Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: ganzheitlichesicht.de. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Beiträge: 3 457

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

1

Donnerstag, 9. Oktober 2008, 18:11

Arzneimittelkritik im Fernsehen auf der Überholspur:ADHS-Medikament Strattera im Fokus auf Frontal21

Dank der unten dargestellten Anfrage-Recherche für ein TV-Interview durch eine namhafte ZDF-Frontal21-Redakteurin per E-Mail bin ich in der Lage, schon frühzeitig einen TV-Programmhinweis zu geben: Es scheint entschieden, dass „Strattera Teil einer 45 minütigen Dokumentation am 9.12 um 21. Uhr im ZDF“ wird, wie die Frontal-Redakteurin schrieb. Aufgrund meines Zögerns, Patienten zu präsentieren und auch anderer lästiger Fragen – solche Sendungen scheinen mir trotz vermutlich notwendiger akribischer Vorbereitung in gewisser Weise doch heiß gestrickt zu sein – hat man sich für einen anderen Interview-Partner entschieden als mich. So unglaublich es klingt, die Journalistin hat sich durch Veröffentlichungen in diesem winzigen Forum gedacht, dass ich ein fundierter Kritiker üppiger Psychopharmakaverordnungen und pharmakologischer Heilsversprechungen im Kindesalter sei, insbesondere wenn es um die so genannten ADHS-Medikamente. Methylphenidat (Ritalin, Medikinet, Equasym, Concerta) und Atomoxetin (Strattera) geht. Hat sie ja in gewisser Weise auch Recht.

Allerdings bin ich wirklich mit Medien ein wenig skrupulös, nachdem ich schon in den Printmedien immer wieder sinnproblematische Kürzungen und Auslassungen erfahren habe und mich meine durchaus kritischen Kollegen in meiner Einrichtung auch warnten. Fernsehen, wie ich speziell auch dem im Internet einsehbaren Frontal-Format entnehmen konnte, lebt von zackigen Gegenüberstellungen, Überpointierungen und knackigen kurzen Sätzen wie z.B. diesen, die ich durchaus mal von mir gebe: „Ein Kinderpsychiater kann ohne Rezeptblock arbeiten, aber nicht ohne Psychotherapieausbildung“ und „ein Familiensystem und korrespondierende Systeme von Schule, Jugendamt und Kinderpsychiatrie durch zehn Sitzungen im Rahmen einer systemischen (Familien-) Therapie in die Lage zu versetzen, gemeinsam zu wachsen und gesünder zum Vorteil und Wohlbefinden aller zu funktionieren, ist gesellschaftlich relevanter als jahrelange Seelenarchäologie auf der Couch mit einem Individuum und individuell unschädlicher, als ein Jahr Psychopharmakaeinnahme.“

Zwar finde ich meine Sätze selber gut, aber so plakativ, wie es manchmal in öffentlichen, politischen Diskussionen grob vereinfachend dargestellt wird, ist die medizinische und psychologische Wirklichkeit eben nie. Und holzschnittartige Kampfrituale in der Öffentlichkeit widern Fachleute und Profis, wenn sie mal gerade keinen Adrenalin-Kick brauchen, eher an und können durch die bewusst reduzierte Teilinformation, die halbgescheite Laienmeinungen begründen, am Ende eher Schaden als Nutzen stiften. Daher geht von Sendungen bestimmten Zuschnitts trotz aller gerechtfertigten journalistischen Kritik als Teil eines notwendigen demokratischen Korrektivs von Meinungsmacht durch mächtige Lobbys oft zu wenig brauchbare Information für einen konstruktiven Umgang mit unseren gesellschaftlichen Problemen auch in der Medizin aus. Die Kritik ist oft scharf, aber zu wenig tiefgründig, umfassend und fundiert darstellbar. Mein Kollege formulierte es mal so: „Immer wenn ich Frontal sehe, sitze ich eine Dreiviertelstunde mit dem wohligen Gefühl in meinem Sessel, recht zu haben und mich aufrichtig empören zu dürfen.“ Zum Verstehen von Sachverhalten und Systemen und zur gründlichen Veränderung ist das leider viel zu wenig.

Was mich dann noch wunderte, ist, dass die Redakteurin meinte, sie fände keine Ärzte, die zu ihrer pharmakritischen Meinung öffentlich stehen würden. Es gibt sicherlich Ärzte, die von ihren Brötchengebern und ihren Lobbys, mitunter auch von Pharmaherstellern „gekauft“, d.h. in irgendeiner Weise unfrei sind und darüber öffentlich nicht reden würden. Und doch gibt es inzwischen meiner Meinung nach genügend Leute auch unter Ärzten, die die Öffentlichkeit für ihre Art der Kritik geradezu suchen, auch wenn sie nicht mehr kontrollieren können, was die Aufbereitung ihrer Worte dann unter Umständen mit dem Sinn ihrer Botschaft macht. Eine Botschaft ist vermutlich allemal die Selbstwerbung: wer möchte nicht gerne mal „Experte“ sein. Mich beschliche da eher das Misstrauen vor einer vielleicht sogar unbewussten „Missbrauchsabsicht“, wenn man zum „Experten“ oder Kronzeugen apostrophiert wird. Auf jeden Fall war ich nicht überrascht, dass schnell noch ein anderer in die Bresche springen wollte. Wer, wollte die Redakteurin nicht verraten. Wer die Sendung also sehen möchte, kann sich noch überraschen lassen! Wer meine Beiträge in diesem Forum über ADHS und Medikalisierung und Pharmakotherapie gelesen hat, wird über meine Haltung allerdings nicht überrascht sein.

Zitat

Die E-Mail-Anfrage der Redakteurin vom 25.09.08 um 17:30h:

Sehr geehrter Herr Dr. S.-H.,
für das ZDF-Magazin Frontal 21 arbeiten wir an einem kritischen Beitrag über „Strattera“ und den Einfluß von „Lilly“ auf Ärzte und Patienten. Wir würden uns deswegen gern, so bald es möglich ist, einmal mit Ihnen telefonisch unterhalten. Könnten Sie uns heute oder morgen mal anrufen? Oder -falls ich mal nicht am Platz bin- netterweise eine Nachricht hinterlassen, wann und wie ich Sie zurückrufen kann? Das wäre sehr hilfreich!
Besten Dank und herzlichen Gruß
A. R.
_______________________________________

ZDF
A. R.
Red. Frontal 21
10887 Berlin
Deutschland

Telefon: +49(0)30-2099-
Telefax: +49(0)30-2099-
E-Mail
Web: zdf.de
Mit dem Zweiten sieht man besser


Zitat

E-Mail-Antwort an die Redakteurin vom 29.09.08 um 01:06 h

Betreff: Re: Strattera

Sehr geehrte Frau R.,

leider befand ich mich gut abgeschirmt vom Internet auf einer Fortbildung. Bevor ich mich mit Ihnen in Verbindung setze, würde ich gerne mehr über Ihre Absichten und die Hintergründe ihrer beabsichtigten Sendung erfahren und weshalb Sie gerade auf mich kommen. Haben Sie im Internet gesurft?

Mit freundlichen Grüßen,

M. S.-H.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 29.09.08 um 10:48 h:

AW: Strattera

Sehr geehrter Herr S.-H.,

ja- genau. Ich habe Sie mit Ihrer kritischen Meinung im Internet entdeckt. Hintergrund ist, dass wir Zweifel daran haben, dass Strattera mehr nutzt als schadet. Diesbezüglich sind wir gerade in die Recherche vertieft und entscheiden in diesen Tagen, ob Strattera Teil einer 45 minütigen Dokumentaion am 9.12 um 21. Uhr im ZDF wird. Von daher ginge es uns jetzt erstmal nur um ein telefonisches Vorgespräch mit jemand Sachkundigem wie Ihnen. Wäre das OK? Wenn ja, wann könnten wir telefonieren?

Mit freundlichen Grüßen

A. R.



Zitat

E-Mail an die Redakteurin vom 29.09.08 um 12:38 h

Betreff: AW: Strattera

Sehr geehrte Frau R.,

wenn Sie mich im Internet "entdeckt" haben, kennen Sie aus meinem Forum
einige sehr wichtig Punkte und auch weitere Hinweise. Ich beziehe mich dabei
auf folgenden Beitrag:
http://ganzheitlichesicht.de/forum/threa…11454#post11454

Ob ich Ihnen darüber hinaus helfen kann - nun, wir werden sehen.
Eventuell klappt es heute zwischen 14 und 15 h, wenn Sie mir Ihre Handy-Nummer
mailen. Ansonsten nach 21 h.

MfG, M. S.-H.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 29.09.08 um 12:51 h:

Betreff: AW: Strattera

Sehr geehrter Herr S.-H.,

besten Dank schon mal! Heute zwischen 14 und 15 Uhr telefonieren wäre
prima. Abends ist eher schwierig. Sie können mich heute Nachmittag gut im
Büro erwischen 030 20 99 12 87. Ich ruf auch zurück, falls gewünscht,
damit Ihnen keine Kosten entstehen.
Viele Grüsse aus Berlin
A. R.


Zitat

E-Mail an die Redakteurin vom 29.09.08 um 15:13 h

Betreff: AW: Strattera

Sehr geehrte Frau R.,

leider konnte ich es bei Ihnen erst gegen 15.05 h probieren, da waren Sie aber schon nicht mehr vor Ort. So ist das manchmal bei psychotherapeutisch tätigen Kinderpsychiatern: zuerst kommen die Patienten und ihre Familien 'dran. Wir werden uns schon noch zusammen telefonieren. Sie haben ja Zeit bis Dezember.

Wo kann man denn etwas über Sie und Ihre Sendungen im Internet lesen? Ich habe zwar schon mal - selten - Frontal-Sendungen gesehen, komme aber im Allgemeinen nicht zum Fernsehen, auch nicht zu später Stunde.

MfG, M. S.-H.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 29.09.08 um 16:10h:

AW: Strattera

Hallo Herr S.-H.!

Doch- bin da. Auch jetzt noch. Ich war vermutlich nur mal kurz nicht am Platz. Ich kann natürlich verstehen, dass Patienten bei Ihnen Vorfahrt haben.
Leider haben wir nur aus organisatorischen Gründen nicht Zeit bis Dezember. Da ist ein Missverständnis. Da ist nur der Sendetermin. Ich würde also sehr gern mit Ihnen diese Woche noch reden.
Sie können gern mehr über meine Vita auf unserer Homepage sehen unter www.frontal21.de
Vielleicht ist es aber einfacher, wir sprechen erstmal miteinander. Wie gesagt: es geht ja nur um ein Recherchegespräch, für das ich Ihnen dankbar wäre, denn ich finde es schwierig Menschen zu finden, die kritisch zu Ritalin und Strattera sind. Ob das wohl in den nächsten Tagen machbar ist?
Viele Grüße
A. R.


Nach dieser E-Mail haben wir länger miteinander telefoniert und ich habe natürlich meine Arbeitskollegen um ihre Meinung gefragt. Es wurde klar, dass Frau R. der Firma Lilly an's Leder wollte, u. a. wegen Atomoxetin. Es standen eventuell, wenn sich nicht schnell genug aussagewillige Ärzte und Patienten fänden, auch andere Psychopharmaka, insbesondere Antidepressiva der Firma in engerer Auswahl. Ich machte der Redakteurin klar, dass es mir um differenzierte Argumentationen und keinen holzschnittartigen Schlagabtausch gehen würde.

Zitat

E-Mail an die Redakteurin vom 06.10.08 um 9:31 h

Betreff: AW: Strattera

Sehr geehrte Frau R.,

da ich Sie nicht mehr erreichte und auch Sie mich nicht mehr kontaktiert haben, hier eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail zu zwei Punkten:


1. Grundsätzliche Bereitschaft.

Ich bin grundsätzlich gerne bereit, für ein TV-Interview zum Thema Psychopharmaka in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, insbesondere Methylphenidat und Atomoxetin zur "ADHS-Therapie", in Ihrer Sendung zur Verfügung zu stehen und möchte dazu gerne wissen:

-Welche Fragenkomplexe stehen zur Diskussion, ggf. Vorformulierungen der Fragen?

-Wieviel Zeit haben wir für das Interview?

-Geht es um die Erfahrungen und Ansichten eines ärztlichen Praktikers der Jugendpsychiatrie und Psychotherapie wie mich oder/und auch um statistische Zahlen, wissenschaftliche Krankheitshypothesen, gesellschaftliche Mißstände? Wie offen sind Sie für die "politische Interpretation" des Phänomens ADHS, Psychiatrisierung und Medikalisierung, für Ethik in der Medizin und Krankheitsphilosophien?

-Werden andere Experten (wer?) für diese Sendung interviewt, z.B. Klinikchefs/Lehrstuhlinhaber der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Pharmavertreter?

-Werden die Interviewteile der verschiedenen Befragten durch Schnitte und Zwischenblenden einander gegenübergestellt oder wird das Interview jeweils zur Gänze ungeschnitten und ungekürzt wiedergegeben werden?


2. Patientenbefragung.

Ich habe mir auf Ihre diesbezügliche Anfrage zwar zunächst eine Liste von ehemaligen oder noch in Behandlung befindlichen Patienten notiert, deren Medikamentenerfahrungen für Ihre Fragestellung interessant sein könnten und schließlich verschiedene Gedanken dazu gehabt, die eine Befragung von Patienten auch vor der Kamera andererseits dann für mich als fragwürdig erscheinen lassen:

-Sowohl bei abgeschlossenen als auch erst recht bei laufenden Behandlungen stellt ein Fernsehinterview eine erhebliche Herausforderung an die Souveränität und Bewältigungskapazität von betroffenen Eltern und Kindern dar, deren Folgen schwer kalkulierbar sind. Im schlimmsten Fall könnten sich die Patienten "für unsere Sache" oder "gegen die Pharmaindustrie" "mißbraucht" fühlen, im besten Fall kitzelt es nur ein wenig ihre Eitelkeit.

-Ihre Sendung darf auch nicht im Entferntesten an das geschmacklose Unwesen von "Reality-Shows" und Vormittagstalksendungen mit ihren jargonhaften Anmoderationen im neumodischen "Prol-Stil" erinnern. Leider sind viele Klienten durchaus von solchen Fernsehformaten beeinflusst und mißverstehen die Einladung möglicherweise als ihre große Chance für eine Betroffenheitssendung, auch wenn Sie etwas ganz anderes im Sinn haben und ehrenhaften Aufklärungsjournalismus betreiben wollen.

-Die Anonymisierung wäre auch wegen des möglichen enormen Drucks von Pharmalobbyisten, Ärzteschaftsvertretern und Pro-Pharma-Aktivisten aus Selbsthilfeforen nötig, relativiert aber dadurch in noch stärkerem Maße die Relevanz der Aussagen z.B. hinsichtlich überprüfbarer Wahrhaftigkeit.

-Der wissenschaftliche Wert und die Bedeutungsrelevanz von betroffen machenden Betroffenenäußerungen sind gleich Null und werden von Fachleuten als hochgespielte Einzelfälle in der Luft zerrissen werden, während sich nur Journalisten und der Zuschauer mit dem Wunsch nach einer abendlichen Dosis Selbstgerechtigkeit der Marke David gegen Goliath an der farbigen, lebendigen, plakativen Darstellungsweise erfreuen werden. Ehrlich gesagt sollte man soetwas dann lieber anhand "echter Äußerungen" aus den anamnestischen Aufzeichnungen eines Arztes von echten Schauspielern darstellen lassen. Das ist am Ende auch nicht mehr "Fake" als die Selbstdarstellung so manches Betroffenen.


Teilen Sie mir doch mit, wie Sie sich das Ganze vorstellen und was Sie von meinen Überlegungen halten. Vielleicht bin ich Ihnen nach diesem Vorgeplänkel auch "zu kompliziert". Aber glauben Sie mir, ich bin gerne bereit, meiner Auffassung von Psychotherapie, meinen Klienten und in diesem Sinne auch der "Wahrheit" (so wie ich sie verstehe) zu dienen, aber nicht aus dem Verlangen heraus, in der Öffentlichkeit zu stehen und nicht um jeden Preis. Unabhängig von Ihrer Anfrage werde ich den ganzen Komplex später vielleicht einmal in etwas kleinformatigerer Buchform oder auch in Internetdarstellungen angehen - so habe ich mir das zumindest gedacht.

Mit freundlichen Grüßen,

M. S.-H.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 06.10.08 um 9:31 h:

Abwesenheitsnotiz: Strattera

Danke für die eMail! Derzeit bin ich nicht im Büro, aber ab dem 7.10.08 bin ich wieder erreichbar.

Ich melde mich dann gern bei Ihnen.

Herzliche Grüße und bis dahin

Ihre

A. R.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 07.10.08 um 14:17h:

AW: Strattera

Sehr geehrter Herr S.,

vielen Dank für Ihre ausführliche eMail und die Rückmeldung. Da ich wegen Dreharbeiten erst heute wieder im Büro bin, komme ich erst jetzt dazu zu antworten.

Zwischenzeitlich hat sich für uns ein anderer Sachstand ergeben. Freundlicherweise hat sich einer Ihrer Kollegen und heftigen Streiter gegen Strattera zu einem Interview bereit erklärt und einer seiner jetzt volljährigen Patienten würde auch vor die Kamera gehen und seine Erfahrungen mit dem Medikament schildern. Da es aber wenig Sinn macht zwei Experten mit ähnlichem Hintergrund zu befragen, hat sich damit unsere Interviewanfrage an Sie leider überholt.

Ihnen nochmals ganz lieben Dank für`s Mitdenken und Ihre freundliche Bereitschaft zur Mitarbeit.

Mit freundlichem Gruß

A. R.


Zitat

E-Mail an die Redakteurin vom 07.10.08, 18:08h

Betreff: AW: Strattera

Sehr geehrte Frau R.,

sowas habe ich mir schon fast gedacht. Wenn das bei Ihnen immer so schnell geht, obwohl noch sooo viel Zeit ist, bin ich ja geradezu froh, dass ich nicht auf Ihren Ruckel-Zuck-Zug aufspringen mußte, wer weiß, was daraus geworden wäre.

Ich habe es ja auch gerne mit Gründlichkeit und Tiefe, wie Sie vermutlich sowohl meiner E-Mail wie meinem Forum entnehmen konnten. Und ob ich damit immer den tagesjournalistischen Anforderungen - so klingt das ja beinahe - gerecht werden würde? Ich weiß nicht.

Doch schreiben Sie mir, wer dieser "heftig gegen Strattera streitende Kollege" ist? Vielleicht wäre es ein Gewinn, ihn kennen zu lernen oder die Namen, mit denen Sie Ihre künftige Sendung, deren Konzept ich ja leider immer noch nicht kenne, "schmücken" werden, verleiten mich ausnahmsweise mal zum Fernsehen.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen zu einem guten Gelingen,

M. S.-H.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 08.10.08 um11:47 h:

Betreff: AW: Strattera

Sehr geehrter Herr S.-H.,

vielleicht mögen Sie ja am 9.12 um 21.OO ZDF gucken? Dann sehen Sie
vielleicht auch, dass der Kollege, der schnell zugesagt hat, durchaus nicht
oberflächlich an das Thema herangeht.
Heiter weiter!
Herzliche Grüße
A. R.


Zitat

E-Mail an die Redakteurin vom 08.10.08 um 14:07 h

Weitere Infos


Sehr geehrte Frau R.,

danke für den Versuch der Ermunterung, Fernsehen zu schauen. Tatsächlich werde ich zu dieser Zeit nach jetziger Planung vermutlich dienstlich beschäftigt sein. Schade, dass Sie mir den aufrechten Streiter gegen Strattera nicht nennen wollen :-( . Ist er ein Geheimtip? Wer kein ausgmachter "Wissenschaftsfuzzi" oder "Medizin- oder Psychoagitator" in der Szene ist, sondern "nur" ein emsiger und dennoch hinreichend orientierter und belesener Praktiker, ist oft erstaunlich wenig vernetzt und behält nicht all zu viele Namen - zumindest geht es mir so. Vielleicht sollte ich da nicht auf andere schließen.

Ein mediengewandter "Talker" mit präsentablen akademischen Weihen könnte übrigens für Ihre Zwecke der Hirnforscher Prof. Gerald Hüter aus Göttingen sein, selbstbewußt, smart, kämpferisch, intellektuell, rethorisch lebendig und wirkt dabei in seinem Auftreten gewinnend und freundlich. Aber Vorsicht, er könnte jemanden auch an die Wand reden ;-). Sicher sind sie bei Ihren Recherchen auch auf die so genannte "ADS-Kritik" im Netz gestoßen: http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik27.htm . Da kommt der Hirnforscher auch zu Wort. Wir hatten Prof. Hüter zu einer Fortbildung eingeladen und es war ein sehr guter Austausch.

Interessante Infos zu ihrem Thema gibt es auch hier im Netz z.B. bei den "mülheimerkontakten": http://www.muekon.de/index.html , ein sozialpsychiatrisches Netzwerk, das sich auch zum jugendlichen Pillenschlucken verbreitet: http://www.muekon.de/Psycho-News/Kinder-…er-jugend_.html . Und hier eine Leseprobe über einen Hüter-Beitrag: http://www.muekon.de/Psycho-News/Kinder-…d_.html#ritalin . Sie sehen, "Focus" war schon dran.

Sie fragten nach euphemistischer Pharmawerbung? Hier ist sie im Netz: Thema "Mehr vom Tag" dank Janssen-Cilag: http://www.mehr-vom-tag.de/?gclid=CMKo0qvJl5YCFQQHuwod5EDA7g
Auch Lilly hat sein Werbeforum für Strattera: http://www.strattera.de/ . Da werden sich vermutlich die "Strattera-Mütter" (so nannte sich selbst eine im Netz, eine "Ex-Ritalin-Mutter": http://forum.gesundheitswerkstatt.de/showthread.php?t=343 ) fachlich informieren lassen.

Mit freundlichen Grüßen,

M. S.-H.


Zitat

E-Mail der Redakteurin vom 08.10.08 um 14:12 h:

Sehr geehrter Herr Schlicks,

besten Dank! Nur- der kleine Seitenhieb sei mir erlaubt- diese Adressen
haben wir alle schon :-) und sogar schon alle kontaktiert oder im kritischen
Visier. Ganz so oberflächlich und kurzlebig ist Fernsehen nämlich
nicht...
Von daher lohnt sich Anschauen auf jeden am 9.12 Fall. Und: die Sendung
gibt's auch anschließend im Internet .-) Sie sehen- ich gebe nicht auf in
meinem missionarischen Eifer!

Herzlich und vielleicht ja auf ein anderes Mal

A. R.


Zitat

E-Mail-Antwort an die Redakteurin 08.10.08 15.59

Weitere Infos


Sehr geehrter Frau R.,

ich glaube nicht, dass TV grundsätzlich oberflächlich ist oder gar sein muss! Vielleicht haben Sie mich da missverstanden. Ich würde mich bei Beteiligung an einer solchen Sendung auf jeden Fall sehr darum bemühen, dass das nicht so ist und habe dabei dann gerne ein Mitspracherecht und nicht jede(r) mag Einfluss und Kontrolle durch einen Interviewpartner. Der andere "Seitenhieb": Da bin ich aber beruhigt ;-). Andererseits ein kleiner Ballwechsel: Ich rätsele noch über Ihr letztes Anschreiben, "Herr Schlicks": Oberflächlichkeit? Seitenhieb? Zum Glück nicht "life"...

Also Ihr letzter Versuch Ihrerseits (Mission) in Ehren, hier kommt ebenfalls mein letzter Versuch: Wen werden Sie denn nun telegen befragen? Bleibt es ein Geheimnis? Kritische Sendungen an sich interessieren mich nämlich zu diesem Stoff kaum noch, da ich von mir glaube, sehr kritisch und verantwortungsvoll mit dem Thema umzugehen und ich mir aus dem Fernsehen dazu zu wenig neue Informationen ´für mich als Arzt erhoffe. Ich könnte also bestenfalls noch unangenehm überrascht werden, dass es mir doch zu oberflächlich, "platt", tendenziell etc. ist.

Und ehrlich: Wenn Sie jetzt schon drehen und Ihre Kritikpunkte bishin zu den bösesten schon alle bekannt sind, werden sie am 15.12. jedenfalls für mich nicht mit Sensationen aufwarten können. Es könnte mich also ausschließlich noch neugierig machen, welcher praktisch und aktiv in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätige Arzt eine sehr kritische und doch sehr fundierte Meinung zum Thema Medikalisierung und Psychiatrisierung von "ADHS" mit Methylphenidat und Atomoxetin öffentlich macht, nachdem Sie trotz Ihrer offenbar ja umfangreichen Recherchen am Telefon behauptet haben, Sie fänden sonst niemanden. Und plötzlich ist er da. Ja wer denn nun???

Mit freundlichen Grüßen,

M. S.-H.


Das waren dann bislang die letzten Meldungen. Irgendwie bin ich ganz froh, dass man sich dann doch nicht auf mich eingelassen hat, denn ich bin mir nicht sicher, auf wen ich mich da eingelassen hätte. Pharmawerbung oder Fernsehen, ob kritisch oder blabla, irgendwie ist da doch eine Menge Meinungsmache mit Medien- oder Finanzmacht im Spiel, in der zwar Einzelfälle und -schicksale immer wieder vorgeführt werden, aber der Einzelne und die Differenzierung in der Regel nicht zählt. Als ich mich mal mit Journalismus beschäftigte, ist mir das sehr früh klar geworden. Als ich dann den Arztberuf ergriff, sind mir freilich dessen Kehrseiten auch nicht lange verborgen geblieben. Also laßt Euch mal überraschen, was aus der Sache wird: 09.12.08 um 21.00 Uhr im ZDF.

LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 457

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

2

Sonntag, 7. Dezember 2008, 23:42

In zwei Tagen ist es soweit: Arzneimittelkritik im Fernsehen auf der Überholspur

Zitat

Original von Michael
Arzneimittelkritik im Fernsehen auf der Überholspur: ADHS-Medikament Strattera im Fokus auf "Frontal21"


Dank der unten dargestellten Anfrage-Recherche für ein TV-Interview durch eine namhafte ZDF-Frontal21-Redakteurin per E-Mail bin ich in der Lage, schon frühzeitig einen TV-Programmhinweis zu geben: Es scheint entschieden, dass „Strattera Teil einer 45 minütigen Dokumentation am 9.12 um 21. Uhr im ZDF“ wird, wie die Frontal-Redakteurin schrieb.


Am Dienstag in zwei Tagen ist es so weit: ZDF-Frontal 21 will am 9.12.2008 um 21:00 Uhr eine Dokumentation ausstrahlen, in der es u. a. auch ein arzneikritisches Interview zu so genannten ADHS-Medikamenten, z.B. "Strattera", geben soll. Ich war zunächst für ein solches Interview angefragt worden, stellte aber offenbar selber zu viele Fragen. Aber auf ein ausführliches Interview von mir müsst Ihr darum in diesem Forum nicht verzichten: Interview zur Arzneimittelforschung und -Verordnung insbesondere auf dem Gebiet der Psychotherapie im Unterforum Psychotherapie/Psychosomatik: geistig-emotional-seelische Ebene.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 45

Wohnort: oldenburg in oldenburg

Beruf: psychologin

  • Nachricht senden

3

Dienstag, 9. Dezember 2008, 23:48

Lieber Michael,
ZDF-Frontal heute über die Machenschaften der Pharmaindustrie hat wieder einmal gezeigt, dass Vieles eben noch schlimmer ist, als man es sich vorstellen kann - ich hoffe, dass die Sendung bei vielen PatientInnen und ÄrztInnen viele Fragen erzeugt hat und sich vielleicht doch der eine oder andere fragen mag, ob denn das, was einem da so verkauft, für wahr vorgemacht und als unbedingt notwendig angedreht wird, überhaupt einen Nutzen hat und wenn ja welchen und für wen. War eine super Reportage fand ich - auch mutig.
Sabine
Sabine

Beiträge: 3 457

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

4

Mittwoch, 10. Dezember 2008, 01:01

Im Westen nichts Neues...

Zitat

Original von Sabine
Lieber Michael,
ZDF-Frontal heute über die Machenschaften der Pharmaindustrie hat wieder einmal gezeigt, dass Vieles eben noch schlimmer ist, als man es sich vorstellen kann - ...


Für mich ist es eher wie "im Westen nichts Neues", denn ich kann mir diese Machenschaften sehr gut vorstellen und Manches mehr. Diese Machenschaften sind in der Wirtschaft und der Politik gang und gäbe und zwischen schwarz und weiß, Mafia und rechtsstaatlichem Unternehmertum und demokratischer politischer Gesinnung ist manchmal nur der hauchdünne Unterschied der nicht Nachweisbarkeit bzw. des Gerüchtes. Die schlimme Tatsache, dass soviele Ärzte ihren Patienten so oft und so viel Schädliches mehr oder weniger gedankenlos rezeptieren, wurde intessanterweise gar nicht thematisiert.

Nun, auf der anderen Seite hat auch dieser Bericht viele Indizien aufgezeigt und Behauptungen aufgestellt, sicher auch Manches recherchiert aber so gut wie nichts bewiesen. Die Beschuldigten können Vieles in Abrede stellen und haben es mit schwachen Dementis auch getan oder sie können sich weiter tot und taub stellen. Auf der anderen Seite ist klar: es bleibt auch bei Behauptungen immer etwas von dem Dreck hängen, mit dem man wirft, bei beiden Seiten. Die Geschmähten werden zurückfragen, wer diese "einseitigen" Recherchen bezahlt, geschmiert hat, genauso wie Frontal fragt, wen Lilly und Pfizer alles bestochen haben, um Gefälligkeitsgutachten zu erhalten, unangenehme Studien verschwinden zu lassen, Genehmigungen zu erhalten.

Doch das ist alles überhaupt nicht neu und kursiert seit langem im Internet. Auch die unschickliche Nähe zwischen Industrielobby, Ärzten, Politik und inzwischen auch so genannten Selbsthilfevereinigungen mit ihren Internetforen ist landläufig bekannt und schon lange anrüchig. Der nicht korrupte Arzt muss sich angesichts der jahrzehntelangen Praxis von Werbeeinladungen von Medizinern zu so genannten Fortbildungen mit Damenprogramm am ägyptischen Badestrand oder in noblem Metropolen durch die Pharmafirmen schon erheblich wehren, um dem Generalverdacht von Willfährigkeitsverschreibungen und Pharmahörigkeit entgegenzutreten.

Denn auf beinahe jeder popeligen Fortbildung lokaler Ärztevereine wird auf die "freundliche Unterstützung von Firma XY" hingewiesen, die die Häppchen für die hungrigen armen Ärzte sponsert. Als ich das in meinem Ärzteverein schriftlich beim Vorsitzenden anprangerte und aufgrund unserer Imagepflege für einen höheren Mitgliederbeitrag oder eine fortbildungsbezogene Hörergebühr für die Häppchen und Limonaden eintrat, falls man glaubt, die haben zu müssen, haben die mich für so verrückt gehalten, dass ich auch nach über einem halben Jahr keiner Antwort gewürdigt wurde.

Zitat

Original von Sabine
...ich hoffe, dass die Sendung bei vielen PatientInnen und ÄrztInnen viele Fragen erzeugt hat und sich vielleicht doch der eine oder andere fragen mag, ob denn das, was einem da so verkauft, für wahr vorgemacht und als unbedingt notwendig angedreht wird, überhaupt einen Nutzen hat und wenn ja welchen und für wen.


Aber dazu müßte man den Diskurs im Grunde von Grund auf noch viel radikaler und gleichzeitig umfassender und gewissenhafter führen, so wie in diesem popeligen Forum zum Beispiel. Aber das ist nicht populär und was nicht populistisch und dramatisch 'rüberkommt, interessiert keinen Schwanz. Die meisten Medikamente sollte man wegschmeissen oder gar nicht produzieren, da sie selbst ausgeschissen und ausgeschifft nur das Grundwasser und wieder uns selbst vergiften. Selbst die ca. 300 Substanzen, die die WHO für essentiell hält, kann man vermutlich noch zusammenstreichen, wenn man sich mal mit Krankheitskonzepten und den dadurch bedingten Wahrnehmungsverschiebungen beschäftigt. Aber unser Gesundheitssystem ist auf einem ganz anderen Tripp und zu diesem ist auch Frontal da core.

Der Frontalsendung geht es um Recht und Unrecht und um Betrug und Wahrheit und sie glaubt, dass das immer so scharf auszumachen ist, obwohl unsere Art des medizinischen Denkens zum Teil selber der Sumpf ist, auf dem diese Auswüchse blühen. Es wird sein, wie einer unserer geschätzten Kollegen vor einiger Zeit sagte: Wenn ich Frontal und ähnliche Sendungen sehe, sitze ich selbstzufrieden mit einem wohligen Gruseln und einer gerechten Empörung da und weiß, was schlecht und wer böse ist. Und dann? Es mag desillusionierend und enttäuschend klingen, aber selbst als ich noch publizistisch für Gerechtigkeit und Wahrheit zu Felde zog: Ist der Pulverdampf verzogen, bleibt ein graues Schlachtfeld und ein schales Gefühl.

Zitat

Original von Sabine
War eine super Reportage fand ich - auch mutig.
Sabine


Sie ist auf jeden Fall sehr aufwändig gemacht seit den Vorbereitungen im September und irgendwie auch reißerisch mit einer Pseudoobjektivität und darin ihrem Goliat-Gegner big-Pharma gar nicht unähnlich, auch in ihren Fakes und genialen Gags wie der getürkten Arzneispezialität "Volazin" -" Das erste Antidepressivum, das weniger verspricht - weniger Nebenwirkungen!", die sie als Novität den Werbefuzzis der angeblich ehrenwerten und unabhängigen aber in Wirklichkeit käuflichen Presse für gutes Geld andrehten. Aber ehrlich: Welche Beweiskraft haben Uraltbilder von amerikanischen Anhörungen in den 90er Jahren, Betroffenheitsinterviews mit unkenntlichen Gesichtern ohne Stimmen und allgemeinen Klagen aus den Nebenwirkungslisten, Wischiwaschibilder versteckt gedreht und doch nicht verwertbar? Für die Kritiker dieser Sendung sind auch diese Einzelfälle Fake-verdächtig oder irrelevant.

Und die eingestreuten Expertenaussagen mit maximal vier oder fünf kurzen Einspielungen einiger Sätze, die etwas behaupten und nur durch Titel (Professor für irgendetwas) glaubhaft machen, stehen auf dem Niveau der gekauften lobhudelnden und mit pseudowissenschaftlichen Nimbus versehenen Werbeaussagen der Professoren, die als Pharmalobbyisten im Sold der Industrie stehen. Es wird also mit medialen Mitteln etwas glaubhaft gemacht, was Viele ohnehin glauben und überall nachlesbar ist, aber es wird nicht bewiesen.

Mutig? Naja, im schlimmsten Fall wird es Drohungen geben, das ganze ZDF oder Zeugen oder Journalisten zu kaufen. Für jahrzehntelange Prozesse ist sicherlich alles genug abgesichert oder vage und das Kalkül geht davon aus, dass die Angepissten lieber still halten, als dass die öffentlich noch mehr Spritzer abbekommen, die ob zu recht oder unrecht immer stinken würden. Selbst der handfeste Contergan-Skandal hat der betroffenen Arzneimittelfirma trotz tausender verstümmelter Opfer und tot geborener Kinder nicht wirklich geschadet und das unkritische Vertrauen in die Sorgfalt der pharmazeutischen Industrie einer angemessen skeptischen Betrachtungsweise weichen lassen.

Ein Dilemma ist übrigens, dass die Menschen auf der einen Seite so schlecht über sich selbst und ihre Gesundheit, über die Ärzte und das Vertrauen, über die Pharmazie und den Kapitalismus denken und trotzdem dem Geld und dem Schein hinterher laufen und Medikamente gegen alles und für jedes fressen. Sie fressen auch jedes Gerücht, aber es ändert ihren Lebenswandel und ihre Einstellung zur Realität als einer Konstruktion nicht. Bei wenigen macht es klick, bei den meisten kommt nichtmals die Frage an.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich als "Experte" frühzeitig aussortiert wurde: meine fünf plakativen Sätze hätte ich aus dem differenzierten Kontext nicht als die neue Dissidenten-Wahrheit hören mögen neben all den gewichtigen Professoren und Kriminalisten sowie abtrünnigen Pharma-Kronzeugen. Das ist mir zu beschämend banal. Du hast ja gesehen, als ich begann, das Konzept der eifrigen Journalistin zu hinterfragen, wurde es der schon zu kompliziert, zu differenziert, war zu wenig schnell und griffig. Einen verschreibenden Praktiker hat Frontal übrigens gar nicht vor die Kamera gelassen.

Ich schätze das, was sich dem schnellen Zugriff und dem einfachen Begreifen entzieht. Alles andere ist oberflächliche Gaukelei. Die Gegner entsprechen einander, sie sind gewitzt, schlau, potent und großsprecherisch, aber niemals richtig aufrichtig mit der Frage der Unabhängigkeit. Unabhängige lassen sich von niemandem einfangen, einwerben, kürzen und benutzen. Gibt es überhaupt noch Unabhängige? Auch das ZDF ist eine Macht, eine Meinungsmacht und ein Wirtschaftsunternehmen. Und bei uns verkaufen sich schlechte und grausame Nachrichten leider auch am besten. Auch Fernsehen kann zur selbstgerecht machenden Droge werden und ich gebe zu, dass auch das jetzt selbstgerecht klingt. Vielleicht gibt es hienieden gar keine Wahrheit?!

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 457

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

5

Mittwoch, 10. Dezember 2008, 01:22

Dokumentation der Frontal21-Sendung gegen Big Pharma

Die Redakteurin warb damit, dass nach der Sendung ein Teil im Internet veröffentlicht wird. Es wird dem ZDF und Herrn Esser und Frau Randerath sicher recht sein, wenn ich ihr Werk veröffentliche, damit der geneigte Leser weiß, worüber wir uns gerade ausließen:

Zitat

Internetinformationen zur gestrigen Sendung [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,7488768,00.html]"Das Pharma-Kartell"[/URL]

[SIZE=3]Das Pharma-Kartell[/SIZE]

Wie Patienten betrogen werden

von Christian Esser und Astrid Randerath

Pharmaunternehmen können in Deutschland nach Einschätzung verschiedener Experten fast ungestört ihre Profitinteressen verfolgen. Das geht zu Lasten der Patienten, wenn dabei Nebenwirkungen verschwiegen, Selbsthilfegruppen instrumentalisiert oder Politiker, Ärzte und Heilberufe mit Gefälligkeiten umworben werden. Christian Esser und Astrid Randerath decken in der Frontal21-Dokumentation "Das Pharma-Kartell" auf, wie dieses System funktioniert.


Uwe Dolata ist Korruptionsexperte der Kriminalpolizei, ermittelt immer wieder gegen verschiedene Pharmafirmen. "Sehr perfide" nennt er die Methoden der Pharmaindustrie. "Sie geht vor mit einem Netzwerk der Korruption, das sie über Deutschland ausgeworfen hat", sagt Dolata. Politik, Verwaltungen, niedergelassene Ärzte und Krankenkassen seien vom Einfluss der Pharmalobby durchdrungen. "Sie nimmt Einfluss direkt oder indirekt, sie begeht Sponsoring, sie füttert an." Auch Forschungsberichte und Universitäten würden beeinflusst.

Wichtigstes Ziel ist dabei offenbar immer, Medikamente gewinnbringend zu verkaufen. Auch fragwürdige Mittel werden nach Ansicht von Kritikern in den Markt gedrückt, eine Gefährdung der Patienten in Kauf genommen. "Der auch in der Öffentlichkeit immer noch vorherrschende Irrglaube, ein Arzneimittel, was zugelassen ist, ist sicher, ist eindeutig nicht richtig", sagt Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Insider berichtet

Das bestätigt auch ein Pharma-Insider, der für Frontal21 erstmals vor die Kamera geht. John Virapen ist ein ehemaliger Geschäftsführer des Pharmariesen Lilly in Schweden. "Sie verkaufen Ihnen gefährliche Medikamente, um Geld zu machen", sagt er. "Falls sie denken, dass die Pharmaindustrie Medikamente auf den Markt bringt, um Ihnen zu helfen, vergessen Sie es." Die Unternehmen streiten dies dagegen ab. Der Pharmariese Lilly etwa betont, das für das Unternehmen, "die Qualität seiner Produkte und Sicherheit der Patienten an erster Stelle stehen."

Auch Monika Kranz fühlte sich wahrscheinlich sicher, als sie das Antidepressivum "Zoloft" der Firma Pfizer einnahm. Sie litt jedoch unter Nebenwirkungen, zwei Wochen nach Beginn der Therapie nahm sich die fast 50-Jährige das Leben. "Meine Frau könnte heute noch am Leben sein, wenn Pfizer rechtzeitig informiert hätte über die Risiken des Medikaments", glaubt ihr Mann Lothar Schröder. Antidepressiva vom Wirktyp wie "Zoloft" - so genannte Wiederaufnahmehemmer (SSRI) - können eine erhöhte Selbstmordneigung auslösen. Warnungen waren in den USA bereits seit langem bekannt, als Monika Kranz das Mittel einnahm. Im deutschen Beipackzettel wurde im April 2005 jedoch noch nicht davor gewarnt.

"Selbsthilfegruppen instrumentalisiert"

Den guten Ruf ihrer Produkte lässt sich die Pharmaindustrie einiges kosten: 40 Prozent der Einnahmen fließen ins Marketing, erklärt der Pharmakologe und Korruptionsexperte Peter Schönhöfer. Nur zehn Prozent werden dagegen in die Produktentwicklung und Forschung investiert. "Das heißt, es geht viel mehr in Werbung, Information, in Unterstützung von Menschen, die die Produkte fördern, als in die Entwicklung neuer Produkte", sagt Schönhöfer.
Pharmaexperte Peter Schönhöfer.

Auch Selbsthilfegruppen werden nach Angaben des Korruptionsexperten für Marketingzwecke instrumentalisiert. Mitte der 80er Jahre habe die Pharmaindustrie die Patientenorganisationen als Marketingagenten entdeckt. "Wenn sie finanziert werden, geben sie den Finanzierern zurück, dass sie für deren Produkte werben", sagt Schönhöfer. "Nicht alle, aber viele Selbsthilfegruppen sind nicht besser, als der verlängerte Arm der Pharmaindustrie."

"Korruption beginnt im Stillen"

Besonders wichtige Produkt-Verteiler sind laut Schönhöfer auch manche Ärzte. "Das ist leider eine verbreitete Spezies von Medizinexperten, die gegen Geld verzerrte Informationen verbreiten, Produkte loben, ohne auf die Risiken hinzuweisen." Das sei nicht akzeptabel. "Solche Experten sind das, was wir in unserem Slang als "Mietmäuler" bezeichnen. Sie reden das, was ihnen vorgesetzt wird, nicht um den Patienten oder die Ärzte zu informieren, sondern um ihnen Fehlinformationen, blumenreich zu vermitteln", sagt Schönhöfer.

Wenn Pharmavertreter einen verschreibenden Arzt für ihre Produkte gewinnen können, kann das enormen Umsatz bringen. Deshalb sind auch niedergelassene Ärzte ein wichtiges Ziel für manche Unternehmen. Ermittler Dolata berichtet, dass Korruption immer "im Stillen" beginne. "Mal eine Einladung zum Essen oder auch das Anbieten von Software, von Hardware für die Arztpraxis - oder eben Annehmlichkeiten, die geboten werden, Reisen in Form von Vorträgen." Die Pharmaindustrie investiere viel Geld, um Abhängigkeiten zu schaffen. Etwa 90 Prozent der Fortbildungen für Ärzte seien von der Pharmaindustrie gesponsert, sagt Dolata.

Vor juristischen Konsequenzen müssen die Pharmamanager aus Dolatas Sicht bisher wenig Sorge haben. "Die Pharmaindustrie kann ganz entspannt den Ermittlungsbehörden, den Polizeien, den Staatsanwaltschaften und den Gerichten entgegensehen, weil es noch keine Verurteilung in Deutschland gegeben hat, die auf Bestechung, Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr, auf Korruption durch die Pharmaindustrie zurückzuführen ist, die auch eine Abschreckung darbieten könnte", sagt der Fahnder.

In München etwa fanden Ermittler heraus, dass vermutlich tausende Klinikärzte bestochen wurden. Tausende Strafverfahren wurden eingeleitet - und meistens wieder eingestellt. Verurteilt wurden bisher Ärzte und kleine Pharmavertreter, Pharmamanager blieben in der Regel ungestraft. Für Dolata steht fest: "Die Pharmaindustrie kann in Deutschland eigentlich machen, was sie will.



[SIZE=3]"Man geht innerlich zu Grunde"[/SIZE]

Schwere Nebenwirlungen bei ADHS-Arznei


Das Medikament Strattera vom amerikanischen Pharmariesen Lilly wird hyperaktiven Kindern und Jugendlichen zur Beruhigung und Konzentrationsförderung verschrieben. Doch das Präparat steht im Verdacht, erhebliche Nebenwirkungen hervorzurufen - auch bei Tom.

Tom ist ein guter Schüler. Doch in der 5. Klasse beginnt es, Tom verändert sich. Er ist unruhig im Unterricht, lässt sich schnell ablenken, schwatzt ständig mit anderen Schülern, hat Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Eine Lehrerin informiert die Eltern und empfiehlt ihnen, zum Arzt zu gehen: Irgendetwas stimme mit dem Jungen nicht.

"Es wurde immer schlimmer"

Der Arzt diagnostiziert bei Tom schließlich ADHS, eine so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung - auch bekannt als Zappelphillipp-Syndrom. Er verschreibt dem Jungen anfangs Ritalin, später bekommt Tom Strattera. Der heute 17-Jährige erinnert sich: "Dann kamen wir halt zu den Tabletten, ohne uns darüber informiert zu haben, was sie wirklich für Wirkungen haben."

Jahrelang geben die Eltern Tom Strattera. Zwar kann ihr Sohn sich jetzt wieder besser in der Schule konzentrieren, doch Tom zieht sich zunehmend in sich zurück. Das Medikament habe ihn runter gezogen, sagt Tom heute. "Am Anfang war's noch okay, aber im Endeffekt wurde es dann immer schlimmer."

Tom hatte Selbstmordgedanken

Strattera habe seine Persönlichkeit, sein Selbstvertrauen zerstört und Gefühle, wie Freude, Trauer oder Schmerz völlig ausgeschaltet. "Man geht innerlich zu Grunde", so Tom. In dieser Zeit habe er sogar über Selbstmord nachgedacht. "Zum Schluss habe ich mich gefühlt, wie wenn man an der Klippe steht und nur noch überlegt: springen oder nicht. Viel hat da nicht mehr gefehlt."

Seit 2005 ist das Medikament Strattera des Pharmaunternehmens Lilly in Deutschland auf dem Markt. Es soll helfen, bei Kindern und Jugendlichen mit dem sogenannten Zappelphillipp-Syndrom hyperaktive Phasen tagsüber zu dämpfen. Tausende Kinder nehmen das Präparat in Deutschland, weltweit sind es sogar etwa 3,5 Millionen. Lilly macht seit Jahren Riesenumsätze mit der ADHS-Arznei - obwohl Experten seit langem vor den gefährlichen Nebenwirkungen warnen und fordern, das Präparat vom Markt zu nehmen.

Nebenwirkungen und Todesfälle

"Strattera wird eingesetzt im Prinzip bei gesunden Kindern, die sind nur zappelig, unruhig, können sich schlecht konzentrieren, das hat oft keinen Krankheitswert", sagt der Patientenbeauftragte im Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, Jörg Schaaber, gegenüber Frontal21. Seiner Einschätzung nach sei es sehr fragwürdig, Kinder mit solch stark wirksamen und hochriskanten Medikamenten zu behandeln. Das stehe in keinem Verhältnis zu dem äußerst zweifelhaften Nutzen.

Seit der Einführung von Strattera hat es insgesamt 234 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Medikament gegeben, darunter Herzschwäche, Hörstürze und Suizidgedanken - allesamt bei Kindern und Jugendlichen. Das belegen interne Unterlagen aus dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, die dem ZDF vorliegen. Laut Behörden-Liste kam es sogar zu vier Todesfällen - darunter ein dreijähriges Kind. Ein fünfjähriger Junge erlitt einen Herzinfarkt, ein Zwölfjähriger bekam einen Gehirnschlag, ein Sechzehnjähriger nahm sich das Leben.

"Diese Substanzen wirken wie Speed"

"Diese Substanzen wirken, wie wir früher sagten, wie Amphetamine oder nach dem neueren Sprachgebrauch, wie Speed", erklärt der Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer vom pharmakritischen Newsletter "arznei-Telegramm". Das sind Substanzen, die gefährlich sind, weil sie einen übererregten Zustand auslösen und dazu gehört auch die Selbstaggression, also der Suizid", so Schönhöfer gegenüber Frontal21.

So musste Lilly bereits 2005 Ärzte vor Suizid fördernden Nebeneffekten bei Strattera in einem so genannten Rote-Hand-Brief, einer für Pharmahersteller verpflichtenden Information zu Arzneimittelrisiken, warnen. Darin heißt es: "Patienten und Eltern/Erziehungsberechtigte sollten auf das Risiko Suizidale Verhaltensweisen und mögliche Anzeichen und Symptome hingewiesen werden." Trotzdem sieht Lilly bis heute keinen Anlass, Strattera vom Markt zu nehmen. Viele Ärzte verschreiben das Medikament gegen ADHS weiter an Kinder und Jugendliche.

Zitat
„Ich habe mich nicht besser gefühlt, ich habe mich vielleicht konzentrierter gefühlt, aber der Rest ist auf der Strecke geblieben.“
Tom


Mehr Schaden als Hilfe

Wenn er das Positive und das Negative vergleiche, sagt Tom heute, habe Strattera ihm mehr Schaden zugeführt, als dass es ihm wirklich geholfen hätte. "Ich habe mich nicht besser gefühlt, ich habe mich vielleicht konzentrierter gefühlt, aber der Rest ist auf der Strecke geblieben." Nur schwer sei er damals von dem Medikament losgekommen, schließlich habe er Hilfe bei einem Psychologen gesucht.

Seine Eltern, so Tom, hätten gar nicht gewusst, was Strattera für ihren Sohn bedeutet habe. Tom stellt fest: "Ich würde das meinen Kindern nie geben".

Quelle [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,7488768,00.html]ZDF.de[/URL]
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 45

Wohnort: oldenburg in oldenburg

Beruf: psychologin

  • Nachricht senden

6

Mittwoch, 10. Dezember 2008, 23:56

Lieber Michael,
ich habe hier meine Meinung kund getan und mir schon gedacht, dass du eine andere hast und das was du nun schreibst ist sicherlich auch richtig. Dennoch, ich gehe mal davon aus, dass die meisten TV-Zuschauer nicht in jedem Thema für das sie sich interessieren so firm sind, dass sie sofort auf sämtliche Ungereimtheiten etc. reagieren werden. Was ich an der Sendung bei allen Schwächen, die sie haben mochte eben gut fand ist, dass sie auch solche Menschen vielleicht dazu bringt, demnächst etwas kritischer ihre Beipackzettel zu lesen, die bisher davon ausgingen, dass die Nebenwirkungen eben immer nur andere angeht oder dass der Arzt schon weiß, was für sie gut ist und vielleicht hinterfragt der eine oder andere demnächst seine Selbsthilfegruppe.
Dass ich mir manche Dinge nicht so schlimm vorstellen kann, wie sie tatsächlich sind, mag mich naiv wirken lassen, aber immerhin bin ich offen dafür, mir dessen bewußt zu werden.
Was die Quailität und den Unterhaltungswert von TV-Sendungen ansonsten angeht, ist es wahrscheinlich überflüssig, darüber noch viele Worte zu verlieren, ich habe seit 15 Jahren keinen Fernseher mehr im Haus und auch noch keine Möglichkeit über den PC das Fernsehprogramm zu empfangenm. Gestern habe ich mich extra außer Haus begeben um die Sendung, mit der du dich solange befaßt hast und von der du schon vorab soviel mitgeteilt hast, anzuschauen. Somit sind deine Bemühungen Interesse dafür zu wecken also mindestens in meinem Fall fruchtbar gewesen.
Wenn du möchtest, dass sich wirlich etwas verändert in der Welt dann ist es wie immer und da wirst du vielleicht mal keine andere Meinung haben: Fang bei dir an! Wenn du mit deinen Patienten und Mitmenschen deine Gedanken teilst wirst du alleine schon dadurch mehr erreichen, als jeder reißerisch aufgemachte Artikel in irgendeiner Zeitung oder eben ein unsauber recherchierter Bericht im Fernsehen.
Die Schwierigkeit, in einem Forum zu einer Diskussion zu kommen ist vielleicht auch die, dass wir uns nicht sehen können und dass zumindest ich Schwierigkeiten habe, so umfassend und endgültig über die Dinge zu schreiben wie du und ich brauche auch immer sehr lange, um meine Gedanken zu verschriftlichen (allerdings bin ich mündlich auch eher langsam).
Und darum grüße ich dich jetzt herzlich und wünsche dir eine gute Nacht.
Mich würde auch interessieren, was andere Forumsmitmenschen über die Sendung denken, habt ihr Lust, mal kurz ein Statement abzugeben?
Sabine
Sabine

Beiträge: 3 457

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

7

Donnerstag, 11. Dezember 2008, 23:23

Du hast ja recht...

Zitat

Original von Sabine
Lieber Michael,
ich habe hier meine Meinung kund getan und mir schon gedacht, dass du eine andere hast und das was du nun schreibst ist sicherlich auch richtig.


Liebe Sabine, ich stimme Dir zu, es ist richtig;)!

Zitat

Original von Sabine

Dennoch, ich gehe mal davon aus, dass die meisten TV-Zuschauer nicht in jedem Thema für das sie sich interessieren so firm sind, dass sie sofort auf sämtliche Ungereimtheiten etc. reagieren werden.


Genau, davon gehe ich auch aus. Das ist einer meiner "Rechtfertigungsgründe" für meine "Strenge" und ausschweifende Genauigkeit. Vielleicht erkennt Mancher darin auch einen Touch von Rechthaberei...:P

Zitat

Original von Sabine

Was ich an der Sendung bei allen Schwächen, die sie haben mochte eben gut fand ist, dass sie auch solche Menschen vielleicht dazu bringt, demnächst etwas kritischer ihre Beipackzettel zu lesen, die bisher davon ausgingen, dass die Nebenwirkungen eben immer nur andere angeht oder dass der Arzt schon weiß, was für sie gut ist und vielleicht hinterfragt der eine oder andere demnächst seine Selbsthilfegruppe.


Mögest Du auch da recht haben. Leider haben die Frontalisten in ihrer Sendung gar keinen Arzt in seinem Konflikt zwischen willfährigem Verschreiben der symptomzudeckenden Arznei und geduldiger Ursachenforschung gezeigt.

Ich kann mir aber auch denken, weshalb sich die Sendungsmacher nach ein paar E-Mails schnell wieder von der Idee verabschiedet haben, mich zu interviewen. Die wären nicht zufrieden mit mir gewesen oder hätten meine Aussagen zurecht gestutzt und damit wäre ich nicht zufrieden gewesen.

Allerdings wissen Einige jetzt genauer, dass sich in den medikamentenfreundlichen Seiten der ADHS-Selbsthilfeforen nicht nur Verzweiflung und Dummheit die Hand geben, sondern viele Hände auch das schwarze Geld der pharmazeutischen Industrie annehmen, um für diese zu werben - natürlich nicht offen. Ich bin froh, dass es ein solches Niveau hier nicht gibt.

Zitat

Original von Sabine

Dass ich mir manche Dinge nicht so schlimm vorstellen kann, wie sie tatsächlich sind, mag mich naiv wirken lassen, aber immerhin bin ich offen dafür, mir dessen bewußt zu werden.


Du bist ein Gutmensch mit positivem Vorzeichen, wenn Du auf diese Weise die Naivität für Dich beanspruchst, ein "Plussi" und ich einer mit negativem Vorzeichen, ein "Anti", wenn ich so argumentiere. Es macht Spass oder ist zumindest mal ein Ausgleich zu den ganzen Betroffenheits- und Entsetzensschaumbädern für meine Seele, mal ein wenig ironisch und manchmal auch sarkastisch über zu schäumen, was die Populistensendung auf ihre Weise ja auch macht.:frech

Zitat

Original von Sabine

Was die Quailität und den Unterhaltungswert von TV-Sendungen ansonsten angeht, ist es wahrscheinlich überflüssig, darüber noch viele Worte zu verlieren, ich habe seit 15 Jahren keinen Fernseher mehr im Haus und auch noch keine Möglichkeit über den PC das Fernsehprogramm zu empfangenm.


Ach, auch da hast Du wieder recht:D!

Zitat

Original von Sabine

Gestern habe ich mich extra außer Haus begeben um die Sendung, mit der du dich solange befaßt hast und von der du schon vorab soviel mitgeteilt hast, anzuschauen. Somit sind deine Bemühungen Interesse dafür zu wecken also mindestens in meinem Fall fruchtbar gewesen.


Da kannst Du mal sehen, wie wohlwollend ich sein kann;), nachdem ich bei der Redakteurin zunächst durchblicken ließ, dass mich ihre Sendung vermutlich nicht besonders vom Hocker hauen und mir neue Erkenntnisse vermitteln wird, habe ich sogar selbst zugeschaut und Leute darauf aufmerksam gemacht, die zugeschaut haben. Vielleicht bin ich aber gar nicht nett, sondern bestätige mich nur gerne selber:eek.

Zitat

Original von Sabine

Wenn du möchtest, dass sich wirlich etwas verändert in der Welt dann ist es wie immer und da wirst du vielleicht mal keine andere Meinung haben: Fang bei dir an! Wenn du mit deinen Patienten und Mitmenschen deine Gedanken teilst wirst du alleine schon dadurch mehr erreichen, als jeder reißerisch aufgemachte Artikel in irgendeiner Zeitung oder eben ein unsauber recherchierter Bericht im Fernsehen.


Will ich etwas verändern? Hm. Bewußtsein ja - ich arbeite dran und selbstverständlich stehe ich meinen Patienten im Gespräch mit Rat und Tat auch im kritischen Verständnis zur Verfügung.

Allerdings habe ich noch keinen Patienten auf diese Seiten aufmerksam gemacht, weil ich denke, dass es zu geballt, zu viel und erkennbar überkritisch ist. Leute in Not benötigen eine behutsamere Einführung in ihre Selbstheilungskräfte und Selbstkompetenz und keinen erschlagenden Berg von Informationen.

Wer den Weg hierher findet, der ist vermutlich zur richtigen Zeit richtig geleitet worden. Ich mache also keine Werbung in eigener Sache für ein medizin- und arzneikritisches Forum. Es ist ja auch weder ein Beratungs- noch ein Selbsthilfeforum.

Zitat

Original von Sabine

Die Schwierigkeit, in einem Forum zu einer Diskussion zu kommen ist vielleicht auch die, dass wir uns nicht sehen können und dass zumindest ich Schwierigkeiten habe, so umfassend und endgültig über die Dinge zu schreiben wie du und ich brauche auch immer sehr lange, um meine Gedanken zu verschriftlichen (allerdings bin ich mündlich auch eher langsam).


Das kann ich gut verstehen, abgesehen von dem sehen. Ich glaube, ich sehe durchschnittlicher aus, als diese Texte. Meine Art, mich über die Themen zu verbreiten, ist nicht immer sehr diskussionsfördernd, die Menge erschlagend, die Lückenlosigkeit deprimierend, wo will man da einhaken, wenn man nicht total gegensätzlicher Meinung wäre?

Und dennoch soll sich dahinter kein totalitärer Wahrheitsanspruch verbergen, sondern eher eine immerwährende, nie zufriedene Wahrheitssuche, die systematisch Stückwerk erkennt, benennt und ausscheidet. Das ist sehr streng und dennoch bin ich mir bewußt, dass auch dies hier alles immer noch Stückwerk ist, nur etwas mehr Annäherung als vielleicht bei den Vereinfachern und Sektierern. Auch ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Zitat

Original von Sabine

Und darum grüße ich dich jetzt herzlich und wünsche dir eine gute Nacht.

:gutena

Zitat

Original von Sabine

Mich würde auch interessieren, was andere Forumsmitmenschen über die Sendung denken, habt ihr Lust, mal kurz ein Statement abzugeben?
Sabine


Es könnte sein, dass Du zum Teil aus den auch von Dir vermuteten Gründen vergebens wartest. Aber wie auch immer, schön, dass Du Dich nicht von einem generalistisch und besserwisserisch anmutendem Stil abschrecken ließest.

Ürigens, zum Nachhacken: Frontal21 hatte das Pharmakartell schon vier Wochen vorher auf dem Kieker, diesmal wegen Preistreiberei zum Schaden der Patienten, der Krankenkassen und, da letztlich nur einer verdient, zum Schaden der Volkswirtschaft:

Zitat

Aus [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/5/0,1872,7402181,00.html]ZDF.de[/URL] über Frontal21-Sendung vom 11.11.2008

[SIZE=3]Pharmakonzerne kassieren ab[/SIZE]

Medikament zwanzigmal teurer bei gleicher Wirkung

von Rainer Fromm und Richard Rickelmann


Pharmakonzerne bringen in Deutschland überteuerte Medikamente auf den Markt und können nahezu wirkstoffgleiche, wesentlich preisgünstigere Alternativen blockieren. Der Bremer Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske kritisiert die Unternehmen scharf. "Ich halte sie für asozial", sagte er Frontal21.

Diese Unternehmen gingen nicht konform mit der gesetzlichen Krankenversicherung, meint Glaeske. Seiner Ansicht nach habe jeder Anbieter auch eine Verpflichtung dem System gegenüber, es nicht nur auszunehmen, sondern es auch zu stabilisieren. Ausgelöst hatte die seit Monaten andauernde Diskussion über die Preispolitik einiger Pharma-Riesen das Augenmedikament Lucentis des Herstellers Novartis. Ärzte und Krankenkassen hatten sich geweigert, ihren Patienten das teure Präparat zu verschreiben und stattdessen ein dafür nicht zugelassenes Medikament verordnet: Avastin von Roche.

Beide Mittel wirken gegen eine bestimmte Form der Altersblindheit, in der Fachsprache als Makuladegeneration (AMD) bezeichnet. Jahr für Jahr erkranken daran Zehntausende Menschen. Nur die Neuerkrankungen sind behandelbar. Bei AMD kommt es zur Zerstörung der hoch empfindlichen Sinneszellen im "gelben Fleck" (Makula), der in der Netzhautmitte für die wichtigsten Sehleistungen zuständig ist. In der Folge geht die zentrale Sehschärfe der Betroffenen verloren, der Patient wird allmählich blind.

"Ich hatte Angst, dass ich blind werde"

Auch Inge Bender leidet an AMD. Die 86-Jährige kann nur noch mit der Lupe sehen. "Ich hatte Angst, dass ich ganz blind werde", erzählt die Rentnerin. Doch Ärzte gaben ihr wieder Hoffnung. Sie behandelten Inge Brender mit dem Medikament Avastin. "Nach der Spritze konnte ich wieder die Hand erkennen und drei Finger", berichtet sie.

Aus Sicht der Pharmaindustrie aber handelten die Ärzte illegal. Denn das Roche-Medikament Avastin ist nur als Krebsmittel zugelassen und nicht zur Bekämpfung von Altersblindheit. Roche hatte darauf verzichtet, die Substanz als Augenmedikament anzumelden. Stattdessen präsentierte die Unternehmensgruppe Novartis, der Roche zu einem Drittel gehört, Anfang 2007 das fast identische, aber um ein Vielfaches teurere Präparat Lucentis.

Gewaltige Preisunterschiede

"Wir sind uns sicher darüber einig, auch fachlich einig, dass die Wirkung gleichwertig ist", so der Kölner Augenarzt Professor Norbert Körber im Frontal21-Interview. Die Kosten je Dosis dagegen würden jedoch völlig unterschiedlich ausfallen, so der Mediziner: Eine Spritze Avastin koste etwa 65 Euro, eine Dosis Lucentis ungefähr 1300 Euro - ein gewaltiger Unterschied.

Bezahlen müssen den die Krankenkassen. Würden alle Avastin-Patienten mit Lucentis behandelt, ergäbe das für die Kassen eine Mehrbelastung von rund einer Milliarde Euro. Doch wie kommen derartige Preisunterschiede zu Stande? Frontal21 fragt bei Novartis nach. Zum Fall Lucentis erklärt uns das Unternehmen schriftlich: "Seine Kosteneffektivität haben unabhängige Institute in anderen Ländern (...) nachgewiesen. (...) Die angebliche Belastung der Versichertengemeinschaft weisen wir zurück."

Keine Preisbindung für Neumedikamente

Das sieht das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) anders: "Das sind Wucherpreise, die das Unternehmen dafür verlangt", kritisiert Professor Peter Sawicki. Rechtlich jedoch, so räumt er ein, sei das momentan zulässig. Dem könne man nur eine staatlich regulierte Preisbildung entgegensetzen.

Denn die gibt es bisher in Deutschland nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten ist es den Pharmaunternehmen hier erlaubt, ohne Absprachen mit den Kassen jeden Preis für Neumedikamente zu verlangen. Und der Fall Lucentis ist keine Ausnahme, sagt Dr. Peter Moormann von der Kaufmännischen Krankenkasse: "Wir beobachten entsprechend hochpreisige Therapien auch speziell im Bereich der Krebstherapie, und wir sehen das auch im Bereich der Antirheumatika, aber auch in anderen Bereichen, wie der Neurologie." Überall sei der Trend da, Arzneimittel zu überhöhten Preisen auf den Markt zu bringen, so Moormann.

Experten plädieren für Zwangszulassung

Deutschland, ein Paradies für Pharmaunternehmen? Moormann meint, ja. Und Novartis tut alles dafür, dass das so bleibt. Im Herbst 2007 wollte das Unternehmen den Ärzten sogar gerichtlich untersagen lassen, die günstige Avastin-Behandlung mit den Krankenkassen abzurechnen. Der Pharma-Riese scheiterte, sieht aber dennoch keinen Anlass, seine Preispolitik zu ändern. So fordern Experten nun von der Politik, Medikamente wie Avastin mit staatlicher Hilfe zuzulassen.

"Ich finde es völlig richtig, wenn die Politik das Wort Zwangszulassung auch in den Mund nimmt", betont Glaeske. Denn damit werde ein Stoppschild markiert, dass die pharmazeutische Industrie nicht ungehindert ihre Preise festlegen, ihre Aktionäre bedienen könne, und dabei nicht an das Sozialwesen denke. Doch das Bundesgesundheitsministerium wiegelt ab. "Die fehlende Bereitschaft eines pharmazeutischen Unternehmers könnte nicht ohne weiteres im Wege einer hoheitlichen Entscheidung ersetzt und dann im Wege einer behördlichen Ersatzvornahme "vollstreckt" werden", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber Frontal21.

Quelle [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/5/0,1872,7402181,00.html]ZDF.de[/URL] Frontal21


Viele "neue Medikamente" sind "Scheininnovationen". Damit läßt sich richtig Reibach machen. Auch das ist nicht neu. So stammt das von Frontal21 gezeigte Interview mit dem ehemaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer, der zugab, dass die Regierung vor der Pharmaindustrie einknickte, schon von 2006:

Zitat

Aus Internetforum bunkahle.com vom 4.7.2006 über ein Interview von 2003

[SIZE=3]POLITIK UNTERWIRFT SICH DER PHARMALOBBY[/SIZE]

Ex-Gesundheitsminister Seehofers späte Beichte:

Die Pharma-Lobby hat das Sagen!


In einem Interview für die deutsche TV-Sendung FRONTAL 21 gab der ehemalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer jetzt zu, dass die Gesundheitspolitik in Deutschland seit langem von der Pharma Lobby bestimmt wird. Auf die Frage des Reporters, ob er gegen die Interessen der Pharma-Industrie gerichtete Reformvorschläge während seiner Amtszeit zurückziehen musste, sagte Seehofer:

Ja. Das ist seit 30 Jahren so, dass sinnvolle strukturelle Veränderungen ( ... ) nicht möglich sind wegen des Widerstands der Lobbyverbände.

In dem Beitrag des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) ging es um die zweifelhafte Methode der Pharma-Industrie, mit neu zugelassenen Scheininnovationen die Preistreiberei bei den Medikamenten auf die Spitze zu treiben.

Etwa 1,3 Milliarden Euro gehen jährlich auf das Konto dieser Scheininnovationen, rechnete Pharma-Experte Prof. Peter Schönhöfer vor. Der langjährige Ministerberater und SPD-Gesundheitsexperte Prof. Karl Lauterbach setzte noch eins drauf:

Es ist sogar so, dass wir heute weniger Arzneimittel konsumieren als vor Jahren. Das heißt, wir verschreiben weniger, es wird aber trotzdem immer teurer, weil jedes einzelne Medikament teurer angeboten wird.

Selten, so betont Lauterbach ausdrücklich, bringen die neuen Medikamente aber einen Mehrnutzen. Glaubt man den Auskünften von Transparancy International, ist die Zahl der echten Innovationen seit einiger Zeit verschwindend gering. Nur sieben von 450 neuen Substanzen sind nach Auffassung der Antikorruptionsorganisation tatsächlich so etwas wie innovativ.

Womit noch nicht gesagt wäre, dass sie auch wirksam oder gar nützlich sind. Denn auch erwiesenermaßen unwirksame Präparate halten sich bereits seit Jahren hartnäckig auf dem Markt. Was zumindest den Zweifel daran nahe legt, dass unser Zulassungssystem für Arzneimittel wirklich objektiv funktioniert.

Wie aber sollte etwas zum Wohle der Patienten daran geändert werden, wenn selbst Ex-Bundesgesundheitsminister resigniert mit den Schultern zucken und vor der Macht des Pharma-Kartells in die Knie gehen?

Quelle: Rath International 5/2006

Quelle bunkahle.com


Der Beweis für die Seehofersche Aussage ist ein Video des Interviews von 2003 auf YouTube:

Zitat

Aus WAHRHEITEN.ORG vom 29.10.2008

[SIZE=3]Deutsche Politik gibt zu, machtlos gegen die Pharmalobby zu sein[/SIZE]

29. Oktober 2008 von Redaktion Wahrheiten.org

Es war im Jahre 2003, als Horst Seehofer vor laufender Kamera zugab, dass sich die Politik gegenüber der Pharmalobby zurückziehen muss, weil diese zu stark ist.

“Ja, das ist so, seit 30 Jahren - bis zur Stunde” gibt Seehofer zu Protokoll.

Hier YouTube-Video abspielen

Quelle WAHRHEITEN.ORG


LG, Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)

Beiträge: 3 457

Wohnort: Deutschland

Beruf: "Heilberuf"

  • Nachricht senden

8

Donnerstag, 18. Dezember 2008, 18:34

Brave new world with good new drugs – an outlook and a joke

Brave new world with good new drugs – an outlook and a joke (if it is a joke)

Im Pressewald der Republik rauscht es, in den Internetmedien knistert es, überall Aufregung rund um Frontal21, Lilly, Strattera und Co. Dazu veröffentlichte das Online-Portal des [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,7489659,00.html]ZDF[/URL] folgende Stellungnahme:

Zitat

Stellungnahme in [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,7489659,00.html]ZDF.de[/URL] Frontal21

[SIZE=3]Stellungnahme zum Bericht "Skandal bei Frontal"[/SIZE]

Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 10.12.2008


Die Süddeutsche Zeitung (SZ) wirft Frontal21 vor, das ZDF-Magazin "inszeniere" Aufregung um ein ADS-Medikament. Grundlage des Vorwurfs sind die von der SZ aber nicht überprüften Aussagen von Ulrich Hagemann, dem Leiter der Abteilung für Arzneimittelsicherheit beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Im Zusammenhang mit Verdachtsfällen von tödlichen Nebenwirkungen bei Strattera, einem Medikament, das bei Kindern und Jugendlichen mit dem sogenannten Zappelphillipp-Syndrom verschrieben wird, spricht Hagemann in der SZ von "zwei tödlichen Verläufen in Deutschland", von denen "schließlich ein Fall eines 16-Jährigen übrig blieb, der sich umgebracht hat." Die TV-Redaktion wisse das, so Hagemann weiter. Warum trotzdem von vier Todesfällen die Rede ist, sei unklar. Frontal21 ist hingegen schleierhaft, warum die SZ diese Aussagen ungeprüft übernimmt, warum eine Nachfrage beim ZDF unterblieb.

Frontal21 bleibt bei seiner Darstellung und bezieht sich dabei auf eine entsprechende Liste, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dem Magazin nach mehrmaligen Nachfragen selbst überlassen hat. Nach dieser internen Liste der Behörde wurden bislang vier Verdachtsfälle von tödlichen Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Strattera gemeldet. Die Verdachtsfälle aus der BfArM-Datenbank des Instituts im Einzelnen: Am 14. Dezember 2005 der Suizid eines 16-Jährigen. Am 26. Juni 2006 der Gehirnschlag eines zwölfjähriger Jungen. Am 11.7. 2006 der Tod ein dreijährigen Kindes und am 27. Juli 2007 der Herzinfarkt eines fünfjährigen Jungen. Die Verdachtsfälle wurden vom Bundesinstitut selbst mit folgenden Fallnummern versehen: DE-BFARM-05018404, DE-BFARM-06036075, DE-BFARM-06045681, DE-BFARM-07061104.

ZDF bleibt bei Darstellung

Weiter bleibt das ZDF bei der Darstellung, dass es 234 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Strattera seit der Einführung im Jahr 2005 gegeben hat. Darunter Herzschwächen, Hörstürze und Suizidgedanken - bei Kindern und Jugendlichen. Das Bundesinstitut hat die Zahl der Verdachtsfälle mittlerweile auf 237 angehoben.

Im Bericht der Süddeutschen Zeitung heißt es weiter, Frontal21 habe über "neue Nebenwirkungen" von Strattera berichtet. Richtig ist: Frontal21 hat zu keiner Zeit von "neuen" Nebenwirkungen gesprochen, wie dem Manuskript der Sendung auch eindeutig zu entnehmen ist. Es ging in der Dokumentation "Das Pharmakartell" vielmehr darum, wie die Pharmaindustrie Ärzte, Selbsthilfegruppen und Medien manipuliert und instrumentalisiert, um ihre Produkte an den Patienten zu bringen.

Quelle: [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,7489659,00.html]ZDF.de[/URL] Frontal21


Der Pharma-Riese Lilly reagiert gereizt auf die Frontal21-Sendung im ZDF, in der die Machenschaften der Pharma-Industrie und speziell Medekamente der Firma Lilly und Pfizer unter Beschuss genommen wurden, so z.B. das so genannte ADHS-Medikament "Strattera" oder zwei Medikamente aus der Gruppe der "SSRI-Antidepressiva". Natürlich sind die Recherchen des Senders mangelhaft, alles ist aus der Luft gegriffen oder dem Zusammenhang gerissen und beim Kartell der pharmazeutischen Hersteller muss es sich um eine ehrenwerte Gesellschaft handeln, die unberechtigterweise in Verruf gekommen ist. Da müssen sich die "grauen Herren" (frei nach "Momo") aber schon sehr wundern, nicht war, was hier der frechen Journalismus-Canaille erlaubt ist!

Wie wir der Frontal-Sendung entnehmen konnten aber auch schon vorher wussten, sponsern pharmazeutische Betriebe den Werbe- und Pressemarkt mit gewaltigen Werbekampagnen, die ich schlicht für Verdummungsaktionen halte, denn warum um Gottes Willen sollte man mit Medikamenten werben, wenn sie Heilmittel sind? Sind sie rezeptpflichtige Heilmittel, steht vor ihrer Verwendung eine sorgfältige ärztliche Untersuchung mit Diagnose- und Indikationsstellung sowie ärztlicher Rezeptierung. Weder sollte sich der vermeintliche Patient das Krankheitsbild aus dem Internet oder der Werbung selbstständig aussuchen, noch das Medikament. So die Theorie, auf die auch die Pharmaindustrie hinweist. Auch Pfizer mit seinem "Zoloft" bekam sein fett weg: ein Wittwer klagte an, dass seine Frau, die nach offenbar unvollständiger Diagnostik wegen angeblicher Depressionen das SSRI-Antidepressivum "Zoloft" erhalten danach einen gewaltsamen Suizid beging. Für den Witwer ist klar: es handele sich um eine gefährliche Nebenwirkung des Medikamentes, dass die Persönlichkeit seiner Frau verändert und die Suizidalität provoziert habe

Die moderne Realität auf dem Gesundheitsmarkt und dem heiß umkämpften Arzneimittelmarkt ist eine ganz andere und zwar eine durch und durch perverse: zukünftige Patienten werden mit angeblichen wissenschaftlichen Informationen umworben, sich mit unspezifischen und vielfach auftretenden Befindlichkeitsstörungen und Verhaltensvarianten eine Modekrankheit auszusuchen oder das unbeliebte Verhalten ihrer oder anderer Leute Kinder zu pathologisieren und zu psychiatrisieren. Und weil nach biologisch engstirniger Meinung jeder Verhaltens- oder Befindlichkeitsabweichung von einer beliebig definierbaren Norm eine biologisch oder biochemisch fassbare körperliche Gesundheitsstörung zugrunde liegen muss, kann da am besten eine chemisch definierte Arznei helfen.

Und diese angeblich so heilsamen Arzneien werden eben auch marktschreierisch angeboten und zwar millionenfach in den Medien und mit Postwurfsendungen an jeden bekannten Arzt, den die Adressenhändler und Pharmareferenten vor Ort an die Werbeabteilung der Konzerne weiter melden, sodass sich jede Menge unerwünschter Werbebroschüren von Arzneimittelherstellern in den Postfächern der Ärzte stapeln. Drei Tage nach der Frontal21-Sendung, die Lilly nervös gemacht hat, hatten fast alle Ärzte, jedenfalls ich selbst und mehrere mir bekannte KollegInnen, die "Sachliche Richtigstellung zur Pressemitteilung von ZDF Frontal21" der Firma Lilly in der Post, zusammen mit Patienteninformation und Produktbeschreibung zu Strattera. Dieser gigantische und teure Aufwand belegt die Behauptung der Sendung, dass pharmazeutische Unternehmen erheblich mehr Gelds ausgeben, ihre Produkte zu bewerben, als sie zu erforschen, zu erfinden und sicher zu machen.

Die „Richtigstellung“, die inzwischen auch in Medien, z.B. im Internet verbreitet wird, ohne als Werbeaktion der Firma Lilly erkennbar zu sein, hat im „na-presseportal“ von „news aktuell“ folgenden Wortlaut:

Zitat

Aus dem na-presseportal vom 09.12.2008 | 14:04 Uhr

[SIZE=3]Sachliche Richtigstellung zur Pressemitteilung von ZDF Frontal21: ADHS-Arznei unter Verdacht[/SIZE]

Bad Homburg (ots) - Im Zusammenhang mit der von der Redaktion der Sendung "Frontal21" (ZDF) am 8. Dezember 2008 verbreiteten Pressemitteilung stellt Lilly folgendes richtig:

Bereits die Überschrift ist grob irreführend. Unter Berufung auf eine angebliche Liste der deutschen Zulassungsbehörde wird behauptet, dass vier Kinder starben. Richtig ist, dass kein Todesfall eines Kindes in Deutschland bekannt ist, der in ursächlichem Zusammenhang mit Strattera steht.

Die Aussage des Patientenbeauftragten im Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, dass Strattera ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis habe, ist falsch. Es ist grob unwissenschaftlich und zudem unverantwortlich, eine Nutzen-Risiko-Bewertung ohne Kenntnis von Einzelfällen lediglich anhand von Falllisten vornehmen zu wollen.

Falsch ist außerdem, dass Strattera "im Prinzip bei gesunden Kindern" eingesetzt wird. Die Diagnose ADHS muss von einem Arzt mit entsprechendem Fachwissen nach international anerkannten Kriterien und die Behandlung als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms erfolgen. Strattera ist als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern ab 6 Jahren und bei Jugendlichen zugelassen. Ein solches Programm schließt typischerweise psychologische, pädagogische und soziale Maßnahmen ein.

Ein Zitat von Professor Peter Schönhöfer legt die pharmakologische Gleichsetzung von Strattera mit Amphetaminen und "Speed" nahe. Diese Aussage ist falsch. Strattera gehört nicht zu den Psychostimulanzien und besitzt kein Abhängigkeitspotenzial.

Die Nutzen-Risiko-Bewertung von Strattera bleibt unverändert positiv. Diese Einschätzung teilen die Zulassungsbehörden in weltweit 83 Ländern, einschließlich USA.

Pressekontakt:

Sachorientierte Fragen beantwortet gerne unsere Presseabteilung
(06172-2732738, Email an "Pressekontakt" unter
http://www.lilly-pharma.de/presse.html ) bzw. die Medizinische
Information (06172-273 2222, Email an med_info@lilly.com).

Quelle “news aktuell”, na-presseportal


Man kann sich fragen, wie Lilly den obenstehenden Text ohne journalistischen Kommentar in das Internetmedium lancieren konnte, oder auch im “medienhandbuch.de“. Aber ich schätze, wie es Frontal 21 ja darlegt: Der Markt ist alles. Die Kunden, Patienten, Ärzte und Presse, wollen umworben sein. Die Welt will betrogen sein, 'drum sei sie betrogen. Doch die Betrüger sitzen nicht in der Konzernspitze oder in den Vorstandsetagen, nicht in den Chefredaktionen und nicht in der höchsten Politik. Nein, wenn etwas Unrechtes passiert, wissen die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen nie etwas oder immer zu spät von etwas und stellen das in ihrem Bereich dann "sofort" ab. Schuld sind dann einzelne kriminelle Elemente, aber genau feststellen lässt sich das im Einzelnen nicht. Daher gibt es auch keinen gewerbsmäßigen Betrug, keine Drohungen und Einschüchterungen und keine Bestechungskampagnen. Ein Schuft, der das denkt! Und für schwarze Schafe in den eigenen Reihen können weder Wissenschaftler noch Parlamente noch Behörden noch Pharmariesen etwas, oder? Und so legt Lilly selber auch gleich nach, denn da kann man nichts auf sich sitzen lassen und wiederholt dabei den Brandbrief an die Ärzte:

Zitat

Aus dem lilly-pharma.de vom 14.12.2008

Aktualisierte Stellungnahme von Lilly Deutschland zur Sendung "Das Pharmakartell" von „Frontal21“ (9. Dezember)

Bad Homburg, 14. Dezember 2008 -

Zu den von Frontal21 im Internet veröffentlichten Reaktionen auf die Richtigstellung von Lilly Deutschland nimmt das Unternehmen wie folgt Stellung:

• Die in der Richtigstellung vom 10. Dezember 2008 von Lilly Deutschland genannte Fallzahlangabe ist korrekt und stimmt mit der des BfArM überein. Offenbar arbeitet Frontal21 hinsichtlich in Deutschland gemeldeter Todesfälle mit fehlerhaftem oder veraltetem Material.

• Prof. Schönhöfer missbraucht den ATC-Code der WHO (http://www.whocc.no/atcddd/), der der statistischen Erfassung des Arzneimittelverbrauchs dient und nicht der pharmakologischen Einordnung von Arzneimitteln. Seine Fehleinschätzung wird unter anderem dadurch dokumentiert, dass Atomoxetin (Handelsname Strattera) im Gegensatz zu den Stimulanzien nicht Bestandteil der offiziellen Dopingliste der Weltantidopingagentur WADA ist.

• Lilly hält seine bisherige Stellungnahme unverändert aufrecht.

Richtigstellung von Lilly Deutschland zur Pressemitteilung und Sendung "Das Pharmakartell" von „Frontal21“ (8. bzw. 9. Dezember)

Bad Homburg, 10. Dezember 2008 - Die Kernaussagen der Pressemitteilung und des Fernsehbeitrags von „Frontal21“ sind grob irreführend. Unter Berufung auf eine angebliche Liste der deutschen Zulassungsbehörde wird der unzutreffende Eindruck erweckt, dass in Deutschland vier Kinder infolge der Behandlung mit Strattera starben. Richtig ist, dass kein einziger Todesfall eines Kindes in Deutschland bekannt ist, der in ursächlichem Zusammenhang mit Strattera steht. Diesbezüglich verweisen wir auch auf die unabhängige Stellungnahme des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): http://www.bfarm.de

Lilly hat bereits im Rote-Hand-Brief zu Strattera aus dem Jahre 2005 auf das Thema Suizidalität hingewiesen und einen entsprechenden Warnhinweis in die Fach- und die Gebrauchsinformation aufgenommen. Entsprechende Fallberichte aus der weltweiten Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen sind bekannt, dokumentiert und liegen den jeweiligen Zulassungsbehörden vor. Es handelt sich hierbei um Verdachtsfälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen; ein Kausalzusammenhang im Einzelfall ist nicht belegt. Auf der Grundlage von Spontanberichten lassen sich keine Aussagen darüber machen, wie häufig eine bestimmte unerwünschte Wirkung unter der Anwendung eines Arzneimittels vorkommt, da ein Bezug auf die Anzahl der behandelten Patienten nicht vorliegt.

Die Nutzen-Risiko-Bewertung von Strattera bleibt unverändert positiv. Diese Einschätzung teilen die Zulassungsbehörden in weltweit 83 Ländern, einschließlich USA. Die Aussage des Patientenbeauftragten im Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, dass Strattera ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis habe, ist demnach falsch. Es ist grob unwissenschaftlich und zudem unverantwortlich, eine Nutzen-Risiko-Bewertung ohne Kenntnis von Einzelfällen lediglich anhand von Falllisten vornehmen zu wollen.

Falsch ist außerdem, dass Strattera "im Prinzip bei gesunden Kindern" eingesetzt wird. Tatsächlich setzt die Behandlung mit Strattera die Diagnose ADHS voraus. Diese muss von einem Arzt mit entsprechendem Fachwissen nach international anerkannten Kriterien vorgenommen werden und die Behandlung muss als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms erfolgen. Strattera ist als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms zur Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern ab 6 Jahren und bei Jugendlichen zugelassen. Ein solches Programm schließt typischerweise psychologische, pädagogische und soziale Maßnahmen ein.

Ein Zitat von Professor Peter Schönhöfer in der Pressemitteilung des ZDF legt die pharmakologische Gleichsetzung von Strattera mit Amphetaminen und "Speed" nahe. Diese Aussage muss aus dem Zusammenhang gerissen sein und sich tatsächlich auf andere Medikamente bezogen haben. Denn Strattera gehört nicht zu den Psychostimulanzien und besitzt kein Abhängigkeitspotenzial.

Weitere sachorientierte Fragen beantwortet gerne unsere Presseabteilung (06172-2732738, Email an "Pressekontakt" unter www.lilly-pharma.de/presse.html) bzw. die Medizinische Information (06172-273 2222, Email).

Wir weisen ausdrücklich Pauschalvorwürfe zu kriminellen Handlungsweisen wie Spionage, Bedrohung, Bestechung oder Vertuschung zurück. Lilly war 2004 eines der ersten Unternehmen, das die Ergebnisse seiner in Prüfungsverfahren begutachteten klinischen Studien öffentlich zugänglich machte. Die Studiendaten sind im Internet auf www.lillytrials.com einsehbar; sie umfassen mittlerweile die Ergebnisse aus mehr als 10 Jahren Forschungsarbeit.

Quelle lilly-pharma.de


Der von Lilly in ihrer "Richtigstellung" geschmähte Pharmakologe und Arzt Professor Dr. Peter S. Schönhöfer antwortete bereits am 11.12.2008 auf den Lilly-Vorwurf:

Zitat

Stellungnahme von Prof. Dr.Schönhöfer [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,7489654,00.html]ZDF.de[/URL] Frontal21 am 11.12.2008

[SIZE=3]"Richtigstellung" der Lilly Deutschland GmbH[/SIZE]

Stellungnahme von Prof. Peter Schönhöfer


Die Lilly Deutschland GmbH hat eine "Richtigstellung" zu einer Aussage von Professor Peter Schönhöfer in der Frontal21-Dokumentation "Das Pharma-Kartell" veröffentlicht. Darin heißt es:

"Ein Zitat von Professor Peter Schönhöfer legt die pharmakologische Gleichsetzung von Strattera mit Amphetaminen und "Speed" nahe. Diese Aussage ist falsch. Strattera gehört nicht zu den Psychostimulanzien und besitzt kein Abhängigkeitspotenzial."

In einer Stellungnahme stellt der Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer vom arznei-telegramm dazu fest:

1. Es trifft zu, dass Atomoxetin (Strattera) in seiner Wirkung den Psychostimulantien vom Typ der Amphetamine zuzuordnen ist. Das belegt auch die Einordnung in die Klassen des offiziellen, international gültigen ATC-Code 2008 (Seite 148):

Atomoxetin ist im ATC-Code wie folgt eingeordnet:

Hauptgruppe N06B: PSYCHOSTIMULANTIEN, ADHS-MITTEL, NOOTROPIKA
Untergruppe N06BA: SYMPATHOMIMETIKA, ZENTRAL WIRKSAM

Substanzen N06BA 01: Amphetamin

Substanzen N06BA 04: Methylphenidat

Substanzen N06BA 09: Atomoxetin

2. Atomoxetin gehört also nach der international gültigen ATC-Klassifikation zweifelsfrei zu der Gruppe der Psychostimulantien, und zwar zur Untergruppe zentral wirksame Sympathomimetika, deren Leitsubstanz Amphetamin ist, das seit den 1960er Jahren in der Drogenszene auch als "Speed" bezeichnet wird.

3. Eine Aussage zum "Abhängigkeitspotential" wurde von mir nicht getätigt.


Prof. Dr. med. Peter S. Schönhöfer

Quelle: [URL=http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,7489654,00.html]ZDF.de[/URL] Frontal21


Wo viel Gutes getan wird, geschieht manchmal eben auch etwas Schlechtes, aber es war wenigstens gut gemeint. Und Werbung für Krankheiten und Medikamente? Ja ist es etwa eine Sünde, Bürger über ihre Erkrankungsrisiken und die täglich lauernden Gefahren aufmerksam zu machen, sie vor der Volksseuche Depression und ADHS zu warnen und rechtzeitig und besser sogar prophylaktisch Heilmittel anzupreisen, damit es nicht so schlimm wird? Und die Gesundheits-Wirtschaft kommt mit dem Geschäft mit der Gesundheit oder Krankheit, je nach dem, was gerade überwiegt, allemal aus der Depression. Der Manager kommt aus der Depression wegen Heuschreckenkapitalistenschelte, der Politiker wegen Politikverdrossenheit und der Bürger wegen sinkendem Realeinkommen. Er kann sich gegen seine Wahrnehmungsverzerrung ja ein paar garantiert nebenwirkungsgecheckte legale Glückspillen verschreiben lassen, bevor er den teuren Alkohol kauft, der auch dumm machen kann oder das illegale Rauchkraut, das viel zu gelassen machen würde...

Die Welt will betrogen sein: Hast Du was, nimmst Du was! Is was? Das soll nicht gut sein? Warum denn das nicht? Alle nehmen doch was! Millionen Verordnungen Strattera, wirbt Lilly-Pharma! Damit kommt Lilly zwar an den Tante-Rita-Markt (Methyphenidat in Ritalin, Equasym, Medikinet, Concerta) noch nicht ran, aber sie strengen sich tüchtig an mit ihrer Bemerkung, dass ihr Mittel noch nicht auf der Doping-Liste steht. Wenn dieser Beliebtheitsbeweis der Millionenverkäufe kein Wirksamkeitsbeweis ist, den auch der letzte evidenzbasiert denkende Arzt-Futzi kapieren müsste, dann weiß ich nicht, welche Geschütze die Werbebranche noch gegen Ärzte und Patienten auffahren soll! Kommt raus aus Eurer Homöopathie-Müsli-Ecke und schließt Euch dem Strom neuer pharmakologisch optimierter Freizeit genießender Minijobber und Arbeitsloser und ihrer chancenlosen Nachkommenschaft im Ritalinrausch an! Steigt um auf Strattera! Werdet ein Volk von glücklichen Konsumenten und bringt unsere Wirtschaft nach vorn: Produktion und Verbrauch und von beidem immer mehr: Dann werden wir hier glücklich. Die das Spiel schon nicht mehr mitmachen können, die keine Rohstoffe und keine funktionierende Landwirtschaft haben, Hunger und Dürre, denen kann man gnädig mit einigen Restarzneimitteln als Entwicklungshilfe vielleicht den Schmerz darüber wegnehmen, dass sie allein, verraten, verkauft und bald verreckt sind: brave new world, brave new economy.

Leider bleibt der geneigten Öffentlichkeit, die sich um Wahrheit streitet, um Ehre, um Glaubwürdigkeit, oft nur der Sarkasmus oder die bittere Ironie, denn auch die Zeugen der Journalisten und die Journalisten selbst agieren mittlerweile in einer undurchsichtigen Grauzone und treten nicht mehr klar für irgendetwas ein. Können sie auch nicht, denken sie, denn überall grassiert die nackte Angst: Arzneimittelverweigerer, Ideologieabtrünnige, Querdenker, all diese Nestbeschmutzer haben etwas zu befürchten. Es genügt inzwischen, die Angst zu schüren. Man muss nicht gleich unliebsame Journalisten ermorden, wie z.B. in Russland, dem Land des "lupenreinen Demokraten" Putin, oder Tierärzte ermorden lassen, wie durch Belgiens Pharmamafia. Drohungen durch Einzelne gegen Einzelne, vor der Fernsehkamera mit Schattengesichtern und verstellten Stimmen nachgesprochen und von der beschuldigten Pharmafirma prompt dementiert, reichen aus, die Angst zu schüren.

Oder man bietet erst Vorteile an und droht später mit Veröffentlichung. Damit die Presse und die Ärzte noch tiefer in die Angst und die Willfährigkeit getrieben werden, haben sich die Koalitionspolitiker auf ein neues "BKA-Gesetz" zur Aushöhlung des Vertrauensschutz für Ärzte, Psychotherapeuten und die Medien geeinigt. Es muss nur das Zauberwort "Terrorismusverdacht" fallen. Und das ist ja wohl klar: Wer die pharmazeutische Glückspillenindustrie angreift, greift die Volksgesundheit an, die Volkswirtschaft und die Autorität des Staates und seiner Behörden, die alles sorgfältig prüfen und absegnen. Und wer das tut, ist ein Volksfeind, ist ein Extremist, ist ein Sympathisant oder gar Terrorist, ist mindestens verdächtig und muss durchsucht, überwacht, vermahnt werden, damit er gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt. Vorbeugen ist doch besser, als nachher Schaden an der Gesellschaft feststellen und strafen zu müssen.

War es nicht ein Fehler, die Inquisition ganz abzuschaffen? Das glauben viele Politiker inzwischen auch und denken über eine zeitgemäße, rationale, wissenschaftliche Form der Inquisition mit besseren polizeilichen Mitteln nach. Folter ist am wirksamsten im psychischen Bereich und sie lässt sich nicht nachweisen, oder würde außer einem selbst meschuggen Irrenarzt irgendjemand einem psychisch Angeknacksten glauben? Im Zweifelsfall sind das doch alles Spinner, die noch nicht die richtige Medikamentenkombination erhalten haben. Nur wenn sie "Krankheitseinsicht" zeigen und brav ihre verordneten Pillen schlucken, also auch noch "Compliance" zeigen, kann man sie wieder in die Gesellschaft und an die Arbeit lassen, wenn sie noch welche haben. Kann man den ewig Unzufriedenen nach Fernsehen, Vögeln und Internet nicht was Wirksameres geben? Natürlich: Chemotherapie des Gehirns für bessere Transmission nach dem Willen der Bosse. Früher war das Gott bzw. sein Stellvertreter. Heute kennt man die Kerls gar nicht: Alles sind Nummern, Zahlen an der Börse, in den Bilanzen, Aktienkurse der börsennotierten Unternehmen. Gerade jetzt in der Krise benötigen die unsere Unterstützung. Manager müssen schon ihre Pillen nehmen, so traurig geht’s an der Börse zu. Aber das hilft Big Pharma. In diesen Markt muss man investieren: Umsteigen, Leute, umsteigen!

Also, wie gesagt, bevor hier noch alle durchknallen und wir wirklich die böse alte Inquisition rufen müssen: Gebt den Unzufriedenen Medikamente, gebt den Wahrnehmungsgestörten Pillen und Umerziehung, gebt den Arbeitslosen Konsumgutscheine, gebt den Kindern Pisa und Milchschnitte zur Schulspeisung, gebt zur Weihnachtsfeier als gute Chefs eine Flasche Weinpansche aus und versprecht den Konsumis, die Benzin wieder bezahlen können, das saubere Auto mit jeder Menge Spaß auf der Autobahn oder ein Formel-1-Spiel für die Konsole. Gebt den Alten in ihren Heimen zu Sylvester eine Extraportion Valium, damit sie bei der Knallerei nicht glauben, sie müssten als letztes Aufgebot gegen die "rentenklauenden Kanaken" und das "internationale Prekariat" in den letzten Krieg ziehen. Seit Hitler glauben da ja offenbar nicht Wenige, geschürt von unseren Politikern, die den rechten Rand munter mit ihren Parolen agieren lassen und geschickt die Globalisierung nutzen, um alle Schuld von sich auf das böse, aber anonyme Ausland zu schieben, das alles Böse aus der Fremde kommt:

Ja und das sind dann eine Milliarde Chinesen, die giftiges Spielzeug bauen und unser Öl verbrauchen, fast ebenso viele Inder, die massenhaft in die IT-Branche einsteigen und sich daraus ein Recht ableiten, so üppig zu leben wie die Amis, was das Klima bedrohen könnte, ungezählte Muselmanen, die Bomben schmeißen und schöne Frauen verschleiern wollen usw. Und vor diesen Terroristen müssen wir uns schützen und unsere Nerven müssen wir auch schützen. Wie wir das machen? Konsole an, 3D-Computerbrille auf, vom Arzt verordnete Pille einwerfen, Industrienahrung und ein Alkopop auf den PC-Tisch und los geht die Reise Tag und Nacht. Und wenn ich dann Amok laufe? Nicht die Pille ist Schuld, nicht das PC-Spiel, nicht der fette Allergiefraß, das Glutamat , der Elektrosmog, nein, es war menschliches Versagen!

Dazu ein kleines Zukunfts-Szenarium aus meiner allgemeinärztlichen Substitutions- und Verordnungspraxis in Hinterfeenhusen. Ich könnte da mal ein Problem bekommen und das würde hinterher dann so erzählt:

Bedauerlicherweise gehöre ich noch einer aussterbenden ungeklonten Naturspezies ohne Kontrollchip und habe leider einen syrischstämmigen Pharmavertreter in meiner Praxis mit einer Spritze erstochen, weil ich glaubte, dass dieser islamistische Schläfer meine Patienten perfide vergiften wollte. Vielleicht war er auch Saudi oder so – ich kann kein Arabisch. Aber verdächtig benommen hat er sich auf jeden Fall, das schwöre ich! Naja, nobody is perfect, aber das wird sich ja bald ändern. Da meine Praxis schon seit Monaten vom BKA kontrolliert wird, weil ich die vorgeschriebene Verordnungsgrenze trotz mehrfacher Mahnung im letzten Quartal erneut unterschritten hatte, war der Fall schnell aufgeklärt. Der angebliche Syrer Al Haddy war in Wirklichkeit ein BKA-Agent der im Auftrag der Staatsanwaltschaft dem Richter Beweise für meine terroristischen Aktivitäten liefern sollte. Es war einer der recycelten Agenten, die im Kosovo wegen der Verwendung arabischer Decknamen aufgeflogen waren. Die dachten doch glatt, Muslime klingen alle so ähnlich mit el und al und kaida und der nannte sich da Al Kady.

Na ja, auf jeden Fall kann ich zu meiner Entlastung anführen: Ich konnte ja nicht wissen, als ich dem angeblichen Vertreter meine Musterspritze eines neu zugelassenen Medikamentes der Firma Killy in den Oberschenkel rammte und abspritzte, dass dieses beruhigende und antipsychotische Medikament bei Herzlosigkeit oder so ähnlich tödliche Herzrhythmusstörungen auslösen kann… Außerdem könnte ich zu meiner Entschuldigung anfügen, dass ich in meiner Urteilskraft und damit in meiner Schuldfähigkeit eingeschränkt war. Auf Anraten eines Kollegen und eines Patienten nehme ich nämlich zur Leistungssteigerung seit Monaten Methylphenidat. Ich war zwar etwas kribbelig, aber habe ziemlich abgenommen. Nur am Abend bekam ich Heißhunger und wollte nicht schlafen gehen, bevor ich nicht noch mindestens mit einer Sprechstundenhilfe… Nun ja, ich habe inzwischen zwei verloren. Nicht weil denen die neuen Sexallüren ihres Chefs keinen Spass gemacht haben, nein, es war, weil ich danach immer total agro drauf war, wenn man mir nicht einen Riesen-Burger-Danach servierte. Die Zigarette danach habe ich nämlich nicht mehr vertragen. Ich bekam immer Magenschmerzen davon, seitdem ich von Morphin und Koks auf die legale Tante Rita gekommen bin und die mit einem SSRI-Antidepressivum kombiniert habe. Ich habe ja vorher nie geglaubt, dass man darunter dermaßen agro wird und Amok läuft, nie! Jetzt glaube ich es fast auch. Aber für mildernde Umstände würde ich schweigen, wie ein Grab, ehrlich.

Unglücklicherweise kam dieser Al Haddy für seine Recherchen zu einem angeblichen Pharmavorstellungstermin mitten in die pikante Mitarbeiterinnenbesprechung, als ich im Amphetaminvollrausch und mit Pfizers gutem Viagra zum Finish mit drei Gespielinnen ansetzen wollte. Da soll einer sagen, Psychopharmaka bringen nicht! Geil was? Gut, ich hatte auch schon Aussetzer, der der letzte kam leider jetzt: Al Haddy hatte sich wohl im Termin geirrt. Da bin ich dann wohl durchgedreht und habe Al Haddys Oberschenkel mit der Spritze akupunktiert und leider ein paar Milliliter der neuen Substanz injiziert. Als der so blöde lächelte, dachte ich noch, dem geht’s jetzt aber gut und das wirkt wirklich affenartig schnell. Dann hat er gezuckt, geschnappt und dann hat er nichts mehr gemacht. Wahrscheinlich war das jetzt meine letzte Mitarbeiterinnenbesprechung für die nächsten 15 Jahre und die hat mir der Al Haddy echt versaut. Das hat er nun von diesem BKA-Geschnüffel. Wäre er doch nur ein sauberer Pharmaagent oder ein 007 mit der Lizenz zum Töten geblieben, dann würde er vielleicht noch leben! Ich tröste mich ein wenig, dass es im Knast jede Menge Drogen gibt und für einen Doc mit Erfahrung bestimmt eine nützliche Rolle. Leider müsste ich schwul werden. Aber vielleicht gibt es ein Umstimmungsmedikament. Ich werde mich als reuigen Sünder bekennen und um eine Kronzeugenregelung bitten. Ich bräuchte nur noch einen, den ich verpfeifen könnte, was schwer ist, denn das BKA weiß vermutlich schon alles über meine Patienten. Vielleicht nimmt ja ein echter Pharmavertreter mit mir Kontakt auf. Ich könnte sein Zeug im Knast verticken, gegen Provision versteht sich. Da hätte dann jeder was davon.


Tja, wer weiß, eines Tages ist diese Satire vielleicht eine ganz normale Geschichte, die man sich in Ärztekreisen erzählen könnte, wenn man dann noch reden darf.

Michael
Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr findet mich dort. (apokryph. Evangelium nach Thomas)