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Sonntag, 25. November 2007, 14:18

Umweltpolitisches Engagement von Ärzten: Beispiel Ärzteinitiative gegen Kohlekraftwerk

Ein Kollege schickte mir kürzlich eine eMail zu, in der sich eine Bekannte unter Hinweis auf eine Ärzteinitiative, die in einem Link angegeben war an ihn als Ratsherr gewendet hatte. Der Hintergrund ist der Plan, in Wilhelmshaven neue Kohlekraftwerke zu errichten, um mehr Energie für Industrieansiedlungen rund um den neu entstehenden riesigen Tiefwasser-Container-Hafen "Jade-Weser-Port" bereit zu stellen. Wie ei dem Projekt, gegen das sich die Ärzteinitiative stark gemacht hat, werden Beeinträchtigungen der Gesundheit aufgrund von Atemwegserkrankungen durch die Emissionen des Kraftwerkes befürchtet. Leider sind viele Fragen der neuen Kohletechnologie noch nicht geklärt und doch haben die Koalitionspolitiker sowohl auf Landes- wie auf Stadtebene schon zugestimmt, gegen eine schwammige Verlautbarung des Betreibers, die jeweils neuste Filtertechnologie sowie CO²-Abscheider einzubauen, wenn diese Technologie ausgereift und wirtschaftlich vertretbar ist. Das aber entscheidet allein das Unternehmen. Oberbürgermeister, Stadtratsmehrheit und Landespolitiker argumentieren damit, dass es sich um ein modernes und damit umweltfreundliches Kohlekraftwerk handeln werde. Aber erstens haben wir noch ein uraltes, dessen Abschaltung für das Neue keineswegs beschlossen ist und zweitens bedeuten die hinter Gaskraftwerken hinterhinkenden 48% Wirkungsgrad, dass zusätzlich zu den CO²- und Ruß-Emissionen 52% der Primärenergie in Form von Abwärme in die Luft und das Kühlwasser des Jadebusens geleitet werden und für den Menschen verloren sind, aner an der Erwärmung des Meeres und der Athmosphäre mitwirken. Inzwischen hat sich in Wilhelmshaven u.a. aus den Parteien "DIE LINKE" und "BASU" (Bildung/Arbeit/Soziales/Umwelt-Freie Liste für Wilhelmshaven) eine Bürgerinitiative etabliert: "Zeche Rüstersieler Groden" ( http://www.basu-whv.de/vorschau/cms/index.php?e1=1416 und http://gerold-tholen.de/index.php?option…id=14&Itemid=28 und http://www.zeche-ruestersiel.de/ ). Auch die Alternativzeitung "Gegenwind" berichtete darüber mit Interview: http://www.gegenwind-whv.de/gw23203.htm .

Die Sache ist sicher in vielerlei Hinsicht problematisch. Kohleförderung soll aus Wirtschaftlichkeitserwägungen und EU-Rücksichtsnahmen in naher Zukunft in Deutschland nicht mehr subventioniert werden. Die Förderung in Deutschlands Steinkohlebergbau über den "Kohlepfennig", sicher keine besonders saubere Technologie, wird dann eingestellt werden, obwohl die Bergwerke noch über Generationen gepflegt werden müßten, um Bergstürze zu vermeiden. Gefahren und Arbeitsplatzverluste sind mit der Einstellung des Deutschen Steinkohlebergbaus genauso verbunden, wie Ausweichen der energiehungrigen Industrie auf billigere Kohlealternativen aus dem Osten und dem fernen Osten sowie auf die umweltzerstörerische und ebenfalls nicht sehr saubere Braunkohletechnologie mit den riesigen Tagebaufördergebieten und natürlich auf Öl. In Fernost und in Russland sowie der Ukraine gelten weder besondere Umwelt- noch Sicherheitsstandards. Mensch und Umwelt werden dort verheizt, damit billigere Importkohle z.B. an der Hafenkaie des Kohlekraftwerks Wilhelmshaven gelöscht werden kann. An dieser klebt Blut, wie man sich bei ständigen Meldungen über katastrophale Bergwerksunglücke in China oder Russland oder der Ukraine denken kann. Ohne eine funktionierende Demokratie und Gewerkschaften werden in diesen Ländern, die sich von einem diktatorischen Sozialismus auf dem Wirtschaftssektor zu einem Raubkapitalismus entwickeln, Energie und Industrieprodukte auf Kosten der Gesundheit von Arbeitern und Bürgern produziert. Unsere Multinationalen Konzerne, die nur an Gewinnen und guten Börsenergebnissen interessiert sind, stützen diese fragwürdigen Methoden, die wir überwunden haben, wodurch wir sichere, aber teure Arbeitsplätze geschaffen haben.

Leider rechnet man bei den Energiekosten immer nur den Preis der Energiebeschaffung auf dem Weltmarkt und nicht den Preis für die Umwelt und die Gesundheit des Menschen mit ein. Es könnte durchaus sein, dass unter Berücksichtigung aller Kosten die Importkohle, die aus Fernost stammt und unter ebenfalls hohem Energieaufwand mit hoher Umweltbelastung gefördert und dann mit sehr viel Schweröl und Diesel verbrauchenden Schiffen verschifft wird, uns alle teurer zu stehen kommt, als die Kohle aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland, die z.B. mit Binnenschiffen oder per Bahn zu uns gelangt. Nebenbei sollen die riesigen Propeller der großen Tanker, Container-Schiffe und Massengutfrachter für einen infernalischen Lärmpegel im Meer sorgen, der z.B. die Orientierung der Wale verwirrt und für das zunehmende Stranden dieser sowieso schon stark reduzierten und vom Aussterben bedrohten Meeressäuger verantwortlich sein soll. Und wenn man an die Umweltfolgen denkt, wäre es doch eigentlich recht und billig, wenn die Energie dort, wo sie benötigt wird, auch hergestellt und die Energieträger möglichst auch in der Nähe gewonnen würden. Ist man nämlich selbst betroffen, bemüht man sich auch eher um die Einhaltung höchster Umweltstandards.

Die Kohletechnologie könnte beim Einsatz in Kraftwerken schon heute umweltfreundlicher sein, aber die dazu notwendigen technischen Voraussetzungen sind teuer und, wie man an den zum Teil unwirksamen, zum Teil betrügerisch vertriebenen nachrüstbaren Diesel-Rußpartikel-Filter im Automobilbau gesehen hat, ohne die nötige Ernsthaftigkeit der Industrie auch nicht zuverlässig und sicher. Doch welchen Sinn hat es, die Rußpartikel aus dem Auspuff von Dieselfahrzeugen zu reduzieren, wenn die Großindustrie ihre Rauchgase nicht nach den besten Möglichkeiten reinigt? Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass die Abgase der Kraftwerke nicht nur die Umwelt schädigen und trotz Entschwefelung Stickoxide und sauren Regen verursachen, sondern durch die Feinstäube auch Lungen- und Herzerkrankungen Vorschub leisten sowie das Krebsrisiko erhöhen. Das ist auch der Grund, warum die Kommunen dazu übergegangen sind, die Feinstaubbelastungen in den Innenstädten zu messen und den Verkehr zu reglementieren bzw. die Verwendung effektiver Filtertechnologien vorzuschreiben. Dies müßte natürlich um so mehr für Kraftwerke, andere Industrieanlagen sowie Heizungen gelten.

Das neuste Thema hinsichtlich des Risikos fortschreitender globaler Erwärmung ist die CO²-Emission bei der Verbrennung. Es gilt allgemein als wissenschaftlicher Standard, dass die Treibhausgase Kohlendioxyd und Methan den Hauptanteil an der menschengemachten Erderwärmung tragen und drastisch verringert werden müssen, will man nicht letztlich z.B. einen meterhohen Meeresspiegelanstieg durch abschmelzende Eismassen an den Polen und auf Grönland sowie Unwetterkatastrophen und Veränderungen von Meeresströmungen riskieren. Wilhelmshaven, an der Nordsseküste seit Jahrhunderten sturmflutgefährdet, sollte das am ehesten kapieren. Fehlanzeige. Die Deiche gerade im bundeseigenen Marinestützpunkt sind unter dem allgemeinen Niveau und auf Dauer eine gefährliche Lücke. Gegen das, was uns erwartet, werden uns aber auch die erhöhten Deiche auf die Dauer nicht mehr schützen können. Daher gibt es Überlegungen, dass beim Verbrennungsprozess frei werdende CO² abzuscheiden. Wohin man das CO² aber abscheiden will, ob man es chemisch gebunden unter Tage in alte Bergwerke verpressen will, das weiß noch niemand genau. Dass die Auswirkuzngen der Erderwärmung auf das globale Klima millionenfach unabsehbare Gesundheitsrisiken mit sich bringt, bezweifelt heute ernsthaft niemand mehr.

Die Effektivität - Wirkungsgrad genannt - von Kraftwerken ist ein weiteres Problem. Großkraftwerke produzieren zwar - mit unterschiedlichem Wirkungsgrad - eine Menge Strom, aber auch eine Menge Wärme und die geht oft größtenteils als Abwärme verloren, es sei denn, die Wärme würde durch eine Kraft-Wärme-Kopplung zum Heizen genutzt und auch optimierend dem Primärwärmekreislauf wieder zugeführt. Dafür bieten sich aber eher kleine, dezentrale Kraftwerke an. Somit ist auch hier technologisch noch sehr viel zu verbessern, bevor man von einer umweltfreundlichen Kraftwerkstechnologie sprechen kann. Diese Probleme weisen natürlich alle Kraftwerke auf, in denen z.B. über Verbrennung fossiler oder nachwachsender Energieträger (Kohlenwasserstoffe) Wärme und damit Dampf erzeugt wird, um mittels Dampfturbinentechnik Generatoren zur Stromerzeugung anzutreiben. Die primär und sekundär entstehende Wärme muß viel besser ausgenutzt werden.

Atomkraftwerke nun bei diesem Dilemma als die umweltpolitische Rettung anzupreisen, ist natürlich nur dann möglich, wenn man die immensen anderen Gefährdungen und Kosten so erfolgreich ausblendet, wie das bis zum Unfall von Tschernobyl noch allgemein möglich war. Nuklearenergie ist keine umweltfreundliche und ungefährliche Alternative! Und die inzwischen bekannten verheerenden Folgen von Urwaldrodungen und Monokulturplantagen, auf denen Palmöl, Soja, Mais, Raps und Zuckerrohr für energiehungrige Motoren und Kraftwerke erzeugt werden, lassen erkennen, dass es auf diese Weise keine CO²-neutrale Treibstoffproduktion geben kann, insbesondere wenn nach Abbrennen der Urwälder aus den zwölf Meter mächtigen entwässerten Torfschichten im Indonesischen Busch ein Mehrfaches an CO² und Methan frei wird, als bei der Verbrennung von fossilem Öl oder Kohle statt Palmöl. Zusätzlich wird die Umwelt vergiftet, der Boden ausgelaugt und einheimische Bauern vertrieben - damit in Deutschland vorgeblich umweltfreundliche Palmölkraftwerke entstehen! Auch am Billig-Palmöl aus Fernost klebt Dreck und Blut.

Doch zurück zur Ärzteinitiative als ein Beispiel umweltpolitischen Engagements von Medizinern, die sich um die Gesundheit der Bevölkerung in der Nähe eines neuen Kohlekraftwerkes Sorgen machten und damit zunächst zumindest in Krefeld erfolgreich waren:

Zitat

Original aus einer eMai vom 7.11.07l

Lieber H.,

Mama hat mir gerade geschrieben, dass in WHV 5 neue Kohlekraftwerke gebaut werden sollen. Ich wollte Dich erstens fragen, ob Du als Ratsmitglied mehr dazu weißt und zweitens wollte ich Dich auf eine interessante Initiative von Krefelder Ärzten hinweisen, falls Du sie noch nicht kennst. Sie haben sehr erfolgreich gegen den Bau eines neuen Werks protestiert, aus gesundheitlichen Gründen. Ich dachte immer, "Kohlestaub den Atem raubt" könne man gar nicht mehr sagen. Aber anscheinend sind Kohlekraftwerke ja auch eine gesundheitliche Gefahr. Vielleicht kann man in Wilhelmshaven mit diesem Argument mehr erreichen als mit dem Umwelt-Argument.

Unter dieser Mail habe ich Dir einen Artikel sowie den Link zu der Initiative gestellt. Ich hoffe, ich kann mich bei der Sache auch aus de Ferne irgendwie einbringen, das ist mir ein echtes Anliegen.

Liebe Grüße F.

http://www.cbgnetwork.org/1894.html

In der verlinkten Botschaft der Krefelder Ärzte heißt es:

Zitat

Original von der CBG-Homepage zitiert nach "Ärzte Zeitung" vom 4.4.2007

Ärzte Initiative gegen Uerdinger Kohlekraftwerk

Allgemeinarzt fürchtet Zunahme von Atemwegs-Erkrankungen und Allergien / Anzeige im Lokalblatt

Auf ungewöhnliche Weise trat eine Ärzte-Initiative gegen den Bau des geplanten Kohlekraftwerkes in Uerdingen an die Öffentlichkeit. "Danke! 135 Krefelder Ärzte danken den Politikern für ihren Mut, gegen das geplante Kohlekraftwerk zu stimmen und für ihr Votum für bessere Luft- und Lebensqualität in Krefeld", so lautete der Text der Anzeige im Lokalblatt "Extra-Tipp".

Der Protest der Ärzte hatte Erfolg. Die Mehrheit der Politiker stimmte im Rat der niederrheinischen Stadt gegen den geplanten Bau des Steinkohlekraftwerks im Ortsteil Uerdingen. Ins Leben gerufen hatte die Ärzte-Initiative der Krefelder Allgemeinmediziner Dr. Bernd Kaufmann.
"Wir wollen auf die Gesundheitsrisiken durch Schadstoffbelastung in der Luft aufmerksam machen, die durch ein Kohlekraftwerk entstehen", sagte der niedergelassene Arzt. Auch Umweltschützer und Bürgerinitiativen hatten sich gegen die Pläne der Trianel-Gruppe, auf dem Bayer-Werksgelände ein Steinkohlekraftwerk zu errichten, engagiert. Viele Krefelder Politiker waren zunächst für den Bau, sie erhofften sich Mehreinnahmen bei der Gewerbesteuer.
Zwar hatten die Verantwortlichen immer wieder betont, es handele sich um ein umweltfreundliches Kohlekraftwerk, doch der Widerstand der Anwohner wuchs. Als vor wenigen Wochen die Vereinten Nationen ihre Klimastudie veröffentlichten, änderten die großen Parteien schließlich ihre Meinung und lehnten die Pläne mit Stimmen von CDU, SPD und Grünen ab.
Kaufmann wurde durch einen Patienten auf die Gefahren aufmerksam. Der Mediziner betreute den Vorsitzenden des Niederrheinischen Umweltschutzvereins Ulrich Grubert, der aus Protest gegen den geplanten Kraftwerksbau in Hungerstreik getreten war.

Physiker warnte vor den Belastungen
"Herr Grubert ist Physiker und hat mir deutlich vor Augen geführt, dass auch dieses angeblich umweltfreundliche Kohlekraftwerk erhebliche Belastungen verursacht. Ich musste einfach etwas unternehmen", sagt er. Gemeinsam mit Kollegen und Freunden schrieb Kaufmann Kollegen in Krefeld und Umgebung an und bat um ihre Unterschrift zur Unterstützung. Zuvor hatte er Studien zum Thema ausgewertet. Er ist sich sicher, dass der Anteil von Schwebstaub in der Luft die Gesundheit der Menschen direkt beeinflusst.
"Unsere Region zählt ohnehin schon zu denen, die stark belastet sind", sagt Kaufmann. Die Folge seien vermehrt auftretende respiratorische Erkrankungen und Allergien. "Wenn auch noch das Kohlekraftwerk gebaut würde, käme es zu einer erhöhten Morbidität und Mortalität. Das ist sicher", sagt er. Die Unterschriftensammlung veröffentlichte Kaufmann im Internet unter www.uerdinger-kohlekraftwerk.de. Einen ersten Erfolg kann er bereits verbuchen: Der Rat der Stadt hat sich gegen den Bau des Kohlekraftwerks ausgesprochen und stattdessen ein Gaskraftwerk vorgeschlagen. "Mit einem Gaskraftwerk könnte ich gut leben", so Kaufmann.
Am Ziel sehen er und seine Mitstreiter sich erst, wenn die Pläne für das Kohlekraftwerk auch von den Tischen der Bezirks- und Landesregierung sind. Für den Bau in Uerdingen muss die Stadt Bebauungspläne ändern. Ein Bau des Steinkohlekraftwerks in Krefeld ist jetzt ausgeschlossen. Noch ist aber nicht entschieden, ob es in einer anderen Stadt der Region gebaut wird. "Bis das geklärt ist, bleibt die Initiative bestehen und kämpft weiter für eine gesunde Umwelt", sagt Kaufmann.
Danke!

135 Krefelder Ärzte danken den Politikern für den Mut, sich gegen das Uerdinger Kohlekraftwerk zu entscheiden!
Wir freuen uns über ein Votum für gute Luft- und Lebensqualität in Krefeld!
Gesundheit
ist unser höchstes Gut!
Krefelder Ärzteinitiative
(www.uerdinger-kohlekraftwerk.de)

Quelle: http://www.cbgnetwork.org/1894.html


Michael
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Mittwoch, 16. Januar 2008, 01:27

Ärzteinitiative Wilhelmshaven

Unser ärztlicher Berufsstand hat ein ziemliches Glaubwürdigkeitproblem. Einerseits wird die Gruppe der Ärzte immer noch pauschal mit dem größten Vertrauensbonus von der Bevölkerung bedacht, ganz im Gegensatz zu den Politikern, andererseits lassen sich Ärzte oft nur unzureichend, einseitig und viel zu ungenau von Pharmafirmen über die meist nebenwirkungsreichen Medikamente informieren und streuen so oft gefährliche Pillen, in ihrer Wirkung und Harmlosigkeit nicht hinreichend untersuchte Impfstoffe sowie immer wieder auch gefährliches Halbwissen mit der Autorität des Halbgotts in Weiß unter die Leute.

Und wenn Ärzte dann mal eine Lanze für die Umwelt und die Klimagesundheit brechen, was im Sinne einer gemeinsamen politischen Aktion von Ärzten selten genug vorkommt, haben sie wie in diesem Fall schon wieder Pech: Ein Wilhelmshavener Oberbürgermeister Eberhard Menzel (SPD) etwa, der als ehemaliger Krankenkassenangestellter möglicherweise seine eigenen antiärztlichen Vorurteile erworben hat, kanzelt das Engagement von 118 Mediziner der "Ärzteinitiative Wilhelmshaven" rüde mit dem Hinweis ab, dass die Mediziner ihren "breiten Glaubwürdigkeitsbonus in der Bevölkerung" ausnutzen und in ihrer Anzeige "Emotionen bedienen" würden, um "falsche Behauptungen" aufzustellen.

Weitere Menzel-Äußerungen laut Tageszeitungsartikel waren, dass die Anzeige der Ärzteinitiative ein "Horrorszenario" male und die Zahlen nicht richtig seien. Der OB gipfelt laut Wilhelmshavener Zeitung in der Unterstellung, dass die Ärzte - "als die nicht gerade schlechverdienendsten in dieser Stadt" - anderen Menschen einen Arbeitsplatz verwehren würden. Zuvor war er an dem Ärztevertreter, der das Schreiben überreichen wollte, in dem die Mediziner genauere Untersuchungen und nochmaliges Überdenken anmahnten, ignorant und ohne Blick vorbei an das Rednerpult gelaufen, um seine Meinung auf dem Neujahrsempfang der Wilhelmshavener Bezirksärztekammer und kassenärztlichen Vereinigung zu verkünden. Er redet, Volk und Ärzte sollen schweigen.

Ja, und das ist auch das Problem. Die Wirtschaftsfraktion aus Menzels SPD, CDU und FDP hatte den Kuhhandel, der ettliche Erweiterungsmöglichkeiten der Kraftwerkskapazitäten vorsieht, ganz schnell an einer öffentlichen Diskussion und der schwachen Opposition aus Grünen, Linken und BASU vorbei mit den Kraftwerksbetreibern ausgekungelt. Kritische Nachfrage war nicht erwünscht. Statt von vorn herein die Zahlen ungeschönt und offen zu diskutieren, hört man im Nachherein eine Mischung aus halben Beschwichtigungen und arroganten Abkanzelungen der Bürger, die mit einem Bürgerbegehren eine Befragung zu dem Vorhaben wünschen. Aber wo kämen wir dahin, wenn man die hier lebenden Bürger zu der Luftqualität fragen müßte, die sie atmen sollen? Sie sollten doch froh sein, dass hier einmal 300 qualifizierte Arbeitsplätze mit Milliardenaufwand geschaffen würden, die teuersten Arbeitsplätze der Welt im später einmal drittgrößten Kohlekraftwerkskomplex der Welt...

Als OB Menzel gewählt wurde, war sein einziger Gegenkandidat ein smarter Pensionär, ehemaliger Chef der großen Wilhelmshavener Raffinerie, CDU, durch und durch ein Mann der Wirtschaft. Offenbar hat der SPD-Kandidat die Wähler besser täuschen können. Gefragt werden sollen sie nämlich nicht mehr. Statt die Argumente der Bürgerinitiative "Zeche Rüstersiel" zu entkräften, werden juristische Bedenken angeführt, um die Unterschriftensammlung zur Bürgerbefragung zu Fall zu bringen. Kein Zweifel, OB Menzel ist wieder einmal beleidigt. Erst wollen ihn die Opposition, die Bürgerinitiativen und die Bürger nicht verstehen, nun auch die gut verdienenden Ärzte nicht.

Eigentlich könnte der Krankenkassenmann Menzel den Ärzten doch mit einem guten Argument den Wind aus den Segeln nehmen, denn schließlich weiss der ehemalige Verwaltungsangestellte, der die Stadt wohl immer noch so autoritär führen will, wie eine AOK-Unterabteilung: die Ärzte hängen am Geld, so denkt er doch. Nun, wenn mehr Patienten erkranken mit Lungenkrankheiten und Herzinfarkten sowie Nervenschäden durch Schwermetalle, haben die Ärzte doch mehr zu tun und könnten - theoretisch - mehr verdienen! Aber da die Krankenkassen gleichzeitig weniger zahlen wollen, geht die Rechnung nicht auf und der finanzielle Spielraum für die Praxeninhaber, möglichst oft aus dem demnächst verpesteten Wilhelmshaven in einen gesünderen Urlaubsort zu fahren, wird enger. Und weil das so ist, sind die Ärzte mit ihrem Protest am Ende doch glaubwürdig: Sie wissen, was auf sie zu kommt und wollen die Luft hier auch nicht atmen.

Und vielleicht gibt es unter der beachtlichen Zahl von 118 ärztlichen Unterschreibern - mich haben sie allerdings nicht gefragt - tatsächlich echte Gesinnungstäter für Gesundheit, Umweltschutz und Bürger: Dann wäre ich jetzt fast ein wenig stolz auf die Kollegen in meiner Stadt, die dem arroganten Demokratieverständnis der Stadtoberen und ihrer Verbeugung vor den Investitionsmilliarden trotzen! Ob sich einer von denen findet, dem OB Menzel eine Kur zu verschreiben? Vielleicht im Donezbecken, wo ein Teil der Importkohle gefördert wird, an der Blut klebt? Vielleicht kommt es ja noch dazu, dass Ärzte - zumindest hier - in Zukunft doch eher Parteien bevorzugen, die wirklich für eine ökologisch vernünftige und sozial solidarische Gesellschaft eintreten. Im Sinne der ärztlichen Berufsethik wäre das glaubwürdig und das muss Politiker wie OB Menzel, die wieder mal aufs falsche Pferd setzen, beunruhigen.

Michael
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Sonntag, 2. März 2014, 16:02

Eine Zukunft für unsere Vergangenheit? Verein zum Erhalt der Südzentrale in Wilhelmshaven

Es gibt ein Kraftwerk in Wilhelmshaven, das ist das Sauberste und Grünste auf der ganzen Welt. Es ist das ehemalige Kraftwerk der Kaiserlichen Werft in Wilhelmshaven, die "Südzentrale", die 85 Jahre Energie und Wärme produzierte, vor allen Dingen, um damit die Marinewerft zum Kriegsschiffbau zu befähigen. So war dieses Kraftwerk auch für die deutsche Marinerüstung für den Ersten und Zweiten Weltkrieg unverzichtbar. Doch auch in Friedenszeiten wurde die künstliche Werft-, Marine-, Hafen- und Industriestadt Wilhelmshaven unter anderem von der Südzentrale energetisch versorgt. Nichtmals der Bombenhagel der Alliierten, dem fast die ganze Stadt zum Opfer fiel, zerstörte das heute verfallende Industriedenkmal, das seinerzeit zur modernsten Industriearchitektur der Welt gehörte und das größte Kraftwerk Europas war. 1908 bis 1909 erbaut, verrichtete es seinen eigentlichen Zweck 85 Jahre lang bis 1993. 1987 war es zum Kulturdenkmal erklärt worden, seit 1998 steht das Gebäude allerdings leer, seiner Maschinen beraubt. Der Bund verkaufe es an Privatinvestoren, die das einzigartige Gebäudeensemble seitdem verfallen lassen und spekulieren. Ein völlig eingewachsenes Grundstück wurde vor einigen Tagen als Abrissvorbereitung planiert. Doch in dem Gemäuer wurzeln schon seit langem Sträucher und Bäume. Die Natur hatte sich den Platz schon fast zurück erobert. Doch die Stahl-Niet-Konstruktion auf tiefen Fundamenten und die Ziegelfüllungen widerstehen noch, trotz zerlöchertem Dach und eingeworfenen Scheiben. Die riesigen Fenster geben der hohen Halle das Aussehen einer Industrie-Kathedrale. Von der Technik ist drinnen allerdings nichts zu sehen. Es ist das sauberste, grünste Kraftwerk, inzwischen ein ruhiger Ort des Zerfalls, ein Zeitzeuge, der am Ende den Spekulanten in einer eh schon dahin dämmernden Stadt zum Opfer fallen könnte, in der Unkenrufe dank einer leicht jammerig eingestellten Lokalzeitung zum Tageston gehören.

Mit dem etwas zwiespältigen und meiner Meinung nach auch unglücklichen Motto: "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" engagiert sich seit dem 22.06.2011 ein Verein für den Erhalt der Südzentrale, der "Verein zum Erhalt der Südzentrale e.V.". Hier finden sich Bürger der Stadt, ehemalige Bürger, Architekten, Denkmalschützer, Handwerker, Werbe- und Filmleute usw. zu einem kuriosen Projekt zusammen, ein riesiges altes Gebäude, das zum verbotenen und gefährlichen, weil einsturzgefährdeten Abenteuerspielplatz geworden ist, in letzter Minute zu retten. Immerhin gelang es, so viel Interesse in Wilhelmshavens Öffentlichkeit zu erzeugen, dass sich die immer ein wenig sonderbare lokale und regionale Presse und der Rat der Stadt dafür interessierten und der Oberbürgermeister mit der Eigentümergemeinschaft, die vollendete Tatsachen schaffen wollte, einen Aufschub von zwei Monaten für eine Erhaltungs- und Nutzungsplanung erreichte. Natürlich wollen die Eigentümer Kohle und zwar so richtig und vor allem viel mehr, als sie jemals für den Erwerb und den "Nichterhalt" gezahlt haben. Dieses Geld wird die Stadt nicht aufbringen können und für eine bauliche Rettung und für ein Nutzungskonzept, das ja auch wirtschaftlich sein muss, reichen die vor Ort zu erwirtschaftenden Mittel auf absehbare Zeit ebenfalls bestimmt nicht aus. Aber man darf ja noch hoffen und träumen. Immerhin hat der Verein ein kleines örtliches Unternehmen, das Werbefilme herstellt, beauftragt, einen Film über die Südzentrale zu drehen, der seit seiner ersten Vorführung am 02.02.2014 viel Resonanz gefunden hat und heute wiederholt wurde. Meine Tochter hatte während ihres Praktikums noch die Entstehung einiger Szenen miterlebt.

Es ist schon sehr rührend, die verschiedenen "normalen" Bürger um diese Aktivitäten herum zu beobachten, auch ihre etwas rührigeren und unter anderem auch dadurch schon "halbprominenten" Mitbürger, die sich für "ihre" Stadt und "ihr" Denkmal einsetzen und sich selbst ein kleines Denkmal schaffen. Man trifft auf viele alte Bekannte, die sich in den verschiedensten Disziplinen üben, Eintrittskarten und Plakate verkaufen, für den Verein werben und über das Denkmal dozieren. Das Kino war bis auf die letzten Stühle besetzt. Nicht in einem Saal, nein, in drei großen Kinosälen und das bei der zweiten Vorführung! Die Stadt, die noch die Marine beherbergt, aber viele große Industrieunternehmen eingebüßt hat, die nach den verlorenen Kriegen die Werftindustrie der kaiserlichen und Kriegsmarine ersetzen mussten und die jetzt einen nicht sehr genutzten Tiefwasserhafen für Öl (die Raffinerie produziert nicht mehr) und Container hat, dümpelt immer mehr als Rentner-Refugium dahin. Die Alten leben noch gerne an frischer Seeluft, aber die Jungen, die eine Chance haben, wandern gerne in weniger strukturschwache Gebiete im Landesinneren ab. Die von Sturmfluten bedrohte Küste ist in den Zeiten des Klimawandels auch kein sicherer Ort in den nächsten Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Die ganz Jungen, die Aussiedler und Zuwanderer aus Asylsuchenden und Spätumsiedlern, die nur wenig Chancen haben, bilden das neue Prekariat. Die Stadt, einst Hochburg nicht nur der Marine, sondern auch der sozialdemokratisch organisierten Werftarbeiterschaft und später dann der Nazis, scheint eine sehr ungewisse Zukunft zu haben und viele, die hier wohnen, selbst seit Jahrzehnten, haben kaum einen Blick für die Schönheit dieser Landschaft an Wattenmeer und Nordsee und für alte Bausubstanz. Stattdessen erfahren wir Jahr für Jahr aus der Kriminalstatistik, dass Wilhelmshaven nach Hannover die Stadt mit der höchsten Deliktrate in Niedersachsen ist. Wenigstens ist Wilhelmshaven hier Zweiter. Nur Zweiter!

Und doch scheinen solche Projekte wie die Südzentrale und deren möglicher Erhalt als emotionale Kristallisationspunkte für republikanische Bürgerbewegungen im Zeitalter nach den inzwischen meist befriedetet oder parlamentarisch vertretenen und etablierten Bürgerinitiativen zumindest vorübergehend tauglich zu sein. Sie stiften zeitweise ein Wirgefühl und verbinden Geschichte mit Zukunft, was ohne emotionale Aufreger in menschlichen Gemeinschaften eben so schnell nicht möglich ist. Früher missbrauchte man dafür Kriege - auch das lehrt uns die Geschichte, sogar die der republikanischen Keimzellen Athen und Rom. Allerdings halte ich nichts davon, der Vergangenheit eine Zukunft zu erschaffen, weil das absurd ist. Es können aber durchaus Bauten und Institutionen im Wandel der Zeit umgebaut und umgenutzt werden, um auch in der Gegenwart Bedeutung für die Menschen zu haben, die mit ihnen, in ihnen und von ihnen leben. Tatsächlich gibt es in allen größeren Städten viele Beispiele, wie größere historische Gebäude aus fernerer oder jüngerer Vergangenheit mit neuen Nutzungskonzepten in Gebrauch genommen und lebendig gehalten werden können und vor allem zu Orten des Wohlbefindens, der kulturellen und persönlichen Begegnung und gegebenenfalls auch der kulturellen und politischen Auseinandersetzung werden können. Sie bilden damit eine Attraktion für nah und fern, kleine oder größere Foren, wie sie auch die antike Polis hatte, z.B. die von Athen, in der sich die Demokratie entwickelte. Der Marktplatz als öffentlicher Ort, an dem alles verhandelt wurde, nicht nur Waren und Geld, auch Meinungen, Überzeugungen, Ideen, kulturelle Werte, Recht und Religion. In diesem Sinne mag man den jungen und alten Wilhelmshavener Bürgern, die sich um den Erhalt ihrer Südzentrale bemühen wollen, Erfolg wünschen, nämlich dabei, lebendig zu sein und ihre Gegenwart zu gestalten, mit Respekt für das Gewordene, Gespür für die Gegenwart und Wissen um die Veränderlichkeit.

Auch die Geschichte der Stadt, die aus Friesischen und Oldenburgischen Gemeinden zu einer Preußischen Industrie- und Militärstadt um die kaiserliche Marine wuchs, verdient durchaus eine nachdenkliche Würdigung, denn immer noch ist sie das Organisationszentrum einer bedeutenden, von jeher über die Meere nach außen strebenden Teilstreitkraft der Bundeswehr, die ihre Frauen und Männer an alle möglichen Krisenherde schickt, um die Interessen der Deutschen, Europäer und Industrienationen zu wahren. Vielleicht werden die unterschiedlichen Erfahrungen bei diesen Menschen, den Soldaten, auch dazu beitragen, wie schon 1918-1919, dass die Ideen weltweiter Solidarität mit gerechtem Handel und ökologisch vertretbarer Entwicklung der menschlichen Gesellschaft in der ganzen Welt auch in den Köpfen der Bundesbürger eine Heimat finden. Weltweites Engagement sollte von jetzt an und auch in der Zukunft weniger entzweien, als verbinden. Statt Kriegsbereitschaft gegen jeden Gegner von außen benötigen wir Hilfsbereitschaft zur Bewältigung internationaler, menschengemachter Probleme. Ich gehe allerdings davon aus, dass die menschliche Seele vielfältige Erfahrungen über die Jahrhunderte sucht, um zu reifen und zwar in den unterschiedlichsten, zum Teil auch gegensätzlichen Gegebenheiten. Nur so ist es für mich zu erklären, dass ein großer Teil der "tonangebenden" Menschheit im Zwanzigsten Jahrhundert die kollektive Erfahrung zweier Weltkriege provozierte und möglicherweise geradezu suchte. Nun ist es Zeit für neue Erfahrungen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, auch alte schon lange existierende Formen der Zusammenarbeit am Gemeinwohl zu üben und das selbst in der kleinsten Zelle.
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