 10 F 90.1.“, auch „Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ oder „Hyperkinetische Störung (HKS)“ genannt.

Dieses Beispiel ist für unsere Frage sehr interessant denn diese beiden neuen Krankheitsbilder, deren Kriterien im Klassifikationssystem DSM IV in den USA sogar viel weicher gefasst sind, gelten als Indikationen für die Behandlung von Kindern mit Psychopharmaka vom Stimulanzientyp wie Amphetamine oder Methylphenidat und für das neuere, Antidepressiva ähnliche Atomoxetin. So wie die Diagnoseraten hochschnellten, schnellte auch der Verbrauch dieser speziellen Psychopharmaka hoch, zuerst in den USA, jetzt auch in Deutschland und dem übrigen Europa. Neuerdings kommt aus den USA die geschäftstüchtige Idee, dass das ADHS eine lebenslange Erkrankung sei, die auch im Erwachsenenalter symptomatisch sei und mit Medikamenten kuriert werden sollte, etwa wie man einen Diabetes, die so genannte „Zuckerkrankheit“, mit Insulin therapiert. Mittlerweile werden bei uns nicht nur die Schulkinder sondern auch schon die Kindergartenkinder zunehmend mit diesen Substanzen behandelt. Zu Langzeitrisiken und Folgen gibt es keine ernstzunehmende Forschung. Dem Verschreibungsboom vom guten alten Methylphenidat liegt die Idee eines dauerhaften krankhaften Ungleichgewichts im zerebralen Transmitter-Stoffwechsels des Gehirns für Dopamin in bestimmten Bereichen zugrunde. Unter den Kriterien einer kapitalistischen Geschäftsidee zur Ankurbelung der Arzneimittelnachfrage waren dies eigentlich glänzende Einfälle.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:24

Die Pille für die Zappelphilippe? Wie kann man ADHS überhaupt verstehen und mit Medikamenten heilen?

Die Pille für die Zappelphilippe? Wie kann man ADHS überhaupt verstehen und wie mit Medikamenten heilen?

Frage:
Was will man mit einer solchen Stimulanzienbehandlung der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrome zunächst der Kinder und dann auch der Erwachsenen erreichen? Warum ist die Verschreibung dieser Medikamente so stark angestiegen?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Die Antwort ist nicht ganz eindeutig und zum Teil sogar paradox, denn die mit diesen Medikamenten erzeugten Anpassungsleistungen des Menschen liegen nur teilweise im Trend der Zeit, nämlich Leistungssteigerung, Übersicht, Durchblick, Konzentration, Beruhigung, Ausdauer. Ansonsten ist eigentlich eher das ADHS eine moderne Haltung, die auf die Unsicherheit und das hektische Getriebe einer materialistischen Welt adaptiert zu sein scheint, in der jedes gute Gefühl nur konsumiert werden kann, nachdem man es gekauft hat und das nicht einer dauerhaften Orientierung und bewussten Entscheidung abgerungen wird. Nicht ausdauernder Fleiß eines Verdieners sichert das Einkommen der Familie bis zur Rente oder die hingebungsvolle verlässliche Pflege kontinuierlich anwesender Bezugspersonen das Wohlbefinden des Säuglings und Kleinkindes, sondern wechselnde Jobs, zum Teil mehrere, staatliche Sozialhilfe auf niedrigstem Niveau und ständig wechselnde Beziehungen in modernen Patchworkfamilien statt Mehrgenerationenfamilien bestimmen die Realität vieler Kinder und Heranwachsender, die unruhig alle gefühlsmäßigen und kognitiven Informationen ihres unsicheren Umfeldes „scannen“ um auf ihr notwendiges Pensum an emotionaler und kognitiver Versorgung und Information zu kommen, die ein biologisches System sozial lebender Individuen nun einmal benötigt, um einigermaßen zu „funktionieren“.

Wenn man das Medikament Methylphenidat zur Konzentrationssteigerung in der Schule nimmt, bemerken Lehrer oft das Phänomen, dass die Kinder, die wesensverändert, wie gedopt wirken können, dass sie zwar ihre Aufmerksamkeit besser auf manche Themen richten, fokussieren können, aber gleichzeitig träge werden und auf neue Aufgaben dann neu und von außen angesetzt werden müssen. Zum Teil ist dieses Phänomen dosisabhängig, zum Teil liegt es im Wesen dieser Filterwirkung, die die vorher reizvolle und vielfältige Umwelt für den Patienten unter der Arzneiwirkung verarmt erscheinen und weniger bunt und vielfältig sondern monotoner werden lässt. Eigentlich wäre eine solche Konditionierung eher für die frühere industrielle Epoche der Fließbandarbeiter nützlich gewesen, aber nicht für unsere komplexe Informationsgesellschaft. Vermutlich ist das so genannte ADHS, dessen Ätiologie die Wissenschaft bis heute trotz einiger Lieblingsspekulationen insbesondere der pharmazeutisch und biologisch orientierten Kinderärzte und Jugendpsychiater nicht zweifelsfrei geklärt hat, nicht nur ein Zug unserer Zeit und ein Anpassungsphänomen unserer Psyche, sondern wie jede nützliche Haltung auch durch ihre unterschiedlich starke Ausprägung an den Rändern mehr oder weniger nützlich. Jede übertriebene oder besonders starke Haltung schränkt die Möglichkeiten des Individuums zu den anderen Seiten ein und macht es dadurch weniger anpassungsfähig.

Der Boom der Medikamentenverschreibungen, die Verschiedenes, sogar Gegensätzliches bewirken sollen, hat auch damit zu tun, dass man eine Anpassungsfähigkeit auf Knopfdruck erzeugen will, die schneller ist, als die biologische Reaktionszeit eines biologischen Systems. Die Ursache dafür ist Angst, nicht mehr mithalten zu können. Für diese Angst gibt es nicht unbedingt objektive Gründe und es ist sehr die Frage, ob es klug ist, solchen Ängsten zu folgen. Es ist aber gut, die Angst zu registrieren und sich bewusst zu machen, wofür sie steht. Sie ist eine normale Reaktion in Krisenzeiten, die Veränderungen ankündigen. Unreflektiert macht uns diese Angst zu willfährigen Konsumenten von Heilsversprechen und in der wissenschaftlich-medizinischen Welt kommen die Heilsversprechen nun mal von pharmazeutischen Industrie, obwohl der Mythos des Allheilmittels, der Wunderdroge, des Krauts gegen alle Leiden, ein uraltes Märchen ist, das aber auch in einer säkularen Zeit immer noch gerne geglaubt wird. Man hat irgendetwas, das man nicht versteht, das aber stört und folglich nimmt man etwas dagegen, ein Medikament. Das ist die Haltung, die die jungen Pillenschlucker im Dienst der Elternhäuser und Schulen auf jeden Fall nebenbei lernen: „Hast Du was, nimmst du was.“ Die euphemistische Bezeichnung der kleinen Schulhofdealer, die ihre Konzentrationspille „Ritalin“ auch mal an Schulkameraden vor einer Klausur verkaufen, „Vitamin R“, spricht Bände genauso der Begriff der Junkies, die das Medikament zermörsert schnupfen: „Tante Rita“. Das üble Handykap, dass diese Pillen aufgrund ihres Suchtpotentials bei erwachsenen Usern nur auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden kann, wie Morphium, umgeht der neuere Stoff Atomoxitin, aus dem nun die Träume der von kindlicher Unruhe genervten Eltern und Lehrer ist, eine Substanz, die ursprünglich ein Antidepressivum sein sollte und nun als „Strattera“ laut Werbung dafür sorgen soll, dass der ganze Tag des Kindes gelingen und glücklich verlaufen soll.

Die Gründe, weshalb in Selbsthilfeforen für Eltern von „ADHS-kranken Kindern“ oft so vehement für die medikamentöse Behandlung eingetreten wird, weshalb Ärzte mit dem Wunsch nach dem Rezept bedrängt werden und einige von ihnen ihre Kollegen mit dem Totschlagargument der unterlassenen ärztlichen Hilfeleistung bedrängen, es ebenso zu tun, ist die nackte Angst bei einem zunehmenden gesellschaftlichen Druck. Der Wandel, die Veränderung unserer Gesellschaft, der Jobs, der wirtschaftlichen Verhältnisse schürt Unsicherheit und Ängste. Da man befürchtet, dass alles sehr schnell geht, glaubt man, ebenso schnell handeln zu müssen. Gleichzeitig schreit die Angst natürlich nach Einfrieren der Veränderung, nach Stillstand, nach Sicherheit. Daher werden die Symptome und die Anzeichen der Angst schnell bekämpft, weil die Ursachen sich scheinbar dem Verständnis und den Einflussmöglichkeiten des Einzelnen entziehen. Daher muss alles ruhig und geordnet ablaufen. Störer sind nicht erwünscht. Lästige Fragen kann sich keiner leisten. Für Geduld ist keine Zeit bei den verunsicherten Eltern, Erziehern, Lehrern und Ärzten. Die Kinder aber sollen diese Geduld und Ausdauer lernen und sei es mit dem Medikament, um Dinge aufzunehmen, die nur die Erwachsenen wichtig finden, obwohl sie selbst schon orientierungslos in der neuen Zeit geworden sind. Rücksichtslos kann nur der als Einzelner sein, der das Geld hat, sich das zu leisten. Augen zu und durch. Die Lehrer machen Druck bei den Eltern, die Eltern untereinander und bei den Kindern. Alle reagieren negativ auf Druck. Aber mit Antidepressiva und Stimulanzien, am besten einem Cocktail, kann man die Situation chemisch vielleicht noch einmal einige Zeit beherrschen.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:26

Gibt es einen verantwortungsbewussten Umgang mit ADHS-Medikamenten im Kindesalter?

Gibt es einen verantwortungsbewussten Umgang mit ADHS-Medikamenten im Kindesalter?

Frage:
Handeln denn die Lehrer, die Eltern und die Ärzte, die den Kindern unter Druck „Anpassungspillen“ verordnen, noch verantwortungsbewusst? Oder muss man eine solche Handlungsweise als Unfug stoppen?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Ich würde mir zwar eine andere Haltung wünschen, glaube aber nicht, dass es hilfreich ist, die Medikamentenbefürworter in Bausch und Bogen als verantwortungslos abzutun oder gar zu verdammen. Die Eltern befinden sich mit ihren Kindern am untersten Ende der gesellschaftlichen Druckentwicklung zweifellos in Not, denn die Symptome können für die Beteiligten sehr anstrengend sein und die überforderten Lehrer drohen oft mit schulischen Konsequenzen bis zum Schulverweis. Neben dem empathischen Eingehen auf die Nöte der Schüler, Eltern und Lehrer ist also für die Etablierung einer sinnvollen Beratung oder gar Therapie zunächst unter Verzicht auf die vermeintlich alles lösende Pille eine gute Vernetzung der Beteiligten nötig. Wir müssen uns alle zusammen unseren Ängsten stellen und ganz allmählich alle zusammen die nötigen Veränderungen zulassen, damit wir Menschen mit besonderen Eigenheiten und Symptomen zunächst einmal als Übermittler von Ideen und Botschaften für sich und andere wahrnehmen und nicht nur als lästige Herausforderung und Störenfriede. Wir benötigen auch eine ruhige Atmosphäre und Zeit, um herauszufinden, ob und unter welchen Bedingungen die störenden Symptome überhaupt Krankheitswert für die Betroffenen besitzen.

Da es sich in der Regel um kollektive Verunsicherungen und Ängste handelt, profitieren wir alle von einer größeren Bewusstmachung des Ganzen und einer Aufhebung der Atomisierung des Einzelnen durch anonymen gesellschaftlichen Druck. Wir müssen wieder zu Individuen werden, die sich freiwillig begegnen und etwas zusammen machen, wobei jeder für sich und seinen Teil und dadurch für das Ganze Verantwortung übernimmt. Stattdessen erleben wir uns heute zunehmend als vereinzelte Opfer in unseren Familien, unseren Kindergärten und Schulen, an den Arbeitsplätzen, in den Beratungsstellen und den Therapieeinrichtungen. Alle erleben sich als Opfer und der kleinste gemeinsame Nenner ist häufig nur noch, dass der vermeintliche kleine, kindliche Auslöser von Stress auch nur das Opfer einer bösen, heimtückischen Krankheit geworden ist, für die es glücklicherweise eine Pille gibt, der diesen von der Krankheit Besessenen heilen soll. Wenn wir alle Verantwortung übernehmen, die Last auf viele Schultern verteilen und mit Geduld und Empathie zu werke gehen würden, bräuchten die Einzelnen sicher nicht so viele Medikamente zu schlucken. Die es aber heute noch tun, verdienen unser Mitgefühl und nicht unsere verächtliche Belehrung, wenn wir nichts anderes zu bieten haben. Ein Weg hin zu einem drogenfreien Leben in der täglichen Wahrheit des Augenblickes ist in einer Gesellschaft, in der Hedonismus und Selbstausbeutung eine unglückliche Verbindung eingegangen sind, ein beschwerlicher Weg.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:28

Wie soll man mit seelischem Schmerz umgehen und wann sind Medikamente dabei sinnvoll?

Wie soll man mit seelischem Schmerz umgehen und wann sind Medikamente dabei sinnvoll?

Frage:
Heißt das, dass man unter bestimmten Umständen die Verordnung und Einnahme von Psychopharmaka vertreten kann, auch wenn es sich bei den so Behandelten um Kinder handelt? Was passiert denn, wenn wir Medikamente bei psychischen Beschwerden einnehmen? Ist es denn sinnvoll, Gefühle medikamentös zu verändern? Tun das nicht auch Drogenkonsumenten?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Natürlich gibt es einige Gründe, die es rechtfertigen könnten, Medikamente einzunehmen, auch in schwer aushaltbaren emotionalen Zuständen, doch wäre es gut, diese Gründe genau auszuwählen und sich klar zu machen, dass es auf diesem Gebiet schon vor einer Verordnung zu überlegen gilt, wie man aus dem, in das man da einsteigt, auch wieder heraus kommt. Ich würde also mit dem Gedanken beginnen, uns damit vertraut zu machen, dass alles, was erscheint, auch wieder verschwindet, wenn wir es einfach ließen und nur wir es sind, die wir uns dem ehernen Gesetz der ewigen Veränderlichkeit entgegenstemmen wollen, weil wir glauben, dass darin unser Überleben liege und wir das Leben mühsam dem Tode abringen müssten, während wir in Wirklichkeit weder leben noch mit dem Tode ringen, sondern nur mit unserer Todesangst, die uns lähmt. Wir glauben manchmal, sogar, dass erst unsere Angst uns lebendig fühlen ließe, doch ist dies ein recht klägliches Leben. In unserem Verlangen, unsere schmerzlichen Gefühle zu übergehen und zu verdrängen, wenden wir eine ungeheure psychische Energie auf, die uns zu einem glücklicheren Lebensvollzug fehlt. Wenn wir psychische Symptome, unangenehme Empfindungen, Gefühle, Erkenntnisse in den Untergrund des Unbewussten verbannen, bleiben deren Energien ja vorhanden. Unsere Anstrengungen der Verdrängung heben die Energien nicht etwa gegen Null auf. Das scheint nur so, weil diese Energien in der gleichen Summe unsere Macht zu einem kraftvollen Leben aufheben. In Wirklichkeit muss man jedoch die verdrängte Energie der Verdrängenden hinzuschlagen, sie addieren. Diese gesamte Kraft lastet auf uns und steht auf gegen unsere Lebendigkeit.

Was bewirken in dieser Situation Medikamente, die uns davor bewahren sollen, Schmerz, Leid, Traurigkeit, Wut, Empörung, Angst, Scham, Verdruss, Enttäuschung, Kummer, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Niedergedrücktheit usw. zu verspüren? Da Gefühle und Symptome, die aus dem Umgang mit ihnen stammen, die Sprache der Seele sind, unsere urtümliche Sprache, wenn wir das Sprechen des Denkens verlernt haben oder dieses nicht die ganze Wahrheit in uns und über uns verkündet, führt deren aktive psychische oder passive medikamentöse Verdrängung nicht zu einem Verstehen, nicht zu einer Annahme und damit nicht zu einer Heilung. Daher kann auch eine solche Behandlung nur als eine augenblickliche Verschiebung eines Prozesses verstanden werden, während man auf einen günstigeren, geschützteren Zeitpunkt für die grundlegende Kur wartet. Oder man vergleicht es mit einer Anästhesie zum Zeitpunkt, da der Chirurg die Schnitte setzt oder der Intensivmediziner intubiert und beatmet, um einen lebensbedrohlichen Zustand vorerst zu beherrschen. Doch die Heilarbeit leisten dann Geist, Seele und Körper des Patienten wieder von alleine in einem mehr oder weniger schmerzhaften Genesungsprozess. Man wird einen Menschen seine Heilungsschmerzen niemals ganz nehmen und selbst ein künstliches Koma irgendwann beenden, weil die Seele ihren Leib zum gesund Werden des Leibes wieder ganz besetzen muss. Dies geschieht mit Vorteil, wenn wir in einen Schmerz bewusst hinein atmen. Der Schmerz reguliert nämlich auch sehr fein, wann wir mit unserer lebensspendenden und –erhaltenden vertieften Atmung einsetzen müssen und wie lange und wie sehr wir bestimmte Bereiche unseres Köpers oder unserer Seele schonen müssen. Schmerz macht also auch physiologisch Sinn im Heilungsverlauf.

Ein Schmerz, der sich allerdings aufgrund der augenblicklichen Gegebenheiten nicht aushalten lässt, bewirkt allerdings, dass wir den Atem anhalten und unwillkürlich auch körperlich ausweichen und führt damit zu irgendeiner Form von Dissoziation des Bewusstseins mittels einer innerpsychischen oder äußerlichen Handlung und führt damit nicht zur Heilung, sondern auch zur Symptomverschiebung und zur Trennung von Geist, Seele und Körper. Die weitestgehende Dissoziation wäre die vollendete Absicht, sich selbst den Tod zu geben, in dem man dem Wunsch und vermutlich der Illusion folgt, damit aller Leiden für alle Ewigkeit los zu sein. Zwar gibt es auch in diesen Fällen eine psychotherapeutische Herangehensweise, doch sind viele Menschen nicht im Kontakt mit einem mitfühlenden Therapeuten oder jedenfalls nicht so lange, wie es nötig wäre, damit sich ein Mensch wieder öffnet und begleitet dosiert seinem Schmerz stellt. Es ist nämlich für die Integration von Gefühlen und die Heilung eines Menschen oft erforderlich, dass ihm ein Zeuge, eine Projektionsfigur, ein mitfühlender Teilnehmer an seinen Leiderfahrungen zur Verfügung steht, z.B. auch um durch reine Präsenz das reine Gefühl von den verbrämenden Gedanken zu scheiden und sich ganz einzulassen. Wenn diese Möglichkeit eines therapeutischen Du, eines hilfreichen Zeugen nicht ausreichend gegeben, die Empfindungen aber gleichzeitig unerträglich sind, schalten viele Leidende Teilbereiche ihrer Seele ab, legen sie tot. Wir kennen das besonders gut aus der so genannten Traumaforschung.

Obwohl wir letztlich doch zurück zu unserem Fühlen müssen, geht das oft ohne eine Abmilderung, ohne zeitliche Dehnung oder therapeutische Fragmentierung und Dissoziation (anstelle der unwillkürlichen, die meist zu früh und zu absolut und vor allem ohne bewusste Steuerung einsetzt) nicht. Eine wichtige Hilfe ist wie in der Physiotherapie der kontinuierliche Atem. Wir bemühen uns, durch den Schmerz hindurch zu atmen. Wenn das nicht ausreicht oder der Schmerz zu groß ist befindet sich hier auch eine Indikation für die Verwendung von Medikamenten, die Ängste abmildern, entspannend und beruhigend wirken, die Stimmung aufhellen, die Konzentration verbessern, Wahnbilder zurückdrängen und Körperschmerzen lindern. Dieser Einsatz erfolgt aber nur dann kurativ im Sinne einer Heilungsunterstützung, wenn gleichzeitig in einer Psychotherapie oder Körperpsychotherapie und einer Familientherapie an der eigentlichen Frage unentwegt intrapsychisch und innerhalb der bedeutenden Beziehungen gearbeitet wird, an den Bedeutungen der Sprache der Gefühle: auf welche Bedürfnisse werden wir hingewiesen? Ist diese Arbeit nicht beabsichtigt oder nicht möglich, kann man die medikamentöse Therapie nicht als kurativ, als heilend verstehen, sondern nur als palliativ in der Absicht, eine bestimmte Form von Lebensqualität zu erhalten oder als substituierend, um das Leben überhaupt zu erhalten. Zum Beispiel gelingt es uns in einem Drittel der schizophrenen Psychosen bis heute nicht, trotz lebenslänglichem Einsatz von Neuroleptika zu einer Heilung beizutragen.
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Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:30

Was ist zu beachten, wenn man sich zur Verordnung eines ADHS-Medikamentes entschließt?

Was ist zu beachten, wenn man sich zur Verordnung eines ADHS-Medikamentes entschließt?

Frage:
Was heißt das über die medikamentöse Behandlung von psychischen Problemen Gesagte konkret für die Verordnung von so genannten ADHS-Medikamenten an Kinder?

Antwort Michael Schlicksbier-Hepp: Das heißt, dass eine schonungslose, wahrheitsgemäße Aufklärung der verantwortlichen Eltern über das Wesen dieser vorübergehenden medikamentösen Hilfe und die Notwendigkeit der begleitenden medizinischen Kontrollen wegen der Nebenwirkungen und über den Nutzen einer Psychotherapie und Familientherapie erforderlich ist, damit eine wirkliche Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen kann. Und die Kinder sind ihrem Alter gemäß in diese Abklärung einzubeziehen denn diese schlucken schließlich diese Medikamente, in ihnen entfalten sich Wirkungen, Nebenwirkungen und Spätwirkungen und sie machen sich Gedanken darüber, empfinden eine Medikation manchmal als Strafe oder Beweis, dass sie nicht in Ordnung sind, für psychisch krank gehalten werden oder lernen, dass man für innere Probleme am besten Pillen einnehmen soll, wobei sie ja oftmals gar nicht merken, dass sie ein Problem haben, sondern zunächst, dass andere mit ihrem Verhalten ein Problem haben. Bevor man die Medikation beginnt, fragt man sich nach den Zielsymptomen und danach, was geschehen muss, um die Medikamente wieder abzusetzen. Man macht sich klar, dass es hier nicht um eine lebenslange Substitution gehen kann und dass man zwischenzeitig lernen kann und sollte, ohne ein Medikament zu leben. Wenn man vorher noch keine psychotherapeutischen und pädagogischen Hilfen in Anspruch genommen hat, beginnt man zunächst damit, zu überprüfen, ob diese Hilfen nicht vielleicht nützlicher und zielgerichteter sind und schaut, ob das Medikament dann überhaupt noch nötig ist. Auch die Umgebung eines Kindes, die auf ein Medikament drängt, sollte sich fragen, ob tatsächlich das Kind das Einzige ist, das sein Verhalten ändern muss oder ob es Veränderungsmöglichkeiten im System gibt, in das das Kind eingebunden ist.

Das Medikament eignet sich eher als letztes, zusätzliches Mittel um einen völligen Abstieg in Schule und Gesellschaft vorübergehend zu stoppen und eine Verschnaufpause zu gönnen, falls sich das Kind und die Eltern unter dem Symptomdruck und dem Druck der Umwelt als völlige Versager und total hilflos vorkommen. Natürlich: Bevor Eltern ihre Kinder völlig verstoßen, Kinder ihre Eltern umbringen und umgekehrt oder Kinder von allen Schulen verwiesen werden, ist das Medikament das kleinere Übel, denn so schnell wird sich einem Individuum zuliebe die Institution Schule oder eine Familie nicht verändern. Man kann aber auch nicht grundsätzlich sagen, dass eine Medikation immer besser ist, damit eine therapeutische Trennung von der Familie oder ein Schulwechsel vermieden wird, eine Frage, die bei als schwer erträglich eingestuftem Verhalten ebenfalls sehr oft auftaucht. Manchmal ist eine vorübergehende oder dauerhafte Trennung und ein Schulwechsel nicht zu vermeiden und doch hilfreich, wobei es auch dabei darauf ankommt, wie es begründet und vermittelt wird, sodass alle Beteiligten darin etwas Sinnvolles und Hilfreiches sehen können.

Es ist immer wichtig, den ganzen Menschen, das ganze System in dem er lebt, Familie, Schule, und die ganze Bedeutung der Symptomatologie zu betrachten. Welche Stärken und Ressourcen haben der Index-Patient und das Familiensystem oder die Schule, die ich noch ermutigen kann, um von der einseitigen negativen Symptomschau weg zu kommen? Welche Vorteile erbringt oder erbrachte das Symptom und was hat sich seitdem im Leben geändert? Was steht zu erwarten, wenn dieses Symptom schließlich verschwindet? Ohne eine Antwort auf diese Fragen ist die Verordnung einer symptomatischen Medizin gewagt. Welche Dosis ist gerade nötig, um die größte Bedrängnis abzumildern, ohne den Hilfe auslösenden bzw. nach Heilung rufenden Schmerz ganz zum verstummen zu bringen? Welche Nebenwirkungen, Risiken und lästige Kontrollen hält man noch für vertretbar? Welche Beteiligten werden wie mit einbezogen und informiert? Wer entscheidet bei Veränderungen und über die Beendigung der Therapie mit? Werden unseriöse Hoffnungen und Versprechen auf die Zukunft ausgelöst und damit anderen Fehlhaltungen Vorschub geleistet?

Hat man all diese Fragen gewissenhaft abgearbeitet und stellt es sich dann so dar, dass unter den gegebenen Bedingungen eine zusätzlich Medikamentenverordnung für einen gewissen Zeitraum nicht nur hilfreich sein kann sondern man nur schwer darauf verzichten könnte, um schwere soziale Nachteile abzuwenden und sind die dagegen abzuwiegenden persönlichen Nachteile und Risiken durch das Medikament eher gering, kann der Arzt, am besten ein Facharzt für Kinderheilkunde oder besser Kinder- und Jugendpsychiatrie nach entsprechender Aufklärung der Patienten und der Eltern eine Verordnung von Stimulanzien für ein Kind mit einer gesicherten ADHS-Diagnose vornehmen, wobei eine regelmäßige ärztliche Begleitung mit Überprüfung des Nutzens wie etwaiger unerwünschter Nebenwirkungen selbstverständlich sein sollte, um gegebenenfalls die Dosis anzupassen und auch den Zeitpunkt nicht zu verpassen, an dem man das Medikament wieder verringern und eventuell auch wieder absetzen kann. Und natürlich sollte die Beobachtung auch den Beweis erbringen, dass das Medikament überhaupt in die richtige Richtung wirkt.

Bei der Auswahl der Medikamente ist hinsichtlich der Substanz und der Darreichungsform Verschiedenes zu beachten. Grundsätzlich kennt man die Stimulanz Methylphenidat erheblich länger als Atomoxetin und kann daher deren Wirkungen und Nebenwirkungen besser abschätzen. Die behaupteten Vorteile von Atomoxetin sind zunächst einmal vorallem in der Werbung dargestellt worden. Ob sich das in der Realität bei nicht unerheblichen Nebenwirkungen (insbes. innere Angespanntheit, Aggressivität, Gewalt- und Selbstbeschädigungsphantasien bis zu Suizdgedanken bei Behandlungsbeginn) nachweisen läßt, bleibt abzuwarten. Tatsächlich haben einige Patienten, die mit dem Medikament zu uns kamen, schon über solche Nebenwirkungen gesprochen. Es sei alles viel schlimmer geworden. Manche Ärzte haben bei ungenügender Wirksamkeit des Methylphenidat - es soll unter den ADHS-Betroffenen bis zu 30 % so genannten Non-Responder auf Methylphenidat geben - nach Aufdosierung zusätzlich Atomoxetin gegeben. Vor solchen Mischmedikationen möchte ich warnen, sie sind absolut experimentell. Dass ein so genannter ADHS-Patient auf Methylphenidat überhaupt nicht reagiert, muss neben Zweifel an der Diagnose vorallem auch Zweifel an der biochemischen Ätiologie der beschriebenen ADHS-Symptomatik wecken. Oft fehlt es bei der Beobachtung auch an der Geduld bzw. die Leute glauben, das Medikament mache alles und sind dann enttäuscht, wenn dieses die Wirkung nicht geradezu erzwingt. Dies veranlasst viele Verordner zu raschen Aufsättigungen mit hohen Dosierungen, mit denen der Körper dann regelrecht kämpft.

Ich hatte einen Patienten, bei dem ich mal an der ADHS-Diagnose nicht gezweifelt, die Medikation aber jahrelang mit guten Gründen nicht vorgenommen, sondern andere Unterstützungswege gefunden habe, zumal die Eltern das Medikament auch nicht vorbehaltlos wollten. Irgendwann genügte es den Eltern nicht mehr, die im Übrigen auch nicht aus ihrer Haut konnten und Teil des Problems wie der Lösung waren. Sie wollten wissen, ob sie etwas versäumten und gaben schweren Herzens das Medikament und wir fanden eine vernünftige, mittlere und gut wirksame Dosierung, die langsam eingeschlichen wurde. Erst war die Reaktion fast begeistert sowohl beim Patienten als auch bei der Familie. Nach ein paar Wochen hielten der vierzehnjährige Patient und die Eltern es nicht mehr aus. Trotz der positiven Auswirkung auf die Konzentration, Ausdauer, das Gesprächs- und Sozialverhalten plagten den Patienten ständige Bauchschmerzen und eine gewisse Anspannung und Wesensveränderung, die er nicht mochte. Nach der Schule war er immer völlig erschöpft und ausgelutscht, schien alle physischen und psychischen Kraftreserven auf einmal verbraucht zu haben und musste sich blass und eingefallen erst mal hinlegen. Abends kam der Appetit aber mit vollem Bauch schlief er schlecht. Kurzum, die Leute setzten das Medikament wieder ab. Aber sie haben es wenigstens einmal ausprobiert, sagen sie heute und wissen jetzt, warum dies die Lösung nicht war.

Bei Methylphenidat bin ich weiterhin dafür, trotz einer Aufhebung dieser Vorsichtsmaßnahmen durch eine Empfehlungs-Kommission von Fachleuten im Auftrag der Bundesärztekammer, bestimmte Dosisgrenzwerte nicht zu überschreiten und sich vorsichtig an die wirksame minimalste Dosis heranzutasten. Schon mit 0,5 mg Methylphenidat-HCl pro kg Körpergewicht hat man in der Regel deutliche Wirkungen und die Dosis muss zunächst einschleichend angesetzt und vorsichtig erhöht werden und übrigens auch langsam wieder abgesetzt werden, wenn man unangenehme "Rebound-Phänomene" und "Absetz-Phänomene" vermeiden will. Die Höchstdosis, die wir zulassen, ist 1 mg je kg Körpergewicht und nicht über 60 mg total im Kindes- und Jugendalter. Geschick und Erfahrung benötigt man, um die optimale Darreichungsform (retardiert, sofort wirksam, eine Mischung von beidem) für den beabsichtigten Zweck zu finden sowie den besten Einnahmezeitpunkt. Anhaltspunkte über Wirkungsweisen von ADHS-Medikamenten und Vorsichtsmaßnahmen bei deren Anwendung finden sich auch in diesem Forum unter dem Stichwort: "Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?
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