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Mittwoch, 21. Januar 2009, 00:59

Sich regen bringt Segen - die Erkenntnisse der Bewegungstherapie

So richtig rott - eine bedenkliche Ausgangslage

Unsere Medizin der Angst aus dem vorvorigen Jahrhundert hat uns in unseren Körper zu „Weichlingen“ gemacht, verfettet, bewegungsfaul, mit teigiger Haut und zähem verbackenen Bindegewebe und verkürzten, verkrampften Muskeln, schief gehalten auf deformierten und entkalkten Knochen. Jammervoll sind wir in allen Körperdingen, ängstlich und wehleidig, weil wir es uns und unserem Körper nicht erlauben, unsere unerhörten und unsagbaren Emotionen auszudrücken: Dort, im Wegbeißen unserer Gefühle, sind wir nämlich wahre „Helden“, autodestruktive Kannibalen, die das Fleisch ihrer Mitmenschen und ihr eigenes verzehren, aber nicht mal verdauen.

"Heilen mit Bewegung", ein Buch von Jörg Blech

Nun haben wir schon an anderer Stelle über die Fitness-Welle und die „Frohmedizin“ eines Dr. Strunz berichtet. Doch diesmal sind es weniger die geschäftstüchtigen Autoren der Anti-Aging-Ära, die von den Segnungen des Sports und der Ertüchtigung erzählen, sondern zahlreiche medizinische Studien, die der Bestsellerautor Jörg Blech („Die Krankheitserfinder“ 2003, „Heillose Medizin“ 2005) in seinem neuen, genau recherchierten und auch für Laien gut zu lesenden Buch „Heilen mit Bewegung“ (2007) und "Bewegung" (2oo7) zitiert und auswertet.

Der studierte Biologe und Biochemiker Blech, der sich als Medizin- und Wissenschaftsautor und dabei besonders auch als Kritiker übertriebener und kostentreibender Schulmedizin einen Namen gemacht hat, ist mit vielen Bewegungs- und Sportmedizinern überzeugt: Bewegung heilt, verhütet frühzeitige Invalidität und körperliche und geistige Vergreisung, erhält Mobilität und Autonomie und hat ein bedeutsames Einsparungspotential bei den ansteigenden Gesundheitskosten in den Industrieländern.

Medizinische Studien belegen Nutzen der Bewegung

Studien belegen, dass ein Mangel an Bewegung bei mehr oder weniger gleich bleibender Kalorienzufuhr seit dem zweiten Weltkrieg in den wohlhabenden Industrienationen und jetzt zunehmend auch in den Schwellenländern zu einem enormen Anstieg der so genannten Zivilisationskrankheiten im Zusammenhang mit Übergewicht geführt hat. Sie betreffen das Herz-Kreislaufsystem, den Bewegungs- und Stützapparat, den Stoffwechsel, ja sogar Krebsleiden und Demenzerkrankungen.

Zunehmend unbeweglich: nicht nur die Betagten

Selbst die zunehmenden Unfälle mit Knochenbrüchen im Alter gehen auf einen Mangel an Bewegung zurück. Betagte haben Gleichgewichtsprobleme aus Übungsmangel und muskulärer Schwäche und der schwindende Weichteilmantel aus verkürzten und verkümmerten Muskeln schützt die Knochen und Gelenke immer weniger. Die Knochenstruktur wiederum bildet sich unter mangelnder Bewegungsbelastung zurück und kann Stürzen schlechter widerstehen.

Millionen Menschen werden durch Bewegungsmangel dick, steif, unbeweglich, herzschwach, denkfaul und altern frühzeitig körperlich und geistig, verlieren die Freude am Leben, leiden zunehmend unter Schmerzsyndromen und werden depressiv, verlieren ihre Autonomie, sind zunehmend auf Medizin und Pflege angewiesen und wandern vorzeitig in Pflegeheime. Dabei gibt es keine Medikamente und keine Behandlungsart, die den Bewegungsverlust und Kraftverlust durch mangelnde Bewegung und moderate Belastung aufwiegen könnte.

Schwindet am Ende unsere Lebenserwartung?

Epidemiologen, die diese Entwicklung schon länger beobachten, haben bislang registriert, dass die zunehmende Lebenserwartung in den Wohlstandsstaaten mit einem Anstieg diverser Zivilisationserkrankungen erkauft werden muss. Immer mehr ältere Menschen leben mit immer mehr körperlichen, geistigen und sozialen Einschränkungen immer länger und fühlen sich aber immer schlechter versorgt bei zunehmender Vereinsamung und mangelnder menschlicher Zuwendung. Jetzt wird sogar befürchtet, dass die Lebenserwartungskurve einen Umschlagspunkt überschreitet und die zunehmende Invalidisierungsrate und Multimorbidität Älterer zu einer Abnahme der Lebenserwartung führt.

Der Mangel an Bewegungserfahrung betrifft bereits Kinder

Aber nicht nur die Älteren sind gesundheitlich durch Bewegungsmangel gefährdet. Wir beobachten bei Kindern immer mehr motorisch ungeschickte, koordinativ ungesteuerte, unkonzentrierte, zappelige, unausgeglichene, sozial auffällige Kinder, die statt reichhaltiger Bewegungsangebote lieber den Fernseher, die Playstation, das Nintendo-Gerät und den Computer benutzen, um sich zu zerstreuen wie um sich anzuregen und dabei jede Menge Süßgetränke mit Zucker oder Süßstoffen, fettige Snacks und Süßigkeiten in sich hinein stopfen, bis sie so unförmig werden, dass sie keine große Lust auf Bewegung mehr verspüren, als allenfalls auf den Stuhl herum zu zappeln.

Einüben koordinierter Bewegung unentbehrlich für geistiges Wachstum durch die Entwicklung unseres Nervensystems

Dieses ständige Zappeln müssen die Bewegungsgestörten schon deshalb machen, damit sie nicht vom Stuhl kippen, was dennoch vorkommt und um sich wenigstens minimal zu konzentrieren. Denn Bewegung, Integration der Sinne und der Motorik, so wissen die Ergotherapeuten schon längst, regen des Gehirn zum lernen an, lassen neue Synapsen wachsen und sogar Nervenzellen sprießen, besonders am Beginn des Lebens. Ansonsten drohen den ca. 180 Milliarden Nervenzellen bei der Geburt eine rasche Ausdünnung auf ca. 100 Milliarden. Ein Kind, dass viele motorische Aufgaben während der ersten Lebensjahre bewältigt und sich gut bewegt, erhält sich viele dieser nur scheinbar "überzähligen" Neuronen.

Es gibt eine Entwicklungszeit, in der es leichter fällt, bestimmte Dinge zu lernen und Nervenzellen zu erhalten. Kleine Kinder wollen sich viel bewegen, haben einen inneren Drang dazu und es wäre gut, ihnen jede mögliche Gelegenheit zu geben, ihm nach zu gehen und dadurch Koordination, Geschicklichkeit und die Hirnentwicklung als Ganzes zu fördern. Zu späteren Zeitpunkten ist es trotz der dann manchmal erforderlichen ergotherapeutischen Bemühungen viel mühsamer, Lernprozesse nachzuholen, doch glücklicherweise nicht völlig aussichtslos. Es gibt Hinweise, dass besonders Bewegungsübungen wiederum hilfreich sind, die Neuroplastizität des Gehirns anzuregen, z.B. auch durch Ergotherapie nach Schlaganfällen auch im Erwachsenenalter. Die Bewegungsübungen unterstützen die Reparaturbemühungen des Gehirns, das viele Dinge mit veränderter Struktur neu lernen muss.

Kurzwirksame "Glückshormone" und langfristiger Depressionsschutz für unser Gehirn durch regelmäßige Bewegung

Und daher ist es tatsächlich so, dass regelmäßige Bewegung und z.B. Ausdauersport auch gut für das erwachsene Gehirn und nicht nur das heranwachsende Gehirn ist, damit die Hirnleistung nicht regelrecht im Alter "schrumpft" und wir unsere geistige Kapazität erhalten. Die Verbesserung der Koordination auch bei Älteren bewirkt auch da eine Verbesserung der Orientierung, der Konzentrationsleistung und der geistigen Flexibilität. Und als besonderes Bonbon hat das Gehirn etwas vom "Flow" ausdauernder Bewegung, wenn wir unsere Muskeln mit der passenden rhytmischen Atmung anstrengen: kurzeitig wirksame körpereigene Endorphine, "Glückshormone", können ekstatische Gefühle hervorrufen während der Anstieg anderer Botenstoffe (Transmitter) durch regelmäßige Bewegung langfristig antidepressiv wirkt.

Das antidepressiv wirksame hirneigene Serotonin-Transmitter-System wird auf natürliche Weise durch regelmäßige Bewegung angeregt und wirkt sich ganzheitlicher und vorallem langfristiger im Sinne einer Tendenz zum positiven Denken aus, als wenn man künstlich versuchen würde, mit nebenwirkungsreichen Medikamenten nach dem Gieskannenprinzip, etwa durch "selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer" (moderne SSRI-Antidepressiva) durch Rezeptorblockaden im praesynaptischen Spalt eine vorübergehende Serotoninerhöhung im synaptischen Spalt zu erzeugen. Der intelligent konzipierte Körper kann die Feinregulierung seiner Bedürfnisse in der Regel besser selbstständig steuern, wenn man ihm dafür die Gelegenheit gibt und ihn lediglich anregt, z.B. besonders durch regelmäßige körperliche Bewegung am besten an der frischen Luft.

Ein Mangel an Bewegungserfahrung begünstigt ADHS-Symptomatik

Es gibt ernstzunehmende Hypothesen darüber, dass das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom "ADHS" auch viel mit einer unzureichenden Unterstützung der motorischen Entwicklung unserer Kinder zu tun haben könnte, die einseitig ihren visuellen Sinn trainieren und die sensomotorische Koordination, das heißt die Verknüpfung aller Sinne und der Bewegungsleistung vernachlässigen. Die Kinder sitzen und liegen zu viel vor medialen Ablenkungen, die die Stimulation und Beruhigung übernehmen, während der Bewegungsapparat und die Gleichgewichtskoordination unter Anregungsschwund leiden. Mühsam versuchen dann Krankengymnasten und Ergotherapeuten das Versäumte mit den unruhigen und ungeschickten nachzuholen, die durch unwillkürliches und ungesteuertes Gezappel zumindest noch das Bedürfnis des Körpers nach Bewegung ausdrücken, das aber von einer rigiden Kindergarten- und Schulpädagogik als störendes Symptom gleich wieder bekämpft wird.

Daher verwundert es auch nicht, dass so genannte ADHS-Kinder viel von Bewegungstherapie, Ergotherapie, Gemeinschaftssport, Koordinationübungen und angeleitetem Bewegungsspiel und Wahrnehmungstraining in der Psychomotorikgruppe profitieren und damit langfristig bessere Ergebnisse erzielen, als durch Psychopharmaka vom Stimulanzientyp, die zwar die Reaktionsweisen der Kinder kurzfristig mit einigen Nebenwirkungen und Risiken verändern, aber zu keiner dauerhaften Besserung führen, die von innen heraus, durch Fühlen und Bewegung kommen müsste. Diese Kinder benötigen geradezu das Herumtollen und Toben, den Körperkontakt, das Training und die dabei ebenfalls zu lernende Sozialkompetenz, um körperlich, seelisch und geistig wieder zu wachsen.

Seit der Steinzeit ist unser Körper perfekt für Bewegung, Laufen und körperliche Anstrengung konstruiert

Woran liegt die gesamt Misere unserer körperlichen und geistigen Verarmung? Bewegungs- und Sportmediziner sind gleichermaßen überzeugt, dass unser Bewegungsmangel mit Muskelschwund, Verfettung, metabolischer Entgleisung und Osteoporose unseren noch nach steinzeitlichen Erfordernissen konstruierten Sportlerkörper, der als Dauerläufer, Jäger und Sammler und später als vor allem körperlich arbeitender Mensch ständig seine gesamte Muskulatur benutzen musste, restlos überfordern. Wir können unseren Stoffwechsel nicht mehr in Ordnung halten, ohne eine genügend große, trainierte Muskelmasse zu haben. Und darunter leiden letztlich sogar Seele und Geist!

Auch die körperlichen Reaktionen auf psychische und soziale Stressoren funktionieren noch so, wie in der Steinzeit

Unser Erregungssystem arbeitet ebenfalls noch auf steinzeitlichem Niveau, genau wie damals die Organismen unserer Jagdtiere und der uns bedrohenden Raubtiere. Manifeste körperliche Bedrohungen durch Angriffe wilder Tiere, bei der Jagd oder im Kampf Mann gegen Mann haben in einer Zivgilisationsgesellschaft außerhalb kriegerischer Großkonflikte abgenommen. Aber wir empfinden auch psychologisches Ungemach durch zivilisatorische Stressoren oft noch "instinktiv" als lebensbedrohlich. Wir leben immer enger zusammen und geraten psychologisch in sozialen Stress, wenn wir um unsere territoriale Integrität und unseren körperlichen Schutz bangen. Die Kultur verlangt von uns, dass wir diesen Stress innerhalb einer Gesellschaft ohne Aggressivität oder gar Gewalttätigkeit ertragen, um des "harmonischen" sozialen Zusammenlebens willen.

Sozialer und psychologischer Stress werden unserem Körper gefährlich

Aber unser Körper kann mit dieser guten Absicht wenig anfangen. Wenn wir Psychostress aufgrund sozialer Faktoren wie Anpassungsdruck unter Enge empfinden, mobilisiert unser Körper unter Leitung des Gehirns Stresshormone wie bei einer körperlichen Bedrohungssituation. In Erwartung eines körperlichen Angriffs bereitet sich unser Körper unter Nutzung des sympathischen Nervensystems auf Flucht oder Kampf vor: Flucht, wenn unser Überleben im Kampf aussichtslos erscheint und Flucht noch möglich ist, Kampf, wenn wir eine reelle Chance des Obsiegens wittern. Der Stoffwechsel stellt das höchste Maß an Energie und Reaktionsbereitschaft für die Körperliche Kampf- oder Fluchtsituation bereit: Adrenalin steigt an, Cortisol, Schilddrüsenhormone, Testosteron. Unsere Muskeln sind gespannt und voll Blut gepumpt, unser Herz schlägt schneller und kräftiger, unsere Atmung ist schneller und vertieft, unsere Sinne sind nur auf die vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung gerichtet, Reserven werden mobilisiert. Alle anderen unnötigen Verbraucher werden weitgehend abgeschaltet, die Verdauung z.B. oder differenzierte Denkvorgänge des Gehirns.

Nun kommt es in zivilen und psychologischen Konflikten erwünschter Weise aber meistens nicht zu tätlichen Auseinandersetzungen. Manchmal schreien wir nicht einmal. Wir verstauen die Emotionen in unserer Muskulatur und bleiben mit zusammen gebissenen Zähnen, gesträubtem Nackenfell und geballten Fäusten stumm und starr. Der Körper muss diese geballte Energieladung aushalten und die Stresshormone langsam wieder bei äußerer Entwarnung zurückfahren, oft ohne die bereitgestellten Kräfte in Bewegungsenergie umzusetzen. Sie stauen sich an, verspannen unsere Muskulatur, treiben unseren Blutdruck in die Höhe, schädigen unsere Gefäße, verleiten uns dazu, unsere Erregung mit Ersatzhandlungen herunter zu regulieren, statt durch Muskelarbeit abzubauen, da uns dafür Gelegenheit oder das Konzept fehlt.

Stressabbau durch Bewegung verhilft uns zu Ausgeglichenheit und Gesundheit sowie sozialer Gelassenheit

Wenn wir unseren durch Stresshormone aufgepumpten, zu körperlicher Höchstleistung im Kampf oder bei der Flucht bereiten Körper nicht einfach in eine psychologisch oder sozialbedingte Starre schicken, sondern mit gezielter Muskelarbeit und Bewegung zur Entladung und Energieabfuhr bringen können, werden wir langfriustig keine negativen Folgewirkungen wie Daueranspannung mit Blutdruckerhöhung, Muskelhartspann und vegetativen Störungen riskieren. Wir entspannen uns in der Bewegung oder führen unsere Auseinandersetzungen sozial verträglich und mit einer Portion Spaß im sportlichen Wettkampfspiel innerhalb sozialer Normen mit unseren Spielgegnern, wobei wir zusätzlich noch etwas für den Zusammenhalt in der Gemeinschaft tun.

Wir drücken unsere inneren und äußeren Auseinandersetzungen auch nicht in den Kopf und planen an unsren Schreibtischen hässliche Dinge, sondern bleiben langfristig entspannt und ausgeglichen, ohne Hassgefühle zu züchten. Gleichzeitig kommen wir zur Besinnung und lösen uns von den Bedrohungszerrbildern, was uns hilft, langfristig andere Strategien im Umgang mit psychologischem und sozialen Stress zu entwickeln und die Entstehungsbedingungen von Angst und Ärger zu verstehen und sie damit besser zu beseitigen, als uns das zuvor gelungen wäre. Im Sinne eines positiven Lernens behalten wir erfolgreiche Strategien bei. Menschen, die regelmäßig Sport treiben sowie Mannschaftsspiele, könnten durchaus die ausgeglicheneren und friedliebenderen Zeitgenossen sein, die freundlicher und entspannter mit sich und anderen umgehen.

Anspannung und Entspannung - ein Exkurs in die Biodynamik

Sowohl die Muskelphysiologie als auch z.B. die Erkenntnisse der Körperpsychotherapie und vor allem der Biodynamik innerhalb dieser Therapierichtung lehren uns, dass bloße Anspannung allein nur zu einem einzigen Bewegungsmoment führen würde - wenn überhaupt - und nicht zu einem koordinierten Bewegungsablauf, denn natürlich gehört zur Bewegung mindestens eines Gelenkes auch immer der Gegenpol der Entspannung. Lediglich die Muskelanspannung bei festgestelltem Gelenk bewirkt eine Bewegung des Muskels selber, der sich dann wie ein Mäuschen ("Musculus") "buckelt", aber das Gelenk bleibt dann durch die Fixationshaltung mittels gleichzeitiger Anspannung der Antagonisten oder mechanischer Fixierung unbewegt. Nur die Entspannung der Antagonistenmuskulatur erlaubt das vollständige Bewegungsausmaß der Agonisten bei der Gelenkbewegung. In der Praxis kommt es über koordiniert gleichzeitig ablaufende erregende und hemmende Nervenimpulse bei Willkürbewegungen durch aufeinander abgestimmte Anspannung und Entspannung zur Gelenkbewegung.

Aber auch in der übergeordneten Betrachtung ist das Moment der Entspannung ungeheuer wichtig. Die Entspannung gibt es definitionsgemäß natürlich nicht ohne die Anspannung. Hier soll aber der Entspannungsteil kurz betrachtet werden. Während in der Bewegungsphase Agonisten als aktive Beweger anspannen und Antagonisten als passivere Halter zumindest teilentspannen müssen, muss die zuvor aktive Muskulatur der bewegenden Agonisten anschließend zumindest teilweise, so lange sie auch noch passiver hält, oder weitgehend entspannen, wenn die Bewegung zurückgeführt wird. Zur Gesamterholung ist möglichst vollständiges Entspannen wichtig. Dies entspricht auch dem biodynamischen Erregungsverlauf in jeder Zelle, exemplarisch sehr gut am Aktionspotential der Nervenzelle darstellbar, und gesamtorganismisch z.B. bei der psychophysischen Erregungsverarbeitung.

Wenn Erregungen nach Ladung und Entladung nicht vollständig über Entspannung, Erholungsphase und Wiederherstellungsphase auf das physiologische Grundniveau der Erhaltungsenergie der Zellen (dadurch wird der Grundumsatz des Organismus verursacht) zurückgeführt, also "verdaut" und verbraucht werden, geschehen im Wesentlichen drei Dinge: Ein nicht in mechanische oder emotionale Bewegung oder in Wärme umgewandelter Ladungsrest muss erstens im Organismus untergebracht bleiben, da Energie nicht einfach verloren geht. Diese Energie führt hauptsächlich zu Anspannungsphänomenen in den dafür geeigneten Körperarealen, insbesondere also in Muskelgruppen, die unseren Körper wie "Einschnürungen" oder Gürtel ummanteln. Die Energie wird im Bindegewebe fixiert und absorbiert gehalten und muss außerdem zweitens durch Kräfte zehrende Haltearbeit verhärteter, schwer arbeitender und fast unbeweglicher Muskelpartien ständig weiter unterhalten und ernährt werden, was zu einem fortwährenden Kräfteabfluss fast wie bei einem Erdschluss eines kurzgeschlossenen Stromleiters führt. Drittens führt die nicht über die Entladung und Erholung zur Wiederherstellung zurückgeführte Anspannungsenergie nach einer Haltearbeit, nach einer Bewegung oder nach einer Emotion ("nach außen gerichtete Bewegung" im Sinne von Ausdruck) logischerweise zu einem Erholungs- und Wiederherstellungsmangel: Die entsprechenden Strukturen, die betroffene Muskulatur oder der gesamte beteiligte physio-emotionale Apparat ist nicht mehr so erregbar, nicht mehr so leistungsfähig, beweglich und schwingungsfähig, wie nach vollständiger Erholung und Wiederherstellung.

Es ist keine Frage, dass ein solcher Mechanismus unbewusst teilweise sehr erwünscht abläuft, um uns fast reflektorisch vor dem Bewusstwerden von Traumata und deren Gefühlsenergie wie Traurigkeit, Ohnmacht, Wut und Schmerz zu "schützen". Es könnte als eine körpergestützte Notfallreaktion der Psyche verstanden werden, die durch "neurotisierende" Schockeinwirkung getriggert wird. Nur zahlen wir für diesen "Schutz" im Vergleich zur energetisch erstrebenswerteren Durchlässigkeit einen hohen Preis an Unbeweglichkeit, Erstarrung und Energievernichtung durch eine Arbeit, die letztlich das Leben schützen sollte, aber die Lebendigkeit vermindert. Und diese lang dauernde und willkürlich dann nicht mehr gründlich zu beeinflussende Unbeweglichkeit und Kräfte zehrende Daueranspannung kann nicht nur zu einem bleibenden sowohl psychischen wie körperlichen Problem werden, der Nutzen der Schutzhaltung zehrt sich durch dessen unerwünschte Begleitwirkungen nicht nur auf, er wirkt sich oft in das Gegenteil aus. Das ist ja auch kein Wunder in einem agonistisch-antagonistischen System.

Der Wert der "Faulheit" - Zeit für die Verdauung

Schauen wir uns zum Ende dieses biodynamischen Exkurses noch einmal unsere steinzeitlichen Vorfahren oder heute noch existierende Jäger- und Sammlerkulturen an. Das Leben war ohne Zweifel von harter körperlicher Anstrengung und einem Zwang zu länger andauernder Ausdauerleistung geprägt. War jedoch das Ziel der Anstrengung erreicht, Gefahrenabwehr, Beutemachen bei der Jagd und Zerlegung der Beute z.B., kam eine Phase intensiver Entspannung. Die Jäger und ihre Sippen ließen sich wenn möglich an Ort und Stelle nieder oder bewegten die Beute zu einem sicheren Ort und schlugen sich "unmäßig" die Bäuche voll, bis sie schwerfällig und kugelrund so gut wie ausschließlich mit Verdauungsarbeit beschäftigt waren. Während dieser Zeit ließen sie in Erzählungen ihre Abenteuer Revue passieren und verdauten sie psychisch, während ihre Körper sich erholten. Wunden heilten und die Kraft wiederhergestellt wurde. Diese Menschen nahmen sich nicht nur ihr "Recht auf Faulheit" wie auch heute satte Raubtiere, sie benötigten die "Faulheit", die Totalentspannung und vollständige Verdauung zum physischen Überleben.

Die Funktion der Muskulatur

Gehen wir nach dem Exkurs über den Wert der Enspannung noch einmal auf die globale Funktion der Muskulatur und der durch sie bewirkten Bewegungsaktivität für unseren Organismus ein. Wie funktioniert und wächst nun so ein Muskel, der für unsere Bewegungsaktivität wie für unseren Stoffwechsel und schlicht für unser Überleben so wichtig ist? Ein Muskel benötigt regelmäßige Bewegung und Anstrengung, um sich zu erhalten, ansonsten wird er dem Körper zur Belastung und wird abgebaut, damit er nicht nutzlos herumgeschleppt und ernährt werden muss. Muskulatur übernimmt, wie wir jetzt wissen, eine wichtige Rolle bei Beweglichkeit, Stabilisierung, im Zuckerstoffwechsel, bei der Fettverbrennung und sogar bei der Pumpfunktion in den Gliedmaßen. Auch das Herz ist ein Muskel.

Ein schlaffer, verfettender Körper neigt zu Haltungsschäden, hohem Blutdruck, Herzschwäche, Herzinfarkt durch Arteriosklerose, weiteren Gefäßverschlüssen, Diabetes, Gelenk-, Knorpel und Knochenschäden, Knochenschwund, Verlust von geistiger Spannkraft und Lebensfreude. Und das alles passiert auch ganz ohne sinnlose Aggressionsschübe in psychologischen und sozialen Stresssituationen, die nicht in Handlungsenergie abgeleitet werden, sondern auch schlicht durch Nichtbenutzung unserer Bewegungs- und Haltemuskulatur, sobald wir uns ihrer nicht mehr regelmäßig bedienen.

Integrierte Körperfunktion von Muskulatur, Nervensystem und Stoffwechsel

Die Muskeln, Sehnen, das Bindegewebe und die Knochen sind dabei keine dumpfe, unempfindliche Masse. Wir haben eine Unzahl von Sensoren, die uns erlauben, Körperspannung, Körperhaltung, Gleichgewicht, Vibration, Druck mit dem Tastsinn, Temperatur usw. wahrzunehmen. Wir wissen heute, dass sich das Nervensystem und zwar auch die zentralen Anteile Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark sowie der Bewegungsapparat aus aktiven Teilen wie der Muskulatur und mehr haltenden und führenden Teilen wie Bindegewebe, Sehnen, Gelenkkapseln, Knorpel- und Knochengewebe gemeinsam und integrativ entwickeln, damit hohe Koordinations- und auch Denkleistungen langfristig möglich werden.

Außerdem wissen wir, dass Muskeln nicht nur Bewegungsmotoren sind, sondern auch sehr viel Haltearbeit, Schutzfunktion und Stoffwechselleistungen übernehmen. Die Muskulatur ist ein komplexes, außerordentlich intelligentes funktionales System für einen Menschen, der ein Beweger und Bewegter ist und kein Standbild. Die Muskeln bilden im Gesamtorganismus ein vielschichtiges, sehr wichtiges und zentrales Organ, weshalb die antiken Philosophen schon zu recht vermuteten, dass zu einem gesunden Geist auch ein gesunder Körper gehört und zu einem gesunden Körper eben Bewegung, Übung, "Gymnastik". Und wer wollte leugnen, dass auch der Kopf und das Gehirn ein Teil des Körpers sind oder dass jede Zelle, auch die Muskelzelle, ihre eigene Intelligenz, also Geist hat?

Geist, Seele und Körper im Einklang durch Bewegung

Dass geistige Spannkraft aber auch Entspannungsfähigkeit eng mit körperlicher Übung und Aktivität zusammenhängen kann und auch die Seele die Bewegung benötigt, uns Seelisches bewegt und genauso körperliches Wohlbefinden sich heilsam auf unser Seelenleben auswirkt, wissen wir aus spirituellen Erfahrungen und Schulen seit Jahrtausenden. Es gibt durchaus bewegte Meditationen. Zen ist nicht nur Sitzen, sondern auch das Putzen des Mediationsraumes und das Fegen und Rechen des Kies-Gartens. Im Benediktinerkloster hieß es "ora et labora", Gebet und Arbeit und Angehörige von Sufi-Orden sind als tanzende Derwische und mit weit ausladenden Schaukelbewegungen im Meditationssitz äußerst lebendige Meditierer. Auch das Yoga sowie tantrische Praktiken haben Bewegung integriert und Tai Chi ist nicht nur Bewegung, sondern auch Meditation. In der Psychotherapie des Westens hat sich folgerichtig auch die Körperpsychotherapie entwickelt, um psycho- und biodynamische Abläufe zu reintegrieren und zu verstehen.

Die Funktion der Atmung

Ein ganz wichtiges Bindeglied ist bei all diesen Ansatzpunkten die Atmung. Die äußere Lungenatmung bringt den Sauerstoff in die Lunge und von dort ins Blut und führt Kohlendioxid ab. "Atmungsvorgänge" sind auf zellulärer Ebene chemische Redoxvorgänge, die der Bereitstellung von Energie mittels Elektronenübertragung dienen, durch die bei der "Zellatmung" energiereiche Phosphate aufgebaut werden. Diese Vorgänge finden in allen Zellen statt, besonders schnell aber in den Muskelzellen und zwar sauerstoffunabhängig oder anaerob in den schnellen Hochleistungsmuskelfasern, die Glucose verstoffwechseln und unter Laktatbildung mit Eingehen einer "Sauerstoffschuld" schnell ermüden und sauerstoffabhängig oder aerob in den Mitochondrien der Ausdauermuskulatur.

Die Atmung ist im übertragenen Sinne auch die Verbindung zwischen Geist bzw. Energie und Materie und hat demzufolge auch bei der Meditation und in den spirituellen Bewegungsübungen eine wichtige Rolle. Sie hat auch eine sehr wichtige Rolle in der Körperpsychotherapie. Ohne die richtige Atmung in neu frei werdende Räume haben körpertherapeutische Manipulationen und Massagen keinen langfristigen Effekt. Die richtige Reizstärke bewirkt eine kräftige Ein- und Ausatmung. Zu starke Reize stocken den Atem, zu schwache beeinflussen ihn nicht. Beim Ausdauersport und auch beim Kraftsport kommt es also auch auf unsere Atmung und die Funktion unserer Atemmuskulatur an.

Das überholte Konzept von Schonung und Bettruhe in jedem Krankheitsfall

Aus der Zeit, da Menschen überwiegend körperlich arbeiteten, ja sich zum Teil schinden mussten, stammt die ärztliche Weisheit, dass bestimmte Erkrankungen und Verletzungen der Schonung und Ruhe bedürfen, um besser zu heilen. Inzwischen weiß man durch ausgedehnte Untersuchungen, dass nicht jeder Schmerz auf eine körperliche Schädigung hinweist, die mit sofortigem Immobilisation durch Bettruhe behandelt werden muss, was man früher teilweise wochen- und monatelang empfahl. Oft bringt erst wieder das moderate Training und der gezielte Muskelaufbau eine Rückgewinnung von Beschwerdefreiheit, Beweglichkeit und Stärkung des gesamten Körpers. Auch das Konzept der Bettruhe wäre somit nur sehr bewußt und indiziert sowie meist viel kurzfristiger anzuwenden, soll sich der Nutzen einer Entlastung nicht bald in sein Gegenteil verkehren.

Die Bettruhe, früher oft über Wochen empfohlen, bringt nämlich auch einige Risiken mit sich. Die Muskulatur wird abgebaut, verkümmert, verkürzt sich; Kraftlosigkeit der Skelettmuskulatur und sogar des Herzmuskels sind die Folgen. Wir verfetten. Die Blutchemie ändert sich, die Gerinnbarkeit des Blutes nimmt zu, der Blutstrom verlangsamt sich, es bilden sich leichter Gerinnsel und dadurch Embolien, wenn sie los gespült werden. Der Bettlägerige atmet nicht mehr tief durch, seine Haut bekommt Druckstellen und der Rücken schmerzt. Auch die Psyche leidet unter der erzwungenen Inaktivität. Richtet sich ein Individuum in dieser Zwangspause schließlich ein, ist es sehr schwer, es vom Wert und der Gefahrlosigkeit angemessener Bewegung zu überzeugen. Es kommt zur unnötigen Invalidisierung.

Heutzutage werden Infarktpatienten nach der kurzen Akutphase nicht mehr wochenlang ins Bett gelegt, sondern in Herzsportgruppen mobilisiert. Gleiches gilt für Diabetiker. Auch Rheumatiker und sogar Arthrotiker und Bandscheibenpatienten profitieren von moderater Bewegungsbelastung, wollen sie ihren Bewegungsspielraum nicht immer weiter verlieren und immer schmerzbeladener werden. Vielfach ist die Bewegungstherapie und der Ausdauersport medizinischen Behandlungsverfahren in kontrollierten Studien überlegen gewesen. Selbst Bandscheibenoperationen brachten in der Regel keine signifikanten Vorteile aber zum Teil erhebliche Risiken.

Regelmäßig moderater Ausdauersport empfohlen

Sich regen bringt also wieder Segen, denn wer rastet, der rostet und so ergeht dann auch die Empfehlung der Bewegungsmediziner, Sportärzte und Physiotherapeuten, sich mindestens eine halbe Stunde am Tag, am besten an fünf Tagen in der Woche, im schnellen Schritt oder gar Lauf zu bewegen, Gymnastik zu treiben und seine Muskeln zu trainieren. Dabei kommt es auf die Regelmäßigkeit an und das Durchhalten, wobei man sich vom öden Zwang und dem Gedanken, man müsse sich irgendwo hinquälen, eher fern halten soll. Da wäre weniger dann mehr, denn man sollte es nicht bis zur Überbeanspruchung als noch Ungeübter übertreiben, sondern sich eher langsam steigern. Der Trainingsgewinn kommt dann schon. Sogar sanfte Bewegungsarten wie Tai Chi kann die körperliche und geistige Beweglichkeit, Geschmeidigkeit und Gesundheit nachhaltig fördern, wie man herausgefunden hat.

Besonders nachhaltig: Bewegungsspaß in der Sportgruppe

Gesundheitssport hat weniger mit Leistung und Zähne Zusammenbeißen zu tun. Gut schneiden daher die Bewegungsangebote ab, die Spaß machen und daher regelmäßig und freiwillig ohne Zwang betrieben werden können, wie Aerobic oder Walken, Laufen und Schwimmen in der Gruppe sowie Tanzen. Besonders Gruppeneffekte sollte man nicht unterschätzen, denn Menschen, die gemeinsam trainieren und Sport in einer Gruppe treiben, bleiben zumeist nicht einsam, haben Spaß und lachen mehr miteinander, was bekanntlich auch eine sehr wirksame Medizin ist. Physiotherapie, die verordnet werden muss, kann hingegen nicht in Eigenregie weiter betrieben werden.

Der Lohn für die Mühen

Hoffnungsvoll stimmt die Erkenntnis der Forscher, dass bereits regelmäßiger moderater Ausdauersport sogar nur zwei bis dreimal in der Woche ausreichen kann, eingebüßte Kraft, Beweglichkeit und Fitness zurück zu gewinnen, sich psychisch besser zu fühlen, den Blutzuckerspiegel, die Blutfettwerte und den Blutdruck zu normalisieren, erholsameren Schlaf zu finden das Immunsystem zu stimulieren und Gleichgewichtsregulation und Konzentration zu verbessern. Selbst in höherem Alter und bereits recht "eingerostet" kann es noch lohnen, mit dem Bewegungstraining zu beginnen, denn die Muskulatur ist auch im Alter noch bereit, sich auf Trainingsreize hin wieder zu stärken und mit der Belastung zu wachsen.

Generell kann man sagen: Jeden Weg, den man laufen kann, sollte man zu Fuß und ohne Fahrrad zurücklegen, jede Strecke, die man mit dem Fahrrad statt dem Auto zurücklegen könnte, sollte man lieber strampeln. Statt einem Aufzug, sollte man Treppen bevorzugen. Wenn es möglich ist, sollte man die Bewegung in der Natur an der frischen Luft nicht vergessen, statt den Hometrainer vor dem Fernseher zu bevorzugen. Neben einer allmählichen Verbesserung der Lebenserwartung und einer Senkung der Erkrankungsrisiken an Zivilisationskrankheiten winkt als Belohnung vor allem eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität und der Selbstzufriedenheit mit langer Unabhängigkeit von fremder Versorgung bis ins hohe Lebensalter.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

2

Mittwoch, 21. Januar 2009, 19:38

RE: Sich regen bringt Segen - die Erkenntnisse der Bewegungstherapie

Nun, zumindest hast Du dich bei Deinem Beitrag geistig bewegt :D . Das ist ja auch schon mal was.

Ist alles schön und gut, was du schreibst. Mich stört nur das "sollte". Was wir alles so "sollen" und dann doch nicht tun, - vielleicht gerade, weil wir "sollen". Die Frage ist, wie wird aus dem "Sollen" ein "Wollen"?

Weißt du`s?

Tania

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3

Freitag, 23. Januar 2009, 12:55

Neue Erfahrungen durch Bewegungslust und Neugier auf Fühlbares

Zitat

Original von Tania
Nun, zumindest hast Du dich bei Deinem Beitrag geistig bewegt :D . Das ist ja auch schon mal was.

Ja, das stimmt. Besonders der bei mir sehr aktive Musculus rotator cerebri war da sehr aktiv. Er bewegte das Hirn wie einen Kreiselkompass in der Schädelhöhle, dass mir ganz schwindelig davon ist. Ich hoffe, ich ziehe mir keine supranasale Ornitose zu.

Zitat

Original von Tania

Ist alles schön und gut, was du schreibst. Mich stört nur das "sollte". Was wir alles so "sollen" und dann doch nicht tun, - vielleicht gerade, weil wir "sollen"


Seufz. Ja, ich gebe Dir Recht. Liest sich fast wie ein neues ärztliches Verordnungsbuch. Gemeint ist aber oft auch der Konjunktiv, da ich ja zum Teil die Erkenntnisse der von Jörg Blech kolportieren Studien wiedergebe und mein Wissen nur zum Teil auf selbst inkorporierter Erfahrung beruht.

Zitat

Original von Tania

Die Frage ist, wie wird aus dem "Sollen" ein "Wollen"?

Weißt du`s?

Tania


Wie Du ja schon eingangs angedeutet hast, "bewege" ich mich sehr mit dem Kopf zu diesen Fragestellungen hin und bewege sie im Kopf. Dennoch: Bewege ich mich körperlich, verschafft mir das oft Zufriedenheit und Genuss. Ein gewisses Maß an Anstrengung, so mein Körperempfinden, will der Körper selber, insbesondere, nachdem er einmal in Gang gekommen und die anfängliche Trägheit überwunden worden ist. Dann kommt wie eine alte Kindheits- und Jugenderinnerung die Lust an der Bewegung aus den Tiefen meines Körpers hervor, natürlich auch manche schmerzhafte Verspannung, die mir dann wieder bewusst wird.

Wenn ich dann noch die Neugier verspüre, nicht nur meine Leistungsgrenzen zu erforschen, sondern lediglich in mich hinein zu spüren, ähnlich wie beim Feldenkrais, und z.B. meine neuen Räume, mein Bewegungsausmaß, aber auch meine Blockaden fühlend und tastend wahrzunehmen, kann daraus eine ganz spannende und unterhaltsame Sache werden. Das mit dem Anstrengen klappt schon ganz gut. Das mit dem Spüren ist noch sehr unterentwickelt und u. a. ein Grund, mich z.B. neu mit Körperpsychotherapie zu befassen.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

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4

Samstag, 24. Januar 2009, 18:30

Lieber Michael,
du hast dir wieder einmal sehr viel Arbeit gemacht um den Besuchern und Mitgliedern des Forums den Inhalt eines Buches nahe zu bringen. "Heilen mit Bewegung" von Jörg Blech kommt also zu der alten Erkenntnis "sich regen bringt Segen", dies gut begründet etc.
Tanjas Frage, wie aus dem "Sollen" denn nun ein "Wollen" werden kann hat bei mir den Gedanken ausgelöst, was denn das überhaupt bedeutet, wenn es heißt "man sollte". Schließlich hören und lesen wir das ja an vielen Stellen und bei vielen Gelegenheiten aber was genau ist denn damit gemeint? Wenn ich also weiß, dass ich mich mehr bewegen "sollte", weil ich mich mit den Glaubenssätzen, die diese Aussage hervorgebracht haben, einverstanden erkläre, dann bleibt immer noch die Frage, was denn passieren sollte, wenn ich es nicht tue.
Es gibt noch viele andere Beispiele, für Dinge, die man sollte oder nicht sollte. Rauchen, zu viel essen, zuviel Alkohol trinken, zu fettreich essen, Süßigkeiten im Übermaß (wer definiert das) essen usw. Dies alles Beispiele die den eigenen Körper und die eigene Gesundheit (falls nicht gerade schwanger) betreffen. Dann geht es ja weiter: wir sollten umweltbewußter leben, keine Ressourcen verschwenden (wie oft darf man duschen), nicht an das denken, was wir nicht haben, sondern an das was wir haben (nicht nicht geht nicht, weiß ich), wir sollten uns mehr um die Älteren, Schwachen, Kranken etc. in unserer Gesellschaft kümmern, den Kindern bessere Bedingungen verschaffen, nicht mit dem Finger auf andere zeigen etc.
Ich habe einige Minuten lang mit einem Kollegen über dieses Thema man "sollte" gesprochen und es sah so aus als wollte er mir zeigen, wie ich es in meinem Leben hinkriegen kann, die Anregungen von Jörg Blech zu befolgen. Vielleicht hat er selbst das schon besser im Griff und er schlug vor, dass jemand, der über bestimmte "Sachverhalte" (Glaubenssätze?) Bewußtheit erlangt hat, dann die Verantwortung übernehmen sollte, für alles was er dann trotz oder wegen dieser Bewußtheit tut.
Dann frage ich mich, wie das dann aussehen kann. Ein Raucher z.B. hat ein (angebl.) größeres Risiko an Lungenkrebs zu erkranken als ein Nichtraucher. Soll also der bewußte Raucher zukünftig weniger vom Gesundheitssystem erhalten, wenn er an Lungenkrebs erkrankt, als wenn er unbewußt wäre oder unwissend? Oder wie sollte die Übernahme der Verantwortung für sein verantwortungsloses Rauchen aussehen?
Und welche weiteren Konsequenzen ergeben sich aus diesem "sollte"? Werde ich vielleicht ausgeschlossen werden aus der Gemeinschaft, wenn ich mich mit meinem Verhalten den mehrheitlich akzeptierten Galubenssätzen widersetze?
Wer bestimmt überhaupt, was "man sollte" und was nicht?
Mir würde es gefallen wenn jemand so ein Buch oder eine Rezension liest und sich sagt: ja, das klingt für mich so überzeugend, dass ich von jetzt an versuchen werde, die Anregungen umzusetzen. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn diese Person dann versuchen würde, andere auch zu überzeugen. Aber bei einem "sollte" schwingt für mich auch immer eine (vielleicht gar nicht absichtliche) Drohung mit, dass wenn das "sollte" nicht in die Tat umgesetzt wird, ich schon sehen werden, was ich davon habe.
Weißt du übrigens, wie alt Buddha geworden ist und welches Trainingsprogramm er täglich durchlaufen hat bei seiner augenscheinlich vorwiegend sitzenden Tätigkeit? Und was ist bekannt über seine Glaubenssätze was Gesundheit angeht? Gesundheit und Krankheit - sollte man eigentlich davon ausgehen, dass es beides einander definiert oder sind das völlig konträre Zustände? Aber das SOLLTEN wir dann vielleicht mal unter einer anderen Überschrift weiterdikutieren.
Liebe Grüße,
Sabine
Sabine

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5

Samstag, 24. Januar 2009, 19:16

Auch Buddha bewegte sich...

Zitat

Original von Sabine

Weißt du übrigens, wie alt Buddha geworden ist und welches Trainingsprogramm er täglich durchlaufen hat bei seiner augenscheinlich vorwiegend sitzenden Tätigkeit? Und was ist bekannt über seine Glaubenssätze was Gesundheit angeht? Gesundheit und Krankheit - sollte man eigentlich davon ausgehen, dass es beides einander definiert oder sind das völlig konträre Zustände? Aber das SOLLTEN wir dann vielleicht mal unter einer anderen Überschrift weiterdikutieren.
Liebe Grüße,
Sabine

Ja, Sabine, Deine grundsätzlichen Fragen und Anregungen eröffnen eigentlich ein neues Thema. Grundsätzlich würde mir eine bewußte Haltung gefallen, in der man etwas für sich einsieht, es ausprobiert, Freude daran findet und es weiter tut. Verantwortlich sind wir übrigens ständig für das, was von uns ausgeht, ob wir uns nun in Unbewusstheit treiben lassen oder bewusst etwas entscheiden.

Der Buddha wählte und lehrte m. W. den mittleren Weg und als er achtzigjährig an einer Lebensmittelvergiftung gestorben sein soll, soll er weder dünn und hinfällig, noch feist wie die dicken chinesischen Buddhafiguren gewesen sein, die dadurch Glück (Wohlstand) ausdrücken sollen. Zu den damaligen Zeiten im 4. Jh. vor Christus als Bettelmönch 80 Jahre alt werden zu können und intellektuell anspruchsvolle Belehrungen zu geben, spricht für eine gute Gesundheit.

Buddha verzichtete als Anhänger des "mittleren Weges" auf Askese, d. h. übermäßiges Fasten, übermäßige Yogaübungen etc. Aber er saß nicht herum, nachdem er meditierend die Erleuchtung erfahren hatte. Er war beständig auf Wanderschaft und legte seine weiten Wege zu Fuß zurück. Dann stand er unter den Leuten und hielt seine Lehrreden. Regelmäßige Bewegung wird also auch seinen Körper gesund erhalten haben.

Bücher über von buddhistischen Anschauungen geprägte Heilkunde gibt es übrigens auch. Ein deutscher Arzt und Homöopath, Paul Dahlke (1865-1928) kam als Buddhist von einer einjährigen Wanderschaft und Weltreise zurück und schrieb z.B. 1928 am Ende seines Lebens "Heilkunde und Weltanschauung". Er hat Einiges und sich bewegt.

Die buddhistisch-philosophisch inspirierte Heilkunde hat natürlich heute Beziehungen zur so genannten Tibetischen Medizin und diese wiederum zur indischen Ayurveda-Medizin. In Indien ist allerdings auch die Homöopathie Samuel Hahnemanns sehr populär geworden und wurde dort auch mit spirituellen Überlegungen angereichert und weiterentwickelt.

Ich habe in meinem Kurs einen Ausbildungsassistenten kennen gelernt, der seine Körperpsychotherapiepraxis als überzeugter und praktizierender Buddhist betreibt und fand gerade die Homepage der Psychologin Kerstin Hentschel, die als Körperpsychotherapeutin arbeitet, ebenfalls buddhistisch inspiriert ist und ein Kapitel über Buddhismus und Heilung geschrieben hat. Sie hat sich außerdem mit "Gewaltfreier Kommunikation" auseinander gesetzt.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

6

Sonntag, 25. Januar 2009, 09:38

In der Mitte sein

Zitat

Original von Sabine

Mir würde es gefallen wenn jemand so ein Buch oder eine Rezension liest und sich sagt: ja, das klingt für mich so überzeugend, dass ich von jetzt an versuchen werde, die Anregungen umzusetzen. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn diese Person dann versuchen würde, andere auch zu überzeugen. Aber bei einem "sollte" schwingt für mich auch immer eine (vielleicht gar nicht absichtliche) Drohung mit, dass wenn das "sollte" nicht in die Tat umgesetzt wird, ich schon sehen werden, was ich davon habe.


Ja, ja, so empfinde ich das auch. Und sicher nicht nur ich. Kein Mensch mag "sollte". Denn das was mensch "sollte", aber irgendwie dann doch nicht hinbekommt, das weiß er doch alles längst selbst. Wer zu dick ist und abspecken sollte, weiß das. Wer zuviel säuft und seinen Alkoholkonsum reduzieren sollte, weiß das. Wer zuviel raucht, zuviel arbeitet etct. weiß das alles längst. Und dennoch mag mensch es nicht lassen, denn irgendetwas ganz wichtiges gibt ihm das, was er eigentlich lassen sollte.

Ich sehe es so und so versuche ich auch für mich jedes "sollte" zu sehen: Wäre ich mit mir mir und meinen Gefühlen völlig in Einklang, wäre ich vollbewußt im Denken und Fühlen, dann würden sich mir solche Bewegungs-Ernährungs- und überhaupt alle "Sollte-Fragen nicht mehr stellen. Ist mensch in seinem Körper und seinem Fühlen völlig zuhause, dann wird mensch niemals das "rechte Maß" verlieren. Er wird sich soviel bewegen wie es ihm gut tut und Spaß macht, aber er wird sicherlich keinen Leistungssport betreiben. Er wird das Essen schätzen und es genießen können, aber er wird sich nie den Magen so vollschlagen, dass er sich hinterher unwohl fühlt. Er wird vielleicht gerne die eine oder andere Zigarette rauchen, aber er wird es niemals brauchen. Er wird vielleicht nach wie vor gerne arbeiten, aber er wird sich genauso Zeit für Entspannung und Erholung nehmen.

So, nun ruht keiner von uns in jedem Lebenskontext in seiner Mitte und keiner von uns ist im Fühlen vollbewußt. Alle tragen wir unsere kleinen und großen Panzer mit uns herum, die uns dann zu Verhaltensweisen führen, bei denen ein "sollte" eine Rolle spielt. Ich nehme ein "sollte", das ich mir selber oder ein anderer sagt immer nur als Hinweis "Aha, da ist noch was im Dunkeln. Mal gucken!" Nicht mehr und nicht weniger.

Liebe Grüße

Tania

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7

Sonntag, 25. Januar 2009, 11:46

RE: In der Mitte sein

Zitat

Original von Tania

Ich nehme ein "sollte", das ich mir selber oder ein anderer sagt immer nur als Hinweis "Aha, da ist noch was im Dunkeln. Mal gucken!" Nicht mehr und nicht weniger


Liebe Tania,

ja, ich glaube, so könnte der Ball rund werden und wenn wir dann alle ganz bei uns in unserem Fühlen und in unserer Mitte sind, dann brauchen wir anderen auch keine Hinweise mehr zu geben, was sie tun oder lassen sollten, oder? Dann könnten wir unsere Ideen, Gedanken, Erkenntnisse mitteilen, ohne ein "und deshalb sollte" anzuhängen.

Liebe Grüße Sabine
Sabine

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8

Sonntag, 25. Januar 2009, 13:06

Was sollte ein mit sich im Einklang befindliches Wesen noch mit dem Sollen anfangen wollen?

Zitat

Original von Tania

...Ich sehe es so und so versuche ich auch für mich jedes "sollte" zu sehen: Wäre ich mit mir mir und meinen Gefühlen völlig in Einklang, wäre ich vollbewußt im Denken und Fühlen, dann würden sich mir solche Bewegungs-Ernährungs- und überhaupt alle "Sollte-Fragen nicht mehr stellen. Ist mensch in seinem Körper und seinem Fühlen völlig zuhause, dann wird mensch niemals das "rechte Maß" verlieren. ...

...Ich nehme ein "sollte", das ich mir selber oder ein anderer sagt immer nur als Hinweis "Aha, da ist noch was im Dunkeln. Mal gucken!" Nicht mehr und nicht weniger.


Und wenn der Mensch mit sich im Einklang ist, sein spirituelles Selbst und sein Körper-Ich verbunden mit Fühl-Seele harmonieren, dann könnte das Wörtchen "sollte" durch einen anderen an sich gerichtet vermutlich keine Abwehrreaktionen mehr provozieren...

LG Michael
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9

Sonntag, 25. Januar 2009, 22:20

Beides wird wohl der Fall sein. Ruht mensch vollbewußt fühlend in seiner Mitte wird er kein Bedürfnis verspüren, anderen mitzuteilen, was sie tun sollten und es werden auch entsprechende Botschaften durch andere bei ihm keine Abwehrreaktionen mehr auslösen.

Ich will also nun bewußt niemandem sagen, was er tun soll. Ich selbst sehe allerdings für mich keinen anderen Weg im Fühlen vollbewußt zu werden als mich meinem Körper spürend zuzuwenden. Wieso genau die Emotion, das Fühlen so eng mit dem Körper verwoben ist, diese Nuß habe ich noch nicht geknackt. Ich habe nur festgestellt, dass es so ist. Ohne Entwicklung von Körperbewußtheit gibt es für mich keine Entwicklung von Fühlbewußtheit, zumindest nicht vollständig. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Wenn also jemand andere Erfahrungen gemacht hat, so bin ich ganz Ohr.

Liebe Grüße

Tania

10

Freitag, 11. März 2011, 10:57

Kann meinen Vorrednern hier nur zustimmen. Seit ich regelmäßig sport betreibe geht es mir nicht nur physisch, sondern auch psychisch viel besser als vorher. So schlecht meine Laune auch gewesen ist, sport bringt sie so zuverlässig hoch wie ein Treppenlift. Ich achte dabei vor allem auf Abwechslung, also joggen, schwimmen oder auch mal Badminton.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »RalfLB« (14. März 2011, 12:26)


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11

Donnerstag, 24. März 2011, 23:43

Schleichwerbung zum dritten und nun bist Du raus!

Zitat

Original von RalfLB
Kann meinen Vorrednern hier nur zustimmen. Seit ich regelmäßig sport betreibe geht es mir nicht nur physisch, sondern auch psychisch viel besser als vorher. So schlecht meine Laune auch gewesen ist, sport bringt sie so zuverlässig hoch wie ein Treppenlift. Ich achte dabei vor allem auf Abwechslung, also joggen, schwimmen oder auch mal Badminton.


Hallo, RalfLB,

ich finde es recht unverfroren, wie Du hier (wie in anderen Foren) mit ein paar belanglosen Sätzchen unter irgendeinen Uraltbeitrag und offenbar ohne echten Diskussionsbedarf ganz subtil Schleichwerbung für Deine Treppenlift-Firma betreibst und die von mir entfernte unerlaubte Werbeverlinkung wieder aktivierst. Such Dir ein Orthopädieforum, in dem Du offen für Deine Produkte werben kannst oder wie anderswo als Werbefuzzi für Sportbekleidung. Hier bist Du jedenfalls raus.

Michael
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12

Sonntag, 28. August 2011, 11:55

RE: Sich regen bringt Segen - die Erkenntnisse der Bewegungstherapie

Zitat

Original von Michael

Der studierte Biologe und Biochemiker Blech, der sich als Medizin- und Wissenschaftsautor und dabei besonders auch als Kritiker übertriebener und kostentreibender Schulmedizin einen Namen gemacht hat, ist mit vielen Bewegungs- und Sportmedizinern überzeugt: Bewegung heilt, verhütet frühzeitige Invalidität und körperliche und geistige Vergreisung, erhält Mobilität und Autonomie und hat ein bedeutsames Einsparungspotential bei den ansteigenden Gesundheitskosten in den Industrieländern.
...

Zunehmend unbeweglich: nicht nur die Betagten

Selbst die zunehmenden Unfälle mit Knochenbrüchen im Alter gehen auf einen Mangel an Bewegung zurück. Betagte haben Gleichgewichtsprobleme aus Übungsmangel und muskulärer Schwäche und der schwindende Weichteilmantel aus verkürzten und verkümmerten Muskeln schützt die Knochen und Gelenke immer weniger. Die Knochenstruktur wiederum bildet sich unter mangelnder Bewegungsbelastung zurück und kann Stürzen schlechter widerstehen.

Millionen Menschen werden durch Bewegungsmangel dick, steif, unbeweglich, herzschwach, denkfaul und altern frühzeitig körperlich und geistig, verlieren die Freude am Leben, leiden zunehmend unter Schmerzsyndromen und werden depressiv, verlieren ihre Autonomie, sind zunehmend auf Medizin und Pflege angewiesen und wandern vorzeitig in Pflegeheime. Dabei gibt es keine Medikamente und keine Behandlungsart, die den Bewegungsverlust und Kraftverlust durch mangelnde Bewegung und moderate Belastung aufwiegen könnte.

Schwindet am Ende unsere Lebenserwartung?

Epidemiologen, die diese Entwicklung schon länger beobachten, haben bislang registriert, dass die zunehmende Lebenserwartung in den Wohlstandsstaaten mit einem Anstieg diverser Zivilisationserkrankungen erkauft werden muss. Immer mehr ältere Menschen leben mit immer mehr körperlichen, geistigen und sozialen Einschränkungen immer länger und fühlen sich aber immer schlechter versorgt bei zunehmender Vereinsamung und mangelnder menschlicher Zuwendung. Jetzt wird sogar befürchtet, dass die Lebenserwartungskurve einen Umschlagspunkt überschreitet und die zunehmende Invalidisierungsrate und Multimorbidität Älterer zu einer Abnahme der Lebenserwartung führt.


Gelegentlich höre ich Berichte von Schülerinnen und Praktikantinnen aus dem Bereich der Pflege. Eine Klientin berichtete von ihren Eindrücken während des praktischen Teils ihrer berufsschulischen Ausbildung in der Altenpflege. Sie ist mit knapp Siebzehn die jüngste und konstitutionell zarteste Mitarbeiterin im Pflegeteam einer Pflegestation mit überwiegend Betagten. Anfangs noch als Begleitung gelitten, ist es Einigen ihrer Anleiterinnen bald zuviel, jemanden mitschleppen zu müssen, der Fragen stellt und ihnen auf die Finger guckt. Es muss alles ganz schnell gehen, sonst kommt man nicht durch. Das ist die Erfahrungswelt der Älteren in der Pflege: Medikamente, Waschen, Bettmachen, Essen Hinstellen oder Füttern, der nächste... Und das möglichst ohne Verzug.

Bald soll die Schülerin alles alleine machen. Die Arbeit ist anstrengend, körperlich, emotional und geistig. Die Senioren wirken oft apathisch, ohne tatsächlich immer schon dement zu sein. Ob mit oder ohne künstliche Zähne sprechen sie nach ihrer Morgenmedikation undeutlich, verwaschen, nuschelig. Ähnlich ist ihre physische Beweglichkeit. Unsicher im Gleichgewicht, schwerfällig und langsam kostet es die junge Frau viel Körperkraft, die Senioren aufzurichten, an den Bettrand zu setzen und in den Fahrstuhl zu wuchten. Für aktivierende Beschäftigung gibt es die Ergotherapeutin und Physiotherapeutin. Beide Fachkräfte beschweren sich zuweilen, dass die Insassen nicht öfter auf die Beine, an die frische Luft, in den Park kommen. Die Altenpfleger argumentieren, die Alten seien zu unsicher und zu schwach und sie seien als Aufpasser allein, das sei zu gefährlich und koste zu viel Zeit.

Zeit kostet es auch, die Menschen geistig beweglich zu halten. Geduld ist gefragt, um das nuschelige Kauderwelsch zu verstehen oder nachzufragen, was die hilflosen Blicke bedeuten und auch Wohlwollen, um den Vorwurf der Vereinsamten zu ertragen, dass man sie zu sehr in Ruhe und in ihrem Elend lasse und keinen Anteil nehme. Zu bestimmten Zeiten werden die Insassen zusammen geschoben. Dann könnten sie einander sehen und sich unterhalten, wenn sie können. Es kostet Zeit, die Menschen so weit kennen zu lernen, dass die Pflegerin weiß, wer wessen Gesellschaft schätzt und wessen nicht. Ich hörte einmal folgende Geschichte: Ein alter Herr war aufgestanden, alleine. Er konnte nicht schlafen, nachdem er schon früh in's Bett gebracht wurde und suchte das Gespräch mit einem Nachbarn. Dabei stürzte er über seine Hausschuhe, beim Versuch, sie anzuziehen. Zum Glück ist alles noch mal gut gegangen, sagte die Schichtleitung. Von jetzt an hat der alte Herr Bettgitter, damit er sich nicht selbstständig macht und gefährdet und wenn er zu sehr und zu anhaltend protestiert, gibt es etwas zur Beruhigung.

Die junge Frau ist wie viele andere am Anfang dieser Begegnung mit der Welt der Pflegeheime bewegt von diesen Geschichten. Sie würde sich den Insassen gerne länger widmen, sich mehr Zeit für Gespräch, für die Pflegehandlungen, für einen Spaziergang nehmen. Doch sie ist unsicher, ob sie es darf. Wenn das jeder so machte, würden sie nie fertig, belehrte sie eine robuste Kollegin Mitte Zwanzig. Die Schülerin "weiß" inzwischen durch die Berichte der Älteren vom "Pflegenotstand" und dass immer mehr Bedürftige von immer weniger und immer weniger gut ausgebildeten Altenpflegern und Pflegehelfern sowie Schülern und Praktikanten betreut werden müssen. Nun fallen auch noch die Zivildienstleistenden weg. Das bedeutet mehr Arbeit, mehr Stress, mehr Frust. Auf allen Seiten.

Die Festangestellten sind selber unzufrieden mit dem Stress und haben zunehmend körperliche Beschwerden. Das viele Heben, Stützen, Tragen geht mit Rücken, Hüft- und Kniebeschwerden einher. Zudem sind viele selbst junge Angestellte übergewichtig. Das lässt sie robust und kräftig aussehen. Die Schülerin beobachtet jedoch auch, dass ihre Kolleginnen bis zu eineinhalb Stunden vor Dienstschluss mit den Schichtkolleginnen zusammensitzen, sich beklagen und unterhalten oder lesen. Sie denkt, ja, das Reden muss auch sein. Sonst wird man am Ende noch selber verrückt bei dem ganzen Stress und dem ganzen Elend. Sie macht einen Versuch, die Kollegin, die sie anleitet, nach ihren Gefühlen bei der Arbeit zu fragen. Die winkt gleich ab. "Die Gefühle", belehrt sie die Jüngere, "die lässt du am besten zuhause und das hier lässt du am besten hier!" Dann wandte sich die Ältere an die Schichtleitung und fragte diese nach ihrem letzten Kuchenrezept. Die Junge verstummte.

Als dann eine alte Frau in ihrem Rollstuhl zum Kreis der lesenden Pflegerinnen herüber winkt und, als sie nicht bemerkt wird, fuchtelt und mit brüchiger Greisinnenstimme jammernd zum Stationszimmer ruft, sieht eine Kollegin von ihrer Illustrierten auf und sagt: "Jaja, das ist ihre Zeit. Das macht die immer so, eine halbe Stunde, dann hat sie sich beruhigt. Die ist vier Jahre da und respektiert unsere Pause bis heute nicht. Total uneinsichtig. Naja, verkalkt. Dann kommt die Spätschicht und schiebt sie in den Kaffeeraum. Dort sitz sie neben Herrn A. und dann schweigt sie eine ganze Stunde. Keiner weiß, was sie will, aber dann ist sie ruhig." "Aha", sagt die Schülerin, die schon aufspringen wollte. Sie kann sich ruhig wieder hinsetzen, beruhigt ihre Kollegin und macht eine beschwichtigende Geste.

Zehn Minuten später kommt die Krankengymnastin in den Raum und schiebt die jammernde Frau vor die Stationstür. Die Mittdreißigerin wirkt gereizt und macht die Schichtführung darauf aufmerksam, dass die alte Dame riecht und vermutlich schon länger in ihrem Urin und Kot sitzt. Als die Krankengymnastin wieder gegangen ist, brummt die Gemaßregelte: "Na und, die hat doch 'ne Windel. Gleich ist der Spätdienst 'dran. Und diese Turnschwester hat immer was zu meckern. Ein halbes Jahr ist sie erst da und am liebsten würde sie die ganzen Alten "aktivieren". Dann hätten wir hier lauter Senile herum laufen und könnten sehen, wie wir 'rum kommen und Ordnung schaffen!" Mit einer Handbewegung forderte sie die Schülerin und den Praktikanten auf, die Seniorin weg zu fahren und frisch zu machen. Zumindest hat es die Schülerin so verstanden.

Ja, es gibt viele Geschichten aus den Alten- und Pflegeheimen und am Anfang sind die jungen Pflegekräfte und Schüler ganz angerührt, hilflos, traurig und manchmal auch empört. Sie fühlen mit den Insassen und auch den Angehörigen, bis sie selbst abstumpfen und sich dem Takt der Pflegepläne, dem Pflege-Akkord hingeben. Mehr Bewegung, mehr Lebendigkeit, mehr Kontakt, mehr Lebensenergie - so, wie es schon die Moleküle miteinander halten - wäre das für die alten Menschen so schlimm, ja gefährlich? Bewegt zu sein, emotional und körperlich, kann dem Leben Freude, Dynamik, Sinn zurückgeben. Doch Leben und Bewegung bedeutet auch immer ein wenig Gefahr, zumindest für die, für die Stillstand Sicherheit bedeutet.

Wie möchten wir uns fühlen, bewegen und gehalten werden, wenn wir alt sind? Heilung durch Bewegung, das hört sich so gut an, doch ist es eine Aufgabe für uns alle. Bis ins Alter fit, munter und geistig rege durch Bewegung und Gesellschaft zu bleiben, ist ein schöner Wunsch. Doch unser modernes Denken scheint noch nicht von dieser Idee wirklich überzeugt. Stattdessen glauben wir immer noch, dass das Alter Stillstand und Absterben der Lebensfunktionen, Einsamkeit, Unbeweglichkeit, Einschränkung, Krankheit und Tod bedeuten und schon lange vor dem endgültigen Ende all dieses Ungemach schicksalshaft bringen muss. Unser Denken, das wir uns schon als jüngere Menschen zuziehen, bestimmt, ob wir uns der beweglichen Menschheit, oder der Fraktion des Stillstandes und der Agonie anschließen wollen. Dabei ist gegen einen Wechsel zwischen Ruhe und Einkehr sowie Bewegung und Anspannung nichts zu sagen. Gerade das meint Bewegung.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)