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Sonntag, 22. Oktober 2017, 12:48

Die freie Liebe von Bruder Martin

Ein Naturwissenschaftler, Dr. Mat und ein Mystiker, Bruder Martin, unterhalten sich über Gott, die Religion, die Liebe und den freien Willen. Dr. Mat.: "Frühere Naturwissenschaftler lehnten die Gottesidee ab, da die Idee von einem Schöpfergott, der richtet und nach dem Tod für die Menschen einen Himmel und eine Hölle offenhält, der Idee des freien Willens widerspricht. Schließlich stellten die Wissenschaftler fest, dass ein höheres Wesen, das sich jeder Messung oder jedem Beweis entzieht, wissenschaftlich unvorstellbar ist und damit ausgeschlossen." Bruder Martin: "Für mich hat Gott mit der Erfahrung der Liebe zu tun, die ich in der Vereinigung, der Union mystica mit dem Göttlichen erlebe." Dr. Mat.: "Die Liebe ist naturwissenschaftlich gesehen ein biochemischer, hormonell gesteuerter Vorgang in einer biologischen Körpermaschine. Es ist ein biologisches Verlangen wie Hunger und löst entsprechende biologische Reaktionen aus und hängt auch von diesen ab. Diese Stoffwechselvorgänge steuern letztlich unsere Empfindungen und Gefühle, sogar unsere Gedanken. Diese biochemische Determinierung als materieller Vorgang kommt ohne alle geistige Zutat aus. Ein freier Wille ist somit anzuzweifeln, da wir biologischen Gesetzen in unserem Handeln, Fühlen und Denken unterworfen sind." Bruder Martin: "Das klingt nach einem sehr geschlossenen Weltbild und ähnelt damit einer Form von Glauben, welche Ihr als Naturwissenschaftler gerne kritisiert. Dieser Form von Liebe als einem biochemischen Vorgang wohnt tatsächlich wenig Freiheit inne. Es ist das Triebhafte, das Sigmund Freud entdeckt hat und das gleichwohl Teil einer wunderbaren Natur ist, die ich als Schöpfung begreife. Die Liebe, die ich als Mystiker erfahre, hat jedoch mit der biologischen Triebstruktur nichts Erkennbares gemein. Etwas, das so abhängig von etwas ist, gebunden, entstanden und vergänglich, bekommt in der mystischen Erfahrung nicht die Qualität der Liebe, die völlig frei lässt, die nichts zu tun hat und sich nicht einfordern und nicht berechnen lässt. Ohne dieses freie Liebe gibt es keinen freien Willen." "Dr. Mat: "Wie aber kann der Wille unter dem Einfluss einer solchen universalen und scheinbar allmächtigen Liebe frei sein. Ist das nicht nur eine schöne Idee?" "Bruder Martin: " Das erfährt der Mystiker in sich selbst in seiner tiefsten Nacht, in tiefster Gottferne, in der scheinbaren Abwesenheit von Liebe. Er kann sich entscheiden, diesem Schmerz beizuwohnen und mit seiner Angst dabei zu bleiben, den Schmerz anzunehmen oder sich dagegen zu wehren, sich zu verschließen, durch Gedanken und Gefühle, die er dazu tut, um die Angst und den Schmerz zu verringern. Er kann sich entscheiden, dazu nein zu sagen und etwas anderes zu wollen. Oder er kann sich hingeben. Es scheint leichter zu sein, nein zu sagen. Doch ist es meine Erfahrung, dass ich meiner Lebensfähigkeit selbst in der Angst und im Schmerz nie ganz verlustig gehe und es mir somit genauso leicht fällt, ja zu sagen und mich an diese Erfahrung hinzugeben. Der Wille ist hier frei." Dr. Mat: "Aber Ihr Mystiker behauptet durch alle Religionen hindurch, dass es ein unglaublich tiefes Verlangen, eine schier unauslöschliche Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott oder dem Göttlichen in Eurem Herzen gibt. Falls diese Sehnsucht nicht auch Ausfluss irgendeiner Angst ist und der Unfähigkeit, zu akzeptieren, dass es einfach nichts Höheres gibt, als uns selbst als biologische, vernunftbegabte Maschine, wie könnte man behaupten, frei zu sein, wenn diese Sehnsucht den Menschen zu etwas zieht, etwa zu einer Vereinigung? Wie kann dann also die Liebe der Mystiker frei sein?" Bruder Martin: "Da es möglich ist, das Verlangen zu ignorierten oder zu spüren, ihm zu folgen oder es abzulehnen, gibt es Freiheit. Das Verlangen ist eher eine Art Erinnerung an unsere wahre Natur, die mehr ist, als unsere biologische Natur und chemische Vorgänge. Die heiligen Bücher beschreiben das nur ungefähr, weil es sich kaum mit Worten übermitteln lässt. Die Religionen verwenden daher verschiedene und doch recht ähnlich Bilder, die aber nur an die Schwelle der eigentlichen inneren Erkenntnis führen können, die einem Weg gleicht, den nur jeder selbst gehen kann und jeder hat die Freiheit, bis dahin zu gehen und auch über die Brücke dieses Weges oder auch nicht. Nach den Lehren schickt das göttliche Wesen, die Liebe, dem Menschen beständig etwas entgegen und versichert, immer bei ihm und sogar ein Teil von ihm zu sein. In der einen Vorstellung kommt Gott selbst als sein Sohn und als Mensch zu den Menschen. In einer anderen Vorstellung ist er in jedem menschlichen Herzen von Anfang an und immer präsent und lässt diesen göttlichen Funken nie verlöschen. In anderen Bildern wird ausgedrückt, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist. Vollzieht der Mensch innerlich die Vereinigung mit Gott und Gott die Vereinigung mit dem Menschen, nennen die Mystiker dies Union mystica. Diese mystische Verschmelzung ist ein Liebesakt. Der Mensch kehrt zu seinem Ursprung zurück, vereinigt sich mit Gott. Der göttliche Teil kehrt heim. Gott nimmt ihn und den menschlichen mit seinen Erfahrungen in sich auf. Sie werden eins. Dieser Liebesakt ist ein Bewusstseinsprozess, dem der Körper nicht im Wege steht, im Gegenteil. Der geschaffene Körper, eine geniale Kokreation des Göttlichen und des individuellen Menschen, ist in seiner Empfindungsfähigkeit in dem Maße Teil des Vereinigung- und Erlösungsprozesses, in dem der Mystiker seinen Körper bewusst wahrnimmt und einbezieht. Er bleibt aller menschlicher Empfindung fähig und gewinnt die göttliche Weite hinzu. Diese Weite verbindet mit allem und jedem, denn sie ist bereits in Gott. In dieser Vereinigung ist Unterscheidbarkeit und Ununterschiedenheit ungetrennt allgegenwärtig. Wenn die Vereinigung erfolgt ist, ist der Mensch im Zustande absoluter Freiheit und hat Teil an der Allmacht, ist Mitschöpfer und Geschöpf zugleich. Er hat alles. Er ist in der Liebe. Er ist darin frei. Ob er diesen Weg gehen will, entscheidet er von Anfang an selbst. Ob er ihn gehen kann, hat Gott schon entschieden. Er ließ Trennung zu und Vielfalt und Rückkehr und Einheit." Dr. Mat: "Wow! Jetzt bliebe aber noch die Frage, ob Gott, der die Liebe und das alles ist, auch nicht lieben kann, wenn er das z.B. will? Ist er so allmächtig?" Bruder Martin: "In seiner Schöpfung als Mensch ist er dazu in der Lage, in der Lage, sich von sich selbst abzutrennen und dem abgetrennten Teil die Wahl zu lassen, die Trennung beizubehalten. Diesem Teil ist jede Grausamkeit gegen sich und andere möglich, dieser Teil kann Gottesferne verspüren und erleiden, Hass gegen Liebe wenden und Angst gegen Verstehen. Und dieser Teil kann jederzeit zu seinem Erbe zurückfinden und sich mit seinem Ursprung vereinigen. Gott hat die Freiheit geschaffen, in dem er sie aus sich heraus gesetzt hat. Er war so frei, er ist so frei." Dr. Mat: "Und wo endet das?" Bruder Martin: "Wo und wann Du willst."
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Sonntag, 12. November 2017, 16:41

Der, der Du bist

Ein Schüler fragte seinen Meister: "Wer soll ich sein oder werden? Es gibt so viele Wege und jeder will anscheinend etwas anderes von mir! Wonach soll ich mich ausrichten, wem folgen?" Der Meister antwortete: "Sei am besten, wer und was Du bist. Der Weg zu diesem Ziel ist der Richtige." Darauf der Schüler: "Und wer bin ich? Kannst Du mir das sagen?" "Wenn ich es Dir sagen könnte", antwortete der Meister, "würde es Dir vermutlich wenig nützen. Finde es selbst heraus! Aber einen Hinweis kann ich Dir geben: wen auch immer Du triffst, so wie dieser musst Du nicht werden. Er ist einer der anderen. Von den anderen gibt es genug. Die wichtigste Frage, die dieser Andere Dir stellen könnte, ist die: Wer bist DU?" "Aber was sagt Dir Deine Erfahrung, die Du an mich weitergeben könntest?", insistierte der Schüler. "Weiß man denn immer, wer und was man ist? Und ändert sich das nicht?" "Ja", antwortete der Meister, "es ist tatsächlich ein Erfahrungsweg. Du erfährst Dich. Und dieser Weg ist wie ein Einweihungsweg. Du musst ihn also selbst gehen. Und indem Du der wirst, der Du bist, veränderst Du Dich, einfach so im Gehen. Vielleicht denkst Du, Du hättest Dich nie oder nur wenig verändert, vielleicht fürchtest Du die Veränderung sogar, wie es Viele tun, aber glaube mir, seit Du auf der Welt bist, hast Du Dich verändert. Und dennoch wird am Ende die einzige Frage sein, die Du zu beantworten hast: Wer bist DU?" "Also, was soll ich nun tun?", fragte der Schüler, der immer noch auf eine große Weisung hoffte. "Lauf los und halte Augen und Ohren auf, spüre den Boden und den Wind. Aber als erstes musst Du losgehen", sagte der Meister. "Gibt es nichts Einfacheres?", wollte der Schüler wissen. "Ja, Bücher Lesen und Vorträge Hören. Nur leider kommst Du damit keinen Schritt weiter. Das kann sogar sehr ermüden. Und daher möchte ich Dir nichts Weiteres sagen, denn ich merke schon, eigentlich möchtest Du Dich ausruhen und fragst daher ständig um Rat", schloss der Meister seine Rede.
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Sonntag, 3. Dezember 2017, 12:51

Der Anfang vom Ende her

Die Mutter beobachtete das Mädchen voller Freude. Doch da beschlich sie eine Sorge, es könnte ihr etwas geschehen oder noch schlimmer, dem Kind. Da fragte sie die alte Frau nach einem weisen Rat. Die aber sagte: "Deine mütterliche Sorge ist so natürlich geworden, wie Sie schon immer unnütz war. Die früheren Anhängerinnen der großen Mutter wussten, dass ihre einzige Aufgabe war, statt sich Sorgen zu machen für sich und ihre Lieben Sorge zu tragen und dem Leben zu vertrauen. Weiter mussten sie nicht denken. Aber wenn Du über das Ende nachdenken möchtest, tue es mit der großen Mutter. Die sagt: Wer den Anfang liebt, muss sich erst mit dem Ende anfreunden, mit dem alles begann und noch immer beginnt!"
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Sonntag, 3. Dezember 2017, 13:30

RE: Der Anfang vom Ende her: HEIDENEI!

Die Mutter beobachtete das Mädchen voller Freude. Doch da beschlich sie eine Sorge, es könnte ihr etwas geschehen oder noch schlimmer, dem Kind. Da fragte sie die alte Frau nach einem weisen Rat. Die aber sagte: "Deine mütterliche Sorge ist so natürlich geworden, wie Sie schon immer unnütz war. Die früheren Anhängerinnen der großen Mutter wussten, dass ihre einzige Aufgabe war, statt sich Sorgen zu machen für sich und ihre Lieben Sorge zu tragen und dem Leben zu vertrauen. Weiter mussten sie nicht denken. Aber wenn Du über das Ende nachdenken möchtest, tue es mit der großen Mutter. Die sagt: Wer den Anfang liebt, muss sich erst mit dem Ende anfreunden, mit dem alles begann und noch immer beginnt!"


"Heidenei", rief eine Mutter, die einen christlichen Kindergarten leitete und dieses Gespräch mitgehört hatte und sie wandte sich an die alte Frau: " 'Große Mutter', sind das nicht antike heidnische und abergläubische Gedanken? Könnte man nicht genauso gut sagen, du sollst in Gott vertrauen oder auf Jesus bauen?" "Könnte man", erwiderte die Angesprochene, "und dabei könnte man sich als Frau daran erinnern, dass Jesus eine Mutter hatte, die Gottesmutter, die den Sohn bis in seinen Tod begleitete und der Sohn sah es als wichtig an, mit seinen letzten Worten, die nicht ihm selbst oder dem Vater galten, seinen engsten Vertrauten Johannes zu bitten, für seine Mutter zu sorgen, so wie diese einst für ihn gesorgt hatte. Und den Aberglauben, dass Gott ein alter Mann mit weißem Bart, eine Art christlicher Oberdruide vom Schlage eines Merlins ist, glauben nur diejenigen, die sich über das göttliche Gebot hinwegsetzen, sich kein Bild von Gott zu machen."
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Samstag, 30. Dezember 2017, 10:33

Arzt-Philosophie

Der Nachfolger wollte von seinem Lehrer, einem alten Arzt, wissen, was ihn an seiner Berufung, Arzt zu werden, gereizt habe. Er erzählte: "Das Studium begann mit Neugier und der Frage, wie es möglich sein könnte, solche Widersprüche zu überwinden. Einerseits musst du ein Pessimist sein, um zu wagen, vom Arztberuf Deine Existenz abhängig zu machen, indem du davon ausgehst, dass immer genügend Kranke nach deinem Dienst verlangen. Zum anderen musst du Optimist sein und das Leben lieben, sonst hältst du das gar nicht aus. Und dann kommt die Praxis nach all dem Studieren. Du hast die Wahl, ein ehrgeiziger Mediziner zu werden, der verbissen forscht und sich als wissenschaftlicher Mediziner an leitender Stelle oder durch Bücher einen Namen macht. Dann hast Du den Tod als Gegner. Oder du wirst ein Arzt, der die Lebenden und das Leben in all seinen Formen liebt, dann hast du das Leben zum Freund, ein Freund, der nicht mir dir alt wird und der an deiner Seite bleibt, wenn du stirbst, weil er dich immer überlebt. Und weil die scheinbar widersprüchlichen Dinge nur die verschiedenen Seiten des einen Lebens sind und du auch selbst nur ein Leben verliehen bekommst, kannst du am Ende kein guter Arzt sein, ohne ein Lebenskünstler zu sein und ein guter Philosoph zu werden. Und somit sind diese beiden uralten Disziplinen die Krone der Wissenschaften und die Zierde des Arztes als Künstler und Weiser, nicht die Medizin oder das Recht. Und auch nicht die Theologie über ein Forschungsfeld, das sich unserem Wissen und unserem Einfluss entzieht, so wie sich Gott uns eben immer wieder entzieht, ist die wichtigste Disziplin. Die Doppelkronen, das sind die projektive Kunst als das Bild des menschlichen Geistes und der menschlichen Emotionen und die Philosophie, das ist die Essenz aus der Kunst des Lebens. Es sind die Künste, richtig zu leben und richtig zu sterben. Das alles beinhaltet der Arztberuf. Und deshalb wurde ich Arzt, nicht Mathematiker, nicht Jurist, nicht Theologe. Aber wenn du die Gabe hast, immer auf deinen inneren Arzt zu hören, kannst du alles werden und jeden Beruf lieben, der dich mit dem Sein verbindet. Musst du dieses Geheimnis erst entdecken, die Kraft des Lebens intuitiv in dir selbst zu spüren, zu hören, zu leben und zu kultivieren, kannst du es ja auch einmal mit einem Medizinstudium und dem Weg des Arztes versuchen, damit sich dein Fühlen und Lauschen besser entwickeln."
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Samstag, 30. Dezember 2017, 10:41

Ruhm

Der wahre Ruhm eines Wegsuchers ist nicht, das Offensichtliche in der Öffentlichkeit zu tun und sich dafür ehren zu lassen, sondern das Subtile im Verborgenen zu finden und hier seinen Dienst zu tun, um im Stillen zu feiern, dass er seinen Weg spurlos voranschreitet und nur der Duft der Blumen am Wegrand von der Harmonie des Vortrefflichen kündet. Der Duft oder die Liebe umhüllen alle Blumenwiesen der Welt und ziehen durch die Wälder und über die Berge. Der stolze Ruhm ist wie der Rauch von nassem Holz und altem Laub. Man sieht ihn, aber man kann ihn nicht atmen ohne zu husten und zu ersticken. Die Liebe ist wie ein heißes Feuer ohne sichtbaren Rauch. Man sieht es, auch wenn es sich nicht darum kümmert, denn es ist die Natur des Feuers, Wärme und Licht zu spenden.
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Montag, 1. Januar 2018, 23:53

Altes und Neues

Die Jungen fragten den Alten, um ihm anzulasten, dass er mehr und mehr im Gestern verweile und ihn damit zu verspotten: "Wie hast Du es mit dem ganzen alten Wissen, das Du mit Dir herumschleppst?" Und er antwortete: "Wie immer: Altes, das uns jedoch lehrt, tröstet und versichert, um uns frei zu lassen, ist willkommen und wird immer wieder erneuert." Sie gingen weg und schüttelten den Kopf, denn das Neue hatten sie nicht verstanden.
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Dienstag, 6. März 2018, 19:53

Alles oder nichts

Der Weise forderte vom Wesir: "Edler Wesir, führe mich zum Kalifen und stelle mich ihm vor. Ich habe ihm Wichtiges mitzuteilen." "Wie kannst Du es wagen, so etwas zu sagen", zürnte der Wesir gegen den Weisen. "Du Narr", fuhr der Despot fort, "weißt Du nicht, dass ich der eigentliche Herrscher bin und alle anderen ein Nichts, dass selbst der Kalif mich um Rat fragt?" "Wohl wahr", entgegnete der Weise, "weil alle wie auch Du mich für einen Narren halten und viele mich für alles Mögliche, kann ich auch gut ein Nichts sein. Beantwortet das Deine Frage?" Der Wesir wirkte verduzt und wusste mit der Antwort nichts anzufangen. Er vergaß darüber seine Wut und ließ den Weisen ziehen mit einer Empfehlung an den Kalifen, dass er für ihn wohl einen vorzüglichen Narren gefangen habe.
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Mittwoch, 7. März 2018, 13:12

Ein Sufi-Pfad zu GOTT

Die Schüler baten ihren Meister, einen Sufi-Lehrer, um eine Erklärung über das Verhältnis zwischen GOTT und Menschen und zwischen Alles und Nichts. Er erzählte ihnen eine Geschichte:

Der Weise forderte vom Wesir: "Edler Wesir, führe mich zum Kalifen und stelle mich ihm vor. Ich habe ihm Wichtiges mitzuteilen." "Wie kannst Du es wagen, so etwas zu sagen", zürnte der Wesir gegen den Weisen. "Du Narr", fuhr der Despot fort, "weißt Du nicht, dass ich der eigentliche Herrscher bin und alle anderen ein Nichts, dass selbst der Kalif mich um Rat fragt?" "Wohl wahr", entgegnete der Weise, "weil alle wie auch Du mich für einen Narren halten und viele mich für alles Mögliche, kann ich auch gut ein Nichts sein. Beantwortet das Deine Frage?" Der Wesir wirkte verduzt und wusste mit der Antwort nichts anzufangen. Er vergaß darüber seine Wut und ließ den Weisen ziehen mit einer Empfehlung an den Kalifen, dass er für ihn wohl einen vorzüglichen Narren gefangen habe.

Nachdem der Sufi-Lehrer seinen Sufi-Schülern diese Geschichte erzählt hatte, herrschte Schweigen in der Runde. Schließlich fragte einer der Schüler: "Meister, wir verstehen die Geschichte nicht. Kannst Du sie Deinen Schülern erläutern?" Der Meister schwieg eine Weile, dann sprach er: "Das Verhältnis zwischen GOTT und Mensch, Alles und nichts, ist so einfach zu erklären, wie GOTT zu erklären. Es geht nicht, außer in Geschichten, in denen immer noch genügend Platz bleibt, Platz für GOTT und Platz für den Menschen. Darum habe ich Euch eine Geschichte erzählt."

Auch das Schweigen nach dieser Erklärung dauerte länger und die Verwirrung dauerte genauso lang. "Ich fürchte, wir verstehen immer noch nicht", bekannte ein weiterer Schüler. "Ich vermute zwar, dass meine Erklärungen das Problem des Verstehens nicht auflösen werden, aber ich werde mich bemühen. Vielleicht bleibt am Ende noch genügend Platz für Verständnis und Unverständnis, für alles und nichts", antwortete der Lehrer.

Und der Lehrer fuhr fort: "Es gab eine Zeit in unserem Kalifat, da wurden die Wesire mächtiger als der Kalif, denn sie befahlen über die Einnahmen und Ausgaben, über die die Staatskasse, über das Heer, den Krieg und den Frieden und der Kalif versenkte sich darin und erschöpfte sich darin, der Gemeinschaft der Gläubigen den Willen GOTTES nach der Offenbarung des Propheten auszulegen und GOTTES Gefolgschaft einzufordern. Leider kontrollierte der Wesir auch den Zugang zum Nachfolger des Propheten.

Zu dieser Zeit gab es auch unabhängige Weise, GOTT-Sucher und treue Anhänger des Propheten, die seine Stellvertreter zu sprechen wünschten und sich gerne mit ihnen beraten hätte. Der mächtigste Mann unter den Anhängern des Propheten verteilte aber seine Gunst nach seinem Gutdünken unter den Gläubigen und stand zwischen ihnen und dem Nachfolger des Propheten. Und wo dieser einst Mittler zwischen GOTT und den Menschen sein wollte und den Gläubigen dazu das heilige Buch übergab, stand nun der Wesir zwischen den Gläubigen und dem Kalifen, dem Nachfolger des Propheten und so zwischen den Menschen und der göttlichen Stimme.

Das hat unserem Weisen in der Geschichte nicht gefallen und doch konnte er die weltliche Macht eines großen Menschen nicht ohne Gefahr in Frage stellen und doch wäre es gleichzeitig auch Blasphemie, die Macht Gottes und sein Nachfolgegebot hinter die Macht des mächtigsten Menschen zu stellen. Wie also gelingt es auf Erden dem gläubigen GOTT-Sucher, dem um demütige Erkenntnis bemühten Weisen, ohne den Umweg über eine weltliche Macht und Beziehungen in direkte Verbindung mit GOTT zu treten, der ALLES ist und neben dem alles andere wie nichts erscheint?

Weil GOTT alles sein kann und auch alles ist, kann ER auch nichts sein, während aber das Nichts niemals alles sein kann noch es in sich verbergen kann - nach der menschlichen Logik. Indem GOTT sich aber nichtig machen kann, kann ER zum Menschen kommen und sein Herz bewohnen und so kann der Mensch, obwohl ein Nichts ohne IHN und vor IHM, zu IHM kommen, DER sich herablässt und einlädt, sobald ER eingeladen wird oder sich sogar selbst einlädt, wenn ER uns diese Größe erweist.

Mit diesem Wissen im Herzen begegnen wir jeder weltlichen Macht gerne als ein Nichts im Gewande des erbärmlichen Narren, eines scheinbar verwirrten Geistes - um GOTTES Willen. Wir Narren GOTTES unterscheiden uns von den anderen Narren ohne GOTT in dem Bewusstsein unserer Narretei, in der Liebe zum Kleinsein im Schoß des ALLERBARMERS, DER das All aufspannt und alles für uns ist und bei DEM unsere Nichtigkeit der einzige Zugang zur Teilhabe an dem ist, was GOTT für uns ist und für uns bereitet hat im Herzen eines jeden heiligen Narren.

Die Macht versteht es nicht und lässt die Narren ziehen, solange diese nicht in Verzückung der Erkenntnis hörbar rufen: "ich habe GOTT" oder "ich bin GOTT", denn obwohl die irdische Macht nichts davon weiß, gehen die Macht und die Dummheit von dem gleichen Glauben aus: dass sie groß sind und dass sie zur göttlichen Macht führen können. Mehr ist nicht zu sagen zur Beziehung zwischen GOTT und Mensch, zwischen Alles und Nichts, zwischen Narren und Macht, zwischen Ohnmacht und Dummheit, zwischen Weisen und Wesiren in der Zeit, da sich der Staat oder eine Familie an die Stelle GOTTES und seiner Mittler und Künder stellten. Die Kalifen dieser Zeit hatten sich immer mehr zum heiligen Narren geneigt und die Wesire immer mehr zur Anmaßung.

Ein Gutes ist vielleicht auch daraus entstanden, und das will ich nicht verschweigen: die Suche der vielen Schulen unserer Sufi-Orden nach GOTTES Wesen in unseren Herzen. Doch wir betrauern viele Opfer in GOTT unter uns Sufis. Aber wer wären wir, wollten wir dieses Opfer für IHN nicht bringen? Zuerst aber opfern wir unseren Stolz und werden demütige Narren GOTTES, Und als diese Narren kämpfen wir unseren Dschihad in unserem eigenen Herzen und ringen um Klarheit, mögen die Wesire mit Macht die angeblich Ungläubigen schlagen und den Weg zu GOTT mit Blut, Geld und Waffen verschleiern."
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Samstag, 10. März 2018, 09:22

Sinn-Freiheit

Spirituelle Lehrerinnen veranstaltete zum internationalen Frauentag am 8. März einen Workshop für Frauen zum Thema Freiheit. Alle Lehrerinnen hielten eine Ansprache an die versammelte Teilnehmerinnen. Eine tibetisch-buddhistische Leiterin eines Klosters verharrte schweigend in Meditationshaltung. In den so genannten Workshops setzte sich das fort. Am Ende der Veranstaltung fragten Journalistinnen die tibetische Äbtissin nach dem Sinn ihrer Haltung. Sie sagte: "Ohne Sinnlosigkeit gibt es keine Freiheit." Die Journalistinnen verstanden es nicht und wünschten eine Erläuterung. Die Nonne fuhr fort: "Ohne Befreiung gibt es keinen Sinn. Buddhas Weg ist der Weg der Selbstbefreiung. Der Denkgeist übt sich in der Aufstellung von Kategorien und Tugendenden, z. B. die Freiheit des Geistes. Und der Denkgeist sucht in allem einen Sinn. Der unverblendete Geist hat sich selbst gefunden und ist klar und frei von allen Trübungen, wie auch frei von der Sinnsuche." "Hätten Sie das nicht in dem Workshop und zu Beginn der Tagung sagen können?" wollte eine Journalistin wissen. "Hätten Sie dann nachgefragt und hätten die Sinnsucherinnen es denn verstanden? Wir reagieren fast nur noch auf das Ungewöhnliche und Widerständige und verwechseln ein Muster, das uns zu Reaktionen zwingt, mit Freiheit und geben so der Rebellion einen Sinn, der nicht der Sinn von Freiheit ist. Ohne Sinnlosigkeit gibt es keine Freiheit, z.B. etwas so scheinbar Sinnloses wie die Befreiung von der Freiheit!" Die entsetzte Journalistin entgegnete: "Befreiung von der Freiheit? Das klingt in vielen Ohren reaktionär!" Die Nonne fragte daraufhin:"Klingt es das? Warum hören wir nicht, dass es eine permanente Revolution ist? Wenn wir uns nicht von allen Denkmustern befreien, sind wir weder frei, noch begegnen wir einem höheren Sinn. Wir bleiben verstrickt und irren im Nebel. Dass wir das können, sollten wir nicht mit Willensfreiheit verwechseln oder als den Sinn der Sinnsuche."
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Samstag, 17. März 2018, 13:50

Namaste

Es gibt in Kashmir einen Ort mit einem Schrein, zu dem Hindus und Muslime und sogar Christen gehen und vielleicht sogar Juden und Buddhisten. Doch niemand wird nach seiner Religion gefragt und niemand fühlt sich bemüßigt, sie preiszugeben. Die Menschen kommen dahin und lassen sich nieder an einem Ort, an dem nach der Legende das Herz eines Heiligen ruht. Es sind Menschen aus den Dörfern, manche kommen aus Indien, manche aus Pakistan und auch alte und junge Hippies aus Europa und Amerika waren schon da, auch solche ohne Religion. Über diesen Ort gibt es eine Geschichte. Sie ist wohl schon einige hundert Jahre alt. Der alte Schreinwächter erzählt sie:

Ein Sadhu vor den Toren der Stadt galt als ungewöhnlich weise und friedliebend. Er war einst die hohen Berge hinab gestiegen in das Kashmir-Tal. Niemand kannte seine genaue Herkunft. Es hieß, er wisse über das Wesen aller Religionen Bescheid und er galt als freundlicher Verkünder bedingungsloser Nächstenliebe. Um seinen Meditationssitz bauten Anhänger einen Ashram, um in seiner Nähe zu leben und damit die Möglichkeit zu bekommen, sich bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen er sich sprechen ließ, eine Antwort auf die Fragen des Lebens zu bekommen.

Eines Tages kam ein sehr armer, trauriger und verletzlicher junger Mann zu ihm und entbot ihm seinen Gruß: "Namaste" und er berührte mit aneinander gelegten Handflächen seine Stirn und führte sie dann mit einer ehrfürchtigen Verbeugung vor seine Brust. Danach hockte sich der fremde Jüngling neben den Sadhu auf den Boden, ohne ihn anzusprechen. Der Sadhu wendete sich zu ihm, lächelte ihn mit einem warmen Blick an und versenkte sich erneut.

Nach Stunden des Schweigens lächelte der Sadhu wieder und sprach zu dem jungen Mann: "Obwohl Du das Wichtigste schon weißt, hast Du eine Frage." "Ja", lächelte der junge Mann: "Ich fühle mich die meiste Zeit meines kurzen Lebens unendlich traurig. Selbst Mitgefühl bereitet mir großen Schmerz. Ich komme mir so unendlich niedrig und nutzlos vor. Und so fürchte ich, es niemals wert zu sein, eines Menschen Herz zu berühren oder gar Gott schauen zu dürfen. Da Du weise und gut bist und ein Riese an Liebe und Mitgefühl unter uns Menschen, frage ich Dich: kannst Du mir ein wenig Hoffnung geben?"

Der weise alte Mann schwieg und lächelte voller Wärme. Nach einer Weile fragte der junge Mann den Sadhu: "Du lächelst und schweigst. Dein Lächeln berührt mein Herz warm und liebevoll, Dein Schweigen aber lastet tief auf meiner Seele. So habe ich wohl recht mit meiner Nichtigkeit und Hoffnungslosigkeit und Dein großes, liebevolles Mitgefühl wird mich nie zu Deiner Weisheit emporziehen?"

Der Sadhu sprach nach einer weiteren Weile: "Ich kenne Dich. Ich habe auf Dich gewartet. Ich habe Deine Fragen erwartet. Ja, Du hast recht, ich sehe Dein Herz und es ist Liebe, Mitgefühl und Schmerz darin. Ja, Du hast recht, Deine Seele lebt noch in tiefem Schatten und dieser Schatten erlaubt es Dir noch nicht, Dich selbst in Deinem Herzen mit Liebe und Mitgefühl zu empfangen." Da erstaunte der junge Mann und mit noch mehr Nachdruck wandte er sich an den Weisen, der ihn zu kennen vorgab: "Ich fühle mich so unwissend und dumm neben all den Klugen, den Wissenden, Weisen und Sadhus. Gibt es doch Hoffnung für mich, dass ich nicht ganz nutzlos meine Tage auf dieser Welt verbringe?"

Da sagte der Sadhu mit ungewöhnlich weicher Stimme: "Du bist auf einem sehr guten Weg, so zu werden, wie ich oder vielleicht noch viel mehr als ich und ein ganz Anderer. Doch jeder wahrhaft Weise beginnt so, wie Du und fühlt wie Du. Du kannst wissend sein und Dein Wissen dafür benutzen, über den Schmerz hinweg zu gehen. Dann bist Du nicht länger mitfühlend und tauscht diese Gabe gegen große geistige Fähigkeiten. Dein Ruhm wird wachsen und Leute werden zu Dir kommen mit ihren Fragen, doch sie gehen nicht getröstet, sondern bestätigt, dass sie noch viel dümmer und niedriger sind, als sie je gedacht haben. Sie fühlen sich schrecklich fern von Gott und aus ihrem eigenen Herzen ausgestoßen. Wenn Du Dich aber entschließt, so wie Du jetzt bist und fühlst, mit all dem Schmerz und Unvermögen in Dein Herz einzuziehen und alle zu Dir herzuziehen, die spüren, dass nur dieses liebende Mitgefühl uns zu Gott zieht, dann bist Du in der Weisheit der Liebe. Und dort bist Du niemals mehr allein, denn da bist Du, da ist Gott und da sind alle, die Dein Mitgefühl erreicht und die Dich erreichen. Du bist an dem Anfang, an dem ich auch war und ich bin nicht weit von Dir entfernt, nur eine Armlänge. Namaste!" Und der Weise führte mit einem warmen Lächeln beide Hände zusammen vor seinem Herzen und verbeugte sich tief vor dem jungen Fremden.

Die Leute, die sich um beide versammelt hatten, berichteten später, dass sie ein farbiges Licht gesehen hätten, das von beiden Herzen ausging, das sich ausdehnte und den Alten und den Jungen umgab, die sich aus tiefster Seele anlächelten. Und alle, die das gesehen hatten, spürten im gleichen Augenblick Trauer und Freude, Schmerz und Liebe. Und das Licht umspielte die Köpfe aller Anwesenden und den ganzen Ashram. Und es war, als konnte man ganz leise und doch unüberhörbar einen Klang vernehmen, der aus der Brust eines Jeden zu kommen schien: "Namaste!" Es heißt, dass seit dieser Zeit an diesem Ort Hoffnung gefunden wird von jedem, der dort sein Herz besucht am Schrein des Herzens des jungen Mannes, der blieb und den Platz des alten Weisen einnahm, der zurück ging in die Berge.
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Montag, 19. März 2018, 23:10

Die besten Eigenschaften der Religionen. Eine Befragung.

Schüler der Mittelstufe sollten im Rahmen ihres Religions- und Ethikunterrichtes innerhalb einer Woche bis zur nächsten Stunde herausfinden, welche Eigenschaften die beste Religion oder Konfession haben müsste. Dazu sollten sie erwachsene Anhänger und Repräsentanten von Religionen befragen. Und so zogen sie in kleinen Arbeitsgruppen los und befragten Leute, welche Eigenschaft ihrer Meinung nach die beste Religion charakterisiert. Andere führten ihre Interviews im Internet.

Ein Katholik schrieb von Hingabe im Gebet, von den Heiligen Gottes und vom Messopfer. Eine türkische Alevitin schwärmte, dass ihr Glaube sich durch Bescheidenheit und Geduld auszeichne und so zur Vollkommenheit führe. Ein Protestant sprach vom Wort Gottes in der Bibel und ihre Auslegung in der Predigt. Eine Evangelikale lobte begeistert die Gottesdienste ihrer Kirche mit Gesang und Prophetie. Ein Rosenkreuzer dozierte von der tiefen Erkenntnis. Eine Muslima begeisterte sich für heiligen Eifer, Disziplin, Gebet und gute Werke. Ein buddhistischer Lama erzählte von den vier edlen Wahrheiten, Mitgefühl und Glückseligkeit in der Meditation. Eine Freikirchlerin predigte von Nächstenliebe und Gemeinschaft. Ein Hindu sprach von der Schönheit der Veden und den Taten edler Götter. Eine Humanistin belehrte die Schüler über ethische Werte. Ein Jude pries die immer währende Gegenwart Gottes für sein auserwähltes Volk. Eine westliche Buddhistin sagte, dass eine gute Religion eine Philosophie sei. Ein Philosoph sagte, die Wahrheit ist ein pfadloses Land, die beste Religion sei die ohne Antworten. Eine Schamanin verstand die Frage nicht und lächelte. Ein Neuheide schätzte als höchstes Gut Selbstbestimmung und Rückbesinnung auf alte Traditionen. Ein sunnitischen Iman mahnte zur aufrichtigen Befolgung der Gebote aus Liebe zu Gott. Eine Ordensschwester hoffte auf die Vergebung der Sünden. Ein orthodoxer Priester sprach von der Gegenwart der Heiligen in der Messe vor der Ikonostase. Eine Bahai kündete von der Einheit. Ein Brahmane malte ehrfürchtig das Bild von der wunderbaren Schöpfung durch den Tanz Shivas. Eine Sikh sprach über den Guru und den goldenen Tempel. Ein Jeside verwies auf die Mysterien und die Abstammung. Eine Kalvinistin erwähnte vor allem die Sittlichkeit und den Dienst im Glauben. Ein Kabbalist sprach in Andeutungen von Ekstase und seiner persönlichen Beziehung zu Gott. Eine Voodoo-Anhängerin erzählte von Priesterschaft, Trance und Opfer. Ein schiitischer Sufi lächelte, zeigte auf sein Herz und rief singend: "Freude" und "Gott ist groß!". Eine Rastafari mit Dreadlocks hob ihren Joint und grinste.

Die Schüler waren überwältigt und verwirrt. Sie fanden noch ein paar andere skurrile Religionen im Internet, aber keine Gesprächspartner und Korrespondenten mehr. Das also ist alles Religion? Das also halten die Anhänger der Religionen für die wichtigsten Merkmale und Eigenschaften ihres favorisierten Glaubens? Sie staunten nicht schlecht und es war deutlich, dass irgendeine Form von Orientierung schwer fiel. Würden nicht irgendwelche obskuren Sekten Ähnliches erzählen?

Eine Schülerin träumte in der Nacht von ihren Befragungen und ihren Interviewpartnern. Nachdem sie im Traum - wie es ihr vorkam - einige hundert Menschen befragt hatte und vor lauter Vielfalt sich am Ende keine Unterschiede mehr merken konnte, traf sie auf Gott. Sie erschrak und sagte: "Also gibt es Dich wirklich? Nach all den Antworten hätte ich daran nicht mehr geglaubt." Gott schien amüsiert und sprach: "Das kann ich gut verstehen, mir würde es wohl ebenso gehen." Dann wollte das Mädchen wissen: "Du bist mein letzter Interviewpartner. Du, an der Quelle, müsstest mir doch sagen können, was die beste religiöse Eigenschaft und die beste Religion ist?" Gott war immer noch amüsiert und lachend sagte er: "Das weiß ich nicht. Ich brauche keine Religion und ich habe auch keine. Tut mir leid." Als Gott die Enttäuschung bemerkte, sagte er aufmunternd mit einem Zwinkern: "Aber mach Dir nichts draus. Es ist nicht wichtig. Wenn Du wieder bei den Menschen bist, suche Dir was Hübsches aus."

Am nächsten Morgen erzählte die Schülerin beim Vortrag der Ergebnisse ihrer Arbeitsgruppe am Ende auch ihren Traum. Die Lehrerin wollte ihr schon fast eine schlechte Note geben und fand, das habe sie sich ausgedacht und das Thema wohl nicht so ernst genommen, wie die Lehrerin es verstanden wissen wollte. Aber da lachten schon alle Schüler und die Lehrerin schließlich auch. Und so beschloss die Lehrerin sogar, heute gibt es keine Noten.
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Dienstag, 20. März 2018, 00:00

Kinder, Kinder...

"Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." Jesus Christus nach Matthäus 18 1-3
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Mittwoch, 28. März 2018, 23:01

Heimat im Herzen

Ein Theologiestudent fragte seinen Professor, einen weißbärtigen Ordensgeistlichen, wie der Glaube sich zur Religion verhalte und dieser antwortete nach kurzer Überlegung: "Der Glaube an ein göttliches Wesen, an das Gute und Schöne und an die Kraft der Liebe könnte der Ausdruck der Menschen für ihre Sehnsucht nach einer Heimat sein - einer Heimat für alle. Eine Religion hingegen könnte der Ausdruck von Angst sein und das Ergebnis einer Abgrenzung von Anderen und bildet eine Burg gegen die anderen Bekenntnisse." Der Student wollte nun wissen, wie man erkenne, ob man tief gläubig sei oder dem richtigen Glauben im Sinne der wahren Religion anhänge. Der Pater erwiderte: "Du fühlst es in Deinem Herzen. Wenn Du dort in Deinem Glauben angekommen bist, wird es weit und Du freust Dich, alle Menschen dort in Deine Heimat einzuladen, sie zu bewirten, zu beschenken und mit ihnen zu feiern. Die Idee von der wahren Religion aber ist eine Gedankenfestung in Deinem Gehirn. In der Enge des Schädels formuliert es Rechtfertigungen dafür, dass Dein Glaube wahr ist und andere Religionen mehr oder weniger irren." Nun wollte der Student noch wissen, ob das denn bedeute, dass herzliches Fühlen besser sei und eher zur göttlichen Liebe führe als ein scharf denkender Verstand. Der Priester erklärte: "Das Herz ist nicht besser, als der Verstand, sie haben nur ganz unterschiedliche Aufgaben und Vorgehensweisen. Das Herz geht in der Gemeinschaft auf. Es spürt, wie ähnlich wir Menschen fühlen und dass die gleichen Bedürfnisse uns antreiben. Der Verstand urteilt und bemerkt vor allem die Unterschiede. Das Herz würde sich gerne mit dem Verstand einigen. Der Verstand besteht darauf, dass dies zu seinen Bedingungen geschieht."
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Donnerstag, 29. März 2018, 10:08

Glaube ist auch eine Einladung von GOTT, Religion oft ein ängstliches Zurückweichen...

Ein Schüler fragte den Sufimeister eines Ordens, einen ehrwürdigen Greis mit weißem Bart, wie der Glaube sich zur Religion verhalte und dieser antwortete nach kurzer Überlegung: "Der Glaube an ein göttliches Wesen, an das Gute und Schöne und an die Kraft der Liebe könnte der Ausdruck der Menschen für ihre Sehnsucht nach einer Heimat sein - einer Heimat für alle. Eine Religion hingegen könnte der Ausdruck von Angst sein und das Ergebnis einer Abgrenzung von Anderen und bildet eine Burg gegen die anderen Bekenntnisse. Mit einem Wort: Glaube ist auch eine Einladung ALLAH's, Religion oft ein ängstliches Zurückweichen." Der Schüler wollte nun wissen, wie man erkenne, ob man tief gläubig sei oder dem richtigen Glauben im Sinne der wahren Religion anhänge. Der Meister erwiderte: "Du fühlst es in Deinem Herzen. Wenn Du dort in Deinem Glauben angekommen bist, wird es weit und Du freust Dich, alle Menschen dort in Deine Heimat einzuladen, sie zu bewirten, zu beschenken und mit ihnen zu feiern. Die Idee von der wahren Religion aber ist eine Gedankenfestung in Deinem Gehirn. In der Enge des Schädels formuliert es Rechtfertigungen dafür, dass Dein Glaube wahr ist und andere Religionen mehr oder weniger irren. In meinem Glauben lädt ALLAH alle Menschen ein, IHN in ihrem Herzen zu besuchen." Nun wollte der Schüler noch wissen, ob das denn bedeute, dass herzliches Fühlen besser sei und eher zur göttlichen Liebe führe als ein scharf denkender Verstand. Der Meister erklärte: "Das Herz ist nicht besser, als der Verstand, sie haben nur ganz unterschiedliche Aufgaben und Vorgehensweisen und ALLAH hat uns beides gegeben. Das Herz geht in der Gemeinschaft auf. Es spürt, wie ähnlich wir Menschen fühlen und dass die gleichen Bedürfnisse uns antreiben. Der Verstand urteilt und bemerkt vor allem die Unterschiede. Das Herz würde sich gerne mit dem Verstand einigen. Der Verstand besteht darauf, dass dies zu seinen Bedingungen geschieht. Aber es heißt eben auch, der Mensch denkt und ALLAH weiß. Die göttliche Weisheit wohnt gerne im Herzen. Da sollten wir also anklopfen und nachschauen."
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Samstag, 14. April 2018, 14:48

einfache Verneinung

Der Frager ging zu einem Orakel: "Sage mir, Orakel, gibt es eine gewaltfreie Religion?" Das Orakel: "Die Nicht-Religion." Darauf der Frager: "Sage mir, Orakel, gibt es den einen Gott, der barmherzig ist und niemals straft?" Orakel: "Den Nicht-Gott." Der Frager: "Wo finde ich den Nicht-Gott?" Das Orakel: "An keinem Ort."

Der Frager ging mit den Antworten des Orakels zu einem Weisen und erbat Erläuterungen. Der Weise: "Es ist ganz einfach: jede Religion bedeutet Trennung und das Trennen ist eine Form von Gewalt. Jedes Bild von Gott entsteht in der Getrenntheit und in ihr ist weder Frieden noch Barmherzigkeit. Jeder bestimmte Ort, an dem Du Gott suchst, ist eine Abtrennung. Wenn Du alles verneinst, was bleibt dann übrig? Nichts, das Du noch irgendwie bestimmen und einordnen kannst. In diesem Nichts ist alles verborgen."

Der Frager: "Was kann ich damit anfangen?" Der Weise: "Nichts. Alles."
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Montag, 23. April 2018, 14:03

Nur Selbstheilung

Eine junge, sehr fleißige und ehrgeizige Kollegin fragte den alten Arzt: "Ich gebe mir so viel Mühe, meine Patienten zu heilen. Und dennoch gelang es mir bei vielen nicht, bei denen ich noch Hoffnung hatte und andere, die ich als hoffnungslos angesehen habe, leben noch und wurde wieder gesund! Glauben Sie, es gibt sowas wie Selbstheilung?" Der alte Arzt sagte: "Ich bin über Ihre Erfahrung weder verwundert noch beunruhigt. Und ja, die Antwort lautet: es gibt nur Selbstheilung!" Die junge Ärztin fragte daraufhin: "Meinen Sie, das hängt mit der klassischen Formulierung zusammen: 'Medicus curat, natura sanat'?" "Sie haben es zum Teil erfasst", antwortete der alte Arzt: "Das, was wir Krankheit nennen, ist zum einen Teil der Ausdruck eines Ungleichgewichtes und die Aufforderung, die Balance wieder herzustellen. Zum anderen ist es bereits ein Teil des Versuches, die Balance zu finden und Heilung ist dieses Gelingen." "Was bleibt dann noch die Aufgabe des Arztes", wollte die junge Kollegin vom Älteren wissen. Dieser antwortete: "Da der Arzt nicht heilt, sondern der Kranke sich nur selbst heilen kann, ist es die Aufgabe des Arztes, Schädliches auf dem Wege dahin zusammen mit dem Patienten zu erkennen und mit ihm aus dem Wege zu räumen und dabei vor allem nicht selbst zu schaden."
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