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Donnerstag, 13. April 2017, 09:50

Religion, das Unerwartete und der Witz

"Was bedeutet und was kann Religion?", wollte der Reporter wissen. "Warum fragen Sie mich?", erkundigte sich der Angesprochene. "Gelten Sie nicht als ein spiritueller Weiser und damit auch als ein Mann Gottes?", fragte er Reporter zurück. "Wer sagt das? Ich sehe mich eher als einen älteren Mann mit Erfahrung, der die Fähigkeit zum eigenständige Denken nicht verloren hat. Aber selbst wenn ich weise wäre, könnte ich Ihnen nur sagen, dass ein spiritueller Weiser keine Religion hat, sondern das Spirituelle um ihn herum in sich fühlt und mit ihm in Verbindung ist in guten und schlechten Momenten. Wenn Sie nach Religion fragen, müssten Sie die Menschen ganz allgemein fragen, die sagen, dass sie eine Religion haben." Der Reporter daraufhin: "Aha, also gibt es doch die, die eine Religion haben und wissen und sagen können, was Religion bedeutet und was sie kann?" Der 'Alte': "Es scheint so, zumindest sprechen sehr viele Menschen von 'ihrer' Religion, Menschen, sie sich als Gläubige bezeichnen und solche, die sich als ihre Führer oder die Führer ihrer Religion bezeichnen. Ich aber frage mich, kann man Religion haben, indem man behauptet, religiös zu sein?" "Und Sie haben also eine Außenseiterposition?", wollte der Reporter wissen. "Nun, ich versuche es mit Humor zu sehen, auch wenn er manchmal etwas bitter klingt, aber Humor hat in dieser Frage, die von Vielen als zu ernst angesehen wird, um darüber Witze zu machen, per se eine Außenseiterposition, etwa wie die Rolle des Narren im Herzen der Macht. Der Narr kann den Mächtigen das Unerwartete und Unwillkommene humorvoll unter die Nase reiben und würden sie mit ihrer Macht reagieren, würden sie sich selbst der Lächerlichkeit preisgeben. Das aber riskieren sie nicht, es sei denn, der Narr riskiert zu viel und überfordert die Fähigkeit des Mächtigen, sich notfalls in das Gewand eines Weisen zu kleiden, wenn er merkt, dass er sonst intellektuell verlieren würde", erläuterte der 'Alte'. "Wie ist die Beziehung zur Macht?", wollte der Reporter wissen. "Sie fragen einen Narren", schmunzelte der 'Alte', "aber als dieser darf ich Ihnen verraten, dass sich das, was mit Religion bezeichnet wird, heutzutage ausschließlich um Macht im Diesseits und im Jenseits dreht. Die Macht, anzuklagen oder zu vergeben, die Macht, zu verdammen und auszuschließen, die Macht, Wahrheit zu definieren." "Wer definiert denn sonst die Wahrheit, wenn nicht die Religion? Wer hätte die Macht dazu?", wollte der Reporter wissen. "Eben das ist ein Problem, nämlich wenn man Wahrheit mit Macht zusammen bringt, ist die Gefahr sehr groß, dass eine der beiden Variablen nicht stimmt, auch wenn die jeweiligen Religiösen gerne ein Gleichheitszeichen zwischen diese beiden Begriffe setzen", erläutert der 'Alte'. "Und was lässt sich dagegen tun?", fragte er Reporter. "Es ist nicht unproblematisch und vor allem nicht ungefährlich, etwas 'dagegen' zu tun", erklärte der Gefragte und fuhr fort: "Wahrheit entsteht auch nicht im Gegensatz zur Macht, genauso wie sie nicht durch die Macht entsteht. Sie steht für sich und der Versuch, sie in eine gewisse religiöse Kategorie in Relation zu der weltlichen Macht der Religiösen zu setzen, schmälert sie und macht sie unwahr. Wenn die Religiösen glauben, z.B. die Macht Gottes erkannt zu haben und diese dann definieren und versuchen, sie für ihre Ziele handhabbar zu machen, begehen sie eigentlich eine Gotteslästerung, denn sie verkleinern die Wahrheit und damit ihren Begriff von Gott." "Das hört sich nach einer sehr fundamentalen Kritik an, aber auch irgendwie logisch. Ist Religion überhaupt logisch?", fragte der Reporter weiter. "In ihrer eigenen Logik schon," erklärte der 'Alte', "denn sie bildet ein geschlossenes Weltbild. Aus einer mehr humorvollen Sicht ist der Anspruch gleichzeitig lächerlich. Eine Religion, die ihre Anhänger durch ihre Macht zu überzeugen sucht und ihre Gegner mit Gewalt einschüchtern und bekämpfen will, ist in spiritueller Hinsicht eigentlich zutiefst lächerlich und kann nicht durch Wahrheit überzeugen, sondern nur versuchen, Macht zu beanspruchen und beteiligt sich damit an den üblichen menschlichen Kriegen um Macht und Geltungssucht." "Das klingt sehr, sehr gefährlich," ruft der Reporter, "wie kann man Religion da noch befürworten oder gar ihre Freiheit schützen?. Müsste man sie nicht vielmehr verbieten?" "Das ist eben sehr paradox", erwiderte der 'Alte', "denn ursprünglich waren viele religiöse Bewegungen nach den Intentionen ihrer Gründungsfiguren gegen eine etablierte Macht gerichtet oder wendeten sich von ihr ab. Es könnte sein, dass einer der fehlerhaften Grundmuster von Religion und Religiosität ist, dass ihre Anhänger, die sich in der Nachfolge ihrer Stifterfiguren wähnen, die angebliche Wahrheitssuche mit bitterer Ernsthaftigkeit und völlig humorlos betreiben. Sie kommen entweder als Opfer und Märtyrer daher oder mit der Macht der Inquisitoren und Eroberer als die großen Mahner und Züchtiger." "Also müsste man Religion dann nicht verbieten?", beharrte der Reporter auf seiner ursprünglichen Frage. "Wie sollte das funktionieren?", fragte der 'Alte' zurück. "Es gibt nach meiner Einschätzung, soweit ich sehen kann, keine Religion von Gott und keine Religion der Wahrheit, sondern nur die Religion der Macht und des Geldes und danach funktioniert der offizielle und sogar der inoffizielle Teil der Welt. Im Vergleich zur Gefährlichkeit der Religion der Macht ist jedes religiöse Manifest einer so genannten Religion lächerlich und ungefährlich. Die Religion der Macht, die Religion des Geldes, die Religion der Waffen und der Abschreckung verwüstet schon heute unsere Erde. Die Religion der Atomwaffen würde dem einen schnellen Overkill aufsetzen, doch in kosmischen Zeiträumen gemessen sind wir Menschen in nur einem Bruchteil von Sekunden dabei, das, was viele Schöpfung nennen, zu zerstören. Dies tun die Menschen, seit sie Religionen definieren, um ihren Machtansprüchen im Namen Gottes Geltung zu verleihen. Wer sollte sie daran hindern? Ein Buddha hat es versucht, ein Jesus und viele andere. Der Witz ist: die jeweiligen Repräsentanten der daraus entstandenen religiösen Bewegungen behaupten, den Gründern zu glauben und machen genau das Gegenteil: sie dienen der Macht, während sie an anden Stellen behaupten, dass ihre Gründer sie in Frage stellten." "Was empfehlen Sie also den einfachen Menschen, die sich von Religionen angezogen fühlen?", fragte der Reporter sichtbar desillusioniert. "Sie könnten sich fragen, nach was sie suchen", antwortete der 'Alte'. "Ist es Sicherheit, wollen sie vermutlich weniger Veränderung und mehr Macht gegen ihre Ängste. Ist es Wahrheit, fragt sich, welche Wahrheit sie meinen. Eine begrenzte Wahrheit passt zur Macht. Eine unbegrenzte Wahrheit sprengt jede Macht, jede Einengung, jede Religion und fordert von jedem das Betreten von Neuland, für sich allein ohne Vorbilder und ohne Nachfolger. Das ist radikal und mutig. Man ist nicht mehr die Geisel der Angst. Es zwingt niemand anderen in meine Spur noch beanspruche ich andere als meine Vorgänger und Propheten. Alles existenzielle Streben nehme ich auf mich und lasse meine Mitmenschen damit in Ruhe. Und das geht nur mit einer Ernsthaftigkeit, die aus dem Humor kommt, mit dem ich auch und vor allem über mich selbst lache. In diesem Moment weiß ich dann nicht mehr, wer der Optimist und wer der Pessimist ist: der, der sagt, dass die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst sei oder der, der vermutet, dass sie ernst, aber nicht hoffnungslos sei, denn vermutlich ist sie weder noch, sondern beides oder jenseits dieser Begriffe." "Also gibt es eigentlich keine allgemeine Empfehlung", versuchte der Reporter zu präzisieren. "Ja und nein", schmunzelte der 'Alte', "sollte einer eine wissen, seien Sie aufmerksam und achtsam und prüfen Sie selbst. Humor ist die Skepsis, die alles in Frage stellt, einschließlich der eigenen Position. Mit einer solchen Haltung, können Sie zumindest den Gefahren der Religion, der Macht, innerlich widerstehen. Beginnen Sie Ihre Suche bei sich selbst, gehen Sie damit zu sich selbst, dann begegnen Sie Anderen und interessieren Sie sich für sie und ihre Erkenntnisse, freunden Sie sich an mit Menschen, die bei sich selbst suchen und akzeptieren, dass das Gegenüber es auch tut. Freuen Sie sich an den Schätzen, die jeder für sich erkennt, ohne diese für sich zu beanspruchen. Sie werden eine Selbstlosigkeit entdecken, die nur aus einem bescheidenen Selbstbewusstsein kommen kann, das niemanden ausschließt und niemanden für sich beansprucht. Dann können Sie miteinander feiern und miteinander lachen." Der 'Alte' endete. Eine Frage hatte der Reporter noch: "So kritisch, spöttisch und souverän, wie Sie sich zu meinen Fragen äußern, halten Sie sich da nicht selbst für weise und predigen im Grunde eine eigene moderne individualistische Religion?" "Ich bin kein edlere Weiser, ich bin nur ein alter Narr", behauptete der Gefragte. " Einer, der behauptet, weise zu sein, lässt sich meist schnell in Verlegenheit bringen und gibt sich der Lächerlichkeit preis. Weise und Narren können von den Mächtigen beseitigt werden. Aber nur bei denen, die ihre Macht oder ihre Weisheit behaupten wollen, lohnt es sich, sie der Lächerlichkeit preis zu geben. So gesehen sterben Mächtige und Weise zweimal, als Mensch und als diejenigen, die sie zu sein behauptet haben. Der Narr stirbt wie jeder Mensch einmal und lacht über sich und alle diejenigen, denen einmal aus lauter Ruhmsucht nicht genug ist." Nun wollte der Reporter noch ein Letztes wissen: "Ob Sie nun für weise gelten wollen oder nur für sich beanspruchen, ein alter Narr zu sein, der einmal stirbt, wie jeder und weniger dabei zu verlieren hätte, als ein Reicher, ein Angesehener oder ein Mächtiger, haben Sie nicht Angst vor dem Tod und vor dem, was danach kommt, vor der Strafe Gottes etwa, die die Religionen denen versprechen, die sich nicht an die Gebote halten und über Geheiligtes spotten und Witze über die Religion machen?" "Sie meinen, ich müsste mehr Angst haben vor den jenseitigen Strafen des proklamierten Gottes, als diejenigen, die dessen Gebote ständig im Namen der Macht und des Geldes mit Füßen treten?", wollte der 'Alte" wissen. "In der Tat könnte es beängstigend sein, selbst im Jenseits in der Gesellschaft all dieser Verblendeten und Törichten zu sein, wie wir es in Nantes Inferno gelesen haben. Doch ein Narr findet vermutlich selbst in der Hölle der Macht einen warmen Platz, während die anderen ihre heißen Kämpfe dort weiterzuführen trachten. Da ich aber schon in meinem jetzigen Leben in meinem Herzen ein freundlicheres und fröhlicheres Verhältnis mit meinen Teufeln und mit dem Göttlichen in meiner Seele pflege, als vermutlich Viele von denen, die sich und andere mit Glaubensstrafen geißeln, freue ich mich auf das Unerwartete. Es wird sicher anders, als beschrieben und für einen Narren macht es keinen Sinn, auf die Törichten zu hören." Ein wenig verwirrt war der Reporter schon. Er hatte erwartet, dass der für weise geltende 'Alte' die herkömmlichen Religionen bekämpfen oder aber sich mit einer passenden Religion identifizieren und sie zur Nachahmung empfehlen würde. Hätte er einen Repräsentanten einer gängigen Religion gefragt, hätte er klare Antworten erwartet. Wie man fragt und wen man fragt, das bestimmt die Antwort. Für viele ist Religion das Erwartete. Die Wahrheit ist oft das Unerwartete und das kleidet man manchmal am besten in einen guten Witz. Soviel hatte er heute verstanden.
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Donnerstag, 13. April 2017, 11:27

Herzensweg

Ein Mönche, der mit seinen Zweifeln schon manches Mal die Geduld seiner Oberen herausgefordert hatte und dennoch von seinen Brüdern zum Abt gewählt worden war, wurde von einem seiner Brüder gefragt: "Bruder Abt, wie verhält es sich mit dem Zweifel im Glauben?" "Er gehört dazu," antwortete der Abt. "Muss ich nicht fürchten, verworfen zu werden und das Heil zu verfehlen?", wollte der verunsicherte Bruder wissen. "Wie kommst Du darauf?", fragte der Abt. Der Bruder berief sich auf eine Geschichte im Evangelium: "Als der römische Hauptmann zu Jesus kam und Heilung für seinen in seinem Hause liegenden Knecht erbat, sprach Jesus, dass der Glaube ihm geholfen habe. Und Jesus hat an anderer Stelle gesagt, dass er das Licht und der Weg zum Vater sei und wir an ihn glauben sollen, weil wir durch ihn zu Gott kommen. Ich, der ich öfter Glaubenszweifel habe, muss doch um das Heil fürchten, oder nicht?" "Ist nicht diese Furcht der Zweifel und nicht die Skepsis gegenüber den Sätzen, die uns die Kirche zu glauben lehrt?", fragte der Abt. "Und ist nicht die Furcht der Grund für die Verheißung: 'Fürchtet Euch nicht, ich bin es'?", fuhr der Abt fort. "Und war es nicht das Göttliche in Jesus, welches das Heilsame des Glauben pries und das Menschliche in ihm, welches vor seinem Tod im Garten Gethsemane an Gottes Plan zweifelte und litt? War nicht das Menschliche in Jesus am Kreuz voller Verzweiflung und ließ er nicht den Jünger Thomas als Einzigen wegen seines Zweifels so nahe zu sich kommen, damit er seine Hände in seine Wunden legen durfte?" "Wie gehst also Du mit Deinen Zweifeln um, Bruder Abt?", wollte der Mönch wissen. "Das Menschliche in mir geht in seinen Zweifeln und seiner Verzweiflung zum Göttlichen in mir, das in meinem verwundeten Herzen wohnt. Dort taucht es seine Hände in den Schmerz und dort vernimmt es die Botschaft von der Heilung. Bis er einst wiederkommt und die Wahrheit für immer bleibt, mache ich es so mit meinem Zweifel. Gehe auch Du zu Dir im Zweifel und im Zutrauen, lasse Dich vom Schmerz berühren und berühre den Schmerz. In Deiner Seele ist Zweifel und Heilung. Probiere es aus und suche die Gesellschaft derer, die auch auf dem Herzensweg sind. Dann kannst Du irren, aber nicht verloren gehen."
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Donnerstag, 13. April 2017, 12:50

Um den Verstand gebracht: Glaube, Kampf, Hingabe, Wahrheit

Der Schüler klagte bei seinem Zen-Meister "Ich mache kaum Fortschritte. Ich finde es zu schwer, den Lehren des Buddha glauben zu schenken." Der Meister: "Du scheinst auf einem guten Weg zu sein." "Wieso das?", wollte der Schüler wissen. "Buddha forderte seine Schüler auf, seinen Worten nicht zu glauben, sondern sie alle selbst zu prüfen, bevor sie sie als wahr anerkennen", entgegnete der Meister. "Und woran kann ich bei meiner Prüfung unterscheiden, ob etwas im Sinne des Erleuchteten wahr oder unwahr ist", wollte der Schüler wissen. Der Meister antwortete: "Wieder hilft Dir der Zweifel. Was der Verstand zu erkennen glaubt, solltest Du mit Skepsis betrachten. Was den Verstand beleidigt, scheint ebenfalls nicht richtig." "Was ist das für eine Orientierung?", wollte der Schüler wissen, "ist das nicht ein Widerspruch?" Der Meister beharrte: "Was Du als Wahrheit zu erkennen glaubst, ist nicht die Wahrheit, sondern ein bloßer Glaube. Wenn Du die Wahrheit erkennst, bekämpfe sie. Nur ein gereinigter Geist ist in der Lage, zu erkennen, nur einem gereinigten Geist gibt sie sich von selbst zu erkennen. Der Weg dahin ist Kampf, nicht Glaube." "Wie kann man ohne Glauben kämpfen", fragte der Schüler. "Hast Du eine Wahl?", fragte der Lehrer. "In diesem Sinne ist Kampf Hingabe und Hingabe Kampf. Am Ende wird Dein Geist die Wahrheit anerkennen, soweit er Wahrheit geworden ist in dem Sinne, dass Du erkennst, dass das Gewordene nicht wahr und das Wahre nicht geworden ist und das Worte nur Worte sind."
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Donnerstag, 13. April 2017, 13:12

Liebhaber

Ein Schüler wollte von seinem Sufi-Meister wissen: "Wie wird es mir jemals möglich sein, GOTT zu finden? Und bin ich nicht verloren und gehe in die ewige Irre, wenn ich IHN nicht finde" Der Meister antwortete: "Hättest Du mich gefragt, wie es jemals möglich sein würde, IHN zu erkennen, hätte ich Dir geantwortet, dass auch ich es nicht weiß. Aber auf Deine Frage, wie es jemals möglich sein wird, GOTT zu finden, findest Du mich ebenfalls ratlos, wüsste ich doch nicht, wie es möglich wäre, IHN nicht zu finden!" "Wie ist das gemeint?", fragte der Schüler irritiert. "Nun, ER ist DER, der Dich kennt, der in Dir wohnt, der um Dich ringt, der ALLERBARMER, der ALLMÄCHTIGE und ALLGÜTIGE, der ALLWISSENDE. Die Fülle SEINER Namen sind Dir unbekannt, doch ER kennt die Namen aller Wesen. Wenn Du um IHN ringst, befindest Du Dich bereits in SEINEN Armen. Wie können wir glauben, Er würde uns nicht kennen, nicht finden, nicht halten? Nicht um IHN geht es in unserem Ringen, sondern um uns. Wir bewegen uns, um uns zu spüren. Und was wir spüren, ist ein Stück von IHM, das ER in uns eingepflanzt hat. Ringe nur weiter um IHN und mit IHM und mache Dir keine Sorgen. Umarmen sich nicht auch Liebende im ewigen Ringen und sind in dieser Nähe tief verbunden? Der ALLMÄCHTIGE ist ein Liebhaber, der Dich nicht loslässt."
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Donnerstag, 13. April 2017, 13:30

Erst zu Tode betrübt, dann himmelhoch jauchzend: GOTT schlägt Dich - mit Liebe!

Ein Chassid hörte oft, wie aus der Studierstube seines Rabbis Jauchzen und Weinen kam und eines Tages nahm er sich ein Herz, klopfte an und fragte, was denn mit ihm sei und was das heftige Schluchzen, aber auch das herzliche Lachen und Jauchzen zu bedeuten habe. Der Rabbi erzählte: "Immer wenn ich mit mir ringe, mit meiner Eitelkeit, meinem Stolz und meinen Ängsten, bin ich voller Betrübnis und muss bittere Tränen weinen. Und dann sehe ich hinter diesen Tränen schließlich den Engel GOTTES. Er lacht mich an, packt mich bei der Schulter und ringt mich zu Boden, er schlägt mich und lacht. Und als er mich ganz zu Boden gerungen hat, berührt er mein Herz und es lacht und jauchzt bei dieser Berührung. Und dann erkenne ich plötzlich: GOTT ringt mit uns und schlägt uns mit Liebe, wenn wir uns mit unserer Angst und Traurigkeit begraben wollen. ER muss manchmal ein wenig grob werden, weil unser Stolz und unser Selbstmitleid so hart und schwer zu treffen sind. Wenn sie aber zerbrechen, gibt es nur Tränen der Freude und Lachen. Vermutlich ist es das, was Du hörst." "Und wie kann ich das auch erfahren, mein Rabbi", fragte der Chassid. "Wenn Du es das nächst mal hörst, lieber Freund, so komm doch herein und tanze mit mir. GOTTES Engel ringt auch leicht mit uns beiden und wenn weitere Brüder da sind, nimm sie mit. Der Engel freut sich."
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Donnerstag, 13. April 2017, 15:15

Om

Ein Brahmane pilgerte zu einem Shiva-Tempel, vor dem ein Heilger Mann in Versenkung verharrte. Nach einiger Zeit öffnete er die Augen und fixierte den Brahmanen. Dieser fasste Mut und fragte den Sadhu: "Erkläre mir, Ehrwürdiger, hast Du durch Deine asketischen Übungen und Versenkungen erfahren, woher Tod und Zerstörung, Unrecht und Trug in diese Welt kommen und wie ich all dem entgehen kann." Der Sadhu sagte: "Führe ein heiliges Leben, übe Yoga und Du kannst es Dir selbst erklären. Du kannst auch in diesen Tempel gehen und den Brahmanen dieses Tempels fragen." "Warum sagst Du es mir nicht?", wollte der Pilger wissen. "Es würde Dir wenig nützen. Erklärungen haben noch niemandem aus dem Rad ewiger Wiedergeburt befreit, geschweige die Welt gerettet. Selbst ein Verständnis der Welt vermögen Erklärungen kaum gewähren, jedenfalls nicht ein solches, das Dich über den Stan Deines augenblicklichen Seins hinaus hebt." Damit schien der Sadhu Alls gesagt zu haben. Noch einmal nahm der Pilger seinen Mut zusammen und wagte, die Meditation des Sadhus durch eine Frage zu stören: "Ich leide so sehr unter dem Rad des Daseins, dem auf und ab nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern im Leben aller, die in meinen Tempel kommen und mich um Rat fragen. Doch nie weiß ich eine wirklich tröstende Antwort aus all den Veden zu geben. Ich fühle mich so unvollkommen und nutzlos. Kannst Du mir nicht einen kleinen Wink geben?" Da holte der Sadhu ein wenig aus: "Trost und Nichttrost liegen nahe beieinander. Ewigem Vergehen folgt ewiges Werden und diesem Vergehen. Nichts anderes kannst Du tun, als Einsicht gewinnen, willst Du Karma erkennen und aufheben. So wisse: ob Brahma erschafft, Vishnu bewahrt oder Shiva den Tanz der Zerstörung tanzt, es ist alles eins und alles ein Symbol. Es ist ein kosmisches Spiel. Und bist Du klein, wie ein Staubkorn, so tanzt Du es mit. Der Staub ballt sich zu Formen und zerfällt wieder zu Staubkörnchen. Götter kommen und gehen. Menschen treiben wie Staubfahnen mit dem Steppenwind über die Ebene. Es ist kein Entkommen und doch ist auch kein Vergehen. Hinter allem Bewegten und Unbewegten, noch hinter dem Bewettre ist reiner Geist, reine Energie, das, was war, ist und sein wird in einem urmächtigen Kern, in einem bloßen, mächtigen "Om". Du musst es nicht verstehen, sondern sein. Rezitiere dieses Om, singe dieses Om, denke dieses Om, esse dieses Om, trinke dieses Om, liebe und sterbe mit diesem Om, sei dieses Om und Du hast Teil an allem, bist in allem und wirst nie wieder leiden."
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Donnerstag, 13. April 2017, 16:03

Leben und leben lassen...

Als er - selbst ein Agnostiker - all diese Geschichten gelesen hatte, fragte er einen befreundetet Humanisten, der ebenfalls eher dem Atheismus zuneigte: "Wenn man all diese schönen Geschichten über gläubige und spirituelle Menschen liest, könnten sie und ihre Glaubenswelten einem fast wieder sympathisch vorkommen, obwohl religiöse Vorstellungen so viel Aberglauben und Unheil unter die Menschen gebracht haben. Aber was haben wir Atheisten von solchen Vorstellungen?" "Ja, ich gebe Dir recht, diese Spirituellen kommen ganz sympathisch rüber und immerhin scheinen sie ein Leben vor dem Tod und dessen Bedeutung ebenfalls zu respektieren, denn alle sprechen irgendwie von einem irdischen Jetzt-Standpunkt aus, auch wenn es oft ein Innerlicher ist und nicht von einem entrückten Himmlischen, von dem aus sie das irdische Jammertal abwerten. Und offenbar haben sie die gleichen Sorgen, Nöte und Ängste, wie wir." "Ja", pflichtete der Freund bei, "doch wenn wir unsere eigenen Perspektiven ansehen, siehts vielleicht jenseitig etwas mau aus, oder?" "Wie meinst Du das?", wollte der Gefragte wissen und fuhr, ohne auf eine Antwort zu warten, fort: "Wir können uns ja im Gegensatz zu Menschen mit religiös festgelegten Glaubensvorstellungen frei aussuchen, ob wir alleine in einer Hölle oder einem Himmel sitzen wollen oder ob diese Orte ganz ohne Besucher bleiben, weil keiner sie ernstlich kennt oder ob wir ganz ohne solche Vorstellungen auskommen wollen und uns überraschen lassen oder ob wir uns einfach danach sehnen, nach einem Leben in Würde aber auch in Arbeit und Streben für immer ausruhen zu können und lebenssatt in das ewige Vergessen zu sinken. Den Menschen aber, denen wir nahe standen und Gutes taten, mögen wir noch als Vorbilder dienen und deren liebevolle Erinnerung bereichern." "Und Du meinst, das genügt?", fragte der Freund? "Ich weiß nicht, ob es Dir genügt, aber ich empfinde schon in diesem Leben als Humanist eine unheimliche Befriedigung darüber, dass es überhaupt im Hier und Jetzt nach all den Jahrtausenden Unverstand und Glaubenskriegen möglich erscheint, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Hoffnungen, Glaubensvorstellungen und weltanschaulichen Überzeugungen einander mit Respekt und freundlicher Neugier friedlich begegnen können und wollen." Ja", seufzte der Freund, "Leben und leben lassen, so oft gepredigt, so selten praktiziert. Das eröffnet am Ende ganz neue Möglichkeiten im Diesseits."
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Freitag, 5. Mai 2017, 00:28

Beides

Jeder Name ist Potential und Einschränkung.
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Freitag, 5. Mai 2017, 01:22

Jetzt, hier

Am Ende wollen Menschen keinen Platz dereinst in unserer Erinnerung sondern jetzt in unserem Herzen.
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Freitag, 5. Mai 2017, 01:28

Aus Staub

Mit den Sternen teilen unsere winzigen Körper den Staub der Entstehung, doch unser Geist ist Teil des grenzenlosen Geistes unseres Schöpfers aller Gestirne. Darum ist ein Stern ein Himmelskörper, jeder Mensch aber ein Universum.
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Sonntag, 14. Mai 2017, 11:22

Ein alter Arzt und sein Hippokrates

Der Medizinstudent fragte einen alten Arzt: "Was ist das Geheimnis der Heilung?" Der alte Arzt antwortete: "Zeit." Der Student wollte wissen: "So einfach ist das? Die Zeit heilt alle Wunden, wie ein Sprichwort sagt?" Der Arzt darauf: "Nein. es ist nicht einfach, eben weil es so simpel ist. Nichts auf dieser Welt geschieht ohne Zeit. Wer keine Zeit hat, kann nichts beobachten und nichts geschehen lassen. Und dann kann er auch nicht klug handeln oder wissen, wann er nicht handeln sollte." "Gibt es denn Regeln?", wollte der Student wissen. "Wenige", antwortete der alte Arzt, "und die sind schon mehrere tausend Jahre alt, was bestätigt: alles benötigt Zeit, alles ist in der Zeit, was Krankheit und Heilung betrifft, nur das, was Leben und Gesundheit betrifft, ist jetzt oder ist nicht." "Wie das?" wollte der Student wissen. "Gesundheit und Heilung sind unser Grundbild", sprach der Arzt und erläuterte: "Es ist in allem Lebenden abgebildet. Abweichungen sind Antworten auf ein fehlendes Gleichgewicht. Das gemeinsame Ziel der Abweichungen wie der ursprünglichen innewohnenden Balance-Kräfte ist, wieder ins Gleichgewicht zu kommen." "Wie wirkt sich das auf die Idee vom Arztsein und vom Heilberuf aus?" fragte der Student und der Arzt antwortete: "In einem halben Jahrhundert Arztsein glaube ich Folgendes erkannt zu haben: Der Arzt steht, wenn er keine Zeit des Nichthandelns zulässt, dem Weg zurück in das Gleichgewicht, das wir Gesundheit nennen, oft im Wege. Er ist es allerdings nicht allein. Seine Ungeduld und die Ungeduld des Leidenden verbünden sich und werden zu diesem Hindernis. Ihr gemeinsamer Feind wird dann die Zeit. Der eine will, dass der Arzt ihn von seinem Leiden befreit und erkennt nicht, dass das, was die Grundlage des Leidens ist, wieder in das Gleichgewicht führen will. Der Arzt will, dass der Leidende, wenn er zu seinem Patienten geworden ist, aufhört zu klagen und ihm seine Zeit zu stehlen. Also gibt er ihm ein Heilmittel. Damit soll der Patient still sein, auf die Macht des Mittels und die Weisheit des Arztes vertrauen und die Krankheitszeichen sollen rasch verschwinden." "Aber ist es nicht richtig, die Krankheit zu bekämpfen und das Leiden des Patienten rasch zu beseitigen?" wollte der Student wissen. "Es ist die Frage, was die Voraussetzung dieses Tuns ist, das Ziel und die Erfolgsaussichten. Nach fünfzig Jahren habe ich doch schon oft erlebt, dass die so genannte Krankheit das Medikament ist. Sie ist der Mahner, der das Ungleichgewicht anzeigt und die Antwort, die in die Korrektur, in die Balance drängt. Um diese Signale zu entwickeln, haben sich Körper und Geist viel Zeit genommen. Der Arzt sollte so viel Geist besitzen, sich Zeit zu nehmen, die ganze Geschichte zu hören und den Leidenden in seinen ganzen Fähigkeiten zu kennen, bevor er sich wie wild auf ein Symptom stürzt, von dem er glaubt, dass es die Ursache des Leidens ist." "Aber gibt es nicht Augenblicke und Situationen, in denen rasches Handeln des Arztes angezeigt ist, um Unheil abzuwenden?" wollte der Student wissen. "Ja, die gibt es manchmal wie überall im Leben und dies gilt weiß Gott nicht nur für den Arzt, sondern für jeden. Manchmal ist es nötig und sinnvoll, ein Leben vorübergehend zu retten, das am Ende doch immer dem Tod gehört. Aber das hat mit Heilung nichts zu tun." "Kennst Du ein Beispiel", beharrte der Student. "Ja", erwiderte der Arzt und fuhr fort: "Die Chirurgie und die Notfallmedizin sind solche Beispiele. Es ist manchmal nötig, ein großes Geschwür nach außen zu öffnen, einen verdrängenden Tumor heraus zu schneiden, einen gebrochenen Knochen zu schienen, ein Atemhindernis zu entfernen und den Herzschlag wieder in Gang zu bringen. Aber das hat nichts mit Heilung zu tun. Die Operationswunde heilt der Körper selbst, der Knochen heilt von selbst zusammen, der Mensch beginnt von selbst wieder zu atmen, das Herz von selbst wieder zu schlagen, so lange noch Leben in dem Körper ist. Der Arzt beseitigt grobe Störungen und bemüht sich, selbst die Selbstheilungskräfte der Natur und des Körpers seines Patienten nicht weiter zu stören, sondern ausschließlich zu unterstützen." "Du sagst, dass diese Prinzipien seit tausenden Jahren bekannt sind", erinnerte der Student. "Ja, das sind sie und vor zweitausend Jahren wurden sie sogar aufgeschrieben und überliefert, damit alle Ärzte sich an diese Weisheit erinnern, die man einem ihrer Ahnen, Hippokrates, zugeschrieben hat: μὴ βλάπτειν!" "Was heißt das?", wollte der Student wissen. "Es ist ganz einfach, so einfach, dass es für die Ungeduldigen zu kompliziert ist", antwortete der Arzt. "Es ist Griechisch, die erste Sprache der alten Ärzte der europäischen Antike und heißt vollständig in der zweiten alten internationalen Wissenschaftssprache des Abendlandes, Latein: 'primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare'. Das bedeutet, dass der Arzt zuallererst keinen Schaden stiften darf, sodann sehr achtsam und vorsichtig vorgehen muss und erst als drittes und letztes zur Heilung beitragen kann. Daher erklärt sich direkt die alte Arztweisheit: 'Medicus curat, natura sanat.' Wenn also der Arzt die nötige Zeit mitbringt, um zu fragen, zu hören, zu schauen und zu beobachten, zu untersuchen und nachzudenken, so "sorgt" er für seinen Patienten und so kann er Schädliches entfernen, selbst Schädigendes unterlassen und damit in Achtsamkeit Körper, Seele und Geist die Zeit geben, sich zu heilen, nach den Gesetzen der Natur. Der Arzt ist ein Begleiter, kein Macher. Das Offensichtliche kann nämlich jeder tun. Der Arzt sollte eher ein Weiser, ein Philosoph sein und dem nicht Offensichtlichen auf die Spur kommen. Es mag sein, dass Krankheitssymptome die Gesundheit und die Lebenskraft des Patienten verdecken und verdüstern. Die natürliche Lebenskraft, die Basis unserer Gesundheit wieder erscheinen zu lassen, kann eine lohnende Aufgabe für die Spurensuche des weisen Arztes sein. Der eilige Arzt eines ungeduldigen Patienten überlegt sich eine Abkürzung. Er versucht nur die Zeichen des Ungleichgewichts zu finden und handelt wie jemand, der nun mit aller Kraft den Zeiger der Waage in die andere Richtung biegen will, während die ungleichen Gewichte auf der Waagschale liegen bleiben." "Das war jetzt eine sehr lange Erklärung," stöhnte der Student. Gibt es dafür eine einfachere Formel?" "Einfacher, als die, die Hippokrates zugeschrieben wurde, vermutlich nicht", schränkte der Arzt ein, "doch ich will es mal so sagen: Jeder hat einen inneren Arzt, nämlich Achtsamkeit und Geduld und eine innere Gesundheit, sein inneres eigenes Gleichgewicht. Wenn eines von beiden Teilen im Ungleichgewicht ist, gibt es ein Störungsbild und dieses drängt dazu, zum gesunden inneren Bild und Gleichgewicht zurück zu finden, sich neu auszubalancieren. Dabei können der äußere Arzt und die äußere Natur helfen, indem sie zum inneren Arzt und zur inneren Natur Kontakt aufnehmen. Das Übel ist meist darin begründet, dass die äußere und innere Natur nicht mehr im Gleichgewicht sind und wir unseren inneren Arzt schlafen lassen."
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Samstag, 27. Mai 2017, 16:02

"Du glaubst dich aus dem Nichts und enthältst das Universum.“ Avicenna

Die einen hielten ihn für weise oder zumindest klug, andere für reichlich naiv. Nun wollten sie ihn auf die Probe stellen, als er einen Kirchentag besuchte und gleichzeitig zum ersten Fastenbrechen am islamischen Ramadan eingeladen wurde. Also wurde er gefragt: "Du nimmst viele Einladungen an, doch zu welcher Religion gehörst Du wirklich?" Er fragte zurück: "Warum wollt Ihr das wissen?" Sie wunderten sich über die Rückfrage und ließen nicht ab, zu fragen: "Bist Du nicht ein Mensch wie wir alle? Und muss nicht jeder Mensch irgendwo dazu gehören?" "Nun", antwortete der Gefragte, "ich fürchte, Ihr werdet mit meinen Antworten wenig Geduld haben, selbst wenn sie alle auf das eine hinaus laufen." "So fang nur an", insistierten sie ungeduldig und er begann: "Ich gehöre zu denen, die wie Muyhiddin Ibn Arabi schon im Mittelalter bekannten: 'Wir brauchen Gott, um zu existieren, während Er uns braucht, damit Er Sich Selbst für Sich manifestieren kann. Auch ich gebe Ihm Leben, indem ich Ihn in meinem Herzen erkenne.'" "Also bist Du ein Muslim?" schrieen sie. "Wie kommt Ihr darauf?", fragte er zurück und fuhr fort: "denn ich glaube wie Shrî Ramakrishna: 'Sei niemals der Ansicht, nur du und sonst niemand besitze das Verständnis der Wahrheit und die anderen seien Narren.'" "Dann also bist Du ein Hindu?" Und sie ereiferten sich über die Rückständigkeit einer Jahrtausende alten Religion. "Wenn Ramana Maharshi als Hindu formulierte: 'Ein spiritueller Mensch glaubt, dass Gott alldurchdringend ist, und er wählt Gott zu seinem Guru. Später bringt Gott ihn mit einem persönlichen Guru zusammen, und dieser Mensch erkennt ihn als alles in allem. Schließlich lernt dieser Mensch durch die Gnade des Meisters erkennen, dass sein Selbst die Wirklichkeit ist und nichts anderes. So findet er, dass das Selbst der Meister ist', so wäre ich nun also ein Moslem und ein Hindu und doch halte ich es gerne mit einem alten christlichen Mönch, Bernhard von Clairvaux, der auf viele Fragen seiner Zuhörer nach seiner Lesart der Bibel nur sagte: 'Umsonst fragst du die Schrift um Auskunft, frage lieber die Erfahrung."' "So geht das nicht", schüttelten die Frager den Kopf. "Man muss sich doch zu etwas bekennen, ein System, an das man glaubt und das die Wahrheit vorgibt!" Der so Bedrängte erklärte: "Ich glaube, der weise Sufi Rumi hatte recht, als er sagte, dass es jenseits von richtig und falsch einen Ort gibt, an dem wir uns begegnen können. Und so glaube ich, wie Jiddu Krishnamurti es formulierte: 'Es ist die Wahrheit, die eine neue Gesellschaft hervorbringen wird, nicht die Kommunisten, die Christen, die Hindus, die Buddhisten oder die Muslime.' Und zur Wahrheit sagte er, sie sei ein pfadloses Land." "Also wirst Du eher verloren gehen", höhnte ein Zuhörer, "wenn Du auf diesen hörst, der nicht Buddhist und nicht Hindu sein wollte?" "Ja, wo Du es sagst", fuhr der Angesprochene fort, "ich habe Buddha noch nicht erwähnt, der uns hieß, nichts zu glauben, was er uns an Lehren hinterließ und alles zu prüfen. Und er lehrte dieses: 'Alles zu vergessen, was du gelernt hast, heißt wahrhaft zu lernen. Dieses Aufgeben ist keine einmalige, endgültige Tat, sondern es ist ein Aufgeben, das jeden Augenblick neu erfolgen muss.'" "Also bist Du doch ein Buddhist", triumphierte ein Gesprächspartner. "Ich weiß nicht, doch warum nicht", sagte der Befragte und fuhr fort: "Ich finde viel Weisheit im Osten. So sagte Laotse ähnlich wie Buddha: 'Beim Streben nach Wissen wird täglich etwas hinzugefügt. Bei der Einübung ins Tao wird täglich etwas fallen gelassen.' Wäre ich dann also Daoist, indem ich Laotse zustimme? Ich stimme jedoch auch Konfuzius zu: 'Von Natur aus sind die Menschen fast gleich; erst die Gewohnheiten entfernen sie voneinander.' Und so frage ich mich, warum wollen wir uns unterscheiden?" "Weil man einen Standpunkt haben muss", beharrte ein Frager. Der Befragte erwiderte: "Ich finde, das Buddha durchaus einen Standpunkt hatte, als er sagte: 'Alles Glück der Welt entsteht aus dem Wunsch, dass andere glücklich sein mögen.'" "Nun ist es also raus, Du bevorzugst die östlichen Religionen", zischte ein enttäuschter Christ. "Nun, wenn man die Heimat des Juden Jesus im Orient sieht und damit im Nahen Osten, so könntest Du ein wenig recht haben, sprach dieser doch dem fremden römischen Militär aus dem Westen, dem Hauptmann, der für seinen Knecht um Heilung bat, davon, dass allein sein Glaube ihm und seinem Knecht geholfen habe und nicht Gott oder Jesus und er pries: 'Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.' Ja, an diese Seligkeit möchte ich gerne glauben." "Was hat dieser eine Rabbi Jesus mit den Juden zu tun?" zürnte ein Jude, "kann man nicht aus dem rechten Judentum viel mehr lernen als Seligkeiten?" "Ja, das stimmt schon, denn von den Juden kann ich aus dem Talmud viel lernen über Unfreiheit, Freiheit und über das Lernen an sich, wie uns Rabbi Hillel lehrt: 'Sage nicht, wenn ich frei sein werde, werde ich lernen; vielleicht wirst du nicht frei werden.' Also ist mir das Lernen das wichtigste, doch will ich es nicht mit dem Kopf lernen, der gerne durch die Wand geht." "Wie soll man denn sonst lernen, wenn man kein Narr ist?", wollte ein Agnostiker wissen, der nur die Logik gelten ließ. "Am besten wie ein Mystiker, also mit Liebe, wie Meister Eckhart: 'Die Liebe beginnt da, wo das Denken aufhört. Wir brauchen aber die Liebe von Gott nicht zu erbitten, sondern wir müssen uns für sie nur bereit halten.' Und diese Bereitschaft, zu lernen, zu lieben, kennt nur das Jetzt und als Ziel nur das Du und das Wir. So sagt Meister Eckhart: 'Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart. Der bedeutendste Mensch ist der, der Dir gerade gegenüber sitzt. Das Notwendigste ist immer die Liebe." "Ach, so bist Du am Ende doch ein Christ?", wollte der Agnostiker wissen. "Das Christentum ist schwach. Es gab klügere Philosophien und rationalere Weisheiten vor Christus und seinen Jüngern!" "Ich liebe die Weisheit, die Jüdische genauso, wie die Sophia des Sokrates und des Platon, die beide im Dialog auf ihren Nächsten zugingen und wenn sie etwas in Frage stellten, dann auch ihren Standpunkt, ihren Untersuchungsgegenstand. Bei Platon kann man lesen: 'Das beste, was man erhoffen kann zu vollbringen, ist, den anderen an etwas zu erinnern, was er bereits weiß.'" "Bist Du nicht ein Scharlatan mit all Deinen Weisheiten? Sind sie tauglich gegen Zweifel und Aberglauben?", empörte ich einer. "Ja", räumte der Gescholtene ein, "die Zweifel an Weisheiten sind berechtigt wie die Zweifel an Wahrheiten, wenn man trennen will und nicht vereinen, analysieren und nicht betrachten, abwägen und diskutieren und nicht still werden, wie Franz von Assisi, der fand: 'Wo es Frieden und Meditation gibt, da herrscht weder Sorge noch Zweifel." "Also hast Du jede Religion und damit keine Religion, keine Rückbindung an das Höchste, an die Wahrheit, an die Gerechtigkeit" triumphierte ein Zuhörer. "Wenn Du es so sagst", antwortete der Mann im Kreuzverhör, "dann müsste ich Dir Recht geben. Doch Ihr habt am Anfang Eurer Fragen nach meiner Religion gesagt, irgendwo müsse man als Mensch dazu gehören. Ihr habt nicht gesagt, dass man sich unterscheiden müsse oder etwas oder jemanden ausgrenzen. Insofern vermute ich, dass alle, die sich Christen nennen oder Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus, Daoisten, Konfuzianer, Sikhs oder Jesiden, indem sie darauf bestehen, keine Moslems zu sein oder Juden oder Buddhisten oder etwas anderes, nicht in einem tieferen Sinne religiös sind, aber sie haben das Bedürfnis, einer Sekte anzugehören, einen Pass auf einen Landstrich im unbekannten Kontinent der Wahrheit zu besitzen. Und die, die glauben, dass es Gott nicht gibt und behaupten, die Liebe sei eine Erfindung der Angst, die sich also Atheisten nennen, die erfinden eine Religion ohne Herz, einen Glauben ohne Tiefe und eine Gemeinschaft gegen etwas, das sie als Aberglauben definieren und als irrational. Doch wie Avicenna glaube ich einfach aus dem Nichts, denn meine Seele ist Agnostikerin, die die Spaltung des Menschengeist nicht kennt: 'Du glaubst dich aus dem Nichts und enthältst das Universum.' Und so glaube ich aus dem Nichts, aus dem leeren Kopf und meinem überlaufenden Herzen und ich erhalte das Universum zurück, das ich enthalte, wie jeder Mensch, wie jeder Gottesfunke. So begegnen mir Buddha und Sokrates, Platon und Laotse, Konfuze und Jesus, Salomon und Hillel, Rumi und Ibn Arabi, Avicenna und Krishnamurti, Maharshi und Ramakrishna, Bernhard, Franziskus und Eckhart und viele, viele andere und vor allem begegne ich meinem Selbst. Wie könnte ich bei all dem die Wahrheit verfehlen? Ob ich die Abzweigungen auslasse oder sie alle gehe, so bleibe ich immer auf dem Weg.“
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Mittwoch, 26. Juli 2017, 08:01

Ein gutes Werk

In einer Talk-Show stellten vier Mäzene, allesamt Millionäre, ihre guten Werke vor. Sie hatten Stiftungen ins Leben gerufen und wollten damit armen, missbrauchten, unterprivilegierten jungen Leuten einen guten Start in Bildung und Teilhabe ermöglichen. Sie gingen damit in arme Länder und Slums oder in die heruntergekommenen Stadtteile von Metropolen der Industrienationen. Ein Millionär hatte eine Sportschule nur für Jungen gegründet und erhielt dafür viel Applaus, sodass es jetzt schon einige Ableger gab. Seine Schulen verließen muskelbepackte Rugby-Helden oder schlanke, sehnige junge Ausdauersportler, Fußballer oder Baseballspieler mit hoher Bildung. Eine Millionärin gründete in einem Township einer südafrikanischen Metropole eine Schule nur für Mädchen. Neben einer hervorragenden schulischen Ausbildung erhielten sie die Möglichkeit, ihr Wissen über gesunde Bewegung und Ernährung, Körperpflege und sogar Schönheit zu vervollkommnen. Ein eigener Beauty-Salon stand den jungen rauen zur Verfügung. Auch für dieses Vorbild fanden sich Interessenten und Nachahmer. Oft wurde aber der Beauty-Salon als Verschwendung kritisiert oder einige sich links oder feministisch bezeichnende Gruppen monierten, dass die afroamerikanische Oberschichtsmillionärin mit ihrem amerikazentrierten Weltbild armen schwarzen Mädchen die konservativen Ideale der bürgerlichen Welt nahebringen wolle: sich um Pflege, Gesundheit und Körperschönheit zu kümmern. Ein Millionär errichtete in Indien eine Yogaschule und ließ die Jugendlichen, streng getrennt nach Geschlechtern, nicht nur Mathematik und Naturwissenschaften büffeln, sondern kümmerte sich um ihre spirituelle Ausbildung und verordnete allen täglich lange Yogasitzungen bei anerkannten Meistern. Auch er stand in der Kritik z. B. von Hindus aber auch Muslimen oder Christen, obwohl seine Schule für alle Konfessionen offen stand. Es wurde bezweifelt, dass Yoga und Meditation für Menschen, die mit den Starken in der Welt mithalten wollen, genügend nützlich war und sie waren skeptisch hinsichtlich der spirituellen Ausrichtung dieser Angebote, die für moderne Hippies passend erscheinen mochten, aber nicht für gescheite postmoderne junge Leute. Der letzte, der seine Schule vorstellte, war ein deutscher Professor, auch er Millionär, der in der Hauptstadt ein Internat für Mädchen und Jungen aus Unterschichtsfamilien errichtet hatte. Er rühmte sich für seine revolutionäre Ideen, Mädchen und Jungen, Einheimische und Migranten, körperlich Behinderte und Menschen ohne Behinderung integrativ zu beschulen und sagte: "Wissen verbindet uns alle. Das gemeinsame Lernen ist das Höchste. Unsere Barrieren im Kopf lösen sich nur durch noch mehr Wissen auf. Ich erlaube meiner Schule keine so teuren und doch relativ unnützen Dinge wie Beauty-Salons, Sportstätten oder spirituelle Yoga-Trainings. Das würde nur verhindern, dass alles Geld dahin fließt, wo es gebraucht wird. Denn es geht darum, jungen Leuten das Wissen zu vermitteln, um sich trotz schlechter Startchancen einen guten Platz in dieser Gesellschaft zu sichern." Im weiteren Teil seines Vortrages bemühte er sich sehr, den Zuhörern durch hinweise auf evidenzbasierte Studien und allgemeine Erkenntnisse der Hirnforschung den Vorteil wissenschaftlicher Bildungsangebote und das Konzept des lebenslangen kognitiven Lernens darzulegen. Da meldete sich jemand aus dem Publikum, eine alte Frau in einem Ordensgewand. Sie war sehr berührt, was man ihrer Stimme anmerken konnte. Sie lobte alle Vortragenden für ihren selbstlosen Dienst an der Jugend und für ihre Großzügigkeit, denn sie liebe junge Leute und deren Potential und sei Mitglied eines Ordens, der sich viel um unterprivilegierte Familien und junge Leute kümmere und, wie sie selbstkritisch anmerkte, viel von diesen dabei lerne und dies immer noch, obwohl sie schon sehr alt sei. Das Lernen mache ihr immer noch Freude und sie sagte zu den Vortragenden gewandt: "Sie alle haben ein Herz, ein gutes, schönes Herz, das spüre ich und es scheint mir, Gott hat Sie auf eine gute Mission gesandt, jede und jeder in seiner Weise. Besonders berührt haben mich die Beispiele von denen, die alle Geschenke Gottes auf ihre jeweils eigene Weise verteilen möchten. Der eine weiß, dass ein junger Körper seine Kraft spüren und sich bewegen möchte, gerade wenn sein Kopf bereit für noch mehr Wissen sein soll. Der andere erkennt das Geschenk der Versenkung und der Stille. Die Stifterin erkennt sogar die Sehnsucht des menschlichen Körpers nach Schönheit und Gesundheit und weiß, dass gerade auch der weibliche Körper es verdient, geliebt, verehrt und geschmückt zu werden, denn auch in ihm kommt die Schöpfung zum vollendeten Ausdruck. Großes Wissen ist auch ein Geschenk, es sät aber auch oft viele Zweifel und ist dann nur der Trost für ein Leben, dem es an Schönheit und Kraft mangelt." Der deutsche Professor wirkte etwas konsterniert und schien unzufrieden, dass das Lob der Schwester ganz offensichtlich etwas mehr den anderen Modellen galt als seinem, dass sich sehr bemüht, möglichst Viele zum Wissen zu führen. Er wollte direkt auf den Publikumsbeitrag antworten und wandte sich an die Schwester, bemüht, wie immer in seinem Wissenschaftsleben, politisch korrekt zu bleiben: "Verehrte Zuhörerin, wie wollen Sie sich wirklich über diese Dinge, von denen Sie gerade sprachen, eine fundierte Meinung gebildet haben? Verzeihen Sie, aber ich habe gegenüber allen Orden und religiösen Gemeinschaften das gleiche skeptische Misstrauen, dass sie nur einen Teil der Welt beurteilen können und über zu wenig Wissen verfügen um die Wahrheit der Welt zu erkennen. Sie sind nur eine Ordensschwester und als Bräute Christi hat man den Ordenschwestern beigebracht, bescheiden zu sein und hinter Klostermauern zu leben!" Die Ordensfrau lächelte und antwortete: "Sie haben ein bisschen recht. Sie erinnern mich an den Abt des nicht sehr entfernten Mönchsklosters, der unserer Gemeinschaft als spiritueller Lehrer und Beichtvater dient, den ich übrigens sehr schätze und der inzwischen verstanden hat, dass ich auch als Ordensschwester eine Frau bin. Mein Orden hat mich gelehrt, Sophia zu schätzen und zu verehren. Unsere Oberen übersetzen sie manchmal etwas unvollständig oder verkürzt mit Weisheit. Sophia ist die intuitive weibliche Weisheit Gottes, sein Geschenk an uns Männer und Frauen, das er genauso in unsere Herzen und - ja! - in unseren Bauch gelegt hat, wie in unseren Kopf, der ein Teil des Körpers ist. In unserem Orden verehren wir auch Maria, die mütterliche irdische Weisheit, die Frau der Frauen, die Mutter der Mütter, die fleischgewordene Liebe Gottes und Mutter Jesu, das weibliche, menschliche Antlitz des Ewigen. In dieser Liebe haben wir gelernt, nicht eifersüchtig zu bleiben, wenn wir uns alle nach der Erlösung in der Erfahrung Jesu sehnen und nicht besser-wisserisch. Wir singen mit Maria und allen Frauen unseres Konvents von der Erde in den Himmel, wir schmücken ihr Bild als ein Symbol für uns selbst und unsere herzlichste Wahrheit und freuen uns an ihrer Weiblichkeit. Sie ist die alte Demeter Griechenlands, sie ist das Vorbild für uns irdische Frauen. Leider konnten uns das die heutigen irdischen Mütter und Väter, die Männer und Frauen noch nicht so lehren und so verharren wir manchmal noch in Misstrauen und Furcht voreinander und wählen besondere Wege, die nicht unbedingt unserer Natur entsprechen, wie Orden zu gründen und im Zölibat zu leben. Manchmal gibt uns das eine Pause, wirklich tief in uns hinein zu fühlen. Aber ich glaube, eines Tages wird das so sein, dass Väter und Mütter uns mehr an authentischer Erfahrung mitgeben können, sie uns diese auch selbst machen lassen und uns ganzheitlicher lehren, weil sie sich und uns vollständiger lieben. Darum freue ich mich auch über Lehrerinnen und Lehrer, die auch die Körperlichkeit von Männern und Frauen ehren und lehren und nicht nur deren Wissen, denn der Körper nährt die Seele mit seinen Empfindungen, trägt unsere Gefühle und sogar der ewige Geist sehnte sich nach Inkarnation, um sich um so satter zurückzusehnen. Seitdem gibt es einen nicht endenden Austausch der Sphären. Und so etwas lehrte schon die große Ordensfrau, Mystikerin und Ärztin Hildegard von Bingen, die vor über 900 Jahren geboren wurde und mit den Großen ihrer Zeit im Austausch war."
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Samstag, 5. August 2017, 11:47

Dienen

Ein alter Abt fragte seine Brüder: "Liebe Brüder, ich diene Euch schon seit dreißig Jahren als Euer Abt und Vorsteher. Ich bin alt geworden. Wollt Ihr nicht einen jüngeren und kräftigeren Bruder unter Euch zum Abt wählen, frisch an Geist und Kraft, dem Ihr Eure Belange anvertraut?" Die Brüder waren zunächst schockiert und diskutierten aufgeregt. Sie schätzten die Kraft der Weisheit, der Brüderlichkeit und Liebe ihres alten Abtes. Sie hatten nicht gemerkt, dass es ihm danach verlangte, weniger Verantwortung zu tragen und die Last der Leitung abzulegen. Sie fürchteten die Veränderung und keiner aus ihrem Kreis hatte bislang für sich gefunden, dass er gut genug, erfahren und inspiriert sei, eine Position über den Brüdern zu bekleiden. Nach Wochen der Diskussion, der Zweifel und des Spekulierens ergriff ein Sprecher der Brüder in der Kapitelversammlung das Wort und richtete es an den Abt: "Ehrwürdiger Abt, Dein Vorschlag vor ein paar Wochen ist von uns mit Schmerz und Unruhe aufgenommen worden. Nach vielen Gesprächen haben wir unsere Angst überwunden, die uns zu Unmündigen gemacht hat und wir haben die Weisheit Deines Vorschlags erkennen können, nicht zu warten, bis Dich Kraft und Leben verlassen, um uns um unsere Geschicke zu kümmern und Dir die Bürde abzunehmen, die Dir zur Last geworden ist und uns bequem in Sicherheit schlummern ließ. Wir nehmen Deinen Vorschlag an und haben einen Kandidaten gefunden." Der Abt lächelte gütig und verkündete erfreut: "Ich danke Euch, meine Brüder, dass Ihr mich erhört habt und zwar nicht nur, um mir einen Gefallen zu tun, sondern auch Euch selbst. Ich stimme Eurem Vorhaben mit ganzem Herzen zu und werde Euch loyal und liebevoll weiter mit meinem Rat und meiner weniger werdenden Kraft dienen, wo es Euch nützlich erscheint und wann immer ich gefragt werde. Die Leitung aber gebt jemand anderem unter Euch." Schnell war die Wahl anberaumt und ein Bruder in besten Jahren, gesund, körperlich kräftig, klug und tatendurstig, der sich nun für das Amt bereit fühlte, wurde von allen einstimmig gewählt. Nach zwei Jahren kam dieser Bruder zu dem alten ehemaligen Abt, der körperlich immer schwächer geworden war und keine schweren Arbeiten mehr erledigen konnte und erbat seinen Rat. Er klagte: "Mein ehrwürdiger Bruder, zum ersten mal frage ich mit ganzem Herzen nach Deinem Rat als unserem hochgeschäzten ehemaligen Abt. Ich habe mit ganzer Kraft versucht, dieses Kloster zu führen, habe jedem seine neuen oder alten Aufgaben zugewiesen, habe die Brüder gelobt und ermahnt, habe selbst mit aller Unermüdlichkeit Tag und Nacht gearbeitet, um das Vertrauen meiner Brüder in meine Tatkraft und Entscheidungsfreude zu rechtfertigen. Und was ist passiert? Die einen wurden träger, die anderen missgünstiger, manche neidisch, sie kritisieren mich hinter vorgehaltener Hand, rivalisieren um Posten oder Aufmerksamkeit, nörgeln aneinander herum. Sie identifizieren sich nicht mehr mit meinen Zielen, für die sie ursprünglich alle standen und mich gewählt haben. Ich fühle mich allein und verlassen, sie dienen mir nicht mehr freudig und das Kloster verfällt. Wie soll ich da führen?" Der frühere Abt lächelte: "Ich freue mich, dass Du endlich zu mir gekommen bist und ich Dir endlich mit einem Rat dienen darf, Bruder Abt. Siehe, es geht nicht um Dich oder um mich, um unser Amt und unsere persönliche Vision. Wir sind für Gottes Vision von einem brüderlichen Menschen in der Nachfolge dessen angetreten, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Den Kopf aber müssen wir uns schon selber waschen, um dabei zu erkennen, dass wir alles sind, auch unser Widersacher und unser Misserfolg! Führen, lieber Bruder Abt, ist Dienen. Der Abt dient nach unten den Brüdern und allen Menschen, die von seinem Kloster abhängen und nach oben Gott. Abt ist der, der die Kraft und die Demut hat, das zu erkennen. Der Abt, der den Brüdern dient und Gott und nicht sich selbst, dem dienen die Brüder in Gott. Als ich merkte, dass meine Demut um den Betrag zunahm, in dem meine Kraft für das Dienen abnahm, sehnte ich mich nach der Hilfe eines kraftvollen Bruders, wie Dich, der mir die Bürde abnehmen würde und dem ich mit mehr Demut und weniger Kraft noch dienen konnte, da meine Kraft nicht mehr für jeden unserer Brüder ausreichte. Du bist an einem Scheideweg, an dem ich als junger Abt auch einst stand. In der Krise schenkt uns Gott Demut und damit wieder die Kraft des ersten Dieners, dessen Dienst uns erlöst hat, erlöst aus der Sklaverei der Selbstsucht. Denn jetzt erst wissen wir, für wen unser Herz zu dienen bereit ist in der Liebe zu Gott und den Mitmenschen. Es ist nicht das Ich, das uns hart macht. Du bist jetzt auf dem richtigen Weg, das zu erkennen und ich werde Dich auf diesem Weg mit ganzem Herzen unterstützen, ein guter Diener zu werden."
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Sonntag, 20. August 2017, 16:43

Ein bedeutsames Leben

Ein junger Mann kam zu einem alten Mann, von dem er gehört hatte, er sei weise. Er fragte ihn: "Alter Mann, sie sagen von meinem Großvater, dass sein Leben bedeutsam gewesen sei, bevor er alt wurde und auch mein Vater ist ein sehr bedeutsamer Mann. Was kann ich tun, um ebenso bedeutsam zu sein oder dafür, dass die Leute sogar sagen, ich sei noch bedeutsamer, als meine Väter?" Der Alte sagt: "Halte inne, Junge und schau auf dieses Reetdach, auf das gerade der Regen niederging." "Ich tue es", sagte der Junge, "doch was soll mir das sagen?" "Was siehst Du?", fragte der Alte. "Es sammeln sich Tropfen auf den Schilfhalmen der Dachtraufe. Sie glitzern in der Sonne, die gerade zwischen den Wolken hervorlugt. Wenn die Tropfen dick und schwer genug sind, fallen sie einer nach dem anderen glitzernd zu Boden in die großen Pfützen und schwimmen davon." "Sehr gut beobachtet", sagte der Alte. "Genauso verhält es sich mit der Bedeutsamkeit, die Du in Deinem Leben erstrebst." "Wie ist das gemeint?", wollte der Junge wissen. "Dein Leben und das Leben jedes anderen Menschen gleicht einem von diesen Wassertropfen. Regen schlägt auf das Dach. Tropfen sammeln sich an den Halmen, große Tropfen an den dicken Halmen, kleinere Tropfen an den dünnen Halmen. Dann fallen sie hinab. Einen winzigen Augenblick lang stürzen sie zu Boden und die Sonne lässt sie im freien Fall aufblitzen. Dann klatschen sie in die Pfützen und werden miteinander vermischt und fortgeschwemmt. Die Erde saugt sie wieder auf." Der Junge schaute ein wenig verdrießlich und dachte über dieses Gleichnis nach. Dann fragte er: "Wenn das ein Gleichnis für jedes menschliche Leben ist, was bedeutet dann die Bedeutung des Lebens eines Einzelnen? Wessen Leben könnte man als bedeutsamer ansehen?" Der Alte erklärte: "Das bedeutsamere Leben könnte den dickeren Tropfen entsprechen, die von den dickeren Halmen tropfen. Diese Tropfen fallen ein wenig langsamer, aber es ist mit bloßem Auge kaum erkennbar. Es fängt sich ein klein wenig mehr Sonnenlicht in ihnen. Aber noch während Du es bemerkst, ist auch der dickere Tropfen mit allen anderen in die gleiche Pfütze gestürzt und hat sich mit allen anderen vermischt." "Also gibt es in Wirklichkeit nichts, was ich tun könnte, um ein bedeutsames Leben zu führen?", fragte der Junge. "Ja und Nein", antwortete der Alte. "Sieh es so: Dein Leben ist sehr kurz. Und bevor Du die Zeit dafür verschwendest, mit anderen Leben um Größe und Bedeutsamkeit zu kämpfen, nimm Dir die Zeit, die fallenden Tropfen zu beobachten. Danach hast Du wenigstens etwas eingesehen und verstanden." "Was hätte ich dann verstanden", wollte der Junge wissen. "Zum Beispiel das", erläuterte der Alte: "es ist viel schöner, mit all dem Sonnenlicht in sich zu fallen, wenn es einem bewusst ist und den anderen in ihrer eigenen Schönheit dabei zuzusehen, als im Kampf mit all den anderen schönen Tropfen zu sein und ohne die Erfahrung der eigenen und der fremden Schönheit zu zerplatzen, wie jeder andere. Den einen Tropfen macht es nichts aus, gemeinsam mit allen anderen am Boden davon zu schwimmen, mit allen anderen wieder zu verdunsten und mit allen anderen aus allen Wolken zu regnen. Die etwas größeren Tropfen mit ihren bedeutsamen Kämpfen aber haben in diesem winzigen Augenblick des Fallens nichts als Angst." Der Junge bedankte sich und ging zu seinem Vater und erzählte ihm diese Geschichte. Der gab ihm eine Ohrfeige und herrschte ihn an: "Geh nicht zu den alten Leuten, die närrisch sind, die nichts im Leben geleistet haben, das zu erzählen sich lohnt und die den Jungen nichts bieten können, als schöne Märchen und sich dafür gerne Weise nennen lassen. Geh zu Deinem Großvater. Das war ein Mann, der Bedeutsames geleistet hat in seinem Leben. Den solltest Du Dir zum Beispiel nehmen!" Der Junge ging zum Großvater und erzählte ihm die Geschichte vom alten Mann und wie sein Vater reagiert hatte. Der Großvater schmunzelte und sagte: "Mach Dir nichts draus. Der Alte hat am Ende schon recht. Ich bin nur einer von den ganz dicken Tropfen und falle ein klein wenig langsamer. Das macht im Menschenleben ein paar kleine Jahre und in diesen Jahren beobachte ich die Sonne und den Regen, so wie es der Alte gesagt hat. Für den Fall, dass Du kein ganz dicker Tropfen bist, könnte es sich für Dich lohnen, schon jetzt etwas mehr Zeit in das Schauen, Hören und Fühlen zu investieren, als in das Kämpfen. Die Ohrfeige Deines Vaters zeigt, dass dieser noch beim Kämpfen ist. Da kann man im Eifer des Gefechtes schlecht einen Unterschied machen, ob Widersacher, Rivale, Frau oder Sohn. Hauptsache kämpfen."
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Sonntag, 20. August 2017, 17:42

Letzter Akt

Eine Schauspielerin in ihren "besten Jahren" ging auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zu einer Grand Dame des Theaters und des Films und fragte die alte Dame: "Hatten Sie nicht auch Angst vor dem Älterwerden gerade in unserem Beruf? Für mich bedeutet das Alter Angst. Nur wenigen von uns scheint es bestimmt, wie Sie noch so bekannt und so gefragt zu sein. Was bedeutet das Alter für Sie?" "Für mich bedeutet das Alter der letzte Akt", erwiderte die Angesprochene. "Das klingt für mich etwas bedrohlich. Wie verstehen Sie in diesem Zusammenhang den letzten Akt?", wollte die Jüngere wissen. "Nun, ich sehe es ein wenig aus der Sicht unserer Profession", erklärte die Ältere und fuhr fort: "Wie die Stücke, die wir spielen, steuert das Stück unseres Lebens beständig auf den Höhepunkt zu. Dieser befindet sich aber nicht in der Mitte, so wie bei Ihnen, sondern am Ende, im letzten Akt. Mit aller Leidenschaft spielen wir bis zur letzten Szene, bis zum letzten Vorhang. Erst vom letzten Akt aus erhält das Stück seinen ganzen Sinn. Seien Sie ehrlich: Wer würde sich ein Stück von Anfang bis Ende anschauen, dessen Ende er schon in und auswendig kennt? Wer würde mit gleicher Leidenschaft jedesmal Stück um Stück bis zur letzten Szene spielen, wenn er sich nicht noch jedesmal von einer neuen Wendung, einem neuen letzten Verständnis, einem neuen Gefühl überraschen und inspirieren lassen wollte? Seien Sie neugierig, freuen Sie sich für den letzten Akt."
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Montag, 21. August 2017, 08:45

Dankbarkeit

Die Therapeutin schaute freundlich in die Runde und bedankte sich bei allen Beteiligten sehr für die Anregungen und die gute Zusammenarbeit. Das hätte ihr sehr geholfen, noch mehr zu lernen und zu verstehen. Die streitbaren Gesprächspartner schauten erst verdutzt und dann erfreut. Nach einem frostigen Beginn erfolgte nun ein warmherziger Abschied. Die junge Praktikantin, die als Co-Therapeutin die Sitzung begleitet und verfolgt hatte, fragte die Therapeutin, wofür und warum sie sich denn bedankt habe. Vorher habe es so ausgesehen, als ob die streitenden Parteien kein gutes Haar aneinander gelassen und jeden therapeutischen Fortschritt verhindert hätten. Selbst der Therapeutin hätten alle nur Vorwürfe gemacht, so dass ein Zusammenkommen eigentlich fast unmöglich erscheinen musste. Nur der besonnenen, freundlichen, verständnisvollen und nicht konfrontativen Art der Therapeutin sei die kooperative Atmosphäre am Ende der Konferenz zu verdanken gewesen. "Hätten am Ende nicht die anderen Dir dankbar sein und Anerkennung aussprechen müssen?", fragte die Praktikantin am Ende ihrer Überlegungen. "Oh, ich bin tatsächlich dankbar für diesen ermutigenden Ausgang, den ich nicht unbedingt erwartet habe", antwortete die Therapeutin, "außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass aufrichtiger Dank die gute Eigenschaft hat, sich in alle Richtungen auszubreiten!" "Somit ist aufrichtiger Dank auch ein Geschenk, das man sich selber macht?", fragte die Praktikantin. "Genauso kann man das sehen", antwortete die Therapeutin: "Vielen Dank, Du hast eine gute Formel gefunden! Darf ich die weiter verwenden?" Die Praktikantin lächelte und erwiderte: "Aber gerne, schließlich verdanke ich Dir diese Einsicht, denn ich habe das gerade erst bei Dir gelernt."
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Samstag, 9. September 2017, 16:26

Drei Schlüssel auf dem Weg: Wissen > Wollen > Wandeln

Ein Suchender kam in die Beratung. Er erzählte: "Ich komme nicht weiter mit meinem Problem. Ich denke in diese Richtung und auch in andere Richtungen, aber es klappt einfach nicht, was ich mir vorgenommen habe." Sie unterhielten sich eine Weile über die Vorhaben des Ratsuchenden und seine Geschichte dazu. Am Ende fragte sein Gesprächspartner: "Ich habe jetzt viel von Dir gehört. Doch eines habe ich bei all dem noch nicht herausgefunden. Weißt Du, was Du willst?" Der andere stutzte und sagte: "Ich dachte, ich wüsste es." "Dann denk noch mal nach, denn es könnte wirklich nützlich sein, es in der Tiefe zu wissen. Darin liegt ein Schlüssel". Einige Zeit später trafen sich die beiden wieder und der Suchende wandte sich an seinen Ratgeber: "Ich habe nachgedacht und nun weiß ich genau, was ich will und was mich bisher hinderte, es zu wirklich tun. Ich habe die Sache gründlich analysiert!" Und er begann, seinem Gesprächspartner all die klugen Gedanken auszubreiten, die er sich zu seinem Problem und der Lösung gemacht hatte. Dann endete er mit den Worten: "Nun habe ich mir das alles gründlich überlegt und ich kenne die Gründe für mein Problem und müsste die Lösung kennen und dennoch komme ich weiterhin kein Stück weiter." Der Angesprochene erwiderte: "Nachdem ich Deine kluge Analyse gehört habe und sehe, dass Du wirklich nichts ausgelassen hast, bleibt mir nur eine Frage, nachdem es offenbar immer noch nicht funktioniert: willst Du wirklich, was Du jetzt weißt?" Der Suchende verwunderte sich und überlegte. Dann sagte er: "Du hast recht, ich habe mich so sehr mit den Ursachen meines Problems beschäftigt und damit, was ich nicht mehr will, nämlich dieses Problem, dass ich mir gar nicht so viel Zeit dafür genommen habe, genau herauszufinden, was ich will und ob ich das am Ende wirklich lieber will, als das, was ich nicht will, aber immer noch habe." "Siehst Du", sagte der Gesprächspartner, "nimm Dir doch noch ein wenig Zeit und ergründe, was Du willst und ob Du es wirklich willst. Der Wille ist ein wirklich wichtiger Schlüssel." Der Suchende bedankte sich und sie verabredeten sich erneut. Nach einiger Zeit wurde das Gespräch fortgesetzt. Der Suchende erklärte, wie sehr er seinen Willen erforscht habe und nun die Richtung kenne, die er einschlagen müsse und er wolle nun wirklich die Lösung. Darum wundere er sich nach all der Gedankenarbeit um so mehr, dass er der Lösung noch nicht näher gekommen sei. Der Ratgeber wandte ein: "Beim Zuhören hatte ich jetzt auch das Gefühl, dass Du das Problem und seine Ursachen kennst und auch einen klaren Willen formuliert hast, in welche Richtung der Wandel erfolgen müsste und da sich immer alles in einem Wandel befindet, mutet es verwunderlich an, dass sich rein gar nichts bewegt. So kommt mir der Gedanke, dass Du die ersten beiden Schlüssel schon gefunden hast, aber Du selbst bewegst Dich nicht. Du gehst nicht los, machst keine Schritte, bist selbst nicht der Wandel, den Du erhoffst, sondern hoffst, dass Dich etwas von außen auf den Weg in die richtige Richtung trägt. Hast Du keinen Mut oder keine Lust?" Der andere erschrak: "Du hast recht, ich hatte gehofft, dass Du mir einen Stoß gibst und mich in Bewegung bringst. Aber so komme ich ja nicht weit." Sie verabredeten sich wieder und trafen sich erneut. Dieses Mal fand der Berater einen Verwandelten vor. Aus dem Sucher war ein Wanderer geworden, unterwegs zu seinem Ziel. Und dieser erzählte: "Der dritte Schlüssel war der schwerste. Es war relativ leicht, die Ursachen meines Problems herauszufinden und auch, warum ich meinen Willen nicht für ein echtes Ziel und den Wandel einsetzte. Das Schwerste aber war, alles loszulassen und loszugehen. Ich stand meinem Wandel selbst im Weg. Ich fürchtete mich vor der Unsicherheit unterwegs und mein Schritt blieb deshalb festgewurzelt. Das alte Elend hielt mich zurück, weil ich das ersehnte Neue noch nicht wirklich fühlen konnte. So schien es mir zu unsicher, einfach loszulaufen." "Das hast Du gut beschrieben", bestätigte ihm sein Gesprächspartner. "Jetzt weißt Du auch, dass es in allem nur um Dich geht. Es ist Dein Problem, die Aufgabe, die Du Dir gestellt hast. Es ist Dein Zweifel, der Dich vor einem Ziel zurückschrecken lässt und vor dem wirklichen Wollen. Es ist Deine Angst vor dem allgegenwärtigen Gesetz des Wandels, die Dich feststecken lässt, die Dir Mut und Lust auf das Neue und die Reise dahin rauben. Sei also Dein Wissen und Wollen, sei Dein Weg und Dein Wandel. Sei Du selbst. Dann hast Du Dich selbst gefunden. Du hast nur Dich, denkst Du manchmal angstvoll, doch in Wahrheit hast Du alles, sobald Du Dich selbst hast. Dann ist keine weitere Kontrolle nötig und keine Angst hemmt Deinen Weg. Sie ist allenfalls noch eine Beraterin, die Deine Reise durch Vorsicht und Achtsamkeit interessant macht und unterhaltsam. Nur Mut!"
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)