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Freitag, 6. April 2007, 23:49

Für unsere Sünden gestorben? Das Karfreitagsmysterium und die Vergebung

Der Karfreitag (http://de.wikipedia.org/wiki/Karfreitag ; http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…d=8509#post8509) ist eines der höchsten Feste der Christen, besonders der evangelischen, die der "Erlösertat" des Heilandes Jesus Christus gedenken, der als Gottessohn vom Vater gesandt worden sei, um mit seinem Kreuzestod die Sünden der Menschen zu tilgen. Für alle Nichtchristen und auch Rationalisten klingt dieses Mysterium "abenteuerlich" und das Gedächtnis an dieses Opfer im Rahmen des Meßopfers beim Abendmalgottesdienst, in dem nach der Verwandlung der Gaben Brot und Wein in das Fleisch und Blut Christi jenes rituell verzehrt wird, läßt manche erschauern. Nur dem verinnerlichten Mystiker mögen die heilsamen Dimensionen einer solchen religiösen Schau wirklich offenbar werden. Die anderen haben sich ob ihrer Glaubenszweifel einfach an die Dogmen zu halten.

Dabei ist längst erwiesen, dass die frühestens zwei Generationen nach Jesus ab 70 n. Chr. aufgeschriebenen ersten Evangelien Heilsbotschaften sind, die in den Folgezeiten noch verändert einer aufstrebenden kirchlichen Bewegung Richtung und Verbindlichkeit geben sollten und keine historischen Tatsachenberichte über das Leben des Juden Jesus, seiner Familie und Anhänger und der Gemeinde, die nach seinem Tod von seinen Brüdern, seiner Mutter und Maria Magdalena geleitet wurde. Hinweise auf diese Traditionen wurden allerdings nach der steigenden Bedeutung des helenistischen (Juden-)Christentums des Paulus über die Jerusalemer Jabobus- und Simon-Gemeinde nach und nach getilgt und tauchten nur noch in späteren, nicht in den Kanon aufgenommenen so genannten apokryphen Schriften auf.

Neue Funde aus der Zeit Jesu haben insbesondere die Traditionalisten der Kirchen immer wieder beunruhigt und jahrzehntelang versuchte man Ergebnisse historischer und archäologischer Forschungen zu relativieren oder zu verschweigen. Das hat nur dazu beigetragen, die Spekulationen anzuheizen bishin zu Ideen, die auch zu Büchern verarbeitet wurden, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, sondern betäubt vom Kreuz abgenommen, gesund gepflegt und später bis nach Kaschmir gelangt sei, wo man auf entsprechende einheimische Traditionen der Verehrung verweist (http://www.tharea.de/Religio/Dateien/ChristusInKashmir.htm), die allerdings nicht unwidersprochen bleiben (http://www.carotta.de/forum/messages/696.html), auch wenn filmische Ehren Autentizität vorgaukeln (http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3…9067/index.html).

Viel interessanter sind die nach der jüdischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Jesus-Bild z.B. durch Pinchas Lapide und Schalom Ben-Chorin (geb. Fritz Rosenthal) nun auch verfügbaren archäologischen Erkenntnisse, die zusammen mit einer Würdigung des damaligen historischen jüdischen Umfeldes Jesu in Palästina aus diversen Schriftzeugnissen ein neues Licht auf die Religionsentstehung des Christentums und auf die Familie Jesu im Besonderen wirft, wie dies z.B. auch in dem populärwissenschaftlichen Buch des James D. Tabor, ""Die Jesus Dynastie", C. Bertelsmann 2006, nachzulesen ist (http://www.br-online.de/kultur/literatur…20061119_2.html ; http://weblogs.welt.de/blog.php/apocalyp…2006/10/28/inri)

Neben diesen interessanten und durchaus lesenswerten Ansätzen einer Neukonstruktion der Entstehungsgeschichte des Christentums und der historischen Person Jesu, die dem historischen Jesus nichts von seiner Originalität und Einzigartgikeit nehmen und auch die spirituellen Werte bestimmter Aussagen, die ihm zugeschrieben werden, nicht verwerfen, gibt es auch psychologische und spirituelle Ansätze, die Alternativen zum Selbstopfermythos des Gottessohnes zur Entsühnung der Menscheit aufzeigen können und den Blick wieder auf uns selbst und unsere Eigenverantwortlichkeit für das Gelingen unseres Lebens lenken. In der Psychotherapie hat sich schon erwiesen dass die Denkkonstruktionen, die von Schuld sprechen, statt von Ursache und Wirkung und Verantwortung, äußerst unkreativ werden können, es sei denn, wenn es darum geht, an bestimmten Komplexen depressionsfördernd festzuhalten.

Wie der Weise Rumi (http://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal_ad-Din_Rumi) schon sagte: "Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, da könnten wir einander begegnen." Es kommt nicht darauf an, Recht zu haben, richtig zu sein, rechtgläubig, rechtgeleitet, wenn wir einander begegnen wollen. Die auf die klassischen griechischen Philosophen zurückgehende westliche Philosophie hat sich sehr stark auf das Individuum, Subjekt und Objekt bezogen und diese an den Beginn des Seins gestellt, bevor diese scheinbar unabhängig seienden "Entitäten" Beziehungen miteinander aufnahmen. Die östliche Philosophie, die vom Buddhismus aufgegriffen wurde, ging einen anderen Weg: hier existiert zunächst die Beziehung, die Interaktion und aus dieser heraus entsteht Seinendes: Subjekte und Objekte.

Zu diesem Denken paßt, dass man nicht absolut richtig oder falsch liegen kann und dass es nichts Endgültiges geben kann, weder etwas Verworfenes, noch etwas Unantastbares. Alles hängt von der ursprünglichen und sich dann wandelnden Beziehung ab, übrigens auch von der, die ich zu mir, zu einem anderen und z.B. zu dem habe, das ich Gott nennen könnte. Sieht man unter dieser Prämisse Erbsünde, Sünde, Schuld und Vergebung, kommt man nicht zu einem Gottesbild, in dem ein Gott seine Menschheit erst verurteilt, dann seinen Sohn für alle opfert und seine Schöpfung wieder erlöst, es sei denn, man nimmt einen mystisch-spirituellen Umweg. Es sind menschengemachte Gedanken, die es nicht zu verurteilen, aber doch einmal genauer anzuschauen gilt.

Als ich etwa vierzehn war, habe ich mich in einer Art spontanem mystischen Erleben, das einer Höllenfahrt glich, aus den Höllenvisionen der Religion veraschiedet und einen Gott der Liebe gefunden, der mit Verurteilung und Bestrafung nichts am Hut hatte. Es kam mir merkwürdig vor, dass selbst große "Verfehlungen" keine göttliche Rache nach sich ziehen sollte, aber ich fand keine Anhaltspunkte dafür. Allmählich habe ich durch meine therapeutischen Beschäftigungen begriffen, dass es nicht um eine moralische Leistung geht, den Nächsten so gut zu behandeln und zu lieben, wie sich selbst, sondern um eine Erkenntnis, nämlich dass man seine Mitmenschen nur dann gut und liebevoll behandeln kann, wenn man diese Güte und dieses Wohlwollen auch sich selbst gegenüber aufbringen kann.

Und es wurde mir fortan klar, was das "Vater unser" (http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=766&sid=) auch meint, wenn es davon spricht: "Und vergib uns undere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Wir sind nämlich unsere eigenen "Schuldiger", sind uns Schuldner und Schuldherren zugleich, diejenigen, die sich selbst mit Schuldgefühlen abplagen, die sich selbst nicht verzeihen wollen und es so oft nicht zulassen, dass wir eine Entwicklung zur Verantwortung und zur Freiheit gehen. Gott verzeiht uns alles, was wir uns selbst vergeben können, so meine jugendliche Eingebung. Unsere Vorleistung ist gefragt. Wollen wir an Altem festhalten, wer sollte uns dann lossprechen? Und da uns in den Handlungen im Außen, im Anderen, im Bruder, die auf uns zu kommen, die eigenen vorangegangenen Entscheidungen und Wertungen begegnen, gilt es auch hier wieder für uns: Wir sollten unsere Verantwortung durchschauen und dann gibt es auch im Außen nichts zu vergeben bzw. dann haben wir allen Grund, uns selbst unsere Handlungen zuzurechnen und auch zu vergeben, bevor wir auch nur daran denken, Beschuldigungen zu erheben. Haben wir jedoch keine Beschuldigungen mehr und keine Schuldzuweisungen, gibt es auch nichts mehr zu verzeihen. Denn der, der vergibt, hat vorher schon geurteilt, oder nicht?

So komme ich schließlich zu der Frage, was bei solchen Überlegungen nun noch die Opferhandlung eines Gottessohnes für die sündige Menscheit und die gefallene Schöpfung soll? Warum sollte ein Gottessohn seine Menschheit so lieben und sich selbst nicht? Hat dieses vermeintliche Opfer nicht zweitausend Jahre Schuldgefühle und Vorwürfe evoziert und zu masochistischer Selbstverleugnung in der so einseitig verstandenen Nachfolge Jesu angespornt? War diese Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung nicht das schlagenste Argument gegen jede Theologie der Befreiung? Wenn Jesu Reich am Ende nicht von dieser, sondern von einer anderen Welt sei, so meine Vermutung, spricht er vielleicht von diesem Ort jenseits von richtig und falsch, jenseits von Urteil, Vergleich und Bewertung, wo wir ihm, dem Göttlichen, begegnen könnten, in uns, im Nächsten, überall da, wo wir nicht verurteilen. Und wenn dieses Reich anbricht, ist der Himmel da, mitten auf der neuen Erde...

LG, Michael
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Freitag, 10. April 2009, 13:53

Von Schuld und Schöpfung

Zitat

Original von Michael

Und es wurde mir fortan klar, was das "Vater unser" (http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=766&sid=) auch meint, wenn es davon spricht: "Und vergib uns undere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Wir sind nämlich unsere eigenen "Schuldigern", sind uns Schuldner und Schuldherren zugleich, diejenigen, die sich selbst mit Schuldgefühlen abplagen, die sich selbst nicht verzeihen wollen und es so oft nicht zulassen, dass wir eine Entwicklung zur Verantwortung und zur Freiheit gehen. Gott verzeiht uns alles, was wir uns selbst vergeben können, so meine jugendliche Eingebung. Unsere Vorleistung ist gefragt. Wollen wir an Altem festhalten, wer sollte uns dann lossprechen? Und da uns in den Handlungen im Außen, im Anderen, im Bruder, die auf uns zu kommen, die eigenen vorangegangenen Entscheidungen und Wertungen begegnen, gilt es auch hier wieder für uns: Wir sollten unsere Verantwortung durchschauen und dann gibt es auch im Außen nichts zu vergeben bzw. dann haben wir allen Grund, uns selbst unsere Handlungen zuzurechnen und auch zu vergeben, bevor wir auch nur daran denken, Beschuldigungen zu erheben. Haben wir jedoch keine Beschuldigungen mehr und keine Schuldzuweisungen, gibt es auch nichts mehr zu verzeihen. Denn der, der vergibt, hat vorher schon geurteilt, oder nicht?

So komme ich schließlich zu der Frage, was bei solchen Überlegungen nun noch die Opferhandlung eines Gottessohnes für die sündige Menscheit und die gefallene Schöpfung soll? Warum sollte ein Gottessohn seine Menschheit so lieben und sich selbst nicht? Hat dieses vermeintliche Opfer nicht zweitausend Jahre Schuldgefühle und Vorwürfe evoziert und zu masochistischer Selbstverleugnung in der so einseitig verstandenen Nachfolge Jesu angespornt? War diese Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung nicht das schlagenste Argument gegen jede Theologie der Befreiung? Wenn Jesu Reich am Ende nicht von dieser, sondern von einer anderen Welt sei, so meine Vermutung, spricht er vielleicht von diesem Ort jenseits von richtig und falsch, jenseits von Urteil, Vergleich und Bewertung, wo wir ihm, dem Göttlichen, begegnen könnten, in uns, im Nächsten, überall da, wo wir nicht verurteilen. Und wenn dieses Reich anbricht, ist der Himmel da, mitten auf der neuen Erde...

LG, Michael


Es ist wieder mal Karfreitag. Nach christlicher Tradition wird am Karfreitag dem Todeskampf des Religiosgründers Jesus Christus am Kreuz gedacht, der mit einem physischen Tod um die dritte Stunde, also um drei Uhr am Nachmittag, seinen irdischen Höhepunkt erfuhr. Ungeachtet der Zeitverschiebungen gedenken die insbesondere evangelischen Feiertagsgottesdienste um 15 h diesem Sterben Jesu am Kreuz: "Es ist vollbracht", wird es dann in einer guten Stunde nochmals im Gedächtnisgottesdienst lauten. Es ist vollbracht heißt auch, dass eine Entscheidung getroffen und bis zum Ende erlebt, ausgehalten, verantwortet wurde. Im Gegensatz zu psychologisch-philosophischen Religionen wie z.B. dem Buddhismus oder dem modernen Existenzialismus interessieren sich die Schöpfergottreligionen mit den materiellen Ursprüngen im Allgemeinen und dem Schöpfer im Besonderen. Die anderen untersuchen die individuelle Bedeutung der Erschaffung von psychischen und materiellen Bedingungen für den Beginn, das Werden und wieder Vergehen der eigenen, abgesonderten geistigen Existenz. Eine besondere Bedeutung hat jedoch immer die Frage nach Ursachen und Wirkungen oder in Kategorien von moraltheologischen Erwägungen die Frage nach der Schuld. Diese kann man auch selbst philosophisch untersuchen.

So könnte man sich vergegenwärtigen, das jeder geistige und materielle Schöpfungsakt eine Entscheidung ist! Wenn aus der Unendlichkeit der Möglichkeiten, aus dem absoluten Potential das eine erschaffen, entwickelt, gestaltet wird, das andere hingegen nicht, wurde eine Entscheidung zu gunsten von etwas und zu ungunsten von etwas getroffen. Doch erst dadurch materialisierte sich etwas, erschien etwas auf der Bildfläche, das vorher möglich, aber nicht tatsächlich, nicht lebendig gewesen ist. Nur durch Entscheidungen werden unterscheidsbare, benennbare Gedanken geboren aus dem ungeschiedenen Wehen des ruhelosen, anfangslosen, endlosen Geistes. Diese Entscheidung bringt erst das Wort hervor, von dem es bei Johannes am Anfang seines Evangeliums heißt: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. So gesehen ist "Gott" Schöpfer und sein Geschöpf, denn vor der Entscheidung zu diesem Wort gab es nichts Unterscheidbares. Deshalb sollte man sich besser kein einschränkendes Bild machen.

Anderes als das Gewordenene und Geschaffene wird eventuell erst wieder möglich, nach dem das Erste zurück genommen worden ist. Was aber bedeutet das? Jede Entscheidung bringt eine Art Gewinner und eine Art Verlierer unter den potentiellen Möglichkeiten hervor und dadurch entsteht so etwas wie "Schuld". Der Schöpfer lädt sich die Verantwortung und "Schuld" dafür auf, dass er etwas empor hob, hervor brachte und anderes nicht. Mit jeder Entscheidung verantworten wir eine kleine Schuld, denn auch wir sind in diesem Sinne ständig Schöpfer, Ebenbilder des von uns vorgestellten Gottes. Das ist also sozusagen "normal" und kein Anlass zur Beunruhigung. So kam die "Schuld" durch die Schöpfung selbst ins Spiel, durch die "Ursünde der Entscheidung". Und der Schöpfergott, der die Schöpfung schuf, aus sich und seinen Möglichkeiten heraus trieb, um sich selbst zu erfahren, schuf sich in diesem Augenblick selbst, wie es scheint und tut es in evolutionärer Weise immer weiter, "entwickelt" sich, wickelt einen Teil der Möglichkeiten aus, einen Teil wieder ein. Am Karfreitag können wir uns diese Dimensionen in Ruhe vergegenwärtigen. Es ist "Feiertag", ein Tag der Ruhe und des Gedenkens. Wir könnten die Entscheidung treffen, nicht tätig sein zu wollen. Damit schulden wir zwar der Arbeit etwas - aber was solls...

LG, Michael
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Freitag, 25. März 2016, 10:38

Die Essenz der Selbstopferung - Karfreitagsgedanken 2016

Die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag ist vorüber, das Freundesmahl gegessen, die Ängste vor Schmerz haben den einen wach gehalten, die anderen flohen in den Schlaf. Nun tagt das Gericht der Menschen. Alle wollen von außen beurteilen, was recht ist und unrecht, wahr und unwahr. Vor knapp 2.000 Jahren traf es den in Jerusalem verhafteten Zimmermann Jesus, an dessen Verkündigung eines liebevollen, geduldigen, barmherzigen Gottes sich die Gemüter schieden, sodass die Römer einen Volksaufstand fürchteten, die Jerusalemer Hohepriester aber um ihre religiösen Wahrheiten bangten. Dieser Jesus rief dazu auf, dass jeder seine eigene Wahrheit im Angesicht eines persönlichen Gottes sucht und befragt und sein Herz dieser Wahrheit öffnet. In diesem Herzen fand er Nächsten- und Feindesliebe und sie gesellten sich ganz natürlich zu seiner Gottesliebe. Dort hatten alle Platz, die einfachen Leute, die Römer, Juden, Heiden, Gerechte und Ungerechte, Zöllner, Huren, Gottesfürchtige, Wankelmütige und Mutige. Er beschloss, dass es besser wäre, für diese Wahrheit zu leben und zu sterben und niemand anderen dafür sterben zu lassen. Es ging ihm nicht um Aufstände, Volksbefreiung oder die Verteidigung religiöser Dogmen. Also nahm er das Kreuz auf sich. Nicht leichten, sondern schweren, aber offenen Herzens.

Wenn wir heute davon lernen können, ist es das: fragen wir uns, für welche Wahrheit wir leben und sogar sterben würden. Fragen wir unser Herz. Fragen wir, wofür es brennen möchte und ob es bereit ist, sich selbst zu verzehren, ohne jemand anderes für irgendeine Idee zu opfern, für irgendetwas schuldig zu sprechen, auf irgendjemanden die Verantwortung zu schieben. Fragen wir uns, wo wir diesen Fragen und Entscheidungen aus dem Weg gehen, z.B. in dem wir irgendetwas im Außen machen oder planen, irgendwelche große Taten für andere, während wir dabei unser Herz vergessen. Das Herz ist bereit, zu vergeben, auch mir selbst, wenn es dafür brennen, leben und sterben darf. Es hat nie im Sinn, jemand anderem die Verantwortung zuzuschieben, jemand anderem bewusst Schaden und Schmerz zuzufügen oder einen anderen gegen sein Widerstreben zu bekehren. Das Herz ist bei sich und von diesem inneren Punkt, dieser Zentrierung strahlt es aus. Von dort kommt es, dorthin geht es, es ist unzerstörbar, wird wiedergeboren, gibt seinen Funken weiter, den es empfängt.

Als Jeanne d'Arc in Rouen verbrannt wurde, soll ihr Herz unversehrt geblieben sein. Nachdem Jesus gekreuzigt und begraben worden ist, soll er auferstanden sein. Das Herz kann diese Geheimnisse begreifen und nachvollziehen, die der Verstand zurückweist. Der Verstand kann sich verwirren, vom Herz weggehen und die Tür zuwerfen. Dann kann er Waffen ersinnen, Atombomben bauen, Kriege anzetteln, Selbstmordattentate planen. Eine Selbstopferung sieht anders aus. Eine Selbstopferung ist die herzliche Hingabe an das Leben. Dies ist eine Essenz, die man im Karfreitagsmysterium meditativ nachvollziehen kann. Da wir alle schon viele falsche Entscheidungen getroffen haben und oft von unserem Herzen weggegangen sind, kann das jedes mal eine recht schmerzhafte Erfahrung sein, doch winkt nach diesem Höllentrip ja die Auferstehung und danach sind wir dann wirklich wacher.
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Samstag, 26. März 2016, 13:25

Karsamstag: durch den brütenden Schoß der Hölle

Die religiös verankerten Lehren über ein gutes Zusammenleben aller Mitmenschen eines Siedlungsbereiches sind keine biologisch-evolutionäre Entwicklung, sondern eine psychologische und spirituelle Kulturleistung. Unter der Vorstellung einer guten, verlässlichen, persönlichen Gottesbeziehung entwickelten Menschen vor Tausenden Jahren Ideen über eine gute Beziehung zur eigenen Innenwelt und zu mitmenschlichen und kreatürlichen Außenwelt. Eine Version dieser "gottgewollten" Ordnung für ein friedvolles und gerechtes Zusammenleben in einer Gemeinschaft waren die "Zehn Gebote" des Volkes Israel, wie sie in den Büchern Mose (Exodus) der Thora bzw. des Alten Testamentes überliefert sind. Dort heißt es dann zum Ersten Gebot in Ex 20,5f: „Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.“ In ähnlicher Weise kommt die Bibel auf diese Aussage in späteren Büchern immer wieder zurück: Im Buch Exodus, Kapitel 34, im Buch Numeri, Kapitel 14, im Buch Deuteronomium, Kapitel 5, im Buch Genesis, Kapitel 15. Jesus, der ein grundgütiges, barmherziges, väterliches Gottesbild vermittelt, belässt die vorherigen göttlichen Aussagen in ihrer ganzen Gültigkeit, Buchstaben für Buchstaben wie im Evangelium des Matthäus 5,17f: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.“

Was bedeutet dies nun für heutige Menschen mit ihrer zivilisatorischen Entwicklung, ihren Fortschritten in der Psychologie, der Philosophie, der Ethik, mit ihren aufgeklärten Theologien? Während neue Fundamentalisten ein Interesse daran haben, Gottes Strafcharakter hervorzuheben und nicht müde werden, auszumalen, wie er die Sünder und deren Nachkommen strafen wird, möchten manche Aufklärer die furchtbar klingenden Sätze negieren. Es gäbe aber durchaus einen Weg, mit den heutigen Erkenntnissen aus Philosophie, Psychologie und Theologie zeitgemäße Antworten auf sehr alte Wahrheiten zu finden, die die Menschen an den Wurzeln unserer zivilisatorischen Kulturen wohl richtig gespürt und in klaren Worten aufgrund überprüfter Erfahrungen nach Jahrhunderten und Jahrtausenden in heiligen Lehren niedergeschrieben haben, damit sie nicht von Generation von Generation wieder vergessen werden können und sich in den Völkern und Religionsgemeinschaften so etwas wie ein kollektives Gewissen ausbilden konnte, das eben zunächst nicht auf biologischen, genetisch vererbbaren Grundlagen beruht, sondern auf kulturellen Erfahrungen und Einsichten in das kollektive Unbewusste wie das göttlich-spirituelle Überbewusste.

Das Primatengehirn, dass sich in der menschlichen Spezies zu einer höchst eindrucksvollen und unfassbar komplizierten Entwicklung vervollkommnete, ist dennoch nach wie vor so einfach in erster Linie mit dem bloßen Überleben in biologischer Hinsicht beschäftigt, dass es keine nachhaltigen Strukturen für ein ausreichendes geschichtliches und kulturelles Gedächtnis entwickelte. Schon so genannte Zeitzeugen haben mit den "Tücken" ihres rein biologischen Gedächtnisses, das höchst lebendig, das heißt veränderlich, unstet und sterblich ist, zu tun: sie vergessen, sie vermischen Erinnerungen und komponieren sie neu, sie erschaffen neues Wissen aus anderen Erfahrungen und behalten keine nackten geschichtlichen Tatsachen in Erinnerung, sondern emotional gefärbte Geschichten, die sich mit der eigenen Biografie und der immer neuen Suche nach Sinn und Bedeutung deutend umfärben. Biologisch macht die Fähigkeit zum Vergessen und Informationen und Geschichten, die wie Ballast wirken können, Sinn, psychologisch übrigens auch. Was dem immerhin schon relativ weit entwickelten Gewissen des Menschen, seiner Fähigkeit zu Empathie, durch überwältigende, von einem Individuum oder sogar einer Gruppe nicht zu verarbeitende und zu integrierende Ereignisse lebensbedrohlichen, ja katastrophalen Ausmaßes nicht mehr auszuhalten und in einer sinnvollen Geschichte zu gießen möglich ist, wird psychologisch verdrängt oder gar abgespalten und so individuell und auch kollektiv vergessen.

Bliebe es aber bei diesen neuronalen und psychologischen Notfallreaktionen auf der Basis eines eher biologisch organisierten Gedächtnisses, bliebe unsere Kultur auf der Stufe von Primaten, könnten wir eine höhere kulturelle Weiterentwicklung hin zu einer Organisation eines gerechten und mitfühlenden menschlichen Zusammenlebens in größeren Gemeinschaften als einer Kernfamilie oder kleinen Urhorde vergessen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir müssen uns also schon an die Mächte der Seele tief in uns und des Geistes hoch über uns anschließend und Mittel finden, die daraus wachsenden Erkenntnisse mitzuteilen und miteinander zu teilen, um eine höher stehende Ethik, eine humanistische Philosophie und eine Religion des Mitgefühls und der Nächstenliebe zu entwickeln. Und dabei geht es nicht nur darum, Visionen positiver Utopien zu verkünden. Wir müssen in unseren Tiefen genauso die Höllenfahrten zu unseren düsteren Gefühlen, zu unseren Ängsten, zu Trauer und Schmerz, zu Wut und Hass unternehmen, um uns individuell und die aus uns Individuen zusammen gestellten Gesellschaften genauer kennen zu lernen und der Fratze des eigenen inneren Dämons, den wir gerne nach außen treiben, am liebsten aus dem anderen heraus, ins Gesicht sehen. Das können wir nicht mit einem biologischen Gedächtnis. Das können wir nur, indem wir ein kulturelles und geschichtliches kollektives Gedächtnis entwickeln und in tradierbaren und nicht nur mit unserem biologischen "Kurzzeitverstand" verstehbaren Mythen und Ritualen lebendig, wirksam und reaktionsfähig erhalten. Allerdings müssen wir in einer Art Einweihung persönlich in diese Mysterien eintauchen, um uns zu immunisieren und dem eigenen "Bösen" in uns einen ungefährlichen Platz zu geben, wo wir es nicht im Außen befriedigen müssen, sondern im Inneren zum Frieden bringen können.

Für die Gläubigen in einer Religion, in der gilt, dass das Göttliche nicht nur transzendent und fern ist, sondern auch in jedem Menschen, ist es vermutlich eher möglich, eine unmittelbare persönliche, innere Wechselwirkung zu spüren oder darum zu wissen, wie sie mit anderen Worten auch die Psychologie beschreiben könnte. Und die Erfahrungen dieser transzendental oder auch psychologisch Erfahrenen kann über die Generationen schon sehr zuverlässig aussagen - und das offenbar seit Jahrtausenden - dass schwere Verfehlungen gegen göttliche, das heißt ethische Grundprinzipien nicht auf en einen Menschen beschränkt bleiben können, der unmittelbar fehlte. Die Auswirkungen beziehen tatsächlich ganze Familien und Gruppen mit ein, Partner, Eltern, Kinder, Enkel und Urenkel - mindesten drei bis vier Generationen in die Tiefe aber auch in die Breite des Umfeldes. Wenn sich sogar ganze Gemeinschaften kollektiv einem bösen Wahn ergeben und das Böse in andern, in Mitmenschen, auch in Fremden oder in fremden Völkern sehen und mörderisch bekämpfen, werden alle Beteiligten und die nachfolgenden Generationen von dem tödlichen Gift des Hasses und der Bitterkeit von Zorn, Rache und endloser Trauer sowie unterdrücktem Schmerz vergiftet. Wir wissen inzwischen, dass Kriege und Verfolgung nicht direkt betoffene Kinder, Enkel und sogar Urenkel erreichen und verstören. Wir wissen, dass der organisierte Judenmord im so genannten Holocaust im Nationalsozialismus furchtbare Folgen auch für die Nachkommen der Opfer wie der Täter hatte.

Für die Lösung der Folgen solcher massenhaften kulturellen Verfehlungen ist im Einzelnen wie kollektiv eine gewaltige Sühneleistung notwendig. Der schwerste Schritt ist, die Wucht des Leides bei sich selbst bewusst ankommen zu lassen, Stück für Stück, soviel wir gerade zu nehmen in der Lage sind, und auch noch Generationen nach den eigentlichen Tätern und Opfern menschlich-ethische Verantwortung zu übernehmen: vor allem auch für uns selbst, das eigene Böse, die eigene Ängstlichkeit und Mutlosigkeit, die eigene Unklarheit, die eigene Unbarmherzigkeit und Kälte. Das ist höllisch schwer, weil es ängstigt, brennt, schmerzt, Traurigkeit auslöst. Diese Reue ist aber die Voraussetzung für die Sühnearbeit, die nichts anderes ist, als seinem Herzen und anderen Herzen Frieden zu bringen. In diese Sühne mischt sich dann die Barmherzigkeit des tiefsten inneren göttlichen Funkens, der belebt wird von dem großen Feuer der Reinigung. Das ist dann die Gnade. Und wenn wir es schaffen, uns in diesen Prozess zu begeben, können wir den Schmerz, an denen nach unserer eigener Erfahrung und nicht nur nach dem göttlichen Wort in der Bibel drei bis vier Generationen zu leiden und zu büßen haben, ohne bewusst zur Buße zu kommen, in etwas anderes umwandeln, in eine Zeit der Gnade, Barmherzigkeit und Nächstenliebe für viele Generationen, für Tausende, am liebsten für alle Zeiten. Das ist die eigentliche göttliche Botschaft.

Aber um diese Kultur der Liebe und des Friedens, das Reich Gottes zu errichten, müssen wir den erleuchteten Vorgängern, die schon wahre "Kinder Gottes" geworden sind, eben auch in den individuellen und kollektiven Schmerz folgen, denn nur mit unserem biologischen Gedächtnis und einer am biologischen Überleben ausgerichteten Psyche würden wir immer zu wenig tief graben und nie über unsere Denkschranken hinausgelangen, sondern nur unentwegt projizieren. Deshalb sind die drastischen Worte so nötig, um uns existentiell aufzurütteln, wach zu machen. Unsere Schläfrigkeit, unser Selbstbetrug macht uns im psychoanalytischen Sinne unfähig, zu trauern, wie es Mitscherlich Nachkriegsdeutschland unmittelbar nach der Aufdeckung der kollektiven Gräueltaten an Juden, Sinti, Roma, Slawen und Andersdenkenden in Nazideutschland attestierte. Die Unfähigkeit zu Mitgefühl, zu Schmerzempfindung, zu Trauer macht hart, kalt und "vererbt" sich psychologisch und kulturell in die Breite einer Gesellschaft und in ihre Zukunft über Generationen.

Mit der Wiedergewinnung des Mitgefühls und der Betroffenheit ist jedoch keineswegs gemeint, dass wir unser Leben in Trauer, Schmerz und Bitterkeit beenden sollen. Das Gegenteil ist gemeint und ist der Fall. Trauern ist ein dynamischer Prozess, der angenommene Schmerz dauert eine relativ kurze Zeit im vergleich zum verewigten, nur schlecht verbissenen Schmerz. Wir gewinnen nach dieser inneren Seelenreinigung auch wieder inneren Frieden und erhalten die Fähigkeit zur Mitfreude zurück, wenn andere Menschen Glücksmomente erleben und wenn Gemeinschaften ihre festlichen und freudvollen Momente teilen. Wir sollten die Notwendigkeit des ethischen Weges mit tiefer individueller und kollektiver Selbsterfahrung nicht unterschätzen, sehen wir doch heute schon wieder, wie die geschichtlichen Lehren aus dem 20. Jahrhundert allein schon nicht mehr ausreichen, um nicht im 21. Jahrhundert wieder die gleichen Fehler mit teilweise noch furchtbareren Waffen in allen Ecken der Welt zu machen. Gleichzeitig vergessen wir die Erfahrungen unserer Vorfahren immer mehr und begreifen nur schlecht, was deren Menschlichkeit so verändert haben könnte.

Und dabei haben wir es demnächst mit noch viel gefährlicheren Dingen zu tun. Der Bau von Atom- und Wasserstoffbomben und die Nutzung von Uran und Plutonium zur Energiegewinnung in Kernkraftwerken erfordert nicht nur den strikten Verzicht auf einen kriegerischen Einsatz, sondern auch die sichere Verwahrung des Abfalls über eine Million Jahre. Die Strahlenvergiftung könnte das Leben auf dem Planeten nachhaltig verändern, sogar zerstören und es gibt Strategien und Ideologien, die die Anwendung furchtbarster Terrorwaffen gegen das Leben, sogar das eigene, zu legitimieren scheinen. Wir sollten spätestens bei diesen Gefahren auf die alten Mahnungen und Erfahrungen hören, denn während das barmherzige Göttliche auch in uns allen von den schädlichen Auswirkungen unbarmherziger Taten auf drei oder vier Generationen weiß, ist es dem Menschen heute möglich, tausende Generationen zu verderben. Ist es da zu viel verlangt, die eigene Schuld und die der Väter, Mütter, Großväter, Großmütter oder gar Urgroßeltern zu betrauern, zu bereuen, zu bedauern, sich um Vergebung und Gnade zu bemühen und vor allem um eine Neuausrichtung des eigenen Lebens und des Lebens in der Gemeinschaft, damit wir es einmal schaffen, tausend Generationen Frieden zu haben, wie uns auch verheißen wird,

Am Karsamstag, so lehren es die Evangelien der christlichen Bibel, geht einer als Erster und stellvertretend für die Menschheit ganz individuell und allein durch Leid und Tod, durch Unterwelt und Hölle, um am dritten Tag gereinigt und heil aufzuerstehen, wieder geboren in der Freude. Das ist allen geweissagt, die sich auf diesen Weg begeben, egal, welche ethischen, religiösen, philosophischen und psychologischen Bestärkungen sie dafür zu Rate ziehen.
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Sonntag, 27. März 2016, 15:58

Gute Neuigkeiten

Auf Sterben, Todes- und Höllenfahrt erfolgt im dritten Schritt die Erneuerung, Wiedergeburt, Neugeburt. Das alte Ich ist abgestorben, der Kern konnte sich neu entfalten und entrollen. Für diese innerseelischen Vorgänge, die auch an äußeren Zeichen in der Natur beobachtet und zur Projektion für spirituelle Gleichnisse genutzt werden können, werden von Menschen seit Jahrtausenden als Frühlings- und Fruchtbarkeitsmysterien nachvollzogen und festlich begangen. Wer tief in diesen Mythos eindringt, verliert die Angst vor dem Tod, die der "Winter", das erkaltende, erstarrende Herz in die Seele eingesenkt haben. Die Seele erhebt sich wieder, das Herz öffnet sich wärmend. Der christlicher Kar- und Osterzyklus bildet diese archetypischen Urbewegungen und Wahrheiten perfekt ab und der Protagonist, der neue Held und Heiland transportiert diese körperliche und Naturerfahrung in den geistig-seelischen Raum, in dem die Selbst-Beziehung, die Gottes-Beziehung und die Beziehung zum Nächsten erneuert und vertieft werden. Eine neue Welt ist geschaffen, eine Welt schafft sich neu.
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