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Dienstag, 5. August 2014, 12:16

Esoterische Abenteuer unter anderem mit Paulo Coelho

Es gab und gibt gute Schriftsteller, die esoterisches Wissen in ihre Romane einfügten und damit lesbar und erklärbar machten und dabei inhaltlich besonders interessant sind. James Redfield ist so einer mit seiner "Celestine"-Reihe: Die Visionen, Prophezeiungen und Erkenntnisse von Celestine, die Rückkehr nach Celestine, die Geheimnisse von Shambhala sind einige davon. Allerdings ist Redfield zumindest in der Übersetzung kein so begnadeter Erzähler und Sprachkünstler. Da ist es wirklich der Inhalt, der manchmal fast ein wenig didaktisch daher kommt, der mich damals vor fast 20 Jahren zum Weiterlesen brachte. Auch ein Original solcher Literatur von 1933, nämlich "Lost Horizon" von James Hilton, das ein mythisches Lama-Kloster Shangri-La (in Shambhala) zum Thema hat, las ich seinerzeit mit Begeisterung. In diese Linie "bewusstseinserweiternder" und gleichzeitig phantasievoll erzählter Bücher gehört sicher auch Carlos Castanedas "Lehren des Don Juan". Natürlich kamen in dieser Zeit allerlei Erbauungsschriften und alte esoterische Bücher auf den Markt, über Tao, I Ging, Buddhismus, Zen, die geistige Erweiterung für die, die beim Hippie-Rausch mit Joint oder später Goa-Musik nicht stehen bleiben wollten.

Paulo Coelho's Bücher unterscheiden sich von den vorgenannten Büchern, so wie sich auch die Autoren unterscheiden, die esoterisches Wissen erzählbar machen wollten, jenseits von Spruchsammlungen und fernöstlichen Guru-Büchern zur Selbsthilfe für Westler, egal ob von Osho oder einem in den Westen reisenden tibetischen Rimpoche. Coelho ist ein brasilianischer Bestseller-Autor, drei Jahre älter als Redfield und in seiner einfachen, aber doch sehr spannenden Erzählweise sehr gut lesbar. Auch er nimmt für sich in Anspruch, in seinen Geschichten vor allem Selbsterfahrung auf dem Weg zu einem sinnvollen, beglückenden Lebensziel zu erzählen und aus ihnen zu schöpfen, wobei er sich sehr zu einer esoterisch vertieften katholischen Spiritualität (wieder) hingezogen fühlt, auch wenn er wie die anderen Autoren durchaus aus der gesamten esoterischen Weisheit auch des Buddhismus und Sufismus Anleihen nimmt. Es gibt einige bekanntere wie auch nur mir bekannte Kritiker, die die von Coelho in seinen Romanen verwobenen esoterischen Erkenntnisse für "schwachsinnig" halten, wie Denis Scheck, der Coelho einen "Schwachsinnsschwurbler" und "unangefochtenen König des Esoterikschunds" nannte. Coelho würde die Komplexität der Welt auf wenige einfache Wahrheiten reduzieren, Klischees, die er poetisch aufbereitet. Allerdings glaubt Coelho persönlich an seine katholisch inspirierten Erleuchtungsideen, die ihn mit der allumfassenden "Anima Mundi" verbinden sollen.

Dennoch oder gerade deshalb hat Coelho ein wachsendes Millionenpublikum und kann von den Einnahmen seiner Autorenkunst problemlos leben. Die mathematische Chaosforschung und die Fraktalgeometrie beweisen, dass hoch komplexe Strukturen mit anspruchsvollen mathematischen Formeln aus einfachen Formen entstehen und auch wieder zerfallen. Die tantrische Philosophie, ob nun vom Hinduismus oder vom Buddhismus antizipiert und jede esoterische Lehre einer an sich komplexen Weltreligion kommen immer wieder auf die einfachsten möglichen Bausteine und Prinzipien dessen zurück, was unter anderem die Christen "Schöpfung" nennen, einschließlich des Menschen mit seinem Körper, seiner Seele, seinem Geist. Ob man alles auf die Keimsilbe OM (AUM) zurück führt, auf einen einzigen Punkt der Potentialität, auf den göttlichen Impuls oder Hauch oder ob man denkt, es gäbe etwas unbedingt ewig Seiendes, einen klaren, leeren, ungetrübten Erleuchtungsgeist: Die komplizierten, große philosophisch-geistige Anstrengungen und ausgefeilte Übungen benötigenden Erleuchtungswege sind eigentlich ganz einfach und führen ins Allereinfachste: durch alle Bedenken, Gefühle, Ängste an einen Punkt, in einen Raum, in ein Sein jenseits des Denkgeistes, des Verstandes und dieses, so die Botschaft, ist dem Menschen erfahrbar.

Darum und darüber kann man wunderbare Geschichten erzählen, die unterhalten, die Erfahrung transportieren, die nachdenklich machen und zum Erforschen, Erfahren, Erleben reizen, ob nun nur als Leseerfahrung oder doch im eigenen täglichen Leben. Coelho bringt dazu einen Satz, der ungefähr so lautet: Wem Abenteuer zu gefährlich dünkt, sollte es mit Routine probieren, die ist tödlich. Ich habe mich mit Coelhos Büchern bisher nicht gelangweilt, egal, welches Thema er beschrieb. Mein esoterisches Wissen reicht aus und ist gleichzeitig bescheiden genug, mich von seinen Ideen bereichern oder nur unterhalten zu lassen oder sie gar zu ignorieren. So lese ich jedes Buch, auch die "Heiligen" unter den Büchern. Einen Schaden habe ich bei meinem skeptischen und gleichzeitig neugierigen Geist nicht feststellen können. Es gilt ja nicht, den Buchstaben für wahr zu halten. Wahrheit lässt sich kaum mit Buchstaben ausdrücken und mit Worten beschreiben. Es gibt Worte, die eine dahinter liegende Wahrheit klarer hervortreten lassen oder verschleiern.

Sehr märchenhaft und dennoch amüsant und spannend zu lesen fand ich Coelho's Sinnreisebuch "Der Alchimist", in dem Fall mein erster Coelho, den ich erst in diesem Jahr zur Hand nahm. Die "einfachen Wahrheiten" sind in einfacher Sprache und charmant beschrieben. Es ist kein durchkonstruierter Roman, bei dem Coelho jede Geografie und historische Begebenheit recherchiert hat. Es ist eine märchenhafte Erzählung um eine uralte Geschichte, die ich schon in jiddischen Geschichten gelesen hatte. Aber ich werde sie jetzt nicht verraten, sonst betrüge ich ja künftige Leser. Die andere "Pilgerreise" ist Coelho's "Auf dem Jakobsweg", sein erstes bedeutsames Buch, das erst ein Misserfolg zu werden schien und dann zu einem Bestseller wurde. Andere Bücher verraten seine Gedanken bei der Erforschung des menschlichen Geistes, seiner Leidenschaften, seiner Tugenden und auch seiner Leiden, wie etwa Coelho's Psychiatriebuch: "Veronika beschließt zu sterben" oder ein Buch über das Dämonische bzw. Böse: "Der Dämon und Fräulein Prym" und schließlich ein Buch über die Spielarten der so genannten Liebe und des Sex in "Elf Minuten".

In seinen Werken reflektiert Coelho seine eigenen Lebenserfahrungen, folgt man seinen biografischen Selbstaussagen. Seine Eltern schickten ihren ihnen merkwürdig, ja irre und geistesgestört vorkommenden Sohn schon in jugendlichen Jahren "zur Heilung" dreimal in eine psychiatrische Anstalt, in die er eingesperrt und in der er mit Psychopharmaka und Elektroschocks traktiert wurde. Er wurde wegen diktaturkritischen Texten und Liedern durch die Militärjunta in Brasilien verhaftet. Er gehörte einer progressiv-intellektuellen oppositionellen Strömung an und beschäftigte sich mit sozialen Utopien. Er erforschte sein Bewusstsein mit verschiedenen insbesondere schamanischen Drogen, fragwürdigen Ritualen und einem ziemlich ausschweifenden Leben, bevor er sich auf einen dezidierteren spirituellen Weg begab.

Wie auch immer man Coelho's Wege beurteilen will - und am besten beurteilt man lieber seine eigenen - die Bücher sind eben wohl nicht bloß reine Erfindungen der Fabulierkunst, sondern auch jedenfalls zum Teil literarische Dokumente eigener Erfahrungen und enthalten damit zumindest eine eigene Wahrheit des Autors, eine persönliche Authentizität. Wenn man Coelho nicht den Titel eines Guru gibt, den er meines Wissens explizit nie beansprucht hat, kann man seine Geschichten als bereicherndes Lesevergnügen erfahren. Es ist natürlich eine gewisse Weisheit vonnöten, wenn man nicht auf die törichte Falle hereinfallen will, etwas leidenschaftlich abzulehnen ("Hass") oder begeistert zu verklären ("Gier"), das so harmlos ist, wie Coelho's Botschaft. Und da wären wir wieder bei den einfachen Wahrheiten, diesmal im buddhistischen Gewand.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)