Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Mittwoch, 9. Januar 2008, 17:22

Gesundheit, Wohlfahrt und Teilhabe: Ein Manifestentwurf für eine solidarische Gesellschaft

Im Hinblick auf die Umwandlungen in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheitswesen vom Solidaritätsprinzip und einem Konsens zwischen Eigen- und Gesamtverantwortlichkeit hin zu einer Dominanz des Wirtschaftlichkeits- und Profitdenkens mit einem Abbau des sozialen Netzes habe ich mir Gedanken zu Formulierungen gemacht, die zusammenfassen, wie ich mir als sozialpolitisch denkender Arzt und Nutzer dieses Gesundheitssystems die Rolle des Einzelnen wie der Gemeinschaft für eine Förderung von Gesundheit, Wohlstand und Teilhabe vorstelle. Diese Thesen sind eine Art Diskussionsvorschlag, noch vorläufige Gedanken, die weitere Gedanken und Überlegungen erzeugen sollen. Ist es möglich, von Visionen zu einer konkreten Utopie zu kommen und ist es des weiteren möglich, für diese Utopie in ihrem definitionsmäßigen "Nichtort" außerhalb eines Gedankendiskurses Verwirklichungsorte in der Realität zu finden? Gerade das Gesundheitssystem mit seiner Thematik aber auch mit seiner stets am Rande der Überforderungs stehenden Sitation, trotz Reförmchen und Flickschusterei geradezu gegensätzliche Aufträge zu erfüllen, ist ein geeigneter Ort, über andere und neue Möglichkeiten nach zu denken, für sich und für andere zu sorgen, eigene Verantwortlichkeiten zu entdecken und Mitverantwortung für's Ganze zu übernehmen.


Zitat

[SIZE=4]Nordwest-Manifest für Gesundheit, Wohlfahrt und demokratische Teilhabe in einer sozialen Demokratie in 21 Thesen. [/SIZE]

[SIZE=3]Das 3x7 für eine solidarische Alternative zu Sozialabbau, Kinderarmut und Diskriminierung von Kranken, Arbeitslosen, Kindern und alten Menschen unter besonderer Berücksichtigung des Gesundheitswesens und der Wohlfahrtseinrichtungen. [/SIZE]


1. Ziel der sozialen, solidarischen Demokratie: Das psychische, soziale, physische und materielle Wohlergehen liegt im Interesse und der Verantwortung jedes Einzelnen und ist gleichzeitig in einer sozialen und solidarischen Demokratie ein Grundanliegen der Gemeinschaft. Eine Gesellschaft fördert das Wohlergehen jedes Einzelnen auch durch gemeinsame Verantwortung für das Ganze. Ein staatliches Gemeinwesen, zu dem die Bürger sich zusammenschließen, dient seinen Bürgern. Wohlstand ist kein abstrakter Selbstzweck, sondern begründet soziale und ökologische Verantwortung und dient den primären Bedürfnissen Vieler und nicht nur Weniger. Staatliche Strukturen können nicht nur der Wirtschaft dienen, wenn sie sozial, ausgewogen und gerecht sein sollen. Eigeninitiative und soziales, ehrenamtliches Engagement werden gefördert. Wo sie nicht ausreichen, die Bedürfnisse aller gerecht zu befriedigen, ist staatliches Handeln erforderlich.

2. Beim Solidaritätsprinzip gehören Junge, Alte und in Not geratene Menschen zusammen und benötigen unsere ganze Aufmerksamkeit: In unserer Gesellschaft gibt es Gruppen, die der besonderen Fürsorge der Gemeinschaft bedürfen, z.B. junge Menschen, die Zukunft der Gesellschaft, alte Menschen, das Gedächtnis und die Lebenserfahrung der Gesellschaft und Menschen in schwierigen Lebenslagen durch Verluste von Beziehungen, Heimat, Gesundheit, Fähigkeiten oder wichtige Güter. Diese Menschen benötigen unsere ungeteilte Solidarität in besonderem Maße.

3. Teilhabe für Alle in Rücksicht und Bezogenheit: Wir wünschen uns eine solidarische, soziale, ökologische Demokratie, in der alle Gruppen und Schichten eine umfassende Teilhabe an der gesellschaftlichen Weiterentwicklung sowohl der Beziehung als auch der Entscheidungsstrukturen und des Wohlstandes im Einklang mit der Natur und unseren Nachbarn zugestanden bekommen. Der Anspruch auf Teilhabe ist prinzipiell unabhängig vom Geschlecht, der Rasse, der Gesundheit, der Familienzugehörigkeit, dem Stand und dem Status, dem Eigentum, dem Bekenntnis, der Nationalität und dem Alter.

4. Soziale und ökologische Gemeinschaftsaufgaben erfordern eine öffentliche Finanzierung: Die solidarische, soziale Demokratie erachtet alle Für- und Vorsorgeaufwendungen für das psychische, soziale, physische und materielle Wohlergehen als Gemeinschaftsaufgabe und finanziert die notwendigen Ausgaben aus öffentlicher Hand in erforderlicher, großzügiger Weise, auch in Form von Unterstützungen für gemeinnützige, ehrenamtliche Sozial- und Betreuungsarbeit. Eine auf die Bewahrung unserer ökologischen Lebensgrundlagen verantwortlich ausgerichtete Gesellschaft fördert außerdem die Umstellung unserer Wirtschaft auf nachhaltige, ökologisch vertretbare Produktionsweisen, wacht über den Verbraucherschutz, fördert das ökologische Verantwortungsbewusstsein der Konsumenten und den Umweltschutz.

5. Vorsorge als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist frei und berücksichtigt die Interessen der Klienten: Vorsorgeaufwendungen im Bereich der psychischen, sozialen und physischen Gesundheit durch beratende Gespräche, Besuch von Bildungseinrichtungen, Teilnahme an sportlichen und sozialen Übungsgruppen, durch Einrichtung von Treffpunkten für Kinder, Jugendliche, Ältere usw. sind ebenfalls Gemeinschaftsaufgaben und benötigen eine öffentliche Finanzierung und Unterstützung. Selbstverwaltungsgremien übernehmen in Kooperation mit demokratisch gewählten Kontrollgremien die Planung und Qualitätskontrolle unter Einbeziehung der Rückmeldungen ihrer NutzerInnen, KlientInnen und MitarbeiterInnen.

6. Öffentliche Angebote für Prävention und Wiederherstellung des psychosozialen Wohlergehens sind vernetzt und kooperieren systemisch mit allen Beteiligten: Fachspezifische Einrichtungen der Jugendhilfe, der Sozialhilfe, der sozialen und der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der öffentlichen Gesundheitspflege mit professionellen Mitarbeitern bieten in kooperativer, vernetzter Weise Dienstleistungen und Präventionsangebote an. Durch verschiedene Kooperationsmodelle wird das kennen Lernen und im Weiteren das Ausbilden gemeinsamer Strukturen gefördert.

7. Diskriminierungsfreier Zugang ohne „Diagnosen“ für alle Beratungssuchende: Beratungssuchende Einzelne, Kinder, Eltern, Familien, LehrerInnen, Schulen, SozialarbeiterInnen, ÄrztInnen, ErzieherInnen können demnächst ohne legitimierende und gleichzeitig abschreckende oder diskriminierende Einteilungen in „krank“, „behindert“, „hilfsbedürftig“, „sozialschwach“, „arm“, „inkompetent“, „überfordert“ spezifische Beratungs- und Hilfsangebote der systemisch zusammenarbeitenden Beratungsteams und Einrichtungen nutzen.

8. Krankenbehandlung in einem sozialen Gesundheitswesen: Eine individualisierte Krankenbehandlung im Sinne einer Fachtherapie zu Lasten des Krankenkassensystems erfolgt ausschließlich nach einer entsprechenden fachlichen Beratung in den Fällen, in denen präventive oder begleitende ambulante, beratende Angebote nicht ausreichen. Falls für den Zugang zu diesem Behandlungsangebot eine fachliche Begründung aus therapeutischer, psychologischer oder ärztlicher Sicht notwendig ist, erfolgt diese nicht über den Krankenkassen zugängliche „diskriminierende“ bzw. letztlich die Gesundheitsentwicklung eingrenzende und dadurch gefährdende „Diagnosen“, die ausschließlich für einen Verständigungsumgang zwischen TherapeutInnen und KlientInnen gedacht sind und maßvoll verwendet werden sollten.

9. Besondere präventive Angebote für das psychosoziale Wohlergehen von Kindern und jungen Menschen: Dem psychischen, sozialen, physischen und materiellen Wohlergehen der Jugend gilt ein besonderes gesellschaftliches Interesse, weil heranwachsende Menschen unsere Zukunft und Hoffnung auf Fortbestehen im Wandel und der Erneuerung bedeuten. Ihre Förderung ist ein öffentliches Anliegen. Ambulante Präventionseinrichtungen medizinischer, psychologischer und sozialer Art werden öffentlich finanziert, die Mitarbeiter sind Angehörige des Öffentlichen Dienstes und der Zugang ist bis zum 25. Lebensjahr sowie für Erwachsene mit Erziehungsaufgaben als Eltern oder Pflegeeltern frei. Zu diesem Zweck werden gemischte Ambulatorien, Institutsambulanzen und Polikliniken mit TherapeutInnen, PsychologInnen, Kinder- und JugendpsychiaterInnen, KinderärztInnen, GynäkologInnen, (Sozial-) PädagogInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen ErgotherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, HeilpraktikerInnen, ErzieherInnen – je nach Bedarf – zugelassen.

10. Integrierte ergänzende private und öffentliche Behandlungseinrichtungen für die Therapie schwerer Erkrankungsfälle: Für schwerwiegende Erkrankungsfälle, insbesondere solche, die einer hochfrequenten, intensiven psychotherapeutischen, medizinischen, medikamentösen Behandlung bedürfen, werden freie Behandlungspraxen und –kliniken sowie öffentliche Kliniken und Spezialambulanzen bedarfsgerecht zugelassen, in denen dieselben MitarbeiterInnen der Beratungseinrichtungen in Teilzeit und/oder andere Vollzeitangestellte sowie Freiberufler praktizieren können. Durch eine Professionalisierung der Heilpraktikerausbildung und eine Verbesserung und Vereinheitlichung der Zulassungsüberprüfung nicht nur durch Ärzte, sondern auch erfahrene Heilpraktiker könnten erfahrene und besonders qualifizierte Heilpraktiker in die psychosoziale und medizinische institutionelle Versorgung integriert und zusammen mit anderen medizinischen und speziell ärztlichen sowie psychotherapeutischen Berufen in Gemeinschaftspraxen, Krankenhäusern und Hospizeinrichtungen arbeiten. Neben den bereits bestehenden fachspezifischen und allgemeinen Krankenhäusern für die medizinische Behandlung benötigen schwerstkranke und gegebenenfalls Pflegebedürftige insbesondere am Ende ihres Lebens integrative Einrichtungen wie Hospize, um Pflege und palliative ärztliche und medikamentöse Behandlung in einem würdigen Umfeld praktizieren zu können, wenn Angehörige Entlastung benötigen oder nicht vorhanden sind. Ansonsten ist auch im Bereich der Betreuung älterer, auf Pflegeleistungen angewiesener Menschen und Menschen am Lebensende durch integrierte teilstationäre und ambulante Angebote eine möglichst selbstständige und selbst bestimmte Lebensweise bis zum Schluss Ziel der Unterstützung.

11. Erneuerung des solidarischen Krankenversicherungswesens und Einbeziehung ergänzender, schonender und effektiver Behandlungsweisen und Psychotherapiemethoden: Das Krankenversicherungswesen, welches zur Finanzierung dieser Leistungen gegründet wurde, wird wieder den Prinzipien der Solidarität, der Selbstverantwortung und Selbstverwaltung durch die versicherten Mitglieder verpflichtet sein statt sich immer mehr in ein bürokratisiertes, anonymes Wirtschaftsunternehmen zu verwandeln. Kostengünstigere naturheilkundliche, homöopathische, phytotherapeutische und physiotherapeutische Behandlungen werden ebenfalls ermöglicht und den teureren medikamentösen und hoch technisierten, apparatemedizinischen Behandlungsmethoden der so genannten wissenschaftlichen oder Schulmedizin gleichberechtigt an die Seite gestellt. Günstigere und das soziale und Beziehungssystem berücksichtigende Modelle der Psychotherapie, z.B. lösungsorientierte, klientenzentrierte, systemische und familientherapeutische Ansätze der Kurzzeittherapie werden den klassischen verhaltenstherapeutischen, tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Behandlungsansätzen gleichgestellt. Der Mensch, seine Beziehungen zu sich, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt stehen wieder im Mittelpunkt sowohl gemeinschaftlicher wie eigenständiger, selbstverantwortlicher Präventions- und Heilungsbemühungen. Deshalb wird das Anteil nehmende, zuhörende, einfühlsame Gespräch der TherapeutInnen und ÄrztInnen und die persönliche, fürsorgliche Pflege, die sich Zeit für Körper und Seele des Patienten nimmt in den Mittelpunkt gestellt und entsprechend besser vergütet und in den Pflegesetzen berücksichtigt, als apparative und laborchemische Untersuchungen, deren Anwendungen durch mikroinvasive und computergesteuerte Verfahren immer sicherer, schonender und zeitsparender für den Patienten ausfallen sollten.

12. Besondere Formen der Jugendhilfe: Für verschiedene stationäre und pädagogisch begleitete Unterbringungsmöglichkeiten von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, die nicht mehr in einer Familie oder Pflegefamilie leben können oder wollen bestehen öffentlich finanzierte Jugendhilfeeinrichtungen. Die vornehmste Aufgabe der Jugendhilfe ist jedoch die umfassende Unterstützung der Familie und von Kindern und Jugendlichen in der Familie und Schule, um die Nachteile von Beziehungsabbrüchen zu vermeiden, wo immer dies verantwortbar ist.

13. Würdiger Umgang mit alten Menschen: Dem psychischen, sozialen, physischen und materiellen Wohlergehen der alten Menschen gilt ein besonderes gesellschaftliches Interesse, weil diese Menschen unsere Erinnerung, unsere Erfahrung und unsere Würde repräsentieren und ihr Wohl der Ausweis unserer Solidarität und unseres Wohlstandes ist. Ambulante und stationäre Betreuungseinrichtungen, die das Leben der Betagten erleichtern und verschönern und ihnen lange eine aktive Teilnahme an unserer Gesellschaft in selbst bestimmter Art zu wohnen und zu handeln ermöglichen, sind eine soziale, solidarische Gemeinschaftsaufgabe, die öffentlich finanziert wird.

14. Dem Wohl der Familien dienen: Dem psychischen, sozialen, physischen und materiellen Wohlergehen der Familien – das sind vor allem Erwachsene, die mit Kindern zusammen leben und die für deren Wohl sorgen – aber auch erwachsen gewordene Kinder, die für ihre alten Eltern sorgen - gilt ein besonderes gesellschaftliches Interesse, weil das Zusammenleben der Generationen eine Schule für die Liebe und die Solidarität in unserer Gesellschaft sind. Familien dürfen niemals ärmer werden, als Einzelhaushalte, weil sie für bedürftige Familienmitglieder sorgen und die Gemeinschaft sorgt auf verschiedene Weisen (Zuwendung, Steuervorteile, freie Bildung, freier Eintritt in Museen usw.) für Ausgleich.

15. Eine Neudefinition unserer ethischen Lebenseinstellungen und eine bedarfsgerechte Verteilung materieller Grundlagen: Langfristig benötigen die Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt einen neuen Zugang zu Ressourcen und Wohlstand, eine bedarfsgerechte Verteilung und eine Neudefinition unserer ethischen Lebensgrundlagen und unserer Beteiligungsrechte an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Produktionsarbeit oder Besitz dürfen nicht die alleinige Zugangsberechtigung zu voller Teilhabe an der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und für eine angemessene Bedürfnisbefriedigung sein.

16. Bedingungsloses Grundeinkommen: Alternative Wege angemessener individueller Bedürfnisbefriedigung sind beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden in einer Gesellschaft lebenden Menschen bis zum Tode unabhängig von der Arbeitsleistung und so bemessen, dass er in die Lage versetzt ist, wenn er will und kann, Produktionsarbeit oder Dienstleistungen zu verrichten. Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen und Betagte, die auch bei Interesse an Erwerbstätigkeit daran gehindert sind, Mittel über das Grundeinkommen hinaus zu erwerben, erhalten freie Heilsfürsorge durch öffentliche Mittel bzw. eine Krankenversicherung nach dem Solidaritätsprinzip und haben Anspruch auf weitere Hilfen, damit sie in angemessener Weise am Fortschritt und dem Wohlstand in der Gesellschaft teilnehmen können.

17. Finanzierungsquellen für öffentliche Aufgaben und allgemeine Bedürfnisse: Die persönliche Arbeitsleistung selbst soll nicht durch Steuern bestraft werden. Aus dem Bruttosozialprodukt, das primäre, sekundäre und tertiäre Wertschöpfung aus der Produktion, dem Handel, den Dienstleistungen und der Geldwirtschaft herstellt, werden nach einer gesellschaftlichen Konsensfindungsphase die öffentlichen Aufgaben aus einem Teil des Mehrwertes finanziert. Bis zu diesem Zeitpunkt werden weiterhin Ersatzlösungen mit gemischten Finanzierungsquellen aus Einkommensbesteuerung, Mehrwertsteuer, Kapitalsteuer, Erbschaftssteuer, Börsensteuer und Umweltsteuer Mittel für die öffentliche Hand einnehmen.

18. Nachhaltigkeit und ökologische Verantwortung: Eine soziale Gesellschaft ist langfristig eine nachhaltige, ökologische Gesellschaft. Die Verbrauchskosten für Energie und natürliche Ressourcen berechnen sich nach ihrem tatsächlichen Wert, dem Wiederbeschaffungswert einschließlich der Folgekosten für die Vermeidung oder Beseitigung von Umweltschäden und zusätzlich den Förder- und Transportkosten. Diese nicht unerheblichen Kosten werden schneller zur Ressourcen schonenden Lebensweise und der Verbesserung Umwelt bewahrender Technologien führen.

19. Ein Rechtssystem für inneren Frieden und für das Prinzip der Gewaltlosigkeit: Die Gemeinschaft schafft Rechtssicherheit für ihre Mitglieder durch kostenfreien und bedingungslosen Zugang zu Schiedsstellen und Gerichten in den Fragen von Grundrechten, Lebenssicherung und Gesundheit und sichert dadurch den innergesellschaftlichen Frieden und das Prinzip der Gewaltfreiheit. Zusätzlich gibt es ein gebührenfinanziertes öffentliches Zivilrechtssystem. Statt am Straf- und Racheprinzip orientiert sich das moderne Rechtssystem an der Notwendigkeit desTäter-Opferausgleichs, der Opferhilfe und einer gemeinsamen Erziehung zu prosozialem Verhalten.

20. Demokratisch legitimierte Machtverteilung und Teilhabe aller BürgerInnen: Gesellschaftliche politische und wirtschaftliche Macht wird nach demokratischen und sozialen Kriterien, die in einer sozialen, demokratischen, freiheitlichen Grundordnung festgelegt sind, auf frei und geheim gewählte Interessensvertreter auf Zeit verteilt. Dabei ist neben dem demokratischen Mehrheitsprinzip ein Beteiligungs- und Konsensprinzip ergänzend einzuführen, insbesondere in den lokalen und dezentralen Entscheidungsgremien. Es kommen mehrere Instrumente einschließlich plebiszitärer Abstimmungen zur Anwendung. Es ist sicher zu stellen, dass auch die Belange der Kinder und ihrer Familien durch ein abgestuftes Kinderwahlrecht mehr und mehr Berücksichtigung finden. Wo immer möglich werden das Demokratieverständnis und die Einwirkungsmöglichkeiten der BürgerInnen durch transparente dezentrale Entscheidungsstrukturen gefördert.

21. Der Weg von der Utopie zum konkreten Umbau der Gesellschaft: Um aus den Visionen und Willensbekundungen von einer sozialen Utopie zu einer konkreten, leb- und durchführbaren sozialen und demokratischen Gesellschaftsordnung voranzuschreiten, die eine Alternative zu Sozialabbau, individuellem Egoismus, Recht des Stärkeren, Diktatur des Geldwertes und zentralisierter Machtausübung einer bürgerfernen Bürokratie abgehoben agierender Berufspolitiker bedeuten, sind vielfältige Anstrengungen nötig. Es genügt nicht, Unzufriedenheit zu bekunden und linken Parteien oder Gewerkschaften zu überlassen, mit anachronistischen Staatsphilosophien einen neuen alten Sozialismus zu fordern. Die gesellschaftlichen Veränderungsaufgaben sind auch kein intellektuelles Problem. An jedem Arbeitsort, in Familien, Gremien, Vereinen, sozialen und gemeinnützigen Organisationen gibt es Möglichkeiten zur Basisarbeit und zum Entwerfen konkreter Handlungsmöglichkeiten. Dem privaten und öffentlichen Bildungswesen, Gesundheitswesen und dem Pflegebereich kommen im Zeitalter der Ökonomisierung und Ressourcendiskussion Schlüsselstellungen in unserer Gesellschaft zu. In diesen Bereichen bemerken wir die furchtbarsten Auswirkungen von Ausgrenzung, Kategorisierung, Sparzwang, neuer Armut, Ellenbogenmentalität, oberflächlichem Nützlichkeitsdenken, mangelnder Nachhaltigkeit, ja letztlich Lieblosigkeit, Herzlosigkeit, Seelenlosigkeit. Und auf diesen Bereichen ruhen dennoch die meisten Hoffnungen. Die Mitarbeiter und die Kunden, Klienten, Patienten, Nutzer der sozialen, medizinischen, psychologischen, pädagogischen und pflegenden Einrichtungen haben sowohl über die Bedeutung ihrer notwendigen Tätigkeiten und Dienstleistungen als auch über ihre Markt-Bedeutung als Kunden und Nutzer bei gemeinsamer Vorgehensweise eine unglaubliche Veränderungsmacht. Im Zeitalter der Globalisierung kommt es darauf an, sich zu vernetzen und an vielen verschiedenen Orten gemeinsam, konzertiert und dennoch selbstverantwortlich, kreativ und phantasievoll zu handeln und die Totschlagargumente von Struktur- und Sachzwängen mit dem Willen zu Selbstverantwortung und sozialer Gestaltung zu ersetzen. Dazu ist es notwendig, überall und dezentral Initiativen zu gründen und mit dem Handeln zu beginnen, sich in diesem Handeln aber mit Gleichgesinnten zu verbinden und auszutauschen. Da jeder Bürger in seinem Leben die Dienstleistungen von Schulen, Gesundheitswesen und Einrichtungen für Ältere schon genutzt hat oder Nutzen wird, liegt hier eine gemeinsame Begegnungsmöglichkeit für alle Menschen, ob arm, reich, gebildet, gesund, krank usw. Für die Gesundheit, die Bildung und die Würde seiner Mitmenschen zu arbeiten und sich für andere einzusetzen, schärfen Gewissen und soziale Verantwortung sowie Kompetenz, schult gleichzeitig aber auch den unbedingten Respekt vor der Eigenverantwortung, Freiheit und Würde des Einzelnen. Nutzen wir diese Erfahrungen und Fähigkeiten!

Michael Schlicksbier-Hepp, Wilhelmshaven, 8.1.2008


Es gibt in diesem Forum eine Fülle von ähnlichen Thematiken, die sich um das im "Manifest" - dies sei einmal als ein Ausdruck für einen Entwurf zu einem Aufruf verwendet - ausgedrückte Dilemma bzw. Ziel ranken, der Bericht Beziehung – Therapie – Ökonomie: Gesellschaft, Gesundheit und Geld" oder über "Psychosoziale Prävention". In diesem Themenstrang würde mich vorallem eine Weiterentwicklung und Diskussion der Punkte dieses Aufrufes interessieren. Dies steht im Zusammenhang mit dem geplanten Symposion am 18. und 19.4.2008 in Oldenburg: "Helfende Beziehungen als Ware? - Ästhetische Entwürfe jenseits des Ökonomisierungswahns". Da es auf dieser Veranstaltung tatsächlich auch um die Gestaltung konkreter Entwürfe gehen soll, könnte z.B. so etwas ähnliches wie ein "Nordwest-Manifest" oder Oldenburger Manifest mit einer konkreten Handlungsrichtung entstehen, das Veränderungsimpulse in das Gesundheitswesen und durch das Gesundheitswesen in die Geseltschaft tragen soll.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

2

Sonntag, 26. Dezember 2010, 01:25

Aufruf: Zur psychosozialen Lage in Deutschland

Die in der Gesellschaft für das psychosoziale Wohl ihrer Mitbürger Tätigen tun sich schwer mit den positiven Beschreibungen erstrebenswerter Utopien für ein solidarisches Miteinander, so wie ich es mit dem vorangegangenen Manifest versucht habe. Die Helfer scheinen selbst deprimiert und desillusioniert mehr oder weniger entsetzt auf sich ausbreitendes Elend eines sozialen Verfalls gesellschaftlicher Mitverantwortung im postmodernen Kapitalismus zu sehen. Der hier im Folgenden dokumentierte Aufruf verbindet nun beides: eine Klage wenn nicht Anklage sich zuspitzender psychosozialer Notlagen ohne angemessene gesellschaftliche Reaktion z.B. der Politik und Ökonomie darauf und die Verkündung einer Idee davon, was gebraucht würde.

Was leider nicht so genau in diesem Aufruf steht, ist ein Hinweis auf die Tatsache, dass die Denk- und Produktionsweisen unserer kapitalistisch-materialistischen Gesellschaft sich krankmachend sowohl ökologisch auf unsere Umwelt wie psychosozial auf unsere Gemeinschaften und unsere Innenwelt auswirken und wir diesem Phänomen nicht durch die Stellung individueller Diagnosen wie "Depression" oder "Abhängigkeit" oder "Anpassungsstörung" und deren Therapie Herr werden. Systemisch gesehen ist nicht das Individuum, das leidet, krank, sondern Gruppen und Individuen leiden an den Folgen kranker gesellschaftlicher Konstrukte. Die Krankheitssymptome wiederum sind sowohl Indikatoren als auch Selbstheilungsversuche und Hinweise darauf, was künftige Strategien zu berücksichtigen haben.

Wenn also auch sehr klagsam und wenig politisch aufrührend, wie man es sich von einer Versammlung von Chefärzten und Klinikleitern meist privater und privatwirtschaftlich arbeitender psychosomatischer Kliniken am ehesten auch vorstellen kann, ist so ein Aufruf zumindest als eine öffentlichkeitswirksame Initiative und Hinweis an die gesundheitspolitischen Lobbyisten der Bundestagsparteien im Grunde unterstützenswert und findet daher in diesem Forum auch Platz. Ich verdanke die Information einer Netzwerkerin aus dem Kreise meiner Körpertherapieausbilder und mache ihn daher hier weiter bekannt. Wir sind jedoch gefordert, uns der Klassifizierung immer größerer Menschengruppen als psychisch oder psychosomatisch krank entgegenzustellen, nicht um ihnen Hilfe zu verweigern, sondern um die wirklichen Verantwortlichkeiten aufzuzeigen: das krankmachende System und unsere Beiteiligung an seinem Funktionieren.

Zitat

Aufruf

[SIZE=3]Zur psychosozialen Lage in Deutschland[/SIZE]

Wir sind Fachleute, die Verantwortung für die Behandlung seelischer Erkrankungen und den Umgang mit psychosozialem Leid in unserer Gesellschaft tragen.

Wir möchten unsere tiefe Erschütterung über die psychosoziale Lage unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen.

In unseren Tätigkeitsfeldern erfahren wir die persönlichen Schicksale der Menschen, die hin­ter den Statistiken stehen.

Seelische Erkrankungen und psychosoziale Probleme sind häufig und nehmen in allen In­dustrienationen ständig zu.

Circa 30 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Suchterkrankungen.

Der Anteil psychischer Erkrankungen an der Arbeitsunfähigkeit nimmt seit 1980 kontinuierlich zu und beträgt inzwischen 15 – 20 %.

Der Anteil psychischer Erkrankungen an vorzeitigen Berentungen nimmt kontinuierlich zu. Sie sind inzwischen die häufigste Ursache für eine vorzeitige Berentung.

Psychische Erkrankungen und Verhaltensprobleme bei Kindern und Jugendlichen nehmen kontinuierlich zu.

Psychische Störungen bei älteren Menschen sind häufig und nehmen ständig zu.

Nur die Hälfte der psychischen Erkrankungen wird richtig erkannt, der Spontanverlauf ohne Behandlung ist jedoch ungünstig: Knapp 1/3 verschlechtert sich und knapp die Hälfte zeigt keine Veränderung, chronifiziert also ohne Behandlung.

In allen Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern, in allen Schichten und in allen Nationen zunehmenden Wohlstands nehmen seelische Erkrankungen zu und besitzen ein besorgniser­regendes Ausmaß.

Die gesellschaftlichen Kosten der Gesundheitsschäden durch Produktivitätsausfälle, medizi­nische und therapeutische Behandlungen, Krankengeld und Rentenzahlungen sind enorm.

Eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung ist weltweit nicht möglich. Trotz der kontinuierlichen Zunahme an psychosozialen medizinischen Versorgungsangebo­ten ist die Versorgung auch in Deutschland angesichts der Dynamik und des Ausmaßes der seelischen Erkrankungen nur in Ansätzen möglich.

Die Ursache dieser Problemlage besteht nach unseren Beobachtungen in zwei gesellschaftli­chen Entwicklungen:

1. Die psychosoziale Belastung des Einzelnen durch individuellen und gesellschaftlichen Stress, wie z. B. Leistungsanforderungen, Informationsüberflutung, seelische Verletzun­gen, berufliche und persönliche Überforderungen, Konsumverführungen, usw. nimmt ste­tig zu.

2. Durch familiäre Zerfallsprozesse, berufliche Mobilität, virtuelle Beziehungen, häufige Tren­nungen und Scheidungen kommt es zu einer Reduzierung tragfähiger sozialer Beziehun­gen und dies sowohl qualitativer als auch quantitativer Art.

Die Kompetenzen zur eigenen Lebensgestaltung, zur Bewältigung psychosozialer Problem­lagen und zur Herstellung erfüllender und tragfähiger Beziehungen sind den Anforderungen und Herausforderungen dieser gesellschaftlichen Entwicklungen bei vielen Menschen nicht gewachsen.

Angesichts der vorherrschenden gesellschaftlichen Orientierung an materiellen und äußeren Werten werden die Bedeutung des Subjektiven, der inneren Werte und der Sinnverbunden­heit dramatisch unterschätzt.

Wir benötigen einen gesellschaftlichen Dialog über die Bedeutung des Subjektiven, des See­lischen, des Geistig-spirituellen, des sozialen Miteinanders und unseres Umgangs mit Problemen und Störungen in diesem Feld.

Wir benötigen einen neuen Ansatz zur Prävention, der sich auf die grundlegenden Kompe­tenzen zur Lebensführung, zur Bewältigung von Veränderungen und Krisen und zur Ent­wicklung von tragfähigen und erfüllenden Beziehungen konzentriert.

Wir benötigen eine Gesundheitsbildung, Erlernen von Selbstführung und die Erfahrung von Gemeinschaft schon im Kindergarten und in der Schule, z. B. in Form eines Schulfaches "Gesundheit".

Wir benötigen eine ganzheitliche, im echten Sinne psychosomatische Medizin, die die ge­genwärtige Technologisierung und Ökonomisierung der Medizin durch eine Subjektorientie­rung und eine Beziehungsdimension ergänzt.

Wir benötigen eine Wirtschaftswelt, in der die Profit- und Leistungsorientierung ergänzt wird durch eine Sinn- und Lebensorientierung für die Tätigen.

Wir benötigen einen integrierenden, sinnstiftenden und soziale Bezüge erhaltenden Umgang mit dem Alter.

Wir benötigen eine das Subjektive und Persönliche respektierende, Grenzen achtende und Menschen wertschätzende Medienwelt.

Wir benötigen ein politisches Handeln, das bei seinen Entscheidungen die Auswirkungen auf das subjektive Erleben und die psychosozialen Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen reflektiert und berücksichtigt.

Wir benötigen mehr Herz für die Menschen.


Initiiert wurde der Aufruf von den folgenden Erstunterzeichnern:

Zitat

Erstunterzeichner

Klaus Buch, Leitender Arzt, Psychosomatische Klinik, Bad Kissingen

Dr. Andreas Elsen, Oberarzt, Psychosomatische Klinik, Stiefenhofen

Dr. Joachim Galuska, Ärztlicher Direktor Psychosomatischer Kliniken, Bad Kissingen

Matthias Gasche, Ärztlicher Leiter, Psychosomatisches Gesundheitszentrum, Düsseldorf

Dr. Thomas Henrichs, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Reichenhall

Dr. Rüdiger Höll, Ärztlicher Direktor, Psychosomatische Klinik, Potsdam

Dr. Friedrich Ingwersen, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Zwischenahn

Prof. Dr. Dr. Volker Kollenbaum, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Segeberg

Prof. Dr. Thomas Loew, Universitätsprofessor für Psychosomatische Medizin, Regensburg

Martin Lotze, Leitender Arzt, Psychosomatische Klinik, Potsdam

Dr. Reinhard Mumm, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Waldmünchen

Dr. Manfred Nelting, Ärztlicher Direktor, Psychosomatische Klinik, Bad Godesberg

Dr. Franz Pfitzer, Chefarzt Psychosomatik, Prien am Chiemsee

Dr. Volker Reinken, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Grönenbach

Dr. Bernd Sprenger, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Fürth

Erwin Schmitt, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Kissingen

Dr. Carsten Till, M.Sc., Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Breuberg

Dr. Michael Tischinger, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Stiefenhofen

Dr. Dr. Klaus von Ploetz, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Herrenalb

Dr. Johannes Vogler, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Isny-Neutrauchburg

Dr. Jochen von Wahlert, Ärztlicher Direktor, Psychosomatische Klinik, Bad Grönenbach


Auf der Hompage des Aufrufes kann dieser unterzeichnet und kommentiert werden.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

3

Dienstag, 10. Dezember 2013, 01:23

Diagnostizieren, Versorgen, Betreuen... Wo bleibt die Ursachenforschung, wo die Heilung?

Im letzten Freitags-Gespräch der "Wilhelmshavener Zeitung" vom 6.12.2013 unter dem Titel: "Die Zahl psychisch Kranker steigt dramatisch" äußert sich der ärztliche Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes der Stadt Wilhelmshaven, Thomas Bechert, besorgt: "Wir wissen nicht, wie wir die Jugendlichen versorgen sollen, die auf uns zukommen". Er verweist auf eine Verdoppelung der Fälle in elf Jahren, die die Mitarbeiter "betreuen" und darauf, dass "Jugendliche" "von 18 bis 25 Jahen" also Heranwachsende und junge Erwachsene, eine "Kerngruppe" darstellen.

Daher musste zunächst der Hinweis gegeben werden, dass sich Familien mit Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr an die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie überweisen lassen können, um Familien- und Psychotherapie zu erhalten. Im Notfall ist die Rufbereitschaft gleich verfügbar, in Regelfällen wird kurzfristig zurück gerufen und ein zeitnaher Termin vereinbart. Das Beratungszentrum der Stadt steht ebenso zur Verfügung und für pädagogische und soziale Notfälle von Kindern und Jugendlichen das Jugendamt. Doch alle drei Institutionen beobachten steigende Fallzahlen und die Nowendigkeit nachhaltiger Anstrengungen, zunehmender Vernetzung und Kooperation. Und eine Heilung dieser beklagten Zustände steht in weiter Ferne.

Ohne zu systematisieren, weist der Sozialpsychiater auf einige Ursachen hin: Gewandelte Belastungen in Familie und Beruf, Armutsmigration, Verarmung und Marginalsierung von Menschen und Gruppen sogar über Generationen, verfallende Mietshäuser, Verslumung ganzer Viertel, Zunahme von Existenzängsten bei Armen, Kindern und jungen Leuten, Fehlentwicklungen in Beziehungen und das Aufkommen neuer Süchte und Gefahren (Internet, "soziale Netzwerke"). Kritisch sieht er die unzureichende "Versorgung", eine überfüllte und überforderte Psychiatrie, Schwierigkeiten, gutes Personal, zu wenig attraktiven Gehältern und Bedingungen in Kliniken und öffentlichem Gesundheitswesen einzustellen, lange Wartezeiten auf ambulante Therapie, die Stigmatisierung psychisch Kranker und der davon abgeleitete geringe Status derjenigen, die sich um diese wachsene Randgruppe kümmern.

Herrn Becherts Feststellung: "Für junge Leute ist die Flucht in eine psychische Erkrankung oft die letzte Ausfahrt, die letzte Chance, sich noch in einem gesellschaftlichen Rahmen zu halten" ruft bei mir weiter gehende Überlegungen hervor, als seine löbliche Empfehlung, Kinder in wertschätzender Umgebung ohne Existenzängste aufwachsen zu lassen und ihnen Perspektiven zu geben. Ich betrachte eine Gesellschaft als "kränkend", ja "krank", die Lebensbedingungen zulässt, die krank machen und den Verlierern bei der sozialen Verteilung nur die Möglichkeit lassen, als diagnostizierte Kranke "im gesellschaftlichen Rahmen" zu bleiben, um "behandelt", "versorgt", "betreut" zu werden. Dieses System macht potentiell lebensfrohe, begabte und selbstständige Menschen zu Opfern, zunächst von versagter Teilhabe, dann von "Versorgung" und "Betreuung".

Wir benötigen eine Gesellschaft, die es als ihre soziale Aufgabe begreift, Familien, Kinder und Heranwachsende zu fördern und ihnen mit dem Ziel weitgehender Selbstständigkeit in einem sozialen Beziehungsnetz beizustehen, ohne sie für den Zugang zum Sozial- und Gesundheitssystem zu stigmatisieren, in dem sie sich als krank, psychisch labil, sozial schwach oder ungebildet bezeichnen lassen müssen. Ihr soziales, gesundheitliches und seelisches Wohl sollte in multiprofessionellen Teams gefördert werden, die keinen Überweisungsschein mit Diagnosen verlangen und Krankenkassen zunächst davon überzeugen müssen, wie krank oder verrückt ihre Mitglieder sind.

Und natürlich muss diese Gesellschaft ihren jungen Mitgliedern andere Perspektiven geben, als eine Verlängerung der Kindheit bis zum 25. Lebensjahr ohne eigenen Anspruch auf Unterhalt, Arbeit und selbstständiges Wohnen mit der Aussicht, immer mehr soziale Lasten einer alternden Bevölkerung zu tragen, während multinationale Konzerne und Finanzinstitute als Erzeuger von Geld und Reichtum immer weniger Abgaben für die Allgemeinheit entrichten und lohnabhängig Angestellte als Steuer- und Abgabenpflichtige in der Masse immer weniger verdienen und die von ihren Beiträgen abhängigen Sozialsysteme eben kollabieren, zumal sie immer mehr Ausgleichsleistungen bei prekären Lebens- und Beschäftigungsverhältnissen aufbringen müssen.

Die "wissenschaftliche Anerkennung" psychischer Krankheiten gleich den körperlicher Erkrankungen, die Ausweitung des psychischen Krankheitsbegriffes und der Diagnosen und die Identifikation angeblicher körperlicher Funktionsstörungen etwa im Bereich der Neurotransmitter und der hormonellen Steuerung als deren Ursache ist ein zweischneidiges Schwert. Die angebliche Aufwertung der psychisch Leidenden zu "echten Kranken" anstelle eines früher belächelten Hysteriebegriffes, der mindestens Neurotiker in die Nähe der Simulanten brachte sowie ein Verständniskonzept für so genannte "Geisteskrankheiten", die sie aus der Ecke der unberechenbaren Monster, der "Irren" und der "Schwachsinnigen" holen sollte, hat sich erwiesenermaßen nicht wirklich zugunsten der diagnostizierten Betroffenen ausgewirkt: Sie werden immer noch stigmatisiert, exkludiert und marginalisiert.

Eine weitere Auswirkung des derzeitigen medizinischen und psychiatrischen Konzeptes psychischer Erkrankungen verlegt die Letztverantwortung für das nicht Funktionieren im Sinne der Gesellschaft in Geist, Seele und Körper des betroffenen Menschen. Seine Gene sind "Schuld" an der Erkrankungsanfälligkeit, seine Lebensweise, sein Herkunftsmilieu, seine fehlenden Ressourcen oder die Minderwertigkeit der Ressourcen seines Systems, seines Milieus, seiner Schicht. Letztlich zielt alles wieder auf die schlechte Herkunft, auf die Abstammung ab. Die sozialen Faktoren und die Ursachen dafür werden in der Regel völlig ausgeblendet oder lediglich bis zum Kreis der erweiterten Familie beachtet. Die Teilhabe an der Gesellschaft, an deren Geldmittel, Bildungsinstitutionen und Einflussmöglichkeiten werden selten im Ganzen angemessen gesehen und berücksichtigt.

Ich glaube, dass die sozialen und seelischen Funktionsstörungen Einzelner oder von bestimmten Gruppen und unser gesamthafter Umgang damit unsere persönlichen Beziehungen und unsere Umgangsweisen mit uns, unseren nächsten Mitmenschen und makroskopisch innerhalb der Gesamtgesellschaft repräsentieren. Unsere krankmachende und daher kranke Gesellschaft verhält sich im Großen so, wie wir uns in dysfunktionalen, schädigenden, ausbeuterischen, Abhängigkeit erzeugenden Beziehungen verhalten, gegenüber unseren Partnern, Eltern und Kindern. Schlecht funktionierende, asoziale, zerrissene, schizophrene Gesellschaftsmodelle sind der Spiegel unserer Seele, unseres entfremdeten Umgangs mit uns selbst und mit unseren Nächsten und mit unserer natürlichen Umwelt.

Unsere Staaten und unsere Wirtschaftsunternehmen sind im Kern wie große Familien oder Clans aufgebaut. Wenn die Chefs, die Führer, die Elternpersönlichkeiten unreif, ängstlich, herrschsüchtig, kontrollierend, eifersüchtig, eitel, gierig und egoistisch sind, haben sie keinen Blick mehr auf das Wohl Aller und verlieren ihre Kinder aus den Augen, um nur ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und sich mit Anderen in ähnlicher Position um noch mehr Macht, Geld und Ansehen zu streiten. Gute Eltern sorgen für ein reichliches Angebot an geistiger, seelischer und körperlicher Nahrung für alle ihre Nachkommen. Sie sind gerecht im Kreise ihrer Verwandten und sie bemühen sich, selbst gute Vorbilder zu sein. Sie überlegen ihre Handlungen, sind vorausschauend und tragen Sorge für die Zukunft Aller. Sie mehren das Erbe der Jungen und beuten sie nicht für ihre Bedürfnisse aus.

Dafür schätzen die Jungen die Älteren, fragen sie um Rat, ohne sich von ihnen abhängig zu machen und die Alten unterwerfen die Jungen auch nicht mit ihrem Geld und ihren Gesetzen. Die Generationen pflegen eine natürliche Partnerschaft. Die Jungen erhalten Aufgaben und Anerkennung, man traut ihnen etwas zu und gönnt ihnen Gutes und weiß um ihre Wichtigkeit für das Fortbestehen der Gesellschaft. Diese wiederum scheuen sich nicht, den Älteren zuzuhören, weil diese sich nach einiger Zeit um Weisheit bemühen und nicht mehr um Macht und weil sie ihren Kindern nicht größere Bescheidenheit abverlangen, als sich selbst. Daher sind sie ein ehrbares Beispiel für die Grenzen des Wachstums. So haben die Jungen keine Ursache, den Älteren ihren Wohlstand zu missgönnen, weil er nicht anmaßend ist und auf Kosten der Jungen und der Zukunft gewonnen.

Aber diese gesellschaftlichen Ideale finden wir in einer spätkapitalistischen Welt am Rande des Kollaps nicht wieder. Die Einen prassen noch ohne Rücksicht auf Verluste, während die Anderen sich bereits das Notwendigste einteilen müssen und oft nicht haben oder erwerben können. Zwietracht und Streit entstehen aus Eifersucht und Neid. Die Gier der Einen findet keine natürliche Grenze mehr, bis sie die andere Seite ganz aufgefressen hat. Die Gräben der Gesellschaft werden zu Schützengräben und das weltweit, denn die ungerechten Strukturen finden sich überall auf der Welt. Das ist nicht nur zutiefst besorgniserregend, es ist krank, kränkend, krankmachend. Nur verrückt kann man das eine zeitlang aushalten und man muss wirklich geistesgestört sein, um eine solche Welt zu wollen. Ist es nicht ein schwere Neurose, die Folgen des eigenen ungerechten Handelns völlig zu verdrängen?

Da fällt es Psychiatern, Psychologen und sonstigen Wissenschaftern im Dienste einer solchen ungerechten Gesellschaftsideologie leichter, einzelne Menschen als krank zu bezeichnen, als depressiv, persönlichkeitsgestört, geisteskrank und einzelne soziale Gruppen, denen viele dieser Gebrandmarkten entstammen sollen, als quasi genetische Ursache für entweder dissoziales oder pathologisches Verhalten. Doch die Ursache liegt genauso in dem asozialen Verhalten so genannter Eliten und ihrer egozentrischen, ja egomanen Protagonisten, denn sie sind wie Krebszellen, die ihre Wachstumsbegrenzung verloren haben und dem Gesamtorganismus befehlen, nur noch sie zu ernähren. Das endet bei diesem Beispiel nicht selten mit dem Tod des Organismus und des Krebstumors, also der Gesellschaft und ihrer Elite.

Gute Eltern handeln anders. Sie haben auch eine andere Sprache. Sie "versorgen" nicht bloß irgendwelche Kranke, die sie abgesondert haben und "betreuen" sie, nachdem man sie für hilflos, schwach und somit für unmündig, infantil, erklärt hat. Gute Eltern pflegen ihre kranken Kinder liebevoller, als sich selbst. Sie wenden Ihnen Zeit und Beziehung zu und belassen es nicht bei Pillen und Krankenanstalten. Sie zwingen sie nicht, sich zu demütigen mit "Krankheitseinsicht" und verlangen nicht, den eigenen Willen aufzugeben. Sie freuen sich über jeden Fortschritt und geben ihren Kindern viel Bestätigung, nicht als Kranke, sondern als Menschen. Sie sagen ihnen nicht ständig, dass sie selbst Schuld an ihrer Misere sind.

Klug und geschickt führen feinfühlige Eltern sie auf den Weg der Genesung und trauen ihnen immer mehr zu und wenn sie wieder zu Kräften kommen, halten sie sie nicht künstlich zurück. Sie lehren sie auch, auf die Stimme ihrer Seele und ihres Körpers zu hören und bewahren sie so vor Überforderung durch Müßiggang oder Raubbau an ihren Kräften. Sie achten auf ein Gleichgewicht, wie sie es aus der Natur kennen und sie bemühen sich selbst, die Gesetze der Harmonie zu erforschen und zu befolgen und sind ihren Nachkommen darin ein Beispiel. Wichtige Fragen beraten und besprechen sie gemeinsam, hören einander zu und wägen alle Seiten ab. Sie erkennen Fehler und sind bereit, nach neuen Informationen neue Entscheidungen zu treffen. Es gibt immer mal wieder einige wenige, die zum Teil in jahrzehntelanger Reifung diese guten Elterneigenschaften besitzen und ausstrahlen und Manche sind sogar in der Öffentlichkeit erkennbar wenn sie öffentliche Ämter übernehmen; z.B. war Nelson Mandela so einer.

Es gibt keinen Zweifel, dass eine Gesellschaft mit fürsorglichen und freiheitsliebenden Eltern gute, respektvolle, neugierige Kinder hat, die auch den Ausgleich, die Harmonie und das Miteinander lieben und weniger das Gegeneinander um jeden Preis. So halten sich die Pole die Waage und es gibt genügend Herausforderungen und Spaß für jeden und dennoch die Sicherheit, dass man aufeinander achtet und sich unterstützt, wo es nötig ist, sodass die Rechte des Einzelnen wie der Allgemeinheit zu einem gerechten Ausgleich kommen und nicht die eine Seite zu Ungunsten der anderen völlig überhand nimmt. Es wird keine Gesellschaft hemmungsloser Egoisten und keine dröge Gleichmacherei geben.

Eine solche Gesellschaft wird nicht aus der Macht eines Einzelnen oder einer abgeschirmten Elite kommen. Die platonische Utopie einer Diktatur weiser Philosophen hat in ihrer Nachahmung am Ende nur zur Verzweiflung und zur Gewalt geführt und die ist keine Lösung. Sie ist noch der Ausdruck der Dysharmonie in uns selbst und der Ängste und Alpträume, die diese in uns verursacht und die wir nach außen projizieren, auf andere Gruppen oder individuelle Menschen. Lassen wir hingegen die Pole in uns selbst sichtbar werden und gleiten wir wie ein Wellenreiter von Wellenberg zu Wellenberg immer wieder durch das Wellental, können wir auch gesamtgesellschaftlich dazu beitragen, die Balance zu finden und zu halten.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)