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Mittwoch, 30. Mai 2007, 08:52

Der Mensch als Ware - Zum Nachdenken

Zitat

Original von erik
Outcry over TV kidney competition

A Dutch TV station says it will go ahead with a programme in which a terminally ill woman selects one of three patients to receive her kidneys.

http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/6699847.stm



Eriks Hinweis auf eine neue Blüte der TV-Shows hat mich zu einigen Gedanken angeregt. Das angekündigte Vorhaben des holländischen Fernsehsenders mag Entsetzen auslösen und doch scheint mir hier eine logische mediale Weiterentwicklung der allgemeinen Kommerzialisierung zu beobachten zu sein, die selbstverständlich nicht vor der Ausbeutung intimster menschlicher Gefühle halt macht, solange es dafür neugierige Konsumenten gibt. Der "Seelenverkäufer" ist nicht mehr ein abstruses Sujet des Aberglaubens und der Märchenerzähler und die Figuren des genialen Goethe, Dr. Faust und Mefisto, haben den Sprung aus der Weltliteratur in die Medien, Operationssäle und Organbörsen geschafft. Der Mensch wird nach wie vor als Ware betrachtet, auch wenn die Sklaverei zumindest auf Plantagen in unseren Breiten offiziell als abgeschafft betrachtet wird, sieht man mal von Sexsklaven der Mädchen und Frauenhändler ab oder, vielleicht etwas weniger dramatisch, von "Leiharbeitern" und osteuropäischen "Saisonkräften" als Landarbeiter auf den Spargelfeldern, die unter Mindestlohn schwer schuften und davon noch Hunderte von Euro für ein überbelegtes Zimmer und "Hundefutter" (so ein Betroffener) als Verpflegung abgeben müssen. Der Mensch als Konsument, als Ersatzteillager, als Rollenspieler und zum Teil noch als Malocher ist in unserer Gesellschaft gefragt. Man kann Organe kaufen und verkaufen, man kann sich gegen Bestechungsgelder im Einzelfall schneller unter das Messer eines windigen Chirurgen legen lassen, man kann Embryonen in der Reproduktionsmedizin für alle möglichen, auch künftige (medizynische) Verwendungszwecke auf Halde produzieren lassen, man kann sich sein Antlitz, seine Hüften und die Brüste model-like umoperieren lassen. Der Mensch als Konsument und als Dienstleister prostituiert sich in jeder Weise. Wird er dazu gezwungen, oder entscheidet er am Ende selber?

Und obwohl sich die tiefere, psychologische Selbstentfremdung der modernen Jünger des Dr. Faustus und seines Mephisto inzwischen immer weniger nach Kulturzugehörigkeit und Bildungsstand zu unterscheiden scheint, bleibt ein Unterschied bis auf absehbare Zeit offenbar weiterhin bestehen: der zwischen arm und (relativ) reich, zwischen vermögend und unvermögend, zwischen den Bürgerlichen in unseren wohlhabenden Gesellschaften und den Habenichtsen am Rande und denen in den Dritt- und Viertweltländern. Immerhin können unsere Versicherten sich die benötigten Organe noch nach einer gewissen Wartezeit kaufen. Sie stammen natürlich aus den "Kollateralschäden" der technisierten, industrialisierten und kommerzialisierten globalen Umwelt. Bei uns stranden die Opfer der Verkehrsunfälle und ungiftigen Selbstmorde oder die Schlaganfallsopfer unserer Hochdruckarbeitswelt in den Netzen der Organindustrie, wo den Sterbenden, so genannten "Hirntoten", die Ersatzteile für die Siechen entnommen werden. In den Entwicklungsländern verkaufen Familienväter- und -mütter oft noch bevor sie eines ihrer Kinder verkaufen, eine Niere für einen kleinen Überlebensscheck für ihre Angehörigen, die der Pflege der Operierten kaum gewachsen sein dürften. Hierzulande käme wohl auch kaum ein Todkranker auf die Idee, sich einem Knochenhändler zu verkaufen, der nach dem absehbaren Ableben "Homo-Skelette" und "Homo-Schädel" für medizinische Fakultäten, Physiotherapieschulen und Kuriositätensammler aus den sterblichen Überresten fertigt, wie es Dominique Lapierre in seinem ergreifenden Roman "Stadt der Freude" über das Schicksal eines indischen Landvertriebenen und Rikscha-Fahrers aus Kalkutta schildert. (Zum Thema Organverpflanzung siehe auch Diskussion unter http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=992&sid= )

Wenn wir uns also heute ernsthaft die Frage stellen, ob der Mensch eine Ware geworden oder geblieben ist, ob wir die Sklaverei tatsächlich abgschafft haben oder nur subtilere Methoden der (Selbst-)Versklavung erfunden haben, ob Beziehungen z.B. in Form von "Beziehungsarbeit", "Therapien" und körperliche Prostitution erwerbbar und möglicherweise noch "ehrlicher" sind, als der gegenseitige unerkannte Mißbrauch, den wir gerne miteinander treiben ("Ich bin lieb zu Dir, wenn Du lieb zu mir bist..."), auf welche Antworten würden wir dann kommen? Und langweilen wir uns in unseren "verlogenen" Beziehungen in den Familien, an den Arbeitsplätzen, in Vereinen und Parteien so sehr, dass wir neugierig und sensationslüsternd jede "Soap-Doku" und jede TV-Show zum Thema Sex, Schönheits-OP, Krankheit, Tod, Gewalt, Ehedrama usw. gierig aufsaugen? Was ist denn das Erfolgsrezept von "Big brother", "DSDS" ("Deutschland sucht den Superstar"), "Germany's next topmodel", der ganzen Vormittags- und Late-night-talkshows und jetzt dieser Organshow im holländischen Fernsehen? Je rüder und flapsiger die Moderatoren ihre "Gäste" heruntermachen und lächelnd maximal ein paar Zehntausend Euro an die "Spielverderber" als zusätzliche Gage nach medienwirksamen Beleidigungsprozess abdrücken, desto höher die Einschaltquoten. Alles Kalkül der Medienkonzerne und Werbebranche, oder? Auch das Leid der Eltern entführter Kinder ist unter deren Mithilfe ausbeutbar, wenn sie vom TV-Konsumenten gegen wohligen Schauer im Fernsehsessel Informationen über den Verbleib ihres Kindes erhoffen und dafür die Medien möglichst live mit intimen Familiendetails und echten Tränen bedienen.

Ist eine Mediengesellschaft eine demokratische Gesellschaft? Ist eine durchkommerzialisierte Gesellschaft des "freien Marktes" eine freie Gesellschaft? Anscheinend schon, wenn man denkt, der "freie Konsument", der liquide Kunde bekommt auf dem "freien Markt" was er will und sich leisten kann. Alles ist käuflich und Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Alles ist eine Ware, doch nicht für alle ist der Weg zum Geld und zur Ware Arbeit. Und doch ist für jeden der Weg zu sich selbst gleich schwer. Es fällt uns sicher allen leicht, die Mißstände anzuprangern und die in den Medien abgebildeten Protagonisten und Exponenten zu verurteilen, um uns von ihnen und ihren vermeintlich fehlgeleiteten Motiven wohltuend abzuheben. Meine bisherigen Worte zur Einleitung dieses Themas sind auch ein Beispiel dafür, denn ich verwende genauso die Instrumente der Beurteilung und sammle auf diese Weise die Früchte der polarisierenden Empörung. Aber Vorsicht: auch eine Be- oder Verurteilung ist eine Form der Entfremdung, ist eine Verdinglichung und besitzt Waren- bzw. sogar Waffen-Charakter. Letztlich geht doch alles um Angst und die vermeintliche Macht, uns vor unserer Verletzlichkeit zu schützen. Und zu welchen Gedanken und Fragen kommt man dann, wenn man sich z.B. die möglichen persönlichen Hintergründe einer solchen "Organ-Show" mit einer Sterbenskranken und drei Bewerbern um die Organe, die die zukünftige Spenderin austestet und auswählt, vergegenwärtigt?

Die Spenderin hat möglicherweise Angst, zu sterben oder vor dem Tod. Sie möchte vielleicht vorher noch vor aller Augen etwas richtig Gutes tun und ihre brauchbaren Teile, die dadurch in einem anderen Menschen weiter leben, jemandem schenken, der es ihrer Meinung nach "wirklich verdient". Sie möchte vielleicht einem anderen helfen und sich dabei in zweifacher Hinsicht, materiell und im Gedächtnis der Empfänger und Konsumenten "verewigen". Sie möchte das angebotene Geld möglicherweise nutzen, um sich oder ihren zurückbleibenden Erben noch etwas Gutes zu tun. Sie hat eventuell wie das entsprechende Medienunternehmen den honorigen Gedanken, etwas zur Aufklärung über die Not der wartenden Organempfänger und den Nutzen der Transplantationsmedizin beizutragen und der Fernsehsender spendet unter Umständen noch ein Sümmchen für die HLA-Typisierung von Knochenmarksspendern für leukämiekranke Kinder. Es könnte sogar sein, dass viele Menschen anrührend aufgemachte so genannte Dokumentationen über soziale und emotionale Leidwelten ihrer unbekannten Mitmenschen verfolgen, weil sie ein inneres Bedürfnis befriedigen möchten, mit anderen mitfühlend und sorgend umzugehen. Ja, diese Motive und Handlungsweisen mögen höchst problematisch und wiederum leidverursachend sein, aber wir können letztlich selbst entscheiden, ob wir bei unserer Neigung bleiben wollen, zu verurteilen und damit einer polarisierenden Weltordnung weiter anzugehören, die die Voraussetzung für Entfremdung und Kommerzialisierung von Ängsten, Schutz- und Machtbedürfnissen ist, oder ob wir Mitgefühl empfinden und damit auch bei uns selbst beginnen, unsere Beziehungen aus dem Mißbrauch zu erlösen, der auch mit einer Formel wie dieser beginnt: "Wenn Du mir Gutes tust, tue ich Dir Gutes und wenn Du lieb zu mir bist, bin ich lieb zu Dir..."

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Donnerstag, 31. Mai 2007, 11:00

Ein Presse-Echo

Dann auch hier noch mal:

Zitat

Niere zu gewinnen
Ein Zankapfel ist die geplante Organspende-Show in den Niederlanden. Unklar ist, ob die Niere überhaupt zu nutzen ist

"Fantastisch" und "das war an der Zeit", rufen die einen, "geschmacklos" und "unethisch" die anderen. Die jüngste Produktion aus dem Hause Endemol ("Big Brother") wirbelt schon vor ihrer Ausstrahlung Staub auf. Ungeachtet scharfer Proteste und Verbotsforderungen wird der niederländische Fernsehsender BNN morgen eine Reality-Show der besonderen Art ausstrahlen: Der Sender will einem von drei Nierenpatienten die Hoffnung auf eine neues Organ erfüllen. Zur Verfügung stellt es eine "Lisa" (37), die an einem inoperablen Hirntumor leidet und in der Sendung aus den drei Bewerbern den Gewinner ihrer Niere auswählen wird.

Selbstverständlich soll die "Big Donor Show" interaktiv sein. Nachdem "Lisa" während der Sendung Interviews mit den drei Bewerbern geführt hat, können die Zuschauer per SMS abstimmen, wen sie für den geeignetsten Empfänger des Spenderorgans halten. Darüber entscheiden allerdings, "wer der Glückliche ist", werde "Lisa" ganz allein, erklärt der Sender. Mit der Show wolle BNN ein Schlaglicht auf die prekäre Organspendensituation in Holland werfen.

Eine Niere als Hauptgewinn in einer Unterhaltungsshow? Konservative Politiker äußerten zuletzt mehrmals ihren Abscheu. Der Christdemokrat Joop Atsma meinte im Gespräch mit Radio 1: "Das geht wirklich nicht, das muss man stoppen" - schon allein aus Rücksicht auf die beiden dann abgelehnten Kandidaten. Atsma versuchte am Dienstag, den zuständigen Minister zu bewegen, die Ausstrahlung der Sendung verbieten zu lassen. Doch Kulturminister Ronald Plasterk erklärte eine solche Intervention für unzulässig. Der Sozialdemokrat bezeichnete die geplante Sendung aufgrund des enthaltenen wettbewerblichen Elements zwar auch als "unpassend", die Verfassung verbiete jedoch Eingriffe in den Inhalt von Programmen. "Das wäre Zensur", so Plasterk.

Und so dürfte das morgige TV-Spiel eine Topquote erzielen. Endemol und BNN machen die Show nach eigenen Angaben nicht des Geldes wegen, die Einnahmen kämen einer Stiftung zugute. Die Publicity, auch die negative, bestärkt beide Firmen in ihrem Vorhaben. "Wir wollten etwas drastischer als bisher auf den Mangel an Organspenden hinweisen", erläutert BNN-Chef Laurens Drillich die Formel hinter der "Big Donor Show". Natürlich hätte man auch eine Dokumentation oder einen Diskussionsabend bringen können. "Aber dann kannst du sicher sein, dass kein Schwein guckt", sagt der Vorsitzende des Senders, dessen verstorbener Gründer 13 Jahre auf eine Spenderniere wartete.

"Ich verstehe, dass viele Menschen das für geschmacklos halten", ergänzt BNN-Chef Drillich. "Ich finde das selbst auch geschmacklos. Aber die Realität ist noch viel geschmackloser. Deshalb: Der Zweck heiligt die Mittel." Nach Drillichs Angaben warten in Holland Patienten im Schnitt mehr als vier Jahre auf ein Spenderorgan. Jedes Jahr würden 200 von ihnen sterben, weil nicht rechtzeitig transplantiert werde. In der TV-Show lägen die Chancen bei 33 Prozent - und damit "deutlich höher als für die Menschen auf den Wartelisten".

"Lisas" Niere soll noch vor dem Tod der 37-Jährigen transplantiert werden. Nur so ist gewährleistet, dass ihr Organ dem von ihr ausgewählten Spender zugute kommt. Nach Rechtslage in Holland darf, wer am Leben ist und ein Organ spenden möchte, selbst bestimmen, wem er es zukommen lässt. Kaum diskutiert werde nach Ansicht der Nederlandse Transplantatie Stichting, ob das Organ der Frau aus der TV-Sendung überhaupt für eine Transplantation in Frage komme. In der Regel spendeten gesunde Menschen. Im Falle der Frau mit dem Hirntumor sei es unwahrscheinlich, dass sie spenden kann.

Obwohl BNN behauptet, für die Transplantation konkrete Absprachen mit einer Klinik getroffen zu haben, hat Hans de Fijter, der Vorsitzende des Zusammenschlusses der sieben Transplantationskliniken Hollands, jedweder Zusammenarbeit eine klare Absage erteilt. "Organlotterien dieser Art gehen entschieden zu weit", befindet Fijter. Er betont, dass Nierentransplantationen ausschließlich in den sieben genannten Zentren durchgeführt werden dürfen. Der Rotterdamer Chirurg Willem Weimar stellt klar: "Eine Fernsehsendung wird uns nicht vorschreiben, wen wir wann zu operieren haben."

taz vom 31.5.2007, S. 3, 116 Z. (TAZ-Bericht), HENK RAIJER - http://www.taz.de/dx/2007/05/31/a0163.1/text



Zitat

Der eigentliche Organ-Skandal
Kommentar von PHILIPP GESSLER

Ja, diese Show bewegt sich jenseits des guten Geschmacks. Drei Schwerkranke, die im öffentlichen Wettbewerb um eine dringend benötigte Organspende konkurrieren? Das sprengt die Grenze einer gewöhnlichen Unterhaltungssendung. Am Ende der Reality-Show soll eine Organspenderin namens "Lisa", die selbst an einem unheilbaren Gehirntumor leidet, dann entscheiden, wem sie ihre Niere zur Verfügung stellt. Das hat noch vor Sendestart eine heftige Debatte ausgelöst, weit über die Niederlande hinaus. Doch insgesamt dient die Sendung einem guten Zweck.

Nun heiligt der Zweck nicht alle Mittel. Und Stirnrunzeln ist angebracht, weil die Sendung von den "Big Brother"-Produzenten Endemol stammt und ja auch Quote bringen soll. Zu denken gibt auch, dass sich etwa das niederländische Nieren-Institut zwar über die Publicity freut, die das vernachlässigte Thema Organspende nun bekommt. Zugleich erklärt es klipp und klar, die Art der Präsentation sei "definitiv nicht unsere Wahl".

Dennoch ist die Show zu verteidigen. Zum einen sind solche Provokationen grundsätzlich von der Pressefreiheit gedeckt. Zum anderen darf man dem Sender glauben, dass es ihm in erster Linie darum geht, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Denn dessen Gründer starb vor fünf Jahren an Nierenversagen, nachdem er jahrelang vergeblich auf eine Organspende gewartet hatte.

Zu Recht muss man deshalb fragen, was eigentlich der größere Skandal ist - diese Sendung oder die Organspende-Realität in Europa. Nach Angaben der Europäischen Kommission sterben in Europa täglich zehn Menschen, weil sie zu lange auf ein Spenderorgan warten mussten. Derzeit stehen 40.000 Europäer auf einer Warteliste für eine Organspende; in den Niederlanden warten Bedürftige im Schnitt vier Jahre.

Um diese Realität anzuprangern, sind auch drastische Mittel erlaubt. Zumal hier niemand geschädigt wird, im Gegenteil: Die Chance der drei Kandidaten, eine Niere von der Spenderin "Lisa" zu bekommen, ist viel höher, als sie auf offiziellem Wege zu erhalten. Die krasse Show ist deshalb eine Mahnung: noch heute einen Organspende-Ausweis auszufüllen. Um solche Shows in Zukunft unnötig zu machen.

taz vom 31.5.2007, S. 1, 62 Z. (Kommentar), PHILIPP GESSLER - http://www.taz.de/dx/2007/05/31/a0106.1/text

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Donnerstag, 31. Mai 2007, 23:27

RE: Ein Presse-Echo

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Original von erik
Dann auch hier noch mal:

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Niere zu gewinnen

Dennoch ist die Show zu verteidigen. Zum einen sind solche Provokationen grundsätzlich von der Pressefreiheit gedeckt. Zum anderen darf man dem Sender glauben, dass es ihm in erster Linie darum geht, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Denn dessen Gründer starb vor fünf Jahren an Nierenversagen, nachdem er jahrelang vergeblich auf eine Organspende gewartet hatte.

Zu Recht muss man deshalb fragen, was eigentlich der größere Skandal ist - diese Sendung oder die Organspende-Realität in Europa. Nach Angaben der Europäischen Kommission sterben in Europa täglich zehn Menschen, weil sie zu lange auf ein Spenderorgan warten mussten. Derzeit stehen 40.000 Europäer auf einer Warteliste für eine Organspende; in den Niederlanden warten Bedürftige im Schnitt vier Jahre.

Um diese Realität anzuprangern, sind auch drastische Mittel erlaubt. Zumal hier niemand geschädigt wird, im Gegenteil: Die Chance der drei Kandidaten, eine Niere von der Spenderin "Lisa" zu bekommen, ist viel höher, als sie auf offiziellem Wege zu erhalten. Die krasse Show ist deshalb eine Mahnung: noch heute einen Organspende-Ausweis auszufüllen. Um solche Shows in Zukunft unnötig zu machen.

taz vom 31.5.2007, S. 1, 62 Z. (Kommentar), PHILIPP GESSLER - http://www.taz.de/dx/2007/05/31/a0106.1/text


Lieber Erik,

Du kommentierst Deinen Hinweis auf die Sendung und das Presse-Echo aus der TAZ nicht. Auch die linke Tageszeitung unterscheidet sich offenbar nicht von anderen Medien, indem sie nun auch im Sinne der Transplantationslobby etwas unkritisch und undifferenziert mit dem Hinweis auf wartende Kranke und das individuelle Schicksal des Gründers der Sendung in das populistische Horn blasen, denn das kommt auf jeden Fall gut. Schwieriger und weniger populär ist es, sich mit der Schattenseite des Transplantationswesens auseinander zu setzen, etwa wie wir das hier im Forum in der entsprechenden Diskussion getan haben: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=992&sid=

LG, Michael
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Montag, 4. Juni 2007, 11:22

"Der Zweck heiligt die Mittel": "Organ-Show" füllt "Ersatzteillager"

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Original von Michael

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Original von erik
Dann auch hier noch mal:

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Niere zu gewinnen
Ja, die Show bewegt sich jenseits des guten Geschmacks. ... Nun heiligt der Zweck nicht alle Mittel ... Dennoch ist die Show zu verteidigen. ... Um diese Realität anzuprangern, sind auch drastische Mittel erlaubt. Zumal hier niemand geschädigt wird, im Gegenteil: Die Chance der drei Kandidaten, eine Niere von der Spenderin "Lisa" zu bekommen, ist viel höher, als sie auf offiziellem Wege zu erhalten. Die krasse Show ist deshalb eine Mahnung: noch heute einen Organspende-Ausweis auszufüllen. Um solche Shows in Zukunft unnötig zu machen.

taz vom 31.5.2007, S. 1, 62 Z. (Kommentar), PHILIPP GESSLER - http://www.taz.de/dx/2007/05/31/a0106.1/text

Schwieriger und weniger populär ist es, sich mit der Schattenseite des Transplantationswesens auseinander zu setzen, etwa wie wir das hier im Forum in der entsprechenden Diskussion getan haben: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=992&sid=

Ob Pilipp Gessler mit seiner Forderung jetzt zufrieden ist? Ich sah einen Fernsehkommentar gleich nach der gefakten und nach wie vor umstrittenen niederländischen "Organspende-Show". Am Ende der Sendung hatten die Macher ihre perfekt inszenierte mediale Täuschung aufgeklärt: Die potenziellen Empfänger, die in persönlichen Fragen ihre Leben ausbreiteten und teileise sogar Fragen nach Parteienpräferenz und Wählverhalten zu beantworten hatten, waren "echte Kranke", die angeblich todgeweihte Hirntumorpatientin, die sich einen Empfänger für ihre Niere auswählen wollte, sei eine Schauspielerin gewesen, die hoffentlich nie in eine vergleichbare Lage kommt. Als dann Sendeteams im Anschluss an die Show Zuschauer, u. a. eine Gruppe niederländischer Studenten befragte, reagierten die Geblufften verblüffend mit Verständnis im Sinne des alten jesuitischen Credos des TV-Senders und eines Kommentators wie Philipp Gessler: "Der Zweck heiligt die Mittel" und füllten Anträge für Organspende-Ausweise aus. Tatsächlich schienen sich viele Kommentatoren einig zu sein, dass die Sendung geeignet gewesen sei, die Organspendebereitschaft zu erhöhen. Wird dies für eine Entspannung der "Ersatzteillage" sorgen, wie die Initiatioren dieser Show es sich wünschten?

Dieser verblüffende Erfolg des Bluffs könnte auch ein anderes gesellschaftliches Problem unserer biologischen Vitalität in den reichen Industrienationen belebend lösen helfen, den von den Politikern vielfach angeprangerten und für unsere Rentensysteme gefährlichen Geburtenmangel. Könnte ein entsprechendes Sendeformat die leeren Wiegen auf den Gerburtsstationen füllen helfen? Man könnte sich eine Gruppe von einsamen Greisinnen und Greisen vorstellen, die keine eigenen Kinder oder Enkel haben und von Elternpaaren in einer "Leih-Oma und -opa-Biete-Show" für ihren Nachwuchs für die Lebensstellung von Ersatzgroßeltern ausgesucht werden sollen. Die Rentner könnten ihre Gewinnchancen dadurch steigern, dass sie versprechen, für die Kinderbelustigungen auch finanziell aufzukommen oder einen Teil ihres Erbes in Aussicht zu stellen.

In den Werbepausen reizen Comercials und Videoclips die jüngeren Zuschauer mit aufregenden, den sexuellen Appetit anregenden Filmszenen zu Aktivitäten gegen die Kinderlosigkeit. Gefördert würde diese Werbeanstrengung von einem neuen merkwürdigen Konsortium "pro vita nova", in dem sich Bettenhersteller, Produzenten von Potenzmittel wie Viagra, die Pornoindustrie, Sekthersteller und sogar die Kirchen zusammenfinden. Letztere würden mit dem Versprechen geködert, dass man auf die fruchtbarkeitsreduzierende Wirkung von Kondombenutzung, Rauchen und Joghurtbechern hinweisen und den Gebrauch von Heim-Porno-Artikeln zu besonderen Konditionen Ehepaaren nahelegen wolle. Pharmafirmen wiesen darauf hin, dass sie nicht nur Verhütungspillen produzieren, sondern dass auch die Reproduktionsmedizin ohne ihre Hormonpräparate nicht denkbar wäre.

Die Bundesregierung würde Gesetze vorbereiten, die die Mehrwertsteuer auf lustfördernde Artikel zu senken und eine Überprüfung des Betäubungsmittelgesetzes mit dem Ziel in Aussicht stellen, die Verwendung von sexuell stimulierenden Drogen, die nicht keimschädigender sind, als herkömmliche Medikamente, nicht mehr unter Strafandrohung zu stellen. Die ethischen Bedenken gegen die Verwendung von "Überschußembryonen" für die medizinische Verwendung im menschlichen Ersatzteilmarkt werden ebenfalls Stück für Stück überwunden und die Prohibtionsgesetze würden früher oder später ganz fallen. Wären dann alle glücklich und unsere Gesellschaft vitaler?

Lassen wir die Ironie beiseite, zumal sie möglichweise ja tatsächlich mal von der Wirklichkeit eingeholt werden könnte. Die Medienvermarktung nach dem Kalkül, dass "der Zweck die Mittel heilige", kommt ohne Polarisierung, Ideologisierung, Banalisierung, Simplifizierung und Emotionalisierung nicht aus und das tut einer differenzierten Diskussion eines höchst sensiblen Themas meist nicht besonders gut. Ist es nicht erstaunlich, dass der Vorschlag des bundesdeutschen Ethikrates, die deutsche Transplantationsgestzgebung von der Zustimmungslösung in das Gegenteil zu verkehren, sodass jeder "Hirntote", der zum aktuellen Zeitpunkt keine anerkannte Erklärung bei sich trägt, dass er Organentnahmen verbietet, automatisch "Organspender" ist, von der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zurückgewiesen wurde, genauso wie die umstrittene niederländische Sendung an sich?

Und ist es nicht noch erstaunlicher, dass sich sogar die Bundesärztekammer hier mit Ulla Schmidt in der Ablehung des Vorschlages des Ethikrates einig ist und nur die erklärte Freiwilligkeit mit der Verfassung und der Menschenwürde vereinbar sieht? Bei soviel organmarktfeindlicher Zurückhaltung könnte man ins Grübeln kommen oder eben auf solche Werbeshows, denn daran lassen Gesundheitsministerin und Ärztefunktionäre keinen Zweifel: Dem Organmangel soll durch mehr Aufklärung im Sinne von Werbung für die Organspende abgeholfen werden. Heiligt der Zweck also doch das Mittel "Werbung" oder verstehen diese Protagonisten Aufklärung durchaus so, wie unsere Diskussion, also unter Einbeziehung von Skepsis und Hinweis auf die Mißstände?

Ich glaube nicht, dass man dem Thema "Organtransplantation" dadurch gerecht werden kann, dass man es quasi wie an einer Rohstoffbörse aus der Sicht des "Ersatzteilmarktes" angeht, auch nicht unter Täuschungsmanövern oder dass man das reale Leid der möglichen Organspender und Organempfänger medial zu einem gewissen Zweck darstellt und ausbeutet. Die Jesuiten haben mit ihrer Devise, "der Zweck heiligt die Mittel", in der "Gegenreformation" Seelen zurückgewinnen wollen. Dieses an sich schon schreckliche Prinzip wird nicht dadurch besser verwendet, denke ich, dass man nun im Zeitalter der industrialisierten Medizin "Fleisch" für "Seelen" gewinnen möchte.

LG, Michael
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Montag, 11. Juni 2007, 19:54

"Let's go harvesting!" - Fleischernte

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Original von Michael
Ich glaube nicht, dass man dem Thema "Organtransplantation" dadurch gerecht werden kann, dass man es quasi wie an einer Rohstoffbörse aus der Sicht des "Ersatzteilmarktes" angeht, auch nicht unter Täuschungsmanövern oder dass man das reale Leid der möglichen Organspender und Organempfänger medial zu einem gewissen Zweck darstellt und ausbeutet. Die Jesuiten haben mit ihrer Devise, "der Zweck heiligt die Mittel", in der "Gegenreformation" Seelen zurückgewinnen wollen. Dieses an sich schon schreckliche Prinzip wird nicht dadurch besser verwendet, denke ich, dass man nun im Zeitalter der industrialisierten Medizin "Fleisch" für "Seelen" gewinnen möchte.

Manchmal beleuchtet eine Redewendung aus dem mitunter flappsig-zynischen Jargon des Mediziner-Alltags die Problematik schärfer, als noch so lange differenzierte Darstellungen, auch wenn man eine solche Redewendung sicher nicht unkommentiert lassen kann. Eine befreundete Kollegin berichtete mir heute so eine Bemerkung aus dem Mediziner-Alltag, allerdings aus dem Angelsächsischen.

Ein Bekannter eines Verwandten hatte vor vielen Jahren in England als Assistenzarzt gearbeitet. Wenn ein schwerer Verkehrsunfall gemeldet wurde, der den Einsatz des Rettungshubschraubers erforderlich machte, stürmte das Rettungsteam mit der Organtransportkühlbox und dem Ruf zum Helikopter: "Let's go harvesting!" ("Lass uns ernten!"). Diese Geschichte kam mir nicht unbekannt vor, hatte ich doch Ähnliches schon mal gehört. Man kann spekulieren, was da in den Leuten vor sich ging und wozu die Organtransportkühlbox im Gepäck des Notarztes war. Ich nehme nicht an, dass der Notarzt das Unfallopfer an Ort und Stelle zum Spender machte und ausnahm, dazu benötigt man ein halbwegs gutes chirurgisches Team und, da man die Stresshormone nicht so gerne hat, sogar eine Narkose und Analgesie - ja und das bei einem angeblich "Hirntoten".

Es ist jedoch zu vermuten, dass man am Unfallort und im Hubschrauber eine Art "Triage" vornahm, eine improvisierte Vorentscheidung, nach der es sich bei dem Schwerverletzten entweder um ein noch zu rettendes Menschenleben handelte oder einen unrettbar Schädel-Hirnverletzten, den man nur noch als potentiellen Organspender intubierte, beatmete und den Kreislauf stabilisierte, um schon während des Fluges die Weichen für den Eingriff der Organentnahme zu stellen, Angehörige zu informieren und die nächstgelegene Klinik anzufliegen, die eine fachlich gute Organentnahme durchführen kann. Von dort wären die Organe dann gleich in den geeigneten Behältnissen zu den Transplantationskliniken weiter geflogen worden, in denen Empfänger auf Transplantationen warteten.

Wenn alles rechtens liefe, müßte dennoch nach Landung des Rettungshubschraubers ein unabhängiges Ärzteteam mit einem Neurologen oder Neurochirurgen, der ein EEG, ein CT und die klinischen Verletzungen beurteilen kann, den "Hirntod" feststellen und damit erst den Weg zur Organentnahme durch ein anderes, von den Entscheidungsträgern unabhängiges Operationteam frei machen, das auch nicht identisch mit dem Transplantationsteam sein dürfte. Für mich als Notarzt wäre es jedoch psychisch und mental ein gravierender Unterschied, ob ich mich um einen Schwerverletzten kümmere, dem ich Überlebenschancen einräume, oder um einen Sterbenden, auf dessen Organe schon meine vorsorglich mitgebrachte Kühlbox wartet.

Das läßt sich ohne weiteres nachvollziehen. Habe ich als Notarzt bereits ohne EEG- und CT-Möglichkeit meine fatale Diagnose getroffen und bei zweifelhafter Prognose mit dem Daumen nach unten Richtung Organspende gezeigt, werden alle meine weiteren Schritte von dieser Annahme und den daraus folgenden Entscheidung abhängen. So werde ich meine Zeit weniger darin investieren, alles nur Mögliche zu tun, um das Schädelhirntrauma optimal zu behandeln und die Überlebensfähigkeit des Patienten zu optimieren, sondern eher darin, die Transplantationslogik und -logistik zu bedienen: Benachrichtigung der Angehörigen, Suche nach dem Krankenhaus mit dem am schnellsten einsatzfähigen Explantationsteam, Gewinnung von Proben für die HLA-Typisierung, Suche nach den am schnellsten verfügbaren geeigneten Empfängern.

Ich werde dann also nicht die beste und am schnellsten erreichbare, aufnahmefähige Neurochirurgie mit guten Diagnostik-, Therapie- und Operationsmöglichkeiten anfliegen, sondern nur eine bessere Chirurgie mit Explantationsteam. Diese durch einen einzigen Notarzt getroffene Vorentscheidung kann also aus einem schwerer verletzten jungen Menschen, der zum Beispiel eine gefährliche Schädelhirnverletzung aufweist und der reanimiert werden mußte, aufgrund notdürftig unter ungemeinem Stress erhobener Befunde zu einer schlechten Prognose verurteilt und damit zum Organspender machen.

Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die wirklich von den schrecklichen Unfallbildern und tatsächlich unter den Händen wegsterbenden Patienten desillusionierten und deprimierten Notärzte in ihrem stressigen Job bei der Gewinnung von Organspendern wenigstens noch die Befriedigung verspüren könnten, auf diese Weise durch ihre "Ernte" etwas Gutes für den einen oder anderen wartenden Organempfänger getan zu haben, indem sie die brauchbaren Teile dieses "Hirntoten", dessen Kreislauf sie stabilisieren und dessen Verteilung sie zu organisieren beginnen, für sogar mehrere Transplantationen (Herz, Lunge, Leber, Niere, Pankreas, Haut, Knochen, Netzhäute...) "recyclen".: "Let's go harvesting!" Doch unter solchen Umständen fällt es mir sehr schwer, eine gute Ernte wünschen.

Vielleicht geschieht es auf dem Boden dieses Elends, dass in berichteten Einzelfällen mancher "hirntoter" Organspender noch rechtzeitig vor der schon vorgesehenen Organentnahme das entscheidende bißchen Hirnaktivität zeigte, das seinem Schicksal einen anderen Lauf gab? Sollte man da sagen: Gib niemals auf? Auf jeden Fall bedeutet das für mich, dass es eine klare Aufgabenteilung geben muß und nur die Zeit und allerbeste Diagnostik unter optimalen Behandlungsbedingungen zumal bei jungen Patienten, die als Organspender besonders begehrt sind, einen relativen Schutz vor der voreiligen Fehldiagnose "irreversibel eingetretener Hirntod" bieten kann. Der Notarzt ist Notarzt und hat keine Hirntod-Diagnose zu stellen und bei Schädelhirnverletzungen eine Neurochirurgie einzubeziehen und kein Explantationsteam. Eine gescheite Reanimation - wenn sie denn gelingt, sollte therapeutische Massnahmen zur Folge haben, die das Überleben nicht nur bis zur nächsten Chirurgie wahrscheinlich machen.

Ich glaube, dass das Bewußtsein des Arztes in solchen extremen Krisensituationen auch das Bewußtsein eines klinisch toten Patienten, das sich Berichten zur Folge vom Körper entfernen und über die Umgebung ausbreiten kann, beeinflussen und mit ihm in Verbindung treten kann. Was wird ein solches Patientenbewußtsein fühlen und denken, wenn es die Gedanken und Gefühle des Arztes wahrnimmt? Wird es sich aufgeben und den Körper fahren lassen? Wird es angstvoll an einem stark beschädigten Körper festhalten, bis dieser vom Explantationteam unwiderbringlich zerstört wurde? Wer weiss das schon? Die Transplantationsmedizin beschäftigt sich leider zu wenig mit psychologischen und spirituellen Fragen.

LG, Michael
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Sonntag, 2. Januar 2011, 12:17

Freiheit gegen Niere?

Eine ungewöhnliche Auflagenverknüpfung für eine vorzeitige Haftentlassung wird aus den USA berichtet. Zwei farbige Schwestern wurden in einem vielfach als ungerecht und rassistisch kritisierten Urteil für einen Raubüberfall, der ihnen ein paar Dollar einbrachte, jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt und auch 16 Jahre in Haft gehalten, bevor eine Begnadigung der einen Schwester wegen ihres Gesundheitszustandes und der damit verbundenen Kosten für den Staat erfolgte, da sie an Nierenversagen leidet und Dialysepatientin ist. Der anderen Schwester wurde die Haftentlassung mit der Auflage gewährt, innerhalb eines Jahres der erkrankten Schwester eine ihrer Nieren zu spenden.

Zitat

Aus fr-online.de vom 2.1.2011

GESCHWISTER IN HAFT

[SIZE=3]Freiheit für eine Nierenspende[/SIZE]

Sie hatten bei einem Raubüberfall 1993 rund elf Dollar erbeutet und wurden dafür zu lebenslanger Haft verurteilt: Nun kommt das Geschwisterpaar auf freien Fuß - weil die eine Schwester der anderen eine Niere überlässt.


Die Gouverneurin des Staates Mississippi, wo Gladys und Jamie Scott seit 16 Jahren in Haft sind, hob die Strafe gegen beide auf, wie US-Medien am Donnerstag berichteten. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die 36-jährige Gladys der zwei Jahre älteren, todkranken Jamie mit der Organspende hilft.

Das Urteil gegen die Scott-Schwestern ist von Bürgerrechtsgruppen schon öfter als zu hart kritisiert worden. Beide wurden zu jeweils zweimal lebenslänglich verurteilt, nachdem sie 1993 bei einem Raubüberfall 11 US-Dollar (heute rund 8,30 Euro) erbeutet hatten.

Erst 2014 hätten sie erstmals ein Aussetzen der Haftstrafe beantragen dürfen. Wegen der Krankheit von Jamie reichten sie aber bereits im September eine Petition bei Gouverneurin Haley Barbour ein. Die Schwarzenrechtler-Organisation NAACP unterstützte beide.

Barbour begründete ihre Entscheidung, die Schwestern freizulassen, mit der Einschätzung der Justizbehörde, dass beide «nicht länger eine Gefahr für die Gesellschaft sind». Ein weiterer Grund seien die hohen Kosten für die Dialyse-Behandlung der älteren Schwester. Sie beliefen sich für den Staat auf rund 190.000 Dollar pro Jahr. (dpa)


Zu einer anderen Verknüpfung als zu einer reinen Kostenersparnis für den Staat kommen andere Kommentatoren, die meinen, dass der Gouverneur ausschließlich humanitäre Beweggründe zu dieser Auflage trieben. Wollte er nicht nur ein relativ hartes Urteil durch eine Begnadigung abmildern, sondern dass beide Schwestern leben und dann vielleicht ihre Freiheit genießen können? Ein romantischer Traum von altorientalischer Weisheit gegen martialische Gerechtigkeit? Und das bei einem Republikaner? Denn ganz nebenbei: Haley Reeves Barbour ist republikanischer Gouverneur von Mississippi und keine Gouverneurin, wie die Frankfurter Rundschau oben vermeint.

Zitat

Aus rp-online.de vom 2.1.2011

US-Gouverneur begnadigt Frau

[SIZE=3]Gefängnis-Entlassung gegen Nierenspende[/SIZE]


Jackson/USA (RPO). Gladys Scotts Freiheit hat einen Preis: eine ihrer Nieren. Die müsse die 38-Jährige ihrer an Nierenversagen leidenden Schwester spenden, ordnete der Gouverneur des US-Staats Mississippi in den Entlassungspapieren an.

Doch Gouverneur Haley Barbours Entscheidung wirft eine Menge Fragen auf. Was etwa passiert mit Gladys, wenn Tests ergeben, dass ihre Schwester ihr Gewebe nicht vertragen würde? Müsste sie zurück ins Gefängnis?

Die Begnadigung der beiden Schwestern wurde allgemein begrüßt. Ohnehin empfanden viele die lebenslangen Haftstrafen für den gemeinsamen begangenen bewaffneten Raubüberfall der beiden Afroamerikanerinnen, bei dem sie elf Dollar erbeuteten, als übertrieben. Nach 16 Jahren im Gefängnis hat Gouverneur Barbour die Dialysepatientin Jamie Scott nun aufgrund ihres Gesundheitszustandes begnadigt. Ihrer Schwester gab er jedoch die Auflage mit, ihr innerhalb eines Jahres eine ihrer Nieren zu spenden.

Die Idee der Nierenspende stammt von Gladys selbst. Ihr das allerdings zur Auflage für ihre Begnadigung zu machen, halten einige für problematisch, so auch Arthur Caplan, Direktor des Zentrums für Bioethik an der University of Pennsylvania. Er beschäftigt sich seit rund 25 Jahren mit den ethischen und rechtlichen Folgen von Organtransplantationen. Doch von einem Fall wie dem der Scotts habe er noch nie gehört, sagt er.

Wer sich freiwillig meldet, kann einen Rückzieher machen

Es sei illegal, Organe zu kaufen oder zu verkaufen und Menschen zur Organspende zu zwingen, sagt Caplan. "Wenn man sich freiwillig dafür meldet, eine Niere abzugeben, hat man normalerweise bis zur letzten Minute die Option, es sich anders zu überlegen", sagt er. "Wenn man es allerdings an die Bedingung knüpft, dass man andernfalls zurück ins Gefängnis geht, ist das ein ziemlicher Anreiz."

Darüber, was passieren würde, wenn Gladys es sich anders überlege, mache man sich im Büro des Gouverneurs noch keine Gedankten, sagt Sprecher Dan Turner. "Wir beschäftigen uns damit, wenn es so weit ist." Nach seiner Auffassung bestehe kein Zweifel daran, dass Gladys die Niere spenden werde.

Doch steht noch nicht einmal fest, ob Gladys Niere Jamie überhaupt helfen könnte. Zwar sind ihre Blutgruppen kompatibel, doch genauere Gewebetests stehen noch aus. Ob Gladys bei einer Unverträglichkeit wieder ins Gefängnis muss, ist bislang unklar. "Die Idee wurde nicht vom Büro des Gouverneurs aufgebracht. Es handelt sich hierbei nicht um ein auf Gegenleistungen basierendes Geschäft", sagt Turner.

Eine Nierenspende an sich ist rein rechtlich kein Problem, sagt George Cochran, Professor an der Juristischen Fakultät der University of Mississippi. "Jeder hat das verfassungsmäßige Recht auf körperliche Unversehrtheit, aber wenn man sich bereit erklärt, ein Organ zu spenden, gibt man dies auf", sagt der Verfassungsrechtsexperte.

"Handel Freiheit gegen Niere"

Doch Begnadigung und Organspende hätten nicht verknüpft werden sollen, sagt Michael Shapiro, Chef der Organtransplantation am Universitätskrankenhaus der Hackensack Universität im US-Staat New Jersey. Er ist außerdem der Vorsitzende des Ethikrats der Organisation United Network for Organ Sharing. "Die einfache Antwort ist, dass man niemandem seine Niere abkaufen darf", sagt er. "Wenn der Gouverneur jemandem 20 Jahre für seine Niere anbietet, könnte das eine Rechtsverletzung sein." Man könne es so verstehen, dass Gladys ein Handel - Freiheit gegen Niere - angeboten werde, was gegen das Organhandelsverbot verstieße.

Dass ein Gouverneur Strafgefangenen bei der Begnadigung Auflagen macht, ist in den USA gängige Praxis. Auch ungewöhnliche Auflagen, wie etwa den Staat zu verlassen und nie wieder zurückzukehren gab es bereits. Doch Barbours Auflagen sind bislang einzigartig. Der Abgeordnete George Flaggs zweifelt allerdings nicht an den Motiven des Gouverneurs. Barbour wolle die Frauen "nicht nur aus dem Gefängnis entlassen, sondern ihr Leben retten", sagt er. "Wenn sie keine Niere erhält, stirbt sie.


Doch wie auch immer: Selbst die Transplantationsärzte und Organspende-Lobbyisten sind entsetzt über die Verknüpfung von Begnadigung und Organspende an eine Verwandte, da sie illegal ist und das ohnehin nicht sehr gute Image der Lebendspende wegen der häufig damit verbundenen Verbrechen illegalen Orghanhandels noch verschlechtern könnte. Auf der anderen Seite könnten sich diejenigen, die auch unfreiwillige Organspenden benötigen und wollen, nun aufgefordert sehen, in gesunden Langzeithäftlingen potentielle Organspender zu sehen, die sich mit diesem "Dienst am Nächsten" ein paar Jahre Freiheit erkaufen...

Meines Erachtens hätte man diese beiden Frauen nicht all die Jahre für 11 geraubte Dollar einsperren dürfen. Das hat das Gerechtigkeitsempfinden belastet, die Gemeinschaft und ist mindestens einer der Delinquentinnen so an die Nieren gegangen, dass sie dialysepflichtig wurde. Würde der Gouverneur auch selbst einer Räuberin eine Lebendspende zukommen lassen, um Leben zu retten? Vielleicht kann er seinen humanistischen Scharfsinn mehr darauf verwenden, ungerechte Urteile abzumildern und zwar ohne absurde Auflagen. Die eine Schwester hätte der Anderen ja möglicherweise auch ohne diese Weisung helfen wollen.

Doch lesen wir abschließend Herrn Barbour selbst zu seinem Begandigungsakt:

Zitat

Von Gouverneur Barbours Website

Dec. 29, 2010

GOV. BARBOUR’S STATEMENT REGARDING RELEASE OF SCOTT SISTERS

"Today, I have issued two orders indefinitely suspending the sentences of Jamie and Gladys Scott. In 1994, a Scott County jury convicted the sisters of armed robbery and imposed two life sentences for the crime. Their convictions and their sentences were affirmed by the Mississippi Court of Appeals in 1996.

"To date, the sisters have served 16 years of their sentences and are eligible for parole in 2014. Jamie Scott requires regular dialysis, and her sister has offered to donate one of her kidneys to her. The Mississippi Department of Corrections believes the sisters no longer pose a threat to society. Their incarceration is no longer necessary for public safety or rehabilitation, and Jamie Scott's medical condition creates a substantial cost to the State of Mississippi.

"The Mississippi Parole Board reviewed the sisters' request for a pardon and recommended that I neither pardon them, nor commute their sentence. At my request, the Parole Board subsequently reviewed whether the sisters should be granted an indefinite suspension of sentence, which is tantamount to parole, and have concurred with my decision to suspend their sentences indefinitely.

"Gladys Scott's release is conditioned on her donating one of her kidneys to her sister, a procedure which should be scheduled with urgency. The release date for Jamie and Gladys Scott is a matter for the Department of Corrections.

"I would like to thank Representative George Flaggs, Senator John Horne, Senator Willie Simmons, and Representative Credell Calhoun for their leadership on this issue. These legislators, along with former Mayor Charles Evers, have been in regular contact with me and my staff while the sisters' petition has been under review."


Bei afroamerikanischen (so heißt das jetzt politisch korrekt) Bürgerrechtlern ist der republikanische Gouverneur ein erzkonservativer Geschichtsklitterer, der die enormen Ungerechtigkeiten, die farbige Bürger in den USA, in Mississippi und in seiner Heimatstadt lange erleiden mussten, verharmlost oder in Abrede stellt,indem er sich damit brüstete, dass der Stadtrat seiner Heimatstadt in der Zeit der Bürgerrechtsbewegung Beschlüsse gegen den "Ku-Klux-Klan" gefasst habe - wie sich herausstellte, um in der Öffentlichkeit unschöne und die Wirtschaftsentwicklung beeinträchtigende Gewaltexzesse aus den Medien zu verbannen. Ansonsten war es auch in Yazoo City wie in den gesamten Südsstaaten bzw. USA-weit nicht weit her mit der Integration farbiger Amerikaner als Bürger mit gleichen Rechten. Dies konnte man zuletzt am 20.12.2010 lesen:

Zitat

huffingtonpost.com vom 20.12.2010


[SIZE=3]Haley Barbour's Account Of Civil Rights Era In Mississippi Assailed By NAACP, Historians[/SIZE]

WASHINGTON -- Mississippi Gov. Haley Barbour (R) has set off a firestorm of controversy over his comments on the civil rights era in his hometown of Yazoo City, and now the president of the state's NAACP organization is calling his remarks "offensive" and akin to revisionist history.

"It is quite disturbing that the governor of this state would take an approach to try to change the history of this state," said Derrick Johnson, president of the Mississippi NAACP. "It's beyond disturbing -- it's offensive that he would try and create a new historical reality that undermines the physical, mental, and economic hardship that many African-Americans had to suffer as a result of the policies and practices of the White Citizens Council."

In his interview with The Weekly Standard, Barbour heaps praise on the pro-segregation Citizens Council, which he credits with integrating the Yazoo City public schools without any violence.

"Because the business community wouldn't stand for it," he said. "You heard of the Citizens Councils? Up north they think it was like the KKK. Where I come from it was an organization of town leaders. In Yazoo City they passed a resolution that said anybody who started a chapter of the Klan would get their ass run out of town. If you had a job, you'd lose it. If you had a store, they'd see nobody shopped there. We didn't have a problem with the Klan in Yazoo City."

"In fact, if you look at Yazoo City, their approach to integration was very similar to other communities across the state, where the parents pulled their children out of the public school system so white children would not have to attend an integrated school system," responded Johnson. "They established a private segregated academy which still exists today. The majority of the white citizens of Yazoo County and Yazoo City still do not allow their children to attend public education today. That trend happened as a result of the civil rights movement and full integration, and that the struggle that blacks had across the state was the same in Yazoo City as it was across the state."

Robert Mickey, an associate political science professor at the University of Michigan-Ann Arbor, said that Barbour is correct in asserting that the Citizens Councils were often against Klan organizations forming in their communities. It wasn't, however, to promote racial integration; instead, they were concerned that such groups would spoil the economic environment, and in turn, Citizens Councils used economic intimidation to further segregation.

"This was an organization that spread very quickly across the South, directly in response to Brown v. Board of Education," said Mickey in an interview with The Huffington Post Monday. "Usually they were against violence because of its harm to economic development; firms wouldn't want to relocate to places that had a lot of violence. So their tools of slowing down the South's democratization was to use economic intimidation. ... They intimidated black parents from signing petitions demanding that school districts be desegregated, sometimes by printing the signatories in local newspapers, which oftentimes led to the signatures being recanted because the parents understood and feared the consequences of being publicly outed like that. So Barbour's right -- on one hand, they often helped out on the Klan, and a lot of times they were interested in deterring white mob violence. But Northerners are right that it's like the Klan."


Nach diesen Hinweisen ist es naheliegend, dass der Gouverneur von Mississippi vor allem wirtschaftliche Gründe für seine Entscheidung gehabt haben wird und die Humanen eine gute Verbrämung dafür abgaben. Was wird wohl zwei schwarze Frauen vor über 16 Jahren dazu getrieben haben, bewaffnet 11 Dollar zu erbeuten? Es wäre interessant, zu verfolgen, was aus Gladys und Jamie Scott nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis geworden ist. Es ist mehr nötig, um als farbige Haftentlassene in den Südstaaten der USA ein menschenwürdiges Leben zu führen, als die Entlassung aus der Haft und eine Nierenspende. Mehr noch als die Spenderin ist die Empfängerin weiter auf medizinische Versorgung angewiesen. Die Frauen benötigen Arbeit, Einkommen, ein Zuhause. Hat der Gouverneur daran gedacht? Was ist, wenn wieder 11 Dollar für das Nötigste fehlen? Armut ist in den USA besonders unter Nichtweißen weit verbreitet. Im Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten, des "Yes we can!" eines Obama... Vielleicht hat der Hoffnungspräsident einen Job für die beiden Delinquentinnen, denn auch er hat es inzwischen nötig, sein Image als USA-Messias mit Weltambitionen aufzupolieren.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)