Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Donnerstag, 5. Januar 2006, 14:50

Arbeitsethik und Grundeinkommen, Entwicklung unserer Gesellschaften und Sozialsysteme

Liebe LeserInnen,

mal schauen, ob ich ein Thema auch kürzer und ohne viel Arbeit anreißen kann: Produktionarbeit wird in den Industriestaaten immer weniger von Menschen und immer mehr von Maschinen oder in "Billiglohnländern" gemacht. Der Dienstleistungssektor nimmt zu, aber die Bereiche, die menschliche Zuwendung bzw. physische Arbeitskraft erfordern, werden ebenfalls rationalisiert. Ergebnis: Immer mehr Menschen ohne sinnvolle, anständig bezahlte Arbeit, von der sie leben und Sozialabgaben zahlen können. Ergebnis: Kolabierende Sozialsysteme mit drohender Verarmung von Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, kinderreichen Familien, Rentnern. Ergebnis: Anstieg von Verzweiflung, Krankheit, Sucht, Kriminalität. Umdenken möglich?

Wie wäre es, wenn jeder hier lebende Mensch ein steuerfreies Grundgehalt (bzw. ein "bedingungsloses Grundeinkommen" ) von Geburt bis zum Tode bekäme. Z.B. unmündige Kinder 500 €, Erwachsene 1000 € monatlich? Dann könnte meine Familie bereits gut leben. Wer Lust, Zeit und Gelegenheit hätte, könnte für viel oder wenig Geld anständig besteuerte sinnvolle Tätigkeiten annehmen und/oder konsumieren. Klar ist, dass ein Teil unseres riesigen Bruttosozialproduktes auf die tatsächlich lebenden Menschen (im Gegensatz zu den nicht natürlichen "Personen" wie Firmen, Institutionen) verteilt werden müßte. Eine Universtitätsfakultät will einmal ausgerechnet haben, dass die Umwandlung aller sonstigen staatlichen Unterhaltsleistungen und Steuerhinterziehungshilfen für ein kostenneutrales Grundgehalt ausreichen würden.

Dann gäbe es noch ein Problem: Die Arbeitsethik. Sie steckt auch mir in den Knochen, denn ich habe sie von meinen Eltern und Großeltern übernommen, die Wertschätzung der Arbeit und des Selbsterhaltes durch eigene Arbeit: Zwar haben wir nicht die archaischen Sprüche gekloppt, wie: wer essen will, muß arbeiten oder wer arbeitet, der verdient sein Brot ect., aber die Ethik, dass man sich sein Auskommen, sein Glück, seinen Wohlstand "verdienen" muß, die steckt auch noch in mir. Arbeit hat einen äußerst positiven Stellenwert, hebt das Selbstbewußtsein. Man fühlt sich nützlich, gebraucht, fällt niemandem zur Last, tut auch noch was für andere. Viele Deutsche, Schweizer, Österreicher wurden noch in dieser Haltung erzogen. Wie grausam muß es dann sein, schon als Jugendlicher keinen Ausbildungsplatz und als Älterer keinen Arbeitsplatz mehr zu bekommen! All das wird ja als persönliche Ablehnung und Abschiebung in die Nutzlosigkeit verspürt, die außerdem noch mit Unterstützungen bestraft werden, die gleichbedeutend mit Leben in Armut sind und mit einem massiven sozialen Kontroll- und Sanktionsapperat verknüpft werden.

Wir benötigen also eine andere Arbeitethik, sei sie biblisch, anarchisch oder sonstwie, aber der Mensch muß als Mensch wieder ohne alle Vorbedingungen und eigenes Verdienst menschenwürdig leben dürfen. Lohnarbeit darf kein Privileg sein, die als einziges ein ethisch sinnvolles Leben zuläßt, während die weniger Glücklichen der Abqualifizierung anheim fallen. Und Bildung darf nicht mehr allein danach beurteilt und dafür von der Grundschule an verordnet werden, um sich für die Arbeit brauchbar, ja ausbeutbar machen zu lassen! Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass der Mensch durchaus gerne tätig ist, wenn er nicht dazu verdammt und gezwungen ist. Sind die Arbeitsbedingungen angenehm und die Entlohnung angemessen, warum sollte dann der Durchschnittsbürger lieber faul sein wollen, nur weil sein Lebensunterhalt bereits gesichert ist? Früher war es so, dass der Mensch mühevoll seinen Lebensunterhalt sicherte und dann noch zu Fron gezwungen wurde. Nur, wer davon etwas hatte, also einen Gewinn, tat mehr, als zum Lebensunterhalt nötig oder, weil er Zeit und Muße hatte, seine Kreativität unter Beweis zu stellen. Was denkt Ihr darüber?

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

2

Dienstag, 17. Januar 2006, 22:26

Keine Jobs, kein Geld, kein Konsum? Unruhen vorprogrammiert, Sozialarbeit eingespart.

Liebe Leute,

das Thema scheint nicht sehr zu zünden, obwohl es Sprengstoff enthält. Ich will mal noch deutlicher werden und eine Fascette hervorheben:

Arbeits- und Ausbildungsplätze für junge Leute gehen verloren, in der Produktion, in den Verwaltungen, bei Dienstleistern. Von ihren Eltern wurden sie noch mit Ideologien vollgestopft, dass nur, wer arbeitet, etwas wert ist, z.B. seinen Lohn, sein Gehalt. Wer arbeitet, soll auch essen und kriegt Geld.

Darüber war unsere Gesellschaft schon längst hinaus. Wer arbeitet, soll auch Freizeitspaß haben, konsumieren, Geld ausgeben, je mehr, desto besser, vermittelt uns die Werbung. Das haben die jungen Leute schon vor Beruf und Geldverdienen gelernt. Doch jetzt haben viele keine Lehre, keinen Job, kein Geld.

Konsumhunger ist da, Arbeit und Geld nicht. Sozialneid wächst, Anreiz, sich das Fehlende auf kriminellem Wege zu beschaffen. Ist es aber nicht auch kriminell, dass einige Wenige großes Geld mit Kapitalgeschäften und Aktienhandel machen, Multis immer weiter wachsen, rationalisieren, entlassen, sich den nationalen Gesetzen entziehen können und nichts in die Sozialkassen zahlen?

Für die konsumorientierten Jugendlichen, deren heile Welt zusammen bricht, gibt es immer weniger Sozialarbeiter und immer weniger Stütze aus dem sozialen Netz: Die Gesellschaft muß sparen. Wir haben uns da ein gewaltiges Problem gezüchtet. Und da wundern wir uns, dass junge Leute ihren Kinderwunsch auch dann weiter aufschieben, wenn sie es mal so gerade geschafft haben, wirtschaftlich Fuß zu fassen?

Ein Lösungsansatz: solidarisches Bürgergehalt ohne Verpflichtung, also ein bedingungsloses Grundeinkommen, von denen keine Abgaben gezahlt werden. Was ich damit meine, könnt Ihr oben nachlesen.

LG Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Christoph

unregistriert

3

Dienstag, 17. Januar 2006, 22:53

.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Christoph« (7. Mai 2006, 19:50)


Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

4

Mittwoch, 19. Dezember 2007, 20:09

Bielefelder Langzeitstudie über die "neuen Nutzlosen" und das "Prekariat"

Zur Ergänzung von Informationen zu der hier beschriebenen Diskussion verweise ich noch auf einen Bericht über eine Bielefelder Studie unter anderem zur Wahrnehmung bestimmter "Randgruppen" wie z.B. Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, Behinderten usw. in einer Bundesrepublik, die offenbar von sozialer Verantwortung stetig unter ökonomischen Effizienzkriterien zu einem Klima der sozialen Kälte voranzuschreitet. Der Trend scheint nun im Bewußtsein der Bevölkerung angekommen zu sein und sich dort unterschiedlich auszuwirken: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…11316#post11316

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

5

Sonntag, 23. Dezember 2007, 12:54

Soziale Ethik und Utopie: Was könnte umsetzbar sein?

Liebe Micha,

auf Deine im Beitrag zur Diskussionssendung aufgeworfenen Fragen möchte ich hier noch einmal im Zusammenhang eingehen. Ich hatte das Thema hier im Unterforum über Spiritualität aufgebracht, weil es zumindest früher das Selbstverständnis der großen Religionsgründer oder aber der spirituellen Meister war, aus deren Überlieferungen die Nachfolger eine Religion gemacht haben, dass der Fromme oder der spirituell Gereifte auch als gesellschaftliches Wesen ethisch und gerecht handelt. Insofern waren all diese hervorragenden Denker und spirituellen Meister auch Neuerer und Reformer, also auch Buddha, Konfuzius, Jesus oder Mohammed. Meistens waren sie nicht der Ansicht, dass sich eine gleichförmige Gerechtigkeit mit Gewalt durchsetzen müßte. Sie empfahlen einen anderen Weg, der nicht den Mächten dieser Welt gehorchte und daher weder gewaltsam noch ausschließlich materiell war. Aber sie waren auch nicht blind und mißbilligten die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Die säkulare, materialistische Religion des Marxismus mit seiner Dialektik war mitsamt seiner realsozialistischen und staatskommunistischen Experimente ebenfalls von einer ethisch-humanistischen Philosophie der Gerechtigkeit durchdrungen. Sie stellte den unterprivilegierten Menschen, den entfremdeten und enteigneten Produzenten des Mehrwertes, den Industriearbeiter in den Mittelpunkt und entwickelte die Utopie eines materiellen Paradieses einer mit einer politischen und materiellen Gerechtigkeit am Ende eines Klassenkampfes nach dem Niedergang des Kapitalismus. Allen Ideen gemeinsam ist, den Menschen von der prekären Not der absoluten Existenzsicherung in einen Zustand zu heben, in dem er in Frieden mit Gleichwertigen im Zustand der materiellen Versorgtheit, ja Sattheit die geistigen und seelischen Bedürfnisse ohne den Zwang der Existenzerhaltung unter widrigsten Umständen entwickeln könnte, um Freude am Leben und an der Gemeinschaft an sich zu kultivieren und den Kampf eines jeden gegen jeden zu überwinden. Das Leben sollte ein Fest sein.

Zitat

Original von Michael

Zitat

Original von Micha
Hallo Michael,

falls es hier um die sog. "Grundsicherung" geht, bin ich froh, dass mich vor ein paar Wochen jemand aus einem Forum für Behinderte auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht hat. Menschen daheim zu pflegen und ihnen Grundsicherung auszuzahlen finde ich weitaus günstiger als sie in Heimen zu betreuen. Aber wenn ich mich nicht täusche bekommen das auch Schüler, die von 8 - 17 Uhr unterwegs sind.

Liebe Grüße Micha

Liebe Micha,

ich bin mir nicht sicher, ob wir dasselbe meinen. Das "bedingungslose Grundeinkommen" ist ein ganzes Konzept, über das ich an anderen Stellen im Forum ausführlicher geschrieben habe.

Das etwas andere Pflegekonzept der Zukunft ohne Heime ist Gegenstand eines ganz neuen Buches von Klaus Dörner: "Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem." Paranus Verlag (Neumünster) 2007. 220 Seiten. ISBN 978-3-926200-91-4. 19,00 EUR.
Reihe: Edition Jakob van Hoddis.

Den Hinweise auf eine Rezension fand ich in dem Forum "Die ausser der Reihe Reihe". Könnte sein, dass das Buch interessant für Dich wäre und dann vermutlich auch diese Fortbildung, über die ich schon berichtete.

LG, Michael

Zitat

Original von MIcha
Hallo Michael,

ja, es ist ein anderes Einkommen, was du meinst. Hört sich auf den ersten Blick gut an, weiß aber nicht ob dann überhaupt noch einer bereit ist zu arbeiten.

Liebe Grüße Micha

Zunächst einmal geht die "Utopie", dass es möglich wäre, zumal in unseren Breiten einem jeden Bürger die Existenz zu sichern, davon aus, dass unsere gesamtgesellschaftliche Produktion bereits mehrfach dazu ausreicht, uns alle sorgenfrei zu unterhalten. Dabei sind die primären Produktionsprozesse zum Teil so automatisiert, dass es immer schwieriger wird, die Menschen sinnvoll zu beschäftigen. Immer mehr "müssen" zur Verstätigung der Binnennachfrage für die Konsum- und Vergnügungsindustrie Pseudobeschäftigungen aufnehmen, jedoch in der Form, dass sie für die Betätigung ihres Beschäftigungsdrangs und Erlebnishungers selbst dafür bezahlen, dass sie reisen können, Vergnügungsparks aufsuchen, Shopingtouren unternehmen usw. Auch ein Rentner ist heutzutage in der Regel, wenn er Geld hat, viel zu beschäftigt, um noch Großelternaufgaben in nennenswertem Umfang wahr zu nehmen.

Nun ist man heutzutage davon abgekommen, mit staatlicher Gewalt für die Verteilung der ungerechten Ressourcen, der Produktions- und Geldmittel zu sorgen. Dafür haben immer mehr Trusts, Kapitalgesellschaften und multinationale Unternehmungen mehr Einfluss, Macht und Kapital, als die meisten Nationalstaaten. Eine einfache Revolution mit Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln und Kapital gehört damit so ziemlich der Vergangenheit an. Dennoch entsinnen sich sehr viele Menschen wieder sowohl einer religiös wie philosophisch-humanistisch begründbaren Ethik. Einige tun es gewalttätig aus dem antiimperialistischen Reflex gegen kulturelle und wirtschaftliche Unterdrückung, z.B. der politisierte und radikalisierte antiwestliche Islamismus in seinen ärmeren und wirtschaftlich weniger entwickelten Kernländern. Andere treten als Reformer und Mahner auf und sind in hunderte nichtstaatlicher Bewegungen und Gruppierungen, manche als "Globalisierungsgegner" falsch apostrophiert, zersplittert.

Doch gehen wir zurück auf die ursprünglichsten Ideale mitmenschlicher Solidarität mit dem Nächsten. Sie finden sich im Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam. Sie fanden sich in den so genannten heidnischen Religionen und antiken Kulten. Der Mensch hatte immer schon ein Gespür für den notwendigen Ausgleich sowohl zwischen ihm und seiner natürlichen Umwelt wie zwischen ihm und seinem Nächsten. So ist es eine überall bekannte Grundtugend als Ausweis tiefer ethischer Einsicht, mitfühlend, gastfreundlich, hilfsbereit, großzügig, barmherzig, ja sogar liebevoll mit dem Anderen zu sein, besonders mit dem, der schwächer oder ärmer ist, der also unserer Unterstützung bedurfte. Dies wurde mit göttlichen Grundrechten begründet: Vor Gott sind nicht nur alle gleich: Er liebt seine Ärmsten und Bedürftigsten und schätzt, wenn seine Anhänger an diesen seine Werke des Mitgefühls tun. Das für solche Ideen kein Gedanke an eine göttliche Person notwendig ist, belegt der Buddhismus.

Somit dürfte es als eines der ältesten Grundrechte gelten, dass jedes einzigartige menschliche Wesen sein Recht auf Leben, auf Unterhalt, Versorgung, Mitgefühl, Mitmenschlichkeit hat, sein Geburtsrecht auf Teilhabe an allem in der Schöpfung ohne Ansehen seiner Person, seiner gesellschaftlichen Stellung, wirtschaftlichen Macht, seiner Leistungsfähigkeit. Es ist also egal, ob er in der Lage ist, der Gemeinschaft materielle Güter zurück zu erstatten oder sie zu produzieren. Sein immatrieller Wert als menschliches Wesen besteht für uns auch, wenn er nicht dazu beiträgt, materielle Werte zu schaffen. Und fast immer waren Gesellschaften seit der agrarischen Revolution am Ende der Steinzeit in der Lage, so viele Überschüsse zu produzieren, dass sie mehr und mehr den Mehrwert in gemeinschaftliche Projekte zu investieren konnten, materiell erkennbar an großen religiösen Gemeinschaftsbauten, sozial erkennbar an Einrichtungen zur Versorgung und Unterstützung Bedürftiger.

Diese Versorgung blieb immer ein wenig hinter den Erfordernissen zurück und die religiösen Forderungen der usprünglichen Religionen nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit auch im Diesseits wurden von den politisch Mächtigen immer wieder soweit verwässert, dass kaum mehr als ein Almosen-System herauskam, aber keine gerechte Gesellschaft. Die, die in Aufständen aus Hunger und Not eine soziale Utopie einforderten, wurden von den Herrschenden blutig in die Schranken gewiesen, so z.B. in den Bauernaufständen und Kriegen und den meisten Revolutionen. Jetzt aber sind wir seit mehr als hundert Jahren und dank Globalisierung auch weltweit in der Lage, die gröbsten Folgen der Ungerechtigkeit wie Hunger und Verteilungskriege unnötig zu machen. Wir müssen es auch, weil wie unsere globalen Energie- und Umweltprobleme sonst nicht einvernehmlich lösen können, bevor wir uns in Kriegen oder in einer Umweltkatastrophe gegantischen Ausmaßes den Garaus machen. Aber wir tun uns unendlich schwer damit.

Was uns bleibt, ist, in den fortschrittlichsten Ländern mit dem größten relativen Wohlstand und dem größten Innovations- und Wissenschaftspotential beispielgebend mit einer ethisch-humanistischen Sozialpolitik und Produktions- und Verteilungsweise zu beginnen. Jedem Bürger vom Anfang bis zum Ende des Lebens ohne Bedingungen ein Grundeinkommen zu seiner guten materiellen Versorgung zu gewähren, ohne dass er dafür etwas tun muss, nur, weil er existiert, wäre eine solche ethische Grundforderung, die sich sogar aus unserem spirituellen Erbe ableiten läßt und die errechnetermaßen machbar, bezahlbar ist. Die Befürworter argumentieren, z.B. ein bekannter Unternehmer einer Drogeriekette, dass der Mensch durch Gewährung der Grundsicherung ersteinmal überhaupt in die Lage versetzt werden muss, seine Arbeitskraft anzubieten. Nur wer ernährt ist und eine sichere Bleibe hat, kann unbesorgt arbeiten gehen und seine ganze Kreativität, seinen Erfindungsreichtum, Hingabe und Liebe in seine Tätigkeit stecken.

Viele Menschen arbeiten unter einem imaginären Diktat des "Müssens", um die Familie zu ernähren. Immer mehr ziehen heutzutage daraus den (Kurz-)Schluss, dass sie lieber keine Familie haben möchten, damit sie für niemanden sorgen müssen, da das auch heutzutage nicht sehr einfach ist. Sehr viele Menschen arbeiten nur für ein relativ geringes Gehalt in ungeliebten Arbeitsplätzen, weil sie dieses Geld haben müssen. Für die Dinge und die Menschen, die sie lieben, Kinder, Verwandte, Alte haben sie keine Zeit mehr. Darum kümmern sich mehr schlecht als recht andere Billigpfleger in immer noch teuren Heimen. Unsere Grundsicherung durch Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II (Hartz IV) reicht nicht für ein menschenwürdiges Leben in unserer Konsumgesellschaft. Diese Menschen werden vom allgemeinen sozialen Leben abgekoppelt und vergessen.

Dass Menschen aber, wenn sie ihren Lebensunterhalt bekommen, nichts mehr tun möchten, kann man oft hören, aber die Erfahrung bestätigt das nicht. Eine solche resignative Haltung gibt es eigentlich nur in den chancenlosen Randgruppen - die allerdings zunehmen - in denen seit Generationen Sozialhilfeempfänger die deprimierende Erfahrung an ihre Kinder weiter geben, dass sie sowieso keine Chance haben, ihr Los durch eigene Tätigkeit zu verbessern. Und dennoch gibt es auch in diesen Kreisen fleißige Arbeiter und solche, die genügend Initiative zeigen, durch das ihnen meist feindliche Bildungswesen zu marschieren und doch noch ihr Glück zu machen. Leider werden viele dieser Motivierten auf diesem Weg auch rücksichtslos und vergessen, ihren Leidensgenossen aus der Unterschicht Wege aus der Resignation aufzuzeigen und sie zu ermutigen. Das müßten wir tun.

Die meisten Menschen möchten tätig sein. Sie haben einen unerschöpflichen Vorrat an Phantasie und Kreativität, wenn sie noch halbwegs glückliche Kinder sind, möchten lernen, sich verbinden, sich beteiligen. Auch der Reiche, der nicht mehr arbeiten müßte, beschäftigt sich in der Regel unentwegt. Viele arbeiten und arbeiten und können den Ertrag in ihrem Leben nicht annähernd verbrauchen und genießen. Sie könnten viele von ihrem Ertrag unterstützen und einige tun das auch. Daher glaube ich nicht, dass Existenzsicherung die Menschen dazu bringt, untätig in den Betten zu liegen. Denn mit der Existenzsicherung läßt sich nur dann gut leben, wenn man ein wenig bescheiden ist und Konsum nicht schätzt.

Natürlich fragen sich viele, was mit den ungeliebten, körperlich oder emotional anstrengenden und schmutzigen Arbeiten wird, zu denen man bisher Unterprivilegierte mit Hungerlöhnen zwingen konnte, weil diese sich sonst nicht hätten ernähren und unterhalten können. Wer wird noch Strassen kehren, Mülleimer leeren, Alte und Kranke pflegen, am Fließband stehen, nachts servieren, an Feiertagen kochen, LKW's durch die Welt fahren, Putzen, Spargel stechen, als Hausarzt 80 Wochenstunden arbeiten? Ganz klar, man wird einfach viel mehr dafür bezahlen müssen, damit sich Leute finden, die das gerne und vielleicht in begrenzteren Umfang machen werden. Oder die Bürger werden es wieder selber machen, sich um ihre Strassen und ihre Alten kümmern und zuhause bleiben, wenn ihre Kinder krank sind.

Dass das klappen kann, zeigen besonders schwere und einsame oder gefährliche Arbeitsplätze bei der Offshore-Ölgewinnung auf den Bohrplattformen in der Nordsee: Es gibt viel Freizeitausgleich und viel Geld. Das hat damit zu tun, dass sich hier auch noch viele Gewinne machen lassen. Das gilt aber für einige hochmoderne Wirtschaftsektoren. Auch ein Umdenken zur Qualität statt Quantität mit entsprechend gerechten Erzeugerpreisen kann z.B. auf dem Agrarsektor mit ökologisch angepassten, personalintensiveren landwirtschaftlichen Produktionsweisen Arbeitsplätze und Einkommen schaffen und die Menschen identifizieren sich auch viel mehr mit ihrem Produkt. Das gilt sicher dann auch für den Dienstleistungsbereich, in dem Pflegende und Heilkundige genauso wie ihre Patienten aufblühen würden, wenn sie wieder mehr Zeit füreinander hätten, um die so heilsamen menschlichen Beziehungen zu pflegen, statt nur den Körper zu warten...

Dass unsere Visionen so oft nur ein "Utopia" bleiben, ein "Nichtort" oder "Nirgendwo", etwas, für das es in der so genannten Realität keinen Platz gibt, liegt sehr wahrscheinlich an unserer pessimistisch zwanghaften Art, die schon jeder Vision den Garaus gemacht hat: Statt an die Fülle, das Gute und Machbare zu glauben, wie es alle Religionen empfehlen ("Bittet, so wird Euch gegeben", Matthäus 7,7ff), verwandeln wir die gesunde Skepsis eines kritischen und daher synthesefähigen Geistes in die negierende Anti-Polarität: Wir verwerfen alles als Illusion, als nicht machbar, als unsinnig oder zu teuer und konzentrieren und fokussieren unsere ganze Geisteskraft und letztlich unsere gesamte Kultur einschließlich der so genannten demokratischen Regierungsform auf die Verwaltung des Mangels und die Kontrolle der Nutznießer. Ein solches System schafft keine Visionen, sondern nur Frustrationen. Das ist letztlich auch mein Unbehagen, das ich bei den neuen und alten konventionellen "Linken" spüre: Diese Versteifung auf den Mangel der Unterprivilegierten, die Verteufelung von Wohlstand an sich. Es bleibt ihnen nur, Materielles von oben nach unten zu verteilen und zu kontrollieren, dass sich niemand auch wieder daran bereichert. Da sie nur über Nehmen und nie über Geben philosophieren, haben sie für ihre Bedürfnisse immer leere Kassen, aus denen sich schon alle bedient haben.

Es gibt genügend Beschäftigungsmöglichkeiten, genügend Aufgaben, genügend Ressourcen an Geld und Wohlstand, damit alle Mitglieder der Menschenfamilie ein würdiges Auskommen finden, eine anspruchsvolle, befriedigende Tätigkeit ausüben und genügend Zeit dafür verwenden können, über den eigentlichen Sinn des Lebens nachzudenken - wenn sie das denn möchten. Sie werden ihre natürlichen Lebensgrundlagen schonender behandeln, wenn sie nicht in Konkurrenz und Neid miteinander Kriege führen und stattdessen die Politik der "verbrannten Erde" hinter sich lassen. Doch predigen nützt nichts. Obwohl jeder Viertelerleuchtete weiß, dass Gedanken die Wirklichkeit erzeugen und jeder ein Schöpfer seiner Lebensumstände ist, benötigen viele Menschen sichtbares Anschaungsmaterial, als Experiment, dass eine Idee tatsächlich funktionieren kann. Daher halte ich das bedingungslose Grundeinkommen in einem reichen Industrieland nur für ein Experiment am Beginn eines gesamtwirtschaftlichen Umdenkens. Wir hätten die Ressourcen, das Wissen und die Verwaltung, um es umzusetzen, wenn wir statt auf Kontrolle auf das Beispiel von Großzügigkeit und Mut setzen. Also Freude statt Frust! Ein Fest für alle. Eine Utopie? Wäre doch jetzt direkt vor Weihnachten ein paar Überlegungen wert.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

6

Freitag, 28. November 2008, 19:12

Kommunale Variante der Verunglimpfung der "neuen Nutzlosen" und des "Prekariats"

Zitat

Original von Michael
Zur Ergänzung von Informationen zu der hier beschriebenen Diskussion verweise ich noch auf einen Bericht über eine Bielefelder Studie unter anderem zur Wahrnehmung bestimmter "Randgruppen" wie z.B. Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, Behinderten usw. in einer Bundesrepublik, die offenbar von sozialer Verantwortung stetig unter ökonomischen Effizienzkriterien zu einem Klima der sozialen Kälte voranzuschreitet. Der Trend scheint nun im Bewußtsein der Bevölkerung angekommen zu sein und sich dort unterschiedlich auszuwirken: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…11316#post11316


In unserer "Wilhelmshavener Zeitung" (WZ) erschien am 22.11.08 vor einer knappen Woche eine Artikel in der Samstagsausgabe, in der der Leiter des städtischen Jugendamtes sich über ein angebliches Phämomen verbreitet und ihm damit eine mediale Objektivität verleiht. Kurz gefasst: "Sozial auffällige Familien" kommen aus der gesamten Bundesrepublik, um wegen ein paar Quadratmeter größerer Sozialwohnungen, billigeren Fritten und Friseuren in Wilhelmshaven sesshaft zu werden. Dort belasten sie, so heißt es, das Sozial- und Jugendamt überproportional. Da einige Kinder dieser Familien wegen Erziehungsunfähigkeit bereits auswärts in Heimen fremd betreut würden und andere Kinder Hilfen zur Erziehung durch das Jugendamt benötigten, ginge der Schaden jährlich in die Millionen und das, obwohl die Anzahl der (guten und erwerbstätigen?) Einwohner in Wilhelmshaven insgesamt sinkt.

Da die Stadt wegen eines massiven Gewerbesteuerausfalls zumindest in den nächsten beiden Jahren aufgrund von Investitionsabschreibungen eines Unternehmens in Not gerät, verschuldet zwar, weil die Stadt mit ihrer kapitalismusfreundlichen Offerte die Investitionen zunächst köderte, entwirft der Artikel ein düsteres Szenarium, bei dem man die polarisierende Wahl zwischen empörter Schelte dieses "Sozialschmarotzertums" und "Sozialneid" hat. Mir ist ganz schlecht geworden von soviel im Trent liegendem Populismus auch noch durch einen so genannten Fachmann der Sozialarbeit und ich habe mich zu einer dritten Wahl entschlossen, nämlich wieder mal einen Leserbrief zu schreiben:

Zitat

Leserbrief vom 27.11.2008 auf den Artikel „Die Stadt der gestrandeten Kinder“ von Martin Wein, Wilhelmshavener Zeitung, Sonnabend 22.11.2008

Lebe ich in einer „Stadt der gestrandeten Kinder“? Nach der Lektüre von Martin Wein’s WZ-*Artikel über die persönlichen Recherchen des Jugendamtsleiters Carsten Feist spüre ich Beklommenheit. Was ist, wenn Ältere, die ihre kleine Rente in hiesigen Senioreneinrichtungen verzehren, nach der Lektüre nun meinen, das „Sozialtouristen“ Wilhelmshavens Schulden in die Höhe treiben und weniger Geld für die Betagten übrig ist, wie schon zu hören war? Was ist, wenn eine Wilhelmshavener Familie den Hinweis eines Jugendamtsmitarbeiters auf die vielen zu bearbeitenden Fälle und die Kosten so interpretiert, dass zugereiste, „sozialauffällige Familien aus ganz Deutschland“ soviel aus den Sozialtöpfe beanspruchen, dass anderen Wilhelmshavenern zu wenig bleibt?

Einer der letzten Sätze des Herrn (Martin)** Wein, „von einer Fortzugsprämie schwadronieren am Stammtisch bereits manche Lokalpolitiker“, bezeichnet m. E. das Niveau der Aussagen des Artikels, der trotz zweier „Fallbeispiele“ im Vagen bleibt und ohne Lösungsvorschläge: Ich nenne das Populismus und der schadet der Sozialarbeit.

Eine Lösung, an die sich kaum ein Politiker heranwagt, ist die zentrale Finanzierung der gesamten psychosozialen Prävention und Hilfen für Familien und Minderjährige aus dem allgemeinen Steueraufkommen, statt durch die Gemeinden über Sozial- und Jugendhilfe sowie durch Krankenkassen, wobei die Entscheidungskompetenz über die Hilfen bei den Helfern im Einvernehmen mit den Betroffenen vor Ort verbleibt.

Eine Gemeindefinanzierung sozialer Lasten ist im Zeitalter der Globalisierung und strukturübergreifender sozialer Probleme ein Anachronismus und führt zu absurden sozialen Kontrollen, bei denen Vorurteile und Sozialneid gerade im lokalen Bereich eine Rolle spielen, wenn jeder Hilfeerbringer so tut, als gingen die Leistungen direkt von seinem eigenen Konto. Hier würde ich mir mehr sozial-demokratisches Denken und Mitmenschlichkeit, ob christlich oder humanistisch sozialpolitisch ausgerichtet, wünschen.

Ich denke an viele Klienten zurück, so genannte sozialschwache Familien, denen wir therapeutisch zusammen mit der Jugendhilfe beistehen konnten und deren Wegzug - den gibt es nämlich auch – ich bedauert habe, da dies die Hilfen unterbrach. Ich denke an Not leidende Familien, die unsere Solidarität benötigen und in denen trotz Arbeitslosigkeit Kinder liebevoll groß gezogen werden. Zugereiste kamen übrigens oft wegen der guten Luft zu uns. Dieser Anreiz könnte bald, vielleicht auch nach der „dicken Luft“ durch solche Meinungsäußerungen von Fachleuten in der Presse, wegfallen.

Städte wie Wilhelmshaven haben derzeit insbesondere aufgrund spezifischer Strukturen viele Probleme mit dem Strukturwandel. Diese sind nicht nur importiert, sondern werden auch exportiert. Ich nenne Probleme eher Aufgaben. Sie geben Herrn Feist, mir und anderen Mitarbeitern der Stadt Arbeit und die machen wir meist gut im Sinne und nach dem Gesetz der bundesrepublikanischen Allgemeinheit und im Auftrag unseres Gemeinwesens, der Stadt Wilhelmshaven und unserer Klienten.

Und selbst wenn die allgemeine „Schnäppchenjägermentalität“ inzwischen am unteren Ende der Sozialleiter angekommen ist,(Ich) empfinde ich eine Darstellung, nach der es „sozialauffällige Familien aus ganz Deutschland“ wegen größerer Sozialwohnungen und billigerer Fritten nach Wilhelmshaven zieht, als unverantwortlich, weil sie zu einer neuen Hetze gegen „Sozialschmarotzer“ verleiten könnte. Es gibt soziologische Studien über eine zunehmende Ausgrenzungsbewegung in Deutschland: Betroffen sind „sozial Auffällige“, Arbeitlose, psychisch Kranke und weniger Leistungsfähige. Da liegt der WZ-Artikel voll im Trend!

Michael Schlicksbier-Hepp, Kinder- und Jugendpsychiater, Familientherapeut

*Anmerkung: rote Passagen wurden bei der Zeitungsveröffentlichung in der "WZ" vom 9.12.2008 von der Redaktion gestrichen.**(Blaue Passagen) wurden von der "WZ" eingefügt


Den lokalen Politikern, das ist klar, steht oftmals das Wasser bis zum Hals und aufgrund der Frustration, mit wenig Geld und auch wenig Liebe zu dem bedürftigen Klientel gute Sozialarbeit leisten zu sollen und wo die versagt, die Frustrationen therapeutisch abzumildern, und zwar bei Klienten wie Helfern gleichermaßen, kommt es schon mal vor, dass auch Fachleute populistisch Stimmung schürend durch die Medien marodieren - vielleicht um sich selbst als Politiker in Stellung zu bringen.

Für mich ist das ein weiterer Hinweis dafür, dass unser globaler Strukturwandel auch von staatlicher Politik im Sinne einer neuen Definition von Wohlfahrt der Bürger beantwortet werden muss. Es ist unethisch, lediglich Einschnitte in das soziale Netz vorzunehmen und Armut zu einem Privatproblem zu definieren, wenn gleichzeitig staatliche und wirtschaftliche Strukturen nachweislich eine Umverteilung des immer noch vorhandenen Reichtums aus immer breiteren Bevölkerungsgruppen zu immer weniger wirtschaftlich mächtigen Menschen, Familien und Konzernen bewirkt.

Wenn hier nämlich nicht mehr das "christliche" Gewissen vieler Unternehmer und ihrer bevorzugten Parteien wirkt und auch die ehemaligen Sozialdemokraten und sogar die Ökologen die soziale Verantwortung zu einer theoretischen Moral verkommen lassen, die auch allmählich aus den Partzeiprogrammen verschwindet, gibt es bald keine einflussreichen Kräfte mehr, die das Prinzip der Solidarität und sozialen Verantwortung noch stützen. Wie weit soll die Entsolidarisierung der Gesellschaft noch gehen? Bis wir in eine pseudofeudale Almosengesellschaft mit vielen Unfreien und wenigen Vermögenden, die nach Art mafioser Willkür herrschen, herabgesunken sind?

Es muss wieder in unserem Denken und in unserem gerechten Empfinden verankert werden, dass soziale Lasten von der gesamten Gesellschaft zu schultern sind und zwar ausnahmslos aus dem gesamten Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft heraus. Und wollen wir von der Diskussikon über drückende Steuer- und Abgabenlast für tatsächlich Arbeitende (ich meine nicht das Kapital, das an der Börse "arbeitet") auf der einen Seite und Almosen für Arbeitlose, Arme, Kranke, Kinderreiche und Alleinerziehende mehrer Kinder auf der anderen Seite weg kommen, kommen wir um eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger nicht herum.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Michael« (10. Dezember 2008, 23:52)


Beiträge: 45

Wohnort: oldenburg in oldenburg

Beruf: psychologin

  • Nachricht senden

7

Freitag, 28. November 2008, 23:32

Lieber Michael,

ich hätte es nicht besser ausdrücken können und habe deinen Ausführungen nichts hinzuzufügen - aber du schreibst mir aus dem Herzen!

LG Sabine
Sabine

Beiträge: 3 462

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

8

Donnerstag, 29. Januar 2009, 09:26

Petition zum "Bedingungslosen Grundeinkommen"

Es hört sich an, wie eine alte, urkommunistische Idee: Nachdem das Stadium des Sozialismus überwunden ist, in dem immerhin noch die Arbeiter bzw. "Werktätigen" tüchtig arbeiten müssen und zwar noch teilweise ihrer Arbeit entfremdet sind, aber immerhin schon gesellschaftliche Miteigentümer der Produktionsmittel und somit allenfalls Selbstausbeuter, übernimmt in der kommunistischen Gesellschaft zunehmend die Mechanisierung die Produktion: man arbeitet weniger bis wenig und es geht hauptsächlich um die (bedarfs-)gerechte Verteilung der Mittel zum Leben und Konsum.

Doch die Überlegungen zum "Bedingungslosen Grundeinkommen" sind komplizierter und durchaus nicht rein utopisch oder wirtschaftsfeindlich, wenn sich sogar ein CDU-Politiker wie der Thüringische Ministerpräsident Althaus, der sich zur Zeit von einem Skiunfall erholt, für diese innovative Lösung einsetzt, die zusätzlichen Einkommenserwerb ja nicht ausschließt, sondern teilweise erst ermöglicht.

Diese Idee entspricht auch einem uralten und somit sogar biblischen Traum von einer Annäherung an ein Paradies: Jeder ist es wert, dass er von der Gesellschaft erhalten wird, unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit: Bedingungslose Annahme und Liebe. In der Steinzeit ging das nicht, man wäre in Gefahr, den Hungertod zu sterben, wenn man längere Zeit für sich oder die Sippe nicht am Nahrungserwerb teilgenommen hätte, hätte sogar die anderen auf Dauer bis zu Gefährdung belastet.

In den Ackerbaugesellschaften, die mehr Vorräte anlegen konnten, als Sammler und Jäger, wäre es theoretisch gegangen, Menschen ohne Erwerb und Arbeit zu erhalten und praktisch ging es auch, z.B. Priester als dienstleistende Meditierer und Anbeter. Die Priesterkasten der organisierten Religionen schwollen sogar förmlich an. Ihre Mitglieder waren aber teilweise auch Schreiber und Verwalter und rückten als Priesterkönige oder Unterstützer der sich bildenden Monarchien in die Obrigkeit des Ausbeutersystems auf.

Und je mehr der "Entfremdungsprozess" von Arbeit und Nutzen für den Erzeuger zunahm, also im Grunde auch ein Enteigungsprozess, der Erzeuger zu relativ besitzlosen, manchmal sogar rechtlosen ("Sklavenhaltergesellschaft" in der marxistischen Terminologie) Individuen machte und damit selber zu Objekten von Ausbeutung, die nur ihre Arbeitskraft anzubieten hatten, um leben zu dürfen, desto mehr wurde eine "Arbeitsmoral" herausgebildet, die etwa sagte: "Wer essen will, muss zuerst einmal arbeiten".

Die Verfechter des Bedingungslosen Grundeinkommens sagen hingegen genau umgekehrt: "Wer seine Arbeitskraft erhalten und zur Verfügung stellen können will, muss sich erst mal satt essen können." Heute könnten wir diesen solidarisch-paradiesischen Traum offenbar dank Geist, Maschine und gewandelter Sozialethik erstmals erfüllen. Das erhoffen die Konstrukteure des "Bedingungslosen Grundeinkommens".

Da es auch immer weniger Vollerwerbsarbeitsplätze gibt, auf denen ein Arbeitnehmer mit einem einmal erlernten Beruf ein Arbeitsleben lang mit seiner Erwerbstätigkeit sich und eine Familie ernähren könnte, ist für ein Wohlfühlen in dieser Gesellschaft unter Beibehaltung eines sozialen Konsenses über Billigkeit und Gerechtigkeit sowieso eine völlig neue Arbeitsethik erforderlich.

Wir erkennen aber auch die Gegenbewegung der Entsolidarisierung und der Erfindung der "neuen Nützlichkeit", die sich von den "neuen Nutzlosen" und dem sogenannten "Prekariat" abzugrenzen versucht. Vorbei die revolutionären Parolen zur Emanzipation der Arbeitenden von der ausbeuterischen Arbeit, der "Entfremdung"! Vorbei die sozialdemokratischen Forderungen, die an die katholische Soziallehre anschlossen und nicht nur Sozialleistungen forderten, sondern die Würde des Arbeitenden auch in Krankheit, Behinderung, Mutterschaft und Alter im Sinne hatte und die Ausbildung der Kinder im Blick!

Plötzlich wird der Arbeitsplatz zu einer Art geliehenem kapitalistischen Besitz, der allein aber immer weniger ausreicht, an dem geförderten und geforderten Konsum in dieser Gesellschaft ausreichend teilzunehmen. Denn auch der, der nicht konsumiert, ist nicht nützlich für das Wirtschaftswachstum. Neue Armut entsteht unter kinderreichen Familien, Kindern überhaupt und neuen Alten, die dank schmaler Rente, die sie versteuern müssen, zusätzlich arbeiten oder sich einschränken müssen.

Sind wir an einem Wendepunkt unserer Humanität in Bezug auf die Arbeits- und Erwerbsgesellschaft? Im globalisierten Hyperkapitalismus fördern und füttern die gleichzeitig sozial vereinzelten wie digital vermassten Menschobjekte die Maschinen- und Konsumgötter und diese füttern die Kapital- und Börsengötter und Kapital und Wirtschaft vernichten ihre Werte in einer Götterdämmerung der Schlacht imaginärer Kapitalwert - also Besitz/Macht/Energie pur - gegen Produktionsmittel - also Materie pur. Wo bleibt der Mensch? Ist sein Blut wieder der Schmier-Saft für Maschine und Kapitalmarkt?

Zitat

Aus einer E-Mail weitergeleitet durch einen befreundeten Kollegen

Betreff: Petition Bedingungsloses Grundeinkommen

Unten finden Sie Link zur Registrierung.

Ich bitte Sie herzlich diese Petition mit zu unterzeichnen.

Die Mitzeichnungsfrist endet am 10.2.2009. Es haben bisher (24.01.,16.00 Uhr) bereits über 3.764 Personen mitgezeichnet, was für eine solche Petition schon eine enorme Menge ist. Wünschenswert wären 50 000 Unterzeichner und es wäre großartig, wenn Sie dieser Petition und damit einer wirklich großen Idee mit auf die Sprünge helfen würden


Die Petition ist zu finden und mitzuzeichnen unter dem
Internet-Portal des Deutschen Bundestages, Bereich "Petitionen".

Text der Petition

„Der Deutsche Bundestag möge beschließen ... das bedingungsloses
Grundeinkommen einzuführen.

Begründung
Unser Finanz- und Steuersystem ist sehr unübersichtlich geworden. Auch die Arbeitslosenquote scheint eine feste Größe geworden sein. Um nun allen Bürgern ein würdevolles Leben zu gewährleisten, erscheint mir die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens als guter Lösungsweg. Ca. 1500? Für jeden Erwachsenen und 1000? für jedes Kind. Alle bestehenden Transferleistungen, Subventionen und Steuern einstellen und als einzige(!) Steuer eine hohe Konsumsteuer einführen. Eine deutliche Vereinfachung unseres komplizierten Finanzsystems erscheint mir zwingend erforderlich. Auch ginge mit dieser Veränderung ein deutlicher Bürokratieabbau, und damit eine Verwaltungskostenreduzierung, einher.“


Ich finde die Initiativen, die über eine Alternative zu unserer Form des globalisierten Hyperkapitalismus nachdenken und praktische Modelle vorschlagen und erproben, verdienstvoll und anerkennenswert. Ob die Form dieser Petition nützlich ist, weiß ich nicht. Mich stören zwei Dinge an dieser Petitionsart:

Erstens ist mir in der Zeit eines zunehmenden Überwachungsstaates, der außerdem noch unter einer massiven Ausweitung von Datenmissbrauch durch Datenklau und Datenhandel leidet, die offizielle Anmeldung mit allen Daten in einem Portal einer Bundesbehörde (Deutscher Bundestag, Petitionen) unangenehm und suspekt. Es ist bekannt, dass die staatlichen Betreiber dieser "web-sites" Überprüfungen durchführen, um Saboteure und "Terrorismusverdächtige" auszufiltern und ich habe keine Lust, solche obrigkeitsstaatlichen "Schutzmechanismen" zu unterstützen.

Zweitens ist mir nicht plausibel, weshalb Kinder einen niedrigeren Unterhaltungsbedarf als Erwachsene haben. Weil sie keine Autos fahren? Transportkapazität benötigen sie auch, dazu hochwertige Kleidung, aus der sie ständig herauswachsen, hochwertige Nahrung, damit sie gesund wachsen können, Sportvereine, gute pädagogische Einrichtungen, Schulen, Berufs- und Universitätsbildung. Es ist ein immer noch verbreiteter Grundirrtum, dass kleine Menschen und Heranwachsende kleines Geld und weniger Zuwendungen und Achtsamkeit benötigen, als Große und Erwachsene.

Aus diesen Gründen hat diese Petition wie viele eine Schieflage. Da ein Freund mich darauf aufmerksam gemacht hat und ich den Gedanken an sich unterstütze, will ich diese Initiative aber gerne bekannt machen und auf meine Weise unterstützen und wünsche der Idee an sich natürlich Erfolg. Ich wäre vermutlich viel radikaler in der Analyse und auch das ist ja bekanntlich nicht jedermanns Sache.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)