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Dienstag, 17. Oktober 2006, 12:22

"Wissenschaftliche" ADHS-Stellungnahme des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu B

"Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?

Am 24.10.2006 soll ein außerordentlicher Ärztetag stattfinden. Für mich ist dies heute der Anlaß, die Handlungsweisen der hochdotierten und -dekorierten Kollegen der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anläßlich von deren Stellungnahme zum Thema ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom) zum Anfang diesen Jahres noch einmal anhand eines Schriftwechsels der kritischen Diskussion zu präsentieren.

Das bundesärztliche Establishment ließ in seiner "wissenschaftlichen Stellungnahme" meines Erachtens die notwendige kritische Distanz zu "Big-Pharma" vermissen und bringt die bundesdeutsche Ärzteschaft wieder einmal in den Geruch, willfährige oder doch naive Pharmalobbyisten zu sein, das jedenfalls muß man als unbefangener Leser schon der so genannten "Kurzform" der "Stellungnahme zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)" befürchten, die im "Deutschen Ärzteblatt für Psychologen" Heft 1 Januar 2006 veröffentlicht wurde und deren Langversion 87 schwer lesbare Seiten umfaßt. Daneben muß die "Wissenschaftlichkeit" dieses Versuches, "ADHS" als diagnostische Entität im Sinne einer schon faßbaren psychiatrischen Erkrankung mit einer Indikation für die Psychopharmakomedikation zu definieren in Zweifel gezogen werden.

Als ich am 19.1.2006 eine umfangreiche Stellungnahme als Leserbrief verfaßte, ergab sich außer einem kurzen Schriftwechsel, mit dem man mich ohne eine inhaltliche Argumentation abzukanzeln trachtete, keine weitere Reaktion. Die Publizisten und Gelehrten des Medizin-Establishments verweigern den Diskurs und werben weiter für den einfachen Weg: Symptomreduktion durch Pharmakotherapie, gegebenenfalls ergänzt durch Umerziehung. Sie gehen mit dem Trend, Verhaltensabweichungen recht pauschal zu pathologisieren und über eine Psychiatrisierung nach den Richtlinien der so genanngten "biologischen Psychiatrie" die Pharmakotherapie zu etablieren, frei nach der Vorstellung, dass der Hirnstoffwechsel und seine Transmitter Bewußtsein und Verhalten kreieren und Abweichungen von der Norm Krankheitswert haben, die einen Eingriff in diesen Hirnstoffwechsel rechtfertigen können.

Es ist klar, dass Stimmen aus vielen Betroffenenverbänden eine solche einfache Lösung aufgrund ihrer erzieherischen Überforderung und Hilflosigkeit begrüßen. Der Griff ins Transmittersystem des Gehirns - böse, wer darin Gehirnwäsche erblicken sollte - erscheint leider nichtmals mehr als das letzte Mittel, um unruhige Kinder, die ihre Aufmerksamkeit nicht vornehmlich auf die sozial erwünschten Ziele der Erwachsenen richten, zu psychiatrisieren und medizinieren. Es gibt scheinbar immer mehr Kollegen, die die Stimulanzienverordnung als das Mittel der ersten Wahl betrachten und solchen Behandlern und Eltern oder Lehrern, die das anders sehen, Fehlbehandlung und unterlassene Hilfeleistung vorwerfen.

Es soll nicht geleugnet werden, dass subjektiv empfundenes Leid betroffener Kinder und ihrer Eltern, diese, Lehrer und Helfer berühren und dazu veranlassen können, zu handeln. Aber sollte vor dem Handeln nicht ein umfassenderes, differenziertes Nachdenken erfolgen? Und dieses kommt auch in der Langfassung der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung viel zu kurz, wie schon die Wiedergabe der wenigen Reaktionen hier ausweist, die ich im Folgenden (wegen des großen Textumfangs in getrennten Beiträgen untereinander) dokumentieren werde.

Die Originale der Stellungnahme kann sich der interessierte Leser von der Homepage der Bundesärztekammer als PDF-Dateien anschauen und durchlesen (die Quellenangabe zur Zeitschriftveröffentlichung ist oben wiedergegeben), wenn er den nachstehenden Links folgt: Ganz allgemein: http://www.bundesaerztekammer.de/30/Rich…n/Empfidx/ADHS/
Kurzversion als pdf-Datei: http://www.bundesaerztekammer.de/30/Rich…HS/ADHSkurz.pdf
Langversion als pdf_Datei: http://www.bundesaerztekammer.de/30/Rich…ng/ADHSLang.pdf

Michael
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Dienstag, 17. Oktober 2006, 13:23

RE: "Wissenschaftliche" ADHS-Stellungnahme des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung

"Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?

Teil 1: Leserbrief an den Herausgeber und die Redaktion des Deutschen Ärzteblatt für Psychologen, die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung


Geschrieben am 19.1.2006

"Betreff: Dt. Ärzteblatt f. Psychologen Heft 1 Januar 2006: "Stellungnahme zur ADHS", S.39 - 45


Sehr geehrte Herren Professoren Hoppe und Sriba, sehr geehrte Damen und Herren,

die "Stellungnahme zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätstörung (ADHS)" wird in ihrer Langfassung von 87 Seiten sicher nur von einer kleinen Minderheit beachtet werden und liest sich in ihrer Kurzfassung wie eine relativ unkritische Empfehlung zur medikamentösen Behandlung als ein Mittel der ersten Wahl. Ohne genaueres Eingehen auf die Besonderheiten der empfohlenen Arzneimittelspezialitäten und ohne die früher in den drei Fachverbänden für Kinder- und Jugendpsychiatrie noch (1999) Konsensus gewesene deutliche Hinweisung auf eine Dosisobergrenze von 1 mg/kg/ KG Methylphenidat-HCl pro Tag und 60 mg absolut im Kindes- und Jugendalter besteht zudem zusammen mit dem Hinweis nach "individueller Bestimmung" der Dosis keine Warnung mehr vor der in meinem Berufsalltag nicht seltenen toxischen Überdosierung sogar durch die kinder- und jugendpsychiatrischen Fachkollegen! Ein in der Pädiatrie völlig üblicher Dosierungsbezug zum Körpergewicht, der auch nur eine Annäherung und obere Begrenzung sein kann, wird lediglich noch zu der neuen Substanz Atomoxetin gegeben, hier ohne einen Hinweis auf die bei den SSRI-Antidepressiva unlängst beobachteten verstärkten dysphorischen Durchgangssyndromen mit erhöhter Inszidenz für Suizidgedanken und -impulsen im Jugendalter! Unverständlich ist mir auch, dass zu weiteren Nebenwirkungen im psychischen Empfindungs- und Erlebnisbereich keine Erwähnung erfolgt, auch wenn die schwerwiegenderen Störungen seltener beobachtet werden. Aufgegeben wurde offenbar auch der Konsens über ein Mindestalter für die Stimulanzienbehandlung von über sechs Jahren (Schulalter), da gesicherte Erkenntnisse über eine genügende Wirksamkeit und Unschädlichkeit für die Gehirnentwicklung in der Altersgruppe der Vorschulkinder bislang nicht existieren.

Auf der anderen Seite werden die nichtmedikamentösen Beeinflussungsversuche sehr verkürzt als individuelle Beratungs- und verhaltenstherapeutische Maßnahmen angesprochen, die im Wesentlichen auf die Veränderung des Individuums mit seinem "Störverhalten" bzw. seiner "Störung" abzielen. Die Bedeutung der Familie wird allenfalls als Adressatin von "Psychoedukation" und Beratung erwähnt, völlig außer Acht gelassen werden die systemischen Wirkungsgefüge in den Beziehungen innerhalb der Familie und zwischen Individuum, Familie (mehrgenerationell einschließlich Geschwistern, Stiefeltern etc.), sozialem Umfeld (Kindergarten, Schule, Verein, Jugendgruppe) und Helferumfeld (Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen, Ergotherapeuten, Motopäden, sozialpäd. Familienhelfer etc.). Entsprechend kann man sich den Druck auf Individuum und Familie vorstellen und entsprechend eingeschränkt die nachhaltige Wirkung für eine Verbesserung der Beziehungsabläufe im Gesamtsystem. So ist es zu erklären, dass Lehrer Schüler und Eltern unter Druck setzen, und diese wiederum ihren Haus- oder Kinderarzt bedrängen, symptomatisch wirksame Medikamente zu verschreiben mit dem in der Praxis sehr häufig zu beobachtenden Ergebnis, dass bei individueller und partieller Symptomreduktion jegliche Motivation für eine integrierte psychosoziale und psychosomatische Sicht- und Behandlungsweise mit langfristigen Zielen für die Betroffenen und ihr Umfeld erlahmt. So verwundert es nicht, dass Ihre Stellungnahme von interessierter Seite wie eine willkommene Pharmawerbung gelesen werden kann, die eine unter Umständen lebenslange Versorgung zumal mit Stimulanzien vom Kindergarten bis ins reife Erwachsenenalter nahelegt.

Diesen vereinseitigten Behandlungsideen steht eine wissenschaftlich recht dürftige und uneindeutige Faktenlage gegenüber, die auch mit noch so vielen Worten nicht beschönigt werden kann. Es besteht ein Sammelsurium von Hypothesen, die sich zum Teil ergänzen müssen, zum Teil widersprechen. Aufgrund der guten und immer besseren Verkäuflichkeit von Methylphenidat hat andererseits die Pharmaindustrie bis heute keinen eigenen Anreiz, Langzeitrisiken und Wirksamkeiten einer kindlichen Psychopharmakabehandlung in großen Studien abzuklären, sondern investiert ihr Geld in groteske Werbekampagnen (wie z.B. Fa. Lilly) für ein noch mehr in den Hirnstoffwechsel eingreifendes Psychopharmakon (hier Atomoxetin), für das einerseits über die Angabe der Verschreibungszahlen (!) in den USA der Anschein von unschlagbarer Wirksamkeit erweckt werden soll, andererseits durch den Einkauf hochkarätig betitelter Dozenten als Vortragsreisende der Fachwelt der Eindruck wissenschaftlicher Ausgereiftheit vermittelt werden soll. Tatsache ist aber, dass viele Risiken in dieser Stellungnahme verschwiegen werden, einige nicht bekannt und langfristig nicht untersucht worden sind.

Die Hypothesenbildung und der in Wirklichkeit noch dürftige wissenschaftliche Grund für die ätiologische und diagnostische Abgrenzung der am besten nur phänomenologisch zu beschreibenden Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung bedingt, dass von einer einheitlichen Krankheitsentität nicht gesprochen werden kann und es falsch ist, das Symptomenkonglomerat in seinen unterschiedlichen Ausprägungsformen als eine abgrenzbare Diagnose zu bezeichnen, wo allenfalls eine zusammenfassende syndromale Erscheinung festgestellt werden kann. So verwundert es auch nicht, dass je nach Berücksichtigung diagnostischer Kriterien die geschätzten Prävalenzen in der jeweiligen Bevölkerungsgruppe um mehr als den Faktor drei (z.B. 2-7%!) schwanken. Hier liegt leider nahe, dass überspitzt formuliert Diagnosen und Indikationen erfunden werden, um vorhandenen Medikamenten Absatzmöglichkeiten zu verschaffen und Verhalten von psychiatrisierten Zielpersonen im Kindes- und Jugendalter medikamentös anzupassen.

Dass dieses Verhalten anpassungsbedürftig ist, folgt direkt aus den Beurteilungsangaben von Lehrern, Erziehern und Eltern, die von Fachpublikationen und der Boulevard-Presse aufgefordert werden, mit den auch in Ihrer Stellungnahme erwähnten negativ formulierten Symptomlisten ein "Problemkind" und sein Verhalten zu "scalen". Inzwischen weiß jeder Wissenschaftler, dass der Untersucher das Untersuchungsergebnis beenflußt, was für die Humanwissenschaften als besondere Gefahr angesehen werden muß. Wir finden, wonach wir suchen. Dem entspricht auch die in Ihrer Darstellung vorzufindene a-priori-Annahme, auf die dann eine "ex-juvanitbus-Diagnose" erfolgt. Denn nichts anderes ist die Diagnose eines ADHS aufgrund von Scalierungen negativ empfundenen Verhaltens durch gestreßte Betroffene mit der Verschreibung von Methylphenidat, die die Diagnose verifiziert, wenn's hilft, aber wenn es das nicht tut, zum Ausprobieren all der anderen Medikamente führt oder dann doch mal zu der Erkenntnis, dass die sichere Diagnose als Voraussetzung der Indikationsstellung für Stimulanzien eben keine sichere Diagnose war.

Ein besonderes Merkmal eines systemischen Therapieansatzes ist die Berücksichtigung der Ressourcen und Möglichkeiten jedes Systems und die sind, wenn es gelingt, das Bewußtsein dafür im gesamten System - ja, auch wir Therapeuten können noch täglich etwas lernen - anzuregen, größer als Symptomkorrekturen durch von außen erfolgte Medikamentengaben. Auch systemisch arbeitende Therapeuten halten Medikamente nicht in jedem Fall für verzichtbar, aber Ihre Stellungnahme zäumt das Pferd von hinten auf und bietet im Wesentlichen nur eine langatmige Aufstellung unzureichender Daten und bekannter Hypothesen, die letztlich darin gipfeln, dass Transmitter Bewußtsein generieren. Und was wäre, wenn es umgekehrt wäre? Die Wissenschaft hat es bisher nicht entschieden und in sofern wäre es besser, die verzeichneten Wissenschaftler versuchten sich noch etwas mehr in philosophischen Überlegungen, als in pharmakologischen und therapeutischen.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Schlicksbier-Hepp
Arzt für Kinderheilkunde
Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Systemischer Familientherapeut"
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Dienstag, 17. Oktober 2006, 13:30

RE: "Wissenschaftliche" ADHS-Stellungnahme des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung

"Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?

Teil 2: Antwortschreiben von Chefredakteur Heinz Stüwe auf den Leserbrief an den Herausgeber und die Redaktion des Deutschen Ärzteblatt für Psychologen, die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung


Geschrieben am 3.2.2006 von einer Frau Astrid Zander für Herrn Heinz Stüwe.

"Sehr geehrter Herr Schlicksbier-Hepp,

vielen Dank für Ihren Brief mit der sehr ausführlichen Stellungnahme zu der Bekanntgabe des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer zu ADHS. Leider kommt Ihr Kommentar wegen seiner Länge für die Leserbriefseiten nicht in Betracht. Zudem darf ich Sie darauf hinweisen, dass in Heft 1-2/2006 schon kritische Stimmen zu der Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats veröffentlicht wurden. Da Sie auch die Bundesärztekammer als Adressat angeben, leiten wir Ihren Brief weiter.

Mit freundlichen Grüßen

Heinz Stüwe

Chefredakteur"
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Dienstag, 17. Oktober 2006, 13:41

RE: "Wissenschaftliche" ADHS-Stellungnahme des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung

"Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?

Teil 3: Antwortschreiben an den Chefredakteur Heinz Stüwe bezogen auf seine Reaktion auf den Leserbrief an den Herausgeber und die Redaktion des Deutschen Ärzteblatt für Psychologen, die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung


Geschrieben am 3.2.2006

"Sehr geehrte Frau Zander, sehr geehrter Herr Stüwe,

kritische Stimmen und kritische Stimmen - das macht da manchmal schon einen Unterschied. Ehrlich gesagt hätte ich Sie schon sehr bewundert, wenn Sie den Mut gehabt hätten, meinen Brief abzudrucken und wenn man die Länge in Beziehung zum Artikel oder gar der gelängten Internetform über 87 Seiten setzt, zweifele ich an der Stichhaltigkeit Ihres Argumentes.

Ich habe den Eindruck, dass eine durchsichtige "pro-Pharma-Expertise" mit dem Gewand allgemeiner ärztlicher Unterstützung durch die lange Liste von Experten und höchsten Ärztefunktionären breiten publizistischen Raum erhält und ärztliche Meinung und Erfahrung von Leuten, wie mir, die das in den Therapien täglich sehen, was die Medikalisierung und ausschließliche Psychopharmakabehandlung anrichtet, eben keine Presse bekommen.

Die einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, ist dann am Ende, sich z.B. auf den Lilly-gesponserten Bestechungsveranstaltungen für "Strattera" sehen zu lassen und mal ein Statement am Mikrophon abzugeben. Aber nicht alle Ärzte lassen sich gerne von Lobbyisten einladen.

Ich bin gerne bereit, meinen Beitrag die Form eines Berichtes für Ihre Zeitung zu geben, damit Sie keine Sorge haben müssen, dass Ihnen andere Leserbriefschreiber auf's Dach steigen, weil Sie mal eine längere Stellungnahme abdrucken.

Mit freundlichen Grüßen

M. Schlicksbier-Hepp"

Auf die Einladung, einen Artikel für die Zeitung zu verfassen oder auch auf irgend eine andere Reaktion warte ich bis heute.
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Dienstag, 17. Oktober 2006, 21:37

RE: "Wissenschaftliche" ADHS-Stellungnahme des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung

"Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?

Teil 4: Schreiben von Prof. Dr. Dr. H. Remschmidt auf den Leserbrief an den Herausgeber und die Redaktion des Deutschen Ärzteblatt für Psychologen, die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung


Geschrieben am 22.2.2006

"Sehr geehrter Herr Kollege Schlicksbier-Hepp,

Ihre Zuschrift vom 9.2.2006 wurde mir von der Bundesärztekammer zugesandt und ich möchte Ihnen wie folgt antworten:

Die Stellungnahme zur ADHS wurde von einem interdisziplinär zusammengesetzten Arbeitskreis erarbeitet, sie wurde sowohl vom wissenschaftlichen Beirat als auch vom Vorstand der Bundesärztekammer einstimmig beschlossen und hat sowohl in Fachkreisen als auch bei Eltern und Angehörigen hyperaktiver Kinder ein außerordentlich positives Echo gefunden. Der Arbeitskreis hat sich bemüht, die gesamte empirische Literatur zur Thematik zu sichten, zu bewerten und in die Stellungnahme einfließen zu lassen. Er hat im Übrigen, wie Sie wissen, neben der Kurzfassung auch eine Langfassung erarbeitet und einen Frage-Antwort-Katalog, der auf die häufigsten Fragen eingeht, die in der Praxis gestellt werden. Diese Papiere wurden im Internet veröffentlicht.

Der Arbeitskreis hat sich im übrigen auf das gestützt, was durch empirische Untersuchungen erwiesen ist. Dies ist z.B. auch der Grund, weshalb die von Ihnen als fehlend kritisierten Dosierungsgrenzwerte nicht im Papier aufgetaucht sind: Es gibt hier schlechterdings hierzu keine handfesten Untersuchungen, die einem kritischen Maßstab standhalten. Wie Sie sicher wissen haben Konsensus Statements oder Erfahrungswerte nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten einen geringen Evidenzwert. Wir sind der Meinung, dass auch die nichtmedikamentösen Behandlungsmöglichkeiten im Prinzip einen angemessenen Stellenwert im Papier gefunden haben. Soweit zum empirischen Bezug. Was Sie im letzten Teil Ihrer Zuschrift anführen bewegt sich durchweg auf dem Niveau von Meinungen und Ansichten, um nicht zu sagen Vorurteilen.

Ich hätte mich gerne mit Ihnen in einen wissenschaftlichen Dialog begeben und wäre erfreut gewesen, wenn Sie Ihre Kritikpunkte aus der wissenschaftlichen Literatur belegt hätten. So würde mich z.B. interessieren mit welchen Ergebnissen die systemische Therapie bei ADHS im Vergleich zu anderen erwiesenen Behandlungsmethoden abschneidet. Aber hierzu haben Sie nichts geschrieben, sondern lediglich Behauptungen aufgestellt und schließlich: Vor mehr philosophischen Überlegungen im Hinblick auf die Behandlung derartiger Störungen möchte ich als jemand, der ein komplettes Philosophiestudium absolviert hat, nur warnen.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Dr. H. Remschmidt

/_P.S.:_/
Recht geben kann ich Ihnen natürlich dahingehend, dass manche Pharmafirmen in ihren Werbekampagnen die Grenzen überschreiten, die durch anerkannte ethische Prinzipien gesetzt sind.

Inge Gundel
Sekretariat Prof. Dr. Dr. H. Remschmidt
Klinik für Kindrr- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
der Philipps-Universität Marburg
Hans-Sachs-Str. 6 35033 Marburg
Tel. 06421/2866257
Fax 06421/2868975"
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Dienstag, 17. Oktober 2006, 22:16

RE: "Wissenschaftliche" ADHS-Stellungnahme des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung

"Wissenschaftliche" ADHS-Erklärung des Medizinestablishments: Fehlende Abgrenzung zu Big-Pharma?

Teil 5: Antwort auf das Schreiben von Prof. Dr. Dr. H. Remschmidt auf den Leserbrief an den Herausgeber und die Redaktion des Deutschen Ärzteblatt für Psychologen, die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung


Geschrieben am 24.2.2006

"Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Dr. Remschmidt,

ich bedanke mich immerhin sehr für die Mühe Ihrer Antwort. Natürlich ist es mit einer ersten großen Blüte seit der mittelalterlichen Scholastik Usus, die "wahrheit" einer wissenschaftlichen Behauptung durch das Zitieren von renomierten Autoren, hier zu dem in Gremien und Vorständen, abzusichern. Leider wissen wir inzwischen auch, wie viele, insbesondere pharmakologische Studien zustande kommen und ihr Renomé erhalten. Evidenzbasierte Metastudien bringen hier manchmal etwas Licht ins Dunkel. So wird dies auch mit den "anderen erwiesenen Behandlungsmethoden", vermutlich meinen Sie die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie, sein. Ich wäre gespannt auf das effektive psychoanalytische Behandlungskonzept des sog. ADHS. Wenn Sie Anerkennungsbemühungen der systemischen Familientherapie tatsächlich schon interessiert hat, kennen Sie vermutlich die verschiedenen Arbeiten, die die einschlägigen Verbände auch den maßgeblichen Ärztekammerfunktionären zur Verfügung stellten. Meines Erachtens ist die Ablehnung, die die systemische Therapie neben den verhaltentherapeutischen und analytischen Verfahren anzuerkennen, politisch motiviert gewesen. Oder wie erklären Sie sich, dass sowohl z.B. die Schweiz als auch die Vereinigten Staaten andere Wege gehen?

Gerade weilich an Ihrer Sprache auch in diesem Brief erkenne, dass wir einen gänzlich anderen Diskurs führen und Sie nicht (an-) erkennen, dass ich Ihnen mit den eigenen Verlautbarungen aus der Stellungnahme den Annahme- und Spekulationscharakter der sog. "wissenschaftlichen" ADHS-Hypothese nachgewiesen habe, täte etwas mehr Philosophie in der Medizin gut. Insofern beglückwünsche ich Sie zu dem Vorzug einer entsprechenden theoretischen Ausbildung. Ich möchte Ihnen dennoch zu bedenken geben, dass Sie und Ihre Kollegen mit der Stellungnahme aus der Sicht eines Praktikers, der Kinderarzt und Kinder- und Jugendpsychiater sowie Familientherapeut ist, von vielen meiner Kolleginnen und Kollegen sowie von Eltern entsprechender Patienten mißverstanden werden, falls Sie tatsächlich nicht leichtfertig eine weitere Expertise zur noch unkritischeren Anwendung von Medikamenten statt Verhaltenspädagogik und Psychotherapie verfassen wollten.

Und zu der Art, wie z.B. Firma Lilly ihr STRATTERA anpreist und erst nach und nach die ersten Warnungen (vermehrte Suizidalitätsäußerungen) nachreicht, habe ich noch keinen "berühmten Namen" öffentlich in den ärztlichen Standartpublikationen für Praktiker schreiben sehen. Das gibt mir vor dem Hintergrund, dass Ärzte und Wissenschaftler durch Verfehlungen vielleicht nur einer Minderheit im Spiegel der publizierten öffentlichen Meinung immer mehr zu korrupten, verdienstorientierten Halbwissenden stilisiert werden, denen es wichtiger sei, Patienten die richtige Diagnose und das Schlucken des richtigen Medikamentes beizubringen, als ihnen zuzuhören, einen sehr schlechten Beigeschmack. Mag sein, dass Sie diese letzten Bemerkungen als polemisch empfinden. Aber bei den offiziell gepflogenen Vernebelungsaktionen z.B. der Pharmaindustrie sollten Sie bedenken, dass der "Weißkittel" an der Basis schon längst einen Ruf zu verlieren hat, den der Hochschullehrer oft noch unbeeinflußt weiter pflegen kann.

Mit freundlichen Grüßen,

M. Schlicksbier-Hepp"

Und, gab es weitere Zuschriften, Antworten, Komentare? Von den "großen Namen" und Verbandsfunktionären mitnichten, von Kolleginnen und Kollegen, den ich diese Schreiben weiter reichte schon, vorallem zustimmend.
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Montag, 6. November 2006, 17:19

..."Karriere des Koks für Kinder", Artikel zum Thema von Jörg auf dem Hövel

Ich glaube ja nicht an Zufälle und just am 17.10.2006, an dem Tag, an dem ich meinen Briefverkehr mit den Ärzteoberen ausgrub und hier noch einmal im Forum veröffentlichte, schrieb der freie Hamburger Journalist Dr. Jörg Auf dem Hövel seinen ersten Artikel einer Reihe über die medikamentöse ADHS-Therapie mit Amphetaminen und Methylphenidat-HCl (Ritalin und andere...).

Die beiden Links http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-a…3762&mode=print und http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-a…3863&mode=print verdanke ich einem befreundeten Kollegen. Ich vermute, dass der angekündigte dritte Teil im Dezember in der Internetzeitung erscheint. Von der Hövel hat auf seiner Homepage www.joergo.de weitere Artikel z.B. zum Thema Jugend und Drogen.

Die zum aktuellen Thema hier verlinkten Artikel Von der Hövels ("Die Epidemie der Rastlosigkeit und die Karriere des Koks für Kinder", Telepolis, 17.10.2006 und "Stefan und die Geschichte vom Ritalin", Telepolis, 4.11.2006) und die weiteren Querverweise halte ich für lesenswert. Man beachte vorallem die Zahlen zur Produktion und Verschreibung der Psychopillen für den gepflegten Schulerfolg, oder, wie es der Autor salopp ausdrückt: "Koks für Kinder".

So weit hergeholt ist dieser Ausdruck übrigens gar nicht, verfolgt man die Karriere von stimulierend, leistungssteigernd und schmerzunterdrückend wirkenden Drogen bzw. Medikamenten überhaupt. Sie fanden und finden beim Militär Anwendung. Bayerische Infanteristen marschierten besser mit Kokain, GI's in Vietnam waren u.a. oft regelmäßige Heroinnutzer und Piloten bomben besser und länger unter Amphetaminen: gedopt in den Krieg!

LG, Michael
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Mittwoch, 8. November 2006, 11:04

Nebenbei: Hättest Du zufällig Links / Literaturtips zum Thema ADS (wohlgemerkt ohne das H)?

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Mittwoch, 8. November 2006, 13:02

ADS = AD(-H)S = ADHS - H = "Träumer"? ADS + H = ADHS = "Zappelphilipp"?

Zitat

Original von erik
Nebenbei: Hättest Du zufällig Links / Literaturtips zum Thema ADS (wohlgemerkt ohne das H)?

Lieber Erik,

ich weiß nicht genau, worauf Du hinaus willst. Das "H" steht für Hyperaktivität. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome ohne (vorallem hyperaktive) Aktivitätsstörungen, z.B. "ADS", werden zum Teil als eine Unter- oder Nebenform des "ADHS" beschrieben, sind aber als Konstrukt genauso problematisch wie das ADHS-Konstrukt. Salopp sprechen sowohl Ärzte, als auch Pädagogen und Eltern von den so genannten "Träumern", den "Hans guck in die Lufts", also oft abwesenden, in Gedanken versunkenen, eher inaktiven Menschen. Vielleicht solltest Du zu diesen "Träumern" unter dem Begriff "ADS" "googlen". Du wirst Hunderte Eintragungen finden.

LG, Michael
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Donnerstag, 9. November 2006, 01:00

Wie entsteht "Hyperaktivität" z.B. in Zusammenhang mit ADHS?

Eriks Frage nach dem ADS, der Aufmerksamkeitsstörung vom "Träumer-Typ", hat mich mit Gedanken zum Symptom "Hyperaktivität" z.B. im Rahmen des so genannten ADHS beschäftigt. Was ist diese überbordende körperliche Unruhe, Hibbeligkeit, Rastlosigkeit und wie könnte sie hervorgerufen bzw. erklärt werden? Verschiedene Hypothesen kommen mir in den Sinn.

Zum einen findet man häufig, dass im emotionalen Bereich entstehende, psychogene Spannungen eine Energieansammlung darstellen, die nach einer mehr oder weniger raschen Entladung zur Herstellung eines erträglicheren Entspannungszustandes bzw. Gleichgewichtes drängen. Ein häufiger "Kurzschluß" ist bei inadäquater Ausdrucksmöglichkeit auf der emotionalen und verbalen Ebene der Weg in die Bewegungsenergie, also die Skelettmuskulatur mit unwillkürlichen Zuckungen (etwa Tics), tonischen Verkrampfungen (Steifheit), mehr klonischen Zuckungen und Zittern (auch psychogene Anfälle über den "Gehirnumweg" zentraler synchroner nervaler Übererregung) und u. U. auch in die glatte Muskulatur der Hohlorgane mit deren Verkrampfung in Spasmen (Koliken, Asthma) oder vermehrte Peristaltik (Durchfälle).

Das (psychische) Ungemach, welches die oft negativen Umgebungsreaktionen bei so genannten ADHS-Symptomen für den Betroffenen bedeuten, führt häufig zu psychischen Spannungen, die oft schon deshalb keinen "adäquaten" oder bewußten Ausdruck finden, weil den Getadelten aufgrund einer oft anderen Eigenwahrnehmung auch selten von Anfang an bewußt ist, was die anderen an ihrem Verhalten "falsch" oder kritikwürdig finden. Und wenn sie das Was herausgefunden haben, wissen sie noch lange nicht, wie sie das störende Verhalten abstellen sollen, unabhängig davon, ob eine solche Forderung überhaupt berechtigt ist.

Ein anderer Grund für Hyperaktivität kann eine suchende, verunsicherungsbedingte Unruhe eines Menschen sein, der zunehmend ratlos und verwirrt nach Orientierung sucht. Seine Fähigkeit, wie bei einem hoch empfindsamen aber wenig selektiven Scanner alle möglichen Sinneskanäle auf Wahrnehmung zu richten, die eine dann aber schwer zu sortierende Informationsflut einströmen läßt, kann zu dem Phänomen führen, dass der Betreffende den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Es könnte sich ein Eindruck wie ein Nebel oder ein Rauschen ergeben und Orientierung wird erschwert. Der dadurch Irritierte erhöht seine körperliche Aktivität wie ein immer unruhiger und nervöser werdender Verzweifelter, der hektisch nach einem Ausweg sucht. Wenn dann Fokussierungsübungen, Aufmerksamkeitstraining, Meditation oder auch Medikamente zur Beruhigung, zu Übersicht, zu Ordnung führen, geht allmählich auch die Hektik zurück, die den orientierungslos in der Informationsflut Herumrudernden in die Rastlosigkeit trieb.

Depressiv empfindende Menschen, die nicht beim Gefühlskomplex der Melancholie stehen bleiben, sondern einer quälenden Leere zu entkommen suchen, entfalten manchmal eine hektische geistige und auch körperliche Unruhe, um in dieser Aktivität dem Zurückfallen auf sich selbst und die als unerträglich wahrgenommenen Gefühle der Leere, der Sinnlosigkeit und der Ohnmacht zu entkommen, noch bevor sie sich mit der Traurigkeit einlassen könnten. Diese Vorgänge beobachtet man bei der so genannten agitierten Depression, die unruhig, manchmal aufgebracht, gereizt, hektisch imponiert. Klagend, überlastet und in wenig effektiven Anstrengungen gefangen rackern sich diese Menschen ab und scheuen sich, jemals zur Ruhe zu kommen. Sie ertragen keinen Urlaub, keine Untätigkeit, müssen immer was zu tun haben. Viele so genannte ADHS'ler sind eigentlich eher deprimiert und viele, denen primär wirklich ADHS-Symptome zu schaffen machen, werden durch feindselige Reaktionen ihrer Umwelt deprimiert.

Und schließlich: Menschen haben individuell unterschiedliche Techniken und Gewohnheiten, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren, die Konzentration aufrecht zu erhalten und zu lernen. Manche schätzen absolute Ruhe und Ungestörtheit. Andere benötigen eher ein Hintergrundgeräusch, Musik, die Lautkulisse eines Großraumbüros, das Rauschen des Windes usw. Manche können sich besser auf geistige und abstrakte Aufgaben konzentrieren, wenn sie beiläufig wie zur "Stimulation" (propriozeptive Reize suchend) irgendeine körperliche Tätigkeit ausführen, indem sie hibbeln,wippen, schaukeln, ruckeln, die Finger bewegen, auf und ab gehen. Manchmal ist ein Rhythmus dabei wichtig. therapeutisch werden oft Igel- oder Prickbälle angewendet, Körnerkissen, Sitzbälle. Fordert man diese Personen auf, ruhig zu sitzen und sich nicht "unnötig" zu bewegen, benötigen sie oft mehr (zusätzliche) Energie, ihre Bewegungen zu kontrollieren und still zu sein, als für das Lernen und Fokussieren, Tätigkeiten, für die dann zu wenig Energie da ist.

Der Heiler Malcolm Southwood erklärte die Unruhe und Hyperaktivität bei der ADHS-Symptomatik als Folge eines kindlichen Energiemangels, ausgehend vom hohen Energieverbrauch des schnell wachsenden Gehirns für seine Wahrnehmungs- und Denktätigkeit. Der kindliche Organismus sei nicht wie der erwachsene in der Lage, schnell genug Energie bereitzustellen, aufzunehmen und genügend zu speichern. Kinder benötigen daher ständig Nahrungsenergie und emotionale Energie, die sie von den Erwachsenen und Geschwistern beziehen. Sie bevorzugen daher auch Zucker als direkte Hirnnahrung, Eiweiß, z.B. Milchprodukte für den Hirnaufbau und Salze für die elektrische Nervenleitung. Auch motorische, also Bewegungsenergie kann in einem bestimmten Umfang genutzt werden. Zwar verbraucht Muskelbewegung Energie, zum anderen treibt sie aber eine Art Dynamo an. Kämen die sehr energiebedürftigen Kinder, zu denen Southwood besonders die ADHS-Kinder zählt, längere Zeit zur Ruhe, z.B. im Schlaf, würde ein stetig abfallender cerebraler Energielevel (im Gehirn) irgendwann Alarm auslösen, zu Unruhe und schließlich Erwachen führen mit einer Notfallmobilisierung von Reserven über den Dynamoeffekt mittels motorischer Energie gefolgt von Nahrungsaufnahme und Anforderung von elterlicher Aufmerksamkeit. Daher würden ADHS-Kinder oft wenig und unruhig schlafen, meist erschöpft nach einem rastlosen Tag in einen kurzen Narkoseschlaf fallend, aus dem sie sich bald wieder aufrappeln.

Vielleicht haben andere dazu noch weitere Gedanken und Hypothesen? Wir wissen, dass es durch jahrhunderte lange Erfahrungen geprägte Bewegungstechniken gibt, um die "Lebenskraft", z.B. das "Qi" der Chinesen, anzuregen und fließen zu lassen. Es handelt sich um möglichst genau zu befolgende, meißt fließende Bewegungsabläufe, seien sie großräumig wie beim Tai Chi, seien sie kleinräumig wie beim Chi Gong. Ich könnte mir vorstellen, dass der Mensch, der bei sich spontan Energieungleichgewichte durch zu viel oder zu wenig oder ungünstig verteilte Energie verspürt, unwillkürlich versucht ist, hier durch Bewegungen zum Fließen und Ausgleichen, zum Öffnen von Energiekanälen in seinem Körper anzuregen.

LG, Michael
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Samstag, 11. November 2006, 23:36

Weitere Texte zum Thema ADHS aus psychotherapeutischer Sicht in diesem Forum

Wir haben die Problematik "ADHS aus therapeutischer Sicht" bereits Ende letzten Jahres in diesem Forum besprochen. Ihr findet die Texte unter: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=512&sid=

LG, Michael
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Sonntag, 19. November 2006, 13:38

Weitere Texte zum Thema ADHS aus soziologischer Sicht im Internet

Zitat

Original von Michael
Wir haben die Problematik "ADHS aus therapeutischer Sicht" bereits Ende letzten Jahres in diesem Forum besprochen. Ihr findet die Texte unter: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…readid=512&sid=

LG, Michael

Auch im Internet finden sich weitere interessante Texte aus der Sicht von Soziologen oder Therapeuten. Auf einer Tagung über ADHS aus systemischer Sicht wurde ich mit einem Text von Elisabeth von Thadden, "Aufpassen um
jeden Preis"
( http://www.zeit.de/2002/26/Aufpassen_um_jeden_Preis ) bekannt gemacht sowie auf einen Text von Hans G. Schlack: "ADHS: eine soziogene Epidemie?" (http://www.schularzt.de/literatur/ADHS_Beitrag_Schlack.pdf). Beide Texte setzen sich krituisch mit Thema auseinander, insbesondere auch mit der Medikalisierung und Psychiatrisierung.

LG, Michael
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Freitag, 1. Juni 2007, 10:08

"Hyperaktive Kinder im Pillenrausch" - eine kurze Erfolgsgeschichte von Vitamin-R

"Hyperaktive Kinder im Pillenrausch" überschreibt Der Spiegel in seiner Ausgabe 22/2007 einen kurzen Artikel unter der Rubrik "Wissenschaft.Technik Prisma" auf Seite 136 mit folgendem Inhalt (Zitat):

Zitat

Original von "DER SPIEGEL"
Pharmakologie. Hyperaktive Kinder im Pillenrausch. Der Verbrauch des Betäubungsmittels Methylphenidat, das zumeist hyperaktiven Grundschülern verabreicht wird, hat sich abermals dramatisch erhöht. Das geht aus der neuesten, noch unveröffentlichen Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hervor: Wurden 1993 noch 34 Kilogramm verbraucht, waren es im vergangenen Jahr 1221 Kilogramm - eine Steigerung um 3591 Prozent. Methylphenidat ist ein Psychopharmakon und in Produkten wir Ritalin, Medikinet oder Concerta enthalten. Es wird zunehmend Kindern verschrieben, denen Ärzte die umstrittene Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" (ADS und auch ADHS) bescheinigen. Annette Streeck-Fischer, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Tiefenbrunn, warnt: "Etliche Kinder werden sechs bis acht Jahre lang mit Methylphenidat behandelt und erhalten niemals eine psychotherapeutische Begleittherapie." In den vergangenen Jahren sind weitere Methylphenidat-Produkte auf den Markt gekommen. Die Pillenschwemme geht offenbar auf systematisches Marketing unter den Kinderärzten zurück. Der aktuelle "Arzneiverordnungs-Report" warnt "vor der Verordnung überhöhter Dosen sowie laxer Indikationsstellung". Aufklärungsbedürftig seien "häufiger aufgetretene optische Halluzinationen, plötzliche Todesfälle und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse".


Im Spiegel-Artikel ist außerdem eine Grafik abgebildet, die folgende Zahlen für den "Methylphenidat-Erwerb durch Apotheken in Kilogramm darstellt: 1993 34 Kilogramm, 1998 173 Kilogramm, 2002 628 Kilogramm, 2006 1221 Kilogramm oder 1,22 Tonnen, welche überwiegend Schulkinder schlucken mußten! Und dabei handelt es sich bei der Psycho-Stimulanz Methylphenidat unter dem altbekannten Namen des Originalherstellers (derzeit Novartis) Ritalin (Jargon-Name von Pillen-Dealern auf dem Schulhof "Vitamin R") um eine Uraltdroge aus den USA mit ungebrochener Beliebtheit, entwickelt für Leistungssteigerung und als Appetitzügler mit hohem Suchtpotential bei Erwachsenen, die sich in den letzten zehn Jahren den deutschen Markt erobert, aber schon Jahrzehnte hergestellt wird.

Andere, neuere und inzwischen ebenfalls auf dem Markt erfolgreich vertriebene "ADHS-Drogen" wie das Atomoxetin ("Strattera" der Firma Lilly) sind in dieser Aufstellung natürlich gar nicht berücksichtigt und sorgen mit reißerischer Werbung für neue, unüberschaubare Risiken. Auch diese Substanz greift ähnlich bestimmten Neuroleptika und Antidepressiva massiv in den Transmitter-Stoffwechsel ("Botenstoffe") des Gehirns ein und sorgt dort nicht nur für erwünschte Wirkungen (Die Hersteller-Firma vermittelt in ihren Hochglanzbroschüren, Internet-Präsentationen und neuerdings auch DVD's, die den Ärzten als "Multiplikatoren" geschickt werden, den Eindruck, als sei damit der gesamte Tag "sorgenfrei") sondern eben auch unerwünschte "Nebenwirkungen".

Leider kann ich viele Angaben des SPIEGEL-Artikels aus eigener Erfahrung bestätigen: Häufig verschreiben Kinderärzte und sogar Allgemeinmediziner ("Hausärzte") das Medikament, ohne einen Kinder- und Jugendpsychiater hinzu zu ziehen oder eine Psychotherapie, pädagogische Unterstützung und Beratung des familiären und schulischen Systems zu empfehlen bzw. einzuleiten. Wir haben hier schon erhebliche Überdosierungen mit beängstigenden Nebenwirkungen gesehen, die die Eltern dann allerdings in die Beratung "trieben". Eltern und die in so genannten "ADS- oder HKS-Selbsthilfegruppen" Organisierten wissen schon, wo sie was bekommen, kennen oft die Stellen, wo Rezepte schnell und ohne eingehende Nachfragen geschrieben werden oder aber wo eine sorgfältige Abwägung vorgenommen wird.

In unserer Klinik gibt es kein Rezept ohne sorgfältige Abwägung. Medikamente sind bei uns allenfalls "Begleittherapie". Die therapeutische Begleitung des Umfeldes bis in die Schule - natürlich entsprechend den Wünschen der Betroffenen - hat bei uns Vorrang. Wir vermeiden es, das Kind gleich zum Kranken zu stempeln, der jahrelanger medikamentöser Substitution bedarf. Das führte schon dazu, dass ein Kollege, der den Ruf des Ritalin-Doktors pflegt und oft vor Eltern damit werbe, dass er es selbst nehme, unseren Einzugsbereich genervt als "ADS-freie Zone" apostrophierte. Wir hätten eben keine Ahnung von dieser "Krankheit".

Aber auch unter einigen Kinder- und Jugendpsychiatern gibt es hartnäckige Pillenverfechter aus Prinzip ("weil es hilft"...). Die aggressive Werbungsstrategien von Big Pharma, die ich selbst kennen gelernt habe, leisten natürlich Polarisierungen Vorschub. Wir nehmen uns tatsächlich mit zwei Kollegen über eine Stunde Zeit, um mit PharmavertreterInnen über Methylphenidat oder Atomoxetin und andere Substanzen zu reden und müssen leider sagen, außer deren Ausstattung mit Werbematerial ist deren Vorbereitung und Wissen oft peinlich dünn und vordergründig. Diese Zeit nehmen sich erwiesenermaßen niedergelassene Kinderärzte und Allgemeinmediziner in ihrem Praxisbetrieb, in dem Zeit (-Einsparung) eben Geld ist, nicht und sie suchen auch eher als wir die schnell helfende Wunderpille, denn sie empfinden Eltern von so genannten ADS-Kindern und ihre Sprösslinge oft als anstrengend und wollen sie gerne schnell von ihrem Leid kurieren.

Wenn man sich Zeit für die gestressten Eltern nimmt und einmal alle Optionen medikamentöser Hilfen durchgeht, die die Eltern auch gerne ihren Sprösslingen angedeihen ließen, kann man beispielsweise auch einmal die Option durchspielen - und das habe ich tatsächlich gemacht - wie es die öfter rastlose, gestresste, müde, deprimierte Mutter, der arbeitssüchtige, genervte, nervöse, gereizte, erschöpfte Vater finden würde, wenn es ein Medikament gäbe, das ihre eigenen Symptome, die ja auch einer "Erschöpfungsdepression" entsprechen könnten, einfach wegnehmen würde? Während sie ansonsten immer auf Draht sein müssen, weil sie sonst nichts mehr geregelt bekommen, immer unter Anspannung und Starkstrom stehen, um erschöpft abends ins Bett zu fallen, wären sie jetzt unter der Pille schon morgens ruhig und gelassen, würden das Leben ganz gemütlich angehen, sich kaum noch aufregen oder gar in Stress geraten können. Wie in Watte würden sie mit ausgeglichenerer Stimmung ohne große Höhen und Tiefen in den Tag hinein leben.

"Um Gottes Willen", antwortete mir eine solche Mutter, die gleichwohl ihrem Kind in der ersten Klasse Ritalin geben wollte: "Solche Antidepressiva haben doch Nebenwirkungen und ich will gar nicht ruhig gestellt werden. Dann bekäme ich meinen Tag ja gar nicht mehr auf die Reihe und kriege überhaupt nichts mehr geregelt." Tja, Symptome haben eben auch einen Sinn, eine Funktion, und ohne dies zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus möglicherweise sein Leben anders zu organisieren, wenn man es denn dann noch will, wird man durch Pillen nicht gesünder, sondern nur vorrübergehend an einigen Symptomen gehindert (Wirkungen) um ein paar andere dazu zu bekommen (Nebenwirkungen). Auch ADHS-Symptome entwickeln sich häufig aus bestimmten Bedürfnissen einer Familie bzw. ihrer Kinder, die anders nicht erfüllt werden. Kinder, die z.B. unter ständiger extremer Sinnesanspannung jede Gelegenheit zu erhaschen suchen, eine Aufmerksamkeit des Herzens zu finden, einen geborgenen Platz bei einer wichtigen Person, die sie so aber nie bekommen. Und das ist nur eine Möglichkeit, denn es gibt so viele Variationen, wie es Menschen gibt.

1,2 Tonnen Pillen im Jahr scheinen das Problem nicht zu lösen aber die Kapazitäten der Arzneimittelindustrie verlangt nach Absatzmärkten und Konsumenten, die man anwerben muß. Man schafft einen Bedarf, was in unserer den kindlichen Bedürfnissen immer mehr entfremdeten Schul- und Erziehungswelt gar nicht so schwer ist und produziert. Ärzte liefern die Diagnosen für die nachfragenden Klienten und damit steigen auch die so genannten Erkrankungszahlen. Unter anderem auch so kommt es zu dem Paradoxon, dass immer mehr Arzneimitteldosen die Erkrankung nicht zum Verschwinden bringen sondern auch die Zahl der entsprechenden Erkrankungs-Diagnosen in die Höhe schnellen lassen, was einen noch größeren Bedarf signalisiert und noch mehr Verschreibungen motiviert. Erst wenn diese Mode wieder aufhört oder Skandale entsprechend dramatisch durch die Medien gehen, kommen Zweifel an Diagnose, Indikation und Medikation.

Warum nicht gleich vorsichtig sein, statt einem Psycho-Trend hinterher zu rennen und ärztliches Handeln nach den Moden der Medikamentendesignern auszurichten? Es ist natürlich unpopulär, sich den Rufen "Es muß jetzt endlich was geschehen" aus Kindergärten, Schulen, Elternhäusern und Arztpraxen zunächst mit der Bereitschaft zum Zuhören und zum Gespräch ("Ach, immer nur reden...") zu stellen, statt nach einigen Minuten den Rezeptblock zu zücken und die Pathologisierung des "Indexpatienten", des vorgestellten Kindes ohne langes Nachfragen einzuleiten: "Versuchen Sie das mal. Ich glaube, das wird Ihnen helfen. Wenn nicht, kann ich sie immer noch zum Therapeuten überweisen". Na denn.

LG, Michael
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Freitag, 22. Februar 2008, 21:20

"ADHS-Medikament" Methylphenidat-HCl ("Ritalin®" und Nachfolger)

Die Psychostimulanz "Methylphenidat-HCl" gehört (1944 von Leandro Panizzon, einem Angestellten der schweizerischen Firma Ciba, heute Novartis, entwickelt) seit über 50 Jahren zum schulmedizinischen medikamentösen Behandlungsrepertoir der Ärzte, wenn sie vermeinen, ein so genanntes ADHS diagnostiziert zu haben. 1954 wurde die Substanz als Ritalin® auf dem deutschen Markt eingeführt, die höchste Verwendungsrate erlangte das Präparat allerdings auf dem amerikanischen Markt. Aufgrund der erheblichen Suchtrisiken insbesondere im Erwachsenenalter muss diese Substanz hierzulande auf Betäubungsmittelrezepten verordnet werden. Der Klassiker ist das Originalpräparat "Ritalin®" von Novartis Pharma. Von diesem Handelsnamen stammt die Szenebezeichnung im Strassenjargon für das auf Schulhöfen von einigen "Ritalin-Junkies" gehandelte "Vitamin R". Andere Handelsnamen neben Ritalin® sind Equasym®, Medikinet®, Concerta®. Inzwischen gibt es auch im Netz kritische Beiträge über Methylphenidat und zwar durchaus nicht nur von pharmakritischer Seite.

Ritalin® wurde zuerst 1944 synthetisiert, aber zunächst nicht für ADHS-Behandlungen eingesetzt. Dieses "Syndrom" musste quasie erstmal erfunden und in eine ärztliche Diagnose verwandelt werden, nachdem man so ein tolles Medikament hatte. Das Stimulanz Methylphenidat setzt unter anderem gespeicherte psychisch-mentale und körperliche Energien frei bzw. öffnet den Zugang zu Depots, die uns sonst nur unter höchster Erregung im Notfall zur Verfügung stehen. Unter entsprechenden Dosen sind wir "dauererregt" und betreiben Raubbau in unserem Energiesystem. Wir nehmen dadurch Gewicht ab und sind kurzzeitig zu erhöhten Leistungen fähig. Danach sind wir ausgebrannt und benötigen Erholung. Wird diese versäumt und der erwachsene Mißbraucher nimmt die Droge immer wieder, droht eine tiefe Depression, ein chemisches "burnout". Biochemisch greift Methylphenidat in die komplizierte Transmitterorganisation unseres Gehirns vorallem im Dopaminstoffwechsel (geringer bei Noradrenalin, Adrenalin und Serotonin) ein und wirkt an etwa denselben Orten wie Kokain als Psychostimulanz und mit Stimulierung des sympathischen Nervensystems.

Dass man eine solche Substanz über die Jahrzehnte inzwischen zur massenhaften Behandlung von Kindern nutzt, rief natürlich auch heftige Kritik hervor, was angesichts der Nebenwirkungen nicht verwundert. Durch die jahrzehntelange Einführung dieses Präparates, das Manchen immer noch wie eine Wunderdroge vorkommt, hat sich inzwischen durchaus auch neben missbräuchlichen Verwendungen durch Erwachsene ein regelrechtes Drogenproblem bei Kindern und Jugendlichen, insbesondere auch durch Beikonsum anderer Substanzen entwickelt, sodass auch über dieses Thema bereits Publikationen existieren.

In Amerika hat man übrigens eine medizinische Rechtfertigung für den Ritalin®-Gebrauch im Erwachsenenalter gefunden: Das ADHS soll es nämlich auch im Erwachsenenalter geben, nach dem "Motto einmal ADHS, immer ADHS" und die Therapie ist natürlich: Ritalin®. Was für Amerikaner gut ist, ist auch für Deutsche gut und so habe ich auch schon richtige Ritalin®-Familien kennengelernt, wo ein oder beide Elternteile und ein oder mehrere Kinder regelmäßigRitalin® verordnet bekommen. Dies entspricht auch der weit verbreiteten Mentalität in diesen Industriestaaten: "Hast Du was, nimmst Du was": Probleme kann man "weg schlucken". Und wann das mal nicht mehr geht? Inzwischen haben diese Hypothesen des ADHS im Erwachsenenalter akademische Weihen erhalten. Eine Doktorarbeit des Schweizers Jürg Spycher wurde an der Universität Konstanz im psychologischen Fachbereich unter dem Titel "ADHS im Erwachsenenalter, die verborgene Störung" am 13.11.2007 vorgelegt.

Ärzte rechtfertigen die Verordnung von immer mehr Methylphenidat und inzwischen auch wieder in höheren Dosen, nachdem Beschränkungsempfehlungen von einer Ärztekommission gekippt wurden, damit, dass das Phänomen ADHS immer häufiger auftritt und es verweigerte Hilfeleistung wäre, die konzentrationsfördernde Stimulanz nicht unter den betroffenen Schülern, die schlecht lernen, zu verteilen. Nur, so fragt man sich, warum nur steigt die Anzahl der so genannten ADHS'ler immer mehr, selbst unter den Erwachsenen? Ist es nur die Lust der Ärzte, Krankheiten zu diagnostizieren und Medikamente zu verschreiben und damit sich selbst, den Arzneimittelherstellern und den Patienten zu "helfen"? Wenn übrigens auch Methylphenidat sich als medikamentöser "Therapieversager" erweist, wird zur Not auch heute noch auf das u. U. sogar nebenwirkungsreichere DL-Amphetamin zurückgegriffen, das es in Deutschland aber nur als individuell zu rezeptierende Lösung aus Apothekenherstellung gibt und das stärker als Methylphenidat den Transmitter Serotonin beeinflusst.

Oder ist was falsch in unserer Gesellschaft, dass immer größere Teile, insbesondere Kinder, anscheinend "krank" werden? Oder ist es gar eine erklärbare, "sinnvolle" Anpassungsreaktion an unsere lieblose Leistungsgesellschaft, die darüber hinaus auch noch ihre Werteorientierung verloren hat, sodass eine verzweifelte innere und äußere Suche unter den rientierungsbedürftigen begonnen hat? Sollen Leistungsanpassung und Wertebewußtsein nun mit der Droge verordnet werden? Wenn immer mehr Schüler mit dem seit Jahrzehnten kaum veränderten Schulmodell nicht mehr zurechtkommen und immer weniger Lehrer und Eltern mit ihren Heranwachsenden, sind dann die Schüler chemisch zu disziplinieren oder benötigen wir eine Gesamtreaktion und Veränderung des Systems? Und wo soll die Motivation für Neues und für Veränderungen herkommen, wenn man neugieriges, veränderliches, suchendes Verhalten medikamentös unterdrückt?

Immerhin beschäftigen sich inzwischen auch schon Sozialpädagogen verstärkt mit der "Seuche" ADHS und ihrer "medikamentösen Heilung" (Hausarbeit von 2007: "Nutzen und Risiken der Ritalin-Therapie bei Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" von Svenja Lattwein im Fach: Sozialpädagogik / Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin) und kommen dabei aber immer häufiger auf die dominanten biologisch-medizinischen Diskurse mit der biochemisch-pharmakologischen Therapieoption, während ältere Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in den Einrichtungen die medikamentöse Therapie häufig noch als "Teufelszeug" schmähten. Es gibt also eine veränderte Wahrnehmung entsprechend den medizinischen und sozialen Trends. Davon werden manchmal in der Fachwelt auch trendkritische Diskurse angestoßen, die wie die systemische Sicht manchmal etwas fremd in einer immer stärker medikalisierten Welt anmuten. In einem "Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie" wurde in Heft 1 - 2003 bereits vor Jahren der Artikel "Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung von der multimodalen Therapie zur systemischen Perspektive" von Manfred Mickley und Bodo Christian Pisarsky veröffentlicht, der auch soziologische, psychodynamische und systemisch-familientherapeutische Aspekte diskutiert.






Zitat

Zitat aus ROTE LISTE

Novartis Pharma
www.novartispharma.de

Hauptgruppe: 71.B.3.1.


Ritalin® Tabletten

Btm


Zus.: 1 Tbl. enth.: Methylphenidat-HCl 10 mg.
Weit. Bestandteile: Lactose, Magnesiumstearat, Talkum, Tricalciumphosphat, Weizenstärke.


20 Tbl. (N1) 16,54 PZN 0881495
50 Tbl. (N2) 27,04 PZN 1299018

Anw.: Hyperkinetische Störung bzw. Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (AD/HS) bei Kdrn. ab 6 J. u. Weiterführung der Therapie bei Jugendl. im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie. Narkolepsie im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie.
Gegenanz.: S 75 a-e, g-j, l-m, o, p. Schweres Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, akutes Stadium d. Schlaganfalls.

Anw.-beschränk.: S 75. Pat. mit Gilles-de-la-Tourette-Syndrom in der Familienanamnese; Pat. mit nur leicht od. mäßig ausgeprägtem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (engmaschige, fachärztl. Überwachung); Pat. mit Epilepsie u. emotional instabile Pat.

Schwang./Stillz.: S 75

Nebenw.: Sehr häufig: Schlafstör., verstärkte Reizbarkeit, Appetitlosigkeit u. Magenbeschw. klingen im Laufe der Therapie zumeist ab, Magenbeschw. können durch gleichz. Verabreichung mit Nahrungsmitteln gelindert werden; Kopfschmerzen, Schwindel; bei Erw. mit Narkolepsie sehr häufig: Konzentrationsmangel, Geräuschempfindlichkeit, Schwitzen; häufig: Schläfrigkeit, Dyskinesien, Agitation (Unruhe, Übererregbarkeit, aggressive Verhaltensweisen), Veränderungen d. Herzfrequenz (meist Tachykardien, Arryhthmien, Palpitationen) u. d. Blutdrucks (meist Erhöh.), Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenh., Überempfindlichkeitsreakt., allerg. Hautreakt. (z. B. Pruritus, Urtikaria), Haarausfall, Fieber, Arthralgien; gelegentl.: Gewichtsverlust, gering verzögerte Wachstumsgeschwindigkeit b. d. Langzeittherapie von Kdrn.; selten: Akkommodationsstör. u. verschwommenes Sehen, Angina pectoris; sehr selten: Hyperaktivität, Krampfanfälle, Muskelkrämpfe, Choreoathetose, Auslösung von Tics u. Verhaltensstereotypien, Exazerbation von bestehenden Tics u. eines Tourette-Syndroms, tox. Psychosen, vorübergehende depressive Verstimmungen,. Entzünd. od. Verschluss von Hirngefäßen, vermehrtes Träumen, gestörte Leberfunkt., Durchfall, Verstopfung, thrombozytopenische Purpura, Dermatitis exfoliativa, Erythema multiforme, angioneurotische Ödeme. Bei Erw. mit Narkolepsien: Entzünd. der Mundschleimhaut; Leukopenie, Thrombozytopenie, Anämie. Bei plötzlichem Absetzen Rebound-Phänomene, wie erhöhtes Schlafbedürfnis, Heißhunger, Verstimmungen, Depressionen, psychot. Reakt. u. Kreislaufregulationsstör. mögl. Bei chron. nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch kann Methylphenidat zu Toleranzentwickl. u. psychischer Abhängigk. führen. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch in den zugelassenen Anwendungsgebieten ist eine Abhängigkeitsgefahr praktisch nicht vorhanden.

Wechselw.: S 75. Substanzen der Therapie der Hypotonie (adrenerge Krisen mögl.). Carbamazepin kann d. Wirksamkeit von Ritalin vermindern.

Tox.: S 75. Übelkeit u. Erbrechen, Agitiertheit, Tremor, Hyperreflexie, Muskelzuckungen, Schweißausbrüche u. Hitzewallungen, Hyperpyrexie, Euphorie, Konfusion, Halluzinationen, Delirium, Tachykardie, Palpitationen, Herzrhythmusstör., Hypertonie, Mydriasis u. trockene Schleimhäute, Kopfschmerz, zerebrale Krampfanfälle (möglicherw. mit anschließendem Koma). Symptomatische Behandl. bei schweren Erregungszuständen od. Krämpfen mit Benzodiazepinen.

Hinw.: Reaktionsvermögen! (V) Bei längerer Behandlungsdauer sollten die Pat. sorgfältig monitoriert u. Blutbilduntersuchungen einschl. Differentialblutbild durchgeführt werden. Regelm. Längen- u. Gewichtskontrollen empf. Weit. Hinw. s. Fachinfo.

Dos.: Hyperkinet. Stör./AD/HS bzw. Narkolepsie bei Kdrn. u. Jugendl. (6 J. u. älter): Initial 5 mg (½ Tbl.) ein- bis zweimal pro Tag (z. B. morgens u. mittags), wöchentl. Steigerung d. Tagesdos. um 5-10 mg (½ bis 1 Tbl.) max. 60 mg/Tag, üblicherw. aufgeteilt auf 2-3 Einzelgaben. Erw.: mit Narkolepsie: Durchschnittl. Tagesdos. 20-30 mg (2-3 Tbl., aufgeteilt in 2-3 Einzelgaben); Dosen bis zu 80 mg (8 Tbl./Tag) können notwendig sein. Einnahme mit etwas Flüssigkeit zu od. nach den Mahlz., bei stärkeren anorektischen Effekten eine Std. nach den Mahlz. Weitere Einzelheiten s. Fachinfo.

Lag.: Lagerungshinweis!


Ich habe dem ersten Präparat mit der Substanz Methylphenidat-HCl, "Ritalin®", die "Ehre" angetan, hier verzeichnet zu sein. Die "Schwesterpräparate" Equasym®, Medikinet® und Concerta® der Nachfolger verfügen über ähnliche Eintragungen in der ROTEN LISTE. Ich habe mir erlaubt, die Nebenwirkungen von Ritalin®, über die mir bisher persönlich berichtet wurden, durch Kursivsatz im Text der ROTEN LISTE hervorzuheben.

Michael
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Freitag, 22. Februar 2008, 21:21

"ADHS-Medikament" Atomoxetin-HCl (Strattera®)

Atomoxetin-HCl, Handelname "Strattera®", ist ein in der schulmedizinischen medikamentösen AD(H)S-Therapie relativ neues Medikament mit einem Wirkungsmechanismus ähnlich einiger Antidepressiva, das ebenfalls in das Transmittersystem des Gehirns eingreift. Im Gegensatz zu den auch wegen anfänglich hochschnellender Suizidalität ins Gerede gekommener SSRI-Antidepressiva, die selektiv die Wiederaufnahme von Serotonin in das praesynaptische Neuron verhindern sollen, ist Strattera® ein SNRI-Antidepressivum, bei dem selektiv die Wiederaufnahme von Noradrenalin blockiert wird. Entscheidende Nebenwirkungen scheinen dennoch ähnlich zu sein.

Strattera®wird von der Hersteller-Firma Lilly massiv beworben. Für viele Ärzte und auch Patienten soll der Griff zu Strattera® einfacher erscheinen, da im Gegensatz zu Methylphenidat das Atomoxetin nicht auf Betäubungsmittelrezepten verordnet werden muss. Die Nebenwirkungsliste ist dennoch zahlreich und musste nach wenigen Anwendungsjahren bereits erheblich verlängert werden. Über die Langzeitwirkungen und -nebenwirkungen weiß man wenig. Einige Ärzte, auch niedergelassene Kinderärzte und Kinder- und Jugendpsychiater sind dazu übergegangen, Strattera® in Kombination mit Stimulanzien vom Typ Methylphendat-HCl zu verschreiben, ohne dass bereits gute Erkenntnisse über Wechselwirkungen, Nebenwirkungsverstärkungen etc. existieren. Ich bemerkte eine Verstärkung unerwünschter Nebenwirkungen.

Allerdings wurde an einigen Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie engagiert für die Firma Lilly Therapieforschung an so genannten ADHS-Kindern mit Strattera® betrieben und mit großem Erstaunen las ich, dass sogar ein niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater aus Erlangen, ein Dr. med. Roland Albert, mit relativ kleinen Fallzahlen begeistert seine medikamentösen Therapieerfolge mit Strattera®, notfalls in Kombination mit der guten alten Psychostimulanz Methylphenidat, in einer klitzekleinen Studie veröffentlichte, womit diese Vorgehensweise somit die publizistische Weihe der Kinder- und Jugendpsychiatrie erhielt. Offenbar gibt es in bestimmten Zentren inzwischen Schwerpunktpraxen für die "ADHS-Schwemme" unserer Zeit.

Eine offenbar eher pro-pharma eingestellte Internetseite über Strattera® leugnet immerhin nicht, dass das Nebenwirkungsprofil trotz eines anderen Wirkmechanismus als die Psychostimulanzen ähnlich ist. Ein anderer Intenetdienst verschweigt nicht, dass schwere Nebenwirkungsmöglichkeiten nachgemeldet werden mussten. Man muss sich klar machen, dass die verschieden Neurotransmitter an unterschiedlichen Orten des zentralen Nervensystems aktiv sind und dort auch Unterschiedliches bewirken. Bei der Komplexizität des Gehirns kommt es nicht nur auf den Transmittertyp, sondern auch auf den Wirkort an.

Ein "in das Gehirn geschüttetes Medikament" mit Blockade des Wiederufnahmemechanismus von Transmittern wirkt allerdings an vielen Zellsystemen, die mit dem jeweiligen Botenstoff kommunizieren und daher entsprechende Rezeptoren haben. Damit ist zwar eine Spezifität hinsichtlich des Botenstoffes, nicht jedoch hinsichtlich der der neuronalen Wirkung erreicht. Das Gehirn bleibt also für so eine relativ grobe Medizin weiterhin eine Art "Blackbox": Der Arzt oder Pharmakologe schüttet etwas hinein und schaut dann mal, was so passiert. Liest man über die tatsächlich ja nicht harmlosen Nebenwirkungen, kommt einem das schon wie ein gewagtes Menschenexperiment vor. So wundert es nicht, dass es inzwischen im Internet auch dringende Warnungen von Strattera® gibt.

Übrigens darf man sich eigentlich nicht wundern, dass es nicht folgenlos sein kann, wenn der Mensch mit ein wenig Chemie den seit Millionen von Jahren entwickelten Transmittermechanismus überlisten will. Es ist ja eine sinnvolle, bioökonomische Strategie des Körpers, die in den intersynaptischen Spalt (zwischen zwei Nervenendigungen) ausgeschütteten Botenstoffen nach übermittelter Botschaft an der anderen Seite (postsynaptische Nervenendigung) wieder an ihrem Ursprungsort aufzunehmen und wieder zu verwenden. Zum einen soll ja an der Empfängernervenzelle keine Dauererregung ausgelöst werden, denn sonst hätte die Rezeptorbindung dort viel stärker sein müssen, zum anderen ist unser Körper von Haus aus ein guter Wirtschafter. Wird nun die Wiederaufnahme des Botenstoffes durch Blockade der entsprechenden Rezeptoren, an denen dies geschieht, verhindert, könnte "Materialmangel" entstehen. Merkt der Körper dennoch irgendwann, dass aber genug Botenstoffe im Spalt sind, weil sie nicht mehr heraus genommen werden, produziert er vielleicht auch weniger Botenstoffe.

Andererseits kann der starke Stimulationseffekt durch die hohe Botenstoffkonzentration im intersynaptischen Spalt auch durch einen biologischen Gewöhnungseffekt allmählich wieder aufgehoben werden. Die Rezeptoren bei der Empfängernervenzelle werden weniger erregbar, die gewünschte Medikamentenwirkung lässt schließlich immer mehr nach. Der Arzt ist dann versucht, die Dosis zu steigern, um noch Effekte zu erzielen. Das ähnelt dem Gewöhnungseffekt bei Drogenmissbrauch. Somit wird klar, dass diese Form der medikamentösen ADHS-Therapie genauso wenig wie die Antidepressivabehandlung auch mit den modernen SSRI- und SNRI-Antidepressiva bei Depressionen zu einer echten Heilung führen kann. Man kann lediglich probieren, für eine bestimmte Zeit einige Symptome zu unterdrücken.

Viele Psychiater der schulmedizinisch orientierten "biologischen Psychiatrie" glauben, dass die Eingriffe in das Transmittersystem des Gehirns bei Psychosen mit Neuroleptika oder bei Depressionen mit Antidepressiva eine Heilwirkung haben. Obwohl von ca. 30 in Frage kommenden Substanzen nur bei 7 eine Neurotransmitterfunktion als wirklich nachgewiesen, bei zwei weiteren als sehr wahrscheinlich gilt, glauben viele Wissenschaftler, dass lokale Mängel oder aber auch ein Überangebot der Botenstoffe die besagten psychiatrischen Erkrankungen auslösen und unterhalten. Begründet wird diese Behauptung auf der Basis eines so geringen Wissens mit den gefundenen Veränderungen im Transmittergleichgewicht bei einer Anzahl von Erkrankten und der Wirkung der entsprechenden, an diesen Transmittersystemen angreifenden Psychopharmaka. Doch gerade das ist kein Beweis für diese Theorie. Wenn man zwei Phänomene gleichzeitig beobachtet, kann man sie noch nicht in eine kausale Verknüpfung bringen. Dazu wissen die Forscher viel zu wenig über das Gehirn und dessen Bedeutung als Effektororgan des menschlichen Geistes und Bewußtsein.

Viel wahrscheinlicher ist, dass die Verschiebungen des gesunden Gleichgewichts in den cerebralen Regelkreisen des Transmitterstoffwechsels Ausdruck eines Ungleichgewichtes auf einer höheren, ("feinstofflichen") Ebene sind. Wäre es nicht so, würden entsprechende auf den messbaren Biochemismus wirkende Medikamente ja tatsächlich heilsam sein und würden gesunde, in ihrer Persönlichkeit, Wahrnehmung und Sensibilität unveränderte Menschen hervorbringen. Das Gegenteil ist der Fall. Die medikamentös behandelten Menschen wirken oft sowohl bei kurzfristiger wie besonders bei längerer Einnahme deutlich verändert. Nur einige Symptome, die zugegebenermaßen gravierend sein und das Leben schwer beeinträchtigen können, werden so lange unterdrückt, bis die Substanz wieder abgesetzt wird. Die Unterdrückung ist aber oft weder dauerhaft noch vollkommen oder wird durch hohe Dosen mit schweren Nebenwirkungen erkauft. Dennoch kann man in schweren Fällen manchmal nicht darauf verzichten, wenn man schwerwiegende Selbst- und Fremdgefährdungen abmildern möchte, bevor Psychotherapie einen inneren Heilungsprozess anstoßen kann. Setzt man nun die Medikamente wieder ab, kehren auch die unterdrückten Symptome oft wieder. Medikamente der besprochenen Substanzklassen bringen also definitiv keine Heilung.

Es ist auch nicht erwiesen, dass die bereits in der vormedikamentösen Ära vermutete Dreiteilung, die sich im Neuroleptikazeitalter als ziemlich stabil gezeigt hat, jetzt mit den so genannten "Atypika", moderneren neuroleptischen, antipsychotisch wirksamen Medikamenten mit anderen oder angeblich geringeren Nebenwirkungen, zugunsten der Dauerheilung verschiebbar sein wird. Das hat vermutlich weniger damit zu tun, dass einige Atypika letztlich hinsichtlich der Problematik ihres Nebenwirkungsprofils enttäuschten, sodass sie auch nicht immer als alternative erste Wahl verordnet werden können. Es wird damit zu tun haben, dass die schizophrenen Psychosen biochemisch nicht ausreichend verstanden werden können und ein ganzheitliches Konzept, dass eine psychologische, humanistische, philosophische, spirituelle und medizinisch-biologische Verstehensweise vereint, weder existiert noch von so genannten Wissenschaftlern und Schulmedizinern anerkannt würde.

Immer vorausgesetzt, dass die medizinisch-psychiatrische Diagnostik überhaupt so ohne Weiteres nach den wünschenswerten und oben genannten ganzheitlichen Elementen einer Diagnosefindung Anerkennung beanspruchen könnte, geht die Psychiatrie heute davon aus, dass ein Drittel der neu aufgetretenen schizophrenen Psychosen nach einer ersten Episode völlig ausheilen. Ein Drittel der Patienten erleidet immer wieder einmal unter bestimmten Belastungen erneute Episoden und benötigt zum Teil jahrelange Behandlungen und "Rückfallprophylaxen". Ein Drittel sei trotz adäquater psychiatrisch-medikamentöser Behandlung chronisch erkrankt und auch unter Medikamenten auffällig und in verschiedensten Lebensbereichen behindert und sei es "nur" durch ein Verbleiben eines so genannten "Residuums", einer "Minussymptomatik" mit Beeinträchtigung verschiedenster psychischer Funktionen, selbst wenn sich Wahn und Halluzinationen weitgehend unterdrücken ließen. Zur Problematik von Psychopharmaka speziell aus der Klasse der Neuroleptika sei auf einen Beitrag von Dr. Volkmar Aderhold in diesem Forum in Beitrrägen hingewiesen, die sich prinzipiell mit der Psychopharmakotherapie beschäftigen.

Zitat

Zitat aus ROTE LISTE

Lilly

Hauptgruppe: 71.B.3.1.

STRATTERA 10 mg/-18 mg/-25 mg/-40 mg/-60 mg Hartkapseln

Rp


Zus.: 1 Hartkps. enth.: Atomoxetin-HCl 11,43 mg/20,57 mg/28,57 mg/45,71 mg/ 68,56 mg (entspr. 10 mg/18 mg/ 25 mg/40 mg/60 mg Atomoxetin).
Weit. Bestandteile: Kps.-Inhalt: Vorverkleisterte Maisstärke, Dimeticon 350cSt, Kps.-Hülle: Natriumdodecylsulfat, Gelatine, essbare schwarze Tinte SW-9008 od. essbare schwarze Tinte SW-9010, [enth. Schellack, u. Eisen(II,III)-oxid E 172], Farbe des Kps.-Oberteils: 10 mg: Titandioxid (E 171), 18 mg: Eisen(III)-hydroxid-oxid×H2O (E 172), 25 mg, 40 mg u. 60 mg: Indigocarmin (E 132), Titandioxid (E 171), Farbe des Kps.-Unterteils: 10 mg, 18 mg u. 25 mg: Titandioxid (E 171), 40 mg: Indigocarmin (E 132), Titandioxid (E 171), 60 mg: Eisen(III)-hydroxid-oxid×H2O (E 172).


7 Hartkps. 10 mg 35,34 PZN 4192769
28 Hartkps. 10 mg 111,49 PZN 4192775
7 Hartkps. 18 mg 35,34 PZN 4192781
28 Hartkps. 18 mg 111,49 PZN 4192798
7 Hartkps. 25 mg 35,34 PZN 4192806
28 Hartkps. 25 mg 111,49 PZN 4192812
7 Hartkps. 40 mg 35,34 PZN 4192829
28 Hartkps. 40 mg 111,49 PZN 4192858
56 Hartkps. 40 mg 213,37 PZN 3881484
28 Hartkps. 60 mg 111,49 PZN 4192870
56 Hartkps. 60 mg 213,37 PZN 3881490

Anw.: Zur Behandl. der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstör. (ADHS) b. Kdrn. e 6 J. u. b. Jugendl. als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms. D. Behandl. muss v. einem Arzt begonnen werden, der über ein entspr. Fachwissen in d. Behandl. v. ADHS verfügt. Eine Diagnose sollte gemäß der DSM-IV-Kriterien od. ICD-10-Richtlinien erfolgen. Ein umfassendes Behandlungsprogramm schließt typischerweise psycholog., pädagog. u. soziale Maßnahmen ein. Es dient z. Stabilisierung v. Kdrn. mit Verhaltenssyndrom, das folg. chron. Symptome in der Vorgeschichte umfassen kann: kurze Aufmerksamkeitsspanne, Ablenkbarkeit, emotionale Labilität, Impulsivität, mäßige bis starke Hyperaktivität, gering ausgeprägte neurolog. Symptome u. abnorme EEG-Befunde. Lernen kann, muss aber nicht beeinträchtigt sein. AM-Behandl. nicht bei allen Kdrn. mit diesem Syndrom notwendig. Entscheidung der Anw. des AM muss auf sehr sorgf. Beurteilung von Schweregrad u. Chronizität der Symptomatik im Verhältnis zum Alter des Kindes basieren. Wenn Pat. über 1 J. hinaus behand. werden, wird eine erneute Überprüfung der Behandlungsnotwendigk. durch einen Arzt empf., der über ein entspr. Fachwissen in der Behandl. v. ADHS verfügt.

Gegenanz.: Komb. m. MAO-Hemmer. Therapie mit MAO-Hemmer muss mind. 2 Wo. beendet sein, bevor Atomoxetin gegeben werden darf. Atomoxetin muss mind. 2 Wo. abgesetzt sein, bevor Behandl. mit MAO-Hemmer begonnen werden darf. Engwinkelglaukom. Kdr. <6 J. (Unbedenklichkeit u. Wirksamkeit nicht untersucht).

Anw.-beschränk.: B. Pat. mit Bluthochdruck, Tachykardie sowie kardiovaskulärer od. zerebrovaskulärer Erkrank. Puls u. Blutdruck in regelm. Abständen kontrollieren. Prädisposition für Hypotonie (orthostat. Hypotonie) mögl. Pat. mit angeborenem od. erworbenem Long-QT-Syndrom od. einer pos. Familienanamnese für QT-Zeit-Verlängerung. Pat. mit Krampfanfällen i. d. Anamnese.

Schwang.: Strenge Ind.-Stellung Gr 4. Klin. Daten bei exponierten Schwangeren nicht vorhanden.

Stillz.: Kontraind. La 1 (aufgrund unzureich. Daten). Atomoxetin u./od. Metaboliten werden bei Ratten in die Milch ausgeschieden.

Nebenw.: Zerebrale Krampfanfälle sind ein potent. Risiko d. Atomoxetin-Behandl. Bei Pat., bei denen zerebrale Krampfanfälle auftreten od. wenn bei bestehendem Anfallsleiden d. Häufigkeit v. Krampfanfällen zunimmt u. kein and. Grund dafür vorliegt, muss ein Absetzen v. Atomoxetin erwogen werden. Kdr. u. Jugendl.: Sehr häufig (>10%): verminderter Appetit, abdominale Beschw., Erbrechen. Häufig (1-10%): grippeartige Sympt., Appetitlosigkeit, frühmorgendliches Erwachen, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Schwindel, Somnolenz, Mydriasis, Verstopfung, Dyspepsie, Übelkeit, Dermatitis, Pruritus, Hautausschlag, Müdigkeit, Gewichtsverlust. Gelegentl. (0,1-1%): suizidale Verhaltensweisen, Aggression, Feindseligkeit, emotionale Labilität, Palpitation, Sinustachykardie. Spontanberichte (Häufigk. nicht bekannt): zerebrale Krampfanfälle, QT-Intervall-Verlängerung, Raynaud-Syndrom, erhöhte Leberwerte, Ikterus, Hepatitis, Priapismus. Erw.: Sehr häufig (>10%): verminderter Appetit, Schlaflosigkeit, trockener Mund, Übelkeit. Häufig (1-10%): frühmorgendliches Erwachen, reduzierte Libido, Schlafstör., Schwindel, Durchschlafstör., Kopfschmerzen, Palpitation, Tachykardie, Hitzewallungen, abdominale Beschw., Verstopfung, Dyspepsie, Blähungen, Dermatitis, vermehrtes Schwitzen, Schwierigkeiten beim Harnlassen, Miktionsverlängerung, Harnverhalt, Dysmenorrhoe, Ejakulationsstör., Ejakulationsversagen, Erektionsstör., Impotenz, unregelm. Menstruation, ungewöhnlicher Orgasmus, Prostatitis,. Müdigkeit, Lethargie, Muskelsteifigkeit, Gewichtsabnahme. Gelegentl. (0,1-1%): Kältegefühl in den Extremitäten. Spontanberichte (Häufigk. nicht bekannt): suizidale Verhaltensweisen, Aggression, Feindseligkeit, emotionale Labilität, zerebrale Krampfanfälle, QT-Intervall-Verlängerung, Raynaud-Syndrom, erhöhte Leberwerte, Ikterus, Hepatitis, Priapismus. Die folg. unerwünschten Ereignisse traten b. mind. 2% der Pat. mit schwach ausgeprägter CYP2D6-Verstoffwechselung (PM = ,,poor metabolizer") auf u. waren bei PMs entweder doppelt so häufig od. statistisch signifikant häufiger als b. Pat. mit stark ausgeprägter CYP2D6-Verstoffwechselung (EM = ,,extensive metabolizer"): verminderter Appetit (24,1% der PMs, 17% der EMs); Schlaflosigkeit (10,5% der PMs, 6,8% der EMs); Durchschlafstör. (3,8% der PMs, 1,5% der EMs); Blasenschwäche (3% der PMs, 1,2% der EMs); depress. Stimmung (3% der PMs, 1% der EMs); Tremor (5,1% der PMs, 1,1% der EMs); frühmorgendliches Erwachen (3% der PMs, 1,1% der EMs); Konjunktivitis (3% der PMs, 1,5% der EMs); Ohnmacht (2,1% der PMs, 0,7% der EMs); Mydriasis (2,5% der PMs, 0,7% der EMs). Die folgenden Ereignisse erfüllen nicht o. g. Kriterien: Ängstlichkeit (2,5% der PMs, 2,2% der EMs); Depression (2,5% der PMs, 1,9% der EMs). Bei PMs in Studien mit einer Dauer von bis zu 10 Wo. stärker ausgeprägter Gewichtsverlust. Gelegentl. allerg. Reakt., einschl. Hautausschlag,. angioneurot. Ödeme u. Urtikaria. Aufgrund seiner Wirk. auf noradrenergen Tonus wurden orthostatische Hypotonie u. Ohnmacht berichtet. Sehr selten wurde über von der Norm abweichende Leberfunktionstests, Gelbsucht u. Hepatitis berichtet.

Wechselw.: CYP2D6-Inhibit. – SSRIs (z. B. Fluoxetin, Paroxetin), Chinidin, Terbinafin: Atomoxetin wird hauptsächl. durch CYP2D6 zu 4-Hydroxyatomoxetin verstoffwechselt. Bei Pat. mit einer stark ausgeprägten Verstoffwechselung durch CYP2D6 (,,extensive metaboliser") erhöhen potente CYP2D6-Inhibit. die Atomoxetin-steady-state-Plasmakonz. auf ein ähnl. Niveau, wie es bei Pat. mit schwach ausgeprägter Verstoffwechselung durch CYP2D6 (,,poor metaboliser") beobachtet wurde. Bei Pat. mit einer stark ausgeprägten Verstoffwechselung durch CYP2D6 (,,extensive metaboliser"), die zusätzl. mit Paroxetin od. Fluoxetin behand. werden, ist die AUC von Atomoxetin ca. 6- bis 8-fach u. die max. Steady-state-Konz. (c88,max) etwa 3- bis 4-fach größer als bei Gabe von Atomoxetin alleine. Eine Dosisanpass. u. ein langsameres Auftitrieren von Atomoxetin kann bei Pat. notw. werden, die gleichz. CYP2D6-Inhibit. einnehmen. Wenn ein CYP2D6-Inhibit. nach Einstell. auf die angemessene Atomoxetin-Dos. verschrieben od. abgesetzt wird, müssen das klin. Ansprechen u. die Verträglichkeit erneut festgestellt u. die Notwendigkeit einer Dosisanpass. bei diesem Pat. überprüft werden. Bei Pat. mit schwach ausgeprägter Verstoffwechselung ist bei der Komb. von Atomoxetin mit potenten Inhibit. der Cytochrom-P450-Gruppe außer CYP2D6 Vorsicht geboten,. da das Risiko einer klin. relevanten Erhöh. der Atomoxetin-Serumkonz. in vivo unbekannt ist. Wirk. hoher Dos. Salbutamol od. and. Beta2-Agonisten auf Herzkreislaufsystem kann verstärkt werden. Erhöhtes Risiko für QT-Zeit-Verlängerung mögl. bei Komb. mit AM, die d. QT-Intervall verlängern (wie z. B. Neuroleptika, Antiarrhythmika [Klasse IA, III], Moxifloxacin, Erythromycin, Methadon, Mefloquin, trizykl. Antidepressiva, Lithium, Cisaprid), die den Elektrolythaushalt stören (wie z. B. Thiaziddiuretika) od. d. CYP2D6 inhibieren. Vorsicht bei Komb. mit AM, die d. Krampfschwelle herabsetzen können (wie z. B. Antidepressiva, Neuroleptika, Mefloquin, Bupropion od. Tramadol), da Atomoxetin-Behandl. d. pot. Risiko für Krampfanfälle erhöht. Wegen mögl. Wirk. auf Blutdruck in Komb. mit blutdrucksteigernden AM vorsichtig einsetzen. Mittel mit Wirk. auf Noradrenalin (z. B. Imipramin, Venlafaxin u. Mirtazapin od. schleimhautabschwellende Mittel wie Pseudoephedrin od. Phenylephrin) vorsichtig einsetzen, da additive od. synergistische pharmakolog. Effekte mögl.

Tox.: Anzeichen u. Sympt.: Häufigste Sympt. bei akuter u. chron. Überdos.: Somnolenz, Agitiertheit, Hyperaktivität, Verhaltensauffälligkeit, gastrointest. Sympt., Anzeichen u. Sympt., die mit leichter bis mäßiger Sympathikus-Aktivierung einhergehen (z. B. Mydriasis, Tachykardie, trockener Mund), sowie Pruritus u. Hautausschlag. Alle Pat. erholten sich von diesen Ereignissen. In einigen Fällen von Überdos. unter Beteiligung von Atomoxetin wurden Anfälle u. sehr selten eine QT-Zeit-Verläng. angegeben. Berichte von tödl. verlaufenden, akuten Überdos. bei Einn. von Atomoxetin zus. mit mind. einem weit. AM. Behandl. einer Überdos.: Aufrechterhaltung der Atmung sicherstellen. Überwachung der Herz- u. Vitalfunkt. wird empf., neben weit. angemessenen sympt. u. unterstütz. Maßn. Pat. mind. 6 Std. beobachten. Gabe von Aktivkohle innerh. der ersten Std. nach Einn. der Überdos. kann helfen, die Resorpt. zu vermindern. Da Atomoxetin starke Plasmaproteinbindung aufweist, ist Dialyse wahrscheinl. nicht sinnvoll.

Warnhinw.: Über suizidale Verhaltensweisen (Suizidversuch u. -gedanken) wurde berichtet. In Studien trat b. Kdrn. u. Jugendl., die mit STRATTERA behand. wurden, Feindseligkeit (vorwieg. Aggressivität, oppositionelles Verhalten u. Wut) sowie emotionale Labilität häufiger auf als b. mit Placebo behand. Kdrn. u. Jugendl. Pat., die mit einer ADHS-Behandl. beginnen, müssen im Hinblick auf das Auftreten bzw. die Verschlimm. der o. g. Verhaltensweisen sorgf. überwacht werden. B. Pat., die Gelbsucht entwickeln od. mit durch Laborwerte nachgewiesener Leberschädigung, muss STRATTERA abgesetzt werden. Behandl. nicht wieder aufnehmen. Wie bei and. psychotropen AM kann Möglichkeit seltener, schwerwiegender psychiatrische NW nicht ausgeschlossen werden.

Hinw.: Unter Atomoxetin trat vermehrt Müdigkeit auf. Nur b. Kdrn. trat vermehrt Somnolenz auf. Pat. müssen darauf hingewiesen werden, vorsichtig zu sein, wenn sie Auto fahren od. Maschinen bedienen, bis sie sicher sind, dass ihre Leistungsfähigkeit durch Atomoxetin nicht beeinträchtigt wird. Viele Pat. zeigten mäßige Pulserhöh. (im Mittel <10 Schläge/min) u./od. Blutdruckanstieg (im Mittel <5 mmHg), meist klin. nicht relevant. Längenwachstum beobachten, Pat. bei Langzeitther. überwachen. Dosisreduktion od. Ther.-unterbrechung erwägen, wenn Pat. nicht ausreich. wachsen od. nicht ausreich. an Gewicht zunehmen. Langzeitpat. bzgl. Kognition od. Sexualentwickl. sorgf. überwachen, obwohl kein nachteiliger Effekt bekannt. Bei Episoden einer Major-Depression u./od. Angststör. nicht indiziert. Kps. dürfen nicht geöffnet werden. Atomoxetin verursacht Augenreizungen. Bei Augenkontakt mit dem Kps.-inhalt das betroff. Auge sofort mit Wasser spülen u. ärztl. abklären. Hände u. potentiell verunreinigte Oberflächen so schnell wie möglich abwaschen.

Dos.: Gesamte TD kann am Morgen eingenommen werden. Pat., die bei 1mal tgl. Einnahme der Gesamttagesdos. kein zufriedenstellendes klin. Ansprechen bzgl. Verträglichkeit u. Wirksamkeit zeigen, profitieren möglicherweise davon, jeweils halbe Gesamtdos. am Morgen u. am späten Nachmittag od. frühen Abend einzunehmen. Dos. b. Kdrn. u. Jugendl. bis zu 70 kg KG: Behandl. mit Gesamttagesdos. von etwa 0,5 mg/kg beginnen. Initialdos. mind. 7 Tage beibehalten, bevor Dos. entspr. klinischer Wirksamkeit u. Verträglichkeit auftitriert wird. Empf. Tagesdos. während Dauerbehandl. beträgt etwa 1,2 mg/kg. Für Tagesdos. >1,2 mg/kg konnte kein zusätzl. Nutzen nachgewiesen werden. Unbedenklichkeit von ED >1,8 mg/kg/Tag u. von Gesamttagesdos. >1,8 mg/kg nicht systematisch untersucht. Dos. b. Kdrn. u. Jugendl. über 70 kg KG: Behandl. mit Gesamttagesdos. von 40 mg beginnen. Initialdos. mind. 7 Tage beibehalten, bevor Dos. entspr. klin. Wirksamkeit u. Verträglichkeit auftitriert wird. Empf. Tagesdos. während Dauerbehandl. beträgt 80 mg. Für Dos. >80 mg konnte kein zusätzl. Nutzen nachgewiesen werden. Max. empf. Tagesdos. beträgt 100 mg. Unbedenklichkeit von ED >120 mg u. Gesamttagesdos. >150 mg nicht systematisch untersucht. STRATTERA kann unabhängig von Mahlz. eingenommen werden. In klin. Studien wurden keine ausgeprägten Entzugssymptome beschrieben. Bei nennenswerten NW kann Atomoxetin abrupt abgesetzt werden; ansonsten AM über angemessenen Zeitraum ausschleichen. B. Jugendl., bei denen die Symptomatik ins Erwachsenenalter fortbesteht u. die eindeutig von Behandl. profitieren, kann es angemessen sein, Behandl. ins Erwachsenenalter hinein fortzuführen. Beginn einer STRATTERA-Behandl. im Erwachsenenalter nicht angemessen. Bes. Pat.-Gruppen: B. Pat. mit mäßiger Leberinsuff. (Child-Pugh-Class B) Initialdos. sowie angestrebte Zieldos. auf 50% der Normaldos. reduzieren. B. Pat. mit schwerer Leberinsuff. (Child-Pugh-Class C) Initialdos. sowie angestrebte Zieldos. auf 25% der normalen Dos. reduzieren. STRATTERA kann an ADHS-Pat. mit Nierenerkrank. im Endstadium od. weniger schwerer Niereninsuff. in normalen Dos. verabreicht werden. Atomoxetin kann b. Pat. mit Nierenerkrank. im Endstadium vorbestehenden Bluthochdruck verstärken. Bes. Pat.-Gruppen: Ca. 7% der Kaukasier weisen einen Genotyp auf, der ein nicht funktionales CYP2D6-Enzym kodiert (sog. CYP2D6 ,,poor metaboliser"). Pat. mit diesem Genotyp zeigen einen mehrfach höheren Atomoxetin-Spiegel im Vergl. zu Pat. mit funktionalem Enzym. ,,Poor metaboliser" weisen deshalb ein erhöhtes Risiko für NW auf. Bei Pat. mit bek. ,,poor metaboliser"-Genotyp geringere Anfangsdos. u. langsameres Auftitrieren in Erwägung ziehen.


Ich habe mir erlaubt, die Nebenwirkungen von Strattera®, über die mir bisher persönlich berichtet wurden, durch Kursivsatz im Text der ROTEN LISTE hervorzuheben.

Michael
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Mittwoch, 10. Dezember 2008, 10:01

Besprechung einer Frontal21-Sendung zur "Psychopharmaka-Mafia"

Am 9.12.2008 strahlte das ZDF in der Sendung "Frontal21" um 21 h einen Beitrag über Machenschaften der "Psychopharmaka-Mafia" unter dem Aufmacher "das Pharma-Kartell" aus. Die Vorbereitungen auf diese Sendung, Dokumentationen dazu und eine eigene Einschätzung finden sich unter diesem Link: http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…12173#post12173 . Die Sendung beschäftigt sich überhaupt mit illegalen Gepflogenheiten auf dem Arzneimittelmarkt, nimmt dabei aber durch Beispiele insbesondere Psychopharmaka und ADHS-Medikamente auf's Korn und dabei explizit die SSRI-Antidepressiva Prozac und Zoloft und das ADHS-Medikament Strattera.

Michael
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Dienstag, 5. Oktober 2010, 17:28

Immer erst Therapie vor Ritalin bei ADHS

Das Wochenmagazin DIE ZEIT veröffentlichte in Ausgabe Nr. 40 vom 30.9.2010 unter der Rubrik "ERFORSCHT UND ERFUNDEN" eine winzige Mitteilung, die darauf hinwies, dass auch deutsche Ärzte unter europäischem Einfluss einen kritischeren oder vernünftigeren Umgang mit der Psychostimulanz "Ritalin" (Methylphenidat) empfohlen bekommen:

Zitat

DIE ZEIT, Ausgabe Nr. 40 vom 30.09.2010

[SIZE=3]Ritalin zweite Wahl[/SIZE]

Die Behandlung von Kindern, die an Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) leiden, darf nicht mehr mit Ritalin begonnen werden, das beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Ärzte dürfen das umstrittene Medikament künftig erst verschreiben, wenn zum Beispiel eine Psychotherapie erfolglos war. Der G-BA folgte damit einer Risikoneubewertung des Mittels und einer Entscheidung der Europäischen Kommission.


Nun ist eine "Psychotherapie", die zuvor erfolglos sein müsse, ein sehr dehnbarer Begriff. Geht man davon aus, dass die psychodynamische "Logik" bei der Entwicklung von ADHS-Symptomen einer inneren psychologischen Sinnhaftigkeit innerhalb eines Systems folgt, gilt es das System zu verstehen und das Veränderungs- und Heilungspotential des ganzen Systems zu nutzen und sich nicht nur auf den Symptomträger als Indexpatienten zu stürzen, der sich mit psychotherapeutischen oder eben chemischen, psychopharmakologischen Mitteln zu verändern und anzupassen habe, ohne dass man die Bedingungen verändern kann, unter denen diese Symptomatik eines Individuums entstanden ist.

Das heißt aus meinem Verständnis ganz konkret und zwingend, dass eine Psychotherapie systemisch das innere, familiäre und äußere, gesellschaftliche, z.B. schulische Umfeld eines Kindes mit integrieren muss, in der ein Kind mit ADHS-Symptomen lebt. Ist das Umfeld als die stärkere Einheit nicht bereit, etwas im Umgang mit dem Kind zu verändern, wäre es ausgesprochen unfair wenn nicht sogar schädlich – vielleicht nicht nur für das Kind, sondern auch für das System - nur das Kind mit offener, chemischer oder subtiler, "therapeutischer Gewalt" verändern und anpassen zu wollen. Das ist natürlich eine Deutung, die vielen Individualpsychologen und Medikamentenverschreibern nicht schmeckt!

Michael
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18

Dienstag, 12. Oktober 2010, 23:23

Ritalin als Koks für die Studenten?

Die "Lernpille" "Ritalin" (Methylphenidat), bei Schülern, die sich damit für bessere Leistungen dopen wollen, auch "Vitamin R" genannt und auf dem Schulhof von angeblichen ADHS'lern verdealt, die ihre vom Arzt auf Betäubungsmittelrezepten verordneten Psychopharmaka nicht mehr selbst nehmen, sondern lieber gewinnbringend verkloppen wollen, hat das Zeug, die Studentenszene zu erobern, jedenfalls wenn man einem Bericht von "Zeit online" vom 2.4.2009 folgen will, den eine Kollegin jetzt für unsere Literaturbesprechung ausgegraben hat:

Zitat

"ZEIT-ONLINE" vom 2.4.2009

Ritalin

Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine

Ritalin macht leistungsfähig. Experten sagen, das Medikament sei eine Gefahr für die Gesundheit und unser Bildungssystem. Ein Selbstversuch


Das erste Mal in meinem Leben nahm ich Ritalin mit 17. Ich war Austauschschüler in Washington, D. C., und Adam, mein Gastbruder, hatte die Pillen besorgt. Wir zerstampften sie mit einem Gewürzmörser aus der Küche und zogen das Pulver mit einer Zehndollarnote durch die Nase, das Bild von Alexander Hamilton hatte danach ein kleines Hitler-Bärtchen aus Staub.

Adam sprang auf, schrie: Look! It’s Adolf Hamilton und fiel über den Mülleimer auf den Boden. Es war die Nacht, in der wir später mit Fahrrädern durch Washington fuhren und Güterzüge mit Graffiti besprühten. Wir flohen schließlich vor der Polizei, dann lag ich im Bett mit weit aufgerissenen Augen, unfähig, einzuschlafen. Mein Herz schlug hart und schnell, meine Augen sprangen sinnlos von einer Ecke zur anderen, ich schwitzte; es war ein Scheißgefühl. Ich wollte nie wieder synthetische Drogen nehmen. Auch nicht Ritalin.

Das zweite Mal in meinem Leben nahm ich Ritalin vor ein paar Wochen, nachdem ich einen Artikel in der Zeitung gelesen hatte. Dort stand, Ritalin sei die neue Modedroge unter Studenten – viele nähmen es, weil sie sich damit besser konzentrieren könnten. In Amerika sei jeder vierte Student und sogar jeder fünfte Professor auf der Pille, für Deutschland seien noch keine Zahlen bekannt. Der Artikel klang wie ein Enthüllungsbericht von der Tour de France.

Konzentrationsprobleme. Kenne ich. Ich studiere Philosophie, und wenn ich in der Bibliothek sitze und Fachliteratur lese, überkommt mich manchmal diese Müdigkeit. Ich sitze vor den Büchern, aber die Wörter ergeben keinen Sinn als würde ich sie vorlesen, mir selbst aber nicht zuhören. Mein Kopf knüpft derweil Assoziationsketten, die ich nicht stoppen kann: Ich schaue aus dem Fenster, sehe einen Gärtner, der einen Baum schneidet, und ich frage mich, ob seine Säge nicht zu klein ist, was mich daran erinnert, dass ich die Zimmerpflanze schneiden wollte, die zu Hause auf dem Tisch steht, auf dem der Brief liegt, auf den ich einen Kaffeefleck gemacht habe, den ich ja noch zur Post… – apropos Kaffee: Ob ich mal eine Pause machen sollte? – Nein, stopp. Ich muss lernen!

Diese Konfusion hat mein Studium zu einem Kampf gegen mich selbst gemacht. Gewinnen kann ich ihn nicht. Manchmal liege ich eine halbe Stunde mit dem Kopf auf meinen Büchern, starre geradeaus und bewege mich nicht.

Natürlich ließe sich das Versagen psychologisch begründen: Ich spüre den Druck, im Studium zu brillieren, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben – und es ist dieser Druck, der mich blockiert. Um zu brillieren, müsste ich den Druck loswerden. Ich brauche Stille in meinem Kopf. Ich muss dieses Hintergrundrauschen aus meinem Hirn drängen, wenigstens bis zu meinen Abschlussprüfungen in drei Wochen.

Wenn Ritalin mir dabei helfen kann, dann will ich es sofort haben. Nur für einen Selbstversuch. Natürlich. Ich besorge mir eine Packung über einen Freund, dessen Vater Arzt ist – eine orangefarbene Pappschachtel, mit eingestanzter Blindenschrift und den großen Buchstaben: RITALIN, 10 mg. Der Beipackzettel hat etwa die Größe einer DIN-A4-Seite. Das Wort »Tod« kommt häufiger vor: »Der Missbrauch von Stimulanzien des Zentralnervensystems kann zu plötzlichem Tod und anderen ernsten Nebenwirkungen am Herz-Kreislauf-System führen.« Sollte ich vielleicht doch mit einem Arzt oder Apotheker sprechen? Ich rufe Gerald Hüther an, Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Uni-Klinik Göttingen.

– Wie hoch sind die körperlichen Risiken tatsächlich, Herr Hüther?

– »Sie betrachten das Problem falsch, nämlich rein medizinisch. Ich frage Sie: Was kann man sich selbst Schlimmeres antun, als sich so zu funktionalisieren? Als sich zum Sklaven dieses Bildungssystems zu machen?«

– Ja, schon, aber was sagen Sie jemandem, der antwortet: Lieber ein Sklave mit 1,0 als ein freier Mensch, der durch die Prüfung fällt?

– »Ich sage ihm: Wenn man anfängt, seine Affekte mit einer Pille zu kontrollieren, ist man kein Mensch mehr. Dann ist man ein Roboter.«

Hüther erklärt mir, dass Ritalin eigentlich nichts anderes ist als Kokain, nur in geringerer Dosis. Deshalb fällt Ritalin in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz; nur wer ein ärztliches Rezept hat, kann es straffrei in der Apotheke kaufen. Die Tablette wirkt als sogenannter Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer, sie senkt den Dopaminspiegel in den Nervenzellen. Dopamin ist ein Botenstoff, der unsere Impulse verstärkt.

Wer zu viel davon hat, wird zum Opfer seiner eigenen Impulse, ständig abgelenkt von Ideen und Geistesblitzen. Menschen mit niedrigem Dopaminspiegel hingegen funktionieren automatisch, fokussiert auf eine einzige Tätigkeit. Deshalb gibt man hyperaktiven Kindern Ritalin, damit sie in der Schule still sitzen und sich auf den Unterricht konzentrieren. Eltern mögen das Medikament: Zwischen 1993 und 2003 ist die Zahl der Ritalin-Verschreibungen weltweit um rund 270 Prozent gestiegen.

– Aber was sind denn nun wirklich die Nebenwirkungen, Herr Hüther?

– »Sie haben auf nichts mehr Lust, Ihre ganze Emotionalität und Affektivität ist zugedröhnt. Sie empfinden keine Neugier, kein Bedürfnis nach menschlichen Bindungen und sind weniger kreativ. Deshalb nehmen eher BWL- und Medizinstudenten Ritalin, weil dort weniger Kreativität verlangt wird.«

– Meinen Sie, man sollte davor warnen? – »Unbedingt! Wer früh Ritalin nimmt, lernt nicht, seine Affekte zu kontrollieren, denn er hat keine mehr. Ohne Pille ist er praktisch lebensunfähig.«

Ein letzter Satz von Hüther geht mir noch Tage später im Kopf herum: »Ritalin ist die Droge für die Pflichterfüller-Generation.« Es ist etwas Wahres daran: In den Siebzigern nahm man LSD, um dem Muff der Nachkriegszeit zu entkommen. In den Achtzigern nahm man Kokain, um sich trotz Pershing-II-Raketen gut zu fühlen. In den Neunzigern nahm man freitags Ecstasy-Pillen, um bis montags zu tanzen. Es waren Spaßdrogen, mit denen die Jugend gegen die Erwartungen der Gesellschaft rebellierte. Heute nehmen Studenten Ritalin, weil es ihnen hilft, sich den Erwartungen der Gesellschaft anzupassen. Sie sind die erste Generation, die eine Vernunftdroge konsumiert. Eine traurige Droge, ein Armutszeugnis. Einerseits.

Andererseits: Wenn es für gesunde Körper nicht gefährlich ist – was spricht dagegen? Ich stehe kurz vor meinen Abschlussprüfungen, das hier ist, mit Verlaub, mein Ernstfall. Was interessiert mich die Befindlichkeit meiner Generation? Ich will nicht rebellieren, ich will einen Arbeitsplatz in Zeiten einer weltweiten Rezession. Wenn Roboter bessere Noten kriegen, dann bitte sehr, dann will ich Roboter sein!

Ich nehme also eine Pille, erst einmal zu Hause. Keine Viertelstunde, und meine Umgebung wird leicht heruntergefahren; ein Gefühl wie der Dämmerzustand frühmorgens, wie die konzentrierte Ruhe nach einem langen Kinobesuch. Die Dinge entwickeln eine seltsame Singularität: Ich sitze auf meinem Sofa und lese. Nach einer Weile merke ich, dass der Fernseher auf voller Lautstärke läuft – ich hatte ihn gar nicht gehört. Ich vergesse nicht, was um mich herum geschieht, es interessiert mich nur nicht mehr. Ich sehe die Dinge einzeln, eines nach dem anderen. Andere Drogen bewirken einen Rausch, Ritalin macht sehr nüchtern.

Der nächste Tag in der Bibliothek ist ein großer Erfolg. Ritalin ist kein Wundermittel, es stärkt nicht meine Arbeitsmoral, aber zumindest lenkt mich nichts mehr ab. Ich schaue nicht aus dem Fenster. Läuft jemand in der Bibliothek an meinem Tisch vorbei, dann blicke ich nicht auf, sondern starre eisern auf die Buchseiten. Ich arbeite konzentriert drei, vier Stunden lang. Ich vergesse den Druck, den Gärtner, den Kaffee.

Mittags dann stehe ich in der Mensa und überlege, auf welches Menü ich Lust habe – und ich weiß es nicht. Ich wähle zufällig eines aus und stochere lustlos darin herum, das Ritalin hemmt meinen Appetit. Dann nehme ich wieder eine Pille und gehe zurück in die Bibliothek. Ja, ich bin ein Zombie, aber ein Zombie, der lernt wie eine Maschine.

Es gefällt mir. Nur meine Freunde beobachten mich jeden Tag misstrauischer. Manche von ihnen sind konservativ, sie besuchen Vorlesungen in Hemd und Jackett und betrachten Drogensüchtige in der Fußgängerzone wie Anomalien im Raum-Zeit-Gefüge. Sie sagen, ich sei so anders in letzter Zeit: lebhafter, aggressiver und etwas anstrengend. Das stimmt. Ich trete Geldautomaten, die mir zu langsam sind, und fluche über vergessliche Kellner im Café.

Schließlich beichte ich meinen Freunden die Sache mit dem Ritalin und erwarte Vorwürfe. Stattdessen fragen sie, ob ich ihnen etwas abgebe. Nein, sage ich, ich will nicht, dass ihr Pillen nehmt! Sie sagen: Du machst es auch! Ich: Das ist etwas anderes, das ist ein Selbstversuch! Außerdem habe ich nur noch 20 Tabletten übrig, das muss reichen bis zur letzten Prüfung – aber das sage ich nicht, das denke ich nur. Spätabends bekomme ich eine SMS, ich weiß nicht, ob sie lustig gemeint ist: »Freund, bitte, ich brauche auch Ritalin, Geld spielt keine Rolle!« Vielleicht sind wir alle verzweifelter, als wir zugeben wollen.

Ganz abgesehen von den Nebenwirkungen: Es gibt eine zweite Frage, über die ich in diesen Tagen immer wieder nachdenke. Eine moralische. Klausuren sind Konkurrenzkämpfe, es geht darum, sich mit den Kommilitonen zu messen. Noten orientieren sich selten an einem objektiven Maßstab, sondern an der Leistung des Besten, der Einskommanull. Was, wenn ich die beste Klausur schreibe? Verzerre ich den Notenspiegel? Macht mich das zu einem Dopingsünder, zu einem, sagen wir, Lance Armstrong der Wissenschaft?

Ich frage den Frankfurter Moralphilosophen Marcus Willaschek. »Es gibt einen Unterschied zwischen Sport und Wissenschaft«, sagt er. »In der Wissenschaft geht es nicht um das Gewinnen, sondern um Erkenntnis. Jemand, der dopt, nutzt also der Wissenschaft, weil er die gemeinsame Sache voranbringt. Anders ist es in Prüfungen, weil Noten nach der durchschnittlich erwartbaren Leistung vergeben werden. Wenn Prüfungskandidaten dopen, verschlechtern sich mittelfristig die Noten derjenigen, die nicht dopen. Das ist ähnlich unfair wie im Sport.«

Da hat er recht. Nur: Kann ich es mir leisten, mich daran zu halten? Kann ich meinen Kommilitonen trauen? Sie würden an meiner Stelle dasselbe tun, oder? Und ist ein Spickzettel nicht auch Doping - ein erschlichener Vorteil? Der Ehrliche ist doch immer der Dumme, oder nicht?

Nachdem mir klar wird, dass ich durch einen Spickzettel immerhin niemand anderen dazu zwinge, sich selbst mit Psychopharmaka aufzuputschen, beschließe ich, etwas zu finden, das harmloser ist als Ritalin. Ich erzähle meiner Apothekerin von den Problemen beim Lernen. Sie schaut mir über ihr Brillengestell hinweg lange in die Augen und verkauft mir schließlich Koffeintabletten für den Tag und Baldriantropfen für die Nacht. Ich beschließe eine Doppelstrategie: Alle zwei Tage nehme ich Ritalin, dazwischen Koffein, Baldrian und Vitamintabletten.

An den Koffein-Tagen ist die Bibliothek für mich ein sehr trauriger Ort, Neurologen nennen das den »Rebound«. Mein Körper ist an den Ritalin-Putsch gewöhnt und vermindert vorsorglich seine Leistungsfähigkeit. Das Koffein macht mich zwar wach, aber schon das Lesen einer ganzen Buchseite fällt mir schwer. Die Ritalin-Tage hingegen sind intellektuelle Feuerwerke, fast Orgien der Schaffenskraft. Ich fange an, die Ritalin-Tage zu mögen. So sehr, dass mir der Gedanke, dass dieser Selbstversuch einmal zu Ende sein wird, gar nicht gefällt. Ich mag das Euphoriegefühl, das Ritalin mir verschafft, und die Leistung, zu der ich dadurch imstande bin. Ich gefalle mir, wenn ich Ritalin genommen habe.

Das Vertrackte an Medikamentensucht: Man verpasst den Zeitpunkt, an dem man die Kontrolle verliert. Meine Tabletten gehen zur Neige. Ich suche nach einem Vorwand, mir noch ein Päckchen zu besorgen, und rufe jemanden an, der ein »Gehirndoping« dann und wann befürwortet.

Der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky sagt: »Es ist ungerecht, wie ungleich wir geboren werden. Warum wollen wir es jemandem verbieten, der von Geburt wenig intelligent ist, sich mit Pillen ein kleines bisschen schlauer zu machen?«

– Zum Beispiel wegen der Nebenwirkungen?

– »Viele Menschen nehmen Substanzen, die dem Körper auch schaden, Koffein, Nikotin. Diese Menschen entscheiden für sich, dass der Schaden kleiner ist als der Nutzen.«

– Ist es nicht traurig, auf Pillen angewiesen zu sein?

– »Wer Anerkennung bekommt, weil er mit Ritalin mehr leistet, fühlt sich gut. Was sollte daran traurig sein?«

Eben. Was sollte an Gehirndoping traurig sein? Ich überlege, Ritalin auch bei meiner Examensklausur zu nehmen, und frage eine Mitarbeiterin der Prüfungskommission, ob denn Ritalin gegen die Prüfungsordnung verstößt. Sie antwortet mir noch am selben Tag: »Darüber haben wir noch nie nachgedacht! Wenn derjenige, der sich aufputscht, nicht auffällig wird, kann er seine Prüfung schreiben. Wenn aber andere durch sein Verhalten gestört werden, wird er den Klausurraum verlassen müssen. Auch wenn jemand vor der Prüfung zu viel Tequila trinkt, würden wir so reagieren!«

Am Tag meiner Klausur stehen Studenten vor dem Prüfungsgebäude und rauchen. Ich gehe hinein und setze mich. Ich will ganz offen dopen. Die orangefarbene Pappschachtel liegt auf meinem Tisch. RITALIN, 10 mg, Wirkstoff: Methylphenidat. Bei der Tour de France würden sie mich jetzt verhaften, später würde ich in einer Pressekonferenz sitzen, und ich würde von Missverständnissen reden und von falschen Unterstellungen. Bei der Magisterprüfung aber darf ich das alles, und zehn Minuten nachdem ich die Pille geschluckt habe, fühlt es sich wieder an, als trüge ich Scheuklappen. Vier Stunden lang schreibe ich, fast ohne aufzublicken, Seite um Seite. Einmal gehe ich auf die Toilette und bin selbst dort so fokussiert, dass ich beim Händeföhnen vergesse, dass ich eine Klausur schreibe.

Es war meine letzte Tablette. Für die Klausur gab es eine 1,3. Nicht schlecht, aber in einer anderen – in der ich nicht gedopt war – gab es eine 1,0. Was bleibt also von diesem Selbstversuch, außer dem »Rebound«, der nicht nur die Leistungsfähigkeit senkt, sondern auch die Laune schlechter macht?

Ich weiß es nicht. Wer sagt, Ritalin helfe nicht, lügt. Es schlägt nicht bei jedem an, aber aus mir hat es den Studenten gemacht, der ich sein sollte: hellwach, fokussiert und diszipliniert. Und einen Menschen, der ich nicht sein will: zwanghaft und unentschlossen. Ich hatte keinen Hunger mehr und keinen Durst, ich wusste nicht mehr, welche CD ich hören und welche Hose ich anziehen wollte. Wenn die Wirkung nachließ, wurde ich unkonzentrierter als vorher, und statt mich zusammenzureißen, überlegte ich, wo ich wieder Ritalin herbekommen konnte. Außerdem ist es kein gutes Gefühl, jemand zu sein, der über einem Handföhn seine Abschlussklausur vergisst. Ich habe versucht, das meinen Freunden zu erklären, und erzählt, was Gerald Hüther, der Neurologe, meinte: »Ritalin ist eine Gefahr für unser gesamtes Bildungssystem.«

Ich habe meine Freunde gefragt, ob sie mich verstehen. Sie fragten zurück, ob ich noch welche von den Pillen übrig habe.


Ob es dieser Artikel war oder der Artikel, der diesen Autor und angeblichen Studenten dazu veranlasst hat, Ritalin im "Selbstversuch" zu nehmen, weiß ich nicht, jedenfalls erschien vor einer guten Woche unsere Älteste mit der Idee, ihre Anfangsschwierigkeiten mit dem Lernstress einer Psychologiestudentin zusammen mit einer Frewundin, von der sie diese Idee angeblich hatte, auch Tochter eines Arztes, im "Selbstversuch" unter Ritalin auszutesten. Sie wollte mal wissen, was ich davon halte. Falls sie Verständnis erhofft hatte, ist sie bitter enttäuscht worden, genauso wie ich, der mehr Kindern diese Drogen entzogen als notgedrungen bei kopfstehenden Eltern, Lehrern und Kollegen verschrieben hat.

In ihren letzten 21 Jahren hat unsere frisch gebackene Psychologiestudentin von uns so gut wie nie irgendein Medikament bekommen, geschweige denn Spritzen. Daher kennt sie auch keine Nebenwirkungen. Ist sie deshalb so naiv und unkritisch? Was sich die jungen Leute dabei denken? "Hast Du ein Problem, dann nimm etwas", ist nach wie vor eine verbreitete gesellschaftliche Ansicht. "Selbstversuch", wie man das heute wohl pseudowissenschaftlich nennt, ist auch ein Begriff aus dem zitierten Zeit-Bericht. Vielleicht stammt die Anregung ja doch aus solchen Artikeln. War er nicht abschreckend genug?

Ich habe davon gehört, dass Schüler und Studenten meiner Generation z.B. Beta-Blocker vor Prüfungen eingenommen haben. Ich fand das schon immer abstrus. Und jetzt: Koks für Studenten auf Rezept. Dabei zeigt auch dieser Bericht: Ritalin macht aus gesunden Menschen mit ein paar physiologischen Grenzen der Leistungsfähigkeit medikamentöse Autisten und emotionslose Zombies. Nicht mehr und nicht weniger. Eine armselige Gesellschaft, die solche gedopten Jungakademiker braucht oder arme Jungakademiker, die glauben, sie bringen unsere Gesellschaft mit solchen Selbstbehandlungen weiter. Vermutlich denken sie gar nicht soweit. Sie selbst wollen weiter kommen: Um jeden Preis!

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

19

Donnerstag, 4. November 2010, 07:50

lieber michael,

beta-blocker als angsthemmer ist immer noch aktuell. eine freundin von mir bekam wie verschrieben, da sie massive prüfungsangst hatte. sie setzte sie höchst selten ein. ob es einen wirklichen erfolg hatte - oder es sich lediglich um "einbildung" handelte, kann sie nicht sagen.

von meinen "verbesserungs"-medikamenten habe ich auf jeden fall eines bekommen: alle möglichen nebenwirkungen, so dass die krankheit an sich auf einmal nicht mehr das problem war, sondern die pillen (ich nahm sie wegen meiner extrem häufigen migräneanfälle). das ganze ging über mehrere jahre. ich nahm u.a. beta-blocker als migräneprophylaxe.

jetzt nehme ich fast nichts mehr und mir geht es um welten besser. die pillen haben mich krank gemacht. den arzt habe ich gewechselt !!!!!

jetzt will ich nicht mehr um jeden preis schmerzfrei sein sondern ziehe mich dann zurück mit eisbeuteln rund um den kopf. ich denke ein rückfall in die pillenfalle wäre sehr sehr einfach .... wer von meinen freunden oder bekannten kein verständnis hat - der kann bleiben wo der pfeffer wächst. ich muss nicht versuchen krampfhaft zu "funktionieren" .... klappt mit tabletten ja noch weniger.

LG*susa
"Eine Erfolgsformel kann ich den Menschen nicht geben, aber ich kann ihnen sagen, was zum Misserfolg führt: der Versuch jedem gerecht zu werden."

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20

Freitag, 5. November 2010, 23:38

"Angsthemmer"

Zitat

Original von susa
lieber michael,

beta-blocker als angsthemmer ist immer noch aktuell. eine freundin von mir bekam wie verschrieben, da sie massive prüfungsangst hatte. sie setzte sie höchst selten ein. ob es einen wirklichen erfolg hatte - oder es sich lediglich um "einbildung" handelte, kann sie nicht sagen.


Es gibt sicher eine Menge Alternativen! Ein gut ausgebildetes Selbstbewusstsein, ausreichende Vorbereitung und jeder kann sich damit einer Prüfung in seinem Interessensgebiet stellen. Doch es gibt auch tief in negativen Erfahrungen verwurzelte neurotische Ängste in Prüfungssituationen. Da lohnt es sich auf jeden Fall, sich den Ursachen zuzuwenden statt die Symptome mit nebenwirkunsgreichen Medikamenten zuzudecken.

Kürzlich wurde ein Patient zu mir geschickt, der wegen einer störenden ADHS-ähnlichen Symptomatik aus Sicht der Schule eine Stimulanzienmedikation erhalten sollte. Gedächtnistörungen, Unkonzentriertheit, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und Hyperaktivität seien zu beobachten gewesen. Gleichzeitig erhielt das Kind wegen Migräne Beta-Blocker und wegen Asthma Kortison-Inhalate.

Leider können die seit Jahren verordneten Medikamente in seltenen Fällen auch die geklagten Symptome als Nebenwirkungen hervorrufen. Zudem verstärkt insbesondere der verwendete nicht selektive Beta-Blocker Dociton (Propranolol) Asthmasymptome oder ruft sie gar hervor, während das Kortisonpräparat, das gegen das Asthma des Kindes verschrieben wurde, u.a. Reizbarkeit hervorrufen kann. Diese inhalativen Kortikoide vermindern aber nur die Entzündungsreaktion, nicht die Bronchoobstruktion, die Dociton hervorrufen kann. In seltenen Fällen bewirkt sogar das Kortikoid eine Bronchobstruktion, ferner psychische Nebenwirkungen wie Ängste, Unruhe, Schlafstörungen, Hyperaktivität.

In solchen Fällen hat der behandelnde und Medikamente verordnende Arzt eine schwierige Aufgabe und große Verantwortung, die Wirkungen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen verschiedener Arzneien "gegen" verschiedene Erkrankungssymptome miteinander abzuwägen. Damit die Folgen abschätzbar werden, müssen die Wirkungen und Nebenwirkungen natürlich regelmäßig abgefragt bzw. von den Patienten auch berichtet werden.

Zitat

Original von susa
von meinen "verbesserungs"-medikamenten habe ich auf jeden fall eines bekommen: alle möglichen nebenwirkungen, so dass die krankheit an sich auf einmal nicht mehr das problem war, sondern die pillen (ich nahm sie wegen meiner extrem häufigen migräneanfälle). das ganze ging über mehrere jahre. ich nahm u.a. beta-blocker als migräneprophylaxe.


Ja. Da etwa die seit den 60er Jahren bekannten Beta-Blocker relativ gut verträgliche Medikamente sind und wegen des breiten Indikationsspektrums zur Behandlung unserer "Zivilisationskrankheiten (vorallem coronare Herzkrankheiten, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Ängste und Nervosität, Tremor, Miigräne) viel und zum Teil über Jahre verschrieben werden (2006 fast 2 Milliarden Tagesdosen in Deuschland!), kommen mit der Zeit absolut sowie auch bei jahrelangem höher dosierten Gerauch bei einzelnen Individuen recht viele verschiedene Nebenwirkungen vor.

Zitat

Original von susa
jetzt nehme ich fast nichts mehr und mir geht es um welten besser. die pillen haben mich krank gemacht. den arzt habe ich gewechselt !!!!!


Ein mutiger Schritt und vermutlich hat es anfangs eine Menge Probleme gegeben, die nicht von der ursprünglichen Migräne kamen, sondern von der arzneilich Veränderten und so genannte "Absetzphänomene" oder "Absetzreaktionen", wie zum Teil schwerste Entzugssymptome schamhaft in den Arzneimittelkompendien genannt werden.

Zitat

Original von susa
jetzt will ich nicht mehr um jeden preis schmerzfrei sein sondern ziehe mich dann zurück mit eisbeuteln rund um den kopf. ich denke ein rückfall in die pillenfalle wäre sehr sehr einfach .... wer von meinen freunden oder bekannten kein verständnis hat - der kann bleiben wo der pfeffer wächst. ich muss nicht versuchen krampfhaft zu "funktionieren" .... klappt mit tabletten ja noch weniger.

LG*susa


Das ist eine schmerzliche Erkenntnis, dass man mit mehr Medikamenten langfristig doch nicht besser "funktioniert". Aber dazu war dieser lange Erkenntnisweg offenbar nötig. Wenn man davon ausgeht, dass jedes Symptom einen verborgenen Sinn hat, der Ausdruck eines grundsätzlicher gestörten Gleichgewichts ist, wird langfristig mit der Bekämpfung des Symptomes ohne ein Verständnis dafür die Dauerverschiebung dieses Gleichgewichts nicht ohne Auswirkungen auf die gesamte Selbstregulation (mit dem Ziel der Homöostase) bleiben, da das Individuum zunächst mit der Symptombehandlung jeden Anlass zur gründlichen Sanierung verliert. Ich will damit nicht verkennen, dass es Sitationen und Leidensformen gibt, die auch einmal rasche und wirksame Symptomenkontrolle nötig machen. Es ist nur keine Dauerlösung.

Auch Deine Erfahrung spricht also eindeutig dafür, Kindern eine Dauermedikation mit z.B. "ADHS-Medikamenten" wie Methyphenidat (u. a."Ritalin") und Atomoxetin (Strattera) oder mit anderen Psychopharmaka zu ersparen.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)