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Sonntag, 13. Juli 2014, 14:49

Fußball-Weltmeisterschaft und Körperpsychotherapie

Die "WM 2014", die Fußballweltmeisterschaft, in diesem Jahr in Brasilien ausgetragen, geht ihrem Ende zu. Erneut werden Millionen Zuschauer nicht nur der beteiligten Nationalmannschaften aus Argentinien und Deutschland das Finale an Fernsehbildschirmen und Leinwänden beim so genannten "public viewing" auf Plätzen und Straßen verfolgen. Hautnah in einer Menschenmenge eingepfercht oder am heimischen TV-Bildschirm alleine oder mit Anderen werden die Zuschauer mit einer Fülle von Eindrücken konfrontiert, die zu starken Gefühlen führen können. In einer Menschenmenge werden die emotionalen Wellen nicht nur visuell durch entsprechende Bilder oder auditiv durch die aufgefangene Geräuschkulisse empfangen. Doch auch der Fernseher überträgt durch die Bilder und die aus dem Lautsprecher kommenden Geräusche Gefühle, mit denen sich der Einzelne auseinandersetzen muss.

Normalerweise bedeutet es für das menschliche Individuum Stress, in einer lauten, drängelnden Menschenmasse eingepfercht zu sein. Man kann sich wenig bewegen, es riecht nach allem Möglichen, Entkommen ist in der Menge nahezu unmöglich, es ist laut, grelle Bilder über Leinwände oder die auffällig geschminkten, fahnenschwenkenden Fans sorgen für Netzhautblitze und Alarmbilder im Gehirn. Der Mensch der Masse, der sich in den letzten gut hundert Jahren herausbildete, kann dies aber positiv umdeuten. Aufmärsche von Parteien und Armeen und als weitaus (aber nicht nur!) friedlichere Variante sportliche Großereignisse können den kollektiven Gefühlsempfindungen wie -Ausbrüchen eine Richtung geben und zu einem psychisch und ganzkörperlich erfahrenen Wir-Erlebnis mit einer Art euphorischen Massen-Trance führen, die viele Menschen genießen können. Ihre persönlichen, alltäglichen Lebenssorgen und kleinen und großen Kümmernisse treten in diesen Zuständen einen Augenblick zurück und man ist Deutscher oder Brasilianer bei einer WM, Katholik auf dem Petersplatz in Rom oder Anhänger irgendeiner populistischen Führerpersönlichkeit und ihrer Parteiorganisation.

Das hat sicher alles auch negative Aspekte, die es gar nicht schön zu reden gilt und Phänomene, die man auch mit einer Art Massenpsychose vergleichen kann, haben sicher nicht nur gesunde und unbedenkliche Anteile. Sie nehmen den Leuten leider auch nicht die Angst vor Psychosen bzw. individuellen Psychotikern. Der "Normal-Irre", z.B. ein begeisterter Fußball-Fan, ein Jubel-Katholik oder extremistischer Parteigänger hält sich weiter für normal und die Anderen für unnormal oder gar beängstigend. Aber das ist nicht der Grund für meine Überlegungen, die allerdings durchaus mit eigenen Erfahrungen angereichert sind, etwa das Erlebnis eines Papstauftritts auf dem Petersplatz in Rom (damals noch Paul VI.), Betrachtungen des dokumentarischen Joachim-Fest-Filmes "Hitler - eine Karriere" über die Wirkung von Hitlers Aufmarschinszenierungen bei den Reichsparteitagen (schon mit ausgefeilten dramaturgischen und filmischen Mitteln über Wochenschauen in alle Landesteile exportiert) oder das Erlebnis von Massenveranstaltungen bei Fussballweltmeisterschaften oder großen Sylvester-Partys.

Da der Mensch auch furchtsam ist, gleichzeitig aber als kommunikatives Wesen seinesgleichen sucht, ist er beständig ambivalent und sucht nach kulturell sanktionierten und für angemessen gehaltenen Methoden, die innerpsychischen Spannungen auszuhalten, die widerstreitende Gefühle verursachen. Man möchte weg, sich verstecken, durchatmen, zur Ruhe kommen, die Spannung abschütteln. Oder man möchte mit den Armen fuchteln, aufspringen, herum brüllen oder im Chor mit anderen singen, beschwören, beten - alles bekannte Phänomene. Es ist schwierig, sich nicht von den Gefühlen berühren zu lassen. Man müsste völlig abgeklärt und erleuchtet alle Energien durch sich durch lassen können oder sich total verpanzern und viel Energie in seinen Schutzschild stecken und sich geradezu atemlos verschanzen. Es ist aber auch eine Chance, die vielen Gefühle in sich wahrzunehmen und einen guten, sowohl für den eigenen Körper wie die Umstehenden unschädlichen oder sogar heilsamen Umgang damit zu finden.

Um kollektive Gefühlsbewältigungen zu ermöglichen, meistens natürlich mit der Absicht einer gewissen Ausrichtung dieser Energien, haben schon die antiken Kulturen öffentliche Rituale erfunden, die sich um die Staatsreligion und den Staatskult drehten. Aber auch das Individuum kam nach und nach in den Genuss einer Art von spiritueller Massenpsychotherapie, sei es in den Einweihungskulten der griechischen Mysterienschulen und ihren rauschhaften Festen, sei es den Theatern mit Komödien- und Tragödienaufführungen, die der individuellen und kollektiven Katharsis dienten, sei es in den Zirkusspielen mit einer Mischung aus Schauspielen, rituellen Kämpfen und Opfern. Die römischen Politiker wussten das Volk mit "Brot und Spielen" bei Laune zu halten und es daran zu hindern, Unzufriedenheit mit negativen Emotionen destruktiv gegen die Regierenden oder gegeneinander zu richten.

Der Fussball hat in der Neuzeit als ein Mannschaftssport mit vielen Akteuren, den man mit einer Masse in einem Stadion betrachten kann und bei dem die Mannschaften Farben von Städten, Vereinen und Ländern tragen können, diese Bedürfnisse nach kollektiver Gefühlsaufwallung und Katharsis besonders gut befriedigen können. Zum Teil erwies er sich schon in Grenzen wie bei seiner Erfindung im Mittelalter als Friedensstifter, zum Teil ist er auch je nach Ergebnis oder nach den Bedürfnissen von nach Exzessen hungrigen Minderheiten Anlass für Gewalttätigkeit. Es gibt die Legende, dass das Spiel um einen Lederball oder Ähnliches von einem Stadt- oder Gemeindetor zum anderen, an dem eine große Volksmenge teilnehmen konnte und bei dem es rau bis kriegerisch zugehen konnte, die Austragung ernster Kriegshandlungen mit scharfen Waffen und mehr Opfern ersetzen und verhindern konnte. Diesen Fussballkampf gewonnen hatte die Mannschaft, die das runde Ding in das geöffnete Tor der Anderen versenkte.

Wenn man sich heute ein Fußballspiel anschaut, das große Menschenmengen emotional bewegen kann, weil sie z.B. viele ihrer positiven wie negativen Bewertungen samt der dazugehörigen angenehmen oder weniger angenehmen Empfindungen auf die jeweiligen Mannschaften und ihre Farben projizieren können, sei es Städte- oder Nationalmannschaften, kann man gerade über die scharfen Fernseheinstellungen von bestimmten Szenen eine Fülle von Gefühlen und deren Ausdrücke und dadurch motivierte Handlungen bei den Menschen erblicken und wenn man selbst im Geschehen ist und sich dafür öffnet und innerlich Anteil nimmt, auch an sich selbst feststellen. Und es ist es aus körperpsychologischer Sicht wert, sich damit eingehender zu beschäftigen.

Gefühle und die ihnen zugrunde liegenden Bedürfnisse sind etwas völlig Natürliches, Normales, Gesundes, sofern sie weder unterdrückt noch unreflektiert und ohne Rücksicht auf Verluste ausagiert werden. Wir wünschen uns Sicherheit, Geborgenheit, Schutz, Wärme, Ruhe, Nahrung, Heimat, Nähe genauso wie Aufregung und Anstrengung oder sogar Kampf, welche unsere Neugier befriedigen, Ekstase, Freude, Verbindung mit anderen usw. Aus der Bedrängnis des Einzelnen könnte ein ekstatisches Wir, so die Hoffnung, von der verzagten Angst in ein erhabenes Gefühl der Stärke führen. Doch sind wir unseren Gefühlsregungen aus gutem Grund auch skeptisch gegenüber eingestellt, fürchten wir doch die aufrührerische und manchmal sogar zerstörerische Energie der Gefühle und ihrer Äußerungen, was natürlich immer dann der Fall sein kann, wenn Bewegung auf Starrheit trifft. Doch unsere Versuche, Gefühle und die dahinter stehenden Energien mit noch größerer Gewalt zu verbannen und kontrollierend zu unterdrücken, führt oft zu Gewalt gegen uns selbst und Gewalt gegen Menschen, die wir mit ihren Gefühlen kontrollieren wollen, beispielsweise Kinder und junge Leute.

Die Gewalt, die wir auch uns selbst antun, führt zu Verhärtung, zu einem Körperpanzer, der sich sogar auf unser Herz-Kreislauf-System auswirken kann. Dauerhafter Bluthochdruck kann die Folge sein, gepanzerte, verkalkte Gefäße, in denen sich unterschwellig und kaum spürbar chronische Entzündungen abspielen. Wir werden auch äußerlich oft dicker und unbeweglicher oder im Gegenteil, stehen ständig unter Strom, sind angespannt und müssen diese Spannungen in einer sinnlosen und rastlosen Tätigkeit und Überbeweglichkeit irgendwie ableiten, ohne damit irgendeinen sinnvollen Zweck zu verbinden. Dieser Umgang mit unseren Gefühlen und den Emotionen, die von außen auf uns eindringen, ist auf die Dauer überaus schädlich. Die Teilnahme an kollektiven Veranstaltungen, in denen unter "Weichmacher-Einsatz" wie Musik, gefühlsbeladenen Bildern, Drogen wie Alkohol usw. Gefühle generiert, aufgeladen, gezeigt, geteilt und kollektiv herausgebrüllt werden, sind kollektive, gesellschaftlich sanktionierte Ventile, um dem Einzelnen wie der Volksmenge ein kathartisches Angebot zu machen, damit sich die emotionale Last des Alltags nicht noch häufiger und ständig destruktiv im Alltag entlädt, als kriminelle oder kriegerische Akte wie als individuelle oder gar Volkskrankheiten.

Wie kann man nun einen persönlichen gesunden Umgang mit Gefühlen etwa bei diesen Massenereignissen finden, wenn man offen für Gefühle und für eine solche Erfahrung ist? Selbst Fussballmuffel und Bundesligaignoranten kommen ja anlässlich von Weltmeisterschaften gelegentlich mal in einen Fussballrausch sowie in eine in Deutschland noch milde nationale Euphorie und mutieren zu Saison-Fußballexperten mit Rede- und Überzeugungsbedarf inklusive Erlebnishunger. Die mit Gefühlsverpanzerung schon zugemauerten Supermännchen wissen allerdings im höheren Lebensalter ab 40, 50 Jahren instinktiv um ihre Gefährdung und schauen sich die so genannten "Schicksals-Spiele", falls sie "leidenschaftliche" Anhänger "ihrer" Nationalmannschaft sind, nur teilweise an und fliehen vor den Spannungen, die sich als Kopfdruck oder Brustdruck bemerkbar machen können, vorzeitig ins Bett.

Wenn man noch nicht so vorbelastet ist, sodass das Ansehen eines Spieles noch ohne persönliche Lebensgefahr durch Infarkt oder Schlaganfall möglich ist, kann man die Veranstaltungen für den Fußballgott und die jeweiligen nationalen Heroinen und Allegorien (Germania, Brasilia usw.) als körperpsychotherapeutische "Sitzung" bzw. Erfahrung benutzen, um seine emotionalen Kanäle zu klären. Man kann sich bewusst atmend für die von innen und außen gespürten Energien öffnen und damit die blockierende bzw. blockierte innere Spannung herunter regulieren und in eine flexiblere Körperspannung mit Anspannungs- und Entspannungsmomenten kommen. Dabei kann es nützlich sein, die Emotionen körperlich auszudrücken, je nach Fähigkeit und Belieben, jedoch mit Rücksicht auf Umstehende: Schreien, Singen, Tanzen, Lachen, Weinen, Springen usw. Auch "künstlerischen" Ausdruck findet man oft in Bemalungen, Verkleidungen, Maskerade und so genannten "Choreografien". Andere erleben es ebenso intensiv, aber stiller und manche reden die ganze Zeit gescheit daher, aber bei näherer Betrachtung eben sehr emotional und unlogisch.

Dann schaltet man schließlich auf noch größere Öffnung und taucht in das Erlebnis des Mitfühlens ein, das Mittrauern genauso umfasst wie Mitfreuen. Dieses erlaubt ein echtes, solidarisches Wirgefühl, das am Ende alle einbezieht, so dass alle Beteiligten, ob Anhänger der Sieger- oder Verlierermannschaft, Achtung und Respekt erfahren und Fairness und Großherzigkeit regieren, anstatt dass die kleinlichen Gefühle Oberhand gewinnen, die immer noch Ausdruck eines verschlossenen Herzens sind: Hassgedanken und Rachegelüste, die sich in Schmähungen, Demütigungen und Boshaftigkeit entladen, sei es dass diese dann gegen andere oder auch sich selbst wirksam werden. In diesem Sinne wünsche ich den Teilnehmern und Zuschauern gute, das Herz öffnende und nicht verschließende Erfahrungen, wenn es wieder einmal heißt: Brot und Spiele für das Volk im Namen des Fußballgottes.
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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Montag, 14. Juli 2014, 22:24

Nach Anstrengung und Erfolg kommt das Feiern

Körpertherapeutisch hat es sich gelohnt, trotz Verlängerung bis zum Ende des Finalspiels "am Ball" zu bleiben. Für die Deutsche Auswahl allerdings auch: mit dem dem 1:0 fast in letzter Minute wurde die Deutsche Nationalmannschaft 2014 Fußballweltmeister in Brasilien. Die Zuschauer hatten Gelegenheit, bei dem langen, spannungsreichen Spiel viele Atemübungen zu machen, während das im Halbfinale gegen Brasilien (man entsinne sich des 7:1 der Gäste gegen den Gastgeber) wegen des Torhagels kaum ein Atemholen zuließ. Man saß das fast mit offenem Mund und angehaltener Luft. Das letzte Spiel war da schon anders.

Für mich - außerhalb von Welt- oder Europa-Meisterschaften bekennender Fußball- und Bundesliga-Ignorant - ist vor allem die Beobachtung der Mimik und der Körpersprache der Akteure, der Kommentatoren und der Zuschauer interessant. Gefühlsausdrücke lassen sich sogar mit Fernsehbildern so deutlich beobachten, wie sonst nie, sogar in der Politiker-Riege wie bei der Brasilianischen Staatspräsidentin, die vielleicht staatstragend ausdruckslos aussehen wollte, aber reichlich angeschlagen, finster, bedrückt und verlangsamt 'rüber kam, als befinde sie sich in einer Reha-Klinik für Depressive. Anders Angela Merkel und Joachim Gauck, Letzterer locker und erfreut im Interview parlierend mit Anekdoten aus seiner persönlichen Fußballbeobachtungsvergangenheit, Erstere meistens eng mit festgehaltenem Oberkörper, doch in entscheidenden Momenten dann doch mal zum spontanen Freudensprung und -Ausruf bereit.

Auch die Spieler und "einfachen Zuschauer" boten jede Menge Anschauungsunterricht für den Ausdruck von Emotionen: Entsetzen, Trauer, Wut, Angst, Freude, Triumph, Stolz, Verachtung, Hass - alles war erkennbar. Die Brasilianer weinten zum Teil hemmungslos, die Niederländer zeigten sich wie bei Robben oder die Argentinier zum Schluss zumindest in der Figur des Weltfussballers Messi versteinert und erstarrt. Er wollte und konnte sich über nichts freuen, nicht mal seine persönliche Auszeichnung und starrte finster vor sich hin. Die deutschen Spieler hingegen verfielen trotz vieler Zweikampfblessuren in einen Freudentaumel und nutzten die Bühne eines Stadions für anhaltenden öffentlichen Jubel. Und mehrere brachten zum Ausdruck, dass sie nun lange, lange feiern wollten und ihre Gefühle auskosten.

Das ist übrigens das "Vernünftigste", das man tun kann, wenn ein großes Ziel mit viel Anstrengung erreicht worden ist: Feiern, feiern, feiern. Was sonst? Und die Freude mit anderen teilen. Denn nach kurzer Zeit ist der Rausch wieder vorbei, der Allzag naht, das Training, die nächsten Herausforderungen und die Uhr ist wieder auf Null gestellt. Geschichte? Das ist etwas für Geschichtsbücher. Ruhm und Vergangenheit lässt sich körpertherapeutisch nicht nutzen, nur der große Gefühlsausdruck und dazu gehören Freude, Feiern, Dankbarkeit und auch die Größe des Verlierers, der sich mitfreuen und Anerkennung zollen kann und die des Gewinners, der seinem Gegner Achtung und Respekt ausdrückt.
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Samstag, 19. Juli 2014, 14:44

Etwas platt

Fußballer befriedigen keine intellektuellen Bedürfnisse, auch wenn sie ihre Interview-Antworten inzwischen einstudiert zu haben scheinen. Während der Ball rund ist, sind manche Statements platt wie der Rasen. Auch die Performance am Brandenburger Tor in Berlin beim Empfang der Nationalmannschaft geriet doch geistig etwas flach und lud einen nachdenklichen Menschen zum Fremdschämen geradezu ein. Eine Tanzeinlage der "Jungen Wilden" über die niedergeschlagenen Gauchos ("Die Gauchos gehen so...") und die jubelnden Deutschen geriet in den Medien sogar zum Politikum. Besonders die argentinische Presse schäumte. Ein argentinischer Journalist verstieg sich sogar zu der Aussage, dass die deutschen Nationalspieler "ekelhafte Nazis" seien. Fast könnte man meinen, dass zumindest ältere Argentinier, insbesondere die, die mit ihren früheren Diktatoren sympathisierten, mit Nazis viel Erfahrung haben, da Argentinien echten Nazis und Kriegsverbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg in großer Zahl Unterschlupf gewährte und dabei half, dass diese Mörder und ihre Helfer untertauchen konnten.

Leider hat Fußball durch alte nationalistische Regungen bei vielen Menschen, für die die Welt eben immer noch ziemlich platt ist und die nicht viel nachdenken, eine tatsächlich "ekelhafte", dunkle Seite, die aus einer Fülle unverdauter und unhaltbarer Ressentiments besteht. Da wird dann mit dem sportlichen Gegner in den oft mehr als spöttischen Kommentaren nicht zimperlich umgegangen und Ultra-Anhänger und Hooligans gehen nicht zimperlich mit ihren Kontrahenten um und schreckten in der Vergangenheit auch nicht davor zurück, unbeteiligte oder sogar am Ordnungsdienst beteiligte Polizisten halb tot zu prügeln. So etwas findet sich in allen Ländern und vielen Vereinen. Der Nazivergleich des verärgerten Argentiniers erinnert mich an eine eigene unangenehme Jugenderfahrung im Zusammenhang mit Fußball und Ausland.

Im Sommer 1974 fuhr ich als Dreizehnjähriger mit dem Zug durch Holland und Belgien an die Kanalküste, um zu einer vierwöchentlichen Sprachreise nach England überzusetzen. Während die Waggons durch Holland rollten, wurde das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974 Deutschlang gegen die Niederlande ausgetragen. Einige junge Leute unserer Schüler-Reisegruppe hatten Transistorradios dabei und konnten das Spiel verfolgen. Bekanntlich endete das Finale 2:1 knapp zugunsten der DFB-Auswahl. Die deutschen Schüler jubelten und so erfuhr dann auch ich den Ausgang.

Allerdings waren die Deutschen in diesem Zug eine Minderheit. Ich erinnere mich, dass sich kurz nach diesem Jubel eher eine bedrückende, angespannte Atmosphäre ausbreitete. Da ich kein so siegestrunkener Nationalist war, sondern politisch wegen der meiner Meinung nach nicht gut aufgearbeiteten Nazivergangenheit eine kritisch-distanzierte Haltung zur offiziellen Politik in meinem Heimatland im Besonderen und zu Deutschland im Allgemeinen hatte, spürte ich die antideutsche Stimmung in dem Zug wohl eher, als die glücklichen jungen deutschen Fußballanhänger. Einige Holländer und Belgier guckten meine Mitreisenden böse an. Was sie sagten in ihrem "Platt", verstand ich aber nicht.

Meine eigene politische Einstellung bewahrte mich nicht vor den dumpfen Ressentiments anderer Jugendlicher, z.B. in England. Kurz nach dem WM-Sieg in England angekommen, erlebte ich auf einem längeren Fußweg von meiner Gastfamilie zur Schule eine Art Spießrutenlauf. Damals trugen auch die Deutschen die internationale Jugendkleidung: Jeanshosen und irgendeine Militärjacke über dem Hemd oder T-Shirt. Die Zeit der Bomber-Stiefel und Boots war aber noch nicht überall angebrochen. Man hatte irgendwelche Turnschuhe an. Die Deutschen trugen oft einen Nato-Parka. Der war damals billig, praktisch, im Winter warm durch ein einknöpfbares Futter und im Sommer kühler. Eine Lederjacke war damals noch sehr teuer und meine erste hatte ich erst mit siebzehn. Diese Militär-Anoraks unterschieden sich in der NATO besonders durch die Nationalitätenabzeichen. Meine Deutschlandfahne hatte ich wegen meiner kritischen Einstellung einfach durch das Stadtwappen und irgendwelche Anarchistensterne verdeckt.

Die englischen Jugendlichen, politisch vermutlich nicht besser gebildet, als die früheren Mitglieder totalitärer Jugendorganisationen, erkannten mich ohne irgendeinen Wortwechsel trotzdem als Fremden und zwar als Deutschen. Der deutsche Bundeswehr-Parka hatte vermutlich doch die eine oder andere Besonderheit, die die US-Jacke und die englische Bomberjacke nicht hatten. Das genügte, damit sie mich grölend und drohend verfolgten und mich laut brüllend als "Nazi" beschimpften. Das es so glimpflich abgegangen ist und der südenglische Kleinstadt-Mob es bei verbalen Attacken und ein paar Steinwürfen beließ, war vermutlich ein Glück. Nun wusste ich aus eigener Erfahrung, was ich immer schon geahnt habe: Fremdenfeindliche Faschisten gibt es überall und in jeder Jugend, auch in Ländern, die keine historischen Nazis hatten. Mit meinem Land hat mich das damals aber noch nicht versöhnt, eher im Gegenteil. Später habe ich die Britischen Inseln noch oft bereist, mit deutschen Autos und ohne Parka. Es gab nie wieder eine solche hässliche Szene, es war aber auch nie mehr unmittelbar zuvor eine deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister geworden.
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