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Sonntag, 22. Mai 2016, 14:37

Wichtiger Film über Liebe und Demut im Dienst der Verständigung zwischen Kulturen und Religionen

"Von Menschen und Göttern"

Heute am 22.05.2016 Film auf ARTE um 20:15 Uhr!

Das Buch hatte mich seinerzeit berührt und ich könnte mir vorstellen, dass es nach allem, was ich über den Film gelesen habe, auch sehr bewegend sein wird, die Bilder zu sehen. Das Buch ist weiterhin sehr empfehlenswert und wird bei "Amazon" geradezu verschleudert:



KISER, John W.: "Die Mönche von Tibhirine - Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems", Ansata 2002. Ergreifende Dokumentation islamisch-christlicher Koexistenz und Annäherung in der Tragödie des algerischen Bürgerkrieg zw. islam. Fundamentalisten und Staat.
http://www.amazon.de/exec/obidos/redirec…border="0" src=



Heute kommt im deutsch-französischen Fernsehsender ARTE der preisgekrönte Film "Von Menschen und Göttern" ("Des hommes et des dieux" nach dem beinahe sozialrevolutionär zu lesenden Psalm 82,6-7) über die Ereignisse in Tibhirine 1996. Französische Trappistenmönche hatten in Algerien im Atlasgebirge ein Kloster betrieben und sich bei er überwiegend muslimischen ländlichen Bevölkerung große Sympathie und Ansehen erworben, denn sie kamen nicht als Missionare, um die Ungläubigen zu bekehren, sondern um ihr Wissen, ihr Können, ihre Zuneigung und ihr Dasein mit den Einheimischen zu teilen, landwirtschaftliche Methoden zu verbessern, medizinische und soziale Hilfe anzubieten und die einfachen Leute vor der allgegenwärtigen Bürokratie zu unterstützen. Denn es waren schwierige Zeiten mitten im algerischen Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Oppositionsgruppen, auch islamistisch geprägten Rebellen und einer korrupten algerischen Militärdiktatur, die das Erbe des Kolonialismus quasi als Erbe des antikolonialistischen Befreiungskrieges gegen Frankreich verkaufte.

Es gab schließlich diverse Drohungen gegen die Mönche, angeblich von Seiten der Islamisten, doch diese ließen die Mönche zunächst in Ruhe, forderten sogar deren medizinische Hilfe an. Es handelte sich noch nicht um diese Sorte dschihadistischer Menschenhasser vom Schlage eines IS. Dann wurden die Mönche überfallen, sieben von neun entführt und später ermordet. Heute sprechen die Untersuchungsergebnisse dafür, dass sich der algerische Geheimdienst und das Militär durch eine Gruppe infiltrierter Islamisten, die als gedungene Agenten die Drecksarbeit für die Diktatur erledigten, der unliebsamen menschenfreundlichen Mönche entledigte, um die französische Regierung zu zwingen, im Kampf gegen die Rebellen im Bürgerkrieg wieder auf Seiten der algerischen Regierung geheimdienstlich und militärisch zusammenarbeiten. Während also die Menschen vor Ort, christliche Mönche und muslimische Bauern und Handwerker friedlich, nachbarschaftlich, brüderlich lebten, zerstörten die Kämpfer um Macht und Einfluss, Geld und Waffen eine Kultur der Liebe und das Leben von Menschen.

Der Film ist ohne Pathos und falsche Heldenverehrung ein eindrückliches und eher still daherkommendes Dokument über ein Beispiel gelebter Menschlichkeit, ein Lehrstück in Sachen Liebe und Hingabe, Demut eben im besten Sinne. Die Mönche suchten keinen christlichen Märtyrertod, so wie manche Islamisten unter den Salafisten mordend den eigenen Märtyrertod suchen. Die Mönche wollten am Ende einfach die Menschen um Tibhirine nicht verlassen, die ihnen lieb geworden waren und die ihnen vertrauten so wie die Mönche ihren Nachbarn trauen konnten. Sie wussten um die Gefahr, aber sie wollten die Menschen nicht im Stich lassen, wie es die Banden taten, die Islamisten genauso wie die Soldaten der Regierung. Einen scheinheiligen militärischen Schutz, den die Regierung angeboten hatte, lehnten die Mönche ab. Sie versuchten, die Bibel als Gottes Testament der Mitmenschlichkeit zu leben - eine ständige Provokation in den Augen jeder irdischen und theologischen Macht.

Worum geht es bei der Thematik dieses Filmes unter anderem auch für uns persönlich? Wir machen uns oft zu viele Sorgen um das eigene Leben und zwar nicht in dem Sinne, ob wir womöglich den Sinn unseres Lebens verfehlen, sondern über hundert Kleinigkeiten jeden Tag. Der Film erinnert daran, dass man auch ein Leben führen kann, in dem man für das Nötigste sorgt, das man selbst benötigt und indem man den gewaltigen "Rest" in Liebe seinen Mitmenschen zuwenden kann, in Tat und Gebet, in Worten und Werken. Sein Leben in der Sorge für andere zu leben, mit diesen zusammen, es im äußersten Fall sogar zu geben, die Mitmenschen und ihre Bedürfnisse genauso wichtig sein zu lassen, wie die eigenen und das eigene Selbst, ist ja etwas, das Jesus als Metapher der Liebe Gottes zu den Menschen im Gleichnis des Hirten erzählt, der ungeachtet aller Gefahren trotz Räuber und Wölfen nach dem verlorenen Schaf sucht. Also im Prinzip ist es gut, sich um andere zu kümmern, aber nicht als Märtyrer, sondern aus Liebe zum Leben, das schöner wird mit Menschen, die sich kümmern, ohne dass sie bevormunden oder glauben machen, alles besser zu wissen.

Ich hatte mal eine Muslima in Behandlung, der das Pech widerfahren war, kurz vor Ihrer Volljährigkeit und dem Abitur eine Psychose zu erleiden. Die Therapie ließ sich ambulant und ohne Medikamente bewerkstelligen. Die Familie half mit und lange, geduldige Gespräche. Sie musste erstmal wieder ihre eigene Mitte finden. Demzufolge hatte die hier Geborene trotz Teilnahme am Politikunterricht ihres Gymnasiums erstmal keinen Sinn für die Flüchtlingsfrage und die Syrienkrise. Ihre Mutter, sehr gläubig und als Ausdruck dessen ein Kopftuch tragend, mache sich viele Sorgen um die Tochter. Das hinderte die Migrantin nicht, einigen aus Nahost geflüchteten Neuankömmlingen jetzt mit ihren Sprachkenntnissen bei den Behörden zu helfen und bei der Integration. Als Motiv sagte sie schlicht und einfach: "Es sind Menschen. Man muss helfen." Die inzwischen geheilte junge Frau überlegt, dies später beruflich zu tun, sei es als Lehrerin oder als Sozialarbeiterin bei der Ausländerbehörde.

Die Ethik unserer Überzeugungen, ob als Gottgläubige oder agnostische oder atheistische Humanisten, beweist sich daran, was wir für unsere Mitmenschen tun, ohne unsere eigene Vorurteile, Ängste oder unseren Vorteil und Gewinn im Auge zu haben. Ethik will etwas für Menschen und ein friedliches Gemeinwesen tun und nicht Feinde bekämpfen, in die das Böse ja nur projiziert wird. Der Glaube an ein solches Menschenbild und, für Gottgläubige, an ein solches Gottesbild, löst nicht alle Probleme auf dieser Welt und auch nicht alle Sorgen auf, aber er ist gut gegen die Angst vor dem Nächsten, gegen die Angst vor seinem und unserem Gott und die Angst vor sich selbst. Gottlosigkeit ist für mich im theologischen Sinne Ethiklosigkeit durch die Angstüberwältigung mit der Folge, die Selbstverstrickung in das Böse nicht mehr irgendwann erkennen zu können. Sich selbst erkennend vom so genannten Bösen bewusst abzuwenden, die Angst mit zum Mitmenschen und, wenn man denn will, zu Gott zu nehmen und mit ihr das Gute zu tun, statt durch sie das Verwerfliche und Verstörende, hebt unsere Verstörung und unsere Verletzungen letztendlich auf und Gnade und Barmherzigkeit kommen nicht zuletzt auch durch uns selbst oder durch unser Mitwirken über uns und über unsere Nächsten.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)